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Textdaten
Autor: Wilhelm Kroll
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Titel: Georg Wissowa zum 70. Geburtstage
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aus: Forschungen und Fortschritte. Band 5, Nr. 17 (1929), S. 203
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Erscheinungsdatum: 1929
Verlag: Akademie-Verlag
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Erscheinungsort: Berlin
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Georg Wissowa zum 70. Geburtstage

Am 17. Juni vollendet Georg Wissowa in Halle sein 70. Lebensjahr. Ein geborener Schlesier – sein Großvater war Direktor des Matthiasgymnasiums in Breslau – studierte er besonders in Breslau unter Reifferscheid und in München unter Brunn. Nach vierjähriger Tätigkeit als Privatdozent in Breslau kam er im Jahre 1886 als Professor nach Marburg, 1895 nach Halle und ist dieser Universität trotz mancher Lockungen von außerhalb treu geblieben. Das Altersgesetz und schwere Erkrankung zwangen ihn vor einigen Jahren, seine Lehr- und Forschertätigkeit einzustellen.

Wissowas wissenschaftliche Bedeutung läßt sich leicht mit einigen Worten umschreiben: sie liegt fast ganz in dem beschlossen, was er für die Erforschung der römischen Religion getan hat. Sein Buch über „Religion und Kultus der Römer“, 1902 in erster, zehn Jahre später in zweiter Auflage erschienen, ist als das Handbuch für diese Disziplin zu bezeichnen; es verdankt seinen Ruf der durch Hypothesen unbeirrten Klarheit der Darstellung und der weisen Beschränkung der gestellten Aufgabe. Denn es stellt nur die Staatsreligion dar, verzichtet also auf eine Schilderung der römischen Religiosität, für die unser Material vielleicht nicht ausreicht; bei der Darstellung der sakralrechtlichen Grundlagen, Priesterordnungen usw. hat sichtlich Mommsens Staatsrecht Pate gestanden, und Mommsens Name erscheint neben dem seiner beiden anderen Lehrer auf dem Widmungsblatt. In der ersten Auflage war auf eine Aufzeigung der volkstümlichen Grundlagen des Götterglaubens so gut wie ganz verzichtet; die Nebulistik des Animismus und ähnlicher Anschauungen war dem Rationalismus des Autors zuwider. Später hat er sich davon überzeugt, daß er hierin zu vorsichtig gewesen war, und z. B. auf Reste von altem Fetischismus u. dgl. geachtet; aber der Charakter des Werkes ist derselbe geblieben, das Bestreben, die Tatsachen aus der vielfältig entstellenden Ueberlieferung herauszuschälen, namentlich die römische Religion von der griechischen Ueberwucherung zu befreien, herrscht auch hier. Und wenn manche neueren Arbeiten schon jetzt über ihn hinausführen, wenn eine Klärung der etruskischen Probleme der Urgeschichte der römischen Religion zugute kommen wird, so werden doch alle künftigen Forscher auf dem von ihm gelegten soliden Fundament weiterbauen.

Die meisten anderen Arbeiten dienen der Grundlegung dieses großen Werkes; daher sind sie fast alle vereint in den „Gesammelten Abhandlungen zur römischen Religions- und Stadtgeschichte“ (1904). Einige Monumente der römischen Religion behandelnde Aufsätze verraten den Einfluß Brunns; eine vorzügliche Quellenuntersuchung steckt in dem Aufsatz „Die Ueberlieferung über die römischen Penaten“. Ueberhaupt sind eigentlich alles Treffer; das Wesen des Verfassers zeigt vielleicht am deutlichsten seine Auseinandersetzung mit Usener über „Echte und falsche Sondergötter in der römischen Religion“, die mit verschwommenen Anschauungen antiker wie moderner Gelehrter rücksichtslos aufräumt. Daß Wissowa für das Mythologische Lexikon und seine Realenzyklopädie viele wichtige Artikel aus diesem Gebiete schrieb, versteht sich von selbst.

Wenn ich sage „seine Realenzyklopädie“, so habe ich damit ein zweites Gebiet seiner Tätigkeit berührt, auf dem er sich ein unvergängliches Denkmal errichtet hat. Als der Verlag I. B. Metzler in Stuttgart den Plan faßte, den alten „Pauly“ neu zu bearbeiten, fiel nach ergebnislosen Verhandlungen mit O. Crusius die Wahl auf Wissowa; vom Herbst 1890 an hat er fast 20 Jahre lang einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit diesem großen Werke gewidmet. Wieviel Organisationstalent, wieviel Geschick in der Menschenbehandlung dazu gehört hat, kann Niemand besser ermessen als der Schreiber dieser Zeilen, dem er die Weiterführung dieser Aufgabe vor mehr als 20 Jahren übertrug; die von ihm aufgestellten Grundsätze haben sich durchaus bewährt, und wenn das Werk heute noch meist als „Pauly-Wissowa“ zitiert wird, so hat er diese Verewigung seines Namens redlich verdient. Darin liegt auch ein Trost dafür, daß ein herbes Schicksal ihm die Vollendung mancher anderer Arbeiten (Erklärung von Tacitus Germania, Herausgabe von Macrobius Saturnalien) unmöglich gemacht hat.

Prof. Dr. Fr. Wilhelm Kroll, Universität Breslau