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Titel: Geschwänzte Menschen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 691,692
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[691] Geschwänzte Menschen. Bis auf unsere aufgeklärte Zeit hat sich die Fabel erhalten: daß es irgendwo in fernen Ländern Völker gebe, denen die Natur einen wirklichen Schwanz verliehen habe. Die oft behauptete Thatsache hatte für den Naturforscher sogar etwas Verlockendes; denn nach der Darwin’schen Theorie könnte man ja eine derartige geschwänzte Menschenrasse für den Vorläufer der Gattung „Mensch“ halten, für eine Uebergangsstufe zwischen dem modernen Europäer und der großen Zahl der geschwänzt einherwandernden Vierfüßler. Einst war der Glaube an die Wahrheit dieser Fabel allgemein verbreitet, und im Alterthume huldigten ihm selbst die aufgeklärtesten Geister. Gelehrte, wie Plinius und Ptolemäus, erzählten in ihren Werken, daß es im Innern Afrikas und auf Inseln, die hinter dem Ganges liegen sollten, Menschen mit Schwänzen gebe, und auch griechische Schriftsteller berichteten von derartigen Völkern, welche gewöhnlich Satyrn genannt wurden. Sie sollten bald Hunde-, bald Ziegenschwänzchen haben oder auch Schwänze viel kleiner als die der Pferde.

Die geistige Richtung des Mittelalters war am wenigsten dazu angethan, in diese phantastischen Erzählungen Licht zu bringen. Die Geister jener Zeit hielten an diesen Ueberlieferungen mit besonderer Vorliebe fest, und so trieben sich neben dem geschwänzten Teufel auch ganze geschwänzte Völker in der Phantasie unserer Vorfahren herum. Mit dem Vorrücken der Wissenschaft und der geographischen Entdeckungen wich aber auch das muthmaßliche Vaterland jener merkwürdigen Rasse in immer weitere Fernen zurück. Bald tauchten derartige menschliche Wesen in Amerika, bald in Afrika, bald in Asien auf, und schließlich wurde ihre Heimath auf den engen Bezirk des Hinterindischen Archipels reducirt, wo noch in jüngster Zeit verschiedene Reisende Menschen mit Schwänzen gesehen haben wollen.

In manchen Fällen ist der Irrthum durch genauere Nachforschung aufgeklärt worden. So deutet z. B. Schweinfurth in einfacher Weise die Entstehung der Fabel von den Schwänzen der Niam-Niam im Innern Afrikas folgendermaßen: Die Krieger jenes Stammes schmücken ihre nackten Hüften mit dem Fell der Zibethkatze oder demjenigen einen langgeschwänzten Affen und lassen nun den Schwanz dieser Thiere von hinten herabhängen. Aus der Ferne gesehen, erscheinen diese Wilden wirklich als geschwänzt – nur sind die Schwänze künstlich und nicht natürlich. Jedenfalls ein sonderbarer Modegeschmack!

Sehr heiter verlief dagegen die Expedition, welche in jüngster Zeit unser Landsmann Carl Bock[1] auf der Insel Borneo organisirte, um das Land der geschwänzten Rasse aufzusuchen. Als er das Sultanat Kutei bereiste und in die Nähe von Tangarung kam, erfuhr Carl Bock, daß er sich nur in geringer Entfernung von der Heimath diesen Volkes befände, das im Sultanat Passir und an dem Teweh-Flusse leben sollte.

Die Eingebogen waren von der Wahrheit ihrer Erzählung nicht weniger fest überzeugt, als weiland Plinius und Ptolemäus. Tjiropon, ein alter und treuer Diener den Sultans, versicherte unserm Landsmann in Gegenwart seiner Hoheit, er selbst hätte die „Orang-buntut“, das heißt das Schwanzvolk, vor einigen Jahren in Passir gesehen. Das schwanzartige Anhängsel dieser Leute sollte nach der ernsthaften Versicherung Tjiropon’s zwei bis vier Zoll lang sein, und außerdem hätten diese Menschen in ihren Häusern kleine Löcher im Fußboden, in welche sie den Schwanz hineinsteckten, um bequem sitzen zu können.

[692] Der humoristische Schluß dieser Erzählung schien dem deutschen Reisenden die Glaubwürdigkeit des Berichtes sehr in Frage zu stellen, da aber der Sultan versicherte, Tjiropon habe nie gewagt ihm in’s Gesicht zu lügen, so entschloß sich Bock, den Genannten durch große Geschenke zu einer Expedition nach Passir zu bestimmen. Tjiropon wurden außerdem fünfhundert Gulden Belohnung zugesagt, wenn er ein Paar von diesen Menschen wohlbehalten auf das holländische Gebiet bringen würde. Mit Empfehlungsschreiben des Sultans und einer Geleitschaft von fünfzehn Mann ausgerüstet, begab sich Tjiropon auf seine wichtige Mission.

Sehr niedergeschlagen kehrte der alte Diener nach langer Zeit zurück und erklärte, er hätte den Sultan von Passir gesehen und ihm auch den Brief Seiner Hoheit von Kutei zugestellt, aber kein geschwänztes Volk zu Gesicht bekommen.

Mit Hülfe des Residenten von Bandjermasin wurde jedoch eine zweite Expedition von vier Malayen nach Passir mit einem Briefe an den dortigen Sultan entsendet, in welchem derselbe gefragt wurde, ob wirklich eine Rasse geschwänzter Menschen in oder bei Passir wohne. Man bat gleichzeitig Seine Hoheit, womöglich einige dieser Menschen zu schicken. Nach fünfundzwanzig Tagen kehrte die Expedition zurück und brachte einen interessanten Aufschluß. Tjiropon hat wirklich dem Sultan von Passir den Brief übergeben, in welchem ihn der Sultan von Kutei um zwei Schwanzmenschen ersuchte. Aber über dieses Schreiben gerieth der hochmögende Herr in großen Zorn. Sein Gefolge oder seine Hofbedienten wurden nämlich sämmtlich mit dem Namen „Orang-buntut di Sultan di Passir“, das heißt „Schwanzvolk des Sultans von Passir“, bezeichnet, und Seine Hoheit hielt es für eine Beleidigung, daß sein königlicher Vetter zwei Mann seiner Leibgarde verlangte. Er befahl Tjiropon sofort abzureisen.

„Wenn der Sultan von Kutei meine Orang-buntut braucht,“ sprach er, „so soll er sie selber holen“

Inzwischen aber rüstete er zum Kriege: denn er hielt jenen Brief für eine Herausforderung. Der zweite Brief klärte jedoch den Irrthum auf, und der Sultan ließ sagen, er kenne keine anderen Orang-buntut als seine Suite, die so bezeichnet würde.

Dies war also das Resultat der neuesten Expedition nach dem Lande der Schwanzmenschen. Ist denn aber damit schon gesagt, daß alle jene Reisenden überhaupt keinen mit einem Schwanze ausgestatteten Erdensohn gesehen haben? Wir haben keinen Grund zu einer solchen Annahme; denn es giebt wohl zuweilen Menschen, die mit einem schwanzähnlichen Fortsatze zur Welt kommen, und man braucht nicht nach den malayischen Inseln zu fahren, um sie zu finden. Nur die Erzählungen von ganzen Rassen, die mit diesem Attribut der Thierwelt ausgestattet sein sollen, sind wohl in das Gebiet der Fabel zu verweisen.

Die allerdings sehr selten vorkommenden Fälle, in denen man wirklich bei Menschen auch in Europa schwanzartige Fortsätze oder sogar wirkliche Schwänze beobachtete, dürfen wir übrigens als ebenso bekannt voraussetzen, wie die Thatsache, daß jedes menschliche Wesen in seinen Steißbeinwirbeln einen verkümmerten Schwanzansatz mit sich trägt.





  1. Wir weisen bei dieser Gelegenheit auf das soeben erschienene Werk „Unter Cannibalen auf Borneo“ hin, in welchem Carl Bock die Resultate seiner zu wissenschaftlichen Zwecken unternommenen Reisen auf Borneo und Sumatra in äußerst anziehender und allgemeinverständlicher Form mittheilt. Die sehr geschmackvolle Ausstattung diesen an Abbildungen reichen Werken gereicht der Firma, in deren Verlage es erschienen (Hermann Costenoble, Jena), zur vollen Ehre.