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Friedrich von Raumer (Die Gartenlaube 1881/28)

Textdaten
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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Friedrich von Raumer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 466–468
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[466]
Friedrich von Raumer.
Von Fr. Helbig.

Als vor acht Jahren die Nachricht in die Oeffentlichkeit drang, Friedrich von Raumer sei gestorben, fragte sich gar Mancher verwundert: „Wie? Der weilte noch unter uns Lebenden? Wir hielten ihn für längst gestorben.“ Der einst gefeierte, vielgenannte Geschichtsschreiber der Hohenstaufen, der mit dem Eintritt in sein zehntes Jahrzehnt das gewöhnliche Maß eines Menschenlebens weit überschritt, hatte sich selbst überlebt; er, der Historiker, war schon zu Lebzeiten zur Historie geworden. Nun sind vor wenig Wochen hundert Jahre seit seinem Eintritt in die Welt verflossen – Raumer wurde den 14. Mai 1781 zu Wörlitz bei Dessau geboren – und damit kommt ein alter schöner literarischer Brauch zu seinem Rechte, der an diesen Säculartagen einen frischen Immortellenkranz auf die Gräber unserer großen Todten zu legen gebietet und ihre Schatten noch einmal lichtvoll zur Erde zurückführt. Und auch Raumer gehört zu den Großen unserer Nation. Hätte sein Leben auch weiter keinen Inhalt gehabt, als daß er darin seine Hohenstaufen geschrieben, so würde er sich schon damit allein den ewigen Dank der Nation verdient haben. Sie markirten nicht blos eine ganz neue Phase der Geschichtsschreibung, sie waren eine große patriotische That, welche in den Zeiten des tiefen Niedergangs unseres nationalen Lebens die Liebe zum Vaterlande, den verlorenen Glauben an seine Macht und Größe und den Drang nach ihrer Erneuerung wieder in’s Wachen rief. Aber der Thaten und Vorzüge des Mannes sind auch noch viele andere.

Raumer’s Leben war von vornherein nicht darauf angelegt, in der stillen Stube eines gelehrten Forschers auszulaufen. Der praktische Sinn seines Vaters, eines thatkräftigen Landwirths, wies dasselbe in die gemessenen Bahnen des praktischen Staatsdienstes, aber die universelle Natur des jungen Raumer zeigte sich schon auf der Universität, wo er, in Halle und Göttingen, neben der Jurisprudenz auch noch Mathematik, Physik, Chemie, Botanik, Leibniz-Wolf’sche Philosophie, mit besonderer Vorliebe aber Geschichte trieb und auch den Musen der Tonkunst seine Neigung zuwandte. Doch bestand er nach Ablauf seiner drei akademischen Lehrjahre und nach einem weiteren im Dienste der Landwirthschaft verbrachten Halbjahre sein juristisches Examen mit Auszeichnung.

Bald nach seinem Eintritte in den Staatsdienst nahm er als Protokollführer des Kriegsraths von Bassewitz an einer wichtigen staatsrechtlichen Expedition Theil; es war dies die amtliche Besitzergreifung des zur Entschädigung für abgetretene Gebietstheile am linken Rheinufer an Preußen gefallenen Eichsfelds. Er gewann auf diesem durch eine festgehaltene Eigenart seiner Bewohner ausgezeichneten Landstriche interessante Einblicke in allerlei Verhältnisse, die er in seinen erst in spätem Alter (1861) geschriebenen [467] Lebenserinnerungen mit humoristischer Frische reproducirte. Besonders fand er in den dortigen Klöstern Zustände, welche ihm später die historischen Ueberlieferungen der Hohenstaufengeschichte glaubhafter erscheinen ließen. Die angeordnete Aufhebung dieser Institute förderte allerlei Indiskretionen zu Tage, bald in Form eines in der Klosterbibliothek befindlichen Exemplars von Boccaccio’s „Decameron“, das unter der Firma eines „Gebetbuches für alle Tage der Woche“ figurirte, bald in einer geheimen Nonnencorrespondenz.

Nach seiner Rückkunft nach Berlin trieb Raumer eine Zeit lang, wie einst der junge Kammerassessor Goethe, das Geschäft der Militäraushebung; aber schon im Jahre 1804 faßte er den Entschluß, nicht blos Geschichte mit machen zu helfen, sondern sie selbst zu schreiben, wozu er durch seine Bekanntschaft mit dem berühmten Historiker Johannes von Müller noch besondere Anregung erhielt. Schon da wandte er nach seinem eigenen Geständnisse Kopf und Herz den Hohenstaufen zu, und er ließ sich durch das schwere scholastische Latein nicht abschrecken, sich durch die Sentenzen Peter’s des Lombarden durchzuarbeiten. Johannes von Müller förderte auch seine erste Schrift („Gespräche über Krieg und Handel“) zum Druck. Nachdem er eine Stelle in Posen abgelehnt, folgte seine Anstellung als Domänenrath in Königs-Wusterhausen. Der in diese Zeit fallende Einzug Napoleon’s in Berlin nach der verhängnißvollen Schlacht bei Jena hatte bei aller Misere für Raumer den Vortheil, daß er durch den „außerordentlich abgekürzten Geschäftsgang“ große Muße für seine geschichtlichen Studien fand.

Das nahe gelegene Berlin ermöglichte ihm den Umgang mit gleichstrebenden Genossen, wie mit dem Aesthetiker Solger, mit Steffens, Krause, Schleiermacher und besonders mit dem trotz des Kammerdienstes schon damals „minnesingernden und nibelungenden“ von der Hagen. Das Jahr 1810 führte ihn wieder nach Berlin zurück in das Departement des Herrn von Altenstein, wo er den gelehrten und unpraktischen Niebuhr corrigiren sollte. Das staatswirthschaftliche Feld, das er dort zu bebauen hatte, war die Regulirung der durch die Lasten des Krieges zu einer immensen Höhe aufgelaufenen Staatsschulden. Die Finanzpläne, die Steuerprojecte schwirrten damals gerade so in der Luft herum wie heutzutage. Consumtions- und Luxussteuern, Patentsteuern, Stempel und Accisen aller Art, sogar das ominöse Tabaksmonopol kamen in Sicht. Aus allen Ständen im Lande flogen die Vorschläge, oft von der abenteuerlichsten Art, in die Staätskanzlei.

Raumer’s geschäftliche Tüchtigkeit gewann ihm die Gunst und das Vertrauen des Staatskanzlers von Hardenberg in so hohem Maße, daß dieser ihn in seine unmittelbare persönliche Nähe zog, wodurch in der Meinung des Volks Raumer’s Einfluß auf diesen Staatsmann weit vergrößert wurde; man nannte ihn wohl mit scherzender Ironie den „kleinen Staatskanzler“. Um diese Zeit wollte der Kanzler ihn auch beim Könige zur Verleihung des rothen Adlerordens dritter Klasse vorschlagen. Raumer bat ihn aber dringend und mit Erfolg, dies nicht zu thun, „da gewiß sehr Viele ihn dessen unwürdig hielten und verbreiten würden, er hätte sich den Orden bei ihm aus Anmaßung und Eitelkeit erbettelt“. Raumer erhielt denn auch dreißig Jahre später den Adlerorden vierter Klasse.

Bald aber stellte sich für ihn doch die Unverträglichkeit des königlichen Dienstes mit seinen geschichtlichen Forschungen heraus, und der Conflict, in welchen er dabei gerieth, war kein geringer. Die Aussichten, welche der Staatsdienst ihm bot, waren glänzende; auch der pecuniäre Vortheil war in jedem Falle auf Seiten des Staatsdieners, aber der Drang des Genius wurde immer mächtiger und ging zuletzt siegreich aus dem Kampfe hervor. Hardenberg vermittelte dem nun einmal fest Entschlossenen 1811 die Uebertragung der Professur, der Geschichte an der Universität Breslau.

In das friedliche Heim des Gelehrten fand nun auch die verbannte Liebe endlich den Weg, und Raumer heirathete eine Landsmännin, Luise von Görschen, Tochter des Obersten von Görschen in Dessau. Auch Freund Hagen, der Nibelunge, war ihm schon nach Breslau vorangegangen, und es bildete sich um ihn ein höchst angenehmer Gesellschaftskreis, während auch das Theater eine von ihm mit Vorliebe gesuchte Unterhaltung bot. Da fiel in diese akademische Idylle hinein die Kunde vom Untergange der französischen Armee auf den Eisfeldern Rußlands, der Aufruf zur Rettung des Vaterlandes an Alle, die „den Flamberg führen konnten“. Sollte er mit zu Felde ziehen? Lange erwog Raumer die Frage, bis er sich zuletzt doch für den „Officierdienst der Wissenschaft“ entschied, der ihm als erfolgreicher galt.

Aeußerst förderlich für sein Hohenstaufen-Werk erwies sich ein königliches Reisestipendium von 1500 Thaler. Jenseits der Alpen durchforschte er die italienischen Archive und drang sogar bis in die den deutschen protestantischen Gelehrten seither verschlossene Bibliothek des Vatikans vor. Schätzebeladen kehrte er heim, und die stille Ereignißlosigkeit der nächsten Jahre fesselte ihn ungehemmt an den Studirtisch. Erst die Ermordung Kotzebue’s brachte die stagnirende Fluth des akademischen Lebens in Fluß und gab ihm in seiner Eigenschaft als Universitätsrector Gelegenheit, das durch jene That sittlich verwirrte Urtheil auf das besonnene Maß zurückzuführen. Mit Entschiedenheit verurtheilte er aber das spätere Vorgehen der Regierung, die nicht darauf ausging, „das Gute vom Irrigen zu scheiden und auf eine vernünftige Mitte hinzuarbeiten, sondern mit ungenügend begründetem Argwohn und thörichter Furchtsamkeit in’s Extreme verfiel und durch Anklagen und Verhaftungen das Unrecht und die Thorheit der Gegner überbot“; so bekämpfte er denn „die Demagogen- und Demokratenriecherei, welche leider als ein Beweis echter Vaterlandsliebe angesehen wurde“.

Dieses Hinarbeiten auf eine vernünftige Mitte enthält gewissermaßen das politische Glaubensbekenntniß Raumer’s. Alles Revolutionäre war ihm verhaßt, möchte es von oben oder von unten kommen; er war der Mann der Reform, des besonnenen Fortschritts. Jene wilden Mittel multipliciren die Uebel nur, meinte er, statt sie zu vertilgen. Freilich sagte er sich auch, daß eine solche Mittelstellung ihren Träger leicht der Verkennung anheim giebt, und so mußte er sich gefallen lassen, von den Einen Obscurant und Tyrannenknecht, von den Andern wieder Jakobiner und Revolutionär gescholten zu werden. Schon seine Pflicht als Geschichtsforscher schien es ihm aber zu gebieten, über den Parteien zu stehen. Er hielt an Allem, was er für wahr und recht erkannt hatte, mit charaktervollem Freimuthe fest und scheute sich selbst auf Kosten äußerer Vortheile nicht, seiner Ueberzeugung mannhaft Ausdruck zu geben.

Er war seinem Wunsche entsprechend noch im Jahre 1819 an die erledigte Professur für Staatswissenschaft und Geschichte in Berlin berufen worden. Dort, in unmittelbarer Nähe des tonangebenden Bureaukratismus, hatte er wiederholt Gelegenheit, seine Charakterfestigkeit zu erproben, so zunächst in dem Falle, als er im Jahre 1822 zur Feier der fünfundwanzigjährigen Regierung des Königs die Festrede zu halten hatte und sich dabei weigerte, die seither bei akademischen Acten allein gebräuchliche lateinische Sprache zu brauchen, vielmehr es der Sache für angemessen hielt, deutsch zu reden. Der Senat beharrte dabei, daß „der Mund der Universität“ nur lateinisch sprechen könne. Raumer beharrte bei seiner Ansicht, und das Ministerium entschied sich schließlich auch für ihn. Fortan bildete der Gebrauch der deutschen Sprache die Regel.

In einer seiner vermischten Schriften, welche sich über die preußische Städte-Ordnung verbreitete, hatte er gerügt, daß viele Schulen zu wenig Rücksicht nähmen auf den künftigen Lebensberuf, daß oft dort mit großem Zeitaufwande Dinge gelehrt würden, welche unbrauchbar blieben und die man schnell wieder vergesse. Das Ministerium erklärte über dieses Urtheil seine Mißbilligung, und als Raumer in freimüthig unbefangener Weise dagegen sich vertheidigte, zog ihm diese eine Ordnungsstrafe von zehn Thalern zu.

Auch mit dem Obercensurcollegium, zu dessen Mitglied er berufen worden war, gerieth er sehr bald in Differenzen, und als man dann seine obenerwähnte Jubiläumsrede, in welcher er die Einführung einer Verfassung und mancherlei andere Reformen für nothwendig erklärt hatte, wie ein „Quintanerexercitium“ bis zur Unmöglichkeit des Drucks „durchcorrigirt“ hatte, hielt er es für angezeigt, die Sitzungen des Collegs nicht mehr zu besuchen und, als man dies nicht gestatten wollte, seine Entlassung als Mitglied zu fordern.

In einen ähnlichen Conflict mit den herrschenden Anschauungen gerieth Raumer noch in späteren Jahren, bei Gelegenheit einer von ihm zur Gedächtnißfeier Friedrich’s des Zweiten in der Akademie der Wissenschaften am 20. Januar 1847 gehaltenen freisinnigen Rede, in welcher er den großen König gegen die Verketzerung der Berliner Theologen in Schutz nahm, von denen Einer sich nicht entblödet hatte, zu behaupten, Friedrich habe seinem Volke die [468] schrecklichsten Gefahren bereitet, wie sie herrschender Unglaube, leichtsinnige Zweifelsucht und frevelnde Verachtung des Heiligen herbeiführten; er habe durch den Mangel an Glauben sogar Schlachten verloren, und was dergl. m., während ein Anderer sich gegen das bekannte Wort des Königs: „In meinem Reiche muß Jeder nach seiner Façon selig werden,“ so weit ereiferte, daß er Friedrich mit Kain zusammenstellte. Man erblickte in diesem Grundsatze eine besondere Gefahr für die in jener Zeit besonders vertheidigte Lehre von einer Landeskirche. Raumer führte dem entgegen in seiner Rede aus, daß, sobald sich ein Volk aus dumpfem Hinleben, aus knechtischer Unterwürfigkeit zu persönlicher Selbstständigkeit erhebt, sobald es denkt, fühlt und handelt, nothwendig auch verschiedene Ergebnisse des Denkens, Fühlens und Handelns auf religiösem und kirchlichem Boden entstehen müßten und es zur Thorheit würde, Alle für alle Zeiten an dasselbe dürre Latten- und Gitterwerk unbedingter menschlicher Vorschriften festbinden zu wollen. Die Freiheit erzeuge nothwendig Verschiedenheiten und Gegensätze. Gerade diese Duldsamkeit des Königs in religiösen Dingen habe seine Popularität wesentlich begründet.

Diese Aeußerungen Raumer’s zogen ihm das Mißfallen hoher und höchster Kreise zu, und da die Akademie bei der wider ihn erhobenen Anklage ihr Mitglied nicht in Schutz nahm, so legte er sein Amt als deren Secretär nieder und schied auch aus dem Institute aus.

Raumer war dabei nichts weniger als irreligiös. Sein Glaube ruhte auf der Basis des Gemüths und der forschenden Erkenntniß. Es war die Religion der Liebe und Toleranz, die er überall in seinen Schriften predigte, der Liebe, von der er einmal in einem Briefe an seine Schwester Agnes so schön sagt: „wer recht lieben kann, ist reich, auch wenn ihn Niemand wieder liebt.“ „Ist es wohl,“ schreibt er an einer anderen Stelle, „religiös, Jemand daraus ein Verbrechen zu machen, daß er Dies oder Das von den Dogmen nicht glaubt? Ich werde mich hüten, diejenigen Zeiten zu loben, wo man verbrannt wurde, wenn man nicht an die Brodwandlung und an ein wohl arrangirtes Fegefeuer glaubte.“

Trotz aller dieser Mißhelligkeiten hing Räumer mit treuer Liebe an dem ihm zur zweiten Heimath gewordenen Berlin und an dem preußischen Staate. Deshalb lehnte er eine 1826 an ihn ergehende Berufung nach München, trotz der günstigeren pecuniären Stellung, ab.

Inzwischen war nun auch das Werk seines Lebens, seine „Geschichte der Hohenstaufen“ in sechs Bänden, längst zur Vollendung gediehen. Es erfuhr, wie Raumer selbst sagt, die verschiedenartigste Beurtheilung vom übermäßigen Lob bis zum herbsten Tadel. Der letztere ging besonders von den Ultrakatholiken und Ultraprotestanten aus. In beiden extremen Lagern konnte man die schonungslose Wahrheit nicht vertragen, mit welcher Raumer die Schäden des hierarchischen Regiments und die Sünden der mittelalterlichen Geistlichkeit aufdeckte. Um so mehr konnte er sich an den Urtheilen seines literarischen Freundes Ludwig Tieck und seines Collegen Heeren in Göttingen erfreuen. „Das Interesse,“ schreibt der Letztere ihm unterm 24. Mai 1826 aus Göttingen, „welches Ihr Werk mir einflößt, war vielfach. Der Gegenstand ist von solcher Wichtigkeit, daß in der ganzen Geschichte des Mittelalters kein anderer damit verglichen werden kann. Sind es doch aus diesem Zeiträume die größten Charaktere, die hier austreten, und was ist die Geschichte ohne diese? Es war eine schwere Aufgabe, hier diejenige Unparteilichkeit zu beobachten, welche bei der Darstellung des Kampfes so entgegengesetzter Gewalten so schwierig ist. Auch diese Aufgabe ist von Ihnen glücklich gelöst. Was aber Ihrem Werken eigentlich sein Leben einflößt, ihm seine Dauer sichert, ist Ihre lebendige Theilnahme an dem Gegenstande. Es giebt keinen großen Geschichtsschreiber ohne jene eigene Theilnahme, die aus dem Gemüthe des Historikers hervorgehen muß.“

Die Wirkung des Werkes auf das Publicum war eine starke und nachhaltige; dazu trugen jene Lebendigkeit der Auffassung die Gefälligkeit der Darstellung und der Hauch der Romantik, der das Ganze durchzog, wohl das Meiste mit bei. Es war auch nicht eine bloße chronologische Geschichte der Hohenstaufen-Kaiser; es war eine Geschichte des ganzen Zeitalters nach all seinen Lebensrichtungen hin, welche hier Raumer im Gegensatz zu der früheren Art der Geschichtsschreibung gab. Die Auffassung war eine durchaus unbefangene, bei welcher das eigene Ich des Forschenden parteilos zurücktrat. Wenn auch die etwas mangelhafte Kritik der benutzten Quellen den wissenschaftlichen Werth besonders gegenüber den späteren Forschungen eines Ranke und Anderer etwas beeinträchtigt, der nationale und literarische Werth des Werkes bleibt immerhin noch ein bedeutender.

Auch nach Vollendung dieser großen Lebensaufgabe legte Raumer die Hände nicht in den Schooß. Die Arbeit war ihm Bedürfniß. „Ich arbeite täglich und unermüdet darauf los – das ist meine Natur und Pflicht; ich werde dabei heiter und guten Muthes verharren.“

So schrieb er noch eine „Geschichte Europas seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts“ in acht Bänden, welche mit den Vorzügen der Hohenstaufen doch nicht deren Erfolg verband. Es fehlt hier vor Allem der fesselnde Zug des Nationalen.

Eine Frucht seiner in den zwanziger und dreißiger Jahren unternommenen Reisen, die sich bis nach Nordamerika ausdehnten, waren die „Briefe aus Paris“’ (1831), „England“ (1835 und 1841) und die „Beiträge zur neuen Geschichte aus dem britischen Museum und Reichsarchiv“ (1835 bis 1839), ferner sein „Italien“ und „ die Vereinigten Staaten von Nordamerika“.

Durch das seit 1830 fortlaufend herausgegebene historische Taschenbuch wußte er das Interesse für Geschichte zu verallgemeinern und es dem Banne akademischer Abschließung zu entrücken.

Das Jahr Achtundvierzig rief Raumer um seiner Freisinnigkeit willen in die politische Arena. Er wurde zum Mitglieds des deutschen Parlaments gewählt und dabei unter Anderem ausersehen, den Pariser Gesandtschaftsposten zu vertreten. In dieser Stellung leistete Raumer wohl nicht ganz das, was man etwa von ihm erwartet hatte. War er schon auf dem Katheder kein glücklicher Redner, so war er es noch weniger auf der Tribüne. Ohnedies schien dem Apostel des besonnenen Fortschritts, der bereits über die letzten Stufen männlicher Thatkraft hinaus war, der revolutionäre Zug, der die Verhältnisse damals vielfach beherrschte, nicht zu behagen. Gewisse radikale Rauhheiten verletzten sein feineres Empfinden, und die betretenen Wege schienen ihm nicht überall die rechten zu sein. Später wurde er noch Mitglied der ersten Kammer in Berlin, und als er 1855 als Professor emeritirt wurde, setzte er gleichwohl seine Vorlesungen noch bis 1865 fort. Noch immer legte er nicht die Feder aus der Hand. So erschien 1869 von ihm ein Handbuch der Geschichte der Literatur. Erst am 14. Mai 1873 schloß der Zweiundneunzigjährige für immer die Augen.

Es war, als ob ihm, dem Einzelnen, die Vorsehung zum Entgelt für die Rastlosigkeit und Redlichkeit seines Strebens die Marksteine des Lebens weiter hinausschieben wollte, als sie es sonst uns Sterblichen zu verhängen pflegt; erfahren sollte er noch, daß auch unsere Zeit die Kraft besitze, große Charaktere erzeugen. Wie sie einst jene Zeit der Staufen gesehen, daß sie die Schaffenskraft hege, nach dem großen Kaiser Rothbart einen Kaiser Weißbart erstehen zu lassen, der uns der Repräsentant des wieder aufgerichteten deutschen Reiches ist.