Großer Prolog

Textdaten
<<< >>>
Autor: Otto Ernst
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Großer Prolog
Untertitel:
aus: Siebzig Gedichte
S. 109–115
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1907
Verlag: L. Staackmann
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[109]
Großer Prolog

zum Stiftungsfest der ehrenwerten Gastwirte
von Hümpeldorf*).

Nacht war’s, und in meines Weibchens Kammer
Schlich ich mich auf ungewissen Schuh’n.

5
Alsobald erschloß sich auch ihr Mündchen:

„Ach, du brauchst so leise nicht zu tun.
Stund’ um Stunde lieg’ ich bangend wach,
Träume mir Gefahr und Ungemach,
Träume Mord und Tod und kann nicht ruhn.“

10
Aber weiter ließ ich sie nicht kommen;

Denn schon hielt ich schmeichelnd ihre Hand;
Auf die Fensterschwelle nah dem Bettchen
Schwang ich mich so mutig wie gewandt.
Breit durchs Fenster lächelte der Mond,

15
Der, so frommer Klarheit ungewohnt,

Staunend still in ihrem Auge stand.

„Aber rätst du denn, wen ich getroffen?“
Rief ich sicheren Triumphes voll.
„Ahnst du wohl, mit wem ich mich – berauschte

20
Unaussprechlich süß und wirbeltoll?

Du – denselben, der uns einst vereint,
Als du laut gelacht und still geweint
Unterm Flieder, der von Trauben schwoll.

[110]
Ja, den Frühling! Denk’ dir, dieser Bengel!
25
Komm’ ich da bei Bock & Schlump hinein,

Sitzt der Strolch mit hocherhob’nem Glase,
Schielt mich an durch einen blanken Wein.
In der Ecke, weißt du, saß der Freund,
Wo das Steinöl Wand und Decke bräunt

30
Und beglüht mit bilderreichem Schein.“


     „Hahahaaa!“

„Halt – dieses Lachen küss’ ich!“
„Also im verqualmten Winkel find’t
Mein Gemahl den Frühling! Ach wie niedlich!

35
Suchst du ihn nicht auch im Kleiderspind?“

„O gewiß, in Schachteln auch und Truh’n
Und in Heringstonnen. Siehst du, nun
Sprichst du, was du verstehst, mein Kind.

Sieh, mein Lieb: Entweder ist es Frühling

40
Oder nicht! – Erscheint dir klar der Fall?

Gut denn. Ist es aber einmal Frühling,
Nun, so ist er wahrlich überall!
In der Rose und im Rübensaft,
In den Sternen und im Stiefelschaft –

45
Wie in deines Lachens Glockenschall.


Alles drängt und zwängt er auseinander;
Alles kracht und springt von seiner Kraft;
Schlösser, Ketten, Riegel oder Bänder
Halten kein Verlangen mehr in Haft.

50
[111]
Sieh die Ampel – wie sie schwillt und blüht,

Eine Rose, sich entfaltend, glüht
In erstickter süßer Leidenschaft...!

Gut denn, ich erzähle. Ach, was ist er
Für ein lieber Schlingel immer noch!

55
Nicht im mind’sten hat er sich verändert,

Seit so lieblich uns der Flieder roch.
Auf dem Bänkchen rückt’ er gastlich zu,
Zog an seine Seite mich im Nu –
Mußt’ ich höflich mich bequemen doch.

60
Wie dir wohlbekannt, bin ich energisch;

Aber konnt’ ich anders? Rede du!
Frühling ist ja nur ein selig Müssen!
Und in solchem Falle noch dazu!
Fest umschlungen hielten wir uns bald;

65
Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald

Schritten wir fürbaß auf leichtem Schuh.

Herr mein Gott, was kann der Kerl vertragen!
Na! – ich steh’ doch auch sonst meinen Mann.
Und Geschichten weiß er vorzutragen –

70
Daß man’s gar nicht wiedergeben kann.

Und ein Lied! – Ach hör’! Das sing ich dir –
Arm in Arm am Fenster standen wir
Und zum Himmel gröhlten wir’s hinan:

„Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot,

75
Lammer-Lammerstroot,
[112]
Kann mok’n, wat hee will.

Kann mok’n, wat hee will.
Swig man jümmers jümmers still,
Swig man jümmers jümmers still,

80
Swig man jümmers – jümmers – still. –

Un doo meuk hee sick en Geigeken,
Geigeken perdootz.
„Violin, Violin“ seggt dat Geigeken,
„Violin, Violin“ seggt dat Geigeken,

85
Un „Vio Violin“, un „Vio Violin“,

Un sin Deern, de heet Katrin!
Un sin Deern, de heet Katrin,
Un sin Deern, de heet Katrin
Un sin Deern, de – heet – Ka – trin.“

90
Köstlich, was? Und also stand der Stromer,

Mit gespreizten Beinen stand er da,
Gröhlt’ mit feuchten, nektarsüßen Lippen
Himmelan die tollsten Carmina.
Himmelan, ja. Durch den Fensterraum

95
Schwankte hell ein Zweig vom Sternenbaum,

Der auf Türm’ und Dächer niedersah.

Nur ein Stück erblickten wir: Vom Drachen –
Unterm Drachen ward mir’s heimisch ganz –
Bis zum gold’nen Haar der Berenike –

100
Aber deines ist von höh’rem Glanz.

Einsam schritt ich an der Himmelsflut,
Suchte mir der reinsten Sterne Glut
Und umflocht sie meiner Stirn als Kranz.

[113]
Ach, gesellt den sehnsuchtweiten Sternen,
105
Trieb mich’s lang’ dahin mit stiller Macht.

Ja, zur Fahrt in unerschloss’ne Hellen
Heb’ ich mich noch einst aus dieser Nacht.
Hör’ ich nicht, wie Sporn und Flügel klirrt?
Lieg’ ich tief im Schoß der Erde, wird

110
In den Sternen stehn, was ich vollbracht –


„Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot...“

Zweite Stimme sang ich, mußt du wissen;
Mich ergiff der Zauber meines Sangs.
Bei der „Violine“ immer wieder

115
Dacht’ ich deiner schwermutvollen Drangs.

Im Gelärm des Lebens bist du mein,
Du auch bist ein zartes Geigelein,
Unerschöpflich reichen, weichen Klangs –

„Violin, Violin“, seggt dat Geigeken...“

120
Ja, ich fahre fort. Nach sieben Flaschen

Tranken wir – ich glaub’: zum drittenmal –
Während Frühling wie ein Schweinchen rülpste,
„Du und du“ mit läutendem Pokal.
Einmal, ach, entfiel mir aller Mut –

125
Aber darnach ward mir wieder gut;

Wieder sprang mir auf der Sternensaal.

„Un dorbi wohnt hee noch jümmers...“

[114]
Aber stehn in duft’ger Flut der Stunden

Blieb im Ohre mir ein Donnerwort,

130
Das aus klarster Höhe hergeklungen:

Aus der Lämmerstraße zieh’ ich fort!
Mit der Faust zerschmissen und zerkracht
Hab’ ich heut, was mich zum Knecht gemacht.
Noch ist keine Sehne mir verdorrt.

135
Allzuvielen frechen Staatsphilistern

Unterwarf ich mich in halbem Scherz;
Manchem Pinsel trug ich fromm die Schleppe;
Denn mir ward ein täppisch-dummes Herz.
Auch das Nörglerpack, perfid und faul,

140
Schlag’ ich nächstens unversehns aufs Maul

Schlank und gut mit einem Werk von Erz.

„Kann mokn, wat ick will.“

Auf dem Heimweg durch das Dunkel, Liebchen,
Eine Garbe gold’nen Feuers stieg

145
Wirbelsausend mir empor im Kopfe,

Und das Klopfen meines Herzens schwieg.
Weit aus Fernen her die Stimme flog,
Jene Stimme, die mich nie betrog:
Kampf und wildes Leid – und Sieg und Sieg!

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

150
[115]
Holde, warme Regenflut von Küssen...

„Liebchen, brach der Sommer schon herein?
Solch ein Opfer innersten Entflammens,
Göttern kann es nicht bereitet sein.“ –
Als im Osten gelb der Morgen stand,

155
Riß ans Herz sie betend meine Hand,

Und versöhnt mit Bacchos schlief sie ein. –


*) Aus der Humoreske „Die Kunstreise nach Hümpeldorf“ („Kartäusergeschichten“).