Textdaten
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
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Titel: Euphrosyne
Untertitel: Elegie
aus: Friedrich Schiller:
Musen-Almanach für das Jahr 1799, S. 1 – 13
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1799
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: HAAB Weimar, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1]
Euphrosyne.


Elegie.


Auch von des höchsten Gebirgs beeisten zackigen Gipfeln
     Schwindet Purpur und Glanz scheidender Sonne hinweg,
Lange deckt Nacht schon das Thal und die Pfade des Wandrers,
     Der am tosenden Strom, auf zu der Hütte sich sehnt,

5
Zu dem Ziele des Tags, der stillen hirtlichen Wohnung,

     Und der göttliche Schlaf eilet gefällig voraus,
Dieser holde Geselle des Reisenden. Daß er auch heute,
     Segnend, kränze das Haupt mir mit dem heiligen Mohn!
Aber was leuchtet mir dort vom Felsen glänzend herüber?

10
     Und erhellet den Duft schäumender Ströme so hold?
[2]


Strahlt die Sonne vielleicht durch heimliche Spalten und Klüfte?
     Denn kein irrdischer Glanz ist es der wandelnde dort.
Näher wälzt sich die Wolke! sie glühet. Ich staune dem Wunder!
     Wird der rosige Strahl nicht ein bewegtes Gebild?

15
Welche Göttin nahet sich mir? und welche der Musen

     Suchet den treuen Freund, selbst in dem grausen Geklüft?
Schöne Göttin! enthülle dich mir, und täusche, verschwindend,
     Nicht den begeisterten Sinn, nicht das gerührte Gemüth.
Nenne, wenn du es darfst, vor einem Sterblichen, deinen

20
     Göttlichen Nahmen, wo nicht, rege bedeutend mich auf,

Daß ich fühle welche du seyst von den ewigen Töchtern
     Zeus, und der Dichter sogleich preise dich würdig im Lied.

[3]

„Kennst du mich Guter nicht mehr? und käme diese Gestalt dir,
     Die du doch sonst geliebt, schon als ein fremdes Gebild?

25
Zwar der Erde gehör ich nicht mehr und trauernd entschwang sich

     Schon der schaudernde Geist jugendlich frohem Genuß,
Aber ich hoffte mein Bild noch fest in des Freundes Erinnrung
     Eingeschrieben, und noch schön durch die Liebe verklärt.
Ja schon sagt mir gerührt dein Blick, mir sagt es die Thräne,

30
     Euphrosyne sie ist noch von dem Freunde gekannt.

Sieh! die Scheidende zieht durch Wälder und grause Gebirge,
     Sucht den wandernden Mann, ach! in der Ferne, noch auf.
Sucht den Lehrer, den Freund, den Vater, und blicket noch einmal
     Nach dem leichten Gerüst irrdischer Freuden zurück.

[4]
35
Laß mich der Tage gedenken, da du das Kind mich dem Spiele

     Jener täuschenden Kunst reizender Musen geweiht.
Laß mich der Stunde gedenken und jedes kleineren Umstands.
     Ach! wer ruft nicht so gern unwiderbringliches an!
Jenes süße Gedränge der leichtesten irrdischen Tage,

40
     Ach! wer schätzt ihn genug diesen vereilenden Werth.

Klein erscheinet es nun, doch ach! nicht kleinlich dem Herzen;
     Macht die Liebe, die Kunst jegliches Kleine doch groß.
Denkst du der Stunde noch wohl, wie auf dem Brettergerüste,
     Du mich der höheren Kunst ernstere Stufen geführt?

45
Knabe schien ich, ein rührendes Kind, du nanntest mich Arthur,

     Und belebtest in mir brittisches Dichtergebild,

[5]

Drohtest mit grimmiger Gluth den armen Augen, und wandtest
     Selbst den thränenden Blick, innig getäuschet hinweg,
Ach! da warst du so hold und schütztest ein trauriges Leben,

50
     Das die verwegene Flucht endlich dem Knaben entriß.

Freundlich faßtest du mich den gestürtzten, und trugst mich von dannen
     Und ich heuchelte lang, dir an dem Busen, den Tod,
Endlich schlug ich das Aug auf und sah dich, Geliebter, in ernste,
     Stille Betrachtung versenkt, über den Liebling geneigt.

55
Kindlich strebt ich empor, und küßte dir dankbar die Hände,

     Reichte, zum reinen Kuß, dir den gefälligen Mund.
Fragte: warum so ernst mein Vater? und hab ich gefehlet,
     O! so zeige mir an, wie mir das beßre gelingt.

[6]

Keine Mühe verdrießt mich bey dir, und alles und jedes

60
     Wiederhol’ ich so gern, wenn du mich leitest und lehrst.

Aber du faßtest mich stark und drücktest mich fester im Arme,
     Und es schauderte mir tief in dem Busen das Herz.
Nein mein liebliches Kind, so riefst du, alles und jedes
     Wie du es heute gezeigt, zeig es auch morgen der Stadt.

65
Rühre sie alle wie du mich rührst, und es fließen zum Beyfall

     Dir von dem trockensten Aug’ herrliche Thränen herab.
Aber am tiefsten trafst du mich doch, den Freund, der im Arm dich
     Hält, den selber der Schein früherer Leiche geschreckt.
Ach! Natur wie sicher und groß in allem erscheinst du,

70
     Himmel und Erde befolgt ewiges, festes Gesetz,
[7]

Jahre folgen auf Jahre, dem Frühlinge reichet der Sommer,
     Und dem reichlichen Herbst, traulich, der Winter die Hand.
Felsen stehen gegründet, es stürzt sich das ewige Wasser
     Sich aus bewölkter Kluft, schäumend und brausend hinab,

75
Grünet die Fichte doch fort und selbst die entlaubten Gebüsche

     Hegen, im Winter schon, heimlich, die Knospen am Zweig
Alles entsteht und vergeht gesetzlich, doch über des Menschen
     Leben, dem köstlichen Schatz, herrschet ein schwankendes Loos.
Nicht dem blühenden nickt der willig scheidende Vater,

80
     Seinem trefflichen Sohn, freundlich vom Rande der Gruft;

Nicht der jüngere schließt dem älteren immer das Auge,
     Das sich willig gesenkt, kräftig dem schwächeren zu.

[8]

Oefter ach! verkehrt das Geschick die Ordnung der Tage
     Hülflos klaget ein Greis Kinder und Enkel umsonst,

85
Steht, ein beschädigter Stamm, dem rings zerschmetterte Zweige

     Um die Seiten umher strömende Schlossen gestreckt.
Und so, liebliches Kind, durchdrang mich die tief Betrachtung,
     Als du zur Leiche verstellt über die Arme mir hingst;
Aber freudig seh ich dich nun, in dem Glanze der Jugend,

90
     Vielgeliebtes Geschöpf, wieder am Herzen belebt.

Springe fröhlich dahin, verstellter Knabe, das Mädchen
     Wächst zur Freude der Welt, mir zum Entzücken heran.
Immer strebe so fort, und deine natürlichen Gaben
     Bilde bey jeglichem Schritt steigenden Lebens, die Kunst.

[9]
95
Sey mir lange zur Lust und eh’ mein Auge sich schließet,

     Wünsch ich dein schönes Talent glücklich vollendet zu sehn.
Also sprachst du, und nie vergaß ich der wichtigen Stunde,
     Deutend entwickelt ich mich an dem erhabenen Wort.
O! wie sprach ich so gerne zum Volk die rührenden Reden,

100
     Die du, voller Gehalt, kindlichen Lippen vertraut,

O wie! bildet ich mich an deinen Augen und suchte
     Dich im tiefen Gedräng staunender Hörer heraus.
Doch dort wirst du nun seyn und sitzen, und nimmer bewegt sich
     Euphrosyne hervor, dir zu erheitern den Blick,

105
Du vernimmst sie nicht mehr die Töne des wachsenden Zöglings,

     Die du zu liebendem Schmerz frühe, so frühe! gestimmt,

[10]

Andere kommen und gehn, es werden dir andre gefallen,
     Selbst dem großen Talent, drängt sich ein größeres nach.
Aber du vergesse mich nicht! wenn eine dir jemals

110
     Sich im verworrnen Geschäft heiter entgegen bewegt,

Deinem Winke sich fügt, an deinem Lächeln sich freuet,
     Und am Platze sich nur, den du bestimmtest, gefällt,
Wenn sie Fleiß nicht spart noch Mühe, wenn sie die Kräfte,
     Selbst bis zur Pforte des Grabs, freudiges Opfer dir bringt

115
Dann gedenkest du mein, du guter, und rufest auch spät noch:

     Euphrosyne, sie ist wieder erstanden vor mir!
Vieles sagt ich noch gern, doch ach! die Scheidende weilt nicht
     Wie sie wollte, mich führt, streng, ein gebietender Gott.

[11]

Lebe wohl schon zieht michs dahin in schwankendem Eilen,

120
     Einen Wunsch nur vernimm, freundlich gewähre mir ihn:

Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn!
     Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.
Denn gestaltlos schweben umher in Persefoneias
     Reiche, massenweiß, Schatten, vom Nahmen getrennt.

125
Wen der Dichter aber gerühmt der wandelt, gestaltet,

     Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.
Freudig tret ich einher, von deinem Liede verkündet,
     Und der Göttin Blick weilet gefällig auf mir.
Mild empfängt sie mich dann und nennt mich, es winken die hohen

130
     Göttlichen Frauen mich an, immer die nächsten am Thron.
[12]

Penelopeia redet zu mir, die treuste der Weiber,
     Auch Evadne, gelehnt auf den geliebten Gemahl.
Jüngere nahen sich dann, zu früh herunter gesandte,
     Und beklagen mit mir unser gemeines Geschick.

135
Wenn Antigone kommt, die schwesterlichste der Seelen,

     Und Polyxena trüb noch von dem bräutlichen Tod;
Seh ich als Schwestern sie an, und trete würdig zu ihnen,
     Denn der tragischen Kunst holde Geschöpfe sind sie.
Bildete doch ein Dichter auch mich! und seine Gesänge,

140
     Ja sie vollenden an mir, was mir das Leben versagt.

Also sprach sie und noch bewegte der liebliche Mund sich
     Weiter zu reden, allein schwirrend versagte der Ton.

[13]

Denn aus dem Purpurgewölk, dem schwebenden, immer bewegten,
     Trat der herrliche Gott Hermes gelassen hervor,

145
Mild[1] erhob er den Stab und deutete, wallend verschlangen

     Wachsende Wolken, im Zug, beyde Gestalten vor mir.
Tiefer liegt die Nacht um mich her, die stürzenden Wasser
     Brausen gewaltiger nun, neben dem schlüpfrigen Pfad,
Unbezwingliche Trauer befällt mich, entkräftender Jammer,

150
     Und ein moosiger Fels stützet den sinkenden nur.

Wehmuth reißt durch die Saiten der Brust, die nächtlichen Thränen
     Fließen, und über dem Wald kündet der Morgen sich an.

GOETHE.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS:Druckfehler (Mil) ausgebessert.