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General Walker und die Filibusters in Central-Amerika

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: General Walker und die Filibusters in Central-Amerika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 413–415
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Walker, zeitweiliger Diktator Nicaraguas
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Die Gartenlaube (1856) b 413.jpg

General Walker.

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General Walker und die Filibusters in Central-Amerika.

[414] Die Welt ist um einen Herrscher reicher geworden, zwar nicht mehr auf ungewöhnlichem, aber doch auch zugleich eigenthümlichem Wege. Ein ehemaliger göttinger Student, Walker, General Walker, Dictator Walker, hat ein Land erobert und anderer Leute Länder ebenfalls so gut wie unterworfen. Mindestens ist er absoluter Herrscher über die Republik Nicaragua, und als solcher von der Regierung der vereinigten Staaten von Nordamerika anerkannt worden. Wir wissen, daß dieser Umstand allein eine wichtige Rolle in dem drohenden Kriege zwischen Amerika und England spielt. Ein solcher Krieg könnte leicht zur welthistorischen Tragödie werden, wofür wir Alle theuer bezahlen müßten. Aber auch abgesehen davon, ist Walker’s Eroberungszug mit einer Heerde „Filibusters“ geschichtlich interessant genug und ein merkwürdiger Ausfluß unserer modernen Civilisation überhaupt. Zwar nahmen auch von jeher andere Herren, die Länder erobern wollten, die Leute dazu, wo und wie sie dieselben eben kriegen konnten und schlugen damit zu, so derb und erbarmungslos, als in ihren Kräften stand; aber die Filibusters sind eine so charakteristische Produktion unserer Zeit, daß man sie nicht mit den geworbenen, gekauften, gestohlenen und geraubten Truppen früherer Eroberer und Potentaten vergleichen kann. Die Filibusters sind Freiwillige, Freiwillige aller Nationen, ein kosmopolitischer Auswurf und Sauerteig aus allen Ländern, Völkern und Farben zusammengeworfen und in Gährung übergehend. Wir wissen von den Chemikern, daß es verschiedene Gährungen giebt, faule, weinige, zersetzende, tödtende, belebende und producirende. Es hängt von der Geschichte und den Leitern derselben ab, ob solche Gährungen in menschlichen Angelegenheiten tödten oder beleben. Man sieht also, daß Walker schon deshalb eine wichtige Person ist. Wer ist er? Und was heißt das eigentlich: Filibusters?

Sie selbst halten sich an folgenden Stammbaum ihres Namens. Bald nach Entdeckung Florida’s durch die Franzosen überfielen Spanier eine Befestigung derselben an der Küste und metzelten die ganze Besatzung nieder. Die Franzosen machten „Wurst wieder Wurst“ und schlachteten deshalb die Spanier ein. Ihre Rache-Expedition fuhr am Kap Finisterre ab, dessen Namen sie nicht recht verstanden haben mochten, so daß sie es in ihrem Berichte Finibuster und ihre überall her zusammengerafften Leute Finibusters nannten, woraus später Filibusters wurden. Doch das ist Nebensache. Filibusters sind jetzt Leute, die sich rücksichtslos und ohne Moralitäts- und Maturitätszeugnisse, ohne Tauf- und Pockenimpfungsschein, sogar ohne Paß und polizeiliche Reiseroute aus allen Gegenden, Ständen, Völkern und Racen zusammenfinden, um sich irgendwie mit gemeinschaftlichen Kräften durch die Welt hindurchzuschlagen. Ihre Richtung, ihr Erfolg, ihre Tugenden oder Schandthaten hängen wesentlich von ihrem Räuberhauptmann ab, der den ausgeworfenen, des Vaterlandes, der Freunde und Verwandten und sonstiger sittlicher und persönlicher Beziehungen beraubten Individuen erst wieder Farbe, Bestimmung, Charakter, Eigenthum, „Vaterland“ und Stellung geben soll und will. Ohne Concentration unter einem Führer und Fürsten landstreichern sie in aller Welt umher, Zigeuner der Civilisation, und suchen in polizeiwidriger Freiheit, im Kampfe mit Polizei, Gesetz und Paßvisitatoren, im Gebrauch starker, gesunder Glieder und rebellischer Grundsätze Ersatz für die ihnen versagten Güter von „Häuslichkeit, Bürgerwohl und Familienglück.“ So lange sie leben, finden sie irgendwie Lebensmittel, und wenn sie sterben, machen sie sich auch nicht viel daraus, da einem ein solches Unglück nicht zum zweiten Male passiren kann. Sie nomadisiren und zigeunern am häufigsten und liebsten da umher, wo das Auge der Polizei durch Busch und Wald, Wüste und Wildniß beschränkt wird, im Innern Amerika’s, in Californien, unter den Hinterwäldlern, um die Säume von Städten, und sind immer gleich bei der Hand, wenn etwas unternommen werden soll, wozu ein weites Gewissen, starke, gesunde Glieder, Trotz gegen Polizei, Moral und Gesetzbuch gehören. So handeln sie gelegentlich mit verbotenen Einfuhrartikeln, mit geschmuggelten Cigarren, mit Sklaven und sonstigen Dingen, wozu Courage gehört und die deshalb auch einen guten Profit abwerfen.

Walker ist ein geborner Amerikaner aus Tenessee, wohin seine schottischen Vorfahren ausgewandert waren. Seine Eltern bestimmten ihn zur Jurisprudenz und ließen ihn durch Europa reisen und in Göttingen studiren. Er lernte Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch zu seinem Englisch, und konnte deshalb gleich mit jedem Rekruten, der sich einfand, so zu sagen „Deutsch“ reden. Das machte ihn den Repräsentanten jeder Nation gleich von vorn herein populär. Von Göttingen ging er nach Paris, um dort Medicin zu studiren. „Drüben“ hielt er sich eine Zeit lang in New-Orleans auf und schrieb Broschüren und für Zeitungen. Doch hielt er’s auch da nicht lange aus. Um seinem unruhigen Blute und Streben neue Nahrung zu geben, machte er die Heldenreise von New-Orleans nach San Franzisko über Land, über tausend Meilen Wüste und Wildniß, schrieb dort wieder für Zeitungen und etablirte sich bald darauf in Marysville als Jurist.

Da aber „Recht und Gesetz“ oft nur Gewalt in Form der List, in Papier-Paragraphen gewickelte Waffe ist, entschied sich Walker bald für Gebrauch derselben ohne Papier. Er ging unter die „Rebellion“ der Einwohner von Sonora in Unter-Californien gegen Santa Anna, den republikanischen Tyrannen von Mexiko. Er schlug und verlor als Kommandant einer Insurgenten-Abtheilung mehrere Schlachten und zog sich aus seiner zerstreuten Armee nach San Franzisko zurück. Hier bereitete er seinen Filibuster-Zug gegen Central-Amerika vor, das nach seiner Meinung (in welche die Amerikaner stolz einstimmen) aus den Händen fauler, stolzer, verkommener Spanier dem Fleiße, der Intelligenz und dem Unternehmungsgeiste der „anglosächsischen Race“ übergeben und gewonnen werden müsse. So segelte er am 5. Mai 1855 mit einer kleinen Schaar Amerikaner, Deutscher, Irländer, Italiener, [415] Juden, Polen und Franzosen von San Franzisko nach Nicaragua ab, um der gegen ihre spanische Obrigkeit rebellirenden Bevölkerung zu Hülfe zu kommen. Er eroberte die Hauptstadt von Nicaragua, Granada, nannte sich General Walker, setzte den alten Präsidenten ab und dafür Don Patricio Rivas ein und schloß mit der abgesetzten Regierung Frieden, deren Kommandant Corval sich ihm auslieferte. Dies hielt den neuen Herrn, jetzt Generalissimus aller Truppen von Nicaragua nicht ab, den besiegten Feind erschießen zu lassen, eine Praxis, die er gegen alle spätern Kriegsgefangenen, z. B. die von Costa Rica, schonungslos ausüben ließ.

Auch unter seiner eigenen Armee war von Gnade keine Rede. Mehrere Deutsche erhob er durch höhere Stellen, Andere auch durch den Strang.

Nach Unterdrückung des legitimen Aufstandes der Costa Ricaner gegen Walker (die unterlagen trotz der geheimen Unterstützung von Seiten der palmerston-clarendon’schen Diplomatie) war und blieb er bis jetzt Herrscher in Nicaragua. Die amerikanische Regierung, anfangs zögernd, ihn anzuerkennen, nahm endlich den von Walker nach Washington geschickten Gesandten an und somit auch die walker’sche Regierung als eine „bestehende“.

„Wir erkennen alle Regierungen an,“ sagte Präsident Pierce, „ohne nach der Art ihrer Entstehung zu fragen, sobald solche Regierungen de facto von dem Volke der betreffenden Regierung anerkannt wurden.“

Nordamerika ist Walker’s Magazin für Central Amerika, das über ein Kleines zu den „vereinigten Staaten“ gehören mag. Und das ist keine Kleinigkeit. Die fünf central-amerikanischen Republiken Guatemala mit 850,000), San Salvador mit 395,000, Honduras mit 350,000, Nicaragua mit 300,000 und Costa Rica mit 125,000, zusammen mit 2,020,000 Seelen sind zwar mit dieser dünnen, faulen Bevölkerung noch nicht viel werth, aber innerhalb der 155,000 englischen Quadratmeilen ihres Bodens schwelgt ein Reichthum der Natur in der Hoffnung auf Erlösung und Verbrauch und Genuß durch Menschen, der fabelhaft klingt und für 100 Millionen Menschen mehr als hinreichend sein mag. Kostbare Hölzer und Mineralien, Antilopen, Bergkühe, Affen, Racoon’s, schwarze Tiger, Tigerkatzen und unzählige andere Thiere und Schätze schlummern und verwildern jetzt über die üppigsten, wärmsten Menschenöden hin.

Nach Humboldt giebt ein Acker von Pisang-Palmen in Central-Amerika an Masse eben so viel Speise (was von nährendem Stoff wohl zu unterscheiden ist), als bei uns 133 Acker Weizen liefern. Das Land vereinigt in üppiger Fülle fast alle Pflanzen und Früchte gemäßigter und heißer Zonen. Die centralamerikanischen Territorien können, wenn einst kultivirt und bevölkert, alle alte und neue Welt doppelt mit Kolonial-Produkten und sonst allen möglichen Gütern versehen.

Was den Mann betrifft, der angefangen hat, diese Paradiese der „geldmachenden“ Race aufzuschließen, so können wir ihn nicht nach unserm Katechismus und Landrecht abthun, schon deshalb nicht, weil wir, wie auch die Nürnberger, Keinen hängen, den wir nicht vorher gekriegt haben. Warten wir, bis er selbst einen Katechismus gemacht. Das thun ja die Eroberer immer, selbst sehr loyale und christliche, wie die Engländer in Indien, die Franzosen in Algier und da wo der Pfeffer wächst und die Transportirten sterben. Bis jetzt begnügen wir uns, ihn mal anzusehen, wie er im Frühlinge vorigen Jahres von Herrn Wance in San Franzisko photographirt und danach copirt und in Holz geschnitten ward. Hat er nicht etwas Lord Byron’sches und Napoleon’sches dazu? Schmale, harte, gepreßte Lippen, blaues aber grausames, strenges Auge, straffe, erbarmungslose Züge. Ganz der Mann, um entweder Andere zu erschießen oder erschossen zu werden. Sollte er einst ein großer Mann, vielleicht gar eine Majestät geworden sein, welche himmlische Züge werden dann die Hochzeitsschreiber in dieser Physiognomie finden! Fehlt es doch jetzt schon nicht an Republikanern in Amerika, die mit Bewunderung von seiner „geheimnißvoll anziehenden, gewinnenden, zarten Persönlichkeit“ singen, von „lichten, blauen Augen und gedankenvollem Ausdruck.“ Er wird immer schöner und geistreicher und tugendhafter werden, je mehr er todtschießt und an Macht gewinnt.

Einen Herrscher, der durch viel schlimmere Mittel zur Macht kam, und Anfangs in der englischen Presse wie das scheußlichste Geschöpf der Erde behandelt ward, fand man nach und nach immer erträglicher, endlich einen Abgott in ihm und in den Portraits, die von ihm gegeben wurden, wurde er immer schöner, jünger, unschuldiger, tugendhafter, majestätischer, bis sie eine Zeit lang nicht anders von ihm sprachen, als in den Staub geworfen vor einem gottgesandten Erlöser und Retter. Es darf uns also weiter nicht geniren, wenn der vor Kurzem noch unter dem Titel: „Hauptmann einer abgerissenen und zusammengeflickten Lumpenbande“ figurirende Walker mit zunehmender Macht auch an Titeln und Orden zunehmen sollte und Palmerston, der gegen ihn geheimnißvoll Waffen lieferte, dessen Gesandten mit der Versicherung empfing, daß es ihm zur höchsten Ehre gereiche, im Namen Englands die Versicherung vorzüglicher Hochachtung und treuer Freundschaft aussprechen zu können. Alles schon dagewesen, sagt Ben-Akiba.