Erläuterungen zu den ersten neun Büchern der Dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus Teil I Bücher I-V

Textdaten
Autor: Saxo Grammaticus
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Titel: Erläuterungen zu den ersten neun Büchern der Dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus
Untertitel: Erster Teil, Übersetzung
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1901
Verlag: Verlag von Wilhelm Engelmann
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Paul Herrmann
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Quelle: Scan auf Commons
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[I]
1924.3292
ERLÄUTERUNGEN
ZU DEN

ERSTEN NEUN BÜCHERN

DER
DÄNISCHEN GESCHICHTE
DES
SAXO GRAMMATICUS
VON
PAUL HERRMANN




ERSTER TEIL

ÜBERSETZUNG

MIT EINER KARTE




LEIPZIG

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN

1901.

[II] [Stempel des Nassauischen Landesbibliothek Wiesbaden] [III]

Vorwort.

In der Vorrede zu meiner deutschen Mythologie habe ich als Vorarbeit zu einer Darstellung der nordischen Mythologie eine Übersetzung und Erklärung der ersten neun Bücher der dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus in Aussicht gestellt. Die erste Hälfte meines Versprechens löse ich mit der vorliegenden Übersetzung ein. Auch der zweite Teil, der die Hauptsache, den Kommentar, bringen soll, wird so bald wie möglich erscheinen. Nur ist es mir unmöglich, einen bestimmten Zeitpunkt anzugeben, da die Bewältigung des vielfach in Zeitschriften verstreuten Stoffes an einem Orte, der Hilfsmittel in keiner Weise bietet, naturgemäss geraume Zeit beansprucht. Dieser zweite Teil soll die Mythologie, Helden- und Volkssage bei Saxo bringen und seine Bedeutung für Märchen, Volkskunde und die isländisch-norwegische, sowie dänische Litteraturgeschichte klarlegen.


Schon Müllenhoff hatte wiederholt die Notwendigkeit einer deutschen Übersetzung oder vorsichtigen Bearbeitung der ersten neun Bücher nebst einem Kommentar und Untersuchungen zu diesem sagenhaften Teile betont, und als 1894 die englische Übertragung von Elton-Powell erschien, wiederholte die Kritik fast einstimmig die Klage, dass sich in Deutschland noch niemand an diese zwar schwere, aber notwendige Aufgabe gewagt habe.

[IV] „Daher kam es“, um Saxos eigene Worte anzuwenden, „dass meine Wenigkeit sich entschloss, lieber über ihre Kräfte zu streben, als der Aufforderung nicht Folge zu leisten, wiewohl sie sich der schweren Aufgabe kaum gewachsen fühlte.“ Freilich kann ich heute nicht mehr mit Saxo fortfahren: „Somit habe ich ein Werk auf meine ungeübten Schultern genommen, an dem sich kein Schriftsteller vor mir versucht hat.“ Denn inzwischen ist eine Übersetzung und Erläuterung von Hermann Jantzen erschienen, die ersten 10 Bogen im August 1899, die übrigen im Dezember 1900, und wenn diese Ausgabe den Anforderungen entsprochen hätte, die man an eine Übersetzung des Saxo zu stellen berechtigt ist, so hätte ich die von mir längere Zeit vor dem Erscheinen des Schlusses der Jantzenschen Arbeit fertig gestellte Übertragung in meinem Schreibpulte liegen lassen. Aber schon die ersten Bogen zeigten mir, dass ich mir ein ganz anderes Ziel gesteckt hatte, wie das, das Jantzen verfolgt. Bei Jantzen wird kaum ein Leser wahrnehmen, dass er es mit einer lateinischen Vorlage zu thun hat, und wenn auch bei einer Übersetzung selbstverständlich der Muttersprache nicht gerade Gewalt angethan werden darf, so muss sie doch ein treues Bild des Originals geben, und sei auch dessen Stil noch so manieriert und verzwickt. Jantzen hat ferner, um von zahlreichen Verstössen zu schweigen, eine Menge lateinischer Ausdrücke einfach unter den Tisch fallen lassen, hat nicht ausreichend auf den Sprachgebrauch Saxos auch durch Heranziehung der späteren Bücher (10-16) Rücksicht genommen, sondern sich vielfach auf die englische Übersetzung verlassen und sich die Übersetzung der Verse gar zu leicht gemacht, indem er sie nach dem Vorgange von Elton-Powell in Prosa auflöste; damit wird aber eine charakteristische Eigenart der Schreibweise Saxos getilgt. Dankenswert hingegen ist das Verzeichnis der volkskundlich-kulturgeschichtlichen Stellen bei Saxo (S. 506 bis 516).

[V] Die vorliegende Übersetzung versucht, all die eigentümlichen Züge von Saxos „Latinitas“ zur Wirkung kommen zu lassen, ohne die deutsche Sprache zu vergewaltigen. Darum sind auch die Lieder in dem Versmasse wiedergegeben, das Saxo angewendet hat, und selbst da, wo Saxos Poesie in leere Rhetorik ausartet, ist dem Original so treu wie möglich gefolgt. Anmerkungen sind nur insoweit gegeben, wie sie zum unbedingten Verständnisse des Textes notwendig sind; sie sind deshalb zumeist textkritischer Art. Vor allem aber sind die stilistischen Noten umfangreicher ausgefallen, um den zweiten Teil, den Kommentar, davon gänzlich zu entlasten. In diesem ersten Teile, der also hauptsächlich Saxos Stilform zur Geltung bringen soll, kommt demnach weniger der Germanist als der klassische Philologe zu Worte, und darum sind auch der Übersetzung die stilistischen Untersuchungen beigefügt worden.

Diese rühren nicht von mir her, sondern von Prof. Dr. C. Knabe in Torgau, der zum ersten Male wieder seit Stephanius und P. E. Müller die Frage nach Saxos lateinischen Vorbildern selbständig in grösserem Umfange aufgenommen und, soweit das klassische Altertum in Betracht kommt, auch wohl abschliessend gelöst hat. Er hat sich ferner ein ausführliches Lexikon der in allen 16 Büchern vorkommenden lateinischen Ausdrücke angelegt, sodass jedes einzelne Wort in seiner bei Saxo eigentümlichen Bedeutung festgelegt werden konnte, und er hat mir die Benutzung dieses so überaus wertvollen und notwendigen Hilfsmittels in liebenswürdigster und uneigennützigster Weise zur Verfügung gestellt. Mit gleicher Selbstlosigkeit und Aufopferung hat er mir auf Schritt und Tritt ratend und helfend zur Seite gestanden, so dass es wesentlich sein Verdienst ist, wenn die Übersetzung so ausgefallen ist, wie sie hiermit weiteren Kreisen vorgelegt wird. Wenn die Kritik das Bedürfnis dazu anerkennt, wird er gern bereit sein, einen Neudruck der

[VI] ersten neun Bücher des Originals in der heute üblichen und verständlichen Schreibweise zu veranstalten, wobei am Rande jedesmal die Quelle namhaft gemacht werden soll, aus der Saxo seinen Ausdruck entnommen hat; denn nur so kann man sich ein getreues Bild der „copia“ machen, die Saxo benutzt hat.

Noch sei bemerkt, dass am Rande der Übersetzung die Seitenzahlen von Holders Saxo-Ausgabe stehen, so dass ein Vergleich mit dem Originale keine Schwierigkeit bietet. So ist es vielleicht auch möglich, diesen ersten Teil bei Übungen im germanischen Seminar mit Studenten zu benutzen, und dass diese Übungen auch pädagogisch sehr fruchtbar sind, ist mir von verschiedenen Docenten bestätigt worden.

Torgau, Weihnachten 1900.

[VII]
Benutzte Litteratur. Ausgaben.
1. Saxonis Grammatici Historiae Danicae libri XVI. Stephanus Johannis Stephanius summo studio recognovit, Notisque uberioribus illustravit. Sorö 1644.
2. Stephanius, Notae uberiores in Historiam Danicam Saxonis Grammatici. Una cum Prolegomenis ad easdem notas. Sorö 1645.
3. Saxonis Grammatici Historiae Danicae libri XVI. E recensione Stephanii cum prolegomenis et lectionis varietate edidit Christianus Adolphus Klotzius. Leipzig 1771.
4. Saxonis Grammatici Historia Danica. Resensuit et commentariis illustravit Dr. Petrus Erasmus Müller. Opus morte Mülleri interruptum absolvit Mag. Johannes Matthias Velschow. I. Band, Text und Notae breviores. Kopenhagen 1839; II. Band, Prolegomena und Notae uberiores. Kopenhagen 1858.
5. Saxonis Grammatici Gesta Danorum, herausgegeben von Alfred Holder. Strassburg 1886.


Übersetzungen. Dänisch.
1. Den Danske Krönike af Saxo Grammaticus, übersetzt von Anders Sörensen Vedel 1610; Neue Ausgabe 1851, Kjöbenhavn.
2. Saxonis Grammatici Historia Danica paa Dansk. Seierum Schousbölle, Kjöbenhavn 1752; Übersetzung der Verse von Laurentius Thura.
3. Danmarks Krönike af Saxe Runemester, übersetzt von Nik. Fred. Sev. Grundtvig. Kjöbenhavn 1818, 1819, 1822. Vierte Auflage 1886.
4. Saxo Grammaticus Danmarks Krönike, übersetzt von Dr. Fr. Winkel Horn, illustriert von Louis Moe. 2 Bde., Kjöbenhavn-Kristiania, 1898.
5. Danske Oldkvad i Sakses Historie, übertragen von Axel Olrik. Kjöbenhavn 1898. (Bjarkemaal, Ingjaldskvaedet, Hagbard og Signe, Hildebrands dödskvad.)

[VIII]

Englisch.
6. The first nine books of the Danish History of Saxo Grammaticus, translated by Oliver Elton. With some considerations on Saxo's sources, historical methods, and folk-lore, by Frederik York Powell. London 1894.


Deutsch.
7. Altnordischer Sagenschatz in neun Büchern, übersetzt und erläutert von Dr. Ludwig Ettmüller. Leipzig 1870. [König Gram, Hadding, Frôdhi, Halfdan, Hrôdhgeir, Hêlgi, Hrôdhulf oder Hrôlf, Hödh, Hrôdhrik, Örwandil, Feng und Amleth, Wermund, Frôdhi II., III., Hiarn, Fridlêf und Frôdhi IV., Ingeld und Starkadh, Frôdhi V., Halfdan, Syrith, Hagbardh und Signy, Drôtt und ihre Söhne Hildigêr und Halfdan, Harald Hilditand, Ômund, Starkadh's Tod.]
8. Saxo Grammaticus, Die ersten neun Bücher der dänischen Geschichte übersetzt und erläutert von Hermann Jantzen, Dr. phil. Berlin 1900.


Abkürzungen.

D. A. = Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde Bd. 1–5.
Olrik = Olrik, Kilderne til Sakses Oldhistorie (I. 1892; II. 1894, København).
A f d A = Anzeiger für deutsches Altertum.
A f n F = Arkiv för nordisk Filologi.
[N] T f F = [Nordisk] Tidsskrift for Filologi.
P B B = Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur, herausg. v. Paul und Braune.
Z f d A = Zeitschrift für deutsches Altertum.
Z f d Ph = Zeitschrift für deutsche Philologie.
F A S = Fornaldarsogur, 3 Bde. 1829/30. København.
F M S = Fornmannasögur, 12 Bde. 1820/37.

[IX] 
Inhaltsverzeichnis.
Seite
I. Übersetzung.
     Saxos Vorrede................................... .......... 01
     Erstes Buch....................................... ......... 14
     Zweites Buch..................................... ......... 47
     Drittes Buch....................................... ......... 87
     Viertes Buch...................................... ....... 127
     Fünftes Buch...................................... ....... 161
     Sechstes Buch................................... ....... 230
     Siebentes Buch.................................. ....... 287
     Achtes Buch....................................... ....... 342
     Neuntes Buch...................................... ....... 403
     Anhang............................................... ....... 436
0II. Sprachliche Zusammenstellungen........ ....... 444
III. Namenverzeichnis................................ ....... 493

[1]


Saxos Vorrede.

Da alle anderen Völker sich einer Darstellung ihrer Thaten rühmen und aus der Erinnerung an ihre [1] 1 (Ausgabe von Holder).Vorfahren Genuss schöpfen können, so wünschte der oberste Bischof der Dänen, Absalon, dass auch unserem Vaterlande, für dessen Verherrlichung er stets begeistert war, diese Art von Ruhm und Gedächtnis nicht vorenthalten bliebe; deshalb hat er mir, dem geringsten aus seiner Umgebung, weil die anderen ablehnten, die Aufgabe aufgezwungen, die Thaten der Dänen in die Form der Geschichte zu bringen und hat durch das Gewicht seiner wiederholten Mahnung meinen schwachen Geist getrieben, ein Werk anzugreifen, das über meine Kräfte geht. Denn wer hätte eine Geschichte des Dänischen Landes in gebührender Weise abfassen sollen? In dem Lande, welches erst neuerdings der christlichen Kirche erschlossen war, fand sich ja auch nicht die belebende Kenntnis der lateinischen Sprache. Als dann aber mit dem Kirchenbrauche auch die Beherrschung der lateinischen Sprache sich einstellte, da war die Trägheit eben so gross, wie die (frühere) Unkenntnis, und der Faulheit Fehler waren nicht geringer, als die des geistigen Mangels. Daher kam es, dass meine Wenigkeit sich entschloss, lieber über ihre Kräfte zu streben, als der Aufforderung nicht Folge zu leisten, wiewohl sie sich der erwähnten schweren Aufgabe nicht gewachsen fühlte: da die Nachbarn sich einer Überlieferung ihrer Thaten freuten, so sollte unser Volk in den Augen anderer nicht mit der Gleichgültigkeit gegen die Vorzeit befleckt dastehen, sondern begabt mit den Denkmälern [2] einer schriftlichen Darstellung. Somit habe ich unfreiwillig ein Werk auf meine ungeübten Schultern genommen, an dem sich kein Schriftsteller der vergangenen Zeit versucht hat, und aus Scheu den Befehl zu verachten, habe ich gehorcht; die Kraft freilich erwies sich als schwächer, denn der Mut: das Selbstvertrauen, das mir das Bewusstsein meiner Schwäche versagte, entnahm ich von der Erhabenheit des Auftraggebers.

Das Geschick raffte ihn[1] vor der Vollendung meines Werkes dahin; deshalb sei Du, Andreas, den segensreiche einmütige Wahl als höchsten Bischof an jenes Ehrenplatz gestellt hat, Führer und Vertreter des Werkes. Die Missgunst der Verkleinerungssucht, die alles strahlende zu schwärzen beliebt,[2] 2 will ich durch den Schutz eines so erhabenen Beistandes zu nichte machen. Deine Brust, so fruchtbar an Kenntnis und ausgerüstet mit überströmender Fülle der verehrungswürdigen Lehren, ist gleichsam als ein heiliger Schrein himmlischer Schätze anzusehen. Gallien, Italien und Britannien hast Du durchforscht, um Wissen zu erwerben und in reicher Menge zu sammeln, nach langer Wanderung in der Fremde hast Du die glanzvolle Leitung der äusseren Schule[2] übernommen und bist ihr eine solche Säule geworden, dass Du dem Lehramte Schmuck verliehst, nicht das Amt Dir. Von da aus bist Du wegen Deiner hochragenden Ehren und rühmlichen Verdienste Kanzler des Königs geworden und hast das Amt, das auf ein bescheidenes Gebiet beschränkt war, mit so grossen Werken der Umsicht geschmückt, dass Du es bei Deinem Übertritte in Deine jetzige Ehrenstellung als eine Auszeichnung, selbst für die Männer des vornehmsten Ranges[3] erstrebenswert, hinterlassen hast. Daher triumphiert auch [3] Schonen[4] vor Freude, dass es sein kirchliches Oberhaupt nicht aus den Eingeborenen genommen, sondern von den Nachbarn[5] entliehen hat; mit Recht, denn da es löblich gewählt, verdient es auch seiner Wahl sich zu freuen. Da Du also durch Herkunft, Wissen und Geist hervorleuchtest und das Volk mit fruchtbarer Arbeit der Belehrung leitest, so hast Du Dir die Liebe Deiner Herde in reichem Masse erworben und hast das Amt, das Du auf Dich genommen, durch Deine glänzende Verwaltung zum Gipfel des Ruhms geführt. Damit Du nicht weltliche Herrschaft durch Deinen Besitz Dir anzumassen schienst, hast Du in frommer und freigebiger Zuwendung Dein reiches Erbgut den Kirchen überwiesen: den mit Sorgen verknüpften Besitz hast Du lieber mit Ehren von Dir werfen, als Dich mit der ihm anhangenden Habgier und Last beladen lassen wollen. Du hast auch ein bewundernswertes Werk der heiligen Dogmen verfasst und, immer bestrebt, die Pflichten der Kirche über die privaten Sorgen zu stellen, hast Du die, welche die Zahlung der ihr gebührenden Abgaben[6] verweigerten, durch heilsame Belehrung und Ratschläge zur Leistung der dem Heiligen zukommenden Dienste getrieben und hast das alte Unrecht gegen die Kirchen durch reiche, fromme Gabe, aufwiegen lassen. Ferner hast Du die, welche sich einem lockeren Leben hingaben und dem starken Drange der Unmässigkeit mehr als billig nachgaben, durch unablässige heilsame Mahnung und glänzendes Vorbild im einfachen Leben von der schwächenden Weichlichkeit zu einem ehrbaren Sinne bekehrt[7] und zweifelhaft gelassen, ob Du mehr durch Worte oder durch Thaten unterwiesen hast. Was also keinem Deiner Vorgänger beschieden gewesen ist, das hast Du durch weise Mahnungen allein erreicht.

[4] Die alten Dänen haben, worauf ich hier hinweisen will, wenn hervorragende Thaten der Tapferkeit vollbracht waren, [3] 3 von Ruhmeseifer durchdrungen, in Nachahmung der römischen Litteratur nicht allein einen Bericht über ihre Grossthaten in einer auserlesenen Art von Darstellung, gleichsam wie in einem poetischen Werke gegeben, sondern haben auch die Thaten der Ahnen, die durch Gedichte in der Muttersprache verbreitet waren, in Buchstaben ihrer Sprache auf Steine und Felswände eingraben lassen. In ihren Fussstapfen stehend, gleichwie auf Buchrollen des Altertums fussend, und ihrem Inhalte in treuer Übersetzung Schritt für Schritt nachgehend, habe ich Verse durch Verse wiedergegeben, und da sich meine ganze Darstellung auf diese Grundlage stützt, so mag sie nicht als jetzt frisch geschaffen betrachtet werden, sondern muss als ein Erzeugnis der alten Zeiten gelten; denn das vorliegende Werk verspricht nicht inhaltleeres Wortgepränge, sondern treue Kunde der Vorzeit. Welches gewaltige Geschichtswerk hätten wohl die Menschen dieses Geistes geschaffen, wenn sie ihren Drang zum Schreiben mit Kenntnis der lateinischen Sprache genährt hätten! Denn obwohl ihnen die Bekanntschaft mit dem römischen Worte abging, hat sie doch ein so heisses Verlangen erfüllt, ihre Thaten der Nachwelt zu überliefern, dass sie als Schriftrollen grosse Felsmassen benutzten, eine Steinplatte zur Verwendung als Schreibblatt heranzogen[8].

Auch die Thätigkeit der Isländer darf nicht von mir verschwiegen werden. Da sie wegen der natürlichen Unfruchtbarkeit ihres Landes die Mittel zu einem üppigen Leben entbehren, ein nüchternes Leben unausgesetzt führen und alle ihre Lebenszeit auf die Pflege der Kenntnis fremder Thaten verwenden, so wägen sie ihre Armut mit ihrer geistigen Tüchtigkeit auf: aller Völker Geschichte zu kennen und weiter zu geben, das ist ihnen Lebensgenuss; sie erachten es als eben so ruhmreich, fremde Heldenthaten zu schildern, wie ihre eigenen darzustellen. Ihre mit geschichtlichen Zeugnissen angefüllten Schatzkammern habe ich eifrig zu Rate gezogen [5] und einen nicht geringen Teil des vorliegenden Werkes auf der Wiedergabe ihres Berichtes aufgebaut und habe nicht verschmäht, bei denen mir Rat zu holen, die ich eine so eingehende Kenntnis des Altertums besitzen sah.

Ebenso habe ich es mir eine Sorge sein lassen, die Berichte Absalons, teils über seine eigenen Thaten, teils nach Erkundigung über fremde, in gelehrigem Sinne und Worte zu verarbeiten: das Zeugnis seiner ehrwürdigen Erzählung war mir eine Art göttlicher Unterweisung.

Dich nun, segenspendender Fürst und Vater von uns, dessen von grauer Vorzeit her erlauchte Abstammung ich schildern will, hellstrahlendes Licht des Vaterlandes, Waldemar[9], bitte ich, begleite den zaghaften Fortgang dieser Arbeit mit Deiner Gunst; denn gelähmt von der Schwere der Aufgabe fürchte ich, dass ich mehr meine Unerfahrenheit und mein geistiges Unvermögen verrate, als Deine Abstammung so schildere, wie es sich gebührt. Denn Du hast zu dem reichen väterlichen Erbgute ansehnliche Vergrösserung des Reiches durch Niederwerfung der Nachbarn vom Schicksale[4] 4 erlangt, hast die ebbenden und flutenden Wogen der Elbe in dem Kampfe um die Ausbreitung der Herrschaft in Deinen Bereich gezogen und dadurch Deinem Ruhmeskranze ein neues frisches Blatt hinzugefügt. So hast Du den Ruhm und Glanz Deiner Vorgänger durch die Grösse Deiner Thaten überholt und hast sogar das Römische Reich Deine Waffen fühlen lassen[10]. Und da Du gleich reich an Tapferkeit wie an mildem Sinne Dich zeigst, so hast Du den Zweifel gelassen, ob Du mehr die Feinde in den Kriegen schreckst, oder die Herzen der Unterthanen durch Deine Freundlichkeit gewinnst. Auch Dein hellglänzender Ahn, von unserer Kirche ehrenvoll heilig gesprochen und durch einen unverschuldeten Tod zum Ruhme der Unsterblichkeit gelangt, blendet jetzt die durch den Glanz der Heiligkeit, die er einst durch Siege [6] dem Reiche erwarb[11]. Aus seinen hochheiligen Wunden ist mehr Tugend als Blut geflossen.

Ich habe nach alter und vererbter Pflicht der Lehnsfolge Dir wenigstens mit den Kräften des Geistes zu dienen mir vorgesetzt; mein Vater und Grossvater haben in treuen Werken der Kriegsarbeit Deinem erlauchten Vater Dienste im Felde geleistet.

Auf Deine Führung und Deinen Schutz mich stützend habe ich, um das andere klarer vorzuführen, beschlossen mit einer Beschreibung der Lage unseres Landes zu beginnen: schöner werde ich die einzelnen Ereignisse darstellen, wenn die Erzählung in einem Vorberichte die zu den Ereignissen gehörenden Orte durchwandert und ihre Lage als Ausgangspunkt der Darstellung nimmt.

Die äussersten Striche also dieses Landes werden teils durch die Nachbarstriche eines andern Landes begrenzt, teils durch die Fluten eines anliegenden Meeres eingeschlossen. Die inneren Teile aber umfasst und umfliesst das Meer, welches mehrere Inseln entstehen lässt, indem es infolge der buchtenreichen Krümmungen der zwischenliegenden Länder bald zu schmalen Strassen sich verengt, bald in weiterer Bucht in die Breite sich ausdehnt. Daher hat Dänemark, von den eindringenden Meereswogen zerschnitten, nur wenige Stücke zusammenhängendes Landes, welche die grosse Unterbrechung durch die Wogen nach der wechselnden Biegung des tiefer ausbuchtenden Meeres von einander trennt. Unter diesen nimmt Jütland rücksichtlich der Grösse und Reihenfolge in der Lage die erste Stelle im Dänischen Reiche ein: es liegt dem anderen Lande vor und reicht in längerer Erstreckung der Lage bis an die Grenzen von Deutschland. Von diesem wird es durch die dazwischenfliessende Eider getrennt, nach Norden verläuft es mit erheblichem Zuwachse in der Breite bis zur Küste des Norischen Sundes[12]. In Jütland schneidet [7] der sogenannte Lim Fjord ein, der so fischreich ist, dass er den Bewohnern des Landes ebensoviel Nahrung liefert, wie der ganze Ackerboden.

An Jütland fügt sich Klein-Friesland an, welches von dem Vorsprunge Jütlands[13] an in eingeschnittener Bucht etwas zurücktritt und zu flacherem Boden sich absenkt; es bietet reichen Fruchtertrag dank der Bewässerung durch den[5] 5 einflutenden Ocean. Ob freilich die gewaltige Flut des Oceans den Bewohnern des Landes mehr Nutzen oder mehr Schaden bringt, ist zweifelhaft; denn oft durchbricht ein starker Sturm die Deiche, mit denen man dort die Fluten des Meeres abfängt, und dann bricht ein solcher Wogenschwall über das flache Land herein, dass er bisweilen nicht allein das bebaute Land, sondern auch die Häuser mit den Menschen überflutet[14].

[8] Hinter Jütland findet man nach Osten zu die Insel Fünen, die vom Festlande nur eine sehr schmale Strasse trennt (der kleine Belt). Wie diese Insel im Westen nach Jütland schaut, so schaut sie im Osten nach Seeland, das ob seines hervorragenden Reichtums an Lebensbedürfnissen zu preisen ist. Diese Insel, welche weitaus der schönste Teil unseres Landes ist, bildet gleichsam die Mitte von Dänemark, da sie von den äussersten Grenzlinien in gleichen Zwischenräumen absteht. Von Seelands Ostseite trennt die Westseite Schonens eine Meerenge, welche jährlich eine reiche Beute an Fischen in die Netze der Fischer zu liefern pflegt: der ganze Meeresarm füllt sich gewöhnlich so mit Fischen, dass manchmal die Schiffe fest stehen und kaum mit angestrengtem Rudern herauszubringen sind, und dass die Beute nicht mehr mit einer künstlichen Vorrichtung gefangen, sondern ohne weiteres mit der Hand gegriffen wird.

Die Landschaften Halland und Blekinge laufen vom Rumpfe Schonens wie zwei Zweige aus dem Stamme eines Baumes aus und schliessen sich an Gotland und Norwegen in langhin abbiegenden Räumen und mannigfachen Unterbrechungen durch Buchten an. In Blekinge ist ein Felsen zu sehen, über den ein Weg geht, mit seltsamen Schriftzeichen geschmückt. Nämlich von dem südlichen Meere erstreckt sich in die Einöde von Värnsland ein Felsenpfad, welchen zwei Linien, wenig von einander abstehend, aber lang hingezogen, durchqueren; die Fläche zwischen diesen Linien zeigt sich überall bedeckt mit Figuren, zum Lesen bestimmt; wenn auch diese Fläche ihrer Lage nach insoweit uneben ist, als sie hier über den hohen Berg verläuft, dort die Thalsohle streift, so bietet sie doch die Buchstabenmerkmale in einem fortlaufenden Zuge. Die Bedeutung dieser Schrift wollte der König Waldemar, der glückliche Nachkomme des heiligen Knud aus Bewunderung kennen lernen; er schickte also Leute hin, die über den Felsen gehend die Reihe der dort zu Tage tretenden Schriftzeichen in sorgfältiger Erforschung sammeln und durch gewisse Striche unter denselben Bildnisumrissen kennzeichnen sollten. Sie konnten aber keine Deutung aus ihnen gewinnen, weil die Vertiefung der Eingrabung teils [9] mit Schmutz ausgefüllt, teils durch die Tritte der Reisenden abgelaufen war, und somit infolge der Abnutzung des [6] 6Fusssteiges das Bild der lang hingezogenen Zeichnung undeutlich geworden war. Daraus ist zu ersehen, dass auch Rinnen im harten Steine, wenn sie von langdauernder Nässe getränkt werden, entweder durch Ansammlung von Schmutz oder durch Auffallen der Regentropfen sich ausgleichen und verschwinden[15].

Da dieses Land Schweden und Norwegen benachbart und sprachlich verwandt ist, so will ich auch dieser Reiche Teile und Klima, wie die von Dänemark, erwähnen. Diese Länder, unter dem Nordpole liegend und nach dem Bootes und grossen Bären blickend, erreichen mit ihrem letzten Verlaufe den Parallel der kalten Zone; nördlich von ihnen lässt die überaus strenge Kälte menschliche Ansiedelungen nicht zu. Norwegen ist durch die Bestimmung der Natur ein unschönes Gebirgsland, unfruchtbar durch seine Felsen und überall von Klippen besetzt; es veranschaulicht auch durch die Öde seiner Felder die widerwärtige Rauheit des Bodens. In seinem nördlichsten Teile verbirgt sich das Tagesgestirn auch in der Nacht nicht, sodass die ununterbrochene Anwesenheit der Sonne, die keine Abwechselung von Tag und Nacht zulässt, beide Zeiten mit gleichmässiger Spendung des Lichtes bedient.

Auf der Westseite von Norwegen findet sich, vom Weltmeere umspült, eine Insel, welche Eisland (Island) genannt wird, ein nur schwach bewohnbares Land, von dem aber Wunderdinge zu berichten sind. Dort ist eine Quelle, welche durch die böse Eigenschaft ihres dampfenden Wassers jedes Dinges natürliche Beschaffenheit vernichtet: was von der Ausströmung dieses Wassers besprengt wird, das wird in harten Stein verwandelt. Es ist zweifelhaft, ob diese Erscheinung mehr wunderbar, oder mehr gefährlich ist, da eine solche [10] Starre in dem flüssigen, weichen Wasser steckt, dass es alles, was mit ihm in Berührung kommt und von seinem rauchenden Dampfe befeuchtet wird, plötzlich in wirklichen Stein verwandelt, so dass nur die äussere Gestalt noch bleibt. Es soll dort auch noch mehrere andere Quellen geben, die durch Wasserzufluss zu Zeiten steigen, ihr Becken ausfüllen, übertreten und einen Tropfenregen nach oben werfen; zu andern Zeiten schläft ihr Sprudel ein, sie sind kaum in der Tiefe noch sichtbar und werden von Höhlen unten im Innern der Erde verschluckt. So kommt es, dass sie zur Zeit ihres Übertretens ihre Umgebung mit weissem Schaume bespritzen, zur Zeit ihres Rückganges selbst für ein scharfes Auge nicht sichtbar sind. Auf dieser Insel ist auch ein Berg, der infolge des Aufwallens eines ununterbrochenen Brandes einem zum Himmel reichenden Berge gleicht und ewigen Brand durch ununterbrochenes Ausspeien von Flammen unterhält. Diese Erscheinung ist ebenso wunderbar, wie die vorher erwähnten, insofern das Land, das doch äusserst kaltes Klima hat, so[7] 7 reichlich die Mittel für diese Hitze in sich schliesst, dass es das ununterbrochene Feuer mit versteckter Nahrung versehen und ewige Anregung für die Erhaltung der Gluten gewähren kann. An diese Insel wälzt sich auch zu fest bestimmten Zeiten eine endlose Menge von Eis heran. Wenn dieses naht und auf die rauhen Klippen auftreibt, da hört man aus der Tiefe gebrochene Stimmen und mannigfaches Getöse seltsamen Geschreis, wie wenn die Klippen brüllten. Daraus ist der Glaube entstanden, dass dort die Seelen, die wegen eines schuldvollen Lebens zu Strafen verdammt sind, in der grossen Kälte ihre Sünden abbüssen. Ein abgehauenes Stück dieser Eismasse entschlüpft dem festen Verschlusse, wenn das obenerwähnte Eis vom Lande sich lostrennt, mag es auch in noch so enger Umschlingung und Verknotung verwahrt sein. Der Sinn staunt voller Verwunderung, wie eine Sache, die mit unauflöslichen Riegeln versperrt und durch vielfache Verschlingung von Hemmnissen eingeschlossen ist, in der Weise dem Abzuge der Masse, von der sie ein Teil war, nachfolgt, dass sie alle Sorgfalt der Überwachung durch unabwendbares [11] abwendbares Entschlüpfen wirkungslos macht. Es giebt dort noch eine andere Art von Eis, zwischen den Bergzügen und Felsen lagernd, das in bestimmtem Wechsel mit einer Art Drehbewegung sich umlegt, indem das Obenlagernde nach unten sinkt, und das Untenlagernde wieder nach oben gelangt. Zur Bekräftigung dieser Angabe wird angeführt, dass Leute, die bei einer Wanderung über die Eisfläche in Abgründe auf ihrem Wege und in die Tiefe von gähnenden Spalten gerieten, wenig später leblos[16] gefunden worden seien, wo kein Risschen im Eise an der Oberfläche sich zeigte. Man nimmt daher allgemein an, dass die Menschen, welche die trichterförmige[17] Vertiefung im Eise verschluckt hat, sie dann, wenn sie nach oben zu liegen gekommen sei, wiedergegeben habe. Dort soll auch eine Quelle todbringenden Wassers sprudeln; wer von ihm trinkt, wird wie von Gift hingestreckt. Es giebt auch andere Quellen, deren Sprudel dem Geschmacke des Bieres nahe kommen soll. Es giebt auch Arten von Feuer, die zwar Holz nicht verzehren können, wohl aber auf dem weichen Wasser ihre Nahrung finden. Es giebt auch einen Stein, welcher über die Felsabhänge nicht infolge eines äusseren Anstosses, sondern aus ihm eigener und zu seiner Natur gehörenden Bewegung herabfliegt.

Um die Beschreibung Norwegens etwas eingehender zu geben, führe ich an, dass es, im Osten an Schweden und Gotland grenzend, auf beiden Seiten von den Gewässern des anliegenden Meeres eingeschlossen ist. Im Norden blickt es auf ein Land unbekannter Lage und Namens, ohne menschliche Kultur, aber reich an Völkern von wildseltsamer Natur, welches von den gegenüberliegenden Strichen Norwegens ein grosses, zwischenflutendes Meer trennt. Dieses bietet nur unsichere Seefahrt und hat nur wenigen, die sich ihm [8] 8anvertraut, heile Rückkehr geschenkt.

[12] Der obere Arm des Oceans, der an Dänemark zerschneidend vorübergeht, bespült in einem Busen breiterer Ausdehnung die Südseite von Götland, der untere aber, der an der Nordküste von Götland und von Norwegen vorüberzieht, wendet sich nach Osten, wird immer breiter und wird durch eine Krümmung des Festlandes begrenzt. Dieses Meeresende haben die Alten unseres Volkes Ganduik genannt. Zwischen dem Ganduik und dem südlichen Meere erstreckt sich nur ein schmaler Streifen Festland mit der Aussicht auf beide heranspülende Meere; wenn ihn nicht die Natur wie einen Grenzrain den beinahe sich vereinigenden Fluten entgegengeworfen hätte, so würde der Zusammenfluss der Meere Schweden und Norwegen zu einer Insel gemacht haben[18].

Die östlichen Striche dieser Länder bewohnen die Schritfinnen. Dieser Stamm, gewöhnt an seltsame Fortbewegungswerkzeuge[19], sucht im Jagdeifer die unzugänglichen Berghöhen auf und erreicht, was ihm gefällt, auf dem Umwege windungsreicher Abbiegung vom geraden Wege. Kein Berg ragt so steil, auf dessen Gipfel es nicht mit kluggewähltem Umwege im Laufe gelangt. Denn wenn es die Tiefe der Thäler verlässt, so gleitet es um den Fuss der Felsen in gewundener Kreisbahn und durchläuft so seinen Weg mit wiederholter Ausbiegung zur Seite, bis es auf gewundener und gekrümmter Bahn die als Ziel ins Auge gefasste Spitze erreicht. Dieses Volk pflegt bei den Nachbarn die Felle gewisser Tiere als Waare zu verhandeln.

Schweden, welches nach Westen auf Dänemark und Norwegen blickt, wird im Süden und auf einem grossen Teile des Ostens vom Meere umflossen; hinter ihm im Osten findet sich eine mannigfache Anhäufung von verschiedenen Barbarenstämmen.

Dass das Dänische Land dereinst von Riesen bewohnt war, bezeugen die grossen Steine, welche auf den Gräbern [13] und Grotten der Alten befestigt sind. Wenn jemand in Frage stellt, dass das ein Werk von Riesenkraft ist, der schaue die Höhen gewisser Berge an und sage, wenn er’s weiss, wer auf diese Gipfel so grosse Blöcke geschafft hat; unbegreiflich muss es jeder, der dieses Wunder abschätzt, finden, wie eine Masse, die auf ebener Erde nicht oder nur schwer bewegbar ist, auf den hohen Berggipfel einfache menschliche Arbeit oder eine alltägliche Anstrengung menschlicher Kraft hinaufgeschafft hat. Ob aber die Vollbringer solcher Werke nach dem Ablaufe der Sintflut Riesen gewesen sind, oder Menschen mit übermenschlicher Körperkraft begabt, davon ist keine zuverlässige Kunde auf uns gekommen. Solchen[20] verleiht, wie[9] 9unsere Leute behaupten, die verwandelbare Natur ihres Körpers die wunderbare Macht, im Nu bald nahe, bald fern zu sein, wechselnd zu erscheinen und unter der Hand zu verschwinden; sie sollen noch heute die rauhe und unzugängliche Einöde bewohnen, die ich oben erwähnt habe; der Zugang zu ihr, mit schrecklichen Gefahren besetzt, schenkt selten einem, der ihn versucht, glückliche Rückkehr.

Nunmehr lenke ich meine Darstellung der eigentlichen Aufgabe zu.

[14]


Erstes Buch.

Dan also und Angul, mit denen der Stamm der Dänen begonnen hat, Söhne des Humblus, sind nicht allein die Urväter unseres Volkes, sondern auch seine Herrscher gewesen. Dudo freilich, der Geschichtsschreiber von Aquitanien[21] meint, die Dänen stammten von den Danaern und seien nach ihnen benannt. Obwohl Dan und Angul die Herrschaft unter freudiger Zustimmung des Landes ergriffen und die Leitung des Staates wegen der hervorragenden Verdienste ihrer Tapferkeit ohne Widerspruch von seiten der Unterthanen erlangten, blieben sie doch ohne den Königsnamen, dessen Verwendung damals bei unseren Landsleuten noch nicht durch das Gewicht der Gewohnheit üblich geworden war.

Der eine von diesen beiden, Angul, von dem, wie die Geschichte lehrt, das Volk der Angeln seinen Ursprung genommen hat, verknüpfte seinen Namen mit dem Lande, dem er vorstand: er sollte mit diesem geringen Erinnerungsmale eine ewig dauernde Kenntnis von sich fortpflanzen. Seine Nachfolger nämlich eroberten später Britannien und tauften die Insel um nach dem Namen ihres Vaterlandes. Diesem Ereignisse wurde von den Alten grosse Bedeutung beigelegt. Zeuge ist Beda, einer der hervorragendsten unter den Kirchenschriftstellern[22], welcher, in Anglien geboren, sich zur Aufgabe machte, in die hochheiligen Schätze seiner Bücher auch vaterländische Ereignisse aufzunehmen: er hielt es ebensogut [15] für religiöse Pflicht, die Geschichte des Vaterlandes durch die Schrift zu erhellen, wie im Dienste der Kirche schriftstellerisch thätig zu sein.

Von Dan aber (wie die Vorzeit sagt) ist, wie aus einem Urquell hergeleitet, die Ahnenreihe unserer Könige in ruhmreicher Aufeinanderfolge hergeflossen. Er hatte zu Söhnen Humblus und Lotherus, von der Grytha, einer Frau aus Deutschland von hohem Adel.

Wenn unsere Vorfahren einen König wählen wollten, so pflegten sie auf Steine zu treten, die in dem Boden hafteten und so ihre Stimmen abzugeben; die Festigkeit der Steine, [11] 11auf denen sie standen, sollte der Handlung festen Bestand vorbedeuten. In dieser Form wurde Humblus, als sein Vater schied, als erster mit diesem Ehrentitel vom Lande zum Könige gewählt, wurde aber durch die Tücke seines späteren Geschicks aus einem Könige wieder ein Privatmann. Im Kriege nämlich wurde er von Lother gefangen genommen und erkaufte sich sein Leben durch Thronentsagung; dieser Weg der Rettung wurde dem Besiegten allein gestattet. So durch das Unrecht des Bruders gezwungen der Herrschaft zu entsagen, gab er den Menschen ein Zeugnis, dass den Höfen zwar mehr Glanz, aber auch weniger Sicherheit als den Hütten eigne. Übrigens trug er die Unbill so ergeben, dass man glauben konnte, er freue sich der Einbusse an Rang wie einer Wohlthat, womit er, wie ich schätze, einen scharfen Blick für die Eigenheit der Stellung eines Königs zeigte. Lother aber war als König nicht besser, denn als Vasall, so dass er geradezu durch Überhebung und Verbrechen seine Herrschaft einweihte; er betrachtete es als eine tüchtige That, alle hervorragenden Männer des Lebens oder der Güter zu berauben und das Land von guten Bürgern leer zu machen; er sah in denen, die ihm an Adel gleichstanden, Nebenbuhler um die Herrschaft. Die Strafe für seine Frevelthaten blieb nicht lange aus: er wurde in einer Empörung des Landes erschlagen: Aufruhr hatte ihm die Herrschaft geschenkt, Aufruhr nahm ihm das Leben.

Sein Sohn Skioldus hatte von ihm die Natur, nicht den [16] Charakter geerbt: mit grosser Sorgfalt wandelte er in seinem zarteren Alter weit ab von den Bahnen der ihm angebornen Schlechtigkeit und entging der Ansteckung durch des Vaters böses Vorbild. Wie er also weise von den Fehlern des Vaters sich los sagte, so entsprach er glücklich den guten Eigenschaften des Grossvaters; er nahm sich somit den weiter zurückliegenden, aber besseren Anteil an dem Familiencharakter zu eigen. In seiner Jugend schon wurde er unter den Jägern seines Vaters berühmt durch die Bezwingung eines ungeheuren Tieres, und der bewundernswerte Ausgang der Sache war eine Vorbedeutung für seine zukünftige Tüchtigkeit. Als er nämlich von seinen Erziehern, die sich ihrer Aufgabe mit aller Hingebung widmeten, die Erlaubnis erhalten hatte, einer Jagd zuzusehen, kam ihm ein Bär von ungewöhnlicher Grösse in den Weg; eine Waffe hatte er nicht, deshalb band er ihn mit dem Gürtel, den er trug, und machte es so seinen Begleitern leicht, ihn tot zu schlagen. Aber auch viele Kämpen von erprobter Tapferkeit sind von ihm der Überlieferung nach im Einzelkampfe damals überwunden worden, unter denen Attalus und Skatus hervorragend berühmt waren. Fünfzehn Jahre alt bot er bei ungewöhnlichem Wachstume das vollendete Muster männlicher Kraft und so hervorragend waren die Bethätigungen seiner Naturanlage, dass nach ihm die andern dänischen Könige mit Gemeinbezeichnung Skioldunge genannt wurden. Er trieb auch die, welche ein verderbtes und weichliches Leben führten und die Selbstbeherrschung von dem Hange zum Wohlleben erschüttern liessen, durch das Vorbild seiner regen Thätigkeit an, sich einem tüchtigen Leben zuzuwenden.

[12] 12Skiold eilte also der vollen Entwicklung der Körperkraft durch seine geistige Reife vorauf und focht Kämpfe aus, bei denen er nach seinen jungen Jahren kaum hätte Zuschauer sein können. In dieser Entwickelung der Jahre und der Tüchtigkeit kämpfte er auf Herausforderung wegen der Alvilda, der Tochter des Königs der Sachsen, um die er ob ihrer vollendeten Schönheit warb, mit Skat, dem Herzoge der Alemanen, der sich auch um das Mädchen bewarb, unter [17] den Augen des Heeres der Deutschen und der Dänen; er tötete ihn und brachte den ganzen alemannischen Stamm, als durch den Tod seines Führers im Kriege besiegt, in tributpflichtige Abhängigkeit. Er machte sich nicht allein durch die Waffen, sondern auch durch seine Vaterlandsliebe bemerklich. Ruchlose Gesetze schaffte er ab, heilsame gab er, und alles, was zur Hebung des Vaterlandes diente, setzte er mit grosser Sorgfalt ins Werk. Auch die Herrschaft, die durch die Schlechtigkeit des Vaters verloren war, errang er wieder durch seine Tüchtigkeit. Als erster erliess er ein Gesetz über den Widerruf von Freilassungen. Da ein Sklave, dem er die Freiheit geschenkt hatte, ihm heimlich nach dem Leben trachtete, setzte er die scharfe Bestrafung fest, gleich als ob es billig wäre, dass das Vergehen eines einzelnen die Bestrafung aller Freigelassenen zur Folge habe. Aller Schulden bezahlte er aus seinem Schatze und wetteiferte so zu sagen mit anderen Königen an Tapferkeit, Freigebigkeit und Milde. Kranke versah er mit Pflege und gewährte gütig den Schwerkranken Heilmittel; damit bezeugte er, dass er die Sorge für das Vaterland auf sich genommen habe, nicht für sich. Die Vornehmen ehrte er nicht allein durch Zuwendungen zu Hause, sondern auch durch die den Feinden abgenommene Beute und pflegte zu sagen, das Geld müsse den Kriegern, der Ruhm dem Führer zufliessen.

Das Mädchen, um welches er gekämpft hatte, erhielt er, befreit von dem scharfen Mitbewerber, als Kampfpreis und nahm sie in die Ehe. Sie gebar ihm bald einen Sohn, Gram. Dessen wunderbare Anlage gab so sehr die tüchtigen Eigenschaften des Vaters wieder, dass sie vollständig in deren Spuren ihren Lauf zu machen schien. Seine mit den hervorragendsten Gaben des Leibes und der Seele ausgerüstete Jugend führte er zum höchsten Gipfel des Ruhms, und von den Nachkommen wurde seiner Grösse eine solche Bedeutung beigelegt, dass in den ältesten dänischen Gedichten mit seinem Namen die erlauchten Könige genannt werden. Was zur Stärkung und Ausbildung der Kräfte dient, das handhabte er mit angestrengter Rührigkeit. Bei den Kämpen lernte er [18] in eifriger Übung die Kunst, Hieb zu meiden und zu führen. Seines Erziehers Roarius Tochter, ihm gleichaltrig und seine Milchschwester, nahm er zur Frau, um desto besser den Dank für seine Pflege im Kindesalter abzustatten; später [13] 13 gab er sie als Belohnung einem gewissen Bessus zur Gemahlin, weil er von ihm häufig tüchtige Hülfe gehabt hatte. Auf ihn als Genossen in seinen Kriegswerken gestützt, hat er es schwer zu entscheiden gemacht, ob er mehr Ruhm durch seine eigene Tüchtigkeit oder durch die des Bessus erworben hat.

Als er die Kunde erhielt, das Gro, die Tochter des Schwedenkönigs Sigtrugus einem Riesen in die Ehe versprochen sei, äusserte er in heftigen Worten seinen Abscheu über einen des königlichen Blutes so unwürdigen Bund und begann Krieg gegen Schweden: gleich dem tapferen Herkules wollte er dem Unterfangen der Ungeheuer entgegen treten. Als er nun in Götland, um die ihm Begegnenden zu schrecken, mit Bocksfellen bekleidet einherzog, und, mit bunten Tierhäuten angethan, eine erschreckliche Keule in der Rechten, die Tracht der Riesen nachahmte, da begegnete ihm auf seinem Wege Gro, wie sie zufällig mit nur wenigen Mägden zu einem Waldsee zum Bade ritt. Sie meinte, der Verlobte kreuze ihren Weg und erschrak auch nach Weiberart über die seltsame, struppige Kleidung, zog die Zügel an und begann, am ganzen Körper heftig zitternd, mit einem Liede in der Muttersprache also:

Seh’ ich den Riesen hier kommen, dem Auge des Königs verborgen[23],
     Hüllt sein nahender Schritt schon mir in Schatten den Pfad?

20
Nein, noch mag ich’s nicht glauben, es äfft mich der Blick nur der Augen:

     Oft schon im Felle des Tiers barg sich des Helden Gestalt.

Darauf begann Bessus also:0 0Kündende Antwort:
Jungfrau ! des Rosses 0Nenne den Namen,
Lenkerin, schenke 0Nenne den Stamm uns,
25
Huldvoll in Gnaden
0Dem Du entsprossen.

[19] 

Gro:
35
     Heeresschar Sigtrug;
Gro ist mir Name,           An den unselgen
König der Vater,           Pfahl wird er heften
Strahlend an Sippe,           [15] 15Fesselnd mit Stricken
Glänzend in Kriegsruhm.           Euch dann den Nacken;
35
Du auch, wer bist Du?     
     Starre des Todes
Wo Deine Heimat?           Bringt Euch die Schlinge;
Künde es schnell mir.     
5
     Finsteren Blickes
[14] 14Bessus:      Gierigen Raben
Bessus man nennt mich,           Wirft er zum Frass Euch.
Tapfer im Kampfe,           Bessus:
Trotzend den Feinden,           Früher wird Gram ihn
5
Schrecklich den Völkern.     
10
     Weihen dem Tode,
Oftmals in Schlachten           Senden zum Orkus,
Tränkt’ ich mit fremdem           Als das Geschick ihm
Blute die Rechte.           Schliesst seine Augen.
       Wirbelnd im Schwindel
Gro:      
15
     Wird er ihn schleudern
10
Wer ist Euch, sag’ mir,     
     Tief in das Dunkel.
Führer des Heerzugs?           Nimmer wir fürchten
Wes ist die Fahne,           Heere der Schweden.
Zeichen des Krieges?           Dräue nicht, Jungfrau!
Wer in den Schlachten     
20
     Schmachvollen Tod uns,
15
Lenkt Euch die Reihen?     
     Trauriges Ende!
Wessen Gebote     
Folgt ihr zur Reise?           Gro:
       Auf, ich will scheiden,
Bessus:      Suchen des Vaters
Gram ist der Lenker,     
25
     Heimische Stätte;
20
Glücklich im Kampfe;     
     Nicht will ich schauen
Furcht nicht vermag ihn,           Trotzig des nahen
Kraft nicht zu beugen.           Bruders Geschwader.
Lodern des Brandes,           Euch auf dem Rückpfad[24]
Blitzen des Schwertes,     
30
     Fälle, so wünsch ich,
25
Brausen der Meerflut     
     Schicksal des Todes.
Schreckte ihn nimmer.     
Waffen des Helden,           Bessus:
Glänzend im Golde,           Eile Du freudig,
Tragen wir, Jungfrau!           Tochter zum Vater,
       Nicht aber wünsche
Gro:      Schleunigen Tod uns,
Lenket die Schritte           Lass nicht das Herz Dir
Hastig zur Umkehr!     
Oder Euch alle     
Fängt mit der eignen     

 [20] 

[16] 16Klopfen im Zorne.           Erst sich versagend,
Denn auch dem Freier,     
5
     Giebt doch zuletzt sich
Spröde der Werbung           Willig die Jungfrau.

Nunmehr ahmte Gram mit rauhen Tönen die schreckliche Stimme eines Riesen nach und redete, unfähig länger zu schweigen, die Jungfrau mit folgenden Worten an:

10
Fürchte nicht, Jungfrau! in mir den Bruder des tobenden[25] Riesen

     Nicht, weil Du nahe mich siehst, bleiche die Wangen Dir Furcht.
Ich, den Grip[26] Dir gesandt, ich suche das Lager Jungfrau
     Nur, wenn sie willig sich giebt, nur, wenn sie öffnet den Arm.

Gro:

15
Sinnlos acht’ ich das Weib, das sich giebt als Buhle dem Riesen,

     Sinnlos, das ohne Zwang teilt eines Unholdes Bett.

     Wer wohl möchte, des Dämons Weib,
Graunvoll warten des Schrats, den ihr der Unhold zeugt,
Und mit des wilden Riesen Leib’

20
Teilen das Lager in Furcht und Abscheu?


     Wer will streicheln die Hand mit Dorn,
Wer will schmutzigen Kot küssen mit reinem Mund,
Gesellen zu ungleichem Bund’
Zierliche Glieder mit struppig-rauhen?

25
     Wo Natur widerstrebt dem Bund’,

Dort beut nimmer Genuss tändelnde Liebeslust;
Unholden Riesen blühet nicht
Liebliches Kosen der Frauenliebe.

Gram:

30
Oft schon mächtiger Fürsten Haupt

Siegreich schlug meine Hand nieder im Kampfgewühl
Dem stolzen Trotz des Feindes wich
Nie meine Rechte besiegt im Streite.

     Nimm rotstrahlendes Gold nun hin,

35
Mit unlöslichem Band’ binde die Gabe uns,

Und ewig sei die Treue fest,
Fest ohne Wandel, in unserm Bunde.

 [21] Mit diesen Worten riss er die Vermummung ab und [17] 17 liess die natürliche Schönheit seines Antlitzes sehen; sein wahrer Anblick[27] flösste dem Mädchen beinahe ebensoviel Wonnegefühl ein, wie ihr der verstellte Furcht erregt hatte; durch seine blendende Erscheinung vermochte er sie auch zum Beilager und versäumte nicht, sie mit den Gaben der Liebe zu bedenken. Auf seinem weiteren Wege erfuhr er von Begegnenden, dass an der Strasse zwei Räuber lauerten. Als diese gierig hervorbrachen, um ihn zu berauben, tötete er sie durch einen blossen Stoss. Er wollte aber die Meinung nicht aufkommen lassen, dass er damit dem feindlichen Lande eine Wohlthat habe erweisen wollen ; deshalb band er die Leichen der erschlagenen an untergelegte Pfähle und reckte sie hoch, so dass es aussah, als stünden sie auf ihren Füssen; sie sollten die, denen sie im Leben geschadet, noch nach dem Tode mit dem Scheine erschrecken, sie sollten auch nach ihrem Tode noch Furcht einflössen und den Weg eben so durch ihr Bild, wie vorher durch ihre That unsicher machen. Also hat er bei der Erlegung der Räuber nur sein Wohl im Auge gehabt, nicht den Vorteil des schwedischen Landes; denn dass er dieses sehr hasste, hat er durch dieses merkwürdige Verfahren sattsam kund gethan.

Als er von den Wahrsagern erfuhr, dass Sigtrug nur mit Gold überwunden werden könne, band er sofort an seine hölzerne Keule einen Knoten von Gold, und mit ihr versehen erreichte er seinen Wunsch in dem Zweikampfe mit dem Könige. Diese That hat Bessus mit Lob und Preis gefeiert in folgendem Gedichte:

     Gram, der Held, der glücklichen Keule Träger,
Unaufhörlich schlug er die Streiche, wehrte
Ohne Schwertschlag, nur mit dem Holz, des Gegners
Kräftige Hiebe.

25
     Nur des Schicksals und des Gebots der Götter

Diener, brach er schmählich den Stolz der Schweden,
Als des Goldknaufs tödlicher Schlag zu Boden
Streckte den König.

 [22] 

     Nicht unkundig listiger Kampfesränke

30
Schwang er fest zufassend den roten Baumast,

Streckt’ im Sieg mit schimmerndem Streiche nieder
Rücklings den Fürsten.

     Dem das Schicksal wehrte den Tod durchs Eisen,
Den traf listvoll Gram mit dem starren Golde;

35
Mit dem Gold, dem besseren – Schwert war nutzlos –

Schlug er die Streiche.

[18] 18Ewig strahlend leuchtet das goldne Kleinod,
Feiern wird noch herrlich es stets die Sage,
Dem sein Bildner, glücklich im Siegeskampfe,
Ehre und Ruhm schuf.

Nachdem er den Schwedenkönig Sigtrug getötet hatte, wünschte Gram das mit den Waffen erworbene Reich in sicherem Besitze zu haben, forderte deshalb den Statthalter von Götland, Suarinus, weil er des Strebens nach der Herrschaft verdächtig erschien, zum Kampfe und erschlug ihn; ebenso erlegte er sieben Brüder von ihm in rechter Ehe, und neun von einer Kebse geborne, in ungleichem Kampfe, als sie Rache nehmen wollten für den Tod des Bruders.

Wegen seiner Heldenthaten gewährte ihm sein greiser Vater Anteil an der Regierung und hielt es für nützlicher und auch bequemer, die Leitung des Staates mit seinem Sohne zu teilen, als sie, schon dem Grabe nahe, ohne Mitregenten zu führen.

Da nun Ringo, ein Mann von vornehmer Herkunft aus Seeland, den einen von ihnen als unreif für die Ehre, den anderen als bereits entkräftet betrachtete, so wiegelte er, indem er das schwache Alter an beiden schalt, den grösseren Teil der Dänen zu dem Versuche eines Umsturzes auf; der eine, sagte er, sei ungeeignet für die Königsgewalt infolge der Faselei seines kindlichen, der andere der seines greisenhaften Sinnes. Jedoch im Kampfe von ihnen zu Boden getreten, gab er den Menschen die Lehre, dass man kein Lebensalter als unvereinbar mit Tüchtigkeit betrachten darf.

Auch noch andere Thaten mehr sind von König Gram zu berichten: Als er zum Kriege gegen Sumblus, den König der Finnen, geschritten war, legte er beim Anblicke von [23]  dessen Tochter Signe die Waffen nieder, wurde aus einem Feinde ein Freier und schloss den Verlobungsvertrag mit ihr, indem er versprach, sich von seiner Gemahlin (Gro) zu scheiden. Als er aber ganz in Anspruch genommen war von einem Norwegischen Kriege, den er gegen den König Swibdagerus wegen der Schändung der Schwester und Tochter unternommen hatte, musste er erfahren, dass die Signe von dem treulosen Sumblus dem Sachsenkönige Heinrich zur Ehe versprochen war; da verliess er, mit grösserer Liebe an dem Mädchen hangend, als an seinen Mannen, das Heer, eilte in aller Stille nach Finnland und kam noch zum Beginne der Hochzeit. Da nahm er ein ganz verschlissenes Kleid und setzte sich bei Tische dahin, wo die niedrigen sassen. Gefragt, was er bringe, gab er sich für einen Arzt aus. Als zuletzt alle von Trunkenheit troffen, da richtete er seinen Blick auf das Mädchen, und mitten unter den Freuden des lärmenden Gastmahls gab er seinen grossen Unwillen kund in folgendem Sange, voll von Verwünschung des Wankelmutes der Weiber und von dem Preise seiner eigenen Grossthaten:

Einst gegen acht schwang ich allein Speere, des Todes Boten,[19] 19
Andere neun schlug mir das Schwert, rasch, das zum Streich gezückte,
Als ich den Suarinus erschlug, weil er in frechem Mute
Würde ergriff, Namen sich gab wider Gebühr: und nachmals

5
Hab’ ich noch oft, blutend von Mord, triefend vom Blut des Feindes

Rot mir gefärbt Eisen des Schwerts; nie hat das Herz gebangt mir,
Nicht bei des Schwerts klirrendem Klang, nicht bei dem Glanz des Helmes.
Jetzt nun in Schmach wirft mich beiseit’ Signe, des Sumblus Tochter,
Anderer Wunsch füllt ihr das Herz, hat sie doch altes Bündnis

10
Frevelnd gelöst, ruchlose Lieb hat sie ins Herz genommen;

Wahrlich, ihr Thun klage ich an weibischen Wankelmutes,
Denn sie verstrickt edelen Mann, lockt ihn und raubt die Ehre,
Hohe Geburt wird ihr voraus Opfer des frevlen Truges,
Keinem verbleibt treu sie und fest, immer nur schwankt sie haltlos,

15
Doppeltes Spiel zweifacher Lieb übt sie in stetem Wechsel.

Und kaum hatte er das Wort gesprochen, da sprang er von seinem Sitze auf und erschlug den Heinrich am geheiligten Tische in den Armen seiner Freunde, riss die Braut mitten aus den Brautjungfern weg und brachte sie, nachdem [24]  er einen grossen Teil der Gäste niedergestreckt hatte, auf seinem Schiffe in seine Heimat. So wurde also die Hochzeitsfeier in eine Leichenfeier verwandelt, und die Finnen konnten sich die Lehre daraus entnehmen, dass man seine Hände nicht nach der Braut eines anderen ausstrecken darf.

Nach diesen Thaten wurde Gram, als er die Unbill der Entehrung der Schwester und des Angriffs auf die Keuschheit der Tochter rächen wollte, von dem norwegischen Könige Swibdager erschlagen. In dieser Schlacht kämpften merkwürdigerweise sächsische Truppen mit, die aber nicht sowohl die Zuneigung zu Swibdager trieb, ihm Hülfe zu leisten, als der Wunsch, Heinrich zu rächen.

Die Söhne des Gram, Guthormus und Hadingus, der eine Sohn der Gro, der andere Sohn der Signe, wurden von ihrem Erzieher Brache, weil Swibdager Dänemark besetzte, zu Schiffe nach Schweden geschafft und den Riesen Vagnophtus und Haphlius zum Aufziehen und Beschützen übergeben.

Wenn ich kurz deren Thaten durchsprechen will, so verlohnt es sich zu wissen, dass dereinst eine dreifache Art von Zauberern unerhörte Wunder durch geheime Zauberkünste vollbracht hat; denn so werde ich den Schein vermeiden, dass ich kühn Dinge behaupte, welche der allgemeinen Ansicht entgegen gehen und die Glaubwürdigkeit überschreiten.

Die ersten von ihnen waren Männer von Ungeheuer-Art, welche die Vorzeit Riesen nannte, weil sie über die gewöhnliche menschliche Grösse durch eine ausnehmende Körperlänge hinausragten.[20]

20Die zweiten nach diesen erwarben die erste Kenntnis der Wahrsagung und setzten sich in den Besitz der Pythonischen Kunst. Sie standen zwar den ersten an Körper nach, überragten sie aber an geistiger Regsamkeit. Zwischen ihnen und den Riesen wurde in beständigen Kämpfen um die Oberherrschaft gestritten, bis endlich die Wahrsager das Riesengeschlecht siegreich mit den Waffen überwanden und sich nicht allein die Regierung, sondern auch das Ansehen von Göttern erwarben. Beide Klassen verstanden es, geschickt  [25]  die Augen zu äffen, eigene und fremde Züge durch mannigfache Bilder zu verhüllen und die wahren Erscheinungen unter irreführenden Gestalten zu verdunkeln.

Die Menschen der dritten Art aber, die aus der wechselseitigen Verbindung der obenerwähnten entsprossen, entsprachen der Natur ihrer Erzeuger weder der Körpergrösse noch der Kunstübung nach. Jedoch auch ihnen wurde bei den durch die Zaubereien geblendeten Sinnen die Geltung von Göttern zu teil.

Es ist nicht zu verwundern, dass die ungebildete Welt, durch ihre Zauberwunder verführt, sich in die Ausübung einer gefälschten Religion verirrte, da doch sogar die klugen Lateiner gewisse ähnlich geartete menschliche Wesen verleitet haben, sie mit göttlichen Ehren zu feiern. Dies habe ich deshalb erwähnt, dass mir nicht des Lesers Ansicht ungläubig widerspricht, wenn ich Zaubereien oder Wunder berichte. Nachdem ich dieses nebenher erwähnt habe, will ich mich zum Thema zurückwenden.

Durch die Erschlagung des Gram war Swibdager in den Besitz von Dänemark und Schweden gekommen; auf wiederholte Bitte seiner Gemahlin rief er deren Bruder Guthorm aus dem Elende und setzte ihn über die Dänen, nachdem er Tribut versprochen, Hading aber stellte die Rache für den Vater über die Wohlthat des Feindes.

Schon in den ersten Zeiten seines Jünglingsalters erreichte Hading in glücklichem Wachstum die vollkommenste Ausbildung des Mannesalters; um Sinneslust kümmerte er sich nicht, Waffenübung war seine stete Freude, denn er hielt sich immer vor, dass er als Sohn eines kriegerischen Vaters seine ganze Lebenszeit unter glänzenden Kriegsthaten verleben müsse. Seinen strengen Sinn versuchte Harthgrepa, die Tochter des Vagnhofth, durch die Lockungen ihrer Liebe zu erweichen und lag ihn ohn Unterlass an, dass er das erste Geschenk des Ehebetts ihr gewähren müsse, die seiner Kindheit sorgliche Pflege gewidmet und die erste Klapper gereicht habe. Und nicht zufrieden mit Mahnung durch schmucklose Worte sprach sie zu ihm auch in Liedesweise also:  [26]

Ruhelos fliesst Dir das Leben dahin,
Ehelos lässt Du die Jahre vergehn,
[21] 21Waffen nur liebst Du und dürstest nach Mord,
Schöne Gestalt weckt nicht Dein Begehr,
Kampfeslust treibt Dich in massloser Wut,
Lässt Dich nicht lenken zur Liebe den Sinn.

5
Triefend von Blut und von Mord allezeit

Stellst Du das Ehebett hinter den Krieg,
Willst nicht erfreuen den Sinn durch die Lust.
Nimmer kommt Ruhe Dir grimmem ins Herz,
Spiel ist Dir fremd, nur die Wildheit vertraut.

10
Doch ist die Hand Dir von Tadel nicht frei,

Wenn Du so grämlich die Liebe verschmähst.
Weiche der Sinn nun, der kalte, Dir schnell,
Lass Du die Brust Dir erglühen in Dank,
Flicht mir der Liebe erfreuenden Bund,

15
Die ich als Kind Dir zuerst ja die Brust

Reichte mit Milch und in sorglichem Sinn
Pflegte Dich liebend, das hülflose Kind.

Als er einwandte, dass ihre Körpergrösse die Umarmung durch einen Menschen nicht erlaube, da ja ihr Bau unzweifelhaft ihrer Abstammung von Riesen entspreche, da sagte sie: „Lass Dich nicht durch den Schein meiner Riesengrösse beeinflussen, denn ich vermag in willkürlichem Wechsel mich so umzugestalten, dass ich bald klein, bald gross, bald schlank, bald gedrungen, bald zusammengeschrumpft, bald auseinander gegangen erscheine; bald reiche ich mit ragender Gestalt bis in den Himmel, bald sinke ich, über kleinere Erscheinung verfügend, zusammen zu einem Menschen.“ Als er noch zauderte und ihren Worten zu trauen schwankte, schloss sie folgendes Gedicht an:

Scheue nicht, Jüngling! mit mir das bräutliche Lager zu teilen;

30
Zwiefach hab’ ich die Kraft die Gestalt meines Körpers zu ändern,

Und ein zwiefach Gebot vermag ich den Sehnen zu geben.
Immer in wechselnder Form nehm’ an ich verschiedne Erscheinung,
Anders gestaltet nach Wunsch; jetzt bis zu den Sternen der Nacken
Reicht mir und reisst sich empor, dem erhabenen Donnrer benachbart;

35
Wiederum sinkt er geneigt zur Gestalt eines kräftigen Menschen,

Senket das Haupt, das noch eben den Himmel berührte, zur Erden.
Flüchtig verwandle ich so in bunter Veränderung den Körper,
Doppeltgestaltiges Weib; bald schnürt mir im Wechsel die Glieder

[27]

Starrheit verengend zusammen, bald schwellet sie gnädig der hohe

40
[22] 22Wuchs und gewährt ihnen nun zu berühren die Wolken des Himmels.

Jetzt hab’ ich klein mich gepresst, jetzt dehn ich mich lockeren Knies aus
Immer im Wandel, wie Wachs mich in neue Gestalten verkehrend.
Niemand schauet in mir ein Wunder, wer kennet den Proteus.
Bald presst eng mir die Glieder, bald lässt sie sich wieder entfalten

5
Unstät im Wechsel die Form und die doppelgestalt’ge Erscheinung,

Die mir die Glieder bald dehnt, bald einrollt zu engerem Umfang.
Schwellen lass ich die Glieder im Nu, die gedehnten zusammen
Lass ich dann schrumpfen, in Doppeltgestalt stets wechselnd erscheinend,
Herrin zwiefacher Form: in der grösseren schreck’ ich die Kühnen,

15
Doch in der kleineren such ich der Menschenkinder Umarmung.

Durch diesen Zuspruch verschaffte sie sich das Beilager mit Hading, und ihre Liebe zu dem Jüngling war so glühend, dass sie kein Bedenken trug ihm in männlicher Kleidung zu folgen, als sie merkte, dass er seine Heimat wieder zu sehen verlangte, und dass sie es als eine Lust betrachtete, an seinen Mühsalen und Gefahren teilzunehmen. In seiner Begleitung trat sie die beschlossene Reise an und kam auf ihr, Nachtlager suchend, in ein Haus, für dessen gestorbenen Besitzer eben das traurige Leichenbegängnis abgehalten wurde. Sie wünschte hier mit Zauberschau den Willen der Götter zu erkunden, ritzte Zauberformeln in ein Stäbchen und liess sie durch Hading unter die Zunge des Toten legen und zwang ihn so, ein Lied, schrecklich zu hören, mit folgendem Inhalte kund zu geben:

Wer zurück mich rief vom Orkus, müsse sterben selbst verflucht,
Und er büss’ im Reich des Dunkels, dass den Geist herauf er rief.

25
Wer auch immer mich rief her von dem Dunkel,

Mich, den Tod schon gepackt, der ich entseelt lag,
Und mich wieder zum Licht jagte zur Erde,
Unten am bleichen Styx müsse er büssen
Mit dem eigenen Tod Strafe den Schatten.

30
Wider den eigenen Wunsch, weichend dem Zwange

Muss jetzt künden ich Euch traurige Märe;
Denn wenn weiter den Schritt ihr von hier lenket,
Bald in den dichten Hain werdet ihr treten.
Dort sollt Beute ihr sein schrecklichen Wesen.

35
Dann, die führte zurück mich von dem Dunkel

Und die wieder das Licht zwang mich zu sehen,
Die in Fesseln des Leibs bannte die Seele,

[28]

Die sie mit Zauberspruch zwingend heraufrief:
Sie wird frevelnde That bitter beweinen.
[23] 23Wer zurück mich zog vom Orkus, müsse sterben selbst verflucht,
Und er büss’ im Reich des Dunkels, dass den Geist herauf er rief.
Denn wenn grausiger Schar schwarzes Verderben
In schwer lastender Wucht presset die Herzen,

5
Hand mit schrecklicher Klau’ lebende fortreisst,

Grausam Glieder zerreisst, Körper zerfleischend,
Dann bleibt heil Dir und ganz, Hading! das Leben,
Nicht das untere Reich raffet Dich an sich,
Nicht wird traurig zum Styx wandeln die Seele;

10
Aber das Weib wird, gebeugt unter der Schuld Last,

Sühnen, Asche sie selbst, dann meine Asche,
Sie, die Schatten zu Leid hierher zurückzwang.
Wer zurück mich zog vom Orkus, müsse sterben selbst verflucht,
Und er büss’ im Reich des Dunkels, dass den Geist herauf er rief.

Als sie nun in dem genannten Haine in einer aus Zweigen gefügten Hütte die Nacht verbrachten, sah man eine wundergrosse Hand, wie sie den Wohnraum ganz durchstreifte. Erschreckt durch diese gespenstische Erscheinung rief Hading die Hülfe seiner Pflegemutter an. Da entfaltete Harthgrep ihre Glieder und dehnte sich in gewaltiger Schwellung aus, packte dann mit festem Griffe die Gespensterhand und hielt sie ihrem Pflegling hin, damit er sie abhaue. Aus ihren gräulichen Wunden floss mehr Eiter als Blut. Zur Strafe für diese That wurde Harthgrep darauf von ihren Geschlechtsgenossen[28] zerrissen; weder die Eigentümlichkeit ihrer Natur, noch ihre Körpergrösse konnte sie davor bewahren, die Griffe der Klauen ihrer Feinde an ihrem Leibe kennen zu lernen.

Als Hading seiner Pflegemutter beraubt war, da erbarmte sich des Verlassenen ein alter Mann, auf einem Auge blind, und gewann ihm in feierlichen Bundesvertrage den Wiking Liserus zum Genossen. Wenn die Alten einen solchen Bund abschliessen wollten, pflegten sie in ihre Fussspuren wechselseitig ihr Blut träufeln zu lassen, um dem Freundschaftsbunde durch die Vermischung des Blutes beider ein [29]  festes Unterpfand zu geben. Auf diese Weise durch die innigsten Bundesbande verknüpft, kündigten Liser und Hading dem Lokerus, dem Fürsten der Kuren, Krieg an. Sie wurden aber besiegt, und nun schaffte der obenerwähnte alte Mann den fliehenden Hading auf seinem Rosse nach seiner Behausung; dort erquickte er ihn durch einen süssen Trank und weissagte ihm, dass ihm dadurch fortan eine frischere Körperkraft Festigkeit verleihen werde. Die Weisung bei dieser Voraussagung schloss er in folgenden Sang ein:

Lenkst Du von hier Deinen Schritt, so wird Dich als flüchtigen Recken
Greifen der Feind und legen in Bande, damit er Dich werfe
Vor zum Frasse dem Rachen des wilden Tieres: jedoch Du[24] 24
Fülle die Ohren der Wächter mit Mären voll lieblichen Inhalts.
Wenn nun nach reichlichem Mahle der tiefe Schlaf sie umschliesset,
Dann wirf von Dir das Band und sprenge die lästige Fessel.

5
Lenke von dannen den Schritt und, wenn kurzer Verzug Dich erquicket,

Dann mit all Deiner Kraft spring an den reissenden Löwen,
Der der Gefangenen Leichen in grausigem Spiele umherwirft;
An seinem trotzigen Buge versuch’ Dich mit kräftigen Armen,
Bohre das blinkende Schwert ihm tief in die Fibern des Herzens;

10
Flugs dann näh’re den Mund und sauge das rauchende Blut auf,

Lass Dir auch werden das Herz mit malmenden Zähnen zur Speise.
Dann wird zaubrische Kraft Deine Glieder durchströmen und jählings
Grössere Stärke Dir fliessen ins Mark, dann wird eine Fülle
Kräftigen Mutes Dir tief die nervigen Arme durchdringen.

15
Ich will bahnen dem Wunsche den Weg, unschädlich die Wächter

Machen mit tiefem Schlaf, dass bis zum Morgen sie schnarchen.

Und kaum hatte er das Wort gesprochen, da brachte er mit seinem Rosse den Jüngling an seinen früheren Aufenthaltsort zurück. Da warf Hading voller Verwunderung über den Vorgang einen forschenden Blick durch die Lücken des Mantels, unter dem er zitternd sich barg und sah, wie den Hufen des Rosses das Meer sich als Weg bot; es wurde ihm aber verboten weiter zu schauen, was zu schauen ihm versagt wäre, und er wandte die staunenden Augen von der erschreckenden Betrachtung ihrer Pfade ab.

Als er nun, von Loker gefangen, unter genauem Eintreffen der Ereignisse die Erfüllung der Voraussagung an sich erfahren hatte, überzog er den König des Hellespontes [30]  Handwanus mit Krieg; dieser aber leistete Widerstand nicht in offener Feldschlacht, sondern in Dünaburg verschanzt hinter dem Schutze uneinnehmbarer Mauern. Da die Höhe der Mauern den Zugang durch eine Bestürmung nicht erlaubte, so liess er durch Vogelsteller Vögel verschiedener Art, die an jenem Orte ihr gewohntes Heim hatten, fangen und an ihren Schwingen angebrannten Zunder befestigen; diese eilten nun zu der Heimstätte ihrer Nester und setzten die ganze Stadt in Brand. Da die Einwohner zusammenliefen, um den Brand zu löschen, so mussten sie die Thore von Verteidigern entblössen. Da griff Hading an und nahm den Handwan gefangen, verstattete ihm aber als Lösegeld seinen Körper mit Gold aufzuwiegen, und obgleich er den Feind töten konnte, schenkte er ihm doch lieber das Leben: die Milde setzte der Wildheit ein Mass.

Als er darauf noch viele starke Stämme des Ostens im Kriege niedergeworfen hatte, machte er sich auf den Heimweg nach Schweden, lieferte dem Swibdager, der ihm bei der Insel Gotland mit einer grossen Flotte in den Weg trat, 25[25] eine Schlacht und erschlug ihn. So erstieg er nicht nur durch die Beute von ausländischen Völkern, sondern auch die Siegeszeichen der Rache für Vater und Bruder[29] eine hervorragende Staffel des Ruhms und tauschte Herrschaft gegen Elend ein; ihm war die Leitung des Vaterlandes vom Geschicke beschieden, noch ehe er es betrat.

In dieser Zeit hielt sich ein gewisser Othinus, obschon er in ganz Europa fälschlich als Gott angesehen wurde, doch häufiger in Upsala auf und ehrte diese Stadt ganz besonders als gewöhnliche Residenz, vielleicht wegen des Stumpfsinns der Einwohner, vielleicht auch wegen der schönen Lage. Seiner göttlichen Majestät wünschten die Könige des Nordens ihre ergebene Verehrung zu zeigen, liessen seine Gestalt in einem goldenen Abbilde darstellen und schickten die Statue als Zeichen ihrer Ergebenheit mit dem Ausdrucke der frömmsten [31]  Gottesfurcht nach Bizantium; den Umfang der Arme der Statue umgaben sie mit schweren Spangen. Othin war über diese Huldigung sehr erfreut und erkannte gern den guten Willen der Spender mit lobenden Worten an. Frigga aber, seine Gemahlin, liess Schmiede kommen und der Statue das Gold abnehmen, um es zu ihrem eigenen Schmucke bei ihrem Auftreten zu verwenden. Othin liess die Schmiede den Tod durch den Strang sterben, die Statue auf einen Sockel stellen und machte sie sogar durch Zauberkraft sprechend bei menschlicher Berührung. Jedoch Frigga legte mehr Wert auf einen glänzenden Schmuck, als auf die göttlichen Ehren ihres Gemahls, gab sich einem Diener preis und benutzte dessen Geschicklichkeit, um die Bildsäule umzuwerfen; das Gold, das der allgemeinen Verehrung gewidmet war, benutzte sie als Mittel ihres Schmuckes. Es machte ihr keine Gewissensbisse, sich der Unkeuschheit zu ergeben, wenn sie nur damit eher ihre Habgier befriedigen konnte; die Frau verdiente es nicht, einen Gott zum Manne zu haben. Was soll ich hier noch weiter sagen, als dass ein solcher Gott eine solche Gattin verdiente? So grosse Verblendung äffte dereinst die Sinne der Sterblichen. Othin also, zweimal von der Gattin mit Unbill behandelt, trauerte gleichmässig über die Schändung seines Bildes und seines Ehebettes. Von dem quälenden Bewusstsein einer doppelten Schmach gepeinigt, ging er freiwillig in die Verbannung, edle Scham bekundend, und glaubte damit allmählich den Schmutzfleck der erlittenen Beschimpfung zu tilgen.

Nach seinem Weggange ergriff ein gewisser Mitothyn, angesehen durch seine Zaubereien, gleich als wäre er durch göttliche Gnade mit besonderer Kraft begabt, die Gelegenheit, selbst als Gott aufzutreten und bewog durch den Ruf seiner Wunderthaten die ungebildeten Menschen, wiederum von der Finsternis des Irrtums umhüllt, seinem Namen göttliche Verehrung zu zollen. Er lehrte das der Zorn der Götter oder ein Vergehen gegen sie nicht durch allgemeine Opfer ohne Sonderung gesühnt werden könne, verbot also, den Göttern gemeinsame Gelübde [26] 26auszusprechen und stellte für jeden Gott besondere Opfer [32] fest. Als nun Othin zurückkehrte, da war es für ihn zu Ende mit seiner Zauberei; er ging nach Finnland, um sich zu verstecken, wurde aber in einem Zusammenlaufe der Einwohner des Landes erschlagen. Auch nach seinem Tode traten noch Schandthaten von ihm in die Erscheinung: alle, die seinem Grabe sich näherten, raffte er in plötzlichem Tode dahin, und noch nach der Erfüllung seines Geschickes richtete er so grossen Schaden an, dass er sich im Tode noch grässlichere Denkmäler setzte als im Leben, gleich als wolle er Schuldige für seinen Tod büssen lassen. In dieser Not gruben die Landesbewohner die Leiche wieder aus und schlugen ihr den Kopf ab, die Brust aber durchbohrten sie mit einem spitzen Pfahle; das brachte dem Volke Rettung von seiner Bedrängnis.

Hierauf kam Othin aus der Verbannung zurück; denn durch den Tod seiner Gemahlin, so schien es, hatte er seinen früheren Ruhm fleckenlos wieder erlangt und war die Schmach von seiner göttlichen Natur genommen; alle, die während seiner Abwesenheit mit göttlichen Ehren sich gebrüstet hatten, zwang er, als unberechtigt, sie aufzugeben, und die Gruppen von Zauberern, die sich allmählich gebildet hatten, zerstreute er wie eine dunkele Wolke durch den Glanz seiner göttlichen Majestät. Er beugte sie unter das Geheiss, nicht allein die Geltung als göttliche Wesen aufzugeben, sondern auch das Land zu verlassen: wer sich so nichtsnutzig in den Himmel dränge, der müsse mit Fug und Recht aus dem Lande gejagt werden.

Inzwischen traf Asmundus, der Sohn des Swibdager, um Rache zu nehmen für den Vater, in einer Schlacht auf Hading; als er nun erfuhr, dass sein Sohn Heinrich, den er mehr als das eigene Leben liebte, tapfer kämpfend gefallen war, da wollte er das Licht nicht mehr sehen, und in Todessehnsucht dichtete er folgendes Lied:

Wer von Euch Helden nimmt nun meine Waffen hin?
Nichts nützt der Helm mit seinem Glanz mir wankendem,
Und nutzlos deckt der Panzer mich, den toten Mann.
Soll ich mich freun der Waffen, wo der Sohn mir fiel?

30
Die Vaterliebe jagt zum raschen Tode mich,
[33]

Nicht mag ich länger leben als das teure Pfand.
Mit beiden Händen fasse freudig ich das Schwert,
Zum Kampfe will ich, ohne Schild, mit nackter Brust
Jetzt schreiten, Waffe sei mir nur der Klinge Stahl.

35
Hell leuchten soll der Ruf von meinem Kampfesgrimm,

Zu Boden strecken will ich kühn des Feindes Schar;
Nicht soll verdriessen mich ein langer Waffenstreit,
Nicht soll, durch Furcht gebrochen, ruhn der Kampfesdrang.

Nach diesem Sange packte er mit beiden Händen den Schwertknauf, warf, die Gefahr missachtend, den Schild auf [27] 27den Rücken und trieb viele in den Tod. Da rief Hading nach dem Schutze seiner Freunde, der Riesen, und sogleich nahte Vagnopht als Streiteshelfer seinen Reihen. Als Asmund sein krummes Schwert erblickte, liess er seinen Groll in folgenden Gesang sich ergiessen:

Sprich! was kämpfst Du mit krummem Schwerte?
Bald wird Dir bringen mein Schwert das Verhängnis,
Wurfspeer, geschleudert, den Tod Dir gebären.
Traun! Du vermeinest den Feind, den die Faust nur

10
Mag überwinden, mit Sprüchen zu schlagen,

Mehr mit dem Wort, als mit Kraft anstrebend,
Setzest Vertrauen auf mächtigen Zauber.
Sprich! Warum stösst Du mich fort mit dem Schilde,
Drohst mir so kühn mit geschwungenem Speere?

15
Bist Du erfüllt doch mit schlimmen Verbrechen,

Decken Dich schmähliche Male in Fülle;
Dich hat kenntlich die Schande gezeichnet,
Dich, Du von Lastern stinkendes Dickmaul!

Als er noch so eiferte, durchbohrte ihn Hading mit dem geschwungenen Wurfspeere. Jedoch auch Asmund fand noch Trost für seinen Tod: mit dem schwachen Reste seiner Kraft brachte er dem Beine seines Mörders eine Wunde bei und machte ihn zur Strafe für immer lahm; durch diese schwache Bethätigung seines Strebens nach Rache machte er seinen Tod unvergesslich. So traf den einen die Lähmung eines Gliedes, den andern erreichte das Lebensziel. Seine Leiche wurde in feierlichem Zuge getragen und in Upsala mit königlichem Begängnisse beigesetzt. Seine Gemahlin Gunnilda nahm sich, um ihn nicht zu überleben, mit dem Schwerte das [34] Leben; sie wollte lieber ihrem Manne mit dem Tode nachfolgen, als durch Weiterleben sich von ihm trennen. Als ihre Freunde ihren Leib bestatteten, setzten sie ihn neben der Asche ihres Gemahls bei; denn sie sei würdig des Grabes des Mannes, dessen Liebe sie höher gehalten, als das Leben. So ruht denn Gunnilda mit grösserem Ruhme deshalb, weil sie das Grab, als weil sie das Lager mit dem Manne geteilt hat.

Als hierauf der Sieger Hading Schweden verheerte, warf der Sohn des Asmund, Uffo mit Namen, ein Heer nach Dänemark hinüber, weil er kein Vertrauen zu einer Schlacht hatte; er hielt es für richtiger, das feindliche Land anzufallen, als das eigene zu verteidigen; er erachtete es für einen zweckmässigen Weg, das Kriegsunheil abzuwehren, wenn er das über den Feind bringe, was er von ihm erfahren. Da so die Dänen gezwungen waren zurückzugehen, um ihr eigenes Land zu schützen, weil ihnen natürlich die Rettung des Vaterlandes mehr am Herzen lag, als der Erwerb eines Stücks Ausland, so konnte Uffo wieder nach der von Feindeswaffen geräumten Heimat zurückgehen.

[28] 28Als Hading aus dem schwedischen Kriege zurückkam und seine Schatzkammer, in die er die durch Krieg und Beute erworbenen Schätze zu bringen pflegte, bestohlen fand, liess er sofort deren Wächter Glumerus hängen und machte in arger List bekannt, dass, wenn einer von den Schuldigen das entwendete Gut zurückbringe, er die Ehrenstellung einnehmen solle, die Glumer besessen hätte. Durch diese Aussicht liess sich wirklich einer der Schuldigen verleiten, mehr den Besitz der versprochenen Belohnung zu erstreben, als die Verheimlichung der Schuld und brachte dem Könige das Geld zurück. Da seine Mitschuldigen glaubten, er sei wirklich in den engsten Kreis der Vertrauten des Königs aufgenommen und meinten, er sei nicht nur reich, sondern auch aufrichtig geehrt, so brachten sie auch in Erwartung gleicher Belohnung das Geld zurück und verrieten ihre Schuld. Auch sie wurden mit ihrem Geständnisse zunächst mit Ehren aufgenommen und belohnt, dann aber mit dem Tode bestraft [35]  und gaben somit recht eindringliche Warnung, dass man nicht zu leicht glauben darf. Sie haben es wohl mit Fug und Recht verdient, den Bruch des Schweigens am Galgen zu büssen; denn wo sie heilsames Schweigen sicher stellen konnte, da riss sie thörichtes Ausplaudern ins Verderben.

Hierauf verbrachte Hading den Winter mit angestrengtester Rüstung zu einer Wiederaufnahme des Krieges, ging wieder nach Schweden, sobald durch die Frühlingssonne das Eis geschmolzen war, und verbrachte daselbst fünf Jahre im Kriege. Als die Lebensmittel in diesem langen Feldzuge aufgezehrt waren, gerieten seine Leute in die äusserste Not und begannen ihren Hunger mit den Pilzen der Wälder zu stillen. Endlich in der höchsten Bedrängnis um die notwendigsten Bedürfnisse verzehrten sie ihre Pferde und boten schliesslich ihrem Magen Hundefleisch; ja auch Menschenfleisch zu essen galt ihnen für erlaubt. Als so die Dänen bis zur äussersten Qual und Verzweiflung getrieben waren da ertönte beim Einbruche der Nacht, ohne dass man den Sänger sah, folgender Sang durch das Lager:

Mit bösem Omen habt ihr das Vaterhaus

30
Verlassen, meinend, Krieg schaff’ euch dieses Land.

Welch eitle Hoffnung äffte die Sinne euch,
Welch blind Vertrauen hat euer Herz gepackt,
Dass ihr erhofftet, Herrn dieses Lands zu sein?
Nie weicht die hehre schwedische Kriegesmacht,

35
Nicht mag im Kampfe beugen sie fremde Hand.

Nein! eure Reihen schwinden im Tode ganz,
Wenn ihr mit uns zum Kampfe zu schreiten wagt.
Denn wenn die Furcht bricht trotzigen Kampfesmut,
Wenn ohne Halt schwankt mutlos der Kämpfer Schar,
In Feindes Reihen, feige zur Flucht gewandt,
Wird dann dem Sieger freiere Bahn des Mords,[29] 29
Mit grössrer Freiheit wütet des Stärkern Schwert,
Wenn jäh den Gegner treibt in die Flucht das Los:
Nicht schwingt, wen Furcht scheucht, wehrende Waffen noch.

Diese Unheilsverkündigung erfüllte des folgenden Tages Geschick durch eine verlustreiche Niederlage der Dänen. In der folgenden Nacht hörte das schwedische Heer, auch ohne dass man den Sänger sah, folgendes Lied: [36]

Warum in bösem Aufstand ruft
Uffo mich so in das Feld?

10
Die schwerste Strafe büsst er noch,

Denn er wird fallen im Kampf;
Von vieler Speere Last gedrückt,
Sinkt ihm das Leben dahin
Zur Busse für den Frevelmut.

15
Nicht ohne Strafe verbleibt

Der frechen Scheelsucht Übelthat.
Hört! ich verkündige ihm,
Sobald zum Kriege schreitet er
Und in dem Kampfe sich regt,

20
Dann wird ihm, Glied für Glied, der Speer

Überall treffen den Leib,
Die blut’gen weiten Wunden wird
Decken nicht linder Verband;
Der Hiebe Spuren, klaffend weit,
Heilet nicht kundige Hand.

Als in derselben Nacht die Heere auf einander trafen, teilten zwei Greise, hässlich wie nie ein Mensch, die mit ihren kahlen Köpfen beim Funkeln der Sterne die den Blick beleidigende Glatze zur Schau trugen, ihr gespenstisches Beginnen in entgegengesetzter Parteinahme; denn der eine widmete seine Thätigkeit den Dänen, der andere wandte seine Gunst den Schweden zu. Hading wurde besiegt und floh nach Helsingia; als er dort, von der Sonne Glut durchhitzt, in den kühlen Fluten des Meeres badete, da griff er ein Tier von unbekannter Art an und erlegte es mit vielen Hieben; darauf liess er es in das Lager schaffen. Als er mit seiner That sich brüstete, da trat ein Weib in seinen Weg und rief ihm folgende Worte zu:

Magst auf dem Boden der Erde Du wandeln, magst Segel Du spannen,
Stets wirst feindlich Du finden die Götter, und über den Erdkreis
Wirst Deinen Plänen Du sehen die vier Elemente entgegen.
[30] 30Dich fällt Land, Dich schüttelt das Meer, und es wird auf der Reise
Stets Dir gegeben der Sturm zum Genossen, nie lässet die Segel
Starrender Frost; nicht deckt Dich das Dach, es stürzet im Sturme,
Wenn Du es suchst, hin stirbt Dein Vieh vom Grimme der Kälte.

5
Alles, von Unheil getroffen, wird stets Deine Nähe verwünschen.

Gleichwie die schädliche Krätze, so meidet man stets Dich, und keine
Seuche erscheinet so bös. So gross ist die Strafe der Gottheit.

[37]

Denn von den Himmlischen einen, in fremdem Körper geborgen,
Traf Deine ruchlose Hand; so stehst Du als segnender Gottheit

10
Mörder nun hier! Doch wenn Du dem Meer Dich vertrauest, dann wirst Du

Wild entfesselte Wut von Aeolus Kerker erfahren;
Dich wird jagender West, Dich Nord, Dich scheuchen der Ostwind,
Alle sie müh’n sich vereinet entsetzlichen Sturm zu erheben;
Bis Du die Härte der Götter mit reichem Gelübde erweichest,
Bis mit sühnendem Opfer gebührende Busse Du darbringst.

Nachdem Hading von dieser Stätte geschieden war, musste er alles dieses Unheil in einem Zuge über sich ergehen sehen, und eines jeden Ortes Ruhe störte er durch seine Ankunft. Wenn er zur See fuhr, so entstand schweres Unwetter und zerschlug ihm mit gewaltigem Sturme seine Schiffe; suchte er als Schiffbrüchiger gastliche Stätte, so empfing ihn jäher Zusammensturz des Hauses. Erst dann wurde der Fluch von ihm genommen, als er seine Frevelthat durch Opfer sühnte und die Gunst der Götter wieder gewinnen konnte. Damit die Götter ihm wieder ihre Gnade zuwandten, opferte er dem Gotte Frö schwarze Opfertiere. Diese Art des Opfers wiederholte er im jährlichen Umlaufe der Tage und hinterliess sie auch der Nachwelt zur Nachachtung. Fröblod nennen die Schweden dieses Opfer.

Als er vernahm, dass ein Riese die Regnilda, die Tochter des Haquinus, Königs der Nitherer, sich zur Gemahlin ausbedungen hatte, so regte sich in ihm der Unwille über die unwürdige Abrede, und in tiefem Abscheu gegen die in Aussicht genommene Verbindung vereitelte er mit edlem Wagnis die Hochzeit; er ging nach Norwegen und erlegte den gräulichen Freier des Königskindes im Kampfe. Ritterpflicht ging ihm weit über Stillliegen, und wo er das Wohlleben eines Königs hätte geniessen können, war es ihm der grösste Genuss, nicht nur sich, sondern auch andere gegen Unbill kämpfend zu schützen. Da er durch Wunden in grosser Zahl entkräftet war, liess die Jungfrau ihm, ihrem Wohlthäter, heilende Pflege zu teil werden, ohne dass sie ihn kannte. Damit ihr nun nicht eine Zwischenzeit ein Wiedererkennen unmöglich mache, zeichnete sie sein Bein kenntlich durch einen in eine Wunde eingeschlossenen Ring. [38] Als ihr später von ihrem Vater die Freiheit geschenkt wurde, sich einen Gatten zu wählen, musterte sie die zum Mahle versammelten jungen Männer durch sorgfältiges Betasten [31] 31und suchte nach dem vor Zeiten geborgenen Zeichen. Alle verschmähte sie, aber den Hading wählte sie, als sie ihn an dem Merkmale des versteckten Ringes erkannte und gab sich dem zur Gemahlin, der sie vor der Vermählung mit einem Riesen bewahrt hatte.

Während Hading bei ihr verweilte, ereignete sich ein wunderbarer, seltsamer Vorgang: als er bei Tische sass, sah man, wie eine Frau, die Schierling trug, neben dem Herdfeuer ihr Haupt aus dem Boden erhob und mit ausgebreitetem Kleidschosse fragte, wo in der Welt so frisches Gras zur Winterzeit ersprossen sei. Der König sprach den Wunsch aus, das zu erkunden; da umhüllte sie ihn mit ihrem Mantel und nahm zurückgleitend ihn mit sich unter die Erde; ich denke, weil die unterirdischen Götter es so bestimmten, dass er lebend an den Ort geführt werde, zu dem er im Tode fahren sollte. Zuerst durchschritten sie ein mit Dampf erfülltes Halbdunkel, und einherschreitend auf einem durch lange Benutzung abgetretenen Steige erblickten sie eine Anzahl vornehme Männer in prächtigen purpurnen Gewändern; als sie an denen vorbei waren, betraten sie endlich die sonnigen Gefilde, welche die von der Frau gebrachten Gräser hervorbrachten. Auf ihrem weiteren Wege trafen sie auf einen Fluss mit jähem Falle und bleigrauem Wasser, der Waffen verschiedener Art in seiner reissenden Strömung dahinwälzte, und den man auf einer Brücke überschreiten konnte. Als sie über diese Brücke gegangen waren, sahen sie zwei Schlachtreihen mit einander kämpfen; als Hading die Frau fragte, was das solle, antwortete sie: „Das sind die, welche im Kampfe gefallen sind und nun beständig im Bilde ihre Todesart bekunden und mit dem jetzigen Schauspiele das Thun des vergangenen Lebens nachahmen.“ Als sie weiter schritten, fanden sie ihren Weg gesperrt mit einer Mauer, schwer zu besteigen; die Frau versuchte darüber zu springen, jedoch vergebens, auch ihr kleiner, eingetrockneter Leib schaffte [39]  nichts; da riss sie einem Hahne, den sie mit heruntergebracht hatte, den Kopf ab und warf ihn über das Gehege der Mauer; sogleich wurde der Vogel wieder lebendig und bekundete durch helles Krähen, dass er den Atem wiederbekommen hatte.

Als Hading schied und sich mit seiner Gemahlin auf den Heimweg begab, da vereitelte er einen hinterlistigen Angriff von Wikingern, die ihn bedrohten, durch schnelle Fahrt. Wenn sie auch von fast denselben Winden getrieben wurden, so blieben sie zwar mit ihm, der vor ihnen das Meer durchfurchte, auf gleicher Höhe, konnten ihn aber nicht einholen.

Während dieser Ereignisse liess Uffo, der eine wunderbar schöne Tochter hatte, ausrufen, dass er sie dem geben wolle, der den Hading erschlage. Diese Zusage lockte einen gewissen Thuningus zum Versuche; eine gemietete Schar Biarmier sollte ihm den gewünschten Fortgang seines Unternehmens verschaffen. Als Hading ihm entgegen zog und [32] 32an Norwegen vorüber fuhr, bemerkte er auf der Küste einen alten Mann, der durch wiederholtes Schwenken des Mantels zur Landung mahnte. Die Genossen waren zwar dagegen, es sei nur eine unnütze Ablenkung von der Fahrt, er aber holte ihn auf sein Schiff und hatte (später) an ihm einen Lehrmeister in der Aufstellung des Heeres; bei der Ordnung der Heerhaufen achtete er sorgfältig darauf, dass die erste Reihe aus zwei und die zweite aus vier Mann bestand, dass aber die dritte durch Anfügung von acht anwuchs, und so immer die folgende die voraufgehende durch einen Zuwachs um das Doppelte übertraf. Er wies auch die Schleuderer in die letzte Reihe und stellte neben sie die Bogenschützen[30]. Nachdem so die Heerhaufen keilförmig geordnet waren, nahm er selbst seine Aufstellung im Rücken der Streiter und entnahm einem Sacke, den er um den Hals gehängt trug, einen [40] Bogen, der zuerst sehr klein erschien, dann aber mit anschwellendem Bügel sich ausdehnte, und legte zehn Pfeile an die Sehne; sie wurden mit kräftigem Schusse alle zusammen auf den Feind getrieben und brachten zehn Wunden. Da liessen die Biarmier Zauber an die Stellen der Waffen treten: durch ihre Sprüche liessen sie den Himmel sich mit Wolken überziehen und entstellten das heitere Himmelsantlitz durch trübe Regenwolken. Auf der andern Seite vertrieb der Alte die entstandene Masse der Regenwolke und dämpfte ihren fallenden Regen durch einen Gegennebel. Als der Alte sich verabschiedete, weissagte er dem siegenden Hading, dass er nicht durch Feindeshände, sondern eines freiwilligen Todes sterben werde, und gab ihm den Rat, ruhmbringende Kriege lieber als ruhmlose, und nahe lieber als ferne zu nehmen.

Nach Verabschiedung des Alten wurde Hading von Uffo unter dem Vorwande einer Besprechung nach Upsala gelockt, verlor durch einen hinterlistigen Anschlag seine Gefährten und entkam selbst nur unter dem Schutze der Nacht. Als nämlich die Dänen den Saal, in dem sie unter dem Scheine eines Mahles versammelt worden waren, verlassen wollten, stand ein Mann bereit, der einem jeden den Kopf abschlug, so wie er ihn zur Thüre hinaus streckte. Für diese Schandthat nahm Hading Rache in einer Schlacht und erschlug den Uffo; seine Leiche aber liess er, ohne dem Hasse nachzugeben, in einem prächtigen Mausoleum beisetzen und erkannte die Hoheit des Feindes durch das glänzende, kunstvoll gearbeitete Grabmal an. So ehrte er den reich im Tode, den er im Leben mit feindlichem Hasse verfolgt hatte. Um sich die Herzen des besiegten Volkes zu gewinnen, stellte er ferner den Bruder des Uffo, Hundingus, an die Spitze des Reichs; es sollte den Anschein haben, dass die Herrschaft fortgesetzt bei der Familie des Asmund bliebe, nicht auf Ausländer übergegangen sei.

Als er nach Beseitigung seines Nebenbuhlers eine Reihe von Jahren in vollständiger Entwöhnung vom Waffenhandwerk [33] 33frei von Kriegsthätigkeit verlebt hatte, da schalt er [41]  die lange Beschäftigung mit dem Landbaue und die Unterlassung der Seefahrten, denn Krieg sei erfreuender als Friede, und begann sich selber in solchen Weisen der Trägheit zu zeihen:

5
Thöricht doch ist es, in dunklem Winkel

Hocken inmitten der rauhen Berge,
Nicht mehr, wie einst, auf dem Meere segeln.
Immer entreisst hier dem müden Auge
Heulender Wölfe Gebell die Ruhe

10
Und das Gekläffe verwünschter Tiere,

Das bis zum Himmel hinauf erschallet,
Wütender Löwen erschreckend Brüllen.
Hässlich sind Berge und öde Wälder
Allen den trotzigen Heldenherzen;

15
Alle sie quälet der starre Felsen

Und die Beschwerden des rauhen Bodens,
Denen das Meer die geliebte Heimat:
Denn mit dem Ruder die Flut zu proben,
Beute zu führen im Siegeszuge,

20
Bergend im Kasten die fremden Schätze,

Kühn zu erjagen Gewinn des Meeres,
Hei! das erfreuet das Herz des Helden
Besser, als wohnen im rauhen Walde
Und in dem Berggeländ’, bar der Beute.

Seine Gemahlin, die das Landleben liebte und das Geschrei der Seevögel am Morgen nicht ausstehen konnte, gab ihrer grossen Liebe zum Walde in diesem Liede Ausdruck:

Wohn’ ich an des Meers Gestade, quält mich schriller Vogelschrei,
Scheucht den Schlaf mir, den ersehnten, unaufhörlich wild Gekrächz;

30
Dann die Welle, die getrieben von der Sturmflut laut sich bricht,

Wenn ich schlummre, aus den Augen nimmt sie mir die süsse Rast,
Und es lässt zur Nacht mich ruhen nie der Möwe laut Geschwätz,
Tönen lässt sie in verwöhnte Ohren widerwärt’gen Sang;
Such’ ich Ruhe auf dem Lager, gönnt sie mir Erquickung nie,

35
Nein! mit langgezognem Klagruf singt sie mir ihr gräulich Lied.

Ach! wie fahrlos und wie lieblich wohnt man in dem schönen Wald!
Nie geniesst der süssen Ruhe, so bei Tage, so bei Nacht,
Wer da weilt, wo Flut und Ebbe rastlos auf und nieder wogt.

Zu derselben Zeit gewann ein gewisser Tosto, ein Mann [34] 34niederer Herkunft, aus Jütland stammend, durch seine Grausamkeit einen Namen. Er peinigte das Landvolk mit allen [42] möglichen frechen Thaten, verbreitete, den Ruf seiner Grausamkeit weithin, und die Kunde von seiner Bosheit wurde so allgemein, dass er mit dem Beinamen „der Bösewicht“ belegt wurde. Jedoch auch das Ausland liess er nicht in Ruhe, und nach gräulicher Peinigung des Vaterlandes suchte er auch Sachsen heim. Als dessen Herzog Sygfridus um Frieden bat, weil seine Leute im Kampfe litten, so sagte er Erfüllung des Gesuches zu, wenn er sich zu dem Versprechen verstünde, im Kampfe mit Hading sein Bundesgenosse zu sein. Jener wollte zwar nicht und fürchtete sich, auf den Vorschlag einzugehen, aber Tosto zwang ihn durch scharfe Drohungen zu der verlangten Zusage: was durch sanftes Zureden nicht erlangt wird, das wird eben oft mit Drohungen durchgesetzt. In einer Landschlacht wurde Hading von ihm besiegt; als dieser aber auf seiner Flucht auf die Schiffe des Siegers stiess, machte er sie durch Anbohrung der Seiten unbrauchbar für eine Fahrt und lenkte einen von ihm bestiegenen Nachen aufs hohe Meer hinaus. Tosto nahm an, er sei gefallen und suchte ihn lange unter den ungesonderten Leichen; als er ihn aber nicht fand, ging er zu seinen Schiffen zurück und sah aus der Ferne das kleine Fahrzeug mitten auf den Wellen des Meeres sich schaukeln. Er liess einige Schiffe in See stechen um mit ihnen auf den Nachen Jagd zu machen, wurde aber durch die Gefahr, dass die Schiffe zu Boden gingen, zur Umkehr genötigt und erreichte mit Mühe den Strand wieder. Da nahm er andere Schiffe, die nicht angebohrt waren und machte sich wieder auf die Verfolgung. Hading sah voraus, dass er eingeholt werden würde, und fragte seinen Begleiter, ob er schwimmen könnte; als der nein sagte, da stürzte er, weil er zu entwischen nicht mehr hoffen konnte, sein Boot mit Absicht um, barg sich in seine Höhlung und liess so seine Verfolger glauben, dass er umgekommen sei. Dann aber überfiel er den Tosto, der sich im Gefühl voller Sicherheit gierig mit der übrig gebliebenen Beute befasste, plötzlich, erschlug seine Leute, zwang ihn, die Beute im Stiche zu lassen und fand so Rache für seine Flucht in der Flucht des Gegners.

[43]  Aber auch in Tosto lebte der Durst nach Rache. Da es ihm nun bei seinem grossen Verluste nicht möglich war, im Lande die Kräfte zu ersetzen, so ging er als Gesandter nach Britannien. Auf dieser Fahrt verleitete er mutwillig die Schiffsgesellschaft zum Würfelspiele und gab als erster das Beispiel, einen über den Fall der Würfel entstandenen Streit durch Niederstechen des Gegners zu entscheiden. So verbreitete er durch die harmlose Beschäftigung Zwietracht über das ganze Schiff, und der Zeitvertreib, in Streit verwandelt, liess einen blutigen Kampf entstehen. Um nun aus anderer Unheil einen Vorteil zu gewinnen, raffte er das Geld der Erschlagenen an sich und erkaufte damit einen gewissen Collo, der zu der Zeit ein berühmter Wiking war. Mit diesem [35] 35kam er bald darauf in die Heimat zurück, nahm eine Herausforderung des Hading, der lieber sein als seiner Mannen Leben aufs Spiel setzen wollte, zum Zweikampfe an und wurde getötet. Es wollten nämlich die Führer von altem Heldenmute nicht unter einer Gefährdung der Gesamtheit etwas durchführen, was durch das Los weniger erreicht werden konnte.

Nach diesen Geschichten erschien dem Hading der Schatten seiner verstorbenen Gemahlin im Traume und weissagte ihm folgendes:

Wilder als wildes Getier ist ein Ungeheuer als Sohn Dir,
Und mit dem Trotze des Blicks stellt er in Schatten den Wolf.

Nach einer kleinen Weile aber fügte sie hinzu:

Sei auf der Hut; aus Dir ging hervor ein Dir schadender Vogel,
Singschwan an süssem Gesang, Uhu an boshaftem Sinn.

Als der König am Morgen aus tiefem Schlafe erwachte, legte er einem Traumdeuter sein Gesicht vor. Der deutete den Wolf auf den Sohn mit seiner künftigen Wildheit, unter dem Singschwan verstand er die Tochter; der Sohn, verkündete er, werde den Feinden gefährlich sein, die Tochter aber gegen den Vater arge List üben. Der Erfolg stimmte mit dieser Weissagung überein: die Tochter des Hading, Ulwilda, die an einen gewissen Guthormus, einen Unterthan des [44] Königs, verheiratet war, bewogen durch die Ehe unter ihrem Stande oder getrieben von Ehrgeiz, wiegelte ihren Mann, aller Kindesliebe bar, zur Ermordung des Vaters auf: sie wolle nicht Königstochter, sondern Königin heissen. Ihre mahnende Ansprache will ich ungefähr mit denselben Worten geben, in denen sie ihr Ausdruck verliehen hat; sie lautete etwa also:

O ich Elende, deren Adel ein ungleiches Eheband verdunkelt! O ich Unselige, an deren Ahnenreihe bäurische Niedrigkeit geknüpft ist. O ich unglücklicher Fürstenspross, die ich das Ehebett eines Unterthanen teile; o ich arme Königstochter, deren Zier ein blöder Vater in eine unangesehene und verächtliche Ehe dahingegeben hat. Ich unglückliches Kind der Mutter, dessen Glücke das Ehebett Abbruch thut, dessen reine Glieder bäurischer Schmutz besudelt, dessen Würde gemeine Unehre beugt, dessen hohe Geburt der Stand des Gatten herabwürdigt. Wenn nur ein Funke von Geisteskraft in Dir glüht, wenn nur eine Spur von Mut in Deinem Herzen wohnt, wenn Du Dich als würdigen Schwiegersohn eines Königs zeigen willst, dann entreiss dem Schwiegervater die Herrschaft, mache die niedere Geburt durch Thatkraft wett, gleiche den Mangel der Geburt durch Tüchtigkeit aus, wiege das Gebrechen des Blutes durch Mut auf! Beglückender ist die Würde, wenn sie Kühnheit, als wenn sie Erbschaft zu eigen giebt; den Thron besteigt man ruhmvoller durch Tüchtigkeit, als durch Nachfolge; [36] 36Ehren verleiht richtiger Verdienst, als Geburt. Ein Frevel ist es ja nicht, einen Greis zum Falle zu bringen, der von der eignen Last gedrückt zum Falle schon neigt. Für den Schwiegervater wird es ja genug sein mit der Herrschaft so vieler Jahre; die Gewalt des Greises möge nun auf Dich übergehen; wenn sie Dir entgeht, wird sie doch bald an einen andern fallen. Dem Falle nahe ist ja, was im Greisenalter steht. Ihm genüge es, geherrscht zu haben, Dir soll es endlich zukommen zu herrschen. Ich sehe lieber als Herrscher den Mann, als den Vater; ich will lieber Gemahlin, als Tochter des Königs heissen. Schöner ist es, im eigenen Hause einen [45]  König zu umarmen, als einen im fremden Hause zu verehren; ruhmvoller einen König zu minnen, als ihm sich zu beugen. Auch Du musst das Scepter lieber Dir gönnen, als dem Schwiegervater, denn ein jeder ist sich ja selbst der nächste. Finden wird sich schon Gelegenheit für die Ausführung des Unternehmens, wenn sich zu der That der Wille gesellt. Alles glückt dem Klugen. Ein Gastmahl muss gerüstet, ein prächtiges Gelage hergerichtet, Saalschmuck vorgesehen, der Schwiegervater eingeladen werden. Der Überlistung wird die zur Schau getragene Freundschaft einen Weg ebnen. Anschläge werden am besten unter dem Deckmantel der Verwandtschaft verborgen. Die Trunkenheit wird dem Todschlage glatten Weg geben. Wenn der König das Haupthaar sich streicht, wenn er das Ohr den Liedern, die Hand dem Barte widmet, wenn er das verwirrte Haar mit dem Haarpfeil oder mit dem entwirrenden Kamme teilt, dann soll er fühlen, dass ihm das Schwert in das Herz gebohrt wird. Wessen Hand beschäftigt ist, der ist nicht auf seiner Hut. Deine Rechte nahe dann, um so viel Unthat zu rächen; rechtschaffen ist es, seine Hand zu recken als Rächerin der Elenden.

Auf solches Drängen der Ulwild hin versprach ihr Mann, der Einflüsterung Folge leistend, seine Mitwirkung bei dem hinterlistigen Anschlage. Hading, durch den Traum gemahnt auf der Hut zu sein vor einer List des Schwiegersohns, kam zwar zu dem Mahle, das ihm die Tochter Liebe heuchelnd angerichtet hatte, stellte aber in geringer Entfernung Bewaffnete zur Deckung auf, um sich ihrer im Notfalle gegen einen hinterlistigen Anschlag zu bedienen. Als er das Mahl einnahm, lauerte der für die Ausführung der Schandthat gewonnene Trabant mit einem unter dem Kleide verborgenen Schwerte heimlich auf den rechten Augenblick für die Ausübung des Frevels. Der König aber bemerkte ihn und gab den in der Nähe aufgestellten Mannen das Zeichen mit dem Horn. Als diese sofort zur Hilfe herbeieilten, liess er den hinterlistigen Anschlag auf seinen Urheber zurückfallen.

Inzwischen erhielt der Schwedenkönig Hunding die falsche [46] Nachricht, dass Hading gestorben sei, und wollte sein Leichenbegängnis feiern; er berief seine Grossen zusammen und liess ein grosses Fass, mit Gerstensaft gefüllt, seinen Gästen zur Lust mitten im Saale aufstellen; damit die Feier vollkommen sei, übernahm er selbst die Rolle des Dieners und war selbst Mundschenk. Als er in Ausübung seines Amtes die Halle des Palastes durchschritt, strauchelte sein Schritt, er fiel in das Fass und erstickte in dem Nass. So büsste er, [37] 37vielleicht der Unterwelt, weil er durch eine unberechtigte Leichenfeier ihre Gunst gewinnen wollte, vielleicht auch dem Hading, dessen Tod er fälschlicherweise verkündet hatte. Als Hading das erfuhr, wollte er seinem Verehrer mit Gleichem danken, ihn nicht überleben und erhängte sich vor den Augen des Volkes.

[47] 

Zweites Buch.

[38] 38Auf Hading folgte sein Sohn Frotho, dessen Lebensschicksale wechselnd und merkwürdig gewesen sind. Als er die Knabenjahre hinter sich hatte, zeigte er alle tüchtigen Eigenschaften eines jungen Mannes. Er wollte sie nicht in Trägheit verkommen lassen, deshalb mühte er sich, aller Sinnenlust abgesagt, mit beständiger Waffenübung ab. Der Schatz des Vaters war durch Kriegsunternehmungen aufgezehrt, und er hatte keine Mittel mehr, seinen Mannen Unterhalt zu gewähren; als er nun eingehend nach dem nötigen Bedarfe Umschau hielt, da wurde ihm ein Weg gewiesen durch folgendes Lied eines Eingebornen, der zu ihm trat:

Unfern von hier ist ein Holm, ansteigend in mählicher Böschung,
Erz ihm bergen die Hügel, er weiss um köstliche Beute.
Herrlichen Haufen dort hütet der Herr des Berges, der Drache;

15
Vielfach gefaltet zu Kreisen, in zahlreiche Ringe verschlungen

Lässt er sich ringeln den Schwanz in windungsreicher Verschlingung,
Immer von neuem aufrollend den Leib, ausspeiend den Geifer.
Wenn Du besiegen ihn willst, so spanne, die Häute von Stieren
Über den Schild, den nehmen Du musst; mit Fellen von Rindern

20
Decke den Leib ringsum; nicht nackt ohne Decke die Glieder

Biete dem ätzenden Gift; denn der Geifer verbrennt, was er anspeit.
Mag auch im gähnenden Maule die dreifach gespaltene Zunge
Zucken einher wie ein Blitz, mag drohen mit gräulichem Rachen
Schreckliche Wunden sie Dir, fest bleibe Dein Herz ohne Zagen.

25
Lass Du Dich nicht anfechten die Schärfe des dornigen Zahnes,

Nicht seine Wut, nicht Gift, das aus gierigem Rachen er schleudert.
Mag auch Geschosse verlachen die Härte der Schuppen, am Bauche,
Merke! da ist ein Ort, wo leicht das Eisen sich einbohrt;

[48]

Der sei Ziel Deines Schwerts, so durchstichst Du mitten den Drachen.

30
Dann geh fahrlos zum Berg, setz’ an die gewuchtige Hacke,

Such’ in gegrabener Höhle und fülle die Beutel mit Golde;
Lenke dann heimwärts das Schiff, das schwer mit Schätzen beladne.

[39] 39Frotho glaubte der Verheissung und ging nach der Insel hinüber und zwar allein; er wollte ein Tier ebenso ohne Begleitung angreifen, wie einen Kämpen anzugehen Sitte war. Der Drache hatte sich gerade satt getrunken an der Quelle und suchte seine Höhle wieder auf, als Frotho ihn mit einem Schwerthiebe traf; aber die harte, rauhe Haut lachte des Schwertes. Auch die Wurfspeere, die auf sie geschleudert wurden, prallten von ihr ab, ohne ihr eine Verletzung beizubringen, nutzlos war die Anstrengung des Schützen. Aber während der harte Rücken nicht nachgab, erwies sich der weiche Bauch, den er sorgsam ins Auge fasste, als zugänglich für das Eisen. Der Drache wollte zwar zur Rache noch beissen, aber er konnte mit den dorngleichen, spitzen Zähnen seines Maules nur den Schild packen. Noch lange züngelte dann die Zunge, bis er endlich Leben und Geifer zugleich von sich gab.

Die gefundenen Schätze machten den König reich; mit ihnen rüstete er eine Flotte aus zu einer Fahrt nach dem Lande der Kuren. Deren König Dorno soll aus Furcht vor dem gefährlichen Kriege eine derartige Rede an seine Leute gehalten haben: „Den Feind aus der Fremde, Ihr Edle! der sich auf die Waffen und Mittel fast des ganzen Abendlandes stützt, wollen wir suchen durch die Macht des Hungers zu überwinden; ein Hinaushalten des Kampfes allein kann uns Rettung bringen. Der Hunger ist ein Übel, das im Innern zehrt; sehr schwer wird es sein, diese Gefahr am eigenen Leibe niederzuschlagen. Leicht kämpft man mit Hungrigen. Es ist besser, dem Gegner mit Hunger, als mit Waffen zu Leibe zu gehen, wir können kein schärferes Geschoss gegen den Feind schleudern, als den Hunger; die Pest, die durch den Hunger gross gezogen wird, zehrt gefrässig die Kräfte auf; die Hilfe, die in den Waffen ruht, untergräbt der Mangel an Lebensmitteln. Dieser, der Mangel, möge [49] Geschosse schleudern, während wir ruhen, er möge als unser Stellvertreter die Arbeit des Kampfes auf sich nehmen. Jeder Gefahr entrückt werden wir Gefahr bringen dürfen. Ihr Blut werden wir ihnen nehmen können ohne Verlust an Blut. Den Feind durch Stillliegen zu überwinden ist die beste Kunst. Wer will lieber mit Verlust, als sicher vor Schaden kämpfen? Wer will mit Absicht es auf Einbusse ankommen lassen, wo er ohne Einbusse streiten kann? Glücklicher wird der Waffenerfolg sein, wenn der Hunger als Vorstreiter den Kampf einleitet. Unter des Hungers Vortritt wollen wir die erste Gelegenheit zum Kampfe erfassen. Unser Lager soll von Kampfeslärm frei bleiben; er soll an unserer Statt streiten; wenn er nichts mehr zu bekämpfen hat, dann ist es Zeit, dass wir zur Arbeit schreiten. Leicht wird, wen Ermattung geschwächt, von einer frischen Kraft überwältigt. Die Rechte, die von Abzehrung welk geworden, wird verdrossen in die Waffen kommen. Langsamer wird der die Hand nach dem Schwerte ausstrecken, dessen Kräfte irgend eine Anstrengung vorher schon erschöpft hat. Rasch kommt der Sieg, wo ein Abgezehrter mit einem Kräftigen zusammentrifft. So werden wir, selbst ohne Verlust, Verlust über andere bringen können.“

Nach diesen Worten gab er alles auf, was er als schwer zu schützen erachtete und liess es selbst vernichten; gründlicher als ein grausamer Feind verheerte er das eigne Land, nichts liess er unangerührt, was von dem anrückenden Feinde in Beschlag genommen werden konnte. Den grössten Teil [40] 40seiner Truppen warf er dann in eine stark befestigte Stadt und liess sich hier vom Feinde belagern. Da Frotho es nicht hoffen durfte, die Stadt mit Sturm zu nehmen, so liess er eine grössere Anzahl von sehr tiefen Gräben in seinem Lager ziehen, die ausgehobene Erde unbemerkt in Körben hinausschaffen und heimlich in den Fluss streuen, der unweit der Mauern floss. Diese Falle liess er durch starken über die Gräben gelegten Rasen verdecken; er wollte den Feind, wenn er ohne Vorsicht einrückte, durch jähen Einbruch vernichten und erwartete, dass der Zusammensturz der einsinkenden Erdschollen die Arglosen verschütten sollte. Darauf rückte [50] er in scheinbarer Furcht ein wenig von dem Lager weg. Als nun die Leute aus der Stadt über das Lager herfielen, den Halt unter den Füssen verloren und haufenweise in die Gruben stürzten, da liess er sie alle von obenher mit Speerwürfen niederstrecken.

Als er von da weiterzog, stiess er auf Tranno, den Fürsten der Rutenen (Russen); er nahm sich vor, dessen Seemacht auszukundschaften, liess aus Latten viele Pflöcke schneiden und mit ihnen ein Fahrzeug beladen. Auf diesem fuhr er bei Nacht an die feindliche Flotte heran und machte mit einem Bohrer Löcher in den Rumpf der Schiffe. Damit nicht vorzeitig das Wasser durch sie eindringe, verstopfte er die offenen Bohrlöcher mit den vorher besorgten Pflöcken; was der Bohrer versehrt, das besserte er mit seinen Stöckchen wieder aus. Als er aber glaubte, dass die Anzahl der Bohrlöcher hinreiche, die Flotte zum Sinken zu bringen, da liess er mit einem Male alle Stopfen herausziehen, um dem Wasser freien Eintritt zu schaffen, und eiligst die feindliche Flotte durch die seinige einschliessen. Von zwiefacher Gefahr umstellt wussten die Russen nicht, ob sie eher den feindlichen Schiffen Widerstand leisten sollten, oder den Wassern. Das Schiff sank unter ihnen und brachte sie zu Tode, wenn sie es gegen den Feind decken wollten. Die Gefahr im Schiffe war noch schlimmer, als die von aussen kam; wenn sie gegen den Feind draussen die Waffen zückten, erlagen sie drinnen den Wassern. Zwei Gefahren rückten zugleich gegen die Armen vor. Es war nicht abzusehen, ob man schneller durch Schwimmen Rettung suchen sollte, oder durch Kämpfen. Den Kampf unterbrach mitten in seinem besten Gange die ungewohnte Aussicht auf das Ende. Zwei Todesgestalten stürmten in gleichem Schritte heran, zwei Wege der Vernichtung liessen gemeinsam die Gefahr nahen; man wusste nicht, ob ihnen mehr das Eisen, oder das Wasser zusetzte. Wer sich gegen das Schwert wehrte, den umschlang die still eingleitende Salzflut; wer den Gewässern entgegen trat, dem trat das Schwert in den Weg und fasste ihn. Das einquellende Wasser wurde vom ausspritzenden Blute gefärbt.

[51]  Als so die Russen besiegt waren, suchte Frotho die Heimat wieder auf. Hier musste er erfahren, dass die nach Russland zur Eintreibung des Tributs geschickten Boten von dem treulosen Volke grausam ermordet waren; aufgebracht über die zwiefache Unbill setzte er der Stadt Rotala[31] in enger Einschliessung hart zu. Damit nicht der zwischenliegende Fluss die Eroberung der Stadt hinausschöbe, liess [41] 41er die gesamte Wassermasse desselben durch verschiedene neu geschaffene Abzweigungen teilen und schuf so aus einem unergründlich tiefem Flussbette seichtes Wasser, das sich leicht durchwaten liess; und er liess nicht früher ab, als bis der reissende Strudel, durch den geteilten Abfluss gemindert, seine Wogen in sanfter Strömung trieb und allmählich in seichter Verflachung nur noch einige dünne Rinnsale aufwies. So wurde der Fluss gebändigt, und die Stadt erlag, ihres natürlichen Schutzes bar, ohne Gegenwehr dem Einbruche seiner Mannen. Hierauf liess er das Heer vor Paltiska[32] rücken. Da er diese Stadt mit seinen Kräften zu besiegen nicht hoffen durfte, so vertauschte er offenen Kampf mit Trug. Er verbarg sich in einem recht versteckten Schlupfwinkel und liess die Kunde verbreiten, er sei gestorben, um die Furcht des Feindes zu mindern; nur wenige waren in den Plan eingeweiht. Zur Bekräftigung der Kunde wurde sogar ein Leichenbegängnis abgehalten und ein Grabhügel geschüttet. Auch widmeten die Leute dem erlogenen Hingange ihres Führers eine erlogene Trauer. Verleitet durch diese Kunde betrieb der König der Stadt, Vespasius, gleich als sei der Sieg ihm sicher, die Verteidigung so lau und schlaff, dass die Feinde Gelegenheit zum Einbruche fanden, und er bei Spiel und Zeitvertreib erschlagen wurde.

Nachdem diese Stadt genommen, machte sich Frotho Hoffnung auf die Herrschaft über den Osten und rückte vor die Stadt des Handwan. Der dachte daran, wie einst die Stadt durch Hading in Brand gesteckt war, und liess alle Häuser [52] von den zahmen Vögeln säubern, um nicht die Gefahr eines ähnlichen Schlages auf sich zu laden. Jedoch Frotho war nicht verlegen um eine neue Kriegslist: er vertauschte seine Kleidung mit der von Mägden, trat als eine kampferfahrene Jungfrau auf und ging, nachdem er so die männliche Tracht abgelegt und weibliche angenommen, wie ein Überläufer in die Stadt. Hier erforschte er alles sorgfältig und wies am folgenden Tage durch einen hinausgeschickten Begleiter sein Heer an, vor den Mauern zu erscheinen: die Thore würden durch ihn geöffnet werden. So wurde die Stadt, indem die Wachen überlistet wurden, in Schlaf begraben, überfallen und genommen, und büsste mit ihrem Untergange für das Gefühl der Sicherheit, ins Elend gestürzt weniger durch Tapferkeit der Feinde, als durch eigne Lässigkeit. Denn im Kriege ist nichts verderblicher, als wenn man in träger Ruhe, aller Sorge bar, alle Anspannung der Kräfte aufgiebt und in übergrossem Vertrauen die Hände in den Schoss legt. Als Handwan das Vaterland vollständig verloren sah, brachte er den königlichen Schatz auf Schiffe und versenkte ihn ins tiefe Meer, um lieber die Wogen zu bereichern, als die Feinde; und doch wäre es geratener gewesen, mit Spenden die Gunst der Gegner zu erkaufen, als den Nutzen des Geldes menschlicher Verwendung zu entziehen. Als nunmehr Frotho die Tochter des Handwan durch Gesandte zur Gemahlin begehrte, da liess er ihm sagen, er solle sieh hüten, dass ihn nicht, verführt und verblendet durch das Glück, sein Sieg zur Überhebung verleite; er solle lieber daran denken, Besiegte zu [42] 42schonen und auch an Niedergeworfenen ihre frühere Würde achten; er solle lernen, auch an Elenden ihre vergangene Lage zu schätzen. Er müsse also darauf bedacht sein, nicht den vom Throne zu stürzen, dessen Verwandtschaft er suche, und nicht den in ruhmlose Dürftigkeit zu bringen, den er durch die Vermählung ehren wolle: denn die Würde der Ehe werde er dann durch Begehrlichkeit schmälern. Durch diese freundliche Zusprache gewann er den Sieger als Schwiegersohn und rettete die Unabhängigkeit seines Reiches.

Inzwischen hatte Thorhilda, die Gemahlin des Schwedenkönigs [53]  Hunding, um ihre Stiefsöhne Regnerus und Thoraldus, die sie unsagbar hasste, allen möglichen Gefahren auszusetzen, sie schliesslich zu Hütern der königlichen Herden bestellt; da nahm Swanhwita, die Tochter des Hading, ihre Schwestern als ihr Gefolge zu sich und ging nach Schweden, um mit weiblicher Klugheit die edlen Kinder vor dem Verderben zu schützen. Als sie nun sah, wie die genannten Jünglinge, mit der Bewachung der Herden bei Nacht beschäftigt, von gespenstischen Wesen verschiedener Art umringt wurden, und ihre Schwestern von den Rossen absteigen wollten, da untersagte sie es ihnen mit folgendem Liede:

Halt! im Dunkel der Nacht seh’ jagen ich grause Gespenster,
Eiligen Laufes einher ringsum erfüllend das Feld.

20
Halt! hier kämpfen die Teufel, entflammet in feindlichem Zwiste,

Mitten auf unserem Pfad ficht das verruchte Gewühl.
Eiligen Schrittes sich nahen gespenstische Schreckensgestalten,
Lassen auf diesem Gefild Raum nicht für menschlichen Fuss.
Scharen in eilendem Laufe mit Hast durch das Leere sich stürzend

25
Zwingen auf diesem Platz jetzt uns zu hemmen den Lauf,

Mahnen uns rückwärts zu wenden die Zügel, zu wenden die Schritte
Von dem verfluchten Gefild, lassen nicht weiter uns ziehn.
Siehe! schon naht sich der Chor der Gespenster, und jäh durch die Lüfte
Schreitet er, und sein Geheul schallt bis zum Himmel hinauf.

30
Satyr gesellt sich zum Faun, und es mischt sich die Horde der Pane

Geistern, zum Kampfe vereint, gräulich mit eklem Gesicht.
Schrate vereinen sich Schwarzen, und unheilsinnende Larven
Mühn sich, mit Hexen gepaart, eifrig, zu stehn auf dem Pfad.
Furien schwingen sich dort im Sprung, und mit ihnen zum Knäuel

35
Ballen sich Larven, es folgt, Fantua, Simen gesellt.

Wird er betreten zu Fuss, so strotzet der Steig von Gefahren;
Besseren Schutz uns gewählt; hoch auf dem Rosse der Sitz.

Dagegen gab sich Regner für einen Knecht des Königs aus und fügte als Erklärung für seine weite Entfernung von Hause hinzu, dass er, zum Hirtendienste auf das Land [43] 43verwiesen, die ihm unterstehende Herde verloren habe und, als er die Hoffnung auf Wiedererlangung habe aufgeben müssen, lieber nicht nach Hause zurückgekehrt sei, als dass er sich der Strafe und Ahndung ausgesetzt habe. Und um auch seines Bruders Erwähnung zu thun, liess er auf seine Worte dieses Lied folgen:  [54]

5
Menschen wir sind, nicht Gespenster, sind Knechte, wir haben die Herde

Hierher zur Weide geführt, blieben dann einsam zurück.
Während mit Scherz und mit Spiel wir die Zeit uns vertrieben, die Herde
Lief ohne Hüter davon weit auf entlegene Trift.
Als sie dann, lange gesucht, uns galt für immer entschwunden,

10
Füllte des argen Versehns quälende Sorge die Brust;

Als der entlaufenen Rinder sich nie eine sichere Spur bot,
Packte das schuldige Herz heftig der bangende Schreck.
Leidvoll erschien uns und schrecklich die Rückkehr zur Heimat, es drohten
Unserem schlimmen Vergehn strafende Streiche des Stocks.

15
Mindere Strafe, als fühlen die Hand und Züchtigung leiden,

Schien uns, mit freiem Entschluss meiden das trauliche Heim.
So entgehn wir der strafenden Hand, wir verschmähen die Rückkehr,
Sorgen in diesem Versteck nur zu entkommen dem Herrn;
Dies nur allein ist uns Schutz vor der Strafe für lässige Hütung,

20
Dies nur auf unserem Weg bietet uns sichere Flucht.

Da musterte Swanhwit in prüfender Betrachtung die prächtige Erscheinung seines Antlitzes und sagte in grosser Bewunderung: „Dass Du von Königen stammst, und nicht von Knechten, das verrät das strahlende Funkeln Deiner Augen. Die Gestalt zeigt die Abkunft, und in dem Blitzen der Augen leuchtet die edle Natur auf. Die Schärfe des Gesichts lässt schauen die hohe Geburt, und nicht ist niederen Standes geboren, wen die Schönheit, das sicherste Kennzeichen des Adels, empfiehlt. Das äussere Feuer der Augensterne kündet den glänzenden Genius im Innern. Die Gestalt lässt sicher auf die Abkunft schliessen, und in dem leuchtenden Antlitz wird die Hoheit der Vorfahren erblickt. Eine so liebliche und so edle Erscheinung konnte nicht von einem unadeligen Erzeuger ihren Ursprung nehmen. Die Zier des Blutes überströmt die Stirn mit verwandter Zier, und aus dem Spiegel des Antlitzes strahlt das Abbild der Natur zurück. Ein Bildwerk also von so prächtiger Arbeit hat kein geringer Handwerker geschaffen. Darum sucht jetzt immer wieder Abbiegungen vom Wege auf und vermeidet durch rasches Abschwenken einen Zusammenstoss mit den Gespenstern, damit ihr nicht euren herrlichen Leib ihnen zur Beute lasst und damit den schmutzigen Horden eine Nahrung bietet.“

Den Regner aber hatte Scham ergriffen ob seines hässlichen [55]  Aufzuges, für die er die einzige Abhilfe darin erblickte, dass er seine vornehme Herkunft auch ferner verleugnete. Er entgegnete also, dass Knechtschaft nicht immer der [44] 44Mannhaftigkeit bar erfunden werde, dass häufig auch ein schmutziger Rock einer kräftigen Hand Hülle sei, und dass bisweilen eine tapfere Rechte in einem groben Kittel stecke; und so werde der Mangel der Geburt durch Tüchtigkeit getilgt und die Unzulänglichkeit der Herkunft durch den Adel der Gesinnung aufgewogen. So fürchte auch er, den Gott Thor ausgenommen, keine Macht einer gespenstischen Kraft: Thors grosser Macht freilich könne nichts im Himmel und auf Erden sich vergleichen. Auch Larven, die nur durch ihr totenbleiches, hässliches Aussehen schrecken könnten, dürften von einer mannhaften Brust nicht gefürchtet werden; denn ihr Bild, mit nachgeäffter Blässe geschmückt, entleihe doch nur von der dünnen Luft eine kurzdauernde Körperlichkeit. Swanhwit täusche sich also, wenn sie es unternähme, feste Manneskraft wie ein Weiberherz zu erweichen, eine Brust voll Mut, die nur zu siegen gewohnt sei, mit entmutigender Furcht zu erfüllen.

Swanhwit staunte ob der Festigkeit des Mannes, scheuchte den Dunst ihrer nebelhaften Umschattung und liess an die Stelle des Dunkels, das vor ihrem Antlitze lag, durchsichtige Klarheit treten, versprach ihm ein Schwert, das für alle Kämpfe geeignet sei und liess ihm ihren wunderbar schönen jugendlichen Leib in dem überraschenden Glanze der Glieder erscheinen. So gewann sie die Verlobung mit dem leicht entflammten Jünglinge und sang unter Darreichung des Schwertes:

Nimm in dem Schwerte, o Prinz! das die Macht Dir verleiht, zu erlegen
Alle Gespenster, zuerst bräutliche Gabe von mir.
Zeige Dich würdig der Gabe der Braut, mit dem Eisen im Wettstreit
Mühe sich ihrem Gewehr Ehre zu machen die Hand.

25
Glimmenden Funken im Herzen entfache das kräftige Eisen,

Lerne das Herz mit der Hand innig vereinet zu stehn.
Gleiche der Träger der Last, dem Schwerte entspreche die Führung,
Gleiches Gewicht in dem Kampf wachse aus beiden Dir zu.
Sage! was nützet der Speer, wenn schwächlich das Herze erschlaffet,

30
Was, wenn der Waffe versagt feige die zitternde Hand?
[56]

Eisen verein’ sich mit Mut, und beides sei Rüstung dem Körper,
Innig zum Bande vereint fasse die Rechte den Knauf.
Das giebt rühmliche Kämpfe; wenn beide vereinet, so pflegen
Mehr sie zu geben an Kraft, mindere, wenn sie getrennt.

35
Trägst Du im Herzen den Wunsch zu erstrahlen im herrlichen Kriegsruhm,

Füge den Mut noch hinzu dem, was Dir fasset die Hand.

Als sie noch mehreres dieser Art in entsprechenden Gedichtsweisen vorgebracht hatte, entliess sie ihre Begleitung und kämpfte die ganze Nacht hindurch gegen die Scharen der widerwärtigen Gespenster; als das Tageslicht erschien, sah sie, dass mannigfache Larvenformen und seltsam [45] 45gebildete Gestalten in Massen auf das Feld gesunken waren, unter ihnen liess sich auch das Bild der Thorild sehen, übersäet von Wunden. Diese Gestalten brachte sie zu einem Haufen zusammen und verbrannte sie auf einem gewaltigen Scheiterhaufen, damit nicht der ekelhafte Geruch der verwesenden Leichen sich in krankheitbringender Ausströmung verbreite und die dorthin kommenden Menschen durch ihre verpestende Ansteckung versehre. Nunmehr gewann sie dem Regner die Herrschaft über Schweden, sich aber die Stellung als seine Gemahlin. Zwar hielt es Regner für nicht sehr schön, seine Laufbahn mit einer Hochzeit zu beginnen, liess sich aber doch durch die Rücksicht auf seine Rettung bestimmen, sein Versprechen wahr zu machen.

Während dieser Vorgänge trat ein gewisser Ubbo, der schon früher des Frotho Schwester Ulwild geheiratet und bisher die Verwaltung von Dänemark als Stellvertreter geführt hatte, gestützt auf die edle Geburt seiner Gemahlin, als selbständiger Herrscher auf. Dadurch wurde Frotho von seinen Kriegsunternehmungen im Ostlande abgezogen und schlug eine schwere Schlacht in Schweden mit seiner Schwester Swanhwit. Er war im Verluste und suchte in der Nacht auf einem Kahne in heimlicher Schleichfahrt eine Möglichkeit, die feindliche Flotte anzubohren. Er wurde von der Schwester ertappt und gefragt, warum er so heimlich auf Schleichwegen fahre; da schickte er die Fragende mit gleicher Frage heim. Denn auch Swanhwit hatte zur selben Nachtzeit sich allein [57]  auf die Fahrt gemacht und fuhr in vielfach verschlungener Zickzacklinie in auffallender Weise bald vorwärts, bald rückwärts. Da erinnerte sie den Bruder an die ihr einst von ihm gewährte freie Hand und schloss die Bitte an, er möge sie, die er bei seinem Weggange zu dem russischen Kriege mit der Freiheit, nach eigner Wahl sich zu verheiraten, beschenkt habe, sich des gewählten Gemahls erfreuen lassen und nach geschehener That gelten lassen, was er selbst vorher zugestanden habe. Durch diese begründete Bitte bewogen schloss Frotho mit Regner Frieden und verzieh um ihres Gesuches willen die Unbill, die ihm nach seiner Ansicht durch die kecke Anmassung der Schwester angethan war. Er wurde von beiden mit Mannschaft, so viel er durch sie verloren hatte, beschenkt und freute sich, dass der schimpfliche Verlust durch herrliche Gabe ausgeglichen war.

Als er den Boden von Dänemark betreten, wurde Ubbo gefangen und vor ihn geführt; er verzieh ihm aber und wollte dem Übelthäter lieber Gnade als Strafe zu teil werden lassen; denn er habe, so meinte er, nach der Herrschaft nicht nach eigenem Entschlusse gestrebt, sondern nur auf Antrieb der Frau; der böse Plan sei nicht in seinem Hirne entsprungen, sondern von einer andern ihm eingegeben. Die Ulwild nahm er ihm und gab sie seinem Freunde Skottus, der der Stammvater des Schottischen Volkes geworden ist; den Wechsel der Ehe betrachtete er als eine Strafe. Beim Abschiede geleitete er sie mit königlichen Wagen und vergalt die Unbill mit Wohlthat. Er zog an der Schwester die Abstammung, nicht den bösen Sinn in Betracht und liess sich mehr leiten durch die Rücksicht auf seinen eignen Ruf, als auf ihre Schlechtigkeit. Jedoch des Bruders Wohlthaten vermochten sie nicht dazu zu bringen, von ihrem alten halsstarrigen Hasse abzulassen, sondern sie quälte unablässig ihren neuen Gemahl mit der Aufforderung, Frotho zu erschlagen und selbst in Dänemark König zu werden. Denn nur zögernd pflegt des Menschen Sinn loszulassen, was er mit fester Liebe erfasst hat, und nicht lässt ihn mit einem Male der böse Sinn, den er in den Jahren der Jugend angenommen hat. Denn [58] dem Sinne der ersten Lebenszeit entspricht die Gemütsverfassung im späteren Leben: nicht schnell schwinden die Eindrücke der Laster, die das unreife Alter auf den Charakter gemacht hat. Da sie bei dem Gemahle nur taube Ohren fand, so wurde nun der Mann anstatt des Bruders Ziel ihrer bösen Anschläge; sie dang Leute, die ihn im Schlafe erschlagen sollten. Skottus erfuhr durch eine Magd davon und stieg in der Nacht, in welcher der Nachricht nach die Mordarbeit an ihm vollbracht werden sollte, mit dem Panzer ins Bett. Als Ulwild ihn fragte, weshalb er die gewohnte Weise der Ruhe verändert habe und mit dem Eisen bekleidet sei, antwortete er, es habe ihm augenblicklich so beliebt. Als er nun in tiefem Schlafe zu liegen schien, und die Handlanger bei dem Anschlage eindrangen, da glitt er vom Bette und streckte sie nieder. So kam es, dass er es der Ulwild austrieb, gegen ihren Bruder Ränke zu schmieden und anderen ein warnendes Beispiel gab, vor der Treulosigkeit der Frauen auf der Hut zu sein.

Während dieser Geschichten fasste Frotho den Plan Friesland anzufallen, denn er begehrte den Glanz, den er durch die Besiegung des Ostens erworben hatte, auch dem Westen in die Augen strahlen zu lassen. Als er in den Ocean fuhr, hatte er zuerst einen Zusammenstoss mit dem friesischen Wiking Vittho; dabei wies er seine Leute an, den ersten Angriff der Feinde unter dem Schutze der Schilde ruhig über sich ergehen zu lassen und nicht früher Wurfgeschosse in Anwendung zu bringen, als bis sie sähen, dass die Wolke der feindlichen Geschosse ausgeregnet habe. Die Friesen schossen nur um so blinder drauf los, als die Dänen sich so ruhig beschiessen liessen; denn Vittho meinte, die Zurückhaltung des Frotho habe ihre Quelle in dem Wunsche, einem Kampfe auszuweichen. Es erhebt sich ein gewaltiges Geblase und in gewaltigem Sausen entfliegen die Speere. Als sie nun unüberlegt sich verschossen hatten, da wurden sie von den Dänen mit Geschossen überschüttet und leicht besiegt. Sie warfen sich auf der Flucht nach dem Strande zu, wurden aber in den verschlungenen Gängen der Wattenrinnen [59]  niedergehauen. Darauf fuhr Frotho mit seiner Flotte den Rhein hinauf und liess die äussersten Striche Germaniens seine Hand fühlen. Dann fuhr er in die Nordsee zurück, griff eine auf Untiefen geratene Flotte der Friesen an, brach die Schiffe, erschlug die Bemannung. Noch nicht genug feindliche Reihen hatte er niedergeworfen: er ging noch nach Britannien. Als er den König dieses Landes besiegt hatte, wandte er sein Schwert gegen Melbricus, einen Befehlshaber im Schottischen Lande. Als er gegen diesen auf dem Marsche war, erfuhr er durch die Kundschafter, dass der König von Britannien ihm auf dem Fusse nachfolge, und da er zu schwach war, zu gleicher Zeit einen Vorstoss zu machen und sich im Rücken zu decken, so rief er seine Leute zusammen und [47] 47eröffnete ihnen, sie müssten die Wagen im Stiche lassen, das Gepäck preisgeben und die goldnen Geräte, die sie mit sich schleppten, hie und da über das Feld verstreut hinwerfen; allein in der Ausstreuung der Schätze biete sich noch Rettung; sie seien eingeschlossen, und es bliebe ihnen keine andere Hilfe mehr, als den Feind zur Habgier von den Waffen weg zu locken. Willig müssten sie die im Auslande erworbene Beute der Notlage zum Opfer bringen; sie würden es erleben, dass der Feind ebenso hastig die aufgelesene Beute wieder wegwerfe, wie er die gefundene aufraffe; sie werde ihm nur eine Last, kein Gewinn sein.

Da trat Torkillus auf, habgieriger, aber auch redegewandter als alle andern und sprach, das Haupt vom Helm entblösst, auf seinen Schild gelehnt: „Dein herbes Gebot, o König, ärgert viele, die das hochhalten, was sie mit ihrem Blute gewonnen haben. Widerwillig giebt man das dahin, was unter grosser Gefahr erworben ist; ungern lässt man im Stiche, was mit Lebensgefahr erkauft ist; denn reiner Wahnwitz ist es das mit männlichem Sinn und Hand Erworbene wie ein Weib wegzuwerfen und dem Feinde ungehoffte Schätze in den Schoss zu legen. Was ist schimpflicher, als schon vor einer Entscheidung durch die Schlacht die Beute, die wir mitführen, missachtend preiszugeben und ein sicheres und greifbares Gut um der Furcht vor einem noch unsicheren Übel willen [60] im Stiche zu lassen? Noch sehen wir keine Schotten, und sollen schon das Feld mit Gold bestreuen? Wie wollen wir denn im Kampfe sein, wenn uns auf dem Zuge zum Kampfe die blosse Denkbarkeit eines Kampfes den Mut nimmt? Lächerlich werden wir sein, die wir dem Feinde ein Schrecken gewesen sind, für unsern Ruhm werden wir Missachtung eintauschen. Der Britanne wird nicht begreifen, wie er von Leuten sich hat besiegen lassen können, die er nun von dem blossem Schrecken besiegt sieht. Sollen wir uns in Furcht vor denen ducken, denen wir früher Furcht eingejagt haben? Die wir vor uns stehend verachtet haben, die sollen wir aus der Entfernung fürchten? Wann sollen wir mit Tapferkeit die Schätze wiederkaufen, die wir aus Furcht aufgeben? Das Geld, für das wir gekämpft haben, sollen wir jetzt gering achten, um einen Kampf zu vermeiden? Die wir in Armut bringen mussten, die sollen wir jetzt mit Reichtum überschütten? Die Beute haben wir tapfer genommen, feig sollen wir sie hinwerfen? Was können wir Schimpflicheres begehen, als denen Gold schenken, denen wir das Eisen auf den Kopf schlagen müssten. Furcht soll nie uns nehmen, was Tapferkeit uns erworben hat. Was im Kampfe gewonnen, darf nur im Kampfe verloren werden. Um denselben Preis muss die Beute verkauft werden, um den sie gekauft ist; mit Eisen muss der Preis gewogen werden. Besser ist es eines rühmlichen Todes zu sterben, als aus Liebe zum Leben ein Schurke zu heissen. Vom Leben scheiden wir in einem kurzen Augenblicke, die Schande folgt uns über den Tod. Bedenke ferner, dass uns der Feind, wenn wir das Gold hinwerfen, nur um so hitziger bedrängen wird, denn darin wird er den Beweis einer grossen Furcht auf unsrer Seite erblicken. Ausserdem kann nichts das Gold uns unlieb machen, mag die Entscheidung [48] 48zum Guten oder zum Bösen fallen. Denn, siegen wir, so wird uns das Gold, das wir behalten, eine Freude sein; werden wir besiegt, so werden wir es als Lohn für unser Begräbnis hinterlassen.“ So sprach der Alte.

Aber die Leute sahen mehr auf den Rat des Königs als des Genossen, legten der ersten Mahnung mehr Gewicht bei [61]  als der zweiten und holten im Wetteifer aus den Beuteln die Schätze, die ein Jeder hatte. Auch die Pferde, die das verschiedene Gerät trugen, entladen sie von ihrer Last, und so, mit geleerten Taschen, sind sie gelenker für die Waffen. Als sie vorwärts marschierten, und die Briten ihnen nachrückten, stoben diese auseinander auf die weithin den Augen sich bietende Beute los. Als ihr König sie erschaute, wie sie übergierig mit dem Zusammenraffen der Schätze beschäftigt waren, da hiess er sie sich hüten, ihre dem Kampfe bestimmten Hände mit der Last von Schätzen zu ermüden; sie wüssten doch, dass man erst den Sieg gewinnen müsse und dann das Geld. Also sollten sie das Gold unbeachtet liegen lassen und den Herren des Goldes nachsetzen; nicht des Metalles, sondern des Sieges Glanz sollten sie bewundern, und sie sollten nicht vergessen, dass ein Sieg höher lohne als Erwerb. Wertvoller als das Metall sei die Tapferkeit, wenn man sie beide nach Gebühr abschätze; denn mit dem Golde gewinne man nur äusserlichen Schmuck, die Tapferkeit aber schmücke nicht nur nach aussen, sondern auch im Innern. Darum sollten ihre Augen stets abgelenkt von der Betrachtung des Goldes sein, ihren Sinn sollten sie abziehen von der Habgier und allein auf den Kampf gerichtet halten. Ausserdem möchten sie wissen, dass die Beute von den Feinden absichtlich abgeworfen, und das Gold nicht zum Nutzen, sondern zur Falle ausgestreut sei; auch der einfache Glanz des Silbers sei um einen verborgenen, trügerischen Angelhaken geschlungen; denn man dürfe ja nicht glauben, dass die so schlechthin geflohen seien, die früher das tapfere britische Volk in die Flucht getrieben hätten. Es gäbe nichts Verwerflicheres als Schätze, die ihren Aufgreifer zum Gefangenen machten während sie ihn zu bereichern schienen; denn die Dänen hätten sicher darauf gerechnet, denen mit Schwert und Mord zu schaden, denen sie scheinbar die Schätze in den Schoss gelegt hätten. Wenn sie also die hingestreuten Kleinode aufrafften, so sollten sie überzeugt sein, dass sie damit nur die Absichten des Feindes förderten. Denn wenn sie sich von dem Scheine des preisgegebenen Erzes verlocken liessen, so [62] sollten sie nicht nur dieses, sondern auch was sie von ihrem Gelde noch hätten, wegwerfen. Was könne es denn nützen, etwas aufzunehmen, was sie sofort wieder hergeben müssten? Nein! wenn sie es über sich gewännen, sich nicht vor dem Gelde niederzuwerfen, so würden sie zweifellos den Feind niederwerfen. Sie müssten also aufrecht dastehen in tapferem Mute, nicht gebückt von Leidenschaft; der Sinn dürfe sich nicht niederneigen zur Habgier, sondern er müsse sich hoch richten nach dem Ruhme; mit den Waffen müssten sie kämpfen, nicht mit dem Golde.

Als der König endete, sprach ein britischer Lehnsmann, indem er allen seinen mit Gold beladenen Rockschoss hinhielt: „Deine Rede lässt schliessen auf zweierlei Eindrücke, die die Lage auf Dich macht; der eine beweist Deine Furcht, [49] 49der andere Deinen hämischen Sinn; denn wegen des Feindes willst Du uns verbieten die Schätze aufzunehmen, und dann willst Du uns lieber arm als reich in Deinem Heere sehen. Was ist hässlicher, als solcher Wille? Was ist thörichter, als solches Geheiss? Wir erkennen hier unsere eigenen Schätze, und sollen uns bedenken sie aufzuheben? Was wir auszogen mit den Waffen wiederzuholen, was wir mit Blut wiederzugewinnen entschlossen waren, das sollen wir nun, da es ohne Kampf uns zurückgestellt ist, von uns weisen? Wir sollen uns bedenken, unser Eigentum an uns zu nehmen? Wer ist feiger: wer Erbeutetes hinstreut, oder wer sich fürchtet Hingestreutes aufzulesen? Sieh! Was Zwang uns genommen, das giebt uns ein Glücksfall zurück. Das ist nicht Beute von Feinden, sondern von uns selbst, nicht hergeschleppt hat der Däne das Gold nach Britannien[WS 1], sondern weggeschleppt. Was wir ungern, bezwungen, verloren haben, das sollen wir meiden, wenn es ohne unser Zuthun zurückkommt? Sünde ist es, ein solches Geschenk des Glücks verächtlich zurückzuweisen. Was ist wahnwitziger, als Schätze zu verschmähen, wenn sie offen daliegen, und sie zu suchen, wenn sie verschlossen und gehütet sind? Abwenden sollen wir uns von dem, was vor unsern Augen steht, um Jagd zu machen auf Weichendes? Was vor uns liegt, sollen wir lassen, um weit [63]  Entferntes zu suchen? Wann werden wir je fremdes Gut uns zur Beute machen, wenn wir unser eigenes zurückweisen? Nie möge ich solche Ungunst der Götter erfahren, dass ich den mit Gold, das vom Vater und Grossvater ererbt ist, angefüllten Schoss dieser so berechtigten Bürde entledigen müsste. Ich kenne der Dänen Hang zur Schwelgerei; niemals hätten sie die Fässer voll Wein im Stiche gelassen, wenn nicht die Furcht sie von hinnen gejagt hätte; eher hätten sie das Leben gelassen, als den Wein; gemein uns beiden ist diese Leidenschaft, hierin sind wir ein Abbild von ihnen. Und – nehmen wir wirklich an, ihre Flucht sei verstellt, so werden sie doch eher den Schotten in die Hände laufen, als sie zurückkommen können. Niemals soll dieses Gold auf dem Felde verrosten unter den Hufen der Schweine und des Wildes, nein! es soll dem Gebrauche von Menschen dienen. Ferner, wenn wir die Beute des Heeres, von dem wir besiegt sind, an uns nehmen, so übertragen wir auf uns das Glück des Siegers. Denn kann man wohl ein zuverlässigeres Vorzeichen des Sieges erhalten, als dass man Beute vor dem Kampfe nimmt, dass man das von den Feinden aufgegebene Lager vor der Schlacht besetzt? Erfreulicher ist es durch Schrecken zu siegen als durchs Schwert.“

Kaum hatte der Mann geendet, da reckten sich aller Hände gierig nach der Beute und rafften das glänzende Erz auf. Mit Staunen hätte man das Treiben gemeiner Habgier sehen können, das Bild wilder Begierde. Man konnte sehen, wie das Gras mit dem Golde ausgerissen wurde, wie in den eigenen Reihen der Briten der Hader aufwuchs, wie sie, ohne an den Feind zu denken, gegen die Mitbürger das Schwert erhoben, wie Verwandtschaft nichts galt, genossenschaftliches Band nicht geachtet wurde, alle nur ihrer Habgier huldigten, auf Freundschaft niemand sah.

Inzwischen hatte Frotho auf weitem Wege den Wald, der Schottland und Britannien trennt, durchzogen und hiess nun seine Leute sich schlagfertig machen. Als aber die [50] 50Schotten seine Mannschaft erblickten und bedachten, dass ihnen nur leichte Speere zur Verfügung standen, die Dänen [64] aber eine weit bessere Rüstung hatten, da liessen sie es gar nicht zu einem Kampfe kommen, sondern wandten sich zur Flucht Frotho liess sie nur eine mässige Strecke verfolgen, weil er einen Vorstoss der Briten fürchtete, stiess aber auf den Skott, den Mann der Ulwild, mit einem grossen Heere, den der Wunsch, den Dänen Hilfe zu bringen, aus den entferntesten Strichen Schottlands herbeigeführt hatte. Von diesem wurde ihm der Rat gegeben, die weitere Verfolgung der Schotten zu unterlassen und nach Britannien zurückzumarschieren; dort holte er sich die Beute, die er verschmitzt von sich geworfen, mit scharfer Hand wieder. Mit Gleichmut hatte er die Schätze preisgegeben, um so leichter holte er sie zurück. Nun reute die Briten, dass sie die Last aufgenommen, denn sie mussten für ihre Habgier mit ihrem Blute büssen; nun ärgerten sie sich, dass sie so unersättlich ihre Arme der Habsucht geboten hatten; nun schämten sie sich, dass sie ihrer Begehrlichkeit gehorcht hatten und nicht der Mahnung des Königs.

Hierauf griff er London, die wichtigste Stadt der Insel an. Da ihre festen Mauern eine Erstürmung unmöglich machten, so nahm er seine Zuflucht zur List, indem er sich für tot ausgeben liess. Als nun der Kommandant von London, Dalemannus, die falsche Kunde von seinem Hinscheiden erhielt, nahm er die Unterwerfung der Dänen an und stellte ihnen einen Anführer aus den Landeseingebornen zur Verfügung. Damit sie den aus einer grossen Zahl auslesen könnten, erlaubte er ihnen die Stadt zu betreten. Sie stellten sich, als wollten sie recht sorgfältig bei der Auswahl zu Werke gehen, zogen die Sache dadurch bis in die Nacht hin, überfielen dann hinterlistig den Dalemann und schlugen ihn nieder.

Als Frotho nach diesen Thaten nach Hause kam, bewirtete ihn ein gewisser Scato mit einem Gastmahle, um zu den Mühen des Krieges auch die frohe Lust treten zu lassen. Während er hier auf goldgesticktem Kissen bei Tische sass, wurde er von einem gewissen Hundingus zum Zweikampfe herausgefordert, und obgleich er sich den Freuden des Mahles [65]  hingegeben hatte, schuf ihm doch der Kampf in Aussicht mehr Vergnügen, als das Mahl vor ihm, und er beendete das Gelage mit Zweikampf, den Zweikampf mit Sieg. Obgleich er dabei eine bedenkliche Wunde davongetragen hatte, wies er doch die Herausforderung des Kämpen Haquinus nicht zurück und nahm Rache für die gestörte Ruhe mit dem Tode des Herausforderers. Zwei Kammerdiener, die eines Anschlages auf sein Leben klar überwiesen wurden, liess er ins Meer werfen, an grosse Steine festgebunden, indem er das schwere geplante Verbrechen durch die schwere Masse an ihren Körpern bestrafte. Einige Quellen berichten, dass ihm damals Ulwild einen Rock geschenkt habe, den Eisen nicht durchschneiden konnte; wenn er mit dem bekleidet war, so konnte ihn keine noch so scharfe Waffe verwunden. Ich will auch erwähnen, dass Frotho öfter seine Speisen mit gestossenen und gemahlenen Goldspänen bestreute, die ihn gegen einen Anschlag von Giftmischern unter seinen Leuten schützen sollten. Während er den Schwedenkönig Regnerus, der fälschlich des Hochverrates beschuldigt wurde, bekriegte, kam er [51] 51um, nicht durch eine Waffe, sondern erstickt durch die schwere Rüstung und durch seine Körperhitze, und hinterliess drei Söhne, Haldanus, Roe und Scatus.

Diese, an Tüchtigkeit gleich, packte gleichmässig die Sucht, König zu sein; Drang nach Herrschaft erfüllte jeden, Rücksicht auf die Brüder band keinen. Wen allzugrosse Eigenliebe erfasst, den verlässt die Nächstenliebe, und niemand kann gleichzeitig für sich in Ehrgeiz und für andere in Freundschaft handeln. Der älteste von ihnen, Haldan, liess seine Brüder Roe und Scat töten, befleckte die Bande der Natur mit einem Verbrechen, ergriff die Herrschaft durch argen Mord, und um ja kein Beispiel von Grausamkeit zu versäumen, liess er ihre Anhänger festnehmen, zunächst zur Strafe in den Kerker schliessen und dann aufhängen. Sein Geschick ist namentlich deshalb merkwürdig, weil er, der immer nur in seinem ganzen Leben auf Werke der Grausamkeit bedacht gewesen war, sein Lebensende durch Altersschwäche gefunden hat, nicht durch das Schwert.  [66] Seine Söhne waren Roe und Helgo. Von Roe soll Roeskilde gegründet sein, welche Stadt später durch den berühmten Sweno mit dem Beinamen Gabelbart so gewaltig an Einwohnerzahl und Ausdehnung zugenommen hat. Er war klein und schwach an Körper; Helgo war schlanker gebaut. Er teilte das Reich mit dem Bruder und erhielt als sein Los das Meer; als Seekönig griff er den König der Slaven, Scalcus, an und besiegte ihn. Nachdem er das Slavenland sich unterworfen hatte, durchstreifte er die verschiedenen Buchten der Ostsee in unstäter Meerfahrt. Er war zwar sehr wilden Sinnes, jedoch sein Hang zur Sinneslust kam seiner Wildheit gleich. Er war so gierig auf Liebesgenuss, dass man schwanken konnte, ob seine Grausamkeit grösser sei, oder seine Geilheit. Auf der Insel Thorö musste die Jungfrau Thora seine Brunst erdulden und gebar eine Tochter, der sie später den Namen Ursa gab. Den Hundingus, des Sachsenkönigs Syricus Sohn, besiegte er bei der Stadt Stadium, stellte ihm eine Herausforderung zu und erschlug ihn im Zweikampfe. Deshalb Hundingstöter genannt, trug er die Zierde seines Sieges im Beinamen. Jütland entriss er den Sachsen und übertrug die Rechtsprechung und Verwaltung in diesem Lande den Herzögen Heske, Eyr und Ler[33]. In Sachsen bestimmte er, dass die Tötung eines Freien und eines Freigelassenen mit gleichem Wergelde[34] gebüsst werden sollte: es sollte deutlich kund sein, dass alle Familien der Deutschen in gleicher Knechtschaft stünden, und dass die geminderte Freiheit eine gleich schimpfliche Lage für alle bedinge.

Als er auf einem Wikingszuge wieder zu der Insel Thorö kam, ersann Thora, die noch nicht den Verlust ihrer Jungfräulichkeit [52] 52verschmerzen konnte, einen grausen Weg, sich für die schandbare Entehrung zu rächen. Sie schickte nämlich [67]  ihre mannbar gewordene Tochter absichtlich an den Strand und liess den Vater sie durch Beischlaf entehren. Mag dieser auch seinen Leib der Lockung einer verführerischen Lust hingegeben haben, so darf man doch nicht glauben, dass er alles menschliche Gefühl von sich geworfen habe; denn eine begründete Entschuldigung für seine Verirrung lag für ihn in der Unkenntnis. Die Mutter war sinnlos, die ihrer Tochter Keuschheit verloren gehen liess, um den Verlust ihrer eignen zu rächen und sich nicht um die Ehre ihres Kindes kümmerte, wenn sie nur den zur Blutschande trieb, durch den sie früher ihre Jungfrauschaft verloren hatte. Wilden Sinnes war die Frau, die gewissermassen eine zweite Schändung ihrer selbst über sich verhängte, um ihren Entehrer zu strafen, denn gerade dadurch minderte sie nicht das Unrecht, sondern liess es noch mehr anwachsen. Denn wodurch sie Rache zu finden meinte, dadurch baute sie sich selbst eine Schuld, und während sie von einem Schaden sich befreien wollte, fügte sie noch eine Sünde hinzu, weil sie wie eine Stiefmutter an ihrem eigenen Kinde handelte, das sie der Schande preisgab, um ihre eigene Schande zu sühnen. Schamlosigkeit muss das Wesen ihres Sinnes gewesen sein, dass sie sich so weit von dem sittlichen Gefühle verirren konnte, dass sie sich nicht scheute, Trost für die ihr angethane Unbill in der Schande der Tochter zu suchen. Gross war die Sünde, aber sie fand darin eine Sühnung, dass ein glücklicher Spross die Schuld des Beilagers austilgte, dass sie zwar schaurig zu berichten, aber in ihrer Frucht nicht ohne Freude gewesen ist. Denn Rolw, der Sohn der Ursa, hat die Schmach seiner Geburt durch strahlende Werke der Tapferkeit getilgt; den unvergleichlichen Glanz dieser Thaten feiert aller Zeiten Gedächtnis in herrlichen Ruhmesliedern. So nimmt zuweilen ein trauriger Anfang ein fröhliches Ende, und was mit Schande begonnen, entwickelt sich zu einem schönen Ausgange. Somit war die Verirrung des Vaters an sich sündhaft, brachte aber gute Frucht, da sie der Sohn mit seinem wunderbaren Glanze später gesühnt hat.

Inzwischen war in Schweden Regner gestorben, und seine [68] Gemahlin Swanhwit verschied bald nach ihm an einer Krankheit, der Folge ihrer Trauer; sie folgte ihrem Manne im Tode nach, weil sie nicht durch ein längeres Leben von ihm getrennt sein wollte. So wollen oft Menschen wegen einer ganz hervorragenden Liebe, die sie einem andern im Leben geweiht, diesen auch beim Scheiden aus dem Leben begleiten.

Ihnen folgte ihr Sohn Hothbrodus, der um das Reich zu erweitern, Krieg in den Ostländern führte und nach grossem Blutbade unter diesen Völkern zwei Söhne, Atislus und Hotherus zeugte. Ihnen bestellte er zum Erzieher einen gewissen Gewarus, der durch grosse Wohlthaten[35] an ihn gefesselt war. Nicht zufrieden mit dem Siege in den Ostländern, griff er auch Dänemark an, zwang den König Roe dreimal zur Schlacht und erschlug ihn. Als Helgo hiervon erfuhr, schloss er seinen Sohn Rolwo in die Burg von Lethra ein; für das Leben des Erben [53] 53wollte er sorgen, wie auch immer das Geschick mit ihm verführe. Um das Land von der Fremdherrschaft zu befreien, liess er die von Hothbrod eingesetzten Befehlshaber durch seine Leute, die er Stadt für Stadt schickte, niederhauen. Den Hothbrod selbst und alle seine Macht vernichtete er in einer Seeschlacht; so zahlte er nicht allein des Bruders, sondern auch des Vaterlandes böse Behandlung mit rächenden Waffen heim. So kam es, dass ihm, dem jüngst wegen der Tötung des Hunding ein Beiname geworden war, nun die Vernichtung des Hothbrod eine Zubenennung einbrachte. Ausserdem bestrafte er die Schweden, gleich als wenn sie durch die Kämpfe noch nicht genug gelitten hätten, noch durch eine recht demütigende Anordnung: er bestimmte nämlich, dass die Versehrung eines Schweden nicht nach der Norm der gesetzlich festgelegten Busssätze gesühnt werden solle. Darauf wollte er vor Scham über seine frühere Schandthat Vaterland und Heimstätte nicht mehr sehen, ging wieder nach dem Osten und starb daselbst. Einige meinen, dass er bekümmert ob der ihm vorgerückten Schande sich in sein gezücktes Schwert gestürzt und sich selbst den Tod gegeben habe.

[69]  Ihm folgte sein Sohn Rolf, ein Mann mit reichen Gaben des Körpers und des Geistes geschmückt, der seine grosse Gestalt durch gleich grosse Tüchtigkeit empfahl. Da zu seiner Zeit Schweden unter dänischer Oberherrschaft stand, so sah sich Atisl, der Sohn des Hothbrod, listig nach einem Wege um, sein Vaterland frei zu machen; er nahm deshalb die Ursa, die Mutter des Rolf zur Frau; denn durch Vermittlung der durch die Ehe begründeten Verwandtschaft meinte er mit seinem Verlangen nach Erlass des Tributes bei seinem Stiefsohne leichter durchzudringen. Das Glück war seinen Wünschen nicht ungünstig. Er war aber von Kindesbeinen an aller Freigebigkeit so abhold und hielt das Geld so fest, dass er es für einen Schimpf hielt, wenn man ihm eine milde Hand zuschrieb. Da nun Ursa seinen schmutzigen Geiz durchschaute und deshalb von ihm frei zu werden wünschte, jedoch mit List vorgehen zu müssen glaubte, so verbarg sie ihre trügerische Absicht unter einem bewundernswert schlau gewählten Deckmantel. Sie nahm den Schein der Lieblosigkeit an, mahnte ihren Mann, das Joch der Abhängigkeit abzuwerfen, stachelte ihn durch Mahnung zum Abfall an und hiess den Sohn durch das Versprechen grosser Geschenke nach Schweden berufen. Sie glaubte nämlich so am besten ihr Ziel zu erreichen, wenn sie es dahin bringe, dass der Sohn Gold vom Schwiegervater zum Geschenk bekomme, sie aber fliehend den andern königlichen Schatz mitnehme und ihren Mann nicht nur um die Frau, sondern auch um sein Geld bringe; denn durch nichts könne Geiz besser als durch Entziehung der Schätze bestraft werden. Ihre scharfsinnige List, die aus dem innersten Wesen der Schlauheit ihren Ausgang nahm, konnte nicht leicht durchschaut werden, deshalb, weil sie den Wunsch, ihre Ehe zu trennen, unter dem schönen Scheine des Strebens nach Unabhängigkeit verbarg. Blind war der Verstand des Mannes, der da glaubte, dass die Mutter entbrannt sei gegen das Leben ihres Sohnes und nicht begriff, dass nur an seinem Verderben gearbeitet werde; recht einfältig zeigte er sich, da er die beharrliche Thätigkeit der [54] 54Gemahlin nicht verstand, die unter dem Scheine des Hasses [70] gegen ihren Sohn nur auf einen Wechsel in der Ehe hinarbeitete. Denn da man überhaupt dem Weibersinne kein Vertrauen entgegenbringen darf, so war der Glaube, den er der Frau schenkte, deshalb ganz besonders thöricht, weil er sich einbildete, sie könne ihm treu und dem Sohne gegenüber arglistig sein.

Rolf liess sich durch die grossen Versprechungen bestimmen, herüberzukommen; als er aber den Palast des Atisl betrat, wurde er infolge der langen Trennung von einander und des fehlenden Verkehrs von der Mutter nicht erkannt und bat im Scherze um ein Stück Brot, seinen Hunger zu stillen. Die Mutter wies ihn ab, ein Mahl müsse er vom Könige heischen; da hielt er ihr sein zerrissenes Kleid hin und ersuchte sie, es ihm zu nähen. Als er bei seiner Mutter nur verschlossene Ohren fand, da sagte er, es sei doch recht schwer, eine wahre und feste Freundschaft zu finden, wenn dem Sohne die Mutter einen Bissen Brot, und dem Bruder die Schwester die Gefälligkeit einiger Nadelstiche abschlüge. So rügte er den Irrtum der Mutter und beschämte sie sehr ob der Versagung der Gefälligkeit. Als ihn nun beim Mahle Atisl hart neben der Mutter sitzen sah, strafte er beide der Leichtfertigkeit und nannte das Zusammensitzen von Bruder und Schwester unanständig. Ihm entgegnete Rolf, ehrbar sei an einem Sohne die liebevolle Umarmung der Mutter, indem er so eine Verteidigung seiner angegriffenen Sittenreinheit von dem engsten Bande der Natur herleitete. Als die Tischgenossen ihn fragten, welche Heldentugend er über alle andern stelle, nannte er die Ausdauer. Als nun auch Atisl von ihnen gefragt wurde, welcher tüchtigen Eigenschaft er vor allen das Streben seines Sinnes gewidmet habe, da erfrechte er sich, die Freigebigkeit zu nennen. Es wurden nun Proben, der Beherztheit vom ersteren, der Freigebigkeit von dem letzteren verlangt, und zwar sollte Rolf zuerst einen Beweis von seinem Heldenmute geben. Er wurde ans Feuer gestellt; da hielt er den Schild vor die Seite, wo er empfindlicher von der Glut getroffen wurde, und während so die eine Seite des Körpers gedeckt war, gewährte er der andern ungedeckten allein Kraft durch seine harte Ausdauer. Es war [71]  ja sehr klug von ihm, dass er eine Deckung zur Minderung der Hitze in dem Schilde suchte und den der Flamme ausgesetzten Körper mit dem schützte, womit er ihm auch unter den zischenden Geschossen Fürsorge angedeihen liess. Die Glut aber, schärfer als Waffen, warf sich auf die ungedeckte Körperseite, da sie der durch den Schild geschützten nichts anhaben konnte. Als eine Magd, die gerade beim Feuer stand, sah, wie von unerträglichem Brande seine Rippen geröstet wurden, da stiess sie den Hahn aus einem (dabei stehenden) Fasse, löschte die Flamme durch das auslaufende Wasser und dämpfte durch rechtzeitige Spendung des Nasses die Pein des Brandes mitten in ihrer Entfaltung; Rolf wurde wegen seiner vollkommenen Standhaftigkeit hoch gefeiert.

Nunmehr wurden von Atisl Gaben verlangt. Er soll dann wirklich seinem Stiefsohne die versprochenen Schätze überwiesen [55] 55und zuletzt noch eine schwere Halskette gespendet haben, um seine Gabe vollkommen zu machen.

Am dritten Tage des Gastmahls schaffte nun Ursa, die immer nach einer Gelegenheit ausgeschaut hatte, ihren Trug zu verwirklichen, das Geld des Königs, der nichts derartiges ahnte, auf Wagen, rückte heimlich aus und eilte mit ihrem Sohne weg; das Halbdunkel der Nacht ermöglichte ihr die Flucht. Aus Furcht vor dem nachsetzenden Gemahle wies sie ihre Begleitung an, das Geld wegzuwerfen, weil sie gar keine Möglichkeit sah, ihre Flucht fortzusetzen; entweder das Leben oder den Schatz müssten sie lassen; der einzige Weg zur Rettung liege in der Wegwerfung des Erzes, nur mit Preisgebung des Besitzes könnten sie weitere Flucht gewinnen. Man müsse also dasselbe Verfahren anwenden, wodurch Frotho in Britannien Rettung gefunden habe. Sie fügte noch hinzu, es koste ja nicht viel, wenn sie den Schweden ihr Eigentum zum Zurücknehmen hinlegten, da ja daraus ihnen eine Beförderung der Flucht erwachse, woraus jenen ein Aufenthalt in der Verfolgung, und sie ja nur den fremden Besitz zurückerstatteten, nicht eigenen preisgäben. Unverzüglich wird der Befehl der Königin erfüllt, damit man sich eine schnellere Flucht verschaffe. Das Gold wird aus den Säcken geschüttet [72] der Schatz wird den Feinden zur Beute gelassen. Manche erzählen, dass Ursa die echten Schätze zurückbehalten und fliehend nur vergoldetes Erz auf ihren Weg gestreut habe, und denkbar wäre es, dass die Frau, die so grosse Thaten unternommen hat, auch das Metall, das sie zum Wegwerfen bestimmte, mit nichtigem Glanze überzogen und es mit seinem lügnerischen Goldglanze den wertvollen wahren Schatz habe darstellen lassen. Als nun Atisl mit anderem Goldschmucke auch die dem Rolf geschenkte Kette liegen sah, da betrachtete er aufmerksam das kostbarste Pfand seines Geizes und gewann es über sich, um die Beute aufzunehmen, niederzuknieen und seine königliche Majestät um seiner Gier willen zu Boden zu beugen. Als Rolf ihn so tief gebückt sah, um das Gold aufzuheben, da lachte er über den Mann, der vor seinen Schätzen auf den Boden kniete, weil er gierig wieder hole, was er unaufrichtig geschenkt habe. Während die Schweden durch die Beute aufgehalten wurden, zog er sich schnell auf die Schiffe zurück und gewann durch angestrengtes Rudern die Flucht.

Man erzählt von Rolf, dass er auf die erste Bitte mit allzeit bereiter Freigebigkeit zu gewähren pflegte, um was man ihn auch bat und niemals den Bittenden durch Säumnis zu einem zweiten Worte genötigt habe; er wollte lieber durch schnelle Gewährung einer Wiederholung der Bitte zuvorkommen, als der Wohlthat durch Zögern einen Makel anheften. Diese Eigenschaft liess eine Menge Kämpen ihm zuströmen, denn die Tapferkeit wird ja entweder durch Belohnungen genährt oder durch Lobsprüche angefeuert.

Zu derselben Zeit richtete Agnerus, der Sohn des Ingellus, [56] 56der Rolfs Schwester Ruta zur Frau nehmen wollte, die Hochzeit mit einem grossen Mahle aus. Als dabei die Kämpen in voller Ausgelassenheit von allen Seiten Wirbelknochen nach einem gewissen Hialto warfen, traf es sich, dass der neben diesem sitzende Biarko einen starken Wurf an den Kopf erhielt, weil der Werfende das Ziel verfehlte. Gleich ärgerlich wegen des Schmerzes wie wegen des Schimpfes schleuderte er den Knochen auf den, der ihn geworfen, zurück, drehte ihm die Stirn nach dem Hinterkopfe herum und den Hinterkopf [73]  nach der Stirn und strafte so den verkehrten Sinn des Mannes durch das verkehrte Gesicht. Das dämpfte die schmähliche Ausgelassenheit des Scherzes und veranlasste die Kämpen, den Saal zu verlassen. Wegen dieses Schimpfes, der seinem Mahle angethan war, beschloss der Bräutigam zwischen sich und Biarko das Schwert entscheiden zu lassen, er suchte Genugthuung für die gestörte Heiterkeit in einem Zweikampfe. Bei dem Eintritt in den Zweikampf wurde lange gestritten, wem der erste Hieb gebühre; denn vor Zeiten wurde bei Abhaltung von Zweikämpfen nicht Hieb und Gegenhieb in rascher Aufeinanderfolge verlangt, sondern die Folge der Hiebe zugleich mit einer Unterbrechung in der Zeit geschieden, und der Kampf wurde mit nur wenigen, aber gewuchtigen Schlägen ausgefochten, so dass der Preis nicht der Anzahl, sondern der Wucht der Hiebe zufiel. Der Vortritt wurde dem Agner zugesprochen wegen seiner vornehmen Geburt, und er führte nun einen Hieb mit solcher Gewalt, dass er den oberen Teil des Helmes durchschlug, die obere Kopfhaut verletzte und das Schwert fahren lassen musste, weil es in den Helmlöchern fest sass. Dann kam Biarko an die Reihe mit seinem Hiebe, stemmte, um das Eisen gewuchtiger zu schwingen, seinen Fuss auf einen Baumstamm und schlug mit seinem vorzüglich scharfen Schwerte den Leib Agners mitten durch. Manche erzählen, dass der sterbende Agner durchaus keinen Schmerz gezeigt, sondern lachend aus dem Leben gegangen sei. Die Kämpen suchten eifrig ihn zu rächen, wurden aber von Biarko mit ähnlichem Ende gestraft. Er hatte nämlich ein vorzüglich scharfes und ungewöhnlich langes Schwert, welches er Löwi nannte. Während er sich schon solcher verdienstlichen Thaten rühmen konnte, gewährte ihm noch ein wildes Tier im Walde einen neuen Sieg. Er stiess nämlich auf einen ungemein grossen Bären im Dorngebüsch und durchbohrte ihn mit dem Jagdspeere; seinen Genossen Hialto aber hiess er, damit er stärker an Kraft werde, den Mund ansetzen und das dem Tiere entströmende Blut trinken. Man glaubte nämlich, dass durch solchen Trank die Körperkraft einen Zuwachs erhielte. Durch [74] diese Heldenthaten gewann er sich die Freundschaft erlauchter Männer vornehmen Standes, wurde auch dem Könige lieb und wert; er erhielt dessen Schwester Ruta zur Frau, erlangte also die Braut des von ihm Besiegten als Siegespreis. An Atisl suchte er mit den Waffen Rache für den Anschlag [57] 57auf Rolf und streckte ihn im Kampfe überwunden nieder. Jetzt bestellte Rolf zum Statthalter in Schweden einen verständigen Mann, Hiarthwarus mit Namen, zwar unter Auferlegung eines jährlichen Tributs, gab ihm aber seine Schwester Sculda in die Ehe, um ihm durch die Verwandtschaft die Minderung der Freiheit weniger drückend zu machen.

An dieser Stelle mag meinem Werke eine hübsche Anekdote einverleibt werden: Ein junger Mann namens Wiggo betrachtete aufmerksam die Körpergrösse des Rolf, und von grosser Bewunderung ergriffen fragte er im Scherze, wer denn jener Krage sei, dem die Natur so verschwenderisch eine so gewaltige Körperlänge geschenkt habe, indem er eine feine Anspielung auf seinen riesenhaften Wuchs machte. In dänischer Sprache bedeutet nämlich das Wort Krage einen Baum, an dessen halbabgeschlagenen Ästen man in die Höhe steigt, so dass der Fuss mit Hilfe der gestutzten Zweige wie auf einer Leiter allmählich aufwärts kommt und einen kurzen Weg zu einer ins Auge gefassten Höhe findet. Dieses rasch hingeworfene Wort griff Rolf wie einen ruhmvollen Beinamen für sich auf und bedachte den feinen Scherz mit dem Geschenke einer grossen Armspange. Mit dieser schmückte Wiggo seinen rechten Arm und hielt ihn hoch empor, den linken aber hielt er auf den Rücken, gleich als ob der sich schäme und schritt so in lächerlichem Aufzuge einher; dabei sagte er, der freue sich auch über ein kleines Geschenk, der das Schicksal gehabt hätte, lange dürftig zu sein. Auf die Frage, was dieser Aufzug solle, antwortete er, der Arm, der des Schmuckes entbehre und sich keiner zierenden Wohlthat rühmen könne, werde beim Anblick des andern rot vor Scham über seine Armut. Diese schlaue Antwort brachte ihm ein zweites, gleiches Geschenk ein; denn Rolf sorgte dafür, dass der Arm, der von ihm versteckt gehalten wurde, sich wie [75]  der andere hervorwagen konnte. Wiggo war denn auch bestrebt die Wohlthat zu vergelten: in bindendem Gelübde versprach er, wenn Rolf durch ein Schwert fallen sollte, so wollte er an dem Rache nehmen, der ihn erschlagen. Ich will dazu bemerken, dass vor Zeiten die Adligen, wenn sie an den Hof kommen wollten, sich beim Eintritt in den Gefolgsdienst dem Fürsten durch das Gelübde einer grossen That zu verpflichten pflegten, indem sie ihre Dienstzeit mit einer Bekundung ihrer Tapferkeit begannen.

Inzwischen wandte Sculda, sich schämend ob der Zahlung eines Tributes, ihren Sinn bösen Gedanken zu, warf ihrem Manne seine schmachvolle Stellung vor, liess ihm keine Ruhe mit der Mahnung das Joch der Knechtschaft abzuschütteln, und als sie ihn für einen arglistigen Anschlag auf Rolf gewonnen hatte, weihte sie ihn in ihre schrecklichen Pläne für den Abfall ein, indem sie ihn darauf hinwies, dass ein jeder der Freiheit mehr schulde als der Verwandtschaft. So bestimmte [58] 58sie denn, dass grosse Mengen von allerhand Waffen, in Decken eingeschlagen, wie der Tribut von Hiarthwar nach Dänemark geschafft werden sollten, die dann das Mittel gewähren würden, den König bei Nacht niederzuhauen. Die Schiffe wurden nun mit der Truglast an Tribut beladen, und so ging es nach Lethra, welche Stadt, von Rolf gegründet und mit den grossen Mitteln des Königreichs trefflich aufgebaut, die andern Städte der Reichsteile ringsum als königliche Gründung und königliche Residenz weit überragte. Der König ehrte den Hiarthwar bei seiner Ankunft mit einem prächtigen Mahle und trank sich tüchtig voll Wein, während die Fremden ganz gegen Gewohnheit vor Trunkenheit auf der Hut waren. Während die andern in tiefem Schlafe lagen, schlichen sich die Schweden, welche ihr verbrecherisches Vorhaben wach gehalten hatte, aus ihren Schlafkammern fort. Sofort wird der verdeckte Haufe von Waffen blossgelegt, und ein jeder rüstet sich in der Stille mit den seinigen. Dann eilen sie nach dem Palaste, brechen in die Gemächer ein und zücken das Schwert gegen die Schläfer. Manche wachten auf, konnten aber der Gefahr nicht mit dem rechten Nachdrucke [76] entgegen treten, weil sie der Schreck über das unerwartete Gemetzel nicht minder lähmte als die Schlaftrunkenheit; dazu liess die Dunkelheit der Nacht nicht erkennen, ob man Freunde oder Feinde vor sich hatte.

In der Stille derselben Nacht hatte sich Hialto, der unter den Königsleuten dank seiner erprobten Tapferkeit eine hervorragende Stellung einnahm, auf dem Lande der Umarmung einer Buhlerin hingegeben. Als er nun den entstandenen Kampfeslärm mit staunendem Ohre aus der Ferne vernahm, da war die Tapferkeit in ihm stärker als die Wollust, und er wollte lieber in das todbringende Kampfesgewühl eilen, als den schmeichelnden Lockungen der Liebe nachgeben. Eine grosse Liebe zu seinem Könige muss diesen Lehnsmann getrieben haben: er hätte eine vollwichtige Entschuldigung für sein Fernbleiben gehabt, wenn er gesagt, er habe nichts von dem Vorgange gewusst, aber nein! nicht für die Wollust wollte er sein Leben erhalten, sondern der gewissen Gefahr preisgeben. Als er gehen wollte, fragte ihn die Buhlerin, wie alt wohl der Mann sein solle, dem sie sich ergeben würde, wenn sie ihn nicht mehr hätte. Hialto hiess sie näher treten, gleich als ob er ihr heimlich etwas sagen wollte, und empört darüber, dass sie einen Nachfolger in der Liebe für ihn suchte, schnitt er ihr, um sie zu entstellen, die Nase ab; mit einer hässlichen Wunde bestrafte er ihre geile Frage, denn er meinte, dass durch die Einbusse an der Schönheit die Lüsternheit des Sinnes etwas gedämpft werden würde. Darauf sagte er, in der beregten Sache lasse er ihr völlig freie Hand. Nun eilte er schnell nach der Stadt zurück, stürzte sich in die dichtesten Knäuel und streckte die feindlichen Reihen, Wunde um Wunde hauend, nieder. Als er dann an der Kammer des schlafenden Biarko vorüberkam, da hiess er ihn erwachen und rief ihm folgende mahnende Worte zu:

[59] 59Auf aus dem Schlafe, wacht auf! Ihr, die ihr als Freunde des Königs
Euch schon bewährt; auch ihr, die ihr schlicht in Verehrung ihm anhangt.
Edele! scheuchet den Schlaf, es entschwinde der tückische Schlummer,
Feurig erglühe der Mut in den wachen, die tapfere Rechte

5
Jetzt wird führen zum Ruhm, jetzt führen zur Schande die feige.
[77]

Uns wird bringen das Ende die Nacht oder Rache für Unbill.
Nicht jetzt ruf ich euch zu, zum Spiel euch zu schicken mit Mägdlein,
Jungfrauenwangen zu streicheln, die zarten, nicht Bräuten die süssen
Lippen zu küssen mit Lust, nicht schwellende Busen zu drücken,

10
Nicht auch zu schlürfen den flüssigen Wein, noch zu streicheln die zarten

Schenkel, den Blick nicht zu heften auf schneeweiss strahlende Arme.
Nein! ich rufe euch jetzt zu den bitteren Kämpfen des Kriegsgotts.
Kampf ist von nöten, nicht tändelnde Liebe, nicht hat seinen Platz hier
Weichlicher, kraftloser Sinn, nur Kämpfer erfordert die Stunde.

15
Wer mit dem König verbunden in Freundschaft, ergreife die Waffen;

Treue Gesinnung des Mannes erweist sich am schönsten durch Kriegsthat.
Nicht sei Furcht in dem Manne, nicht flüchtiger Sinn in dem Helden,
Weiche aus jeglichem Herzen die Lust, sie weiche den Waffen.
Ruhm winkt jedem als Lohn, jetzt mag sich nach eigner Bestimmung

20
Jeder erwerben Verdienst, durch die eigene Rechte erglänzen.

Fern sei üppiger Sinn, erfüllet vom Ernste die Herzen
Strebe jetzt jeder zu wenden allein das uns drohende Blutbad.
Nicht, willst Ruhm du erringen und Preis, darfst lässig du zaudern
Feig in erschlaffender Angst, nein! hurtig entgegen den Starken

25
Eile und zittere nicht vor dem eisigen Stahle des Schwertes.

Bei diesem Rufe wachte Biarko auf, weckte rasch seinen Diener Scalcus[36] und sprach zu ihm folgende Worte:

Auf! mein Knappe und fache das Feuer mit emsigem Blasen,
Fege den Herd mit dem Holz, kehr’ ab die verglommene Asche.

30
Funken entlocke der Statt und die schlafenden Reste des Feuers

Störe empor und locke heraus die verborgenen Flammen,
Zwinge den schläfrigen Herd im helleren Lichte zu leuchten,
Treibe zu rötlicher Glut mit dem brennenden Holze die Kohlen.
Gut ist’s, nahe zu stehn, an die Flamme zu halten die Finger;

35
Warm muss sein ja die Hand dem, der da pfleget des Freundes,

Frei von der bläulichen Farbe der eisigen, stechenden Kälte.

     Hialto (kommt nach einiger Zeit zurück):
Süss, süss ist es, dem Herrn zu vergelten empfangene Gaben,
Kühn zu erfassen das Schwert- und dem Ruhme zu weihen das Eisen.
Siehe, jetzt treibt einen jeden das Herz, dem verdieneten König [60] 60
Löblich zu folgen, den Herrn mit gebührendem Ernste zu schützen.
Alles, die Schwerter, die deutschen, die Helme, die strahlenden Spangen,
Panzer, die Knöchel noch deckend, die Rolwo dereinst seinen Mannen

5
Schenkte, sie sollen den Sinn in Erinnerung schärfen zum Kampfe.

Alles, was einst er geschenkt in behaglicher Ruhe des Friedens,
Alles das gilt es nunmehr mit tapferem Kampfe verdienen,

[78]

Nicht, nur nach heiteren Tagen verlangen, die trüben verwünschen,
Nicht, einem harten Geschick vorziehen die glücklichen Stunden;

10
Nehmen wir beides Geschick mit der gleichen Ergebung, ihr Edle!

Lenke nicht Glück unser Thun, denn es ziemt sich, in gleicher Gesinnung
Freude wie Leid zu empfangen, uns ziemt es, die traurigen Jahre
Tragen mit gleichem Gesicht, mit dem wir die süssen gekostet.
Alles, was einst wir versprochen beim Becher mit trunkenem Munde,

15
Woll’n wir erfüllen mit tapferem Sinne und all die Gelübde,

Die wir einst schwuren bei Zeus und den mächtigen Göttern des Himmels.
Mir ist der erste der Dänen mein Herr; ihm eile zu Hilfe,
Wer zu den Wackern sich zählt; fort, fort von hier weichet, ihr Feigen!
Tapferer, standhafter Mann ist uns not, nicht schlauer Berechner,

20
Nicht des erschrecklichen Kriegs Ausrüstung fürchtender Feigling.

Ruht doch die Stärke des Führers so oft in den Scharen der Mannen:
Drängt um den Führer sich dicht ein tüchtiger Haufe des Adels,
Sicherer schreitet alsdann seines Siegs auf die Walstatt der König.
Männer! ergreifet die Waffen mit kampfesfreudigen Händen,

25
Leget die Faust an den Knauf eures Schwertes und fasset den Schild fest,

Stürzt in die Reihen des Feindes, und keiner erbleiche vor Wunden,
Niemand biete den Rücken dem Feinde zu schmachvollen Streichen,
Niemand fühle im Nacken das Schwert; kampffreudige Helden
Müssen die Brust stets bieten den Hieben. Es kämpfen die Adler

30
Stirn gegen Stirn, sie bedräun sich im Kampf mit gierigen Schnäbeln

Brust gegen Brust. Auf Männer! auf, gleichet dem Bilde des Adlers!
Bietet die Brust nur dem Feind, mit der Brust nur empfanget die Wunden!
Siehe, es dränget heran mit frechem Vertrauen der Feind schon,
– Eisen ihm decket die Glieder, das Antlitz der goldene Schlachthelm –

35
Stürzet herein in die Scharen, als sei er gewiss schon des Sieges,

Könne nicht fliehen in Furcht, vor jeglichem Schwerte gefeiet.
Wehe, ach weh! es verachten die Schweden im Stolze uns Dänen,
Siehe mit blitzendem Auge die Goten und trotzigem Blicke
Dringen auf uns, auf dem Helme den Busch, mit den dröhnenden Lanzen,
Lassen der unseren Blut hinfliessen aus Wunden in Strömen.
[61] 61Schwingen das Schwert und die Axt, die frisch mit dem Wetzstein geschärfte.
Was soll, Hiarthwar, ich sagen? Dir hat mit schädlichem Rathschlag
Sculda erfüllet den Sinn, Dich zu arger Verschuldung verleitet.
Wie soll, Verruchter, ich nennen Dich, unsrer Gefahren Erzeuger,

5
Dich, den Verräter des trefflichen Herrn, den grausige Herrschsucht

Jagte, den sinnlos in Wut die Furien trieben der Gattin
Nimmer zu tilgende Schuld, sinnblendende[37] auf Dich zu laden.

[79]

Welch wahnwitzig Verlangen, dem Herrn und den Dänen zum Schaden,
Trieb Dich zu frevelem Thun und zu Schandthat? sage, woher kam

10
Treubruch Dir in den Sinn, auf trugvollem Grunde gebauet?

Doch, wozu säum’ ich? schon haben das letzte Mahl wir gekostet,
Nun ist verloren[38] der König, es nahet der Stadt das Verderben;
Auf ging uns allen der letzte der Tage, wenn nicht ein so grosser
Feigling unter uns lebt, der sich scheuet dem Hieb sich zu stellen,

15
Oder ein kraftloser Mann, so schwach, dass er seinem Gebieter

Nicht wagt Rächer zu sein und das Ehrgefühl bannt aus dem Herzen.

Du auch erheb Dich vom Lager und zeige das schneeige Antlitz,
Ruta, und eil’ in den Kampf, hervor aus Deinem Verstecke;
Blutbad ruft Dich heraus, schon bebt der Palast von den Kämpfen,

20
Und vom gewaltigen Lärme des Streites erhallen die Pforten;

Panzer zerschneidet das Schwert, durchschlagen sind Ringe und Bänder,
Schutzlos stehet die Brust nun offen den scharfen Geschossen;
Schon haben riesige Beile den Schild des Königs zerschlagen,
Laut schon klingen die Schwerter, die langen, es krachet die Streitaxt

25
Tief in die Schultern geschlagen, die Brust unserer Männer zerspaltend.

Was doch zaget das Herz? was erstumpfet das Schwert in der Scheide?
Leer ist die Pforte der Unsern, erfüllt vom Gewimmel des Feindes.

Als Hialto unter gewaltigem Morden einen blutigen Kampf gekämpft hatte, kam er zum dritten Male an das Gemach des Biarko, und da er glaubte, dass dieser aus Furcht die Ruhe suche, so warf er ihm in folgenden Worten Feigheit vor:

Biarko, warum bist Du fern? Hält Schlummer Dich fest in den Banden?
Sage, was säumst Du so lang? komm heraus oder brenne im Feuer!
Wähle das bessere Teil! Auf, eile mit mir auf den Kampfplatz!

35
Bären ja scheucht man zurück mit dem Brand; lasst leuchten die Flamme

Auf vom Palast, und zuvörderst ergreife das Feuer die Pfosten.
Schleudert das brennende Scheit in des Hauses Gemächer, es biete
Nahrung der Flamme das stürzende Dach und dem wachsenden Feuer.
Recht ist es Brände zu werfen auf pflichtvergessene[39] Thore.

[80]

[62] 62Uns doch, die wir den König in besserer Treue verehren,
Schliessend uns fest zum Keile zusammen, in sicheren Zügen
Ordnend die Reihen, uns lasst, wo der König befiehlet, ihm folgen,
Er, der den Rörik erlegte, den Sohn jenes geizigen Bokus

5
Und in den Tod ihn sandte, den Mann mit dem Herzen des Feiglings.

Reich war der an Besitz, doch arm in der Kunst der Verwendung,
Nicht gab Macht ihm der rühmliche Sinn, nur schmählicher Reichtum;
Gold galt mehr ihm als Treue der Mannen, nur immer nach Golde
Jagt’ er und häufte, des Ruhmes entbehrend, gewaltige Haufen

10
Goldes und schätzt es gering, sich edle Genossen zu sammeln.

Aber als über ihn kam im Kriegszug die Flotte des Rolwo,
Da hiess Gold aus den Truhen er nehmen und tragen die Diener
Hin vor die Stadt und zur Schau vor den Schwellen der Thore es hinstreun,
Nicht auf den Kampf, nur auf Gaben bedacht, denn bar der Gefolgschaft

15
Dacht’ er den Feind zu bestehn mit Geschenken und nicht mit den Waffen,

Gleich als ob er allein mit dem Reichtum kämpfen, mit Gütern,
Nicht mit der Hilfe der Männer den Streit ausfechten er könne.
Also erschloss er die Truhen, die schweren, und löste die Schlösser,
Brachte gewundene Spangen hervor und beladene Kasten,

20
Förderer seines Geschicks; er Thor! an Golde der reichste,

Arm an Streitern; so liess er den Fremden zum Raube die Schätze,
Schätze, die heimischen Freunden er stets sich scheute zu spenden.
Er, der nie einen Ring gern gab, nun musst’ er gezwungen
Hinstreun Lasten von Gold als Plündrer gehüteten Haufens.

25
Klüglich verachtete ihn mit all seinen Gaben der König

Schatz ihm nehmend und Leben zugleich, nichts nützte dem Feinde
Kraftloses Erz, das gierig im Laufe der Jahre er häufte.
Über ihn kam nun der treffliche Rolwo, er nahm des Erschlagnen
Schätze und teilte sie aus ganz unter das werte Gefolge,

30
Alles, was geizige Hand in so viel Jahren gesammelt;

Brach in das Lager, das Gold nur zeigte, nicht tapfere Männer,
Bot einen herrlichen Fang kampflos seinen lieben Genossen.
Nichts war schön seinen Augen, er schenkte den Freunden es neidlos,
Nichts war ihm lieb, er gabs den Genossen; den Reichtum der Asche

35
Stellte er gleich, denn er mass nicht nach Golde die Jahre, nach Ruhm nur.

Wenn[40] dieser König nunmehr in ruhmvollem Tode dahinsinkt,
Dann hat er herrliche Tage gelebt, ein glanzvolles Schicksal

[81]

Hat ihm vergangene Jahre gekrönt mit männlichem Tode.
Glühend in männlichem Mute besiegte er alles im Leben,
Herrlichem Körper gesellten sich herrliche Kräfte des Geistes;
So rasch war er zum Kampf, wie da eilt der geschwollene Giessbach [63] 63
Hin zu dem Meere, so allzeit bereit zu ergreifen das Schlachtschwert,
Wie mit gespaltenem Hufe der Hirsch zu dem flüchtigen Laufe.
 ––––––––––

Siehe, ringsum in den Lachen, gefüllt vom Blute der Männer,

5
Zähne der Toten, dem Munde entschlagen, vom Strome des Blutes

Jählings gerissen dahin, vom scheuernden Sande gefeilet;
Hangend im Schlamme erglänzen sie weiss, und der Giessbach des Blutes
Treibet zerschmettert Gebein, überströmet verstümmelte Glieder.
Dänischen Blutes sich feuchtet die Erde, und weit sich ergiessend

10
Staut sich das rote Gerinnsel zum Strom, und Leiche auf Leiche

Wälzet der Fluss, der den Dampfaufschäumenden Adern entströmte.
Rastlos dringt auf die Dänen Hiarthwar, des blutigen Krieges
Buhle, und fordert die Streiter mit ragender Lanze zum Kampfe.
Aber inmitten der Schrecken, der wechselnden Kriegsgeschicke

15
Seh ich mit heiterem Blicke stets lächeln den Enkel des Frotho[41],

Der mit Gold einst besäte die Firivallischen Äcker.
Uns auch hebe der Schein, der Ehre verleihet, der Freude,
Uns die wir sterbend geleiten den edelen Vater zum Orkus;
Freudig erschalle der Ruf hoch auf im mutigen Wagen.

20
Helden verachten die Furcht mit mutigem Worte, so ziemt es,

Mutige rufen den Tod mit unvergesslichen Thaten.
Furcht sei fern unsern Herzen und Augen; auf! zeiget in beiden
Zaglos strebenden Sinn, auf dass nicht verrate ein Merkmal,
Dass wir von ängstlicher Furcht, wenn klein auch, geben ein Zeichen.

25
Wägt mit gezücketem Stahle der rühmlichen Thaten Gewicht ab!

Preis folgt nach in das Grab, und es stirbt mit verglimmender Asche
Nicht auch der Ruhm, und im Lied wird feiern die späteste Nachwelt,
Was ein vollendeter Held im Leben so herrlich vollbracht hat.
 ––––––––––

Was will verschlossenes Thor[42]? Warum so zum Schlosse gefüget

30
Sperret der Riegel die Thür? Zum dritten Mal ruft Dich mein Wort schon,

Biarko! befiehlt Dir hervor aus versperretem Hause zu kommen.

Biarko:
Mich, den Schwager des Rolf, mich rufst Du, kampffroher Hialto,
Rufst mich so laut? Ei wohl! Wer selber so grosses verlautbart,

[82]
35
Mit hochtrabenden Worten die anderen treibet zum Kampfe,

Dar ist gehalten zu wagen, in Thaten zu gleichen den Worten.
Werk muss bewähren das Wort. Hör’ auf, bis ich nehme die Waffen,
Bis ich den Leib mir umhüllt mit den schrecklichen Kleidern des Krieges.
Schon an die Seite ich füge das Schwert, schon deckt mir den Körper
[64] 64Panzer und Haube zum Schutz, schon schirmet der Helm mir die Schläfe,
Deckung bietet der Brust des kältenden Eisens Umhüllung.
Niemand scheut sich, wie ich, in geschlossenem Hause zu brennen,
Scheiterhaufen zu sein mit dem Heim; mag auch eine Insel

5
Mutter mir sein, mag kleines Gebiet ich auch nennen als Heimat,

Mass ich doch zwölf Höfe mit Thaten vergelten dem König,
Die er zu Ehren mir gab. Merkt auf, merkt auf nun ihr Helden!
 ––––––––––

[Niemand decke sich nun mit dem Panzer, dem Tode die Körper
Sind schon verfallen, nur schlechte bekleide das biegsame Eisen!

10
Werft auf den Rücken den Schild, uns ziemet der Kampf mit der blossen

Brust, doch bedecket vollauf mit schwerem Golde die Arme,
Schlingt um die Rechte die Spangen, dann könnt ihr gewaltiger schwingen
Lanze und Schwert, könnt schlagen gewuchtiger bittere Wunden[43].]
 ––––––––––

Niemand weiche zurück, ein jeder sich mühe im Wettstreit

15
Feindlichem Schwert sich zu bieten, zu bieten den dräuenden Lanzen;

Gilt’s doch zu rächen den Herrn, den teueren. Glücklich, o glücklich,
Wem es beschied das Geschick, so grausigen Frevel zu ahnden,
Trugvolle, sündvolle That mit dem Eisen als Richter zu strafen.
 ––––––––––

Siehe, ich ahn’ es, ich bins, der den Hirsch[44] den wilden, durchbohret

20
Mit dem Teutonischen Schwert, mit dem Schwerte, das Snyrtir sie heissen.

Kampfwart[45] nannte man mich um das Schwert, als ich streckte zu Boden
Agner, des Ingells Sohn, und erwarb hellstrahlenden Kampfpreis.
Höthing schmetterte mir auf das Haupt er, doch er zerbrach es;
Mitten im Beissen zerschellte das Schwert, das grössere Wunden

25
Hätte mir sicher gebracht, war besser die Schärfe des Stahles.

Aber mein Hieb nun dagegen mit Snyrtir durchschnitt ihm die linke
Hand und Seite, den Fuss auch, den rechten, und unter die Glieder
Gleitend senkt’ sich hinein in die Rippen das bohrende Eisen.

[83]

Wahrlich! ein grösserer Held, als jener, ist nie mir erschienen:

30
Halbtot hielt er sich hoch, und gestützt auf die Beuge des Armes

Lacht’ er entgegen dem Tode, verhöhnte mit stätem Gelächter
Todes Geschick und betrat mit Freud’ die Elysischen Fluren.
Gross war die Tugend des Manns, der mit fröhlichem Lachen verdeckte
Nahenden Todes Geschick, der da bittere Schmerzen des Leibes,

35
Bittere Schmerzen der Seele bezwang mit dem heiteren Antlitz.

Jetzt auch hab ich mit selbigem Schwert eines edelen Stammes
Sohne[46] durchschnitten die Fasern des Innern, die Träger des Lebens,
Habe das Eisen, das kalte, ihm tief in das Herze gebohret.
Er war Königes Sohn, war Kind hellstrahlender Ahnen,
Gaben verlieh ihm Natur, er strahlte in Frische der Jugend.
Nichts doch konnte ihm nützen der Panzer mit schuppigen Ringen,
Nichts auch das Schwert, noch der rundliche Schild: so lebte in Snyrtir [65] 65
Feurige Kraft; was immer es traf, nichts hemmte die Bahn ihm.
 ––––––––––

Also, wo sind nun die Führer der Goten, wo ist des Hiarthwar

5
Trefflich Gefolge? Sie kommen und wägen die Kräfte mit Blute!

Wer doch schleudert Geschosse, wer schwingt sie? nur Kinder von Fürsten;
Edelgeborne erheben den Streit, nur erlauchte Geschlechter
Treten zum Kampf; nichts gilt des gemeinen Haufens Bestreben,
Wo mit dem Leben allein die Entscheidung erringen die Fürsten.

10
Strahlende Fürsten, sie sinken zum Tod; sieh’, Rolwo erlauchter!

Schon sind dahin deine Grossen, es enden die frommen Geschlechter;
Nicht ruhmloses Gevölk ohne Namen, nicht niedrige Seelen
Rafft heut Pluto dahin, nein! Mächtige ruft er zum Tode,
Füllet den Phlegethon an mit dem Glanze erlauchter Gestalten.

15
Nimmer noch hab’ ich gesehn einen Kampf, wo bereiter gezahlet

Schlag ward mit Schlag, wo schneller der Hieb nachfolgte dem Hiebe.
Schlage ich einen, erhalte ich drei; so gelten die Goten
Wunde mit Wunde, so zahlt freigebig die Rechte der Feinde,
Stärker im Kampfe, mit Wucher zurück den erlittenen Schaden.

20
Viele doch sandt’ ich allein in den Tod, dass gleich einem Hügel

Aus den verstümmelten Gliedern ein ragender Damm mir hervorwuchs,
Dass die gesammelten Leichen das Bild eines Berges mir boten.
Aber, was schaffet mir der, der jüngst mir befahl zu erscheinen,

25
Preisend mit eigenem Lobe sich selbst und die anderen schmähend

Mit hochmütigem Wort und bitterem Tadel, als ob er
In seinem einzigen Leib Kraft von zwölf Männern vereinte?

[84]

Hialto:
Ist auch die Kraft meiner Hilfe gering, doch bin ich Dir nahe.

30
Hier auch, wo wir jetzt stehn, ist Hilfe von nöten, und nirgends

Macht sich die Kraft und die sichere Hand kampffertiger Männer
Stärker erwünscht. Schon haben in Stücke den trefflichen Schild mir
Stählerne Schneiden und Speere geschnitten, in Teile gespalten;
Alle sie, Splitter für Splitter verzehrte gefrässig das Eisen.

35
Oberster Zeuge der That ist die That, denn sie zeugt für sich selber;

Besser, man sieht, denn man hört, und treuer ist Auge denn Ohr uns:
Sieh! vom zerschnittenen Schild sind allein mir die Halter geblieben
Und von der Scheibe allein, doch zerhackt und durchlöchert, der Buckel.
[66] 66[WS 2]Jetzt noch, Biarko, Du starker, obwohl Du sträflich gezaudert,
Kannst Du mit tapferen Thaten, was Säumnis verschuldet, ersetzen.

Biarko:
Willst Du noch immer mich schelten, das Herz mir mit Tadel erregen?

5
Mancherlei hält uns doch auf; so hat meinen Lauf jetzt gehemmet,

Sperrend den Weg mir, ein Schwert, ein Schwert, das der Schwedische Gegner
Stiess mit gewuchtigem Stoss auf die Brust mir in kräftigem Antrieb.
Wahrlich! nicht schwach war die Faust, die den Knauf zu dem Stosse gelenket:
Alles, was schaffet ein Schwert an dem nacketen Manne, das schuf es

10
Trotz meiner Rüstung an mir, durchbohrte die stählerne Decke

Gleichwie das flüssige Wasser, nicht konnte mir Hilfe gewähren,
Wär’ sie auch klein und gering, meines Panzers gehärtete Masse.
 ––––––––––

Aber nun sage, wo ist er, der Gott, man nennet ihn Othin,
Mächtig im Streite, der stets sich mit einem der Augen begnüget?

15
Sage mir, Ruta, Dich bitt’ ich, erblickst Da nur irgend den Kriegsgott?


Ruta:
Tritt zu mir näher und lenke den Blick durch die Beuge des Armes,
Segne das Auge zuvor mit dem siegverleihenden Zeichen[47],
Willst Du, vor Fährnis gefeiet, den Gott leibhaftig erschauen.

Biarko:
Wenn ich zu schauen vermag den schrecklichen Gatten der Frigga,
Mag auch gedecket er sein mit dem weissen Schilde, und mag er
Lenken das herrliche Ross, nicht heil entkommt er von Lethra;
Mischt er zum Kampf sich mit uns, dann mag man erschlagen den Gott auch.

[85]
25
Uns vor des Königes Augen nehm hin, wenn zu Boden wir sinken,

Rühmlicher Tod. Noch bleibt uns das Leben, drum wollen wir suchen
Ehrlich zu sterben, die Hand soll ein herrliches Ende uns schaffen.
Fall ich, zu Häupten dem Führer, dem toten, dort will ich dann sterben,
Du zu den Füssen des Toten lass, sinkend zum Tode, dich gleiten.

30
Wer dann die Haufen der Leichen durchmustert mit Blicken, er sehe,

Wie wir dem Herren das Gold, das zur Gabe er schenkte, vergalten.
Raben dann sind wir ein Mahl, sind Beute der gierigen Adler,
Suchen dann wird seine Speise an uns der gefrässige Vogel.
So müssen fallen im Kampf ohn’ Zagen die edlen Genossen,
Ihrem erlauchten Gebieter und Herrn im Tode vereinigt.

Diese Reihe von Mahnreden habe ich hauptsächlich deshalb [67] 67 in metrischer Form gegeben, weil der Hauptinhalt dieser Sätze in einem kürzeren Gedichte in dänischer Sprache zusammengefasst von manchem Kenner des Altertums auswendig gewusst wird.

Es begab sich aber, dass, während die Goten siegten, die ganze Schar Rolfs fiel, und niemand aus der grossen Zahl der Männer übrig blieb, ausser Wiggo; denn in solchem Masse wurde in diesem Kampfe den hervorragenden Verdiensten des Königs gedankt, dass sein Tod in allen die Begierde erzeugte, auch zu sterben und dass ihm im Tode verbunden zu sein allen erfreuender erschien als das Leben.

Froh liess Hiarthwar die Tische zum Mahle aufstellen und dem Kampfe einen Schmaus folgen, um den Sieg durch ein Siegesgelage zu feiern. Als er sich satt gegessen, sagte er, er bewundere sehr, dass sich niemand aus der grossen Gefolgschaft Rolfs gefunden habe, der sein Leben durch die Flucht oder Ergebung habe retten wollen. Daraus ersehe man, dass sie ihren König in grosser Treue geliebt hätten, da sie ihn nicht hätten überleben wollen. Er schalt auch das Geschick, dass es ihm nicht den Dienst auch nur eines einzigen Mannes aus ihnen gegönnt habe, womit er bezeugte, dass er solche Männer sehr gern in sein Gefolge aufgenommen hätte. Als ihm Wiggo gebracht wurde, freute er sich seiner wie eines Geschenkes und fragte ihn, ob er in seinen Dienst treten wollte. Als der es bejahte, reichte er ihm sein gezücktes Schwert. Wiggo wies die Spitze zurück und verlangte den [86] Griff: so habe es Rolf gehalten, wenn er seinen Mannen das Schwert gereicht habe. Vor Zeiten nämlich pflegten die, welche sich in die Gefolgschaft eines Königs begaben, Treue zu geloben unter Berührung des Schwertgriffes. Auf diese Weise bekam Wiggo den Schwertgriff in seine Gewalt und durchbohrte mit der Spitze den Hiarthwar; so erlangte er die Rache, deren Vollzug er dem Rolf gelobt hatte. Frohlockend ob dieser That bot er den auf ihn losstürzenden Mannen des Hiarthwar willig seine Brust dar, indem er rief, der Tod des Tyrannen bringe ihm mehr Genuss als Schmerz sein eigener Tod. So wurde der Schmaus in ein Leichenmahl verwandelt, und auf die Freude des Sieges folgte die Trauer des Todes. Hellstrahlend und unvergänglich ist das Gedächtnis des Mannes, der sein Gelübde so tapfer erfüllte, den Tod freiwillig wählte und mit seinem Dienste den Tisch des Tyrannen mit Blut befleckte. Denn sein frischer Mut fürchtete nicht den Tod von fremder Hand, nachdem er den Platz, an dem Rolf gesessen, erst noch mit dem Blute des Mörders dank seiner Hand bespritzt sah. So endete die Herrschaft des Hiarthwar derselbe Tag, der sie geschaffen. Denn was man durch Trug gewinnt, das zerrinnt genau so, wie man es gewinnt; und kein Gewinn ist von langer Dauer, der durch [68] 68Verbrechen und Untreue erlangt ist. Daher haben auch die Schweden, die eben erst den Besitz von Dänemark an sich gerissen, nicht einmal ihr eigenes Leben erhalten können: sie wurden sofort von den Seeländern erschlagen und brachten so den verletzten Manen des Rolf gerechte Sühnopfer. So straft meist das Geschick mit schweren Schlägen, was mit List und Trug vollbracht wird.

[87] 

Drittes Buch.

Hotherus, der Bruder des Atisl und Pflegesohn des Königs [69] 69 Gewar, dessen ich oben Erwähnung gethan, ergriff nun nach Hiarthwar die Herrschaft über beide Reiche. Seine Zeit wird sich besser schildern lassen, wenn ich mit seinem frühesten Lebensalter beginne; schöner und vollständiger wird der Verlauf seiner letzten Jahre sich darstellen lassen, wenn die ersten Jahre nicht mit Stillschweigen übergangen werden.

Nachdem also Hothbrod von Helgo getötet war, verlebte sein Sohn Hother die ersten Jahre seiner Kindheit unter der Hut des Königs Gewar. Als Jüngling überragte er seine Milchbrüder und Altersgenossen weit an Körperkraft; auch seinen Geist schmückten viele Fertigkeiten: er war stark im Schwimmen, in der Handhabung des Bogens und im Faustkampfe, auch in körperlicher Gewandtheit, soweit das sein Alter zuliess; Kraft verlieh ihm eifrige Übung ebenso wie seine Naturanlage. Die Schranken seines Alters durchbrach er durch seine reichen Geistesgaben. Niemand war geschickter als er auf der Harfe und Leier; auf dem Tamburin und der Laute und jedem Saitenspiel war er Meister. Durch seine mannigfachen Weisen wusste er das menschliche Gemüt zu jeder von ihm gewollten Erregung fortzureissen: in Freude und Trauer, in Mitleid und Hass wusste er die Menschen zu versetzen. Die Herzen pflegte er mit süsser Lust oder mit Schauer durch das Ohr zu erfüllen. An diesen vielen Fertigkeiten des Jünglings hatte Nanna, die Tochter des Gevar, ihre Freude, und in ihrem Herzen stieg der Wunsch auf, ihn [88] zu besitzen. Jungfrauen erglühen ja an der Tüchtigkeit der Jünglinge, und wenn die Gestalt nicht recht gefällt, erwirbt die Trefflichkeit ihre Gunst. Viele Wege findet die Liebe; dem einen öffnet die Thür zur Lust die Wohlanständigkeit, dem andern der Mut, dem dritten der kunstreiche Sinn; [70] 70manchem gewinnt freundliches Wesen das Herz der Frauen, andere macht die schöne Gestalt lieb: tapfere Männer schlagen den Mädchenherzen eben so tiefe Wunden wie schöne.

Es begab sich aber, dass Balderus, des Othinus Sohn, die Nanna im Bade erblickte und von unendlicher Liebe ergriffen wurde; ihn versetzte der strahlende Glanz des wohlgestalteten Leibes in Erregung und seinen Sinn entflammte die herrliche Schönheit. Der stärkste Reiz der Lust ist ja die Anmut. Er beschloss, also den Hother, von dem er am meisten eine Störung seines Wunsches befürchtete, mit dem Schwerte zu beseitigen, damit nicht seine Liebe, die keinen Aufschub ertrug, durch ein Hindernis in der Erlangung des Genusses gehemmt würde.

Zu derselben Zeit wurde Hother auf der Jagd durch einen Nebel irre geführt und geriet in die Behausung von Waldjungfrauen; als er von ihnen mit seinem Namen begrüsst wurde, fragte er, wer sie wären. Sie antworteten ihm, durch ihr lenkendes Eingreifen würde hauptsächlich das Schlachtenglück entschieden. Oft seien sie, für niemand sichtbar, mitten im Kampfe, und durch unbemerkte Unterstützung verschafften sie ihren Günstlingen glücklichen Erfolg. Nach Belieben könnten sie Glück schenken und Unglück verhängen; sie erzählten ihm noch, dass Balder die Nanna beim Baden erblickt habe und in Liebe zu ihr entbrannt sei; er solle sich aber hüten, ihn mit Waffen anzugehen, obschon er den bittersten Hass verdiene, denn er sei ein Halbgott, aus dem mit Geheimnis bedeckten Samen der Himmlischen entsprossen. Sowie Hother dieses von den Mädchen gehört hatte, verschwand die Behausung mit ihrem Dache, er sah sich unter freiem Himmel und ohne jede schützende Decke mitten auf dem Gefilde ausgesetzt. Er staunte gewaltig über das plötzliche Verschwinden der Mädchen und über die verwandelbare Stätte mit dem Trugbilde der Behausung. Er wusste nicht, [89]  dass das, was mit ihm vorgegangen war, nur eine Augentäuschung und eine wesenlose Schöpfung von Zauberkünsten gewesen war.

Als er von da nach Hause kam, erzählte er dem Gewar den Verlauf des Blendwerks, das auf seine Verirrung gefolgt war und bat ihn sofort um seine Tochter. Gewar erwiderte ihm, er würde ihm sehr gern seinen Wunsch erfüllen, wenn er nicht fürchten müsste, den Zorn Balders durch dessen Abweisung sich zuzuziehen, denn der habe ihm schon die gleiche Bitte vorgelegt. Selbst dem Eisen wiche nicht die Festigkeit seines heiligen Leibes; doch fügte er hinzu, er wisse ein Schwert, tief und fest verschlossen, mit dem ihm die Todeswunde geschlagen werden könne; das sei im Besitze Mimings, eines Waldschrates. Der habe auch eine Armspange, die eine wunderbare; geheime Kraft in sich trüge: sie vermehre nämlich die Schätze ihres jedesmaligen Besitzers. Der Zugang zu seiner Wohnstätte sei ungebahnt, mit Hindernissen besetzt [71] 71und für Sterbliche nicht leicht zu gehen; denn der grösste Teil des Weges stehe das ganze Jahr in dem Banne einer ungeheuren Kälte. Er weist ihn also an, Renntiere vor seinen Wagen zu spannen, um mit Hilfe ihrer Schnelligkeit die in starkem Froste starrenden Gebirgsjoche zu überschreiten. Wenn er dahin komme, solle er sein Zelt so, von der Sonne abgewandt[48], aufstellen, dass es zwar von dem Schatten der Grotte, in der Mimingus hause, getroffen werde, seinerseits aber die Grotte nicht mit seinem Schatten treffe, damit nicht etwa den Schrat das ungewohnte Auffallen eines Schattens vom Herauskommen zurückscheuche. So werde ihm Spange und Schwert zu erwerben möglich sein; an dem einen hange Schatzwunsch, an dem anderen Kampfglück, beide seien für den Besitzer ein wertvolles Gut. So weit Gewar. Hother führte sofort entschlossen aus, was er von ihm gelernt hatte, stellte sein Zelt in der erwähnten Weise auf und lag in der Nacht stillem Nachsinnen, bei Tage der Jagd ob; die beiden Tageszeiten brachte er wach und schlaflos zu, mit dem Unterschiede [90] dass er die Nachtzeit dem Nachdenken über seine Lage widmete, die Tageszeit aber auf die Beschaffung von Lebensmitteln verwandte. Als er nun einst nach durchwachter Nacht in sorgenerfülltem Sinne müde wurde, fiel der Schatten des Schrats auf sein Zelt, er schleuderte die Lanze nach Miming, warf ihn zu Boden, fing und band ihn, ehe er fliehen konnte. Dann drohte er ihm in wilden Worten den Tod an und verlangte Schwert und Spange. Und nicht faul reichte der Schrat den Kaufpreis für sein Leben, der von ihm gefordert wurde, dar; allen ist eben das Leben mehr wert, als der Besitz, da in den Augen der Sterblichen das Leben das teuerste Gut ist. Hother kehrte hocherfreut über den Erwerb der Kleinode nach Hause zurück, mit wenigen, aber auserlesenen Beutestücken beglückt.

Da Gelderus, der Sachsenkönig, von Hothers Erwerbung Kunde erhielt, so trieb er seine Mannen mit eifriger Mahnung an, ihm die kostbare Beute abzunehmen. Die Mannen gehorchten ihrem Könige und setzten eiligst eine[WS 3] Flotte in stand. Gewar hatte das voraus gewusst, weil er[WS 4] in die Zukunft sehen konnte und in der Kunst der Weissagung sehr unterrichtet war, rief den Hother zu sich und wies ihn an, er solle die Geschosse des Gelder beim Angriffe ruhig über sich ergehen lassen und selbst erst dann Geschosse werfen lassen, wenn er bemerke, dass sie dem Feinde ausgingen; weiter solle er hakenförmige Sicheln mitnehmen, um mit ihnen die Fahrzeuge zu zerreissen und den Mannen des Gelder Helme und Schilde wegziehen zu können[49]. Hother folgte der Weisung und erlebte davon glücklichen Erfolg. Bei dem ersten Angriffe des Gelder liess er seine Leute stille stehen und sich mit den Schilden decken, der Sieg in diesem Kampfe werde durch ruhiges Aushalten errungen werden. Der Feind ging mit seinen Geschossen verschwenderisch um und warf sie in [72] 72seiner Kampflust massenweise, und nur um so blinder begann er Lanzen und Speere zu schleudern, als er den Hother sie [91]  so ruhig über sich ergehen lassen sah. Sie bohrten sich teils in die Schilde, teils in die Schiffe und brachten nur selten eine Wunde, die meisten wurden erfolglos und ohne zu schaden geschleudert. Denn die Mannen Hothers wehrten, ihres Königs Befehl erfüllend, die Masse der Geschosse, die auf sie flogen, durch das aus den Schilden gebildete Dach ab, und nicht gering war die Zahl derer, die nur mit leichtem Schwunge auf die Schildbuckel auftrafen und in die Fluten des Meeres fielen. Als nun Gelder sich verschossen hatte und sah, dass die Feinde ihrerseits zu den Geschossen griffen und sie nun scharf gegen ihn schleuderten, da liess er an die Spitze des Mastes den roten Schild hängen (das war ein Zeichen des Friedens) und rettete sich durch Ergebung. Hother empfing ihn mit freundlicher Miene und gütigen Worten und überwand ihn ebenso sehr durch seine Milde wie durch seinen strategischen Kunstgriff.

Zu dieser Zeit warb Helgo, der König von Halogia, um die Tochter des Cuso, des Königs der Finnen und Biarmier, Namens Thora, wiederholt durch die Vermittelung einer Gesandtschaft: was an sich unkräftig ist, das bedarf eben einer fremden Kraft. Während die Jünglinge jenes Zeitalters die Werbung um eine Braut mit eigenem Worte zu machen pflegten, war dieser mit einem so erheblichen Fehler der Zunge behaftet, dass er sich nicht nur vor fremden Ohren, sondern sogar vor vertrauten schämte. Wer den Schaden hat, lässt nicht gern andere davon wissen, und zwar sind natürliche Gebrechen um so lästiger, je deutlicher sie zu Tage treten. Cuso wies die Gesandten ab: der verdiene kein Weib, der, weil selbst der Tüchtigkeit ermangelnd, zur Werbung sich Fremder Dienste erbitten müsse. Als Helgo diese Antwort erhielt, beschwor er den Hother, den er als äusserst gewandten Sprecher kannte, für seine Wünsche einzutreten; er versprach dagegen mit Eifer auszuführen, was er dafür verlange. Hother konnte der inständigen Bitte des Helgo nicht widerstehen und ging mit einer Kriegsflotte nach Norwegen, entschlossen mit Gewalt durchzusetzen, was er mit Worten nicht erreichen könne. Als er nun für Helgo mit den gewinnendsten Worten, [92] die seiner Beredsamkeit zu Gebote standen, gesprochen hatte, antwortete Cuso, er müsse die Meinung der Tochter einholen, damit es nicht scheine, als ob der Vater in seiner Strenge etwas gegen ihren Willen bestimmt habe. Sie wurde geholt; er fragte, ob sie an dem Freier Gefallen finde, und als sie ja sagte, versprach er dem Helgo ihre Hand. So öffnete Hother die verschlossenen Ohren des Cuso für Erhörung seiner Bitte durch den Zauber seiner abgerundeten und gewandten Beredsamkeit.

Während dieser Vorgänge in Halogia rückte Balder mit den Waffen in das Gebiet des Gewar ein, um die Nanna zur [73] 73Frau zu verlangen. Er wurde von Gewar an die Tochter verwiesen und ging sie mit ausgesuchten, gewinnenden Worten an; als er aber seinem Wunsche keine Erfüllung schaffen konnte, drang er in sie, ihm den Grund ihrer Abweisung kund zu geben. Sie antwortete, ein Gott könne mit einer Sterblichen nicht ehelich verbunden werden, weil der ungeheure Unterschied der Naturen die eheliche Gemeinschaft ausschliesse. Ausserdem pflegten auch die Götter bisweilen die Verabredung zu brechen, und plötzlich werde das Band zerrissen, das Unebenbürtige geschlungen. Denn zwischen Ungleichartigen gäbe es keine dauernde Verbindung, da in den Augen der höher Stehenden die tiefer Stehenden immer wertlos erschienen. Ausserdem wohne Überfluss und Armut nicht unter einem Dache beisammen, und zwischen glänzendem Reichtum und dunkler Armut gäbe es keine feste Gemeinschaft. Kurz, mit Himmlischem vereinige sich Irdisches nicht, beides habe die Natur in ihrem Ursprunge deshalb durch eine weite Kluft getrennt, weil von dem lichten Glanze der Hoheit der Götter die sterbliche Menschheit unendlich weit abstehe. Mit dieser Antwort voll feinen Spottes wies sie die Bitte des Balder ab und wob geschickt ihre Gründe für das Ausschlagen des Ehebundes.

Als das Hother von Gewar erfuhr, schüttete er vor Helgo sein Herz aus in Klagen über die Aumassung Balders. Beide waren sich nicht klar, was zu thun sei und überlegten hin und her. Denn Aussprache mit dem Freunde in böser Lage [93]  mindert den Kummer, selbst wenn sie die Gefahr nicht hebt. Unter den andern Regungen ihres Innern überwog doch endlich der Wunsch sich mutig zu zeigen und sie schritten zu einer Seeschlacht mit Balder. Man hätte glauben können, Menschen kämpften gegen Götter, denn für Balder stritten Othin und Thor und die heiligen Scharen der Götter. Man konnte da einen Kampf sehen, in dem Götter- und Menschenkraft durch einander lief. Aber Hother brach, bekleidet mit seinem hiebfesten Gewande, in die dichtesten Keile der Götter ein und kämpfte, soweit er als Erdensohn gegen Götter das vermochte. Thor aber zerschlug mit gewaltigem Schwunge seines Hammers alle ihm entgegen gehaltenen Schilde, die Feinde eben so sehr auffordernd ihn anzugreifen, als die Freunde ihn zu decken. Keine Art von Rüstung gab es, die nicht seinem Ansturme wich, niemand konnte sich seinen Schlägen ohne Lebensgefahr aussetzen; was er durch einen Hieb abwehrte, das schlug er nieder. Nicht Schilde, nicht Helme hielten die Kraft seines Streiches aus, keinem half grosse Gestalt, noch grosse Kraft. So wäre denn der Sieg den Himmlischen zugefallen, wenn nicht Hother, der bei dem Wanken seiner Reihen schnell herbeiflog, den Hammer durch Abschlagen des Handgriffs unbrauchbar gemacht hätte. Als die Götter sich dieser Waffe beraubt sahen, ergriffen sie eiligst die Flucht. Der Glaube würde sich dagegen sträuben, dass Götter von Menschen besiegt wurden, wenn nicht die Überlieferung aus alter Zeit es wahr erscheinen liesse. Götter aber sage ich der gewöhnlichen Ansicht folgend, nicht als ob ich ihnen Wesenheit zusprechen wollte; ich gebe ihnen [74] 74die Bezeichnung Götter nicht ihrer Natur nach, sondern nach der Gewohnheit der Heiden.

Den Balder rettete die in eiligem Laufe ergriffene Flucht. Die Sieger, nicht zufrieden damit, Götter besiegt zu haben, liessen noch die Reste der Flotte ihre Wut fühlen, um durch deren Vernichtung ihre mörderische Kampfesgier zu stillen: sie versenkten oder zerhackten die Schiffe Balders. So steigert in der Regel das Glück die Erbitterung. Als Zeuge des Kampfes erinnert heute noch ein Hafen mit seinem Namen [94] an Balders Flucht. Den Sachsenkönig Gelder, der in eben dieser Schlacht gefallen war, liess Hother hingestreckt über die Leichen seiner Ruderer auf einen aus Schiffstrümmern errichteten Scheiterhaufen legen und bestattete ihn so gütig mit Pracht. Seine Asche übergab er als Überbleibsel eines königlichen Leibes nicht allein einem prächtigen Leichenhügel, sondern ehrte sie auch durch ein reiches Leichenbegängnis. Darauf ging er zu Gewar zurück, damit nicht weitere Ungelegenheit die ersehnte Verbindung hinausschöbe und genoss die gewünschte Umarmung der Nanna. Nachdem er darauf Helgo und Thora mit reichen Gaben bedacht, führte er seine junge Frau nach Schweden heim, allen so ehrwürdig durch seinen Sieg, wie Balder lächerlich durch seine Flucht.

Als in dieser Zeit die Grossen Schwedens nach Dänemark gegangen waren, um die Lehnsabgabe zu überbringen, wurde Hother zwar wegen der hervorragenden Verdienste seines Vaters von seinen Landsleuten als König geehrt, erfuhr aber, wie trügerisch die Gunst des Glücks ist. Er wurde nämlich von Balder, den er kurz vorher besiegt hatte, in einer Schlacht überwunden und musste zu Gewar seine Zuflucht nehmen; als gewöhnlicher Mann hatte er den Sieg erlangt, als König verlor er ihn. Um sein von Durst gequältes Heer durch einen rechtzeitigen Trunk zu erfrischen, liess Balder tief in die Erde graben und eine neue Quelle aus dem Boden zu Tage treten. Deren hervorbrechenden Sprudel schlürfte das ganze durstige Heer mit weitgeöffnetem Munde. Die Spuren dieser Wasser, durch unvergänglichen Namen unsterblich gemacht, sollen noch jetzt nicht vollständig geschwunden sein, obwohl der frühere starke Sprudel aufgehört hat. Balder erlitt durch Larven, welche die Gestalt der Nanna annahmen, fortwährend in der Nacht störende Belästigungen und wurde davon so schwach, dass er sich nicht auf den Füssen halten konnte. Deshalb gewöhnte er sich daran, seine Wege auf einem Zweigespanne oder Wagen zu machen; die grosse Liebe, die sein Herz ergriffen, hatte ihm mit ihrer Qual alle Kraft genommen. Nichts, glaubte er, habe ihm ein Sieg gegeben, dessen Beute nicht Nanna [95]  gewesen war. [Auch nahm Frö, der Statthalter der Götter, seinen Sitz nicht weit von Upsala, wo er an die Stelle der alten Weise der Opfer, die so viele Völker in so vielen [75] 75Jahrhunderten geübt hatten, eine schreckliche und ruchlose treten liess: er ging nämlich daran Menschen als Opfer zu schlachten und brachte so den Himmlischen grause Gaben dar[50].]

Während dessen[51] erfuhr Hother, dass Dänemark seine Fürsten verloren und Hiarthwar so schnell für die Ermordung des Rolf gebüsst habe; da sagte er, dass der Zufall ihm in den Schoss geworfen habe, was er kaum hätte erhoffen dürfen. Denn durch fremde Hand habe Rolf gebüsst, dem er das Leben hätte nehmen müssen, weil sein Vater von dessen Vater getötet worden sei, und andererseits sei ihm durch eine unerwartete Wendung der Dinge die Möglichkeit geboten, Dänemark in seinen Besitz zu bringen. Denn die Herrschaft über Dänemark stehe ihm nach Erbrecht zu, wenn man seinen Stammbaum richtig zurückverfolge[52]. Daher besetzte er den Seeländischen Hafen Isora mit einer grossen Flotte, um das vom Glück gebotene Geschenk zu benutzen. Dort wurde er von dem ihm zulaufenden dänischen Volke zum Könige bestellt, und als er bald darauf das Abscheiden seines Bruders Atisl, den er als Statthalter über Schweden gesetzt, erfahren hatte, vereinigte er beide Reiche. Den Atisl raffte ein unrühmlicher Tod dahin: als er nämlich den Tod des Rolf mit einem Gelage höchst ausgelassen feierte, sprach er dem Becher allzu eifrig zu und büsste für seine unanständige Unmässigkeit mit einem plötzlichen Tode. Während er also eines anderen Todesgeschick mit übermässiger Lustigkeit feierte, nötigte er sein eigenes hereinzubrechen.

Balder ging auch mit einer Flotte nach Seeland, und da er in den Waffen tüchtig war und durch majestätische Gestalt hervorragte, so erlangte er sehr rasch von den Dänen, [96] was er betreffs des Thrones verlangte, während Hother Schweden behielt. Mit so unfestem Urtheile schwankten unsere Vorfahren in ihrer Entscheidung hin und her. Gegen Balder begann nun Hother, von Schweden her zurückkommend, erbitterten Krieg; ein scharfer Kampf entbrannte zwischen den beiden Nebenbuhlern in der Herrschaft, diesen beendete die Flucht Hothers. Er wich nach Jütland und gab dem Flecken, in dem er sich aufhielt, seinen Namen[53]; dort verbrachte er den Winter und ging dann allein und ohne Gefolge nach Schweden zurück. Dort berief er die Grossen des Reichs und eröffnete ihnen, er sei wegen der unglücklichen Entscheidungen, in denen ihn Balder zweimal als Sieger zu Boden geworfen, des Lichtes und des Lebens überdrüssig. Er verabschiedete sich bei allen, suchte schwer zugängliche Orte auf unwegsamem Pfade und durchwanderte öde, menschenverlassene Wälder. Wen untröstlicher Herzensschmerz ergriffen hat, der sucht wohl versteckte und entlegene Winkel als ein Heilmittel für seine Traurigkeit und kann den grossen Kummer mitten im Verkehr mit [76] 76Menschen nicht tragen. Einsamkeit ist in der Regel des Kummers beste Freundin, denn Vernachlässigung des äussern Menschen ist denen ein Genuss, denen eine Krankheit der Seele den Halt genommen. Früher hatte Hother auf dem Gipfel eines hohen Berges seinem Volke auf seine Anfragen Bescheid erteilt; deshalb schalt jetzt, wer dahin kam, des Königs Trägheit, der sich verkroch, und mit den heftigsten Klagen wurde er von allen geschmäht, weil er sich fern hielt.

Während so Hother die entlegensten Einöden durchstreifte und einen menschenleeren Wald durchwandert hatte, stiess er zufällig auf eine Grotte, die von unbekannten Jungfrauen bewohnt war; es waren dieselben, die ihm dereinst das hiebfeste Gewand geschenkt hatten[54]. Als sie ihn fragten, weshalb er hierherkomme, erzählte er ihnen seine Misserfolge im Kriege. Und so schalt er sie falsch und lügenhaft und [97]  begann über das Geschick seines Kriegsunglücks und über die bösen Zufälle zu klagen: es sei ihm ganz anders gegangen, wie sie ihm verheissen hätten. Aber die Nymphen wiesen ihn darauf hin, dass er zwar selten Sieger gewesen, aber doch über die Feinde ein gleiches Gemetzel gebracht und nicht geringeren Verlust anderen zugefügt, als er selbst erlitten habe. Die Gunst der Siegesgöttin werde ihm aber nicht fehlen, wenn er eine Speise von ganz ungemeiner Zauberkraft, die zur Hebung der Kräfte des Balder ausgedacht sei, vorwegnehmen könne; nichts werde für ihn schwierig sein, wenn er sich in den Besitz der Speise setze, die für seinen Gegner zur Vermehrung der Stärke bestimmt sei.

Aus diesen Worten schöpfte Hother festen Mut zu einem nochmaligen, schleunigen Kampfe gegen Balder, mochte es auch als schwierig für menschliches Ringen erscheinen, Götter mit den Waffen anzugreifen; auch von seinen Leuten meinten manche, dass er einen Kampf mit den Göttern nur zu seinem Verderben beginnen werde. Ihn aber liess die grosse Erregung seines Gemüts die Rücksicht auf die Majestät der Götter vergessen, denn bei Helden kann nicht immer die Besinnung der Aufwallung Einhalt thun, nicht immer weicht der rasche Entschluss der Überlegung; vielleicht dachte auch Hother daran, dass auch für ausgezeichnete Männer die Macht ein sehr unsicherer Besitz ist, und dass eine kleine Erdscholle auch einen grossen Wagen umstürzen kann.

Balder dagegen rief die Dänen zu den Waffen und trat dem Hother zur Schlacht entgegen. Unter grossem Gemetzel auf beiden Seiten wurde gekämpft, und nachdem beide fast gleichen Verlust erlitten, unterbrach die Nacht den Kampf. Ungefähr in der dritten Nachtwache verliess Hother allen unbemerkt das Lager, um die Stellung des Feindes auszukundschaften; denn die Sorge, die aus der drohenden Gefahr entsprang, hatte ihm den Schlaf gescheucht. Eine grosse Erregung des Gemütes ist ja meist störend für die Ruhe des Körpers, und die Unruhe des einen erlaubt nicht Rast [77] 77bei dem andern. Als er so in den Bereich des feindlichen Lagers kam, bemerkte er, dass drei Nymphen, die Balders geheimnisvolle [98] Speise trugen, das Lager verliessen. Er folgte ihnen eiligen Laufs – ihre Flucht verrieten Spuren im Taue – und trat endlich in ihre gewöhnliche Behausung. Als sie ihn fragten, wer er sei, antwortete er, er sei ein Lautenspieler. Eine Probe stimmte sehr wohl zu seiner Angabe; denn die Saiten einer ihm dargereichten Laute stimmte er zum Vortrage, rührte dann das Saitenspiel mit dem Griffel und liess in kunstfertigem Spiele eine liebliche Weise ertönen. Sie hatten drei Schlangen, mit deren Geifer sie dem Balder die stärkende Speise beim Kochen zuzurichten pflegten, und schon floss aus dem offenen Rachen der Schlangen der Geifer reichlich in den Brei. Einige von den Jungfrauen hätten aus Freundlichkeit gern den Hother von der Speise essen lassen, jedoch die älteste verbot es, es wäre unredlich an Balder gehandelt, wenn sie seinem Feinde einen Zuwachs an Körperkraft verschafften. Er sagte, er sei nicht Hother, sondern sein Gefolgsmann .........[55]. Die Nymphen schenkten ihm nämlich auch in gnädigem Wohlwollen einen herrlich strahlenden Gürtel und einen Sieg verleihenden Leibgurt.

Als er nun seinen früheren Weg auf demselben Steige, auf dem er gekommen, zurückging, da bohrte er dem ihm begegnenden Balder sein Schwert in die Seite und streckte ihn halbtot nieder. Als das den Kriegern verkündet wurde, da erscholl durch das ganze Lager des Hother lauter Siegesjubel, während die Dänen dem Lose des Balder allgemeine Trauer widmeten. Als Balder fühlte, dass das Geschick ihm unabwendbar nahe, da erneuerte er, erregt durch die schmerzende Wunde, am folgenden Tage den Kampf; beim wildesten Toben des Kampfes lässt er sich auf einer Sänfte in die [99]  Schlacht tragen, um nicht im Zelte eines unrühmlichen Todes zu sterben. In der folgenden Nacht erschien ihm Proserpina (Hel) im Traume und verkündete ihm, dass sie des nächsten Tages in seinen Armen ruhen werde; die Weissagung des Traumbildes war nicht eitel; denn als drei Tage vergangen waren, da liess ihn die grosse Qual der Wunde sterben. Seine Leiche bestattete das Heer mit königlichem Begängnis und setzte sie in einem aufgeschütteten Hügel bei.

Diesen Hügel versuchten in unserer Zeit Männer, deren Anführer Haraldus war, bei Nacht aufzugraben, denn die Kunde von dem alten Begräbnisse war noch lebendig, und sie hofften Geld in dem Hügel zu finden; sie liessen aber ihr Beginnen infolge einer plötzlichen Schreckerscheinung unausgeführt. Nämlich aus dem Gipfel des von ihnen angegrabenen Hügels schien plötzlich unter grossem Gebrause des Wassers ein starker Strom hervorzubrechen, dessen reissender Schwall in raschem Gefälle sich über die tiefer liegenden Felder ergoss und alles, worauf er in seinem Laufe traf, überflutete. [78] 78Bei seinem Nahen warfen die bestürzten Schatzgräber die Hacken weg und ergriffen nach allen Seiten die Flucht, denn sie meinten, sie würden von den Strudeln des auf sie eindringenden Wassers verschlungen werden, wenn sie ihr Beginnen weiter zu führen versuchten. So wurde von den Schutzgöttern des Ortes den Männern ein plötzlicher Schrecken eingejagt, der sie nötigte ihre Habgier zu vergessen und an ihre Rettung zu denken, ihr gieriges Vorhaben aufzugeben und für ihr Leben zu sorgen. Die Erscheinung dieses Strudels ist aber offenbar nur ein Schattenbild, nichts Wirkliches gewesen und nicht aus dem Innern der Erde hervorgebrochen, sondern nur das Erzeugnis einer Art Hexerei gewesen, denn auf dürrem Boden lässt die Natur nicht flüssige Quellen strömen. Alle Nachgebornen, die die Kunde von dieser Aufgrabung erreichte, haben seitdem den Hügel unberührt gelassen; man weiss also nicht, ob er irgend welche Schätze enthält, da niemand die bewaldete Anhöhe nach Harald aus Furcht vor der Gefahr anzurühren gewagt hat.

Aber Othin, obgleich der oberste der Götter, befragte [100] doch die Wahrsager und Propheten und alle anderen, von denen er hörte, dass sie sich eifrig mit dem Vorauswissen der Zukunft beschäftigten, über die Durchführung der Rache für seinen Sohn Balder. Denn die unvollkommene Göttlichkeit bedarf eben der Hilfe der Menschen. Ihm verkündete der Finne Rostiophus (Rossdieb), es werde ihm ein anderer Sohn erweckt werden von der Rinda, der Tochter des Russenkönigs, welcher den Mord seines Bruders bestrafen würde; denn die Götter hätten die Rache für ihren Genossen der Hand des künftigen Bruders überwiesen. Als Othin das vernahm, verdeckte er sein Antlitz mit einem Hute, um nicht durch sein Aussehen verraten zu werden und begab sich zu dem erwähnten Könige, um bei ihm Dienste zu nehmen. Er wurde von ihm zum General gemacht, erhielt ein Heer und brachte einen schönen Sieg über die Feinde nach Hause. Wegen dieser tüchtigen Schlacht berief ihn der König unter seine vertrautesten Freunde und lohnte ihm ebenso durch Geschenke wie durch Ehrenerweisungen. Nach kurzer Unterbrechung jagte er allein die Reihen der Feinde in die Flucht und kehrte als Gewinner und zugleich Bote des wunderbaren Sieges heim. Alle staunten, wie ein solches Gemetzel unter einer grossen Anzahl durch die Kraft eines Einzelnen habe angerichtet werden können. Auf diese Verdienste bauend weihte er nun heimlich den König in seine Liebe ein. Durch dessen wohlwollende Begünstigung ermutigt, bat er die Jungfrau um einen Kuss, erhielt aber einen Backenstreich. Jedoch weder die schmachvolle Behandlung noch der Ärger über die Beleidigung konnten ihn von seinem Vorhaben abbringen.

Um nicht schmählich aufgeben zu müssen, was er mit Eifer begonnen hatte, suchte er im nächsten Jahre in fremdländischer Tracht wieder in die nächste Umgebung des Königs zu gelangen. Er konnte nicht leicht von den Begegnenden erkannt werden, da seine wahren Züge eine täuschende Schminke unkenntlich machte, das alte Aussehen ein neuer [79] 79entstellender Überzug den Blicken verbarg. Er heisse Rosterus[56], [101]  sagte er, und verstehe sich auf die Goldschmiedekunst; und so fertigte er auch vielfachgestaltete Schmuckgegenstände in sehr schöner Ausführung in Metall und empfahl seine Berufsangabe durch Kunstgeschick so, dass er vom Könige ein grosses Gewicht Gold erhielt und den Frauen Schmuck schmieden sollte. Nachdem er also viele schöne Gegenstände des Frauenschmucks geschmiedet hatte, fertigte er zuletzt, eine Spange, die viel feiner ausgeführt war, als alle anderen Stücke und mehrere ebenso sorgfältig geschmiedete Ringe und brachte sie der Jungfrau dar. Aber Abneigung lässt sich durch keine Wohlthaten besänftigen. Als er Rinda einen Kuss geben wollte, schlug sie ihm einen derben Backenstreich. Nicht gern werden Geschenke genommen, die ein Verhasster giebt; angenehm sind, die von Freunden dargereicht werden; der Wert der Gabe hängt in der Regel von der Wertschätzung des Spenders ab. Die energische Jungfrau war sich völlig klar darüber, dass der listige Alte mit seiner falschen Freigebigkeit es nur auf einen Weg für seine Wollust abgesehen habe. Ausserdem war ihr Sinn hart und nicht zu beugen, denn sie begriff, dass die Gefälligkeit nur ein Deckmantel für eine List sei, und dass hinter dem Schenkeifer nur ein böser Wunsch lauere. Der Vater tadelte sie heftig, dass sie die Heirat ausschlage; sie aber, die von einer Ehe mit einem alten Manne nichts wissen wollte, sagte, eine überstürzte Ehe gehöre sich nicht für zarte Mädchenjahre, nahm also ihr jugendliches Alter zum Vorwande für die Zurückweisung des Ehebundes.

Aber Othin, der aus Erfahrung wusste, dass in der Liebe nichts wirksamer ist für die Erfüllung der Wünsche, als ausdauernde Beharrlichkeit, ging zum dritten Male zum Könige, obwohl er zweimal mit Schimpf und Schande abgewiesen war; er nahm wieder eine andere Gestalt an und trat als fertiger Kämpe auf. Ihn hatte zu diesem Versuche nicht allein die Lust getrieben, sondern auch der Wunsch, die Schmach zu tilgen. Einstmals verstanden die Zauberkundigen aufs trefflichste ihre Züge zu verwandeln und in verschiedener Gestalt sich zu zeigen; neben der natürlichen Erscheinung [102] konnten sie das Aussehen von jedem beliebigen Alter annehmen. Daher pflegte der Alte unter den gewandtesten Reitern feurig einherzugaloppieren, um eine schöne Probe von seiner Kunst zur Augenweide zu geben. Aber auch durch solche That liess sich die Härte des Sinnes der Jungfrau nicht erweichen; denn schwerlich söhnt sich das Herz mit dem aufrichtig aus, den es einmal gründlich gehasst hat. Als er ihr beim Abschiede einen Kuss aufdringen wollte, wurde er von ihr so kräftig zurückgestossen, dass er taumelnd mit dem Kinne auf die Erde stiess. Da berührte er sie mit einer Baumrinde, in die Zaubersprüche eingeschnitten waren und machte sie einer Rasenden gleich; so strafte er mit immerhin mässiger Rache die wiederholte schmähliche Behandlung.

[80] 80Auch jetzt verzichtete er nicht darauf seinen Vorsatz durchzuführen (denn das Vertrauen auf seine göttliche Hoheit hatte seine Hoffnung geschwellt), legte Mädchenkleider an, und zum vierten Male suchte er als unermüdlicher Wanderer den König auf; von ihm aufgenommen zeigte er sich dienstbereit bis zur Aufdringlichkeit; da er ganz wie ein Weib gekleidet war, wurde er allgemein für eine Frau gehalten; er nannte sich Wecha (Vetka = Zauberin) und gab sich für eine heilkundige Frau aus; die vorgegebene Kunst empfahl er auch durch bereite Dienste. Schliesslich wurde er unter die Dienerschaft der Königin aufgenommen und spielte die Magd der Tochter. Er wusch ihr auch gewöhnlich am Abend den Schmutz von den Füssen; wenn er nun den Füssen das Wasser reichte, so konnte er auch die Waden und die Schenkel hoch hinauf berühren. Jedoch da das Glück mit wechselndem Schritte schreitet, so stellte ein Zufall bereit, was mit List nicht erreichbar war. Es begab sich nämlich, dass das Mädchen krank wurde und nun, wo man sich nach Heilmitteln für die Krankheit umsah, zur Wiederherstellung der Gesundheit die Hände herbeirief, die sie vorher schroff zurückgestossen und den Mann als Retter suchte, den sie immer mit Widerwillen weggewiesen hatte. Er untersuchte sorgfältig, wo der Schmerz sass, und erklärte, es müsse, um der Krankheit so [103]  schnell wie möglich entgegen zu wirken, ein Trank aus Kräutersäften angewendet werden; der müsse aber so scharf zugerichtet werden, dass das Mädchen die kräftige Kur nicht aushalten könne, wenn sie sich nicht binden liesse; denn aus den innersten Fibern müsse der Krankheitsstoff herausgetrieben werden. Als der Vater das vernahm, liess er unverzüglich die Tochter binden und hiess sie, auf das Bett gelegt, alles geduldig aushalten, was der Arzt über sie verhänge; es täuschte ihn der Schein der Weiberkleidung, die der Alte benutzte, um seine zäh festgehaltene böse Absicht zu verschleiern; dieser Umstand machte es möglich, den Schein der Heilung zu einer Schändung zu benutzen. Der Arzt nämlich nutzte die Gelegenheit zum Liebesgenusse, liess den Heildienst bei Seite und eilte erst zur Ausübung seiner Lust und dann erst zur Vertreibung des Fiebers, indem er so die Krankheit der Jungfrau benutzte, von der er in ihren gesunden Tagen nur Feindschaft erfahren hatte. Ich will auch noch eine andere Meinung von der Sache anführen: einige behaupten nämlich, der König habe den Arzt heimlich seine Tochter beschlafen lassen, damit er den wohlverdienten Mann nicht um den gebührenden Lohn bringe, als er gesehen, dass der Liebeskranke mit seiner grossen geistigen und körperlichen Anstrengung nichts ausrichte; so geht ja wohl einmal ein Vater in Lieblosigkeit gegen das Kind vor, wenn eine heftige Leidenschaft die aus dem natürlichen Bande fliessende Milde in den Hintergrund treten lässt. Diesem Fehltritte folgte schamvolle Reue, als die Tochter einen Sohn gebar.

Die Götter aber, die ihren Hauptsitz in Byzanz hatten, beschlossen den Othin [81] 81aus ihrem Kreise zu verstossen, weil sie sahen, wie er den erhabenen Glanz seiner Göttlichkeit mit verschiedenen die Würde schmälernden Makeln befleckt hatte; und nicht allein aus seiner Stellung als Oberhaupt entfernten sie ihn, sondern sie nahmen ihm auch jede gewohnte Ehre und jedes Opfer und wiesen ihn ins Elend; sie hielten es für geratener, dass die Macht ihres schmachbedeckten Vorstehers abgeschafft, als dass die Würde der Religion entweiht würde, damit nicht auch sie, in eine [104] fremde Schuld verwickelt, unschuldig durch die Schuld des Schuldigen gestraft würden. Sie sahen nämlich, dass bei denen, die sie verlockt hatten, ihnen göttliche Ehren zu erweisen, als das schimpfliche Verhalten des Obergotts bekannt wurde, die Ergebenheit sich in Verachtung, die Verehrung in Schamröte verwandelte, Opfer als Tempelschändung betrachtet, herkömmliche feierliche Gebräuche als kindische Faseleien bezeichnet wurden. Die Vernichtung stand ihnen vor Augen, die Furcht im Herzen, und man hätte glauben können, dass auf aller Haupt die Schuld eines Einzigen falle. Sie straften ihn also mit Verbannung, damit nicht durch seine Schuld die Religion ganz schwinde und wählten an seine Statt einen gewissen Ollerus, nicht allein zur Nachfolge in der Herrschaft, sondern auch in der Göttlichkeit, gleich als ob es das Gleiche wäre, Götter und Könige zu wählen. Obgleich sie ihn nur in Stellvertretung zum Obergott gewählt hatten, so beschenkten sie ihn doch mit der vollen Ehre der Stellung: er sollte nicht als Verweser eines fremden Amtes, sondern als gesetzlicher Nachfolger in der Würde dastehen. Damit nichts in der Hoheit ihm fehle, gaben sie ihm auch den Namen Othin: durch den beliebten Namen wollten sie das Gehässige der Neuerung ausschliessen. Ungefähr zehn Jahre lang führte er die Leitung der Götter, da schien endlich Othin den Göttern, die die Härte seiner Verbannung bemitleideten, genug der schweren Strafe getragen zu haben, und er vertauschte nun wieder seine hässliche Erniedrigung mit der früheren glänzenden Stellung; die Rüge ob seiner früheren schlechten Aufführung hatte die lange Zeit vergessen lassen. Einige sagten doch, dass er es nicht verdiene, in seine verlorene Würde wieder einzutreten, weil er durch seine Schauspielerkünste und Übernahme von Weiberdienst dem göttlichen Namen einen hässlichen Schimpf zugefügt habe. Gewisse Quellen berichten, er habe die Götter teils durch Kriecherei, teils durch Geschenke bestochen und den Besitz der verlorenen Majestät durch Geld erkauft und habe sich die Rückkehr zu den Ehren, die er schon lange verloren hatte, durch Aufwendung einer grossen Summe verschafft. [105]  Wenn du fragst, wie teuer er sie gekauft hat, so frage die, welche gelernt haben, um welchen Preis die Göttlichkeit verkauft wird; ich bekenne gern, dass ich es nicht weiss. Oller also ging, als er von Othin aus Byzanz vertrieben wurde, nach Schweden, versuchte dort gleichsam auf jungfräulichem Boden die Denkmale seiner Geltung wieder aufzurichten, wurde aber von den Dänen erschlagen. Die Sage berichtet, dass er ein so geschickter Zauberer gewesen sei, dass er sich zur Überschreitung der Meere eines Knochens, auf den er Zaubersprüche eingegraben, [82] 82wie eines Schiffes bediente und mit ihm ebenso rasch wie mit dem Ruder die hemmende Wasserflut vor ihm überwand.

Nachdem aber Othin die Abzeichen der Göttlichkeit wiedergewonnen hatte, erstrahlte er über den ganzen Erdkreis in solchem Glanze des Ansehens, dass alle Völker ihn wie ein der Welt wiedergeschenktes Licht ansahen, und kein Ort auf der Welt war, der sich nicht der Macht seiner Hoheit beugte. Als er nun seinen Sohn Bous, den er von der Rinda bekommen hatte, der Kriegsthätigkeit ergeben sah, da liess er ihn zu sich kommen und mahnte ihn, der Ermordung seines Bruders zu gedenken; besser als Schuldlose niederzukämpfen sei es, wenn er Rache nähme an den Mördern Balders, weil gehörig und nützlich ein Kampf sei, wo erlaubte und sogar gerechte Rache einen makellosen Kriegsanlass biete.

Inzwischen kam die Nachricht, das Gewar durch die Hinterlist seines Statthalters Gunno gefallen sei. Um seinen Tod auf das schärfste zu rächen, fing Hother den Gunno und liess ihn auf einen brennenden Scheiterhaufen werfen und so verbrennen, weil er selbst zuvor den Gewar hinterlistig überfallen und bei Nacht lebendig verbrannt hatte. Während er so den Manen seines Erziehers Totenopfer brachte, setzte er dessen Söhne Herletus und Geritus über Norwegen.

Darauf berief er seine Grossen zu einer Versammlung und eröffnete ihnen, dass er in dem Kampfe, in welchem er dem Bous entgegen treten müsse, fallen werde, und dass er dessen gewiss geworden sei durch wahre Weissagungen der Seher, nicht durch unbestimmte Vermutungen. Er bat sie [106] also, sie möchten seinen Sohn Roricus an die Spitze des Reiches stellen, damit nicht das Urteil böswilliger Leute das Thronrecht an ausländische unbekannte Familien übergehen lasse; mehr Freude werde er aus der Nachfolge des Sohnes schöpfen, als Bekümmernis aus seinem nahen Ende. Er setzte das schnell durch und fiel im Kampfe mit Bous. Jedoch auch für Bous war der Sieg nicht eine ungetrübte Freude, denn er verliess den Kampfplatz schwer verwundet, so dass er, auf den Schild gelegt, von seinen Mannen, indem sie sich ablösten, nach Hause getragen wurde und am folgenden Tage an seiner schmerzenden Wunde starb. Seinen Leichnam bestattete das russische Heer in prunkvollem Aufzuge und errichtete für ihn einen hochaufragenden Leichenhügel, damit nicht die Erinnerung an einen solchen Mann rasch aus dem Gedächtnisse der Nachwelt schwände.

Nun gedachten die Kuren und Schweden, gleich als ob sie durch den Tod des Hother von der Last der Tributzahlung befreit wären, Dänemark, dem sie jährlich Steuern unterthänig bringen [83] 83mussten, mit den Waffen anzufallen. Dieser Umstand machte auch noch andere aus Unterthanen zu Feinden. Um diesen treulosen Angriff abzuwehren, rief Rorik das Land in die Waffen und feuerte die Krieger unter Aufzählung der Grossthaten der Vorfahren in eindringlicher Mahnung an, sich als tapfere Männer zu zeigen. Die Barbaren hatten die Ansicht, dass sie ein Haupt haben müssten, um nicht den Krieg ohne Führer zu beginnen und wählten sich einen König; nunmehr liessen sie zwei Heerhaufen eine verdeckte Aufstellung nehmen und zeigten nur die übrigen Streitkräfte. Aber Rorik bemerkte wohl die Falle. Als er sah, dass seine Flotte in der engen Einfahrt zu einem seichten Busen festsass, liess er sie von den Sandbänken, auf die sie geraten war, wegziehen und auf das hohe Meer segeln, damit sie nicht, in schlammige Sümpfe getrieben, auf der entgegengesetzten Seite von den Feinden angegriffen würde. Ausserdem bestimmte er, dass ein Teil seiner Leute bei Tage ein Versteck aufsuchen, in diesem warten und unvermutet auf die Feinde fallen sollten, wenn diese in ihre Schiffe einbrächen. [107]  brächen. Und wirklich wurden die Barbaren, die für die Ausführung des Überfalls bestimmt waren, als sie unbekannt mit der Vorsicht der Dänen blindlings über die Schiffe herfielen, alle erschlagen. Der Rest der Slaven, die von der Niederlage ihrer Genossen keine Kunde erhielten, wunderte sich sehr über den Verzug des Rorik und wusste nicht, wie sie ihn sich erklären sollten. Als sie nun lange in ärgerlicher Gespanntheit nach ihm ausgeschaut hatten, und das Warten von Tag zu Tag lästiger wurde, da wollten sie endlich mit ihrer Flotte ihn aufsuchen.

Es war aber unter ihnen ein Mann, hervorragend durch seinen Körperbau, ein Zauberer seinem Stande nach. Als er die Scharen der Dänen aus der Ferne sah, rief er ihnen zu: „Ich mache den Vorschlag, ein allgemeines Gemetzel durch eine Entscheidung im Einzelkampfe zu vermeiden, damit durch die Aufopferung Weniger der Tod der Vielen abgewandt wird. Ich selbst aber werde mich zu einem solchen Zweikampfe stellen, wenn auch einer von euch es wagt, mit mir zu kämpfen. Unbedingt jedoch verlange ich, dass die von mir festgesetzte Bedingung angenommen wird, deren Wortlaut ich so formuliert habe: Wenn ich siege, so soll uns Befreiung von Abgaben zugestanden werden; wenn ich besiegt werde, so sollen euch die Abgaben wie früher gezahlt werden. Entweder werde ich heute als Sieger mein Vaterland von dem Joche der Knechtschaft befreien, oder als Besiegter wieder darunter beugen. Für beides Los nehmt mich als Bürgen und Unterpfand.“ Als das ein Mann unter den Dänen hörte, dessen Stärke mehr im Mute als im Körper lag, da fragte er Rorik, welche Belohnung dem zu teil würde, der die Herausforderung zum Kampfe annehme. Rorik hatte gerade sechs Armspangen, die so mit einander verschlungen waren, dass sie nicht von einander getrennt werden konnten, weil sie durch eine Reihe von Knoten unauflöslich verbunden waren; diese bestimmte er als Lohn für den, der den Kampf wage. Der Mann, der seiner Sache nicht recht sicher war, sagte: „Wenn ich, Rorik, die Sache [84] 84glücklich zu Ende führe, so mag Deine Freigebigkeit den Lohn des Siegers bestimmen. [108] Du magst den Preis nach Deinem Belieben abmessen; wenn mir aber mein Vorhaben nicht nach Wunsch abläuft, welchen Lohn schuldest Du dann dem Besiegten, den entweder der grause Tod oder schwere Schmach packt? Diese hat ja die Niederlage zu Genossen, das ist der Sold der Überwundenen, solche erwartet nichts anderes wie die grösste Schande. Wem wird ein Lohn gezahlt, wem wird gedankt, dem der Preis der Tapferkeit fehlt? Wer hat je einen Mann, der den Sieg verlor, mit Epheu bekränzt, wer mit den Siegespreisen geziert? Der Tapferkeit, nicht der Feigheit wird die Palme zu teil, das Unglück hat keinen Ruhm. Jener folgt der Preis des Verdienstes, dieser entweder ein Ende ohne Erfolg oder ein Leben voll Schande. Ich aber, der ich nicht weiss, wohin das Glück des Zweikampfes sich neigt, erkühne mich nicht keck eine Belohnung zu verlangen, von der ich noch nicht weiss, ob sie mir mit Recht gebührt; denn wer des Sieges nicht sicher ist, darf nicht den sicheren Preis, der dem Sieger zukommt, in Anspruch nehmen. Somit verlange ich, da ich des Sieges noch nicht sicher bin, auch nicht bestimmt das Verdienst des Kranzes; ich will den Gewinn noch nicht, der mir eben so gut Lohn für den Tod, als für das Leben sein kann. Thöricht ist es, seine Hand zu legen an noch unreife Frucht und die pflücken zu wollen, von der wir noch nicht sicher wissen, dass sie uns gebührt. Diese Hand wird entweder den Siegespreis bringen oder das Ende.“

Nach diesen Worten schlug er mit dem Schwerte den ersten Hieb nach dem Barbaren; jedoch der Wille war gut, der Erfolg nicht; denn als ihn nun von dem Barbaren der Gegenhieb traf, da verlor er das Leben unter der Wucht des ersten Streiches. Den Dänen bot er ein betrübendes Schauspiel, die Slaven widmeten ihrem siegreichen Genossen einen grossen Aufzug und empfingen ihn mit prächtigen Siegestänzen. Am folgenden Tage kam er wieder nahe an die Feinde und forderte sie wieder, wie früher, zum Kampfe heraus, sei es stolz auf den frischen Sieg, sei es erfüllt von dem Wunsche, einen zweiten Sieg zu erwerben; denn da er glaubte, dass der tapferste der Dänen von ihm überwunden [109]  wäre, so setzte er voraus, dass keiner von ihnen noch den Mut haben würde, seine Herausforderung zum Kampfe anzunehmen. Im Vertrauen darauf, dass er durch die Erlegung eines Kämpfers die Kraft des ganzen Heeres erschüttert habe, hielt er nichts, worauf er es nun absehe, für schwierig durchzuführen; denn nichts nährt die Überhebung mehr, als der Erfolg, und keinen wirksameren Anreiz giebt es für den Hochmut als das Glück.

Rorik war ärgerlich darüber, dass durch eines Mannes Frechheit die Tapferkeit aller in Zweifel gestellt werde, und dass den siegberühmten Dänen nicht allein von den einst Überwundenen frech entgegen getreten wurde, sondern sie sogar schimpflich verachtet wurden, dass ferner Niemand so bereiten Sinnes oder so [85] 85tüchtiger Hand in einer so grossen Zahl von Streitern sich finden liesse, dass in ihm der Wunsch erwachte, sein Leben für das Vaterland einzusetzen. Der Schmach dieses schimpflichen Zauderns der Dänen machte erst der hochherzige Sinn Ubbos ein Ende. Er ragte über die andern durch seine Körperkraft empor und verstand sich auch auf Zauberkünste. Auch ihm versprach der König die Armspangen, als er vorsichtig nach dem Lohne für den Kampf fragte. Darauf sagte er: „Wie soll ich dem Versprechen Glauben schenken, da Du selbst das Pfand in der Hand behältst und es nicht in der Hut eines andern niederlegst? Bestimme einen, dem Du das Pfand anvertraust, damit Dir keine Möglichkeit bleibt, Dein Versprechen zurückzuziehen. Denn des Kämpen Mut entfacht die unwiderrufliche Gewissheit des Lohnes.“ Er hatte das selbstverständlich nur im Scherze gesagt, denn ihn hatte allein sein tapferer Sinn dazu angetrieben, das Vaterland vor Schmach zu schützen. Rorik aber meinte, es spreche die Goldgier aus ihm und wollte deshalb, so wie er auf dem Schiffe stand, die Armspangen mit starkem Schwunge dem Forderer zuwerfen: man sollte nicht glauben, dass er gegen königliche Sitte das Geschenk widerrufen und sein Versprechen zurücknehmen könne. Jedoch die grosse Entfernung machte seine Anstrengung unwirksam: die Armspangen fielen, da der Wurf lange nicht [110] kräftig genug war, diesseit des Zieles nieder und wurden von den Wogen verschlungen; Rorik erhielt davon den Beinamen Slyngebond (Ringschleuderer). Das gab dem Ubbo Gelegenheit, seinen tapferen Sinn recht klar zu erweisen, denn die Einbusse des von den Wellen verschlungenen Lohnes brachte ihn nicht von seinem mutigen Vorhaben ab; es sollte nicht aussehen, als ob er seinen Mut zum Sklaven der Habgier gemacht habe. Er suchte also eifrig den Kampf und bewies, dass er nicht auf Gewinn ausgehe, sondern auf Ruhm bedacht sei, dass ihm die Tapferkeit höher stehe als das Streben nach Geld; er wollte zeigen, dass seine Zuversicht nicht in dem ausgesetzten Preise, sondern allein in seiner Hochherzigkeit ihren Grund habe. Unverzüglich wird der Kampfplatz abgesteckt, ein dichter Kreis von Kriegern bildet sich um ihn, die Kämpen treten zum Kampfe zusammen, Krachen ertönt, der Zuschauer Schar begleitet, einander widersprechend in den Äusserungen ihrer Teilnahme, mit lauten Zurufen den Gang des Kampfes. Es erhitzten sich die Kämpen in ihrem Innern, und während sie unter wechselseitigen Hieben zusammensinken, wird beiden das Ende des Kampfes auch zum Ende des Lebens; ich denke, das Geschick hat es so gefügt, damit keiner von ihnen aus dem tragischen Geschicke des andern Ruhm und Freude gewinnen sollte. Dieser Ausgang gewann dem Rorik den Gehorsam der Aufständischen und setzte ihn wieder in den Besitz des Tributs.

Zu derselben Zeit wurden Horwendillus und Fengo, deren Vater Gerwendillus in Jütland Statthalter gewesen war, von Rorik auch zu Verwaltern von Jütland, wie der Vater gewesen, bestellt. Drei Jahre hatte Horwendill sein Amt bekleidet und mit grossem Ruhme den Wikingfahrten obgelegen, da meinte Gollerus, der König von Norwegen, der seinen grossen Thaten und seinem grossen Ruhme nachstrebte, es würde [86] 86für ihn ehrenvoll sein, wenn er den weithin strahlenden Glanz des Wikings durch einen Sieg über ihn verdunkle. Er durchsuchte das Meer in mannigfacher Fahrt nach seiner Flotte und stiess endlich auf sie. Es war eine Insel mitten im Meer gelegen, an welcher die Wikinge auf entgegengesetzter [111]  Seite landeten. Die Schönheit des Gestades lockte die Anführer zum Besuche, die Anmut der Küstenstriche trieb sie, sich auch das frühlingsgrüne Innere anzusehen, die Lichtungen zu durchschreiten und auch das abgeschiedene Dickicht des Waldes zu durchstreifen. Der Gang dahin liess Koller und Horwendill ohne Begleitung sich begegnen. Da richtete Horwendill zuerst an den König die Frage, welche Kampfesart ihm zu einer Entscheidung zwischen ihnen beliebe; die beste sei die, sagte er, die mit den Kräften der geringsten Zahl ausgefochten würde. Um den Preis der Tapferkeit zu erringen, würde ein Zweikampf wirksamer sein, als jede andere Kampfesweise, weil er nur auf die Tapferkeit der Kämpfenden sich stütze und die Unterstützung durch eine fremde Hand ausschliesse. Koller konnte dieser mutigen Äusserung des Mannes seine Anerkennung nicht versagen und erwiderte: „Da Du mir die Wahl des Kampfes überlässt, so entscheide ich mich für den, der frei von Schlachtgewimmel nur die Thätigkeit von zweien zulässt; er gilt mit Recht für mutiger und führt rascher zum Siege. Darin ist unser beider Ansicht dieselbe, in diesem Urteile stimmen wir von selbst überein. Da aber der Ausgang ungewiss ist, so müssen wir beide auch der Menschlichkeit eine Berücksichtigung widmen und dürfen unsern Neigungen nicht so sehr nachgeben, dass die Pflichten gegen einen Toten aus den Augen gesetzt würden. Hass lebt in unsern Herzen; dabei wohne aber auch Mitgefühl, das rechtzeitig an die Stelle der Feindseligkeit treten kann. Denn wenn uns auch Verschiedenheit des Sinnes trennt, so schlingen doch ein gemeinsames Band um uns die natürlichen Rechte. Durch deren Gemeinsamkeit werden wir verbunden, mag auch noch so grosse Scheelsucht unsere Sinne scheiden. So wollen wir denn diese vom Mitgefühl an die Hand gegebene Bedingung gelten lassen, dass der Sieger dem Besiegten die Bestattung nicht versagt; in der Bestattung liegt ja der letzte Dienst der Menschlichkeit, dem sich kein frommer Sinn entzieht. Unsere beiden Schlachthaufen mögen diese Pflicht unter Ablegung aller Feindseligkeit einmütig erfüllen. Nach dem Tode schwinde die Eifersucht, die Feindschaft [112] werde mit dem Leichenbegängnisse begraben. Fern sei von uns die Bethätigung einer so grossen Grausamkeit, dass einer des anderen Asche noch verfolge, mag auch im Leben zwischen uns Hass geherrscht haben. Ein Ruhm wird es für den Sieger sein, wenn er des Besiegten Begängnis prächtig ausrichtet. Denn wer dem gestorbenen Feinde die letzte Ehre erweist, der erwirbt sich die Gunst des Überlebenden, und den Lebenden überwindet durch sein Wohlthun, wer dem Toten Menschlichkeit zu teil werden lässt. Es giebt noch ein anderes nicht weniger trauervolles Unheil, welches zwar das Leben nicht nimmt, aber ein Glied des Körpers vernichtet. Für dieses Unheil müssen wir ebenso bedachtsam, wie für das letzte Geschick, Fürsorge treffen. Oft trifft ja die Kämpfer bei Erhaltung des Lebens ein Verlust an den [87] 87Gliedern: dieses Geschick gilt als schlimmer denn der Tod, weil der Tod die Erinnerung an alles nimmt, der Lebende aber die Verkrüppelung des Leibes immer fühlen muss. Auch dieses Übel müssen wir mit einer Hilfe bedenken. Wir wollen uns also dahin einigen, dass die Verletzung des einen vom andern mit zehn Talent Gold gesühnt werde. Denn wenn es fromm ist, bei fremden Unglücksschlägen Mitgefühl zu zeigen, um wie viel mehr ist es, bei eigenen Erbarmen zu haben? Jeder folgt dem natürlichen Triebe; wer ihm nicht folgt, der wütet gegen sein eignes Fleisch.“

Nachdem sie darauf sich gegenseitig das Wort gegeben, begannen sie den Kampf; weder das Ungewöhnliche ihres Zusammentreffens, noch die Schönheit des frühlingsgrünen Ortes konnte sie davon abbringen, das Schwert zwischen sich entscheiden zu lassen. Horwendill trieb seine innere Glut dazu, mehr den Feind anzugreifen als auf seine Deckung bedacht zu sein, er kümmerte sich nicht um den Schild und hatte das Schwert mit beiden Händen gepackt. Seiner Kühnheit fehlte nicht der Erfolg: er zerschlug dem Koller mit schnellen Hieben den Schild und fällte ihn dann leblos, indem er ihm ein Bein abhieb. Der Abmachung nachkommend liess er ihn mit königlichem Leichenzuge begraben, widmete ihm einen Grabhügel von grossartiger Arbeit und [113]  einen prächtigen Leichenschmaus. Darauf setzte er der Schwester des Koller, Sela mit Namen, die in Wikingfahrten geübt und in dem Kriegswerke erfahren war, nach und erschlug sie.

Nachdem er drei Jahre unter tüchtigen Kriegsthaten verbracht, widmete er die schönsten Siegeszeichen und auserlesene Beute dem Rorik, um auf eine höhere Stufe in seiner Freundschaft zu steigen. Infolge des vertrauten Verhältnisses zu ihm erhielt er seine Tochter Gerutha zur Frau, und von ihr bekam er einen Sohn, Amlethus.

Aus Neid über ein so grosses Glück beschloss Fengo seinem Bruder eine Falle zu legen; so wenig ist ein tüchtiger Mann sogar vor seinen eigenen Blutsverwandten sicher. Sobald sich für den Mord eine Gelegenheit bot, sättigte er mit blutiger Hand die grause Begier seines Herzens. Auch nahm er das Weib seines ermordeten Bruders und fügte so Blutschande zum argen Mord. Denn wer sich einer Sünde ergiebt, der stürzt bald haltlos in eine andere; die eine treibt immer zur zweiten. Die grause That verdeckte er mit kecker Schlauheit: er ersann eine Entschuldigung für das Verbrechen darin, dass er Wohlwollen heuchelte und beschönigte den argen Mord durch das Vorgeben, dass er eine Verwandtenpflicht erfüllt habe. Denn die Geruth habe, obwohl sie so sanften Charakters sei, dass sie nie jemand auch nur durch die leiseste Verletzung gekränkt habe, doch den leidenschaftlichsten Hass ihres Gemahls fühlen müssen; um sie zu retten, habe er den Bruder getötet, weil er es für empörend gehalten habe, dass eine Frau, so sanft und ohne Leidenschaft, rücksichtslose Behandlung von seiten ihres Mannes erdulden müsse. [88] 88Die Ausrede verfehlte nicht ihren Zweck. Denn bei Hofe fehlt auch einer Lüge der Glaube nicht, wo ja Possenreisser bisweilen Einfluss erlangen, Verläumder Ehren. Und Fengo bedachte sich nicht, mit seinen von Mord befleckten Händen sträfliche Umarmungen zu suchen, indem er mit gleicher Bosheit zweimal die Schuld einer Sünde auf sich nahm.

Als Amleth das sah, nahm er den Anschein von Thorheit [114] an, um nicht durch vernünftiges Thun dem Oheime verdächtig zu werden; er dichtete sich also vollständigen Mangel an Verstand an, und in diesem Verhalten lag nicht nur ein Verbergen seiner Klugheit, sondern auch ein Schutz für sein Leben. Täglich verunreinigte er aufs unsauberste die Gemächer seiner Mutter, und auf dem Fussboden sich wälzend besudelte er sich mit dem ekelhaften Kote. Die verunstaltete Gesichtsfarbe, das mit Unrat beschmierte Antlitz brachte den Blödsinn in seiner lächerlichsten Form zur Anschauung; was er sprach, das stimmte zu hellem Wahnwitze, was er that, das schmeckte nach vollständigem Blödsinne; kurz, man hätte ihn nicht für einen Menschen, sondern für ein spasshaftes Gebilde einer Laune des Schicksals erklären mögen. Bisweilen sass er am Herde, störte mit den Händen die Asche auf, schnitzte hölzerne Klammern[57] und härtete sie am Feuer; ihre Enden bildete er zu Widerhaken aus, damit sie um so fester fassen und festhalten sollten. Auf die Frage, was er triebe, antwortete er, er richte scharfe Spiesse her für die Rache seines Vaters. Diese Antwort erregte lauten Spott, weil alle über die leere, lächerliche Arbeit höhnten, aber diese Arbeit hat ihn später wirklich bei der Ausführung seines Vorhabens unterstützt. Das bei der Arbeit bewiesene Geschick erregte ihm den ersten Verdacht der Verstellung bei den tiefer blickenden Zuschauern, denn gerade die sorgfältige Ausführung einer so kleinlichen Arbeit gab ein Bild von dem verborgenen Talente des Arbeiters; es war nicht recht glaublich, dass der blöde sei, dem die Hand für eine so geschickte Arbeit geschmeidig gewesen war. Schliesslich pflegte er die Menge der vornangebrannten Hölzchen höchst sorgfältig aufzubewahren. Es fehlte nicht an Leuten, die behaupteten, er besitze guten Verstand, er verberge nur seine [115]  Klugheit hinter dem Scheine von Einfalt und hülle über den tiefen Sinn seines Innern eine schlau ersonnene Decke; seine listige Verschlagenheit könne nicht besser entlarvt werden, als wenn man ihm in einem Verstecke eine schöne Frau zuführe, die ihn zum Liebesgenusse verlocke; denn der natürliche Sinn sei so jäh zur Liebe, dass man ihn künstlich nicht zurückdrängen könne; auch sei dieser Trieb zu stark, als dass er sich durch Besinnung hemmen liesse. Wenn er demnach seinen Stumpfsinn nur erheuchele, so werde er die dargebotene Gelegenheit ergreifen und sofort dem starken Lustgefühle gehorchen. Es wurden also Helfershelfer bestellt, die ihn in einen abgelegenen Teil des Waldes reiten und dort die Versuchung an ihn [89] 89heran treten lassen sollten. Unter diesen war zufällig auch ein Milchbruder des Amleth, in dessen Herzen die Erinnerung an die gemeinsame Erziehung noch nicht erloschen war. Das Andenken an das engverbundene Leben in der Vergangenheit galt ihm mehr, als der jetzt ihm gewordene Auftrag, und er begleitete den Amleth unter den bestellten Gefährten, nicht um ihm eine Falle zu stellen, sondern um ihn zu warnen; denn es war ihm ganz klar, dass es Amleth sehr schlimm ergehen würde, wenn er auch nur das kleinste Merkzeichen von Verstand verriet, namentlich aber, wenn er nachweislich sich dem Liebesgenusse hingab. Auch dem Amleth war das nicht unbekannt. Als er das Pferd besteigen sollte, setzte er sich mit Fleiss so, dass er dem Nacken des Tieres seinen Rücken zuwendete und mit dem Gesichte nach dem Schwanze zu gekehrt war. Den Schwanz begann er auch aufzuzäumen, als ob er mit diesem Körperteile den raschen Lauf des Rosses mässigen wollte. Durch diese vorbedachte Schlauheit vereitelte er den Plan seines Oheims und machte den Anschlag zu nichte. Es war ein Schauspiel zum Lachen, als das Ross ohne Zügel hinschoss, während der Reiter den Schwanz lenkte.

Als dem Amleth in dem Gebüsche ein Wolf in den Weg lief, und die Begleiter ihm weiss machen wollten, ein Füllen sei ihm begegnet, setzte er hinzu: leider wenige dieser Art dienten in der Herde des Fengo, indem er den Reichtum [116] des Oheims mit einer massvollen, aber feinen Verwünschung bedachte. Als sie sagten, er habe da ein kluges Wort gesprochen, da sagte er, auch er habe bewusst so geredet, damit es ja nicht aussehen sollte, als ginge er mit der Lüge um. Er wollte frei von aller Verstellung erscheinen, deshalb mischte er List und Offenherzigkeit so mit einander, dass seine Worte in gewissem Sinne Wahrheit enthielten, dass aber sein guter Verstand nicht durch ein Anzeichen der Wahrheit verraten wurde.

Als er am Strande vorbeikam, und seine Gefährten das gefundene Steuer eines gestrandeten Schiffes für ein grosses Messer erklärten, da sagte er: „Mit dem kann man einen grossen Schinken schneiden.“ Damit deutete er auf das Meer, mit dessen gewaltiger Ausdehnung das grosse Steuerruder im Einklang stünde. Als sie an den Dünen vorbeikamen, und er den Sand als Grieskörner ansehen sollte, da antwortete er, es sei Gries, von den weissschäumenden Stürmen des Meeres gemahlen. Als seine Gefährten die Antwort (zum Spasse) lobten, sagte er, es sei auch eine kluge Antwort. Damit er nun grösseren Mut bekomme, der Sinneslust zu frönen, gingen die Gefährten absichtlich etwas voraus, und nun trat ihm das von seinem Oheime angestellte Weib wie zufällig an einem düsteren Orte in den Weg, und er hätte sie sofort beschlafen, wenn ihm nicht sein Milchbruder durch geheimen Rat ohne Worte eine Andeutung von der ihm gestellten Falle gemacht hätte. Als er nämlich überlegte, [90] 90wie er wohl am besten unentdeckt den Warner spielen und die gefährliche Lüsternheit des Jünglings zügeln könne, da band er einer vorbeifliegenden Bremse einen Strohhalm, den er auf dem Boden fand, unter den Schwanz. Dann jagte er sie dahin, wo Amleth nach seiner Berechnung sein musste, und dadurch erwies er dem Unvorsichtigen eine grosse Wohlthat. Mit ebenso grosser Schlauheit wurde das Anzeichen gedeutet, als es übersandt war. Denn als Amleth die Bremse sah und den Strohhalm, den sie an ihrem Schwanze befestigt trug, genauer ins Auge fasste, da verstand er die versteckte Mahnung, vor Überlistung auf der Hut zu sein. [117]  Unruhig gemacht durch die Vermutung eines Anschlags nahm er, um mit mehr Sicherheit den gewünschten Genuss zu haben, das Mädchen in seine Arme und schleppte sie weit fort in einen unwegsamen Sumpf. Als er den Beischlaf vollzogen, beschwor er sie feierlich, niemand den Vorgang zu verraten. Mit gleichem Eifer wurde Stillschweigen erbeten und versprochen; denn die ehemalige gemeinschaftliche Erziehung machte den Amleth dem Mädchen sehr vertraut, da beide dieselben Pfleger in der Kindheit gehabt hatten.

Als er nun wieder nach Hause geleitet wurde, und alle ihn fragten, ob er dem Liebesspiele gehuldigt, da sagte er ohne Hehl, dass ein Mädchen von ihm beschlafen sei: als er weiter gefragt wurde, wo er die Sache gemacht, und was er als Lager benutzt habe, da sagte er, er habe gelegen auf dem Hufe eines Zugtieres, auf dem Kamme eines Hahns und auf dem Gesperre eines Daches; von dem allen hatte er nämlich Stückchen gesammelt, als er zu der Versuchung aufbrach, um nicht lügen zu müssen[58]. Diese Worte wurden von den Umstehenden mit lautem Gelächter aufgenommen, obgleich er im Scherze gar nichts von dem wirklichen Vorgange hinweggenommen hatte. Auch das Mädchen, darüber befragt, sagte, er habe nichts derartiges vorgenommen. Dem Leugnen wurde Glauben geschenkt und zwar um so bereitwilliger, als die Mannen ja nichts von dem Geschehenen wussten. Da sagte der, welcher die Bremse gezeichnet hatte, um ihm eine Andeutung zu geben, dass Amleth sein Leben einem schlauen Kunstgriffe von ihm verdanke, dass er sich jüngst ausserordentlich sorglich um ihn bemüht habe. Nicht ungeschickt war die Erwiderung des Jünglings: damit es nämlich nicht scheine, als ob er das Verdienst des Warners gering schätze, erzählte er, er habe etwas Stroh tragendes gesehen, was auf schnellen Flügeln herangeglitten sei und einen an seinem Hinterleibe befestigten Strohhalm getragen habe. Dieses [118] Wort liess die andern laut auflachen, aber den Freund des Amleth entzückte es durch seine Klugheit.

So waren alle geschlagen, und niemand hatte den versteckten und verschlossenen klugen Sinn des Jünglings an das Tageslicht ziehen können; da sagte einer von Fengos Freunden, der reicher an Eigendünkel als an Schlauheit war, [91] 91gewöhnliche List reiche nicht hin, um den unfassbaren klugen Verstand des Amleth nachzuweisen; denn seine geistige Widerstandsfähigkeit sei grösser, als dass man ihr mit schwachen Versuchen beikommen könne; deshalb dürfe man nicht eine einfache Probe gegenüber seiner verschlungenen Schlauheit ins Feld führen. Er habe nun mit tieferem Nachdenken einen feineren Weg des Vorgehens entdeckt, der leicht zu beschreiten sei und am sichersten die beabsichtigte Ausspürung verbürge. Fengo solle sich nämlich mit Fleiss, ein wichtiges Geschäft vorschützend, vom Hofe entfernen, Amleth solle allein mit der Mutter in ein Zimmer eingeschlossen werden, vorher müsse dann jemand bestellt werden, der ungesehen von beiden an einem versteckten Platze im Gemache seine Aufstellung nehme, um aufmerksam ihr Zwiegespräch zu belauschen. Denn wenn der Sohn nur ein klein wenig bei Verstande sei, so werde er gewiss vor den Ohren der Mutter sprechen und sich der Mutter ohne Furcht anvertrauen. Er bot sich auch selbst eifrig zur Besorgung der Auskundschaftung an: er wollte den Ruhm haben, den Plan nicht allein ersonnen, sondern auch ausgeführt zu haben. Fengo war mit diesem Vorschlage sehr einverstanden und schied vom Hofe unter dem Vorgeben einer weiten Reise. Der aber, der den Plan angegeben, begab sich heimlich in das Gemach, in welchem Amleth mit der Mutter eingeschlossen werden sollte und verbarg sich, indem er unter das Stroh kroch. Jedoch Amleth war um ein Gegenmittel gegen den Anschlag nicht verlegen. Da er nämlich gleich fürchtete, dass seine Worte von den Ohren eines versteckten Lauschers aufgefangen werden möchten, so griff er zunächst zu seinen gewöhnlichen Possen, nämlich er krähte laut wie ein Hahn und schlug mit seinen Armen, wie wenn er mit den Flügeln [119]  klatschte; dann aber trat er auf das Stroh und sprang darauf hin und her, um zu erfahren, ob sich etwas darunter verberge. Als er nun unter seinen Füssen einen festen Gegenstand fühlte, da stiess er dort sein Schwert ein, traf den unten Liegenden, holte ihn aus seinem Verstecke herauf und stach ihn tot. Seinen Körper zerhackte er in Stücke, kochte sie mit siedendem Wasser, schüttete sie in die Öffnung des Abtritts den Schweinen zum Frasse hin und liess über die armen Glieder den faulen Kot sich ergiessen. Nachdem er so die List vereitelt, kehrte er in das Gemach zurück. Als nun die Mutter mit lauter Schmerzensklage die geistige Beschränktheit ihres Sohnes beweinte, da sagte er: „Was haschest Du, verworfenste der Frauen, mit Deinem heuchlerischen Jammer nach einem Deckmantel für Dein ruchloses Verbrechen? Lüstern wie eine Hure bist Du auf eine sündhafte und verfluchte Partie eingegangen, umarmst mit Deinem Busen in Blutschande den Mörder Deines Gemahls und schmeichelst dem mit ekelhaftem Kosewort, der den Vater Deines Sohnes erschlagen hat. So paaren sich Stuten mit den Besiegern ihrer Hengste; in der Natur der verstandlosen Tiere liegt es, immerfort zu andern geschlechtlichen Verbindungen sich treiben zu lassen; [92] 92so wie diese hast Du die Erinnerung an Deinen ersten Mann verloren gehen lassen. Ich aber trage nicht zwecklos das Aussehen eines Narren, denn ich bin gewiss, dass der, der den Bruder erschlagen konnte, auch gegen andere Verwandte mit gleicher Grausamkeit wüten wird. Deshalb ist es besser, dass ich mich thöricht stelle, als dass ich meinen gesunden Verstand zeige, und dass ich einen Schutz für mein Leben in anscheinend völligem Wahnwitz suche. In meinem Herzen lebt mir immer das Streben, den Vater zu rächen, aber ich lauere auf günstige Umstände, ich warte auf eine geeignete Zeit. Nicht jede Gelegenheit passt für ein jedes Vorhaben; einem versteckten und erbarmungslosen Sinne gegenüber muss man mit grösserer Überlegung vorgehen. Du aber hast nicht nötig, meine Narrheit zu bejammern; Du müsstest mit mehr Recht Deine Schande beklagen; nicht an einem Andern musst Du einen geistigen [120] Mangel beweinen, sondern an Dir selbst. Im übrigen denke daran, zu schweigen.“ Durch diesen beissenden Tadel rief er die Mutter auf den Weg der Ehrbarkeit zurück und lehrte sie, die alte Liebe über die augenblicklichen Lockungen zu stellen.

Als Fengo zurückkam, den Anrater des hinterlistigen Aushorchens nicht fand und lange eifrig nach ihm forschte, da konnte niemand sagen, dass er ihn irgendwo gesehen habe. Auch Amleth wurde scherzweise gefragt, ob er irgend eine Spur von ihm entdeckt habe; da erzählte er, dass er auf den Abtritt gegangen sei, dass er dort tief hinuntergefallen, ganz im Kote versunken und von den herzulaufenden Schweinen gefressen worden sei. Dieser Bericht enthielt zwar völlig wahre Angaben, aber den Hörern diente er zum Gespötte, weil er dem Anscheine nach närrisch war.

Da nun Fengo seinen Neffen, bei dem er ganz bestimmt eine versteckte List voraussetzte, aus dem Wege räumen wollte, aber das vor dem Oheime Rorik und auch vor der Mutter nicht wagte, so hielt er es für geraten, ihn durch den König von Britannien töten zu lassen, um so seine Unschuld behaupten zu können, wenn ein anderer die That verübe. Während er also seine Unmenschlichkeit zu verbergen wünschte, wollte er lieber den Freund in üblen Ruf bringen als selbst die Schande auf sich nehmen. Beim Scheiden trug Amleth der Mutter heimlich auf, die Halle mit geknoteten Wandbehängen auszustatten und nach einem Jahre für ihn einen Leichenschmaus fälschlich auszurichten; für diese Zeit verhiess er seine Rückkehr. Es gingen mit ihm zwei Trabanten des Fengo, die ein Schreiben auf Holz geritzt (denn das war seiner Zeit das gebräuchliche Schreibmaterial) bei sich hatten, in welchem dem Könige der Briten die Tötung des ihm zugeschickten Jünglings aufgetragen wurde. Als sie schliefen, durchsuchte Amleth ihre Taschen und entdeckte das Schreiben. Als er die in ihm enthaltenen Aufträge gelesen, schabte er alles ab, was auf den Holzflächen stand und schnitt neue Runen ein; in diesen wendete er durch Veränderung des [93] 93Wortlautes des Auftrags die Verdammung zum Tode von [121]  sich ab auf seine Begleiter. Und er begnügte sich nicht damit, das Todesurteil von sich abgelenkt und die Gefahr auf andere abgewälzt zu haben, sondern schrieb noch, auf Fengos Namen fälschend, eine Bitte zum Schlusse hinzu des Inhalts, dass der König von Britannien dem verständigen jungen Manne, den er ihm zuschicke, seine Tochter zur Gemahlin geben solle.

Als sie alle nach Britannien kamen, suchten die Gesandten eine Audienz bei dem Könige nach und händigten ihm das Schreiben aus, das sie für ein Werkzeug zu dem Tode eines andern hielten, das aber ihren eigenen anbefahl. Der König liess sich nichts merken, sondern zog sie huldvoll zur Tafel. Da wies Amleth das ganze prächtige königliche Mahl zurück wie eine alltägliche Mahlzeit, wandte sich in auffallender Enthaltsamkeit von den reichen Speisen ab und verschmähte ebenso den Trank.

Niemand konnte verstehen, wie ein junger Mann aus einem fremden Volke die Feinheiten des königlichen Tisches und das mit aller Pracht ausgestattete Mahl gleichwie eine Bauernkost verschmähen konnte. Als die Tafel aufgehoben wurde, und der König die Hofstaaten zur Nachtruhe entliess, da schickte er einen Vertrauten in das Schlafgemach der Fremden, damit er ihre Unterhaltung in der Nacht heimlich belausche. Amleth wurde nun von seinen Begleitern gefragt, weshalb er denn am Abend die Speisen wie Gift gescheut habe? Da sagte er, in dem Brote sei Blut gewesen, das Getränk habe nach Eisen geschmeckt, die Fleischspeisen hätten stark nach Leiche gerochen und seien durch eine Ähnlichkeit von Grabesgeruch verdorben gewesen. Er sagte noch weiter, der König habe Knechtsaugen, die Königin habe sich dreimal wie eine Magd benommen; so bedachte er mit scharfem Tadel nicht eigentlich das Mahl, sondern die Gastgeber. Die Begleiter fielen nun, indem sie ihm seinen alten geistigen Mangel vorrückten, über ihn her mit vielen mutwilligen Hohnreden, dass er Tadelloses lästere, Unsträfliches schelte, dass er einen ausgezeichneten König und eine feingebildete Frau mit wenig ehrfurchtsvollen Worten angriffe, dass er [122] über sie, die doch Lob verdienten, den Vorwurf der grössten Schande ausgegossen habe.

Als der König das von dem Trabanten erfuhr, da erklärte er, wer so spräche, der sei entweder klüger als ein gewöhnlicher Sterblicher oder verrückt, indem er mit diesen wenigen Worten eine scharfe Auffassungsgabe bekundete. Er liess darauf den Schaffner holen und fragte ihn, woher er das Brot habe kommen lassen. Als der sagte, es sei vom Hausbäcker hergestellt, forschte er weiter, wo das Getreide zu dem Mehle gewachsen wäre, und ob irgend ein Anzeichen verriete, dass dort ein Mensch erschlagen sei. Der antwortete, in der Nähe läge ein Feld mit alten Knochen von Erschlagenen bedeckt, das noch deutliche Spuren von einem früheren [94] 94Gemetzel sehen lasse; das habe er, weil es mehr Ertrag geben würde als andere Feldstücke, in der Erwartung einer reichen Ernte im Frühjahre mit Saat bestellt. Es sei also wohl möglich, dass das Brot durch jenes Blut einen schlechten Geschmack angenommen habe. Nach dieser Antwort nahm der König an, dass Amleth die Wahrheit gesprochen und forschte nun sorglich weiter, woher der Speck stamme. Der Schaffner erwiderte, seine Schweine seien infolge nachlässiger Bewachung aus ihrem Gewahrsame entkommen und hätten von dem verwesenden Leichname eines Räubers gefressen, und damit habe vielleicht ihr Fleisch einen Geschmack erhalten, der es als verdorben erscheinen lasse. Da der König auch hierin Amleths Wort als wahr erfunden, forschte er, aus welchem Nass er den Trunk gemischt hätte; als er vernahm, dass er nur aus Honig[59] und Wasser hergerichtet sei, [123] da liess er sich den Ort des Quells zeigen und hier in die Tiefe graben; dort fand er einige von Rost angefressene Schwertklingen, aus deren Geruch offenbar das Wasser den verdorbenen Geschmack angenommen hatte. Einige erzählen, der Trunk sei deshalb getadelt worden, weil er beim Einschlürfen desselben entdeckt habe, dass die Bienen sich vom Pansen eines Toten genährt hätten, und dass noch im Geschmacke die üble Beimischung sich kundgab, die dadurch dereinst sich den Waben mitgeteilt hatte.

Als der König sah, dass die Gründe für die Tadelung des Geschmacks zutreffend nachgewiesen seien, da erinnerte er sich, dass von Amleth auch ihm schlechte Augen vorgeworfen seien, und dass das einen Makel auf seine Abkunft werfe; deshalb nahm er heimlich seine Mutter vor und fragte sie, wer sein Vater gewesen sei. Als sie sagte, sie habe nur mit dem Könige Umgang gepflogen, drohte er ihr, er werde von ihr die Wahrheit durch die peinliche Frage hören; da erfuhr er, dass ein Knecht ihn gezeugt hatte; durch das erpresste Geständnis löste er den Zweifel über den Tadel ob seines Ursprungs. Voller Scham über seine Herkunft, aber auch hocherfreut über die Klugheit des Jünglings fragte er ihn unmittelbar, weshalb er der Königin den Schimpf angethan, ihr Magdsitten vorzuwerfen. Aber während er unwillig darüber war, dass die Gesittung seiner Gemahlin in dem Gespräche des Gastes in der Nacht angegriffen war, erfuhr er, dass sie die Tochter einer Unfreien war; Amleth [124] nämlich sagte, er habe drei Verstösse, die nach Magdgewohnheit schmeckten, an ihr bemerkt: erstens, dass sie wie eine Magd den Mantel über den Kopf gezogen habe, zweitens, dass sie beim Gehen das Kleid hochgeschürzt, drittens, dass sie die Speisereste in den Zahnlücken mit einem Zahnstocher ausgestochert und dann noch zerkaut und gegessen habe. Er erzählte ihm auch, dass ihre Mutter durch Kriegsgefangenschaft unfrei geworden sei; somit war sie nicht allein der Aufführung nach eine Magd, sondern schon der Herkunft nach.

Seinen tiefen Sinn achtete der König wie einen übermenschlichen Verstand und gab ihm seine Tochter zur Gemahlin; sein Wort betrachtete er als eine Art himmlischen Zeugnisses. Seine Begleiter liess er am nächsten Tage aufhängen, [95] 95um dem Auftrage seines Freundes Fengo nachzukommen. Diese Wohlthat fasste Amleth zum Scheine mit innerer Entrüstung als einen widerrechtlichen Eingriff auf und erhielt Gold vom Könige als Busse; das schmolz er darauf im Feuer und goss es heimlich in ausgehöhlte Stöcke.

Ein Jahr blieb er dort, dann erlangte er die Verabschiedung und ging in die Heimat, indem er nichts aus dem ganzen reichen Schatze des Königs mitnahm, als die goldbergenden Stöcke. Als er Jütland betrat, da vertauschte er das Auftreten in der letzten Zeit wieder mit seiner früheren Aufführung; was er benutzt hatte, um Ehre zu erwerben, das verkehrte er nun wieder mit Fleiss in den Anschein albernen Thuns. Als er den Trinksaal, in dem die Totenfeier für ihn begangen wurde, betrat, mit Schmutz bedeckt, da versetzte er alle in grosses Staunen, dass die Nachricht von seinem Tode nicht wahr gewesen war. Zuletzt löste sich die Bestürzung in Lachen auf, indem die Gäste sich zur Kurzweil einander vorrückten, dass der lebendig vor ihnen stehe, dem sie als verstorben das Totenmahl weihten. Als Amleth nach seinen Begleitern gefragt wurde, da zeigte er seine Stöcke vor und sagte: Da ist der eine und da ist der andere. Ob mit diesen Worten mehr Wahrheit oder mehr Scherz gegeben wurde, ist schwer zu entscheiden; denn das Wort wurde zwar allgemein als Unsinn aufgefasst, entfernte sich aber doch nicht [125]  von der Wahrheit, da es ja als Ersatz der Gehängten auf die für sie gegebene Busse hinwies. Er gesellte sich zu den Schenken und füllte eifrig die Becher, um die Tischgenossen noch mehr aufzuheitern, und damit seine weiten Kleider ihn beim Gehen nicht hemmten, gürtete er die Hüfte mit dem Schwerte, und dieses Schwert zog er absichtlich hin und wieder aus der Scheide und schnitt sich mit der Schneide in die Finger. Deshalb liessen die Umstehenden das Schwert samt der Scheide mit einem eisernen Nagel durchschlagen. Um seinem Anschlage einen sicheren Weg zu bahnen, füllte er den Herren immer frisch die Becher und liess sie sich gehörig volltrinken, schliesslich hatte er alle so trunken gemacht, dass sie sich taumelnd kaum auf den Füssen halten konnten und in dem Saale sich zur Nachtruhe hinwarfen, so dass sie an demselben Orte ihr Bett hatten, wo sie zu Tische gesessen, hatten. Als er sie so in der rechten Verfassung für seine geheime Absicht sah, glaubte er, dass die Ausführung seines Vorhabens jetzt in seine Hand gegeben sei; da holte er die einst gefertigten Klammern aus seiner Tasche, betrat dann das Gemach, in welchem die vornehmen Herren hie und da auf den Boden gelagert ihren Rausch im Schlafe ausrülpsten, und schnitt die Halter des von der Mutter angefertigten Vorhangs, der eben die inneren Wände des Saales bekleidete, durch und liess ihn so herabfallen. Er warf ihn über die Schnarchenden, und dann knotete er ihn mit Hilfe seiner krummen Hölzer kunstvoll so unentwirrbar zusammen, dass keiner der [96] 96darunter Liegenden dazu kommen konnte, aufzustehen, wenn er sich auch noch so sehr abmühte. Darauf warf er Feuer ins Haus; dieses verbreitete mit immer mehr Flammen den Brand weithin, erfasste den ganzen Palast, verzehrte den Saal und verbrannte alle, wie sie entweder im tiefen Schlafe lagen oder vergebens sich mühten, emporzukommen. Dann ging er in das Schlafgemach des Fengo, der früher von seinem Gefolge dahin geleitet worden war, ergriff dessen Schwert, das am Bette hing und hängte das seinige an dessen Statt hin. Darauf weckte er den Oheim und meldete ihm, dass sein Adel im Feuer umkomme: Amleth [126] sei da, mit der Hilfe seiner alten Haken versehen und begehre die gebührende Strafe für die Ermordung seines Vaters nun auszuüben. Bei diesem Worte sprang Fengo vom Lager auf, wurde aber, während er, des eigenen Schwertes beraubt, das fremde vergebens zu zücken versuchte, niedergestossen.

Das war ein tüchtiger und ewig unvergesslicher Mann, der, klug gestützt auf erdichtete Thorheit, seine Weisheit, die das gewöhnliche menschliche Mass der Einsicht überragte, mit wunderbar durchgeführter Verstellung als Narr verbarg und nicht allein Schutzdecke für sein eigenes Leben von der List entlieh, sondern auch unter der Führung derselben sich in den Stand setzte, seinen Vater zu rächen. Da er so sich mit seiner Klugheit schützte und den Vater tüchtig rächte, so hat er es schwer zu entscheiden gemacht, ob seine Tüchtigkeit grösser war, oder seine Weisheit.

[127] 

Viertes Buch.

Als er seinen Stiefvater erschlagen, [97] 97trug Amleth Bedenken, seine That sofort dem Urteile seiner Landsleute zu unterbreiten, von dem er ja noch nicht wissen konnte, wie es ausfiel, und hielt es für das beste, zunächst in einem Verstecke zu verziehen, bis er sähe, wohin die Menge des ungebildeten Volkes neige. Als die Nachbarschaft, die in der Nacht den Brand gesehen hatte, am Morgen den Grund der erblickten Feuersbrunst erfahren wollte, da sah sie den zu Asche zusammengesunkenen Palast, und als sie die noch warmen Trümmer durchsuchte, fand sie nichts wie formlose Reste verbrannter Körper. Die gefrässige Flamme hatte alles verzehrt, kein Anzeichen war zu finden, woraus man die Ursache dieses grossen Unglücks hätte entnehmen können. Auch der vom Schwerte durchbohrte Körper des Fengo kam zwischen den blutigen Kleidern zum Vorschein. Die einen erfüllte merkbare Entrüstung, andere stille Trauer, einige auch heimliche Freude. Diese bejammerten den Untergang des Fürsten, jene freuten sich über das Ende der Herrschaft des Brudermörders. So wurde der Tod des Königs von den Zuschauern mit geteilten Gefühlen hingenommen.

Durch diese ruhige Haltung des Volkes gewann Amleth den Mut, sein Versteck zu verlassen; er berief die, in denen nach seinem Wissen noch eine festere Erinnerung an seinen Vater lebte, trat in die Versammlung des Volkes und hielt in dieser folgende Rede: „Nicht kann Euch der jetzige Anblick [128] des Unheils erregen, wenn Euch der elende Ausgang des Horwendill schmerzt; nicht Euch, sage ich, kann er erregen, die ihr gegen den König die Treue, gegen den Vater die Liebe bewahrt habt. Eines argen Mörders, nicht eines Königs Leiche schaut Ihr. Trauervoll fürwahr ist jener Anblick gewesen, als Ihr unsern König von dem ruchlosen Mörder, um nicht Bruder zu sagen, erschlagen gesehen habt. Ihr selbst habt mit mitleidsvollen Augen die zerfleischten Glieder des Horwendill, habt die Leiche mit ihren Todeswunden gesehen. Wer zweifelt, dass der grausame Henker ihm das Leben genommen hat, um dem Vaterlande die Freiheit zu nehmen? Eine Hand brachte ihm das Todesgeschick und Euch die Knechtschaft. [98] 98Wer ist also so thöricht, dass ihm der grausame Fengo lieber sei, als der milde Horwendill? Gedenket des Wohlwollens, der Gerechtigkeit, der Leutseligkeit, mit der Horwendill Euch gehegt, geehrt und geliebt hat! Denket daran, dass Euch entrissen wurde ein milder König, ein gerechter Vater, und dass an seine Stelle trat ein Tyrann, ein Mörder; denkt an den Verlust der Rechte, an die allgemeine Entweihung, an das mit Sünde befleckte Land, an das dem Nacken aufgelegte Joch, an die entzogene Selbständigkeit und Freiheit. Und jetzt ist dem allen ein Ende gemacht, denn ihr seht, dass der Thäter von seinem eigenen Verbrechen erdrückt ist, dass der Mörder seine Schuld gebüsst hat. Welcher nur halbwegs verständige Beurteiler kann eine Wohlthat für Unbill halten? Wer, der nicht geistig blind ist, kann es bedauern, dass das Verbrechen auf seinen Thäter zurückgeschlagen ist? Wer wird den Tod eines blutbefleckten Schergen beweinen oder den gerechten Untergang eines grausamen Tyrannen beklagen? Vor Euch steht der Vollbringer der That. Ich bekenne, dass ich Vater und Vaterland gerächt habe. Die That, die Euern Händen ebensogut zukam, habe ich vollbracht; was Euch mit mir gemeinsam geziemt hätte, das habe ich allein vollendet. Niemand habe ich bei der löblichen That zum Genossen gehabt, keines Menschen Hilfe hat mir zur Seite gestanden. Allerdings bin ich überzeugt, dass ihr dem Werke Eure Hand [129]  geliehen hättet, wenn ich Euch gebeten hätte, die Ihr ja ohne Zweifel dem Könige die Treue, dem Fürsten Euer Wohlwollen bewahrt habt; allein ich habe die Ruchlosen bestrafen wollen, ohne Euch in Gefahr zu bringen; nicht auf anderer Schultern wollte ich die That legen, zu deren Durchführung ich die meinigen für ausreichend hielt. Die andern habe ich zu Asche verbrannt, die Leiche des Fengo allein habe ich Euren Händen zum Verbrennen überlassen; damit wenigstens solltet Ihr den berechtigten Wunsch nach einer Rache erfüllen. Eilt hurtig herzu, errichtet den Scheiterhaufen, verbrennt die verruchte Leiche, lasst die frevelhaften Glieder schmoren, zerstreut die schuldbeladene Asche, werft den unholden Staub auseinander; keine Urne, kein Grabhügel möge die ruchlosen Reste seiner Gebeine umschliessen. Keine Spur des argen Mordes bleibe, kein Raum sei für die befleckten Glieder im Vaterlande, keinem möge ihre Nachbarschaft Ansteckung drohen: nicht das Meer, nicht die Erde soll befleckt werden durch die Aufnahme des verfluchten Leichnams. Alles andere habe ich gethan, dieses allein ist Euch als Pflicht der Liebe vorbehalten. Mit solchem Begängnisse ist der Tyrann zu ehren, das sei der Leichenzug für den Mörder. Aber es darf auch dessen Asche nicht vom Lande der Heimat bedeckt werden, der dem Vaterlande die Freiheit genommen hat. Was aber soll ich meine Leiden vor Euch entrollen, meine Not durchgehen, mein Elend wiederholen? Ihr kennt ja das alles völliger als ich. Vom Stiefvater mit dem Tode bedroht, von der Mutter verachtet, von den Freunden verspottet, habe ich meine Jahre kläglich zugebracht, meine Tage elend verlebt, meine immer unsichere Lebenszeit war voller Gefahren und Furcht; [99] 99kurz, mein jetziges Alter habe ich erreicht elend unter voller Missgunst des Geschicks. Oft habt Ihr mit stillen Klagen in Eurem Innern beseufzt, dass ich des Sinnes bar sei: es fehle dem Vater ein Rächer, dem Morde ein Sühner. Das war mir ein verborgenes Anzeichen Eurer Liebe, in Eurem Herzen sah ich ja die Erinnerung an die Ermordung des Königs noch nicht erloschen. Wessen Herz also ist so hart, wessen Sinn so [130] starr, dass ihn das Mitleid mit meinem Leiden nicht erweicht, das Erbarmen mit meiner Mühsal nicht rührt? Erbarmet Euch Eures Zöglings, lasst Euch rühren durch mein Unglück, Ihr, deren Hände schuldlos sind an der Ermordung des Horwendill. Erbarmet Euch auch meiner schwergetroffenen Mutter, freuet Euch mit mir über die Austilgung der Schande derer, die einst Eure Königin war, die den Bruder und Mörder ihres Gemahls ans Herz nehmen und als schwaches Weib die doppelte Last der Schmach tragen musste. Um mein Streben nach Rache zu verheimlichen, meinen Sinn zu verbergen, habe ich mir den falschen Schein der Thorheit angenommen; das Kleid der Narrheit zog ich an, einen weisen Plan wob ich; ob er wirksam gewesen, ob er die Erfüllung seines Zweckes erreicht hat, das liegt vor Euren Augen; mir genügt es, Euch zu Richtern der That zu haben. Tretet die Asche des Mörders mit Füssen! schmäht die Überreste dessen, der des ermordeten Bruders Gemahlin befleckte, mit Sünde entehrte, der den Herrn schlug, an der königlichen Hoheit in sündhaftem Verrate sich vergriff, über Euch die schärfste Gewaltherrschaft brachte, Euch die Freiheit nahm, auf den Mord noch die Blutschande häufte. Mich, den Diener gerechter Rache, den Kämpfer für fromme Ahndung stützt mit edelem Sinne, gewährt mir die verdiente Ehre, Euer gütiger Blick schenke mir neues Leben. Ich habe die Schmach des Landes ausgelöscht, die Schande der Mutter getilgt, die Gewaltherrschaft gebrochen, den Mörder überwältigt, die ränkevolle Hand des Oheims mit gleichen Ränken geäfft; wenn er noch lebte, würden seine Schandthaten von Tag zu Tag mehr werden. Mich schmerzte des Vaters, mich schmerzte auch des Vaterlandes Kränkung; den habe ich vom Erdboden getilgt, dessen Herrschaft streng und für Männer schmachvoll war. Erwägt mein Verdienst, achtet meine Klugheit, gebt mir die Herrschaft, wenn ich sie verdient habe: in mir habt ihr den Spender einer grossen Wohlthat, einen Erben der väterlichen Macht, der nicht aus der Art geschlagen ist, nicht einen Mörder, sondern den gesetzmässigen Nachfolger im Reiche und den frommen Rächer [131]  der Blutschuld. Mir verdankt Ihr, dass Euch die Freiheit wiedergeschenkt ist, dass die Macht des Peinigers gebrochen, das Joch des Unterdrückers abgenommen, die Herrschaft des Mörders abgeschüttelt, das Scepter des Tyrannen unter die Füsse getreten ist. [100] 100Ich habe Euch aus der Knechtschaft gezogen, ich habe Euch in die Freiheit geführt, ich habe Euch Eure Würde, Euren Ruhm wiedergegeben, ich habe den Tyrannen gestürzt, den Blutmenschen überwunden. Die Belohnung steht bei Euch, Ihr kennt das Verdienst, von Eurem gerechten Sinne wird der Lohn gefordert.“

Gerührt hatte durch diese Rede der Jüngling aller Herzen; die einen hatte er zu Mitleid, die andern sogar zu Thränen geführt. Jedoch als der Schmerz zur Ruhe gekommen war, da wurde er mit freudigem, allseitigem Zurufe als Fürst ausgerufen. Denn grosse Erwartungen knüpften alle an den klugen Sinn des Mannes, der mit tiefer List den Plan zu einer solchen That allein gewoben und mit wunderbarem Thun zu Ende geführt hatte; viele konnte man darob staunen sehen, dass er so lange Zeit hindurch einen so fein angelegten Plan hatte verbergen können.

Nach diesen Vorgängen in Dänemark rüstete er drei Schiffe mit grosser Pracht aus und ging wieder nach England, um Schwiegervater und Gattin wiederzusehen. Zu seinem Gefolge hatte er waffentüchtige Männer genommen, die ganz ausgesucht prächtig gekleidet waren; denn wie er früher immer in verächtlichem Aufzuge erschienen war, so wollte er jetzt überall in prunkvoller Ausrüstung sich zeigen und wie er früher immer auf eine ärmliche Erscheinung Nachdruck gelegt hatte, so stand ihm jetzt der Sinn auf kostbaren Prunk. Auf dem Schilde, den er sich anfertigen liess, befahl er den ganzen Verlauf seiner Thaten von den ersten Anfängen seiner Jugend anfangend in gewählten Bildern darzustellen. Diesen Schild führte er als Zeugen seiner Grossthaten und wurde durch ihn immer berühmter. Dort konnte man gemalt sehen die Ermordung des Horwendillus, die Blutthat Fengos zusammen mit der Blutschande, den bösen Oheim, den närrischen Bruderssohn, die Klammern [132] mit ihren Widerhaken, den Argwohn des Stiefvaters, die Verstellung des Stiefsohns, die verschiedenen Versuchungen, die zur Überlistung angestellte Frau, den gierigen Wolf, das gefundene Steuer, den Sand, an dem man vorbeikam, den Wald, den man betreten, den an der Bremse befestigten Strohhalm, den mit einer Warnung bedachten Jüngling, den Beischlaf, den er an dem Mädchen unter Täuschung seiner Gefährten an einem abgelegenen Orte vollzog. Ebenso konnte man da abgebildet sehen die Königsburg, wie die Königin mit dem Sohne zusammen war, wie der Lauscher erschlagen wurde, wie er dann gekocht wurde, dann in den Abort versenkt, dann den Schweinen hingeworfen, wie die Gliedmassen mit Kot beworfen und dann den Tieren zum Frasse gelassen wurden. Man konnte ferner sehen, wie Amleth den geheimen Auftrag seiner schlafenden Begleiter entdeckte, wie er nach Tilgung der Schriftzeichen andere Schriftbilder unterschob, wie er die Speisen zurückwies und den Trank verschmähte, wie er die Augen des Königs bemäkelte und die Königin eines unfeinen Benehmens zieh. Man konnte auch schauen die Erhängung der Gesandten, wie die Hochzeit des Jünglings dargestellt wurde, wie er zu Schiff nach Dänemark zurückging, [101] 101wie das Leichenbegängnis mit einem Schmause gefeiert, wie den Fragenden an Stelle der Begleiter die Stöcke aufgezeigt wurden, wie der Jüngling die Schenkenrolle spielte, wie an der absichtlich herausgezogenen Schwertklinge die Finger zerschnitten wurden, wie das Schwert mit einem Nagel durchschlagen wurde, wie der Lärm beim Mahle sich mehrte, wie die Zecher immer toller sprangen, wie der Vorhang über die Schläfer geworfen und mit den krummen Klammern festgemacht wurde, wie die Schlaftrunkenen dicht eingewickelt wurden, wie in das Haus der Feuerbrand geworfen wurde, die Tischgenossen verbrannt wurden, die Königsburg in Flammen verzehrt zusammenbrach, des Fengo Schlafgemach betreten wurde, das Schwert weggenommen, das unbrauchbare an seine Stelle gehängt, der König durch die Hand des eigenen Stiefsohns mit der Schärfe des Schwerts geschlagen wurde. Das alles hatte der eifrige Künstler mit feiner Kunst [133]  auf dem Kriegsschilde gemalt, indem er die Gegenstände durch die Bilder darstellte und die Vorgänge durch die gezeichneten Gestalten anschaulich machte. Jedoch auch seine Gefährten führten, um glänzender aufzutreten, keine anderen als vergoldete Schilde.

Der König von Britannien empfing sie sehr wohlwollend und ehrte sie mit einem kostbaren, eines Königs würdigen Mahle. Bei Tische erkundigte er sich teilnehmend, ob Fengo noch lebe und wohlauf sei; da musste er von dem Schwiegersohne hören, dass der durchs Schwert umgekommen sei, nach dessen Wohlbefinden er sich fruchtlos erkundigt hatte; und als er nun weiter forschte, wer ihn erschlagen, da erfuhr er, dass der, der den Mord vollbracht und ihm die Nachricht davon bringe, derselbe Mann sei. Als er das hörte, da wurde er in seinem Herzen bestürzt, weil er sah, dass jetzt die einst dem Fengo versprochene Rache an ihn herantrete. Er und Fengo hatten nämlich vor Zeiten durch gegenseitiges Versprechen sich dahin gebunden, dass der eine des anderen Rächer sein sollte. So zog den König nach der einen Seite die Liebe zur Tochter, die Zuneigung zu dem Schwiegersohne, nach der andern Seite die Liebe zum Freunde und darüber noch der bindende Eid, auch die Heiligkeit ihres gegenseitigen feierlichen Versprechens, die zu verletzen sündhaft war. Schliesslich überwog in ihm unter Zurücksetzung der Verwandtschaft die Rücksicht auf die Eidestreue, und sein der Blutrache sich zuwendender Sinn stellte die Gewissenspflicht über die Vaterliebe. Da aber die heilige Gastfreundschaft zu brechen auch eine Sünde war, so zog er es vor, die Aufgabe der Rache durch eine andere Hand vollziehen zu lassen; so könne, meinte er, wenn sein Anteil an der That geheim bliebe, er sich mit dem Scheine der Unschuld umgeben. So verbarg er denn seinen bösen Anschlag hinter allerhand Aufmerksamkeiten gegen Amleth und versteckte die Absicht ihm zu schaden unter erheuchelter wohlwollender Zuneigung. Weil seine Frau jüngst an einer Krankheit gestorben war, verlangte er von Amleth, dass er, um eine neue Ehe für ihn zu finden, eine Gesandtschaft übernehme, [134] indem er sagte, dass er sehr entzückt sei von der einzig dastehenden Gewandtheit Amleths. Es lebe in Schottland eine Königin, die er gern zur Frau haben wolle; er wusste aber, dass sie nicht allein eine unberührte Jungfrau bleiben wollte, sondern auch ein wildes, [102] 102grausames Weib war, die immer alle ihre Freier zurückgewiesen und alle, die um sie warben, dem Tode überliefert hatte, so dass nicht einer von den vielen war, der nicht die Werbung um sie mit seinem Kopfe gebüsst hätte.

Amleth brach also auf; obwohl ihm da eine gefährliche Gesandtschaft aufgetragen wurde, wollte er doch die von ihm verlangte Gefälligkeit nicht verweigern und vertraute zum Teil auf seine eigenen Knechte, teils auf die Hausleibeigenen des Königs. Als er Schottland betreten und nicht mehr weit von der Wohnung der Königin war, da ging er zu einer am Wege liegenden Wiese, um die Pferde sich erholen zu lassen und überliess sich da, entzückt von der Schönheit des Platzes, der Ruhe – das liebliche Geplätscher eines Baches schläferte ihn ein –, stellte aber in einiger Entfernung Wachtposten auf. Als die Königin Kunde von ihm erhielt, sandte sie zehn Männer aus, um die Annäherung der Fremden und ihre Ausrüstung zu überschauen. Einer von ihnen, geweckten Geistes, täuschte die Wachtposten, trat zuversichtlich heran und zog den Schild, auf den Amleth sein Haupt zum Schlafe gelegt hatte, ganz leise weg, so dass er die Ruhe des darauf Liegenden nicht störte, auch keinem andern in der grossen Menge den Schlummer scheuchte; so konnte er seiner Herrin nicht nur eine Nachricht, sondern auch einen handgreiflichen Nachweis bringen: mit gleicher Gewandtheit nahm er auch den dem Amleth mitgegebenen Brief aus dem Behältnisse, in dem er verwahrt wurde. Als die Königin beides in den Händen hatte, da betrachtete sie eingehend den Schild, entzifferte aus den beigesetzten Spruchbändern den Inhalt der ganzen Darstellung und erkannte, dass der da war, der vermittelst, seines klugen Anschlages die Ermordung des Vaters an dem Oheime hatte rächen können. Als sie auch den Brief einsah, der die Bitte um ihre Hand enthielt, tilgte sie [135]  die ganze Schrift aus, weil sie von einer Ehe mit einem alten Manne nichts wissen wollte und nur eines jungen Mannes Umarmung wünschte. Sie schrieb aber einen Auftrag darauf, gleich als sei er ihr von dem Könige von Britannien übermittelt, mit seinem Titel und Namen unterzeichnet, in dem sie die Sache so darstellte, als würde ihre Hand für den Überbringer erbeten. Sie nahm auch die Vorgänge, die sie von seinem Schilde abgelesen hatte, in das Schreiben auf, so dass man den Schild für einen Zeugen der Schrift und die Schrift für einen Dolmetsch des Schildes halten konnte. Darauf gab sie ihren Leuten, die für sie Kundschaft geholt, die Weisung, den Schild zurückzubringen und auch den Brief wieder an seine Stelle zu legen; sie wollte an Amleth denselben Trug anwenden, den er, wie sie gelernt hatte, zur Überlistung seiner Begleiter angewandt hatte.

Unterdessen hatte Amleth gemerkt, das der Schild ihm listig unter dem Kopfe weggezogen war und stellte sich mit geschlossenen Augen in berechnender List schlafend; er wollte durch verstellten Schlaf wiedererlangen, was er durch den wirklichen eingebüsst hatte. Denn er setzte voraus, dass der Spion gern noch einmal eine Täuschung versuchen werde, da ihm die erste so gut gelungen war. [103] 103In dieser Erwartung täuschte er sich nicht: der Kundschafter wollte leise heranschleichend Schild und Brief an ihren früheren Ort zurückbringen; da sprang Amleth auf, packte ihn und liess ihn binden. Dann weckte er sein Gefolge und rückte an die Wohnung der Königin. Er überbrachte ihr die Grüsse seines Schwiegervaters und überreichte ihr das mit dessen Siegel verschlossene Schreiben. Als Hermuthruda (so hiess die Königin) das Schreiben hingenommen und durchgelesen hatte, da sprach sie sich anerkennend aus über die Bemühung des Amleth und sagte, Fengo habe gerechte Strafe getroffen; Amleth aber habe eine That mit unfassbar tiefer Klugheit in Angriff genommen, die über menschliche Schätzung hinausgehe, insofern er nicht nur mit unergründlicher Tiefe der Weisheit den Weg erdacht, die Ermordung seines Vaters [136] und die (erzwungene) Ehe der Mutter zu rächen, sondern auch das Reich des Mannes, von dem er so viele Anfeindungen habe erfahren müssen, durch vorzügliche Thaten der Tapferkeit an sich gebracht habe. Deshalb finde sie es unbegreiflich, wie ein so kluger Mann sich zu einem Fehlgriffe bezüglich der Verheiratung habe verleiten lassen können; während er beinahe über das menschliche Mass hinaus berühmt geworden, habe er sich zu einem unedlen und gemeinen Ehebunde herabgelassen: seine Gemahlin habe ja Unfreie zu Eltern, obwohl sie das Glück mit königlichen Ehren geschmückt habe. Beim Eingehen einer Ehe dürfe ein verständiger Mann nicht auf blendende Schönheit, sondern auf edle Abkunft sehen. Wenn er also eine passende Verbindung wünsche, so müsse er die Sippe ansehen und sich nicht durch ein schönes Gesicht fangen lassen; ein solches rege zwar die Begierde an, habe aber schon vieler Ehre mit seinem eitelen, falschen Scheine vernichtet. Es gäbe aber eine Frau, die ihm an Adel gleichstünde, die er nehmen könne. Sie selbst sei die geeignete Frau für ihn, da sie nicht arm an Besitz, noch von niederer Herkunft sei; sie besitze eben so grossen königlichen Schatz wie er und erfreue sich einer eben so glänzenden Reihe von Ahnen. Sie sei ja Königin, und wenn nicht ihr Geschlecht im Wege stünde, könne sie als König angesehen werden, ja, was richtiger sei, wen sie ihres Beilagers würdige, der werde König, und mit ihrer Umarmung schenke sie Königswürde. So entspreche der Ehe das Scepter und dem Scepter die Ehe. Es sei auch kein geringes Entgegenkommen, wenn sie von freien Stücken ihre Hand anbiete, die bei anderen Männern auf eine Werbung mit einer Abweisung durch das Schwert geantwortet habe. Sie beschwor ihn also, sein Wohlgefallen auf sie zu übertragen, auf sie den Wunsch nach einer ehelichen Verbindung zu lenken und zu lernen, vornehme Geburt höher zu stellen als eine schöne Gestalt. Mit diesen Worten umschlang sie ihn leidenschaftlich.

Hingerissen von ihrer freundlichen Ansprache erwiderte Amleth die Küsse, vergalt Umarmung mit enger Umarmung [137]  und sagte, es gefalle ihm, was ihr gefalle. Ein Mahl wird hergerichtet, der hohe Adel zusammengebeten, [104] 104Hochzeit gehalten. Nachdem alles erfüllt, ging er mit seiner jungen Frau nach Britannien zurück, liess aber eine starke schottische Mannschaft sich auf dem Fusse folgen, um sie gegen allerhand ihm in den Weg tretende Anschläge zu verwenden. Bei seiner Rückkehr kam ihm die Tochter des britannischen Königs, die er zur Frau hatte, entgegen. Sie beklagte sich zwar, dass ihr durch die Hinzunahme der Nebenfrau ein Unrecht zugefügt sei, erklärte es aber für unwürdig, den Hass gegen die Kebse stärker in sich wirken zu lassen, als die Liebe zu dem Gemahle; auch sei ihre Abscheu vor ihrem Manne nicht so gross, dass sie heimtückische Anschläge gegen seine Person ihm verschweigen sollte. Sie habe ja ein Pfand ihrer Ehe, einen Sohn; die Rücksicht auf diesen müsse der Mutter die eheliche Liebe ans Herz legen. „Der Sohn kann, sagte sie, die Kebse neben seiner Mutter hassen, ich will lieben; meine brennende Liebe zu Dir kann kein Schlag einschläfern, kein Ärger auslöschen, nein! alle bösen Gedanken gegen Dich will ich Dir verraten und alle Anschläge, auf die ich stosse, Dir kund thun. Sei also auf der Hut vor Deinem Schwiegervater, weil Du selbst die Frucht der Gesandtschaft gepflückt und allen Gewinn in entschlossener Besitzergreifung auf Dich übertragen, den Wunsch Deines Auftraggebers geäfft hast.“ Mit diesen Worten bewies sie, dass ihr die Liebe zu dem Gemahle über die Liebe zum Vater ging.

Als sie noch so sprach, erschien auch der König von Britannien, umarmte seinen Schwiegersohn eng, aber nicht von Herzen und richtete zu seinem Empfange ein Mahl aus, um seinen heimtückischen Plan unter dem Scheine von Freigebigkeit zu verstecken. Amleth merkte zwar die böse Absicht, verbarg aber sein Bedenken, nahm 200 Ritter zu seinem Gefolge und kam mit einem Panzerhemde unter der Kleidung der Einladung nach; er zog es vor, der Einladung des Königs mit Gefährdung seines Lebens zu folgen, als ihm den Schimpf einer Ablehnung anzuthun; in allen Dingen meinte er die Gesetze des guten Tons nicht verletzen zu dürfen. Als er [138] herzuritt, fiel ihn der König noch unter dem Schutzdache des doppeltgeöffneten Thores an und hätte ihn mit dem Spiesse durchbohrt, wenn nicht das Eisen durch das feste Panzerhemd unter dem Rocke unschädlich gemacht worden wäre. Amleth erhielt nur eine leichte Wunde und entwich dahin, wo er die Schar der Schotten hatte warten heissen; zum Könige sandte er den erwischten Späher seiner neuen Gemahlin, damit dieser ihm bezeuge, dass er das für seine Herrin bestimmte Schreiben heimlich aus dem Verschlusse der Tasche genommen, so die Schuld auf die Hermuthruda wälze und ihn durch sorgfältige Entschuldigung von dem Vorwurfe des Verrats befreie. Als er aber rasch von dannen entwich, verfolgte ihn doch ungesäumt der König und erschlug ihm den grössten Teil seiner Leute, so dass Amleth am folgenden Tage, wo er sein Leben wieder im Kampfe verteidigen musste, seine Streitkräfte aber für einen Widerstand nicht zureichend fand, zur scheinbaren Vermehrung ihrer [105] 105Anzahl die Leichen der gefallenen Kameraden teils auf untergelegte Stangen gestützt, teils an nahe Steine gelehnt, noch andere wie lebend aufs Pferd gesetzt in voller Bewaffnung gleich wie mitkämpfend reihenweis in seinen Schlachtkeil verteilte; der Flügel der Toten war nicht minder zahlreich als die Schar der Lebendigen. Das war ein wunderlicher Anblick, wo die Gestorbenen in den Kampf getrieben, die Toten zur Schlacht aufgeboten wurden. Das war keine müssige Erfindung für ihren Erdenker, denn die blossen Bilder der Toten gewährten, als die Sonnenstrahlen auf die Waffen fielen, den Schein eines grossen Heeres: die wesenlosen Bilder der Toten liessen die Krieger in ihrer früheren Anzahl erscheinen, so dass man glauben konnte, dass durch den Verlust vom vorigen Tage ihr Haufe nicht kleiner geworden sei. Durch diesen Anblick erschreckt, liessen es die Briten gar nicht zum Kampfe kommen, sondern wandten sich zur Flucht, von denen nach dem Tode überwunden, die sie im Leben bezwungen hatten. Hat bei diesem Siege mehr die Klugheit oder das Glück gewirkt? Während der König seine Flucht etwas langsam betrieb, wurde er von den nachsetzenden [139]  Dänen erschlagen. Nach dem Siege machte Amleth reiche Beute in Britannien und raffte viel Raub zusammen; dann ging er mit seinen beiden Frauen nach der Heimat zurück.

Inzwischen war nach dem Tode Roriks Vigletus zur Regierung gekommen und hatte die Mutter Amleths mit rücksichtslosen Aufforderungen geplagt und ihr den königlichen Schatz abgenommen, indem er Klage darüber führte, dass ihr Sohn die Herrschaft über Jütland sich angemasst hätte mit Übergehung des Königs in Lethra, der die Befugnis habe, Hoheitsrechte zu geben und zu nehmen. Diesen Vorgang nahm Amleth mit so grosser Ruhe hin, dass er den Viglet mit den schönsten Stücken aus seiner Beute beschenkte und somit die Bosheit mit Wohlthat zu vergelten schien. Jedoch später, als sich ihm eine Gelegenheit zur Rache bot, überzog er ihn mit Krieg, besiegte ihn und wurde aus einem versteckten Feinde ein offener. Fiallerus, den Statthalter von Schonen, trieb er ins Elend; der soll gewichen sein an einen Ort, der Undensakre[60] heisst, den Leuten hier zu Lande unbekannt. Als er dann von Viglet, der sich durch die Kräfte von Schonen und Seeland gestärkt hatte, zu neuem Kampfe durch Ansager herausgefordert wurde, da erkannte er mit seiner wunderbaren Geistesschärfe, dass zwei Möglichkeiten [140] ihn umfluteten, von denen die eine Schimpf, die andere Gefahr in sich barg; wenn er nämlich der Herausforderung Folge leistete, so drohte, das wusste er, seinem Leben Gefahr, wich er aber zurück, so war seinem Kriegsruhme die Schande sicher. Dennoch überwog in seinem Sinne, als er seine Heldenthaten überschaute, der Wunsch seine Ehre zu wahren, und das stärkere Verlangen nach Ruhm drängte die Furcht vor einer Niedermetzelung zurück; der fest begründete Glanz seines Ruhms sollte nicht durch furchtsames Zurückweichen vor dem Todesgeschicke verdunkelt werden; er erwog auch, dass zwischen einem [106] 106unedlen Leben und einem ruhmvollen Tode so viel Unterschied liegt, wie die Wertschätzung von der Verachtung absteht. So grosse Liebe aber band ihn an Hermuthruda, dass er um ihren voraussichtlichen Witwenstand mehr Sorge in seinem Herzen trug, als um seinen Tod, und dass er mit allem Eifer erwog, wie er ihr vor dem Eintritt in den Krieg eine zweite Verheiratung sichern könne. Daher gelobte Hermuthruda, männlichen Mut zeigend, sie würde ihn auch im Kampfgewühle nicht verlassen; das sei ein erbärmliches Weib, das sich fürchte, durch den Tod mit dem Manne sich wiederzuvereinen. Jedoch dieses überraschende Versprechen hat sie nicht erfüllt. Denn als Amleth in Jütland von Viglet in einer Schlacht getötet wurde, ergab sie sich ohne Widerstand darein, als des Siegers Beute sein Bett zu teilen. So jagt jede Zusage einer Frau jeder Wechsel des Glücks in den Wind, zersprengt jede Veränderung der Lage, und die Zuverlässigkeit des Weibersinns, die nur auf unsicherer Grundlage ruht, machen zufällige Ereignisse zu nichte; eine Frau ist schnell bei der Hand mit einem Versprechen, aber langsam zur Erfüllung, sie wird gefesselt durch mannigfache Anreize der Lust und lässt sich durch ihre Leidenschaft hinreissen, immer nach Neuem gierig zu langen, des Alten vergessend. Das war das Ende des Amleth; wenn er die Gunst des Glücks in gleicher Weise erfahren hätte, wie die der Natur, so würde er an Ruhmesglanz den Göttern gleichgekommen sein, des Herkules Arbeiten durch seine Grossthaten überholt haben. Ein Feld, nach seinem Namen benannt, ist als seine [141]  Grabstätte in Jütland noch beute bekannt[61]. Viglet aber verschied nach einer langen und friedlichen Regierung an einer Krankheit.

Ihm folgte sein Sohn Wermundus. Dieser verlebte viele Friedensjahre in beglückender Ruhe und sicherte seinem Lande einen langen, beständigen Frieden in ungestörter Sicherheit. Er verlebte seine jüngeren Jahre ohne Kinder, erst in höherem Alter zeugte er einen Sohn, Uffo, als spätes Geschenk des Glücks, während so viele abgelaufene Jahre ihm keine Nachkommenschaft gegeben hatten. Dieser Uffo überragte alle seine Altersgenossen an Körperlänge, galt aber in seiner ersten Jugend für so beschränkt und närrisch, dass er zu nichts auf der Welt nütze erschien. Von Kindesbeinen an wollte er nicht teilnehmen an Spiel und Scherz, und er blieb aller menschlichen Belustigung so fern, dass er seine Lippen nie zu einem einzigen Worte öffnete und nie den Ernst der Miene durch ein freundliches Lächeln sich aufheitern liess. Jedoch wie seine Jugend unter der Meinung der Beschränktheit stand, so hat er später das verächtliche Urteil über seine Begabung in Berühmtheit verwandelt, und wie er erst ein Schauspiel von Beschränktheit gewesen, so wurde er ein Musterbild von Verstand und Tapferkeit. [107] 107Sein Vater gab ihm in Ansehung seiner Unbrauchbarkeit die Tochter des Herzogs von Schleswig, Frowinus, zur Gemahlin, damit er durch die Verwandtschaft mit einem hervorragenden Manne eine brauchbare Hilfe in der Regierung erhalte. Der hatte nämlich zwei Söhne, Keto und Wigo, gut beanlagte junge Männer, von deren Tüchtigkeit er nicht minder als von der des Frowin eine Förderung seines Sohnes erwartete.

Zu der Zeit regierte in Schweden Athislus, ein Mann, durch Kriegsruhm und tüchtigen Sinn hervorragend. Als er seine Nachbarn weithin im Kriege niedergeworfen hatte, wollte er den durch diese Grossthaten erworbenen Glanz nicht durch Ruhe und Stillliegen verkommen lassen, sondern suchte in frischem, [142] weitergreifendem Eifer neue Thaten zu vollbringen. Dabei hatte er die Gewohnheit, täglich mit einer prächtigen Rüstung angethan, ganz allein einen Gang zu machen, teils weil er für einen Kriegsmann nichts Besseres kannte als fleissige Übung in den Waffen, teils um aus dieser eifrigen Übung einen Zuwachs an Berühmtheit zu erwerben. In ihm nahm sich Selbstbewusstsein nicht minder sein Teil, als Ruhmbegierde; denn er bildete sich ein, dass keines Dinges Kraft so gross sei, dass er zu fürchten habe, seines Sinnes Stärke könne durch dessen Entgegentreten erschüttert werden. Als er seine Waffen nach Dänemark hinübertrug, Frowin in Schleswig zu einem Kampfe zwang und auf beiden Seiten die Leute in einem grossen Gemetzel hingestreckt wurden, da begab es sich, dass die Heerführer so aufeinander trafen, dass sie die Schlacht im Zweikampfe weiter führten und ohne Beteiligung der Heere wie im Einzelnkampfe die Entscheidung suchten. Diese Kampfesart wünschte ihr beider Herz, sie wollten ihre Tapferkeit bekunden nicht mit der Hilfe ihrer Leute, sondern nur mit Erprobung ihrer Kräfte. So kam es, dass nun, als Schlag auf Schlag fiel, Athisl im Kampfe siegte, den Frowin niederstreckte, zu seinem Einzelnsiege auch noch den Sieg über das Heer gewann, die Scharen der Dänen zersprengte und niederhauen liess. Darauf ging er nach Schweden zurück und trug die Besiegung des Frowin nicht allein in das Verzeichnis seiner Grossthaten ein, sondern pflegte damit auch in übertriebener Weise zu prahlen: so zerstörte er den Ruhm der That durch das unbedachte Wort. Denn in der Regel bringt es mehr Ruhm ein, über seine Heldenthaten bescheiden zu schweigen, als sie mit Überhebung zu verbreiten.

Die Söhne des Frowin beförderte Wermund zu der ehrenvollen Amtsstellung des Vaters und zeigte sich damit gegen die Kinder des gefallenen Freundes in gebührender Weise erkenntlich. Das bewog wieder den Athisl, sich noch einmal auf dem Kriegspfade nach Dänemark zu begeben. Er kam also wieder im Vertrauen auf den ersten Kampf und brachte nicht schwache und geringfügige Streitkräfte mit, [143]  sondern die gesamte Kernmannschaft [108] 108der tapferen Schweden, gleich als ob er die Herrschaft über ganz Dänemark an sich reissen solle. Davon liess Keto, des Frowin Sohn, durch seinen ersten Offizier, Folko mit Namen, dem Wermund, der sich damals gerade in seiner Besitzung Jalunga aufhielt, Meldung machen. Als dieser den König mit seiner Umgebung beim Mahle traf, begleitete er seine Meldung mit einer Mahnung: nun sei die lang gewünschte Möglichkeit eines Kampfes da und dränge sich von selbst den Wünschen des Wermund auf, indem sowohl eine schöne Gelegenheit zum Siege sich biete, als auch seiner freien Wahl eine Aussicht auf baldigen Siegesruhm entgegengebracht werde. Gross und unerwartet sei das süsse Glück, das ihm, lange in Seufzern ersehnt, jetzt die Ereignisse in sichere Aussicht stellten. Gekommen sei Athisl mit unzähligen schwedischen Scharen, gleich als ob er Gewissheit des Sieges unzweifelhaft voraussetze, und da es ganz sicher sei, dass der Feind in der Schlacht den Tod der Flucht vorziehen würde, so werde durch die dargebotene Aussicht auf Kampf glückliche Rache für den letzten Verlust gewährleistet.

Wermund entgegnete, er habe seinen Auftrag schön und brav ausgerichtet und hiess ihn sich ein wenig an den Speisen erquicken, weil einem hungrigen Magen ein Marsch nicht gut thue. Als Folko sagte, er habe gar keine Zeit sich mit Essen aufzuhalten, da wurde er aufgefordert, wenigstens seinen Durst mit einem Trunke zu stillen. Als er dem nachkam, wurde ihm zugerufen, er solle auch den Becher (er war von Gold) behalten und Wermund sagte, ein von dem heissen Wege ermüdeter Mann schöpfe Wasser besser mit einem Becher als mit der hohlen Hand, und wer trinke, der trinke auch besser aus einem Becher, als aus der Hand. Mit diesen wohlwollenden Worten begleitete er das wertvolle Geschenk; der Mann aber, hocherfreut über Gabe und Worte, gelobte, eher werde er sein eigenes Blut trinken, so viel wie er jetzt Wein getrunken, als sich vor den Augen des Königs zur Flucht wenden. Ein so tapferes Gelöbnis, sagte Wermund mit Anerkennung, sei ihm als Dank hochwillkommen, und er hatte [144] mehr Freude an dem Geschenke, das er hingab, als der Mann an dem, das er erhielt. Dass dieser nicht nur beherzt reden, sondern auch kämpfen konnte, erfuhr er durch die Probe.

Nämlich in der nunmehr sich entspinnenden Schlacht traf es sich, dass bei den verschiedenen Vorstössen der Truppen auch Folko und Athisl auf einander stiessen, eine geraume Zeit kämpften, das schwedische Heer dem Geschicke seines Führers folgend die Flucht ergriff und auch Athisl verwundet vom Kampfplatze zu den Schiffen eilte. Als Folko von Wunden und der Kampfesarbeit ermüdet, heiss und durstig mit der Verfolgung des Feindes auf der Flucht inne hielt, da fing er, um sich zu erquicken, das eigne Blut mit dem Helme auf [109] 109und bot es seinem Munde als Trank. Somit vergalt er den vom Könige geschenkten Becher auf das glänzendste. Da Wermund das zufällig mit ansah, da lobte er ihn überschwenglich ob der Erfüllung seines Gelöbnisses. Folko aber antwortete, schöne Gelübde müssten zum gebührenden Ende geführt werden. Mit diesem (bescheidenen) Worte empfahl er seine That nicht minder als Wermund.

Als nun die Sieger, wie gewöhnlich nach einer Schlacht, die Waffen ablegten, der Ruhe pflogen und in mancherlei Wechselreden sich unterhielten, da sagte Keto, der Führer der Schleswiger, er könne gar nicht begreifen, wie es möglich gewesen, dass Athisl trotz vieler entgegenstehender Umstände die Möglichkeit habe finden können, zu entkommen, namentlich da er ja voran im Kampfe und auf der Flucht der letzte gewesen sei, und kein anderer unter den Feinden gewesen wäre, dessen Tod die Dänen so eifrig gesucht hätten. Darauf entgegnete Wermund, er müsse wissen, dass eine jede Kampfesschar sich vierfach nach der Beschaffenheit der Kämpfer teile. (1.) Die erste Klasse seien die Kämpfer, die mit ihrer Tapferkeit Masshaltung verbindend scharf auf den Gegner einhieben, so lange er noch Widerstand leiste, es aber für unter ihrer Würde erachteten, ihn noch zu bedrängen, wenn er sich zur Flucht wende. Das seien die, denen lange Bewährung in den Waffen sicheres Zeugnis der Tapferkeit gäbe, und die ihren Ruhm nicht in Verfolgung von Besiegten, sondern [145]  in der Niederkämpfung der noch zu überwindenden Gegner suchten. (2.) Es gäbe zweitens eine Klasse von Kämpfern, die, sich stützend auf körperliche und geistige Kraft, aber ohne eine Spur von Erbarmen in gleich grausamem Gemetzel gegen kämpfende und gegen fliehende Feinde wüteten; das seien die, welche, hingerissen von jugendlichem Kampfeseifer, ihr erstes Auftreten als Neulinge mit schönen Kampfesthaten zu schmücken sich bestrebten, die die Leidenschaftlichkeit ihres Alters und gleiche Begierde nach Ruhm anfeuere und zu Recht und Unrecht in gleich sicherem Streben treibe. (3.) Es gäbe ferner eine dritte Klasse, die, weil sie zwischen Furcht und Schamgefühl hin und her schwankten, die Angst nicht zu einem Vorstoss kommen, das Ehrgefühl aber auch nicht zurückweichen lasse, die allein durch ihre Abkunft leuchtend und durch wesenlose hohe Statur bemerkbar, für das Heer nur durch ihre Zahl, nicht durch ihre Kraft einen Zuwachs darstellten, die durch ihr Schattenbild den Feind, nicht durch ihre Waffen schlügen und in der Reihe der Kämpfer nur mitgerechnet würden, weil sie einen Mann abgäben. Das seien die reichen Herren, gross an Herkunft, aber nicht an Mut, welche die Liebe zum Leben, ein Erzeugnis des grossen Besitzes, treibe, mehr auf die Stimme der Vorsicht zu hören, denn sich als kräftigen Adel zu bewähren. (4.) Es gäbe auch noch eine Klasse, die nur wesenlosen Schein in den Kampf mitbrächten und die, immer sich unter den hintersten Kampfgenossen haltend, die Ersten wären auf der Flucht, die Letzten zum Kampfe. An ihnen verrate die innere Haltlosigkeit das äussere Anzeichen unzweifelhafter Furcht; denn sie kämen, mit [110] 110Fleiss eine Gelegenheit zum Zurückbleiben suchend, immer mit zögerndem, zaghaftem Schritte hinter den Kämpfenden her. – Diesen Umständen, denke er, habe der König sein Entkommen zu danken: Die Streiter der (1.) ersten Klasse hätten ihm auf seiner Flucht nicht sonderlich zugesetzt, da deren Sorge nicht der Aufhaltung der Besiegten, sondern der Sicherung des Sieges gewidmet sei, da sie also ihre Reihen zusammenschlössen, damit der neu errungene Sieg, auf ausreichende Kräfte gestützt, vollen Erfolg [146] haben könne. (2.) Die Kämpfer der zweiten Klasse, die alles, was ihnen in den Weg käme, niederstrecken wollten, die hätten den Athisl heil entkommen lassen, nicht aus Mangel an Willen, sondern an günstiger Stunde; nicht der Mut habe ihnen gefehlt, ihn zu erschlagen, sondern nur die Gelegenheit. (3.) Was aber die Männer der dritten Klasse anbeträfe, welche die Kampfeszeit mit zaghaftem Hin- und Herlaufen zubrächten und damit sogar die Erfolge ihrer eignen Partei hemmten, die hätten vielleicht wohl die Gelegenheit gehabt, den König zu schädigen, sie hätten aber nicht den Mut gehabt, ihn anzugreifen[62]. – Auf diese Weise fertigte er die verwunderungsvolle Frage des Keto ab und sagte noch, mit seiner Erklärung habe er die wirklichen Gründe des Entkommens des Königs gegeben.

Hierauf kam Athisl als Flüchtling nach Schweden zurück, prahlte aber immer noch mit der Erschlagung des Frowin und erinnerte immer wieder an diese Heldenthat mit wortreicher Aufzählung seiner Ruhmesthaten; nicht dass er die aus der erlittenen Niederlage erwachsene Schande gleichmütig ertragen hätte, er wollte aber die Wunde der frischen Flucht durch die Hervorhebung des alten Sieges etwas weniger schmerzhaft machen. Das ärgerte, wie billig, Keto und Wigo, und sie schwuren sich einander zu, Rache für ihren Vater zu suchen. In offenem Kampfe das zu erreichen, machten sie sich selbst keine Hoffnung; deshalb gingen sie, nur mit leichter Rüstung angethan, ohne Begleitung nach Schweden und versteckten ihre Waffen in dem Walde, in welchem, wie sie erfahren hatten, der König sich ohne Gefolge aufzuhalten pflegte. Als sie sich eine geraume Zeit bei Athisl aufgehalten hatten als verbannte Recken und von ihm gefragt wurden, welchem Vaterlande sie angehörten, da antworteten sie, sie seien aus Schleswig und hätten ihr Vaterland um eines Totschlags willen verlassen. Der König verstand das natürlich von einem schon vollbrachten strafbaren Totschlage nicht von einem erst beabsichtigten. Gerade durch diese [147]  Zweideutigkeit wollten sie ihn mit seiner neugierigen Frage auf eine falsche Fährte locken: ihr an sich ganz richtiger Bescheid sollte ihn zu einer irrigen Auffassung führen, und ihre der Wahrheit entsprechende Antwort sollte, in unmerkliche Dichtung eingehüllt, in ihm eine nicht zutreffende Ansicht hervorrufen. Denn in alten Zeiten verschmähten edle Männer eine Lüge als entehrend. Da sagte Athisl, er möchte gern wissen, wer nach der Meinung der Dänen für den Überwinder des Frowin gehalten würde. Darauf sagte Keto, man schwanke darüber, [111] 111wem man die ruhmverleihende That zuschreiben sollte, da es ja allgemein bekannt sei, dass er in einer Schlacht gefallen sei. Da antwortete Athisl, ganz grundlos setze man den Tod Frowins anderen auf die Rechnung, erhabe ihn ganz allein im Zweikampfe herbeigeführt. Weiter fragte er, ob von Frowin noch Nachkommenschaft vorhanden wäre. Als Keto darauf antwortete, es seien zwei Söhne von ihm da, so sagte er, er möchte gern etwas über ihr Alter und ihre äussere Erscheinung hören. Keto beschied ihn, sie seien ihm an Körper so ziemlich gleich, an Alter ganz gleich, an Wuchs sehr ähnlich. Da sagte Athisl: „Wenn sie den Sinn und den Mut des Vaters hätten, würde ein böses Unwetter über mich hereinbrechen.“ Als er dann fragte, ob sie noch häufig den Tod ihres Vaters im Munde führten, antwortete Keto: was man nicht gut machen könne, das immer wieder zu besprechen sei unnötig; es nütze nichts, ein unheilbares Übel mit ewigen Klagen immer wieder sich vorzuführen. Damit gab er die Lehre, dass man nicht Drohungen vor der Rache herlaufen lassen soll.

Als sie nun den König, um seine Kraft zu heben, täglich allein einen Spaziergang machen sahen, holten Keto und sein Bruder ihre Waffen aus dem Verstecke und folgten ihm auf seinem Gange in einiger Entfernung. Als Athisl sie bemerkte, blieb er stehen, denn er hielt es für unehrenhaft, einem Angriffe auszuweichen. Als die Brüder sagten, sie hätten die Absicht, jetzt Rache an ihm zu nehmen für Frowins Tod, namentlich weil er mit prahlerischem Stolze ihn allein erschlagen zu haben behaupte, da sagte er, sie möchten sich [148] ja hüten, während sie nach Ausübung von Rache verlangten, in törichter Keckheit ihre schwachen und kraftlosen Hände mit den seinigen zu messen, und, während sie eines anderen Tod suchten, nur ihren eigenen Untergang zu finden; sie würden ihre Begabung, die zu schönen Erwartungen berechtige, durch ihre voreilige Ruhmbegierde zu Grunde richten. Sie möchten also Rücksicht nehmen auf ihre Jugend und auf ihre schönen Anlagen und sollten sich nicht blindlings den Tod wünschen. Sie möchten also darein willigen, dass er für die Erschlagung des Vaters ihnen mit entsprechender Geldbusse einstehe und sollten es als einen grossen Ruhm betrachten, dass man glauben würde, sie hätten einen mächtigen König zu einer Busse gezwungen und gewissermassen mit ihrem Verlangen in Furcht gejagt. Diese Lehre gäbe er ihnen nicht von Furcht gepackt, sondern bewogen durch Mitleid mit ihrer Jugend. Keto entgegnete, ein solcher Wortschwall, mit dem er das ganz berechtigte Verlangen nach Rache wankend machen wolle, bedeute nur eine ganz unnütze Zeitverschwendung; er hiess ihn antreten und im Holmgange mit ihm versuchen, ob er wirklich ein Schwächling sei. Denn er werde, ohne Unterstützung durch den Bruder, nur mit seinen eigenen Kräften vorgehen, damit nicht mit ungleicher Hand ein schimpflicher Kampf gefochten werde. Denn dass zwei mit einem kämpften, wurde in alter Zeit nicht nur für unbillig, sondern auch für ehrlos gehalten, und auch ein Sieg in [112] 112einem solchen Kampfe wurde nicht für löblich erachtet, weil an ihm mehr Unehre als Ruhm zu haften schien; dass einer von zweien überwältigt würde, das galt ja für sehr leicht, aber auch für äusserst schmachvoll. Den Athisl aber erfüllte so starkes Selbstvertrauen, dass er die Brüder aufforderte, ihn zusammen anzugreifen; da er ihnen die Absicht zu kämpfen nicht entwinden könne, so wolle er ihnen wenigstens einen ungefährlicheren Kampf schenken. Dieses Entgegenkommen wies Keto schroff zurück: eher wolle er den Tod hinnehmen, als darauf eingehen; denn er meinte, dass die Annahme dieses Vorschlages für den Kampf ihm nur Tadel einbringen würde. Als er den Athisl ungestüm [149]  anfiel, wünschte dieser ihn im Kampfe zu schonen und schlug nur mit leichten Hieben seinen Schild; sein Leben deckte er wohl beherzt, ging aber nicht seinerseits zum Angriff über. Nach einiger Zeit ergebnislosen Kampfes mahnte er ihn, er solle seinen Bruder zu dem begonnenen Werke zuziehen und sich nicht schämen, die Hilfe einer fremden Hand zu heischen; er sähe ja, dass der Versuch mit seinen Kräften allein wirkungslos bleibe. Als Keto das nochmals von der Hand wies, da sagte er, nun wolle er ihn auch nicht mehr schonen und liess es nicht bei der Drohung bewenden, sondern setzte ihm nun mit aller Kraft zu. Da traf ihn ein so gewaltiger Hieb des Gegners, dass das Schwert ihm den Helm durchschlug und auch noch in den Schädel eindringen konnte. Gereizt durch diese Wunde – denn viel Blut ergoss sich vom Scheitel – liess er wuchtige Hiebe auf Keto hageln und zwang ihn, in die Kniee zu sinken. Das vermochte Wigo nicht mit anzusehen, die Liebe zum Bruder liess in ihm die Rücksicht auf den Brauch schweigen, er liess das Schamgefühl hinter der Bruderpflicht zurücktreten, wollte lieber den Bruder in seinem Unterliegen unterstützen, als ruhig dabei zusehen und griff auch den Athisl an. Damit erwarb er freilich nicht Ruhm, sondern Rüge, weil er durch die Unterstützung des Bruders die anerkannten Gesetze des Zweikampfes gebrochen hatte, und seine Hilfeleistung zwar nützlich, aber nicht redlich war: so entschied er sich zwar in der einen Hinsicht für die Bruderliebe, in der andern aber für die Unehre. So gelang ihnen denn die Überwindung des Athisl leicht, aber sie brachte ihnen keine Ehre ein. Bekannt sollte sie auf jeden Fall werden, deshalb trennten sie von der Leiche den Kopf ab, legten sie auf ein Pferd, schafften sie aus dem Walde, überwiesen sie den Einwohnern eines nahen Dorfes und kündeten ihnen, die Söhne des Frowin hätten an Athisl, dem Könige der Schweden, die Blutrache ausgeübt für ihren Vater. Da sie diesen Sieg aufweisen konnten, wurden sie von Wermund hochgeehrt; er urteilte, dass sie ein sehr nützliches Werk vollbracht hätten und sah mehr auf den Ruhm, dass der Nebenbuhler beseitigt war, [150] als auf die Nachrede wegen des dabei begangenen Verstosses; er meinte, mit der Erschlagung eines Tyrannen könne unter keinen Umständen eine Schande verknüpft sein. Im Auslande aber wurde es zum Sprichwort, [113] 113dass der Untergang des Königs das alte Kampfrecht aus seinen Fugen gehoben habe.

Als Wermund hochbetagt das Augenlicht verlor, meinte der König von Sachsen, nun habe Dänemark keinen Führer mehr und liess ihn durch Gesandte auffordern, er solle ihm die Verwaltung des Reiches überlassen, an der er noch über das schickliche Alter hinaus festhalte; er solle nicht durch seine Gier, die Herrschaft lange in der Hand zu behalten, das Land des Richters und des Schützers im Kriege berauben. Denn könne der als König gelten, dem das Alter den Verstand und die Blindheit das Auge mit gleich schrecklicher Finsternis umdunkelt habe? Wenn er sich weigere und einen Sohn habe, der mit seinem Sohne im Zweikampfe sich zu messen wage, so solle er sich damit einverstanden erklären, dass der Sieger das Reich erhalte. Wenn er sich auf keines von beiden einlassen wolle, so solle er die Sprache der Waffen, nicht mehr des guten Rates vernehmen, und er werde dann unfreiwillig geben müssen, was er freiwillig herzugeben verschmähe. Hierauf antwortete Wermund mit tiefen Seufzern, es sei unverschämt, dass man ihm sein Alter so bitter vorrücke; denn das Alter habe ihn nicht deshalb in diese unselige Lage gebracht, weil er seine Jugend feig und kampfscheu verlebt habe. Ebenso ungehörig sei es, dass ihm sein Körperfehler, die Blindheit, vorgerückt werde, denn sein Lebensalter pflege doch gewöhnlich diese Minderung der Sehschärfe mit sich zu bringen. Mitleid haben müsse man mit seinem Verluste, nicht ihn verspotten. Mit mehr Recht könne man den Sachsenkönig der Ungeduld zeihen, denn es hätte sich für ihn mehr geziemt, auf den Tod des Greises zu warten als sein Reich zu verlangen, weil es doch viel schöner sei einem Toten nachzufolgen, als einen Lebenden zu berauben. Trotz alledem wolle er mit eigner Hand der Herausforderung Folge leisten, damit man nicht von ihm sage, er habe witzlos den Ruhm seiner früheren Freiheit einer ausländischen Herrschaft [151]  verknechtet. Darauf entgegneten die Gesandten, sie wüssten bestimmt, dass ihr König sich auf das Possenspiel eines Zweikampfes mit einem Blinden nicht einliesse, eine solche lächerliche Art der Entscheidung stehe ja näher der Schande, als der Ehre. Besser sei es die Sache zum Austrag zu bringen durch beider Blut und Kind. Die Dänen waren hierüber ganz bestürzt und wussten in ihrer Verlegenheit augenblicklich nichts darauf zu antworten; da verlangte Uffo, der auch mit dabei war, von seinem Vater die Erlaubnis, die Antwort zu geben und schien plötzlich, er der Stumme, die Sprache zu erhalten. Als Wermund fragte, wer solche Erlaubnis zum Sprechen von ihm verlange, und die Diener ihm sagten, Uffo richte die Bitte an ihn, da sagte er: es sei genug, dass fremder Übermut in die Wunden seines Unglücks seinen Spott träufle, seine Umgebung solle ihn doch mit gleichem, frechem Hohne verschonen. Als aber die Trabanten unablässig beteuerten, es sei Uffo, da sagte er: „So möge er denn, wer es auch sei, seine Gedanken ungehindert aussprechen.“ Darauf sagte Uffo (zu den sächsischen Gesandten): ganz grundlos verlange ihr König ein Reich, das einen festen Grund habe in der treuen [114] 114Pflichterfüllung seines eigenen Lenkers und in den Waffen und der Energie eines tapferen Adels. Dazu habe der König einen Sohn und das Reich einen Nachfolger; sie sollten sich gesagt sein lassen, dass er gewillt sei, nicht allein den Sohn ihres Königs im Kampfe zu bestehen, sondern auch zusammen mit ihm noch einen zweiten Kämpfer, den er aus den Tapfersten seines Volkes auswählen möge. Zu diesem Worte lachten die Gesandten, denn sie hielten es für eine eitle Prahlerei. Unverzüglich wird der Ort für den Kampf vereinbart und ein bestimmter Zeitpunkt für ihn festgesetzt. Mit so grossem Staunen aber über seine plötzliche Fähigkeit zu sprechen und über die verblüffende Herausforderung erfüllte Uffo alle Anwesenden, dass es unentschieden blieb, ob man sich mehr über sein Sprechen wunderte oder über sein Selbstvertrauen.

Als die Gesandten sich verabschiedet hatten, lobte Wermund den Antworterteiler, weil er das Vertrauen auf seine [152] Kraft gezeigt in der Herausforderung nicht eines, sondern zweier Gegner und erklärte, er wolle lieber diesem, wer es auch sei, als dem übermütigen Feinde das Reich abtreten. Als aber alle bezeugten, es sei sein Sohn, der die hochmütigen Gesandten die Verachtung seines stolzen Selbstvertrauens habe fühlen lassen, da hiess er ihn näher treten, um mit den Händen zu erproben, was das Auge ihn nicht erproben liess. Er betastete forschend seinen Körper, und als er an der Grösse und der Gestaltung der Glieder seinen Sohn erkannte, da musste er doch den Beteuerungen Glauben schenken und fragte ihn, weshalb er die süsse Naturgabe der Stimme so sorgfältig durch Verstellung verborgen habe, warum er so lange Jahre sich die Pein auferlegt, ohne Sprache und ohne Verkehr durch das Wort zu verleben und alle habe glauben lassen, dass er des Dienstes der Zunge ganz entbehre und mit angeborener Stummheit behaftet sei? Er antwortete, er habe sich bisher mit dem Schutze des Vaters genügen lassen und habe erst jetzt die Sprache nötig gehabt, als er habe erleben müssen, dass die klugen Leute seiner Umgebung der Redefertigkeit der Ausländer gegenüber die Sprache verloren hätten. Als die Frage an ihn gerichtet wurde, weshalb er zwei und nicht einen herausgefordert habe, da antwortete er, diese Kampfesart habe er gewählt, damit die Tötung des Königs Athisl, die, weil von zweien herbeigeführt, eine Schande für die Dänen wäre, durch die tapfere That eines Mannes aufgewogen würde, und eine frische Probe von Tapferkeit das Andenken an die alte unrühmliche That austilge. So werde die alte entehrende Schuld durch den frischen Ruhm ausgelöscht werden. Wermund sagte, er habe in allem ganz recht geurteilt und mahnte ihn noch, die Verwendung der Waffen zu erlernen, an die er doch gar nicht gewöhnt sei. Als man sie ihm darbot, brachte Uffo durch seine weite Brust die Bänder der Rüstung, die für ihn zu eng war, zum Platzen, und man konnte keinen Panzer finden, der geräumig genug war, ihn zu fassen; [113] 113denn er war von so gewaltigem Wuchse, dass er die Rüstung eines andern nicht benutzen konnte. Als er schliesslich auch den Panzer seines Vaters mit gewaltsamer [153]  Einpressung des Leibes auseinander trieb, liess Wermund diesen Panzer auf der linken Seite aufschneiden und mit Spangen zusammenschnüren; es mache nichts aus, wenn der Körperteil, der durch den Schutz des Schildes gedeckt sei, dem Eisen bloss stehe. Er hiess ihn aber auch mit grosser Sorgfalt das Schwert wählen, das er ohne Schaden verwenden könne. Mehrere wurden ihm gebracht, aber wenn Uffo eins am Knauf erfasste, brach er es allemal beim Hin- und Herschwingen in Stücke, und es erwies sich kein Schwert so hart, dass er es nicht sogleich beim ersten Schwunge in einer Reihe von Brüchen zerschlug. Der König hatte aber ein ausnehmend scharfes Schwert, Skrep genannt, das alles, was es traf, mit einem Hiebe des Führers mitten durchdrang und zerspaltete; nichts war so hart, dass es seine Schneide, die darauf geschlagen wurde, hätte aufhalten können. Um dieses Schwert nicht seinen Nachfahren zu lassen, hatte er es, weil er seine Pracht keinem andern gönnte, tief in die Erde vergraben lassen; da er sich keine Hoffnung auf eine gute Entwicklung des Sohnes machen konnte, wollte er keinem andern das schöne Eisen überlassen. Als er jetzt gefragt wurde, ob er denn nicht ein Schwert habe, das der Kraft des Uffo entspräche, da sagte er, er habe eins, das er dessen Körperkraft entsprechend geben könne, wenn er den Ort wieder erkenne, wo er es vor Zeiten in die Erde geborgen, und es finden könne. Er liess sich auf das Feld führen, fand den Ort, nachdem er durch fortgesetzt an seine Führer gerichtete Fragen die Kennzeichen des Platzes der Vergrabung erhalten hatte, liess das Schwert aus der Höhlung heraufholen und seinem Sohne überreichen. Als Uffo es zerbrechlich vor Alter und von Rost angefressen sah, wagte er nicht, damit zu schlagen und fragte, ob er auch dieses wie die früheren erproben solle; er müsse doch wohl seine Güte feststellen, bevor er es zum Ernstkampfe verwende. Wermund aber erwiderte, wenn er auch dieses Schwert beim Schwingen zerbräche, dann sei kein anderes da, was seinen Kräften entspräche; er solle es also sein lassen, da man nicht wissen könne, wie es ablaufe. … [154] So geht es denn nach Verabredung zu dem ausgemachten Kampfplatze. Diesen Ort umgiebt der Eiderfluss so mit Umlauf seiner Gewässer, dass man wegen des Hemmnisses des dazwischen fliessenden Stromes nur mit dem Kahne dahin kommen kann. Dahin ging Uffo ganz allein, dem Sohne des Sachsenkönigs aber folgte ein kampfbewährter Kämpe; auf beiden Seiten stand die Biegungen des Flusslaufes entlang eine schaulustige Menge Kopf bei Kopf. Während alle ihre Augen gespannt auf dieses Schauspiel richteten, nahm Wermund seinen Platz auf dem Rande der Brücke, entschlossen im Flusse sein Ende zu suchen, wenn sein Sohn besiegt werden sollte. [116] 116Er wollte lieber den Untergang seines Sohnes begleiten, als den Sturz des Vaterlandes mit schmerzerfüllten Sinnen erleben. Uffo aber, auf den beide Gegner zugleich eindrangen, traute seinem Schwerte nicht recht und fing zunächst ihre Hiebe mit dem Schilde auf; er nahm sich vor, erst in aller Ruhe festzustellen, vor welchem unter den zweien er mehr auf seiner Hut sein müsse, um diesen dann mit einem Schwerthiebe zu treffen. Da Wermund meinte, er beschränke sich in dem entmutigenden Gefühle seiner Schwäche so lange auf das blosse Parieren der Hiebe, so rückte er in seinem Todesverlangen allmählich bis auf den abschüssigen Rand der Brücke, um durch einen jähen Sturz sein Ende zu suchen, sowie es um den Sohn geschehen sei. Jedoch den Alten, der mit so grosser Liebe an seinem Blute hing, schützte das Glück. Uffo rief dem Sohne des Königs zu, er solle ihn feuriger angehn, seiner erlauchten Geburt müsse er durch eine bemerkenswerte That der Tapferkeit entsprechen, es dürfe nicht so aussehen, als ob den Königssohn sein niedriggeborner Begleiter an Tapferkeit überrage. Den Kämpen aber mahnte er, um seinen Mut zu erforschen, er solle sich nicht so schüchtern hinter dem Rücken seines Herrn halten, er solle lieber das Vertrauen, das ein Königssohn auf ihn gesetzt, durch tüchtige Thaten im Kampfe rechtfertigen; sei er ja doch durch dessen Wahl als einziger Kampfgenosse zugezogen worden. Als dieser den Worten folgte und in seinem Ehrgefühle getroffen ihm näher [155]  rückte, schlug er ihn mit einem einzigen Hiebe mitten durch. Der Klang erquickte den Alten; jetzt höre er das Schwert seines Sohnes, sagte er, und fragte, welchen Körperteil er mit dem Hiebe getroffen habe. Als die Diener ihm berichteten, nicht einen einzelnen Teil des Körpers habe er getroffen, sondern sogleich den ganzen Leib des Mannes durchschlagen, da trat er von dem jäh abfallenden Rande weg wieder mitten auf die Brücke; so freudig, wie er das Todesgeschick gewünscht, suchte er jetzt wieder das Leben. Uffo wünschte den andern Feind gleichwie den ersten abzuthun und feuerte nunmehr den Königssohn mit drängenden Worten an, er solle den Manen des für ihn gefallenen Trabanten Rache als gebührende Todesfeier darbringen. Der musste notgedrungen auf diese Mahnung hin näher kommen; da erspähte Uffo bedachtsam die rechte Stelle für seinen Hieb, drehte das Schwert auf den Rücken, weil er fürchtete, dass die dünne Seite der Klinge seinen kräftigen Hieb nicht aushielt und durchschlug ihn mit einem Schlage, der den ganzen Körper mitten durchschnitt. Als Wermund das hörte, sagte er, Skreps Klang habe zum zweiten Male sein Ohr getroffen. Als seine Umgebung ihn versicherte, dass beide Gegner von seinem Sohne abgethan seien, da übermannte ihn die Freude so, dass Thränen über sein Antlitz rannen; so netzte Freude die Wangen, welche der Schmerz nicht hatte nass machen können. Die Sachsen, niedergeschlagen und gedemütigt, bestatteten die beiden Kämpfer mit bitterer Scham, den Uffo aber empfingen die Dänen mit freudigem Siegesjubel. [117] 117Nun kam die Schande ob der Erschlagung des Athisl zur Ruhe und fand ihr Ende in der Schmach der Sachsen.

So kam die Herrschaft über Sachsen an die Dänen, und nach dem Vater übernahm sie Uffo; er, von dem man nicht glaubte, dass er ein Reich richtig lenken werde, wurde Verwalter beider Reiche. Er wird von mehreren Olawus genannt und wegen seines massvollen Sinnes mit dem Beinamen „der Milde“ begabt. Von seinen weiteren Thaten hat das Altertum leider keine bestimmte Kenntnis überliefert, aber man darf glauben, dass deren Fortgang rühmlich gewesen ist, da [156] doch ihre Anfänge so volles Lobes sind. Ich muss mich mit so kurzer Erwähnung seiner Thaten begnügen, weil der Mangel an Schriften den Glanz der erlauchten Männer unseres Volkes um den Nachruhm betrogen hat. Wenn das Geschick unser Vaterland vor Zeiten mit der lateinischen Sprache beschenkt hätte, so würden unzählige Bände über die Thaten der Dänen zu lesen sein.

Dem Uffo folgte sein Sohn Dan. Nachdem dieser in Kämpfen gegen das Ausland mit einer Reihe von Siegen seinen Besitz erweitert hatte, entstellte er den erworbenen Ruhmesglanz durch den hässlichen Schandflecken des Hochmuts, so entartend von der Ehrbarkeit seines erlauchten Vaters, dass, während jener alle anderen an Besonnenheit übertroffen, er aufgebläht durch hochmütige Uberhebung alle verachtete. Nicht allein dies, er zerstreute auch in Sünden die ererbten Güter und was er selbst durch die Beute von ausländischen Völkern erworben hatte; den Schatz, welcher königlichem Glanze hätte dienen sollen, warf er in den gierigen Schlund der Verschwendungssucht. So fallen bisweilen von ihren Vorfahren Söhne ab, die ihnen in ihren vorbedeutenden Anfängen ähnlich zu werden versprachen.

Nach ihm regierte Hugletus, der die Herrscher von Schweden Hömothus und Högrimus in einer Seeschlacht geschlagen haben soll.

Auf diesen folgte Frotho mit dem Beinamen der Frische, der seinen rühmlichen Beinamen durch die Festigkeit seines Körpers und seines Sinnes wahr machte; er überwand 10 Jarle von Norwegen im Kriege und betrat die Insel, die später nach ihm benannt worden ist, um zuletzt auch den König anzugreifen. Das war Frogerus, hervorleuchtend durch doppeltes Los, weil er, nicht minder durch die Waffen als durch seinen Schatz berühmt, seine königliche Machtstellung durch sein Auftreten als Kämpe zierte und nicht minderes Ansehen seinen Siegen in den Kämpfen als seiner hohen Würde verdankte. Er war, wie einige fabeln, ein Sohn des Othin und erhielt von den unsterblichen Göttern, die ihm ein [157]  Geschenk machen sollten, die Gnade, dass er von niemand besiegt werden konnte, ausser wenn jemand zur Kampfzeit den Staub, der unter seinen Füssen lag, aufraffen könnte.

Trotzdem Frotho wusste, [118] 118dass ihn die Götter durch ihre Gabe festgemacht hatten, schickte er ihm doch eine Herausforderung zum Zweikampfe zu; er wollte versuchen der Gnade der Götter durch List beizukommen. Zunächst also schützte er Unkenntnis vor und ersuchte ihn selbst um Unterweisung in den Kampfregeln, denn darauf verstehe er sich ja einzig infolge seiner eingehenden Übung und Erfahrung. Froger fühlte sich sehr geschmeichelt, dass der Gegner nicht nur seine grössere Erfahrung willig anerkannte, sondern sogar bittend sich an sie wandte, und sagte, das sei sehr weise von ihm, dass er seinen jugendlichen Sinn der Weisheit eines Alten unterordne; denn sein Gesicht, von Narben frei, und seine Stirn, von keinen Waffenspuren durchfurcht, beweise ja, dass seine Erfahrung darin noch schwach sei. So steckte er denn einander gegenüber auf dem Boden zwei quadratische Räume ab, gebildet aus Seiten je eine Elle lang, um seine Unterweisung mit der Einrichtung der Plätze zu beginnen. Als sie abgesteckt waren, trat ein jeder auf den für ihn bestimmten Platz. Da forderte Frotho den Froger auf, mit ihm Waffen und Platz zu tauschen. Froger sagte gern zu; es lockte ihn der Glanz der Waffen seines Gegners, denn Frotho führte ein Schwert mit goldenem Knaufe, einen Panzer, der in gleichem Glanze erstrahlte, auch einen Helm, der in derselben Weise mit vorzüglichem Schimmer geschmückt war. Nun raffte Frotho den Staub von der Stelle auf, die Froger soeben verlassen hatte, weil er darin eine Vorbedeutung für den Sieg sah. Das weissagende Zeichen täuschte ihn nicht: er erschlug sofort den Froger und hatte durch einen kleinen verschmitzten Streich grossen Ruhm als tapferer Kämpfer erlangt. Was vorher aller Kraft versagt geblieben, das setzte Schlauheit durch.

Nach ihm übernahm Dan die Regierung. Als dieser im 12. Lebensjahre stand, wurde er durch unverschämte Gesandtschaften [158] belästigt: er sollte den Sachsen Tribut zahlen, sonst würde er Krieg haben. Seine Ehrliebe nahm lieber den Kampf als Tributzahlung und trieb ihn an, anstatt eines feigen Lebens einen tapferen Tod zu wählen. Er nahm also die Entscheidung durch den Kampf; die Mannschaft der Dänen füllte die Elbe mit so grosser Menge von Fahrzeugen an, dass die aneinander stossenden Verdecke der Schiffe einen leichten Übergang über den Fluss wie auf einer festen Brücke darboten. So musste der König der Sachsen sich zu derselben Bedingung verstehen, die er den Dänen hatte aufzwingen wollen.

Nach Dan bestieg Fridlewus mit dem Beinamen der Schnelle den Thron. Während seiner Regierung griff Hwyrwillus, der Fürst von Holandia nach Abschluss eines Bündnisses mit den Dänen, Norwegen an. Für seine Thaten war es ein nicht geringer Zuwachs an Ruhm, dass er die Rusila, eine Jungfrau, die mit kriegerischem Sinne Kämpfe suchte, mit Waffen bezwang und Mannesruhm durch den Sieg über einen weiblichen Feind errang. Er gewann aber auch fünf Genossen von ihr, Broddo, Bildus, Bugo, [119] 119Fanningus und Gunholmus, Söhne des Fyn, zu einem Bündnisse, durch ihre herrlichen Thaten bewogen. Auf ihre Genossenschaft vertrauend, zerschnitt er das Bündnis, das er mit den Dänen geschlossen hatte, mit dem Schwerte. Sein Einbruch war um so schädlicher, weil er trügerisch war; denn die Dänen konnten nicht vermuten, dass der Freund so plötzlich sich in einen Feind verwandeln würde. So leicht ist bei manchen Leuten der Übergang aus einem Freundschaftsverhältnisse zur Feindschaft; ich möchte glauben, dass nach dem Vorbilde dieses Mannes unserer Zeit Sitten sich gestaltet haben, die wir Lügen und Trügen nicht für entehrende Laster halten. Als er die Südstriche von Seeland heimsuchte, stellte ihn Fridlew zum Kampfe in dem Hafen, welcher später mit seinem Namen genannt worden ist [63]. In dieser Schlacht wurde im Wettstreite um den Ruhm von [159]  den Mannen mit so grosser Tapferkeit gekämpft, dass beide Heere vollständig aufgerieben wurden; nur wenige entgingen dem Tode durch die Flucht; keinem Teile fiel der Sieg zu, wo beiden die gleiche Wunde geschlagen war; in allen war eben die Liebe zum Ruhme grösser, als die Liebe zum Leben. Die von dem Heere des Hwyrwill noch übrig waren, banden, um zusammenzuhalten, in der Nacht die Reste ihrer Flotte mit Tauen hüben und drüben zusammen. In derselben Nacht aber kappten Bild und Broddo diese Taue, durch welche die Schiffe zusammenhingen und trieben in aller Stille ihre Fahrzeuge aus dem Verbande mit den andern weg: durch Preisgabe ihrer Brüder frönten sie ihrer Furcht und gehorchten mehr den Antrieben der Angst als der Liebe zu den Blutsverwandten. Als am nächsten Tage Fridlew den Hwyrwill, Gunholm, Bugo und Fanning allein aus dem grossen Gemetzel der Mannen noch übrig sah, beschloss er allein mit allen zu kämpfen, damit nicht die armseligen Reste der Leute von neuem der Gefahr sich aussetzen müssten; ihm gab das Selbstvertrauen neben der ihm innewohnenden Tapferkeit auch ein Hemd, das dem Eisen Trotz bot. Dieses Hemd benutzte er in Schlachten und in Zweikämpfen als ein Gewand, das das Leben sicherte. Der glückliche Ausgang des Kampfes, den er so mutig unternahm, entsprach seiner Tapferkeit: den Hwyrwill, Bugo und Fanning erlegte er, und dann tötete er den Gunholm, der das Schwert des Gegners mit Zaubersprüchen stumpf zu machen verstand, durch Hiebe mit dem Schwertknaufe. Da er aber allzu hitzig die Klinge mit der Hand fasste, wurden die Sehnen durchschnitten, versagten den Dienst, und die (einwärts) zur Handfläche gebogenen Finger blieben davon Zeit seines Lebens krumm.

Als er Dublin, die Hauptstadt von Irland, belagerte und sah, dass die Festigkeit der Mauern eine Erstürmung unmöglich machte, gab er in Nachahmung des schlauen Kunstgriffs des Hading die Weisung, an die Schwingen von Schwalben Zunder mit eingeschlossenem Feuer anzuheften; [120] 120als diese nun in ihre Nester flogen, erstrahlten plötzlich die Häuser in Flammenschein. Die Einwohner liefen zusammen, um zu [160] löschen und hatten ihr Augenmerk mehr auf die Dämpfung des Feuers gerichtet, als auf die Hut vor den Feinden; so wurde Dublin genommen. Darauf verlor er in Britannien im Kampfe Leute, und da ihm deshalb der Rückweg zum Strande schwierig zu werden drohte, liess er die Leichname der Gefallenen aufrichten und in die Schlachtreihe stellen; damit brachte er das frühere Aussehen des Heeres so täuschend vor Augen, dass diesem der äusseren Erscheinung nach durch so grossen Verlust nichts entzogen zu sein schien. Dadurch benahm er dem Feinde nicht allein den Mut zu einem Kampfe, sondern jagte ihm sogar die Lust ein, die Flucht zu ergreifen.

[161]

Fünftes Buch.

[121] 121Nach dem Tode des Fridlew wurde durch einmütigen Beschluss der Dänen sein Sohn Frotho, sieben Jahre alt, an seine Stelle gewählt. Zugleich wurde von einer vorher abgehaltenen Volksversammlung beschlossen, dass während der Minderjährigkeit des Königs Vormünder bestellt werden sollten, damit nicht wegen des unerwachsenen Königs das Reich zusammenbräche. So sehr fühlte man sich dem Namen und Andenken des Fridlew verpflichtet, dass man seinem so jungen Nachkommen die Herrschaft zugestand. Es wurde also Umschau nach den Besten gehalten und für die Aufgabe der Erziehung des Königs die Brüder Westmarus und Kolo berufen. Dem Isulfus und Aggo und acht anderen Männern des hohen Adels wurde nicht nur die Vormundschaft über den König anvertraut, sondern auch die Regierungsgewalt unter ihm überwiesen. Sie besassen dazu ausreichende Befähigung in jeder Beziehung, da ihnen treffliche Gaben nicht allein am Körper sondern auch am Geiste eigen waren. So schützte das dänische Reich, bis der König zu seinen Jahren käme, die Thätigkeit von Stellvertretern.

Die Gemahlin des Kolo war Götwara, die mit ihrer hervorragenden, schlagfertigen Redegewandtheit alle zum Schweigen brachte, mochten sie auch noch so beredt und zungenschnell sein. Denn in der Wechselrede war sie mächtig und in jeder Art von Wortstreit unerschöpflich. Mit Worten kämpfte sie, nicht allein mit Fragen ausgerüstet, sondern auch mit schlagenden Antworten gewappnet. Die kampfunfähige [162] Frau konnte niemand niederkämpfen, denn sie entlieh ihre Speere von der Zunge. Die einen brachte sie mit ihrem reichen Vorrate von frechen Worten zum Schweigen, die andern verwickelte sie so zu sagen in das Netz ihrer Wortzweideutigkeiten und that sie ab mit den Schlingen ihrer Trugschlüsse. So lebendig war der Geist der Frau. Dazu schaltete sie frei darin, Abmachungen zu treffen und aufzuheben, [122] 122die Macht zu beiden verlieh ihr eben der Stachel ihrer Zunge; sie verstand also, Verträge zu lösen und zu binden: für beides erwies sich ihre Zunge als gleich geeignetes Werkzeug.

Zwölf Söhne hatte Westmar, von denen drei den Namen Grep führten. Diese waren zugleich empfangen, und ein und dieselbe Geburt hatte sie zur Welt gefördert, die Gleichheit der Entstehung wiesen sie noch in dem gemeinsamen Namen auf. Sie besassen aussergewöhnliche Gewandtheit im Faust- und Schwertkampfe. [Auch hatte Frotho dem Hoddo die Gewalt zur See übertragen, er war der nächste Verwandte des Königs.] Kolo erfreute sich des Besitzes von drei Söhnen. [Zu der Zeit hatte ein Bruderssohn des Frotho das Kommando zur See zum Schutze des Landes[64]]. Gunwara war die Schwester des Königs; sie hiess wegen ihrer ausnehmenden Anmut „die Schöne“. Die Söhne des Westmar und Kolo, jung an Alter und hitzig an Sinn, wie sie waren, wandelten das Gefühl ihrer Kraft zu Frechheit um, lenkten ihren durch Schandthaten befleckten Sinn auf schlimme und verworfene Gewohnheiten. So unverschämt und unbändig traten sie auf, dass sie anderer Bräute und Töchter entehrten und die Keuschheit zu ächten und in das Hurenhaus zu verweisen schienen. Sie beschmutzten auch das Bett von Frauen und liessen auch das Lager von Jungfrauen nicht unangetastet. Keines Ehebett war sicher vor Befleckung, und jeder Ort im ganzen Lande hatte die Spuren ihrer Lüste aufzuweisen. Die Männer wurden von der Furcht gequält, die Weiber mit Misshandlung ihres Leibes. Die Schandthaten fanden willige [163] Nachfolge; es schwand die Achtung vor dem Eheband, gewaltsamer Liebesgenuss wurde allgemein. Die Liebe wurde auf der Strasse gesucht, die Heiligkeit der Ehe verschwand. Mit Gewalt nahm man Wollust. Schuld war der Friede, da die kräftigen Menschen, die keine Arbeit hatten, infolge der Ruhe, die so gern auf Abwege führt, den sittlichen Halt verloren. Endlich erfrechte sich Grep, der älteste von den Gleichnamigen, einen Hafen für seine schweifenden Lüste in der Liebe der Schwester des Königs zu suchen, um die weit sich ausbreitende Regung seiner Sinnlichkeit auf einen Punkt festzulegen. Mit Unrecht; denn es ziemte sich zwar, die schweifende und unstäte Lüsternheit unter die Zügel der Sittlichkeit zu nehmen, aber unverschämt war es, dass ein Gemeinfreier seine Augen zu der Königstochter erhob. Sie suchte aus Furcht vor seiner Frechheit ein von einem Walle umgebenes Gemach auf, um sicher vor Unbill zu sein. Dreissig Diener zog sie zu, die sie unausgesetzt behüten und bewachen sollten.

Die Hauskerle des Frotho, die für ihre Kleider der weiblichen Hilfe entbehrten – sie konnten weder neues nähen, noch zerschlissenes ausbessern lassen –, lagen den König dringend an, sich zu verheiraten. [123] 123Er entschuldigte anfangs seine Weigerung mit seiner grossen Jugend, gab aber schliesslich doch der unablässigen Bitte der Seinigen nach. Als er seine Mahner ernstlich nach einer für ihn geeigneten Frau fragte, wurde ihm in erster Linie die Tochter des Hunnenkönigs empfohlen. Dem gegenüber sagte Frotho, der immer noch auf Mittel und Wege dachte sich zu weigern: er habe von seinem Vater die Lehre erhalten, den Königen bringe es keinen Nutzen, einen Ehebund in weiter Ferne zu suchen; eine Frau müsse der König sich aus einem Nachbarlande holen. Als Götwara das vernahm, erkannte sie, dass des Königs Widerstand gegen seine Umgebung nicht ernst gemeint war. Um seinem wankenden Entschlusse Halt zu geben und das Selbstvertrauen des zaghaften Sinnes aufzurichten, sagte sie: „Jünglingen gebührt Hochzeit, Greisen ist das Grab beschieden. Der Jugend Schritte gehen vorwärts in glückhafter [164] Wunscherfüllung, hilflos neigt zum Ende das Alter. Die Hoffnung begleitet die Jugend, das Greisenalter beugt hoffnungsloser Verfall. Es wächst das Los der Jugend, niemals lässt es ungethan, was es begonnen.“ Infolge der Hochachtung vor diesen Weisheitssprüchen wird sie (von Frotho) ersucht, die Aufgabe der Werbung zu übernehmen, aber sie schützte ihr hohes Alter vor, um den Auftrag abzulehnen; sie könne wegen der Schwäche ihres Alters nicht die Trägerin eines so schwierigen Auftrags sein. Der König sah, dass hier ein Kleinod nötig sei, liess eine goldene Halskette bringen und versprach sie ihr als Lohn der Botschaft. Die Halskette wies Gravierarbeit verknüpfter Medaillons mit Bildnissen von Königen auf, die durch einen Zug an einem innen angebrachten Faden bald zusammengezogen bald auseinandergezogen werden konnten, ein Schmuck, der mehr zum Prunke als zur Verwendung im Gebrauche angefertigt war. Auch Westmar und Kolo mit ihren Söhnen geruhte Frotho für diese Gesandtschaft zu berufen, weil er meinte, dass ihr gewandtes Auftreten sie nicht dem Schimpfe einer Abweisung aussetzen würde.

Diese alle gingen zugleich mit der Götwara ab und wurden vom Könige der Hunnen erst mit einem dreitägigen Gelage empfangen, ehe sie den Zweck ihrer Gesandtschaft mitteilen sollten. So pflegte man in alter Zeit Gäste aufzunehmen. Nachdem also das Gelage über drei Tage sich erstreckt hatte, trat die Königstochter auf, um in feingesitteter Ansprache das Wohlgefallen der Gesandten zu gewinnen, und ihre erheiternde Anwesenheit erhöhte noch die Tafelfreuden der Gäste. Beim Kreisen der Becher eröffnete ihr Westmar im Scherzgespräch allmählich ihre ganze Absicht, um den Sinn der Jungfrau in vertraulicher Anrede zu erproben. Um sich keiner Abweisung auszusetzen, griff er mit scherzendem Spasse der Aufgabe der Gesandtschaft vorauf, indem er sich erkühnte, unter dem Gelärme des Gastmahls ein neckendes Gespräch mit ihr anzufangen. Sie sagte, sie wolle von Frotho nichts wissen, denn er ermangele vollständig des Ruhms; [124] 124vor Zeiten wurden nur die als geeignet für die Ehe mit einer vornehmen Frau [165] erachtet, die sich durch den Glanz hervorragender Thaten grossen Ruhmespreis erworben hatten; Thatenlosigkeit war der schlimmste Fehler an einem Freier. Auch die Jungfrauen bewunderten nicht sowohl schönes Äussere an ihren Freiern, als ruhmreich vollbrachte Thaten. Wer sich um eine Frau bewarb, an dem wurde nichts mehr getadelt, als Mangel an Berühmtheit; nur reicher Ruhm liess ihn auch in allen andern Beziehungen als reich erscheinen. Daher überliessen die Gesandten, die mutlos an der Erfüllung ihrer Aufgabe verzweifelten, die weiteren Schritte in dieser Sache der weisen Götwara. Sie versuchte nicht allein durch Worte, sondern auch durch Liebestränke den Widerstand der Jungfrau zu brechen: sie redete ihr also vor, Frotho könne die linke Hand so gut gebrauchen, wie die rechte, besitze eine vorzügliche Gewandtheit im Schwimmen und Kämpfen; sie brachte ihr aber auch einen Trank bei und verwandelte den starren Sinn des Mädchens in Liebesglut, setzte Liebesdrang an die Stelle der beseitigten Abneigung. Darauf hiess sie den Westmar und Kolo in aller Form vor den König treten und noch einmal ernstlich ihre Botschaft vorbringen; wenn sie ihn schwierig fänden, so sollten sie einer Abweisung durch eine Herausforderung zuvorkommen.

Als daher Westmar mit seinen Begleitern in Waffen die Königshalle betrat, sagte er: „Nunmehr muss man entweder unsere Bitte erfüllen oder mit uns kämpfen. Wir haben uns dahin entschieden, rühmlich zu sterben, ehe wir ohne Erfüllung unseres Auftrags zurückkehren; wir wollen nicht, wenn uns schnöde Zurückweisung trifft, und wir unser Vorhaben nicht ausführen können, von hier, wo wir Ruhm zu erwerben hofften, das Gegenteil davon mit nach Hause bringen. Wenn Du die Tochter versagst, so gewähre Kampf; eins von beiden musst Du geben. Wir wollen sterben oder erhört werden. Wenn wir bei Dir keine freudvolle Ernte gewinnen, so wollen wir eine leidvolle halten. Frotho wird die Kunde von unserem Tode lieber hören, als von unserer Zurückweisung.“ Nicht mehr sprach er und drohte, den König mit dem Schwerte zu Tode zu treffen. Dagegen sagte der König, es gebühre sich [166] nicht, dass königliche Hoheit sich dem zu gleichem Kampfe stelle, der tief unter ihr stehe; es gehöre sich nicht, die in gleichem Kampfe sich gegenüber zu stellen, die an Würde ungleich seien. Jedoch Westmar liess in seinem Drängen zum Kampfe nicht nach und wurde schliesslich darauf verwiesen, den Sinn der Jungfrau selbst zu erforschen, weil die Alten bei der Wahl des Mannes den Töchtern volle Freiheit zu lassen pflegten; der König schwankte nämlich zwischen Furcht vor dem Kampfe und Schamgefühl in ängstlichem Zagen hin und her, ohne zu einem festen Entschlusse zu kommen. So wurde Westmar auf die Herzensansicht des Mädchens verwiesen. Er wusste, dass alle Frauen wetterwendischen Sinnes und also auch wechselnden Entschlusses sind; daher ging er mit grosser Zuversicht ans Werk, weil Erfahrung ihn gelehrt hatte, [125] 125dass die Neigungen der Jungfrauen sehr veränderlich sind. Auch die Erwägung hob noch sein Vertrauen zu seinem Geschäfte und brachte seinem Eifer Hoffnung, dass die Unerfahrenheit der Jungfrau, die nur auf ihr eigenes Urteil angewiesen war, und die Selbständigkeit der Frau, die er mit feinen Schmeicheleien ködern würde, leicht von dem einen Entschlusse abzubringen und rasch zum Eingehen auf einen andern zu bestimmen sei. Der Vater aber ging den Gesandten auf dem Fusse nach, um den Willen seiner Tochter sicher zu sehen. Da nun die Jungfrau durch die geheime Wirkung des Liebestrankes zur Liebe gegen ihren Freier geführt war, so erklärte sie, über die geistigen Gaben des Frotho habe sie zwar keine Gewissheit durch die Kunde, aber doch frohe Erwartung, da er ja sein Geschlecht von einem erlauchten Vater herleite, und jedes Geschöpf seinem Ursprunge zu entsprechen pflege. So sei ihr denn der Mann genehm nicht wegen des Ruhmes, den er schon besitze, sondern des, der ihm sicher sei. Der Vater war zwar über diese Antwort sehr erstaunt, wollte aber die der Tochter überlassene freie Wahl nicht widerrufen und versprach sie dem Frotho zur Ehe. Nun wurde genügender Mundvorrat besorgt, er nahm die Tochter und eilte in prächtiger Ausrüstung, gefolgt von den Gesandten, nach Dänemark, in dem Gedanken, dass [167] niemand besser als der Vater die Tochter zur Hochzeit geleiten könne. Frotho empfing hocherfreut die Braut und nahm seinen zukünftigen Schwiegervater höchst ehrenvoll auf; als die Hochzeit gefeiert war, entliess er ihn nach Hause mit reichen Geschenken an Gold und Silber.

So verlebte Frotho mit der Hanunda (das war die Tochter des Hunnenkönigs) drei Jahre im schönsten Frieden. Seine Hauskerle aber wurden üppig infolge des Nichtsthuns und brachten den aus der Ruhe erwachsenden Mutwillen in allerhand schändlichen Thaten zum Vorschein. Die einen zogen sie an Stricken in die Höhe und peinigten sie in der Weise, dass sie sie wie einen Treibball auf und abschwingen liessen, andere liessen sie auf eine Bockshaut treten und brachten sie, wenn sie nicht aufpassten, auf dem schlüpfrigen Felle durch einen Zug an einem versteckten Seile zu Falle, anderen zogen sie die Kleider aus und zerfleischten sie durch Peitschenhiebe, andere hefteten sie an Keulen und verhängten über sie eine Schein-Aufhängung wie mit dem Strick; anderen sengten sie Bart- und Kopfhaar mit brennenden Kienspänen ab, anderen verbrannten sie die Scham mit einem darunter gehaltenen Feuerbrande. Jungfrauen liessen sie nicht eher heiraten, als bis sie ihnen ihre Keuschheit geopfert. Die Fremden warfen sie mit Knochen, andere zwangen sie zu Unmässigkeit und liessen sie von dem übermässigen Trunke bersten. Niemand durfte seine Tochter verheiraten, wenn er nicht erst ihre Gunst und Huld erkauft hatte. Keiner durfte sich eine Frau nehmen, wenn er nicht erst ihre Zustimmung teuer erkaufte. Ausserdem liessen sie ihre ungebundene, sündhafte Wollust nicht nur über unverheiratete ergehen, sondern auch ohne Unterschied über verheiratete Frauen. Ihre mit Frechheit gemischte [126] 126Wut hielt eine doppelte Art von Raserei in Bewegung. Fremden Gästen wurden als Willkommen Schimpfworte entgegengebracht. So viele Formen der Verhöhnung wurden von den frechen und mutwilligen Leuten erfunden, so sehr wuchs die Frechheit durch die Ungebundenheit heran unter einem jungen Könige. Denn nichts ruft so sehr Zügellosigkeit im Sündigen hervor, wie der [168] Aufschub von Ahndung und Strafe. Eine so zügellose Frechheit der Hauskerle machte den König im Auslande wie in der Heimat in gleicher Weise verhasst. Die Dänen seufzten unter der rücksichtslosen und grausamen Regierung. Grep aber, nicht zufrieden mit niedrigen Geliebten, verstieg sich sogar zu der Frechheit, mit der Königin zu buhlen und seinem Könige gegenüber ebenso treulos zu werden, wie den übrigen gegenüber gewaltsam. Allmählich wuchs die Schande heran, und mit stillem Schritte verbreitete sich der Verdacht des verbrecherischen Verkehrs immer weiter, schliesslich aller Welt bekannt, nur nicht dem Könige. Denn Grep hatte eine Klage gegen sich zu einer gefährlichen Sache gemacht, weil er gegen alle vorging, die nur die leiseste Andeutung von dem Vorgange machten. Trotz alledem wurde die Vermutung des Verbrechens erst durch heimliches Flüstern genährt, dann durch offenes Gerücht; denn wer um eines anderen Schandthat weiss, verbirgt nur schwer seine Kenntnis. Freier um Gunwara meldeten sich viele. Deshalb verlangte Grep, um Rache für seine Abweisung durch heimliche Kunstgriffe zu erlangen, für sich die Entscheidung über die Würdigkeit der Freier: die Jungfrau sei nur für eine ganz ausgesuchte Heirat bestimmt. Seinen Ärger verbarg er, damit es nicht scheine, als habe er das Amt gesucht aus Hass gegen die Jungfrau. Auf seine Bitte überliess ihm der König, den Wert der Freier zu prüfen. So berief er denn alle Freier der Gunwara zusammen unter dem Scheine eines Mahles, liess ihnen dann die Köpfe abschneiden und das Gemach, in welchem das Mädchen hauste, mit ihnen rings umstecken und schuf damit den andern ein grauses Schauspiel. Sein Einfluss auf Frotho wurde aber dadurch nicht gemindert, er war und blieb der Vertraute des Königs. Er führte es ein, dass man eine Audienz bei dem Könige erkaufen musste: niemand werde ihn sprechen, der nicht Geschenke bringe. Denn er erklärte, den Zutritt zu einem so grossen Fürsten dürfe man nicht in gewöhnlicher Form, sondern nur durch eifrige Bewerbung erlangen; so wollte er die Schande seiner Grausamkeit durch den Schein der Liebe zu seinem Könige mindern. [169] Das so geplagte Volk übte die Klage ob seiner Bedrängnis nur in verborgenen Seufzern. Keiner besass den Mut, über das Elend seiner Lage öffentlich zu schelten; keiner dachte an das Wagnis, die über sie herfallende Bosheit durch ein offenes Wort ins Licht zu stellen. Innerer Schmerz zerfleischte aller Herzen, verborgen und deshalb um so schärfer.

Als das Götarus, der König von Norwegen erfuhr, berief er seine Mannen zu einer Versammlung und legte ihnen vor, dass die Dänen ihres Königs überdrüssig wären; [127] 127sie wünschten mit Sehnsucht einen andern, wenn sie die Macht dazu erhielten, und er habe sich entschlossen, das Heer dahin zu führen; leicht könne Dänemark erworben werden, wenn man es nur mit den Waffen in der Hand betrete; Frotho herrsche sowohl habgierig als auch grausam über das Land. Da trat Ericus auf und unterbrach den König durch entgegengesetzte Ausführung. „Oft“, sagte er, „wir erinnern uns, büsst das eigne Gut ein, wer nach fremdem Besitze seine Hände ausstreckt; wer nach zwei Dingen hascht, dem entgehen sie beide. Das muss ein kräftiger Vogel sein, der den Klauen eines andern die Beute entreissen will. Dich ermutigt die innere Unzufriedenheit des Landes, aber mit Unrecht; denn diese verscheucht in der Regel das Auftreten eines Feindes. Wenn auch die Dänen jetzt zwiespältiger Natur zu sein scheinen, so werden sie doch einem Feinde sofort einmütig entgegen treten. Oft haben hadernde Eber Wölfe zur Eintracht gebracht. Ein jeder zieht den angestammten Herrscher einem Ausländer vor; ein jedes Land ehrt inniger den heimischen König als einen Fremden. Auch wird Frotho nicht zu Hause auf dich warten, sondern er wird dir auf dem Zuge ausserhalb seines Landes entgegentreten. Mit den Spitzen ihrer Krallen rupfen sich die Adler, mit den Schnäbel kämpfen die Vögel[65]. Du weisst selbst, eines Weisen Erwägung muss frei von Reue sein. Du hast ein zahlreiches Gefolge. Dir bleibe deine Ruhe; du wirst ja wohl so ziemlich der Macht gewiss sein können, den Krieg durch andere führen zu lassen. [170] Zuerst mag der Vasall erproben, ob das Glück dem Könige günstig ist. Sorge für dein Leben in Frieden, greife die Sache an auf Gefahr anderer. Es ist besser, dass der Knecht umkomme, denn der Herr. Was dem Schmiede die Zange, das mag dir der Trabant thun; jener verhütet mit Hilfe des Eisengerätes eine Verbrennung seiner Hand und schützt sich vor einer Versengung der Finger. Auch du lerne dich schonen und decken durch die Hilfe der Deinen.“ So weit Erik. Götarus staunte, dass Erik, der bisher für unklug gehalten worden war, seine ganze Antwort mit gewählten und gewuchtigen Sinnsprüchen geziert hatte und beschenkte ihn mit dem Beinamen „der Beredte“, denn er urteilte, dass seine hervorragende Klugheit mit der Ehre einer Beibenennung bedacht werden müsse. Bisher hatte sein Bruder Rollerus seinen Bruder durch den absonderlichen Glanz seiner Person vollständig in den Schatten gestellt. Erik bat, es möge der Namengebung auch etwas Handgreifliches beigefügt werden: Namengebung müsse durch ein Geschenk als Zugabe empfohlen werden. Der König schenkte ein Schiff, Scröter nannten es die Ruderer. Es waren aber Erik und Roller die Söhne des Kämpen Regner, Söhne von einem Vater, aber nicht von einer Mutter. Die Mutter des Roller und Stiefmutter des Erik hiess Kraka.

[128] 128Somit fiel nun einem gewissen Rafn durch Gewährung des Königs die Aufgabe zu, auf einem Seezuge die Dänen anzugreifen. Ihm trat Oddo entgegen, der damals das höchste Ansehen als Wiking bei den Dänen unbestritten genoss, ein Zauberer, so dass er oft ohne Kiel das Meer durchstreifend die feindlichen Schiffe durch Stürme, durch seine Zaubersprüche hervorgerufen, scheitern lassen konnte. Um nicht mit anderen Wikingern auf einen Kampf mit den Streitkräften zur See sich einlassen zu müssen, pflegte er die Wogen des Meeres durch seine Zauberei zu erregen und sie zu benutzen, um Schiffbruch über jene zu bringen. Gegen Kaufleute war er unerbittlich grausam, gegen Bauern gnädig; er mass Waren und Pflugsterz nicht mit demselben Masse, die reinliche Bauernarbeit stellte er über das schmutzige Jagen nach Geldgewinn. [171] Als er nun mit den Normannen[66] in Kampf geriet, da blendete er mit kräftigen Zaubersprüchen das Gesicht der Feinde, dass sie vermeinten, die gezückten Schwerter der Dänen würfen aus der Ferne Strahlen und sprühten Funken, gleichsam Flammen ausspeiend. So geschwächt waren ihre Augen, dass sie nicht einmal auf das aus der Scheide gezogene Schwert blicken konnten; durch den Glanz geblendet konnte die Sehkraft das zauberische Schimmern nicht aushalten. Rafn wurde also mit dem grössten Teile seiner Leute erschlagen, nur sechs Schiffe entkamen nach Norwegen und konnten dem Könige die Lehre geben, dass die Dänen nicht so leicht niedergeworfen werden könnten. Sie verbreiteten auch die Kunde, dass Frotho nur gestützt auf seine Kämpen, aber unter Widerstreben des Volkes König sei, da seine Regierung eine Gewaltherrschaft geworden sei[67].

Um festzustellen, was an dem Gerüchte sei, gelobte Roller, wie er gern fremde Länder sah und fremde Zustände erforschte, er wolle in die nähere Umgebung des Königs zu gelangen suchen. Erik sagte, das sei ein törichtes Vorhaben, obwohl er ein Riese an Körper sei; schliesslich aber, als er sah, dass jener an seinem Vorsatze unerschütterlich festhielt, band er sich durch das gleiche Gelöbnis. Der König versprach ihnen zu Begleitern zu geben, wen sie sich selbst auswählten. Nun gefiel es den Beiden, zuerst zu ihrem Vater zu gehen und ihn um Lebensmittel und sonstige Bedürfnisse für eine so weite Fahrt zu bitten. Sie wurden von ihm väterlich aufgenommen und am nächsten Tage in den Wald geführt zur Besichtigung des Viehs; der Alte hatte nämlich sehr viele [172] Herden; auch wurden ihnen Schätze vor Augen geführt, die lange in versteckten Erdhöhlen verborgen gewesen waren; sie durften davon nehmen, was ihnen gefiel. Sie ergriffen natürlich rasch das Anerbieten, die Schätze wurden aus dem Boden geholt, und sie nahmen, was sie gut däuchte. Ihre Schiffsmannschaft pflegte sich entweder behaglich oder übte sich mit Werfen von schweren Steinen. Die einen machten sich Bewegung durch Springen, die andern durch Laufen; diese übten ihre Körperkräfte [129] 129durch gewuchtigen Schwung von Steinen, jene erprobten sich mit gespanntem Bogen im Gebrauche des Pfeils; so suchten sie Festigung der Kraft in mannichfacher[WS 5] Bewegung; es gab freilich auch andere, die sich voll tranken, um tüchtig zu schlafen. Darauf[68] wurde Roller nach Hause geschickt, um zu sehen, was da inzwischen vorgefallen sei. Als er von der Hütte der Mutter Rauch aufsteigen sah, trat er an die Aussenwand, und durch ein kleines Loch, an das er heimlich sein Auge anlegte, sah er in das Gemach hinein und bemerkte, wie seine Mutter in einem unförmigen Topfe gekochten Brei rührte. Ausserdem erblickte er noch drei Schlangen oben an einem dünnen Stricke hangen, aus deren Maule Geifer floss und tropfenweis die Feuchtigkeit für die Speise hergab. Zwei waren schwarz, die dritte hatte weisse Schuppen und war ein wenig höher gehängt, als die andern. Diese hatte einen Knoten im Schwanze, während bei den andern der Strick, von dem sie gehalten wurden, um den Bauch geschlungen war. Er dachte, das sähe ja aus wie Hexenwerk und verschwieg, was er gesehen hatte, um nicht seine Mutter der Zauberei zu beschuldigen. Er wusste nämlich nicht, dass die Natur der Schlangen unschädlich war, auch nicht, welche Kraft die Speise geben sollte. Als nun Regner und Erik noch dazu kamen und das Haus rauchen sahen, gingen sie alle hinein und setzten sich. [173] Als sie am Tische sassen, setzte Kraka ihrem Sohne und Erik, dem Stiefsohne, die zusammen essen sollten, eine Schüssel mit verschieden gefärbter Speise vor. Ein Teil nämlich war schwarz, aber von safranfarbigen Tupfen untersprengt, ein Teil erschien weiss; dem verschiedenen Aussehen der Schlangen entsprechend hatte eine doppelte Farbe den Brei gefärbt. Als jeder erst einen einzigen Bissen davon genossen hatte, drehte Erik, der die Speise nicht nach ihrer Farbe, sondern nur nach der Wirkung der inneren Kraft beurteilte, schnell die Schüssel um und brachte den schwarz aussehenden Teil des Mahles, der aber mit besserem Safte zugerichtet war, zu sich heran und drehte die weisse Hälfte, die zuerst vor ihm stand, dem Roller zu; so speiste er mit mehr Glück. Und damit man nicht die Absicht bei der Umwechselung merkte, sagte er, so drehe sich bei starkem Sturme ein Schiff um seine Achse. Das war ein sehr feiner Kunstgriff, dass er die Verhehlung der Absichtlichkeit seiner That von der gewöhnlichen Bewegung des Schiffs herholte.

Erik gelangte nun, als er durch das beglückende Mahl gestärkt war, durch dessen innere Wirkung zur höchsten Stufe menschlicher Weisheit Denn die Kraft der Speise liess in ihm über alle Vorstellung hinaus einen Reichtum von allem Wissen erwachsen, so dass er auch die Stimmen der wilden und zahmen Tiere zu deuten verstand; nicht allein in menschlichen Dingen war er sehr erfahren, sondern er wusste auch die ausdrucksvollen Töne der Tiere auf das Verständnis bestimmter Affekte, zurückzuführen. [130] 130Ausserdem verstand er so fein und schmuckvoll zu reden, dass er alles, was er zu erörtern wünschte, fortgesetzt mit herrlichen Sprichwörtern schmücken konnte. Als aber Kraka hinzukam, die Schüssel umgedreht und den besseren Teil des Breis von Erik verzehrt sah, da schmerzte es sie tief, dass das Glück, das ihrem Sohne bereitet war, dem Stiefsohne zugefallen war. Sie bat ihn dann unter Seufzen, er solle seinen Bruder in der Not nie im Stiche lassen, da dessen Mutter so viele Schätze neuer beglückender Begabung auf ihn gehäuft habe. Denn durch das Verzehren der einen wohlschmeckenden Speise hatte er die volle Gnade [174] der Einsicht und der Rede erlangt, sowie auch die Gabe, alle Kämpfe glücklich auszufechten. Sie fügte noch hinzu, Roller sei ja sehr verständig und werde des ihm zugedachten Gerichtes nicht vollständig unteilhaftig sein. Sie gab ihm auch die Weisung, wenn die höchste, zwingende Not es erfordere, solle er schnell Hilfe suchen durch Nennung ihres Namens; sie erfreue sich teilweise göttlicher Kraft und sei in gewissem Sinne Genossin der Himmlischen, trage in sich die Macht eines göttlichen Wesens. Erik erwiderte, schon das natürliche Gefühl treibe ihn, dem Bruder beizustehen; das sei ein böser Vogel, der das eigene Nest beschmutze. Jedoch die Kraka peinigte mehr ihre eigene Nachlässigkeit, als sie das Missgeschick ihres Sohnes drückte. Denn dass ein Künstler durch sein eignes Kunstgeschick hinters Licht geführt wurde, war dereinst ein starker Grund zum Ärger.

Darauf geleitete sie mit ihrem Manne die Brüder bei ihrer Abfahrt zum Meere. Sie fuhren mit einem Schiffe aus, nahmen dann aber noch zwei andere hinzu. Schon waren sie dem dänischen Gestade nahe, da erfuhren sie durch den Aufklärungsdienst, dass nicht weit von ihnen sieben Schiffe vor Anker lagen. Da hiess Erik zwei Männer, die der dänischen Sprache mächtig waren, dahin ohne Kleider gehen, um die Sache genau auszukundschaften; sie sollten dem Oddo vorklagen, an ihrer Nacktheit trage Erik die Schuld und wenn sie alles vorsichtig erspäht hätten, ihm Bericht bringen. Sie wurden bei Oddo freundlich gehalten und erhaschten den Plan des Führers mit schlauem Ohre vollständig. Sein Plan war nämlich, im Zwielichte den Feind unversehens zu überfallen, um schnell die noch in die Schlafdecken Eingehüllten abzuschlachten; in dieser Tageszeit, so sagte er, seien die Menschen gewöhnlich schlaftrunken und schwerfällig. Er gab auch den Befehl, die Schiffe mit Steinen, zum Schleudern handlich, zu belasten, womit er die zukünftige Veranlassung seines Untergangs nur beschleunigte. Die Kundschafter entwichen in tiefer Nacht und berichteten, dass Oddo alle Fahrzeuge mit Steinen, die für den Wurf ausgesucht seien, angefüllt habe und teilten ihm mit, was sie sonst erlauscht [175] hatten. Erik liess sich alles genau berichten, und da er die geringe Zahl seiner Schiffe erwog, [131] 131kam er zu dem Entschlusse, das Wasser zum Verderben des Feindes aufzubieten und dessen Hilfe sich zu verschaffen. Er bestieg daher ein Boot und liess sich mit leisem Ruderschlage nahe an die Schiffe der Feinde fahren, durchlöcherte dann nach und nach die Planken zunächst dem Wasser mit eingedrehtem Bohrer und sicherte sich dann, so dass die Ruder kaum die Luft in Bewegung brachten, die Rückkehr. So vorsichtig benahm er sich, dass keine Wache sein Kommen und sein Weggehen bemerkte. Während er so auf seinem Boote entschlüpfte, drang allmählich das Wasser durch die Ritzen in die Schiffe des Oddo und liess sie tiefer einsinken. Als nun das Wasser immer breiter hineinflutete, drohten sie ganz im Meeresstrudel zu verschwinden; sehr viel trug zu ihrem Sinken die Last der Steine drinnen bei. Und schon wurden die Ruderbänke von den Fluten bespült, schon füllte das Wasser die Gänge bis oben an, da befahl Oddo, als er seine Schiffe beinahe bis zum Rande eingesunken sah, das übermässig geschluckte Wasser mit den Krügen auszuschöpfen. Als so die Bemannung emsig beschäftigt war, die Bäuche der Schiffe vor dem einströmenden Wasser zu schützen, da zeigte sich nahe der Feind. Wenn sie nun zu den Waffen griffen, bedrängte sie wieder schärfer der Strudel; wenn sie zum Gefecht klar machten, so mussten sie aus den Schiffen schwimmen. So führten für Erik die Wasser den Krieg, nicht die Waffen. Es kämpfte für ihn das Meer, dem er Mittel und Wege zu schaden geöffnet hatte. So führte Erik den Kampf, indem er mit mehr Erfolg die Flut als das Eisen anwandte, mit der wirkungsvollen Arbeit der Gewässer, indem er sich vom Meere Unterstützung holte. Der Sieg fiel der Klugheit zu; denn die Flotte, die von den Wogen überströmt wurde, war nicht für einen Kampf zu verwenden. So wurde Oddo mit seinen Mannen erschlagen; die auf Wache standen, wurden abgefangen, und kein Bote des Blutbades entkam.

Als das Gemetzel zu Ende war, beeilte Erik seinen Rückzug und kam an die Insel Lessö. Dort fand er nichts, womit er [176] den Hunger hätte stillen können und entsandte zwei Schiffe mit der Beute nach Hause, die Lebensmittel für das zweite Jahr heranbringen sollten. Er selbst suchte mit einem Schiffe zum Könige (Frotho) zu gelangen. Sie landeten also auf Seeland, und die Schiffsbemannung ging daran, ringsum auf dem Ufer Vieh zu erschlagen; denn entweder musste man dem Munde Speise bieten, oder vor Hunger umkommen. Man erschlug also verschiedene Stücke Vieh, zog ihnen die Haut ab und brachte die nackten Rümpfe in das Schiff. Als die Besitzer des Viehes das erfuhren, eilten sie, die Freibeuter zu Schiffe zu verfolgen. Als Erik sah, dass er von den Herren des Viehes angefallen wurde, liess er die Rümpfe der erschlagenen Kühe, an gezeichneten Seilen befestigt, ins Meer versenken. Darauf liess er die nachkommenden Seeländer ruhig nachsuchen, ob etwas von dem gesuchten erschlagenen Vieh bei ihnen wäre und sagte, die Winkel von Schiffen seien doch etwas eng für die [132] 132Verbergung eines Gegenstandes. Sie fanden nirgends einen Rumpf und lenkten ihren Verdacht auf andere; die an dem Raube Schuldigen hielten sie für schuldlos. Da ja keine Spur des Raubes zum Vorschein gekommen war, und sie meinten, dass andere ihnen den Schaden gebracht, verziehen sie den Sündern. Als sie wegfuhren, da liess Erik die Rümpfe aus den Wogen wieder heraufholen.

Inzwischen erfuhr Frotho, dass Oddo mit seinen Leuten erschlagen sei; natürlich hatte ein starkes Gerücht das Gemetzel verbreitet, ohne dass man den Urheber der That kannte. Einige konnten jedoch erzählen, dass sie drei Schiffe sich hätten dem Ufer nähern und dann wieder in nördlicher Richtung absegeln sehen. Da kam Erik nach dem Hafen, von dem nicht weit entfernt Frotho sich aufhielt; sowie er den Fuss aus dem Schiffe setzte, fiel er unversehens und stürzte im Fallen zur Erde. Er erblickte in dem Falle eine günstige Vorbedeutung für sich und sagte voraus, dass an den schwachen Anfang sich bessere Ausgänge anknüpfen würden. Als Grep seine Ankunft erfuhr, eilte er schleunigst zum Meere, um den Mann mit ausgesuchten, scharfsinnigen [177] Worten anzugreifen, von dem er gehört, dass er beredter sei als alle Menschen. Denn Grep überwand alle mit schlagfertiger Rede, freilich war seine Beredsamkeit weniger hervorragend als frech. So begann er denn den Wettkampf sogleich mit Schimpfreden, indem er den Erik so ansprach:

Grep:

Dummkopf, wer bist Du? was willst Du, Du Thor? woher und wohin Du?
Was Dein Weg und Bewerb? wer ist Dir Vater und Ahn?

25
Sondere Kraft wohl besitzt und ist heimisch am Hofe des Königs[69],

Der aus dem eigenen Haus nimmer noch setzte den Fuss?
Nein doch! nur weniger Stimmen gewinnt, was ein Nesthocker anrät,
Selten nur Beifall erhascht, den man noch nirgend gesehn[70].

Erik:

30
Regno heisst mir der Vater, Bewerb ist Gewandtheit der Rede,

Und nur nach trefflichem Sinn habe ich immer gestrebt.
Weiser stets wünscht’ ich zu werden, drum hab’ ich verschiedene Sitten
Eifrig erforscht, über Land fuhr ich auf mannichem Weg.
Freilich, ein thörichter Sinn weiss nimmer zu treffen das Rechte,

35
Hässlich und unüberlegt fährt er stets haltlos umher.

Stärker als Arbeit des Ruders ist Segel vom Winde geschwellet,
Meere beweget der Wind, böseres Lüftchen das Land.
[133] 133Denn durch die Salzflut dringt Ruder (und Wind), durch die Länder die Lüge;
Länder bezwinget das Wort, wogende Flut nur die Hand[71].

Grep:

Gleichwie der Hahn von dem Mist, so strotzest Du widrig von Streitsucht,

5
Stinkst ganz eklich nach Kot, duftest nach boshaftem Sinn.

Nutzlos erweist sich verständiges Wort gegenüber dem Hanswurst,
Ihm ist die Zunge gewandt, leider nur fehlt der Verstand.

Erik:

Wahrlich, auf den, der es sprach, wie stets noch Erfahrung gelehret,

10
Fällt unabwendbar zurück immer das thörichte Wort.

Immer aufs Haupt ihres Sprechers mit Kraft, in gerechter Entrüstung,
Schleudern die Götter zurück Worte, die Thorheit entsandt.

[178]

Sehn wir die Ohren des Wolfs auftauchen in dunkelem Umriss,
Gleich dann erschallet der Ruf: „Hütet euch, nah’ ist der Wolf.“

15
Treue nicht schuldet man dem, der selber nicht Treue besitzet,

Dem nicht, den da verklagt laut des Verrats das Gerücht.

Grep:

Bald für Dein thöricht Geklatsch sollst büssen Du, schamloser Bube,
Uhu, verflogen vom Weg, Nachteule, scheuend das Licht.

20
Was Du hier sinnlos geplärrt, das sollst Du noch bitter bereuen,

Und mit dem eigenen Tod büssest Du ruchloses Wort.
Raben im Tode Du wirst mit dem blutlosen Leibe ernähren,
Beute dem wilden Getier, gierigem Vogel ein Frass.

Erik:

25
Feiglings Verkündung und Wunsch eines Schurken, das Kind seines

Wesens,
Beide vermochten es nie, Schranken zu halten im Mass.
Wer seinen Herren betrügt, wer schändliche Künste sich annimmt:
Fallstricke legt er dem Freund, Fallstricke legt er sich selbst.
Wer in dem Hause den Wolf aufzieht, der ernähret, so sagt man,

30
Selbst sich den Räuber, dem Haus selber das böse Geschick.


Grep:

Nicht ich habe die Herrin, wie Du wähnst, treulos betrogen,
Hilfe und sicheren Schutz bot ich dem zarten Geschlecht.
[134] 134Sie hat mir Güter geschenkt, ihre Hand hat entgegen gebracht mir
Gaben, Gewalt und Besitz, selber gegeben auch Rat.

Erik:

Siehe, Dich drücket mit quälender Sorge die Schuld! o wie frei doch
Regt sich und sicher der Mann, dem ohne Fehl ist das Herz.
Stets ist betrogen der Mann, der den Knecht sich erwählte zum Freunde,
Pflegt doch der Sklave so gern Schaden zu bringen dem Herrn.

Darauf wusste Grep keine passende Erwiderung zu finden und gab seinem Pferde die Sporen. Als er nach Hause kam, erfüllte er den Palast mit lärmendem Geschreie und verkündete mit lauter Stimme, dass er im Wortgefechte überwunden sei und rief alle Trabanten zu den Waffen, als wolle er sich für sein unglückliches Wortgeplänkel mit der Hand rächen. Er schwur, er werde die Schar der Fremden unter die Klauen der Adler legen. Der König dagegen machte ihn darauf aufmerksam, dass man einer Aufregung Überlegung entgegenstellen müsse: plötzliche Entschlüsse schadeten meist, nichts [179] könne man mit Vorbedacht thun, was man schnell thue, blinder Eifer schade nur; schliesslich sei es nicht ehrenvoll, wenige Leute mit einer grossen Menge anzufallen. Klug sei, wer seinem aufgeregten Sinne Zügel anlege und seiner vorübergehenden leidenschaftlichen Aufwallung einen Dämpfer aufsetze. Mit solchen Lehren zwang der König den jähen Zorn des Mannes, einer vernünftigen Überlegung Raum zu geben. Freilich konnte er die Wut, die im Innern kochte, nicht vollständig zur Ruhe bringen: der Meister im Wortgefecht, durch seinen wenig glücklichen Streit ausser Fassung gebracht, verlangte, wo ihm Rache durch Waffen verboten wurde, wenigstens an Stelle der Rache Zauber anwenden zu dürfen.

Das wurde ihm nicht versagt, und so ging er wieder nach dem Strande zu mit einer auserlesenen Schar von Zauberern. Zunächst liess er das abgetrennte Haupt eines den Göttern geopferten Rosses auf eine Stange heften und durch untergelegte Spreizen den Rachen weit auseinander sperren; denn er hoffte, dass er sogleich die ersten Versuche Eriks durch das grause Schreckbild zu Schanden machen würde; er meinte nämlich, dass die dummen Barbaren vor dem Schreckmittel des ihnen vor Augen gehaltenen Rachens ausreissen würden. Und schon kam Erik ihnen seines Wegs entgegen. Als er das Rosshaupt aus der Ferne sah, erkannte er sofort, dass das eine böse Zaubervorrichtung sei, hiess seine Genossen schweigen und vorsichtig auftreten, dass keiner ein unbedachtes Wort spreche, um nicht durch eine unüberlegte Äusserung der Zauberei eine Handhabe zu geben; wenn ein Wort nötig wäre, so würde er für alle sprechen. Und schon trennte sie nur noch ein Fluss zwischen ihnen, da pflanzten die Zauberer, um Erik vom Betreten der Brücke über den Fluss zurück zu scheuchen, [135] 135die Stange, an die sie das Rosshaupt geheftet hatten, hart an ihrem Ufer des Flusses auf. Er aber betrat nichtsdestoweniger ohne Zagen die Brücke und rief: „Auf den Träger falle die Bestimmung seiner Last zurück, uns aber möge ein besserer Ausgang geschenkt werden! Böse ergehe es den Zauberern, den Träger der unheilvollen [180] Last drücke sie nieder, uns mögen bessere Anzeichen Heil und Leben zusprechen.“ Genau so, wie er es gewünscht, erging es. Sofort nämlich fiel das Haupt ab, die Stange stürzte um und erschlug den, der sie trug. So hauchte die ganze Zaubervorrichtung ihr Leben aus, auf den Befehl einer einzigen Beschwörung verlor sie alle Wirksamkeit.

Als dann Erik eine Strecke weiter gegangen war, fiel ihm ein, dass Fremde einem Könige Geschenke darbringen müssen. Da fand er zufällig ein Stück Eis und umhüllte es sorgfältig mit seinem Rocke; das wollte er dem Könige als Geschenk mitbringen. Als sie zu dem Palast kamen, da ging er zuerst hinein, hiess aber seinen Bruder hart hinter ihm folgen. Und schon warfen die Hauskerle des Königs, um an dem Kommenden ihren Mutwillen zu verüben, das schlüpfrige Fell hinter die Schwelle; als Erik darauf trat, und sie es mit schnellem Zuge des Stricks anzogen, da hätten sie ihn zu Falle gebracht, wenn nicht der hinten gehende Roller mit seiner Brust den wankenden Bruder aufgefangen hätte. Da sagte Erik halbgestürzt, einen nackten Rücken habe der Bruderlose. Als Gunwara sagte, derartiges dürfe der König nicht dulden, da sagte er: ein Gesandter sei thöricht, der sich nicht vor Fallen zu hüten verstünde. So stellte er die Sorglosigkeit des Verhöhnten als eine Entschuldigung für den Übermut hin.

Es brannte aber in der Halle ein Feuer, der Zeit entsprechend, denn der Mittwinter war herangekommen; an ihm sassen auf gesonderten Plätzen auf der einen Seite der König, auf der andern die Kämpen. Als sich Erik diesen zuwandte, erhoben sie rauh tönende Laute wie heulende (Hunde? Wölfe?). Der König wollte den Lärm dämpfen und sagte verweisend, in eine Menschenbrust gehörten nicht tierische Laute. Erik fügte noch hinzu, das sei Hundesitte, dass, wenn einer anfinge, alle andern auch bellten; denn alle zeigten in ihrem Benehmen ihren Ursprung, und ein jeder verrate damit seine Art. Als Kolo, der der Hüter der dem Könige dargebrachten Geschenke war, die Frage an ihn richtete, ob er Geschenke mitgebracht habe, da holte er das Eis hervor, das er im [181] Busen geborgen hatte. Als er ihm das über das Feuer weg zureichte, liess er es absichtlich in die Flammen fallen, drehte die Sache aber so, dass es der Hand des Empfängers zu entgleiten schien. Alle, die dabei standen, sahen das hellglänzende Stück und meinten, es sei in das Feuer ein geschmolzenes Metall gefallen. Erik sagte, durch die Schuld des Empfängers sei es entfallen und fragte, welche Strafe der Verlierer eines Geschenkes verdiene. [136] 136Der König befragte die Königin. Diese riet, er solle nicht selbst die Bestimmung des von ihm gegebenen Gesetzes brechen, womit er verordnet habe, dass der mit dem Tode zu bestrafen sei, der ein ihm übermitteltes Geschenk verliere. Auch die andern sagten, die durch das Gesetz bestimmte Strafe dürfe nicht nachgelassen werden. So liess denn der König, genötigt der Strenge der Strafe freien Lauf zu lassen, den Kolo aufhängen.

Darauf begann nun Frotho den Erik also anzureden: „Du, der Du in stolzen Worten und im Prunken mit gezierter Rede Dich brüstest, woher kommst Du, sage, hierher und weshalb?“ Darauf Erik: „Von Rennesö bin ich ausgezogen und habe meinen Sitz bei einem Steine genommen“. Dagegen Frotho: „Wohin Du dann gegangen bist, frage ich.“ Erik: „Ich habe mich weggewendet von dem Steine, auf einem Borde fahrend und habe wieder bei einem Steine meinen Platz genommen.“ Frotho: „Wohin Du von da Deinen Lauf gerichtet, und wo Dich der Abend getroffen, frage ich.“ Erik: „Vom Felsen abgehend bin ich zum Block gekommen und habe wieder am Steine mein Lager genommen.“ Frotho: „Das ist ja eine hübsche Zahl von Steinen.“ Erik: „Am Strande erblickt man noch mehr.“ Frotho: „Was Du zu schaffen gehabt, und wohin Du von da gelenkt, erzähle.“ Erik: „Als ich vom Felsen wegfuhr, habe ich mit laufendem Schiffe einen Delphin gefunden.“ Frotho: „Endlich bringst Du doch etwas Neues vor, obgleich beides im Meere nicht selten ist; jedoch ich möchte gern wissen, welcher Pfad Dich von dort weggeführt.“ Erik: „Vom Delphin bin ich zum Delphin gekommen.“ Frotho: „Das ist ja eine hübsche Menge von Delphinen.“ Erik: „In den Wogen schwimmen noch [182] mehr.“ Frotho: „Ich wünsche zu wissen, wohin Dich von den Delphinen weg die Wegmühe getrieben hat.“ Erik: „Ich traf einen Baumstamm.“ Frotho: „Wohin hast Du dann deinen Weg genommen?“ Erik: „Vom Stamme bin ich zum Baume gegangen.“ Frotho: „Da müssen ja viele Bäume gewesen sein, dass Du am Sitze Deiner Wirte so oft das Wort Baum hören lässt.“ Erik: „In den Wäldern stehen noch mehr.“ Frotho: „Sage, wohin Du dann Deinen Fuss gesetzt.“ Erik: „Wiederum bin ich zu den Baumstümpfen im Walde gedrungen; als ich aber dort ruhte, leckten die Wölfe, gesättigt von Menschenleichen, an den Schneiden meiner Waffen. Dort wurde die Spitze von der Königs-Eiche[72] weggeschlagen, der Neffe des Fridlew[73].“ Frotho: „Ich weiss mir das Gespräch nicht zu deuten, da Du meinen Verstand mit dunkler Rätselrede ganz geblendet hast.“ Erik: „So habe ich denn den Preis des durchgefochtenen Wettkampfes von Deiner Hand verdient, denn unter einer hüllenden Decke habe ich Dir eröffnet, was Du nicht verstanden hast. Mit der oben gewählten Benennung [137] 137„Spitze“ habe ich den Oddo[74] bezeichnet, den meine Hand erschlagen hat.“ Als ihm auch die Königin den Preis der Beredsamkeit und den Siegeslohn in der Redefertigkeit zuerkannte, da zog der König eine Spange von seinem Arme und übergab sie ihm als die bestimmte Belohnung[75]; dann fügte er hinzu: „Ich würde sehr gern von Dir auch den Streit kennen lernen, den Du mit Grep ausgefochten, in dem sich für besiegt zu erklären er sich nicht geschämt hat.“ Darauf Erik: „Die Wucht des Vorwurfs des Ehebruchs hat ihn zum Fall gebracht; denn damit, dass er dagegen eine Verteidigung nicht vorbringen konnte, hat [183] er gestanden, dass er mit Deiner Gemahlin Ehebruch getrieben hat.“

Der König wandte sich zu Hanunda und forschte, wie sie die Beschuldigung aufnehme. Da sie nicht nur mit einem Ausrufe ihr Verbrechen kundgab, sondern auch auf dem Gesichte die Röte als Zeugen der Schandthat sehen liess, gab sie ein klares Zeichen ihrer Schuld. Der König hörte zwar ihre Worte und sah die Zeichen auf dem Gesichte, schwankte aber, auf Grund welches Gesetzes er gegen die Ehebrecherin vorgehen sollte und überliess der Königin selbst die dem Fehltritte gebührende Strafe nach eigenem Ermessen festzustellen. Da sie nun überlegte, dass das ihr überlassene Urteil mit ihrer eigenen Schuld zu thun habe, und sie deshalb die Abschätzung des Vergehens eine Zeit lang, schwankend über den zu fällenden Spruch, überlegte, da sprang Grep auf und stürzte vorwärts, um Erik mit dem Speere zu durchbohren und seinen Tod durch den Tod des Anklägers loszukaufen. Jedoch Roller kam ihm mit rasch gezücktem Schwerte zuvor und sprach ihm das Verdammungsurteil nach dem Muster seines Beginnens. Und Erik sagte: „Wer Hilfe braucht, für den ist am besten die Hilfe der Verwandten.“ Und Roller: „In bösen Zufällen sind gute Leute mit ihrem Dienste heranzuziehen.“ Da sagte Frotho: „Ich denke, Euch geschieht, was man so zu sagen pflegt, dass der Schläger gemeinlich nur kurze Freude von seinem Schlage hat, und dass die Freude der Hand über den Hieb nicht lange währt.“ Erik: „Der ist nicht anzuklagen, dessen That Entschuldigung in den Rechtssatzungen findet; denn zwischen meiner That und der des Grep ist ein so grosser Unterschied, wie er ist zwischen der That eines, der sich verteidigt, und eines, der einen andern anfällt.“

Darauf sprangen die Brüder des Grep mit lautem Gebrüll auf und schwuren, sie würden entweder an der ganzen Flotte des Erik Rache nehmen oder ihn und zehn Kämpen mit ihm zum Kampfe zwingen. Erik sagte zu ihnen : „Kranke müssen ihren Weg mit Kunst beschicken. Wer blöde Augen hat, darf nur Weiches und Zartes beschauen. Wer ein stumpfes [184] Messer hat, muss sich einen Weg suchen Stück für Stück zu schneiden. Da also für einen Bedrängten Hinaushalten des Übels das beste ist, da im Unglück nichts schöner ist, als Aufschub der Not, so verlange ich drei Tage zur Vorbereitung, falls ich anders vom Könige die Haut eines frisch geschlachteten Stück Viehs bekommen kann.“ Da sagte Frotho: [138] 138„Leder verdient, wer durch Leder fiel;“ damit wollte er deutlich dem Bittsteller den oben erwähnten Fall vorrücken. Als dem Erik ein Fell gebracht wurde, machte er Sohlen daraus und bestrich sie mit Pech und eingestreuten Sandkörnern, um den Fuss fester auftreten zu lassen und passte sie seinen und der Genossen Füssen an. Nachdem er ferner erwogen, welchen Platz er für den Kampf auswählen solle, sagte er, er verstehe von einem Kampfe auf dem Lande und von dem ganzen kunstgemässen Fechten gar nichts und verlangte als Kampfplatz das gefrorene Meer. Dahin kamen beide Teile überein. Der König gewährte eine Waffenruhe für die Vorbereitungen und veranlasste die Söhne des Westmar abzutreten, denn es sei ungehörig, dass ein Gast, auch wenn er sich unnütz mache, vom Tische des Wirtes getrieben werde. Nunmehr kam er darauf zurück, die Strafe zu ermitteln, deren Festsetzung er dem Willkürspruche der Königin überlassen hatte. Als diese ohne Strafantrag Verzeihung für den Fehltritt erbat, fügte Erik hinzu: Frauenfehltritten müsse man öfter verzeihen, und eine Strafe sei nur zu verhängen, wo eine Zurechtweisung die Schuld nicht hätte entfernen können. So verzieh der König der Hanunda. Als die Dämmerung hereinbrach, sagte Erik: „Bei Göther werden nicht allein die Speiseräume des Gefolges bestimmt, das beim Gastmahl speisen soll, sondern es werden auch bestimmte Gruppen durch Anweisung der Sitze gebildet.“ Der König räumte ihnen die Plätze ein, auf denen seine Kämpen Platz genommen hatten. Dann brachte der Diener das Mahl. Aber Erik, wohlbewandert in der feinen Sitte der Höfe, welche nicht gestattete Reste der Mahlzeiten zu verwenden, warf das Stück, von dem er nur einen kleinen Teil genossen, weg, indem er unberührte Speisen zerbrochne Brocken nannte. So wurden [185] die Speisen selten, und die Diener holten andere für den Bedarf und aus Rücksicht auf die höfische Sitte; sie mussten auf ein kleines Abendessen verwenden, was für ein grosses Gastmahl hätte ausreichen können. Da sagte der König: „Pflegt denn der Mann des Göther ein nur einmal angerührtes Gericht wie abgebrochene Speisebrocken umkommen zu lassen und die besten Schüsseln wie schlechte Überbleibsel zu verschmähen?“ Darauf Erik: „An den Sitten des Göther kann ungeordnete Regung nichts für sich in Anspruch nehmen, keinen Platz hat da ungeziemende Gewohnheit.“ Frotho: „Dann liegst Du mit den Sitten deines Herren im Streite, und es ist bewiesen, dass Du nicht auf alle kluge Weise aufgemerkt[WS 6] hast. Denn wer den Beispielen seiner Herren entgegengesetzt handelt, der erweist sich als Überläufer und Abtrünniger.“ Darauf sagte Erik: „Der Kluge muss vom Klügeren belehrt werden; denn durch Lernen kommt die Weisheit vorwärts, durch Unterweisung wird das Wissen gefördert.“ Frotho: „Welche vorbildliche Lehre soll dieser Erguss Deines Wortreichtums mir geben?“ Erik: „Sicherer deckt den König kleine Treue, als zahlreiche Untreue.“ Frotho: „Also Du bist uns mehr ergeben, als die andern?“ Erik: „Niemand stellt ein nicht geborenes (Füllen) in den Stall oder ein neugeborenes an die Krippe. [139] 139Du hast noch nicht alles erprobt. Ausserdem pflegte bei Göther zum Mahle sich der Trunk zu gesellen; Trunk noch zur Speise reichlich gespendet erfreut die Schmausenden.“ Frotho: „Ich habe noch nie so unverschämt nach Trank und Speise verlangen hören.“ Erik: „Wenige schätzen das Bedürfnis des Schweigenden und messen die Not des Stummen.“ Da wurde der Schwester des Königs der Auftrag erteilt, Trunk in einer grossen Schale zu bringen. Erik ergriff mit dem dargebotenen Becher zugleich ihre rechte Hand und sagte: „Bester der Könige! hat dieses mir Deine Milde als Geschenk bestimmt? Sagst Du, dass das, was ich halte, mir als unwiderrufliches Geschenk zu teil werden soll?“ Der König sagte das Geschenk zu, denn er meinte, er verlange nur den Becher. Aber Erik zog die Jungfrau an seine Seite, als zugleich mit dem Becher gegeben. Als der König [186] das sah, sagte er: „Den Einfältigen verrät sein Thun. Bei uns gilt die freie Bestimmung der Jungfrauen über sich als unantastbar.“ Da stellte sich Erik, als wenn er die Hand der Jungfrau, die ihm als zum Becher gehörend mit geschenkt sei, mit dem Schwerte abhauen wollte und sagte: „Wenn ich mehr genommen, als Du gegeben, oder wenn es anmassend von mir ist, das Ganze fest zu halten, so will ich mir doch meinen Teil nehmen dürfen.“ Der König sah, dass er sich mit seinem Versprechen gefangen hatte und übergab ihm die Jungfrau; er wünschte nicht den Fehler der Übereilung durch Unbeständigkeit gut zu machen, damit das Gewicht seiner Versprechungen schwerer erscheine; und doch mag man den Widerruf eines närrischen Vertrags mit mehr Recht als Verständigkeit, denn als Unbestand auszulegen.

Darauf entliess er ihn zu den Schiffen, weil die für den Kampf festgesetzte Zeit gekommen war, liess ihn aber erst Rückkehr geloben. Erik betrat mit seinen Leuten das mit einer Eisdecke überzogene Meer und streckte, auf seinen Sohlen sicher stehend, den Feind nieder, der immer ausglitt und nicht fest ausschreiten konnte. Frotho hatte nämlich bestimmt, dass niemand dem, der zum Wanken oder in Bedrängnis käme, beispringen sollte. Darauf kam er zum Könige als Sieger zurück. Da erklärte Götwara, traurig über das Geschick ihrer Nachkommenschaft, die einen so unglücklichen Ausgang gefunden, und begierig sie zu rächen, es beliebe ihr ein Wettkampf in Wechselrede mit Erik; sie wolle eine schwere Halskette, er solle das Leben als Pfand einsetzen: wenn er siege, solle er das Gold, wenn er unterliege, den Tod davontragen. Erik nahm den Wettkampf unter den gestellten Bedingungen an, das Pfand wird bei Gunwara niedergelegt. Also begann nun Götwara zuerst so:

Wenn Du die Doppelaxt schärfst, und der Wetzstein munter im Gang ist,
Drängt sich nicht Leib da an Leib, stösst sich nicht Glied da an Glied?

Erik dagegen:

Wie die Natur einem jedem am Leibe die Haare erzeugt hat,
So trägt jeder den Bart doch wohl am richtigen Fleck.

[187]

Anders ist’s einmal nicht: beim Spiel der Venus sei rührig,
Jegliche Arbeit verlangt Anstrengung eigener Art,
Schmiegt sich Körper an Körper, das heisst, ist willig das Mädchen –
[140] 140Zaudert dann wohl ein Mann, auch noch das Seine zu thun?[76]

Demgegenüber wurde Götwara als der Rede ermangelnd genötigt, dem sie den Tod bestimmt hatte, das Gold zu übergeben; dem Mörder ihrer Söhne zahlte sie anstatt der Strafe ein prächtiges Geschenk. Gesteigert wurde damit ihr Missgeschick, nicht fand ihr böser Wille seine Befriedigung. Denn erstens der Kinder beraubt und zweitens durch die wuchtigen Worte auf den Mund geschlagen, verlor sie mit dem Besitztume zugleich den Ruhm der Redefertigkeit. Sie beglückte den, der ihr die Kinder genommen; der sie kinderlos gemacht, den beschenkte sie mit einer Belohnung, und anstatt den Tod der Söhne zu ahnden, erntete sie nichts wie den Schimpf der Dummheit und Einbusse an Habe. Als Westmar das sah, beschloss er den im Wort Überlegenen mit Kraft anzugreifen, und zwar schlug er als Siegespreis den Tod des Besiegten vor, so dass beider Leben als Pfand gesetzt erschien. Erik wies den Vorschlag nicht zurück: man sollte nicht sagen, er sei zwar schlagfertig mit dem Worte, aber säumig mit der That. Es war aber die Art des Kampfes folgende: Es pflegte den Kämpfern, die mit gewaltiger Anspannung der Füsse und Hände streiten müssten, ein Ring, aus Widen oder Stricken zusammengedreht, gegeben zu werden, den sie mit einem Ruck wegreissen mussten; dem Stärkeren verlieh er den Siegespreis: wer von den Kämpfern ihn dem andern entriss, der galt als Sieger. Indem Erik in dieser Weise kämpfte, zog er den Strick scharf an und entriss ihn den Händen seines Partners. Als Frotho das sah, sagte er: „Schwierig erachte ich es, gegen den Starken mit dem Stricke zu kämpfen.“ Und Erik: „Ja, schwierig, wenn am Körper ein Kropf sitzt oder auf dem Rücken ein Höcker.“ Und sofort brach er mit einem tödlichen Fusstritte dem Alten das morsche Rückgrat und [188] Genick. So verfiel Westmar bei seinem wirkungslosen Versuche, während er Rächer sein wollte, in das Geschick derer, die er rächen wollte, niedergestreckt gleichwie die, deren Tod er zu ahnden gewünscht hatte.

Als aber Frotho darauf sann, den Erik mit einem Wurfe seines Dolches zu durchbohren, wollte Gunwara, die die Absicht des Bruders merkte, ihren Verlobten vor der Gefahr warnen und sagte: niemand sei weise, der nicht sein eigener Hüter sei. Dieses Wort war für Erik eine Mahnung, vor böser List sich zu decken, und er begriff auf der Stelle mit seinem scharfen Verstande den Rat zur Vorsicht. Sofort nämlich sprang er auf und sagte: [141] 141der Ruhm des Sieges fiele dem Weisen zu, Arglist strafe sich selbst, indem er mit milder Bezeichnung die heimtückische Absicht geiselte. Als ihn nun der König mit plötzlichem Messerwurfe nicht treffen konnte, weil er ausbog, da bohrte sich die Klinge ohne Ziel in die Wand gegenüber. Da sagte Erik: „Freunden muss man Geschenke zureichen, nicht zuwerfen; annehmbar hättest Du Dein Geschenk gemacht, wenn Du mit der Klinge auch die Scheide gegeben hättest.“ Der König löste sofort die Scheide von seinem Gürtel und gab sie ihm; er war durch die massvolle Haltung des Gastes genötigt, seinen Hass aufzugeben. So besänftigt durch die kluge Erdichtung des andern überliess er die Waffe, die er in böser Absicht geworfen, ihm gütig als dauernden Besitz. So wandelte Erik die Unbill, die er zu vertuschen wusste, zur Wohlthat um und erhielt das für seinen Untergang bestimmte Eisen als schönes Geschenk. Denn was Frotho in der Absicht zu schaden gethan hatte, das beschönigte er mit der Benennung Freigebigkeit. Darauf übergab man sich der Ruhe.

In der Nacht weckte Gunwara den Erik heimlich und sagte, sie müssten fliehen; sehr nützlich sei es, wenn man ohne Schaden auf heilem Wagen heimkomme. Mit ihr kam er an den Strand, machte die Flotte des Königs, die da vor Anker gegangen war, durch Zertrennung eines Teiles der Seiten unbrauchbar für eine Fahrt und flickte sie wieder mit eingefügten Pflöcken, damit die Verletzung von keines Auge [189] bemerkt werde. Dann liess er das Schiff, auf das er mit seinem Gefolge sich begeben hatte, nicht weit vom Ufer wegrudern. Als der König sich nun anschickte, ihn zu verfolgen mit den durchlöcherten Schiffen, und dann das Wasser bis an die Ruderluken kam, da versuchte er, obwohl mit schwerer Rüstung belastet, zwischen den anderen herauszuschwimmen; er musste mehr darauf denken sich selbst zu retten, als einem andern nach dem Leben zu trachten. Die Spiegel versanken ins Meer, und die eindringende Flut hob die Ruderer aus ihren Sitzen. Als Roller und Erik das sahen, da stürzten sie sich mit Verachtung der Gefahr ohne Zögern in die Tiefe und fingen schwimmend den treibenden König auf. Schon hatte ihn die Woge dreimal überflutet und in die Tiefe sinken lassen, da packte ihn Erik am Haar und zog ihn aus dem Wasser. Die andere Menge der Schiffbrüchigen fand entweder im Wasser ihr Grab oder rettete sich mit Mühe zurück ans Ufer. Der König wurde seiner nassen Umhüllung entledigt und mit einem trockenen Kleide bedeckt. Viel Wasser floss aus seinem Munde unter häufigem Aufstöhnen der Brust. Auch die Stimme mangelte ihm, ermüdet durch das fortgesetzte Stöhnen. Endlich kehrte die Körperwärme zurück und belebte die von Kälte starren Glieder. Sitzen konnte er, aber noch nicht aufstehen, noch nicht ganz Herr seiner Kräfte. Allmählich kam die Verfügung über seine alte Kraft zurück. [142] 142Als er gefragt wurde, ob er Leben und Frieden haben wolle, bewegte er die Hand an die Augen und versuchte die eingesunkenen Augensterne zu heben.

Als allmählich dem Körper seine Kraft wieder kam, und die Stimme fester wurde, da sagte er: „Bei diesem Lichte, das ich wider meinen Willen sehe, bei der Luft, die ich nur ungern einatme und anschaue, beschwöre ich Euch inständig, lasst Euch nicht beikommen, mir deren weiteren Genuss aufzuzwingen. Zwecklos habt Ihr mich gerettet, denn ich wollte versinken. Es ist mir versagt worden, durch die Wogen umzukommen, nun will ich wenigstens durch das Schwert sterben. Von keinem besiegt, bin ich zuerst Deiner Klugheit, Erik, unterlegen, um so unseliger, als ich den Sieg über [190] mich einem gemeinen Manne eingeräumt habe, ich, der ich für erlauchte Männer unbesiegbar war. Das ist für einen König ein grosser Antrieb, sich zu schämen. Für einen Fürsten genügt der Grund allein schon zum Sterben, denn für ihn darf es nichts Höheres geben, als den Ruhm, und wenn er den nicht hat, hat er auch alles andere nicht. Denn an einem Könige ist nichts herrlicher als sein Ruf. In meinem Besitze war die Fülle der Klugheit und der Redefertigkeit. Jedoch der beiden Dinge, die mir Macht verliehen, bin ich nun verlustig gegangen, um so leidvoller, als ich, der Sieger über Könige, von einem Bauern besiegt bin. Wozu schenkst Du mir das Leben, wenn Du mir den Ruhm genommen? Schwester, Reich, Schatz, Hausrat und, was mehr wert als das alles ist, den Ruhm habe ich verloren, unglücklich durch so viel Zufälle, wie Du beglückt. Wozu werde ich lebend für solche Schmach aufgespart? Welche Freiheit kann für mich so beglückend sein, dass sie die Schmach der Gefangenschaft von mir nimmt? Was soll mir die Folgezeit bringen, die immer nur an das Elend der früheren Zeiten erinnernd meinem Herzen ewige Reue gebären wird? Was soll mir eine Verlängerung des Lebens nützen, die immer nur das Andenken an mein Leid wecken wird? Nichts ist für Unglückliche freudvoller als der Tod. Beglückend ist das Ende, das erwünscht kommt; es nimmt nicht die Süssigkeit der Zeit, sondern tilgt den Lebensüberdruss. Im Glücke wünscht man langes Leben, im Unglücke lieber den Tod. Keine Hoffnung auf bessere Zeiten lässt in mir den Wunsch nach Leben entstehen. Welcher Zufall kann das bis auf den Grund zerstörte Los meines Geschicks wieder ausbessern? Und bereits dächte ich an das alles nicht mehr, wenn Ihr mich nicht aus der Lebensgefahr gerettet hättet. Gieb mir das Reich zurück, führe mir die Schwester zurück, stelle mir den Schatz zurück: den Ruhm kannst Du mir nicht wieder heil machen. Nichts, was geflickt ist, wird den Glanz des neuen haben. Dass Frotho gefangen gewesen ist, wird das Gerücht unsterblich melden. Und wenn Ihr alles das zusammenzählt, was ich an Tücke über Euch gebracht, so habe ich verdient, durch [191] Eure Hand zu fallen; wenn Ihr die Schäden durchgeht, werdet Ihr die Wohlthat bereuen; ärgern wird es Euch, dass Ihr einem Feinde unter die Arme gegriffen habt, wenn Ihr seine grosse Grausamkeit Euch gegenüber ermesst. Warum schont Ihr des Schuldigen? warum lasst Ihr Eure Hand von dem Nacken des Verfolgers? [143] 143Recht und billig ist es, dass das Geschick, das ich Euch bereiten wollte, auf mich zurückfalle. Ich bekenne, wenn mir die Macht über Euch zufiele, die Ihr über mich habt, dann würde Ich keine Rücksicht kennen. Und wenn ich auch in Euren Augen der That nach schuldlos bin, dem Willen nach muss ich schuldig gesprochen werden. So komme denn über mich, ich bitte, die Schuld der bösen Absicht, die in der Regel der That gleich geachtet wird. Wenn Ihr Euer Schwert für mein Ende versagt, so werde ich wissen, mit eigner Hand ein Ende zu machen.“

Dagegen erwiderte Erik: „Die Götter mögen einen so thörichten Gedanken von Dir nehmen; sie mögen ihn von dir nehmen, sage ich, damit Du nicht mit Sünde das Ende eines so erlauchten Lebens suchst. Sie selbst haben es ja verboten, dass jemand, der wohlthätig gegen andere ist, an sich selbst zum Mörder werde. Auf die Probe gestellt bist Du von dem Glücke; es wollte sehen, wie Du widriges Geschick erträgst. Eine Prüfung hat Dir das Schicksal gesandt, nicht einen Fall. Kein Harm ist Dir geschlagen, den nicht ein besseres Los austilgen könnte. Eine Mahnung zur Vorsicht ist Dir geworden, nicht dein Glück umgeschlagen. Niemand benimmt sich bescheiden im Glück, der nicht gelernt hat, Schicksalsschläge zu ertragen. Ausserdem wird der Genuss aller Güter nach Erfahrung im Leide angenehmer empfunden. Erfreuender ist das Vergnügen, das auf ein bitteres Ereignis folgt. Willst Du das Leben von Dir weisen, wenn Du einmal im Meere nass geworden bist? In voller Rüstung herausgeschwommen zu sein, soll dessen sich jemand schämen und nicht vielmehr rühmen? Wie viele würden sich glücklich schätzen, wenn sie nach Deinem Los unglücklich wären! Die Herrschaft bleibt Dir, der Geist ist rüstig, das Leben ist frisch, mehr kannst Du erhoffen von der Zukunft, als Du bisher [192] gethan hast. Niemals möge Dein Herz, das wünsche ich, Leichtfertigkeit so erfüllen, dass Du nicht allein rauhes Geschick zu fliehen, sondern sogar aus Mangel an Widerstandskraft das Leben weg zu werfen wünschest. Weibischer als alle zeigt sich der, der aus Furcht vor Unglück das Vertrauen zum Leben verliert. Kein Weiser will Unglück mit dem Tode loskaufen. Thöricht ist die Entrüstung über einen andern, ein Frevel die über sich selbst. Zur Feigheit wird die Aufwallung, die ihrem Träger das Leben nimmt. Wenn Du wegen einer Unbill und einer leichten Gemütserregung gleich den Tod suchst, wo wirst Du dann einen Rächer zurücklassen? Wer ist so sinnlos, dass er eine zweifelhafte Glückslage mit seinem eigenen Untergang wett machen will? Wer lebt so in stetem Glücke, dass ihm nicht auch einmal ein weniger günstiges Geschick einen Schlag versetzte? Ohne Anstoss hast Du bis jetzt Deine Zeit verlebt, mit stetem Glücke hast Du Dich gespeist, und jetzt willst Du bei einer dünnen Wolke von Missgeschick gleich das Leben weg werfen, nur um Dir den Schmerz zu ersparen? Wie willst Du schlimmere Launen des Glücks ertragen, wenn Du geringeren gegenüber Dich ungeduldig erweisest? [144] 144Abgeschmackt zeigt sich, wer nie den Becher des Harms geschmeckt hat. Keiner, der nicht Hartes erfahren, geniesst das Sanfte mit Verstand. Du, der Du die Säule der Tapferkeit hättest sein sollen, Du willst das Beispiel eines haltlosen Sinnes geben? Du, der Sohn eines tapfern Vaters, willst das Schauspiel der elendesten Schwäche bieten? Willst Du so wenig Deinen Ahnen nacharten, dass Du weichlich wirst wie eine Frau? Noch bist Du nicht recht ein Mann, und schon hat Dich Lebensüberdruss ergriffen? Welcher Vorfahr hat Dir das im Vorbilde gezeigt? Der Enkel eines berühmten Grossvaters, der Sohn eines unbesiegten Vaters soll nicht die Kraft besitzen, einen leichten Gegenwind auszuhalten? Deine Gaben vergegenwärtigen die Tüchtigkeit des Grossvaters. Von niemandem bist Du besiegt worden, nur Dein eigener Unbedacht hat Dir geschadet. Einer Gefahr bist Du durch uns entrissen worden, nicht überwunden. Willst Du einen Freundschaftsdienst als Unbill betrachten und statt [193] des Dankes Hass spenden? Durch unser Entgegenkommen hättest Du Dich versöhnlich stimmen lassen sollen, nicht erbittern. Niemals mögen Dich die Götter so weit in der Verblendung kommen lassen, dass Du es über Dich gewinnst, Deinen Retter als einen heimtückischen Feind hinzustellen. Wir sollen uns doch nicht mit der That an Dir vergangen haben, mit der wir Deine Wohlthäter gewesen sind, und durch unsern Dienst uns nur böse Behandlung erwerben? Willst Du den als Feind betrachten, dem Du Dein Leben vergelten musst? Wir haben Dich ja nicht in freier Bewegung gefangen genommen, sondern sind Dir in der Not mit Hilfe beigesprungen. Und siehe! Schatz, Besitz, Gerät gebe ich Dir zurück. Wenn Dir Deine Schwester mir in einem unbesonnenen Augenblick verlobt erscheint, so mag sie den Mann heiraten, den Du für sie bestimmst; noch ist sie ja unberührte Jungfrau. Auch will ich Dein Gefolgsmann sein, wenn Du mich annimmst. Hüte Dich, dass Du nicht Deinen Sinn Dir zum Schaden im Ärger verstockst. Kein wirklicher Verlust hat Deinen Halt erschüttert. Nichts ist Deiner Freiheit entzogen. Du wirst erleben, dass ich Dir gehorche, nicht Dir befehle. Wie Du über meinen Kopf bestimmst, so bin ich es zufrieden. Sei versichert, dass Du hier so viel Macht hast, wie in Deinem Palaste; Du hast hier dieselbe Gewalt, zu gebieten, wie am Hofe. Bestimme an diesem Orte über uns, was Du in Deinem Hause über uns bestimmt haben würdest. Wir sind bereit zu gehorchen.“ Soweit Erik.

Den König machte diese Rede mild gegen sich und mild gegen den Feind. Nachdem alles geordnet und beigelegt, kehrte man ans Gestade zurück. Der König liess Erik und seine Schiffsleute auf Wagen fahren. Als sie in die Königsburg kamen, lässt er eine Versammlung berufen, Erik dahin entbieten und giebt ihm seine Schwester unter den verbindlichen Gebräuchen zur Frau und eine Hundertschaft. Er fügte noch hinzu, er sei der Königin überdrüssig und wünsche die Tochter des Götar zur Frau. Somit falle dem Erik eine neue Aufgabe als Botschafter zu; am besten könne der die Angelegenheit durchführen, für dessen Willen nichts [194] schwer erscheine. Ausserdem wolle er die Götwara, weil sie um die verhehlte Schandthat gewusst, steinigen lassen, die Hanund werde er ihrem Vater zurückschicken, [145] 145damit er nicht an ihr, wenn sie in Dänemark bleibe, eine stete Gefahr für sein Leben habe. Erik heisst den Entschluss gut und verspricht seine Mitwirkung bei den Aufträgen, ausgenommen das eine, dass er sagte, die vom Könige verstossene Königin werde besser mit Roller vermählt, von dem brauche seine Majestät nichts zu befürchten. Diesen Vorschlag nahm Frotho wie eine vom Himmel geschenkte Weisung mit Hochachtung auf. Auch die Königin fügte sich nach Weiberart, um nicht erst mit Gewalt gezwungen zu werden, und sagte, von der Natur entspringe kein Grund, sich zu grämen, alle Aufregung käme von der subjektiven Meinung her. Dazu sei eine Strafe nicht zu beklagen, die nach Verdienst treffe. So feierten die Brüder zusammen Hochzeit: der eine führte die Schwester des Königs heim, der andere die verstossene Königin.

Darauf nahmen sie ihre Frauen mit sich und machten sich auf die Heimfahrt nach Norwegen; denn die Frauen vermochte von der Seite ihrer Männer nicht weiter Weg, nicht Furcht vor möglicher Gefahr zu trennen; sie sagten, wie eine Feder an Rauchwerk, so würden sie an ihren Männern hängen. Und nun erfuhren sie, dass Regner gestorben und Kraka einen gewissen Brak geheiratet hatte. Da gedachten sie des väterlichen Schatzes und hoben ihn aus der Erde. Aber Götar hatte alle Erlebnisse des Erik schon kennen gelernt, das Gerücht war dem Manne voraufgeeilt. Als er erfuhr, dass er angekommen sei, da gedachte er, ihn seiner Gemahlin zu berauben und ihm seine Tochter an Stelle der entrissenen Frau in die Ehe zu geben; denn er besorgte, dass Erik in seinem übergrossen Selbstvertrauen das Bedenklichste gegen die Norweger planen könnte. Da die Königin jüngst gestorben war, hätte er am liebsten die Schwester des Frotho zur Frau gehabt. Erik erfuhr seine Absicht, rief seine Genossen zusammen und eröffnete ihnen, dass sein Glück noch nicht über alle Klippen hinaus sei. Er erwäge aber das Wort, dass ein Bündel zerfalle, das nicht [195] durch ein Band festgemacht werde, und dass gleicherweise jede noch so schwere Strafe zu Boden falle, wenn sie nicht die Kette der Schuld fest hefte. Das hätten sie jüngst bei Frotho erfahren, als sie erlebten, dass ihre Unschuld unter den bösesten Zufällen durch die helfende Hand der Götter geschützt sei, und wenn sie sich ihre Schuldlosigkeit auch ferner bewahrten, so dürften sie auch auf eine gleiche Unterstützung in Widerwärtigkeiten hoffen. Sie müssten zunächst eine Flucht vorgeben, um einen gerechten Kriegsgrund zu haben, wenn sie zuerst von Götar angegriffen würden. Denn, dass man seine Hand einer Lebensgefahr abwehrend entgegenstrecke, das sei nach allem Rechte gestattet. Selten aber könne ein Mann einen gegen Schuldlose begonnenen Kampf glücklich zu Ende führen. Zuerst also müssten sie den Feind zu einem Schritte gegen sie verlocken, damit ein gerechter Grund sich ergebe, ihn anzugreifen. Mehr sprach er nicht, sondern ging nach Hause, um Brak einen Besuch zu machen. [146] 146Darauf wandte er sich zur Gunwara und fragte sie, um ihre Treue auf die Probe zu stellen, ob sie den Götar gern habe; es sei doch nicht recht, dass eine Königstochter an einen unedlen Mann gekettet sei. Sie aber beschwor ihn bei der Götter Hoheit, ob er das nur zum Scheine sage oder wirklich gedacht habe. Als er sagte, er spräche im Ernste, da sagte sie: „Also willst Du mir die grösste Schande anthun, willst mich, die Du als Jungfrau geliebt, als Witwe lassen? Oft spendet der Mund des Volkes Lob im Widerspruche mit der Wirklichkeit; mich hat auch meine Vorstellung von Dir getäuscht. Ich glaubte einen festen Mann geheiratet zu haben, und jetzt lerne ich den als leicht wie den Wind kennen, den ich für unverbrüchlich treu hielt.“ Nach diesen Worten vergoss sie Thränen in Strömen. Lieb war dem Erik die Erregung seiner Frau, er umarmte sie und sagte: „Ich wollte wissen, wie treu Du bist. Der Tod allein hat die Macht, uns zu trennen. Jedoch Götar sinnt darauf, Dich mir zu rauben, Liebe suchend durch Freibeuterei. Wenn er den Raub vollbracht hat, so stelle Dich, als sei es Dein Wunsch gewesen; schiebe aber die Hochzeit hinaus, bis er mir an Deiner Stelle [196] die Tochter übergiebt. Wenn ich die bekomme, dann sollen Götar und ich an einem Tage Hochzeit halten. Dann sorge dafür, dass wir verschiedene Gemächer, die aber die Mittelwand gemein haben, zum Schmause erhalten, damit Du nicht vielleicht Deinen Blick weniger schmachtend auf den König lenkst, wenn Du mich vor Augen hast. Das wird eine wirksame List sein, den Wunsch des Räubers zu vereiteln.“ Darauf hiess er den Brak mit einer ausgewählten Schar tüchtiger Männer nicht weit von dem königlichen Palaste versteckt sich aufstellen, um ihm zur Hand zu sein, wenn es die Not erfordere.

Darauf nahm er Roller zu sich und suchte mit seiner Gemahlin und seiner Habe in erdichteter Furcht ein Entkommen zu Schiffe, um den König zu einem Schritte gegen sich zu verleiten. Als er sah, dass die Flotte des Götar wirklich ihm nachsetzte, sagte er: „Siehe, da entsendet der Bogen der List ein Geschoss der Nachstellung“ und sofort rief er laut die Schiffsleute zur Achtung und wendete das Schiff mit dem Steuer. Als Götar nahe an ihn heran kam, fragte er, wer der Lenker des Schiffes sei; er erfuhr, dass es Erik sei. Wiederum fragte er mit lauter Stimme, ob es derselbe sei, der mit seinem wunderbaren Wortreichtume die Beredsamkeit anderer verstummen lasse. Auf diese Frage antworterte Erik: von ihm selbst sei er mit dem Beinamen „der Beredte“ beschenkt worden, und er habe nicht vergebens die in der Benennung hegende Vorbedeutung aufgegriffen. Darauf gingen beide an das nächste Gestade, wo Götar, als er die Botschaft Eriks vernahm, erwiderte, er wünsche die Schwester des Frotho; dem Boten aber wolle er seine Tochter geben, damit es ihn nicht ärgere, einem anderen seine Frau abgetreten zu haben. [147] 147Es sei nicht unangemessen, dass der Ertrag der Botschaft auf den Boten selbst zurückfalle. Erik also gefalle ihm als Schwiegersohn, vorausgesetzt, dass er durch die Verbindung mit Gunwara die Verwandtschaft mit Frotho erlange. Erik erklärte sich sehr verbunden durch das Wohlwollen des Königs und hiess seine Entscheidung gut; es werde ihm da etwas aus freien Stücken entgegengebracht, worüber [197] hinaus er von den unsterblichen Göttern nichts erbitten könnte. Der König müsse aber selbst Sinn und Entschluss der Gunwara erforschen. Die Gunwara nahm den sie umwerbenden König mit scheinbarer Gunst auf und stimmte seiner Bitte sofort zu, ersuchte ihn aber, dass er die Hochzeit des Erik der ihrigen voraufgehen lasse; wenn diese erst begangen sei, dann schicke sich die des Königs besser, namentlich aus dem Grunde, dass nicht die, die von neuem heiraten solle, den neuen Ehebund in aufgefrischter Erinnerung an den alten verschmähe. Ausserdem sei es nicht gut, zwei Ausrichtungen in einer Feier zusammenfliessen zu lassen. Der König liess sich durch diese Ausführungen überzeugen und spendete ihren Vorschlägen reichliches Lob. Als er in wiederholten Gesprächen mit Erik viele schöne Sinnsprüche, die ihn im Herzen erfreuen und erquicken konnten, vernommen, übergab er ihm, nicht zufrieden damit, ihm seine Tochter zur Frau zu geben, auch den Bezirk Litharfulki, weil er glaubte seinem nunmehrigen Verwandten auch ein Lehen zuwenden zu müssen. Kraka aber, die Erik wegen ihrer Zauberkunst mit auf die Reise genommen hatte, schützte Augenkrankheit vor und hatte das Gesicht so mit dem Rocke verdeckt, dass auch nicht ein Teilchen des Kopfes, woran man sie hätte erkennen können, hervorschaute. Gefragt, wer sie wäre, antwortete sie, sie sei eine Schwester der Gunwara, von derselben Mutter, aber von einem andern Vater.

Als man in den Palast des Götar gekommen war, wurde ein Schmaus zu der Hochzeit der Alwilda, (so hiess die Tochter), ausgerichtet. Erik und der König speisten in verschiedenen Zimmern, deren Decke aber auf einer gemeinsamen Wand ruhte. Diese Zimmer waren innen durchgängig mit hängenden Teppichen überkleidet. Bei Götar sass Gunwara, Erik fassten Kraka und Alwilda[WS 7] ein. Während der Scherzreden zog Erik nach und nach eine Latte aus der Wand und schuf eine Öffnung, so weit, dass sie einen menschlichen Körper durchlassen konnte. Darauf fragte er seine Braut Alwilda über Tische recht eindringlich, ob sie lieber ihn oder Frotho heiraten wolle, zumal ja, wenn man die Ehen in Erwägung ziehe, [198] die Königstochter für einen Mann von entsprechender, vornehmer Geburt bestimmt sei, damit nicht der Adel des einen Gatten durch die niedrige Herkunft des andern herabgezogen würde. Als sie erwiderte, sie würde keine Verheiratung wünschen, die ihr nicht vom Vater gestattet würde, da versprach er ihr, sie würde Königin sein und alle Frauen an Schätzen übertreffen und verwandelte damit ihr Widerstreben in Willfährigkeit: mit der Aussicht auf die Schätze bestach er sie ebenso wie mit der Aussicht auf die hohe Stellung. [148] 148Auch soll Kraka die Neigung der Jungfrau für den Frotho durch einen beigebrachten Liebestrank geweckt haben.

Götar aber ging nach seinem Mahle zu Erik hinüber, um die Ausgelassenheit des Hochzeitsschmauses noch zu erhöhen. Als er das Zimmer verlassen hatte, kroch Gunwara, wie sie vorher angewiesen war, durch das Loch in der Wand, das durch das Herausnehmen der Latte entstanden war, und setzte sich hart neben Erik. Als Götar sie erstaunt so neben Erik sitzen sah, fragte er eindringlich, wie und wozu sie dahin gekommen sei. Sie sagte, sie sei die Schwester der Gunwara, und der König werde durch die Ähnlichkeit ihrer Gestaltung getäuscht. Der König wollte der Sache auf den Grund kommen und ging schnell in das königliche Zimmer zurück. Da hatte sich aber Gunwara durch die Hinterthür, durch die sie gekommen war, zurückbegeben und sass allen zu sehen an ihrem alten Platze. Als Götar sie sah, traute er seinen Augen nicht recht, wollte nicht an die Geschichte glauben und ging wieder zu Erik zurück; hier hatte er aber wieder Gunwara vor seinen Augen, die auf ihre Weise zurückgekommen war. So oft er aus einem Zimmer in das andere ging, immer traf er an beiden Stellen die, die er suchte. Das war ja nicht eine sehr ähnliche Gestalt, sondern die gleiche hier wie da; dieser Umstand peinigte den König, weil er ihm ganz unerklärlich war. Es erschien ja rein unmöglich, dass zweie ohne bemerkbaren Unterschied genau die gleiche Gestalt hätten. Endlich wurde die Tafel aufgehoben, und der König geleitete seine Tochter und Erik, wie die höfische [199] Sitte bei einer Hochzeit es verlangt, bis vor das Schlafgemach. Er selbst ging anders wohin zur Ruhe.

Erik aber liess die für Frotho bestimmte Alwilda besonders schlafen und umarmte seine Gunwara wie vorher, indem er den König überlistete. Götar fand keine Ruhe in der Nacht, und mit verwunderndem und zweifelndem Sinne rief er sich immer wieder das Bild seiner Täuschung vor Augen; denn das schien ja nicht Ähnlichkeit der Gestalten, sondern Gleichheit zu sein. Daher bildete sich in ihm eine so ungewisse und schwankende Beurteilung der Sache, dass er auf einen Irrtum schob, was er in Wahrheit entdeckt hatte. Endlich kam ihm der Gedanke, dass mit der Zwischenwand ein Trug hätte angerichtet sein können. Sofort liess er sie genau besichtigen und absuchen, aber es liess sich keine Spur von Durchbrechung nachweisen. In dem ganzen Gemache liess sich keine Berührung und Verletzung erblicken. Erik hatte nämlich in tiefer Nacht die Verletzung der Wand wieder ausgebessert, damit sein listiger Streich nicht verraten würde. Darauf hiess der König, um der Sache auf den Grund zu kommen, zwei Trabanten sich in das Schlafgemach Eriks schleichen und hinter dem Vorhange stehen, damit sie auf alles genau Acht hätten. Sie waren auch angewiesen, den Erik zu erschlagen, wenn sie ihn mit Gunwara zusammen fänden. Sie schlichen sich in das Zimmer, verbargen ihre Anwesenheit in einer [149] 149durch den Vorhang verdeckten Ecke und erblickten Erik und Gunwara, wie sie mit verschlungenen Armen auf demselben Lager ruhten. Sie meinten, sie schliefen noch nicht fest und lauerten auf den tieferen Schlaf; sie wollten warten, bis der schwere Schlummer ihnen die Möglichkeit biete, ihre Schandthat auszuführen. Als nun Erik laut schnarchte, und sie darin das Anzeichen des festen Schlafes erkannten, traten sie sofort mit den gezückten Schwertern aus ihrer Ecke hervor, um ihn zusammenzuhauen. Erik wurde über ihrem mordsüchtigen Hinzulaufen wach, und als er ihre Schwerter schon über seinem Kopfe erblickte, da sprach er den Namen seiner Stiefmutter aus, den unter Gefahren zu nennen ihm dereinst gesagt worden war, und er erfuhr [200] schlagfertige Hilfe in der Not. Sein Schild nämlich, der etwas höher an einem Balken hing, fiel sofort herunter und auf ihn und deckte seinen ungeschützten Körper, wie absichtlich, damit er von den Banditen nicht durchbohrt werden könnte. Und Erik liess das Glück nicht unbenutzt, ergriff hastig sein Schwert und schlug dem nächsten Mörder beide Beine ab. Den andern durchbohrte Gunwara mit der Lanze in gleich kräftigem Stosse, mit ihrem Weiberkörper kam sie Mannesmute gleich.

So zog sich Erik aus der Schlinge, eilte zum Meere zurück und machte sich fertig zur Abfahrt in der Nacht. Roller aber gab denen, die in der Nähe auf Wache gestellt waren, mit dem Horne das Zeichen, in den Palast einzudringen. Bei diesem Lärme meinte der König, es werde die Ankunft von Feinden angezeigt und floh Hals über Kopf auf seine Schiffe los. Inzwischen rafften Brak und die mit ihm eingedrungen waren, die Habe des Königs zusammen und schafften sie auf die Schiffe des Erik. Die Hälfte der Nacht ungefähr wurde darauf verwandt, die Beute fortzuschaffen. Als der König am Morgen ihre Flucht bemerkte, sann er sofort auf ihre Verfolgung, wurde aber von einem seiner Räte gemahnt, er solle nichts plötzlich in Angriff nehmen und in Hast ausführen. Es wurde ihm vorgehalten, dass grösseres Rüstzeug nötig wäre, und dass es nicht angängig wäre, mit wenigen Leuten den nach Dänemark Fliehenden nachzusetzen. Sein Sinn aber, der den Schaden nicht verschmerzen konnte, zähmte auch so nicht seine Hast; denn nichts hatte den König so sehr aufgebracht, wie der Gedanke, dass der Schlag, der einem andern zugedacht war, auf seine Leute zurückgefallen war. Er fuhr also aus und kam in den Hafen, der jetzt nach Ömi seinen Namen hat. Dort brach ein Unwetter los, und die Lebensmittel gingen ihm aus; da hielt er es für besser, den unvermeidlichen Tod durch das Schwert zu erleiden, als durch den Hunger. Also wandten die Schiffsleute ihre Hand gegen sich selbst und beschleunigten ihr Ende durch gegenseitige Wunden. Der König entkam mit wenigen über die steilen Berge; ein Zeichen des Gemetzels geben die [201] errichteten Leichenhügel. Inzwischen vollendete Erik glücklich seine Fahrt, und Frotho feierte mit Alwild Hochzeit.

[150] 150Darauf wurde ein Einbruch der Slaven gemeldet. Mit acht Schiffen wurde Erik dazu bestimmt ihn niederzuschlagen, denn Frotho erschien als noch zu unerfahren im Kriege. Erik also nahm, um niemals mannhafte Arbeit abzulehnen, den Auftrag mit Freuden an und ging wacker an die Ausführung. Als er die Seeräuber mit sieben Schiffen erblickte, fuhr er nur mit einem von seinen Schiffen entgegen, die andern liess er mit hölzernen Brustwehren umgeben und mit geschnittenen Baumästen bedecken. Als er darauf weiter vorsegelte, um die Zahl der feindlichen Flotte genauer auszukundschaften, da setzten ihm die Slaven nach, und er fuhr schnell auf seine Leute zurück. Die Feinde aber, die gar nicht an eine Falle dachten und den Fliehenden zu fassen sich beeiferten, peitschten die Wogen mit schnellem, eiligem Ruderschlage. Denn die Schiffe des Erik konnten nicht deutlich unterschieden werden, da sie aussahen wie ein belaubter Wald. Als sie in einen engen, gewundenen Sund eingebogen waren, sahen sie sich plötzlich von der Flotte des Erik eingeschlossen. Zunächst meinten sie, stutzend ob des fremdartigen Anblicks, es rudere ein Wald heran, dann aber sahen sie wohl, dass sich hinter dem Laube eine List barg. Zu spät bereuten sie ihre Sorglosigkeit und versuchten den unvorsichtig zurückgelegten Weg zurückzurudern. Jedoch während sie sich bemühten ihre Schiffe zu wenden, sahen sie, wie der Feind auf diese sprang. Erik aber zog sein Schiff ans Ufer und schleuderte von ferne Steine auf die Feinde. So wurden die meisten der Slaven niedergemacht, vierzig gefangen, die später, unter Entziehung der Speise gefesselt gehalten, unter verschiedenen peinigenden Qualen ihren Geist aufgaben.

Inzwischen hatte Frotho eine gewaltige Flotte aufgeboten aus den Dänen und den Grenznachbarn, um einen Einfall in das Slavenland zu machen. Das kleinste Schiff dieser Flotte fasste zwölf Schiffsleute und wurde von eben so viel Rudern getrieben. Darauf hiess Erik seine Leute ruhig warten und eilte selbst dem Frotho entgegen, um ihm die Nachricht [202] von dem bereits geführten Schlage zu überbringen. Als er auf seiner Fahrt ein Seeräuberschiff in flachem und seichtem Wasser festgefahren sah, sagte er, wie er Zufälle mit einem kräftigen Worte zu begleiten pflegte: „Dunkel ist der Unedlen Los, und der Nichtsnutzen Glück ist schmutzig.“ Dann trieb er sein Schiff näher heran und machte die Seeräuber nieder, die sich bemühten, ihr Schiff mit Stangen los zu machen und mit seiner Rettung vollständig beschäftigt waren. Als er nach dieser That zu der königlichen Flotte kam und den Frotho mit seinem Grusse als einer Siegesbotschaft erquicken wollte, rief er ihm Heil zu als dem Bringer des blühendsten Friedens. Der König betete, sein Wort möge wahr werden und sagte: [151] 151„Der Geist eines Weisen ist ein Prophet.“ Erik erwiderte, er spräche wahr, und ein kleiner Sieg mache Hoffnung auf einen grösseren, denn aus kleinen Ereignissen entnähme man oft die Vorbedeutung grösserer. Er gab darauf dem Könige den Rat, die Mannschaft zu teilen, die Reiterei von Jütland sollte zu Lande gehen, die andere Mannschaft sollte die kürzere Fahrt zur See antreten. Es hatte aber eine solche Menge von Schiffen das Meer angefüllt, dass die Häfen nicht für die Aufnahme, das Gestade nicht für ein Lager und die Gelder nicht für die Lebensmittel zureichten. Das Landheer aber soll so gross gewesen sein, dass es, um einen kürzeren Weg zu schaffen, Berge geebnet, Sümpfe gangbar gemacht, Lachen mit Dämmen ausgeglichen und tiefe Abgründe mit eingekarrten Erdmassen ausgefüllt haben soll.

Inzwischen suchte Strunicus, der König der Slaven, durch Gesandte um eine Waffenruhe nach, Frotho aber verweigerte die Zeit für eine Rüstung, indem er sagte, der Feind dürfe nicht durch Gewährung eines Stillstandes gestärkt werden. Dazu habe er bis jetzt ohne Kriegsthaten gelebt, und man dürfe deren Beginn nicht durch ein schwankendes Abwarten hinausschieben; denn wer seinen ersten Kriegszug mit Erfolg gemacht habe, der dürfe auch auf ein gleiches Glück für die Zukunft rechnen. Ein Jeder werde eine solche Vorbedeutung für seine späteren Kämpfe haben, wie sie die ersten Zusammenstösse

[203] gäben, da eben gewöhnlich die anfänglichen glücklichen Erfolge im Kriege eine Vorbedeutung für die folgenden darstellten. Erik lobte die verständige Antwort und sagte, man müsse das Spiel draussen so treiben, wie es zu Hause begonnen sei, womit er darauf hinwies, dass die Dänen von den Slaven herausgefordert seien. Auf dieses Wort liess er einen scharfen Kampf folgen; Strunik wurde mit den Tapfersten seines Volkes erschlagen, die anderen ergaben sich ihm. Da liess Frotho die Slaven zusammen entbieten und durch einen Herold ausrufen, wer unter ihnen gewohnheitsmässige Räuber oder Diebe wären, die sollten sich ihm sofort stellen, indem er verhiess, dass er dieser Leute Treiben mit den höchsten Ehren bedenken würde. Auch wer böser Künste kundig sei, solle hervortreten, um Belohnungen zu erhalten. Das war den Slaven eine angenehme Verheissung; ihrer Erwartung gingen viele rasch, aber unüberlegt nach und verrieten sich selbst eher, als sie durch die Anzeige eines andern hätten nachgewiesen werden können. Sie führte so grosse Gier nach Gewinn irre, dass sie das Ehrgefühl hinter dem Geldgewinne zurücktreten liessen und Verbrechen als Ruhm betrachteten. Als diese sich so freiwillig stellten, sagte er: „Von dieser Pest müsst Ihr selbst, Ihr Slaven, Euer Land frei machen.“ Sofort liess er sie von Schergen wegschleppen und durch die Hand ihrer Mitbürger an hoch aufgerichtete Kreuze schlagen. Der Bestraften waren mehr, so konnte man glauben, als derer, die die Strafe vollstreckten. So tilgte der kluge König fast den ganzen [152] 152Stamm des Slavenvolkes aus, indem er zwar dem besiegten Feinde Quartier gab, aber es denen verweigerte, die ihr Verbrechen eingestanden hatten. So folgte auf die Gier nach einem ungebührlichen Lohne die gebührende Strafe, und die Sucht nach einem schmählichen Preise wurde zu gerechter Busse getrieben. Ich sollte denken, dass sie mit Recht dem Tode überwiesen worden sind; denn während sie sich durch den Schutz des Schweigens das Leben hätten erhalten können, riefen sie mit ihren Reden selbst die Gefahr herauf.

Gehoben durch seinen frischen Siegesruhm beschloss der [204] König sein Heer durch Gesetze neu zu ordnen, damit es nicht scheine, als ob er zwar reich an Waffenerfolgen, aber arm an Gerechtigkeitssinne sei. Einige von diesen Gesetzen sind noch jetzt in Gebrauch, andere hat eine willkürliche Neuerung im Recht abgeschafft. Er bestimmte also, dass ein jeder Rottenführer bei Verteilung der Beute einen grösseren Anteil erhalten solle, als der gewöhnliche Mann; den Führern aber, denen in der Schlacht die Feldzeichen voraufgetragen würden, bestimmte er als Ehrung das erbeutete Gold; der gemeine Mann sollte sich mit dem Silber begnügen lassen. Die Rüstungen sollten den Kämpen zufallen, die genommenen Schiffe aber den Bauern; denn sie kämen denen zu, deren Pflicht es sei, die Fahrzeuge zu bauen und auszurüsten. Ausserdem bestimmte er, dass niemand sich erkühnen solle, seinen Besitz unter Schloss zu legen; wenn etwas eingebüsst werde, solle er den doppelten Wert aus dem königlichen Schatze erhalten. Wenn jemand seinen Besitz in verschlossenen Truhen verwahre, so müsse er dem Könige mit zwei Pfund Gold büssen. Er bestimmte ferner, dass den die auf Diebstahl gesetzte Strafe treffe, der einen Dieb laufen lasse. Ferner solle, wer in der Schlacht zuerst die Flucht ergreife, vogelfrei sein.

Als er nach Dänemark zurückkehrte, ging er daran, alles durch verständige Mittel wieder gut zu machen, was Grep durch seine bösen Gewohnheiten verdorben hatte; deshalb gewährte er den Frauen vollständig freie Verfügung über ihre Hand, keine sollte zu einer Heirat gezwungen werden. Er sah also durch Gesetz vor, dass sie denen zu rechter Ehe zu teil würden, die sie ohne Einwilligung des Vaters geheiratet hätten. Wenn eine Freie aus eignem Entschlusse einen Unfreien zum Manne nähme, so solle sie seinem Stande folgen, ihren bevorzugten Stand einbüssen und in die Zahl der Unfreien eintreten. Den Männern legte er den Zwang auf, die zur Ehe zu nehmen, mit denen sie sich zuerst eingelassen. Die Ehebrecher sollten von den Ehemännern eines Körperteils beraubt werden, damit nicht die Enthaltsamkeit durch Schandthaten aus der Welt schwinde. Er bestimmte [205] auch, wenn ein Däne einen andern mit Raub heimsuche, so solle er ihm das Doppelte vergelten und ausserdem des Friedensbruchs schuldig erklärt werden. Wenn jemand[WS 8] ein gestohlenes Gut zum Hause eines andern trage, und der Wirt hinter ihm die Thür seines Hauses zuschliesse, so solle er um alle seine Habe gebrücht und in voller Versammlung der Gemeine geprügelt werden, weil er damit des gleichen Vergehens sich schuldig gemacht habe. Ferner, wer als Ausgewiesener feindlich gegen sein Vaterland auftrete oder gegen seine Mitbürger feindlichen Schild erhebe, der solle büssen mit Gut und Leben. [153] 153Wenn ferner jemand sich aus Trotz säumig erwiese, den Befehl des Königs zu erfüllen, der solle zur Strafe des Landes verwiesen werden. Es wurde nämlich ein hölzerner Stab, der so aussah wie ein eiserner, als Botschaft bei allen herumgeschickt, so oft plötzlich ein Krieg notwendig wurde.

Wer als Gemeiner dem Rottenführer in der Schlacht voraufgehe, der sollte, wenn er ein Unfreier sei, die Freiheit, wenn er ein Gemeinfreier sei, den Adel erhalten; wenn er von Adel sei, so solle er Führer werden. So grossen Lohn verdienten sich in alten Zeiten wagemutige Männer, und der Tapferkeit glaubten die Alten den Adel erteilen zu müssen; nicht dem hohen Stande dürfe man Tüchtigkeit zuschreiben, wohl aber der Tüchtigkeit hohen Stand beilegen.

Er bestimmte ferner, dass kein Rechtsstreit durch Eid oder Pfandsetzung eingeleitet werden solle; wer einen anderen auffordere, mit ihm ein Pfand zu setzen, der solle ihm ein halb Pfund Gold zahlen, sonst solle er eine schwere Körperstrafe erfahren; denn der König hatte erkannt, dass aus der Pfandsetzung grosse Streitsachen entstehen können. Dagegen bestimmte er, dass jede Rechtsfrage durch gerichtlichen Zweikampf entschieden werden dürfe; denn es sei rühmlicher mit Körperkräften, als mit Worten zu streiten. Wenn einer der Kämpfer seinen Fuss zurücksetze über die Linie des vorhergezeichneten Kreises hinaus, der solle wie besiegt den Prozess verlieren. Wenn aber in irgend einer Sache einen Kämpen ein Gemeiner herausfordere, so solle er ihn gewappnet bekämpfen, der Kämpe aber solle nur mit einem Knüppel, eine [206] Elle lang, kämpfen. Der Tod eines Dänen von der Hand eines Ausländers solle durch den Tod zweier Ausländer gesühnt werden.

Inzwischen rüstete Götar ein Heer zum Kampfe, um an Erik Strafe zu vollstrecken. Auf der andern Seite ging Frotho mit einer grossen Flotte nach Norwegen. Als sie beide an der Insel Rensö gelandet waren, bat Götar aus Schrecken vor dem grossen Namen des Frotho durch Gesandte um Frieden. Ihnen entgegnete Erik: „Das ist ein unverschämter Räuber, der zuerst Eintracht sucht oder sich herausnimmt, sie den Guten anzubieten. Denn wer erlangen will, muss anstreben, Hieb muss gegen Hieb gesetzt werden, Hass mit Hass vertrieben.“ Da Götar dieses Wort von weitem mit gespitzten Ohren aufgefasst hatte, rief er, so laut er konnte: „Ein jeder dient der Tüchtigkeit so, wie er einer Wohlthat eingedenk ist.“ Erik erwiderte ihm: „Deine Wohlthat habe ich anfgewogen durch den Rat, den ich Dir erteilt.“ Damit deutete er an, dass heilsame Lehren besser sind, als jedes Geschenk. Und um nachzuweisen, dass Götar für den empfangenen Rat schlecht gedankt habe, sagte er: „Dass Du mir die Gattin und sogar das Leben nehmen wolltest, damit hast Du den Glanz Deines besseren Beispiels zerstört. Zwischen uns kann nur noch das Schwert entscheiden.“ [154] 154Götar griff nun die dänische Flotte an, jedoch der Kampf verlief für ihn unglücklich, und er wurde erschlagen. Sein Reich erhält später Roller von Frotho als Lehn; es erstreckte sich über sieben Provinzen. Ihm schenkte Erik auch den Bezirk, der ihm einst von Götar übertragen worden war[77]. Nach diesen Thaten verlebte Frotho drei Jahre in ganz ungestörtem Frieden.

Inzwischen hatte der Hunnenkönig, als er von der Verstossung seiner Tochter hörte, mit dem Könige der Ostleute, Olimarus, ein Bündnis geschlosssen und rüstete zwei Jahre lang zu einem Kriege mit den Dänen. So bot denn Frotho nicht allein die Inländer, sondern auch die Norweger und die Slaven [207] auf. Erik wurde von ihm auf Kundschaft gegen das feindliche Heer ausgeschickt und traf unweit Russland auf Olimar, der den Befehl über die Flotte erhalten hatte, während der Hunnenkönig das Landheer führte. Er sprach ihn folgendermassen an:

Was will, sage mir doch, das gewaltige Rüstzeug des Krieges?
Sage, wohin mit dem Schiff, jetzt, Olimarus, Du eilst?

Olimar:

Krieg, Krieg jetzt steht der Sinn mir zu bringen dem Sohne des Fridlew,
Und wer bist Du, der kühn so mit dem Worte mich fragt?

Erik:

Grundlose Hoffnung berückt Dir den Sinn, den Frotho besiegen
Konnte noch Keiner, ihn wird nimmer besiegen ein Mann.

Olimar:

Was auch nur immer geschieht, einmal muss zuerst es geschehen;
Merk’, was das Sprichwort Dir sagt: „Unverhofft kommet noch oft.“

Mit diesem Spruche wollte er lehren, dass niemand sein Vertrauen allzu sehr auf das Glück setzen soll. Darauf ritt Erik weiter, um das Heer der Hunnen auszukundschaften. Es zog an Erik vorüber, und Erik ritt an ihm vorüber: die Spitze des Heeres traf er bei der aufgehenden Sonne und die Nachhut bei der untergehenden Sonne. Daher fragte er die ihm begegneten, wer so viele Tausende kommandiere. Als ihn Hun erblickte (das war der König der Hunnen), erkannte er, dass er den Kundschafterdienst übernommen [155] 155und fragte, wie der Frager hiesse. Erik sagte, er werde genannt der überall hin kommende und nirgend erkannte. Der König fragte weiter mit Hilfe eines Dolmetschers, was Frotho vornähme. Ihm entgegnete Erik: „Niemals wartet Frotho auf ein feindliches Heer zu Hause, noch lauert er auf den Feind in seiner Wohnung. Bei Tag und Nacht muss auf den Beinen sein, wer nach dem Reiche eines andern trachtet. Niemand hat durch Schnarchen einen Sieg erlangt, und kein Wolf hat im Schlafe einen Frass gefunden.“ Da sah der König, dass er sich auf tiefsinnige Sprüche verstand und sagte: „Das ist wohl gar Erik, der meine Tochter, wie ich gehört, fälschlich [208] eines Verbrechens angeschuldigt hat?“ Er hiess ihn sofort ergreifen, aber Erik sagte, es sei nicht schön, dass einer von vielen weggeschleppt werde. Durch dieses Wort beschwichtigte er nicht nur die Erregung des Königs, sondern bestimmte ihn sogar zu der Geneigtheit, ihm zu verzeihen. Seine Verschonung entsprang selbstverständlich nicht sowohl einer Regung des Wohlwollens, als einer schlauen Absicht: man liess ihn ziehen, damit er Frotho durch seinen Bericht von der grossen Menge in Schrecken setze. Als Erik zurückkam, und der König Meldung erforderte, da berichtete er, dass er sechs Könige mit sechs Flotten gesehen habe; eine jede habe aus 5000 Schiffen bestanden, und jedes Schiff habe 300 Ruderer gefasst. Ein jedes Tausend der ganzen Summe bestünde aus vier Flügeln. Er wollte aber unter einem Tausend eintausend zweihundert verstanden wissen, da jeder Flügel volle 300 Mann stark sei. Da Frotho schwankte, was er gegen so viele vornehmen solle, und sich besorgt nach Unterstützung umsah, da sagte Erik: „Einem Tapfern hilft sein Mut, mit einem scharfen Hunde muss man den Bären packen; tüchtige Doggen sind nötig und nicht schwache Vogelhunde.“ Damit gab er Frotho den Rat, seine Flotte zusammenzuziehen. Als sie ausgerüstet war, ging es gegen den Feind. Die Inseln, welche zwischen Dänemark und dem Osten liegen, wurden im Kampfe überwunden. Beim weiteren Vorrücken trafen sie auf einige Schiffe von der russischen Flotte. Als Frotho es für unrühmlich erklärte, die geringe Zahl anzugreifen, sagte Erik: „Vom Magern und Dünnen muss die Speise geholt werden; selten wird fett, wer fällt. Der kann nicht beissen, der in dem grossen Sacke steckt.“ Mit dieser Lehre benahm er dem Könige das Bedenken, anzugreifen und bewog ihn dazu, mit Übermacht die geringe Zahl anzufallen, indem er ihm zeigte, dass man auf den Nutzen mehr als auf die Ehre sehen müsste.

Darauf rückten sie gegen Olimar, der wegen der schwer beweglichen Masse seiner Schiffe lieber den Angriff des Feindes abwarten, als selbst zum Angriff schreiten wollte; denn die Schiffe der Russen sind ungeschickt [156] 156und wegen ihrer Grösse [209] unhandlich fürs Ruder. Aber die Übermacht der Zahl nützte ihm nichts, denn die gewaltige Menge der Russen, stärker an Zahl denn an Kraft, musste der kleinen, aber kräftigen Zahl der Dänen den Sieg überlassen. Als Frotho nach Hause fahren wollte, erlebte er ein noch nie dagewesenes Hemmnis der Fahrt. Nämlich eine Unzahl Leichen, dazu Bruchstücke von Schilden und Speeren hatten, von der Flut getrieben, den ganzen Meerbusen bedeckt. So waren die Häfen eng und voll üblen Geruchs. Daher staken die Schiffe mitten in den Leichen fest. Sie konnten auch die umherschwimmenden verwesenden Leichen weder mit den Rudern noch mit Stangen fortstossen; immer trieb, wenn sie eine beseitigt, eine andere heran und klatschte gegen das Schiff. Man hätte glauben sollen, es sei ein Kampf mit Toten entbrannt; es war ein wunderlicher Krieg gegen Leblose.

Nunmehr berief Frotho die Völker vor sieh, die er besiegt hatte, und bestimmte, dass jedes Familienhaupt, das in diesem Kriege gefallen war, mit dem Rosse und allem Schmucke seiner Rüstung dem Leichenhügel übergeben werden sollte. Wenn sich an ihm ein Leichenräuber in böser Gier vergriffe, so solle er nicht allein mit seinem Leben büssen, sondern noch mit der Entziehung des Begräbnisses: der solle des Grabes und der Bestattung entbehren. Denn er hielt es für billig, dass, wer an fremder Asche sich vergriff, nicht die Gunst der Bestattung erfahre und mit seinem eignen Körper das Los zur Anschauung bringe, das er einem fremden bereitet. Eines Hundertmannes Leichnam aber oder eines Befehlshabers solle auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden, der aus seinem Schiffe errichtet sei. Zehn Leichen von Steuermännern sollten mit eines Schiffes Feuer verbrannt werden, ein gefallener Herzog aber oder König solle auf sein Schiff gelegt und so verbrannt werden. Eine so genaue Beobachtung schrieb er für die Bestattung der Gefallenen vor, damit er nicht die Gebräuche der Begräbnisse ohne Unterschied lasse.

Schon waren alle Könige der Russen mit Ausnahme von Olimar und Dagus im Kampfe gefallen. Er schrieb auch vor, dass die Russen den Krieg führen sollten nach dem Muster [210] der Dänen, und dass keiner eine Frau, wenn nicht in den Formen des Kaufes, heimführen solle. Denn Ehen, in der Form des Kaufes geschlossen, hätten mehr Kraft; beständiger wäre die Treue der Ehe, die durch einen Preis bekräftigt würde. Wenn jemand eine Jungfrau vergewaltigt hätte, der solle durch Abschneiden von Körperteilen gebracht werden, anderenfalls sollte er die Unbill des Beischlafs mit tausend Pfund aufwiegen. Er bestimmte auch, dass, wer ins Heer trete und Anspruch mache auf den Ruhm erprobter Tüchtigkeit, einen im Kampfe angreifen, [157] 157gegen zweie sich wehren müsse, dreien mit mässigem Rückwärtssetzen des Fusses ausweichen, vor vieren aber ohne Scham fliehen dürfe. Auch noch eine andere Gewohnheit in Betreff der Löhnung der Mannen schrieb er den ihm unterworfenen Königen zur Nachachtung vor: den stehenden Haussoldaten befahl er zur Winterzeit mit drei Pfund Silber zu beschenken, den Gemeinen oder Gemieteten mit zwei, den Entlassenen, der den Kriegsdienst hinter sich habe, nur mit einem. Mit diesem Gesetze fügte er der Tüchtigkeit ein Unrecht zu, da er nur die Verhältnisse der Kriegsleute, nicht ihren Mut in Betracht zog. Hierin konnte man ihn eines Missgriffs zeihen, da er den Grad des Verhältnisses zu ihm höher stellte als die Verdienste.

Darauf wurde Erik vom Könige befragt, ob das Heer der Hunnen ebenso gross sei, wie das Olimars und er antwortete in Versen folgendermassen:

Wahrlich! ich habe getroffen ein Volk, das keiner kann zählen,
Seine unendliche Schar fasste nicht Land noch das Meer.
Feuer erglänzten im Kreis, und es lodert’ ein Wald mir entgegen,

15
Brände ohn’ Ende ringsum kündeten zahlloses Heer.

Tief sich senkte das Feld, von den Hufen der Rosse zertreten,
Schrillend mit lautem Gekreisch rauschten die Wagen einher.
Laut auf seufzten die Räder, den Wind überholte der Lenker,
Hallend wie Donnergekrach scholl’s von den Wagen daher.

20
Kaum jene regellos stürzende Schar der bewaffneten Männer

Trug noch die Erde, die Last wurde zu schwer ihrer Kraft.
Laut zu erbrüllen mich däuchte die Luft und die Erde zu beben,
So in unendlichem Zug eilte das feindliche Heer.
Fünfzehn Fahnen erblickt’ ich, sie flatterten lustig im Winde.

25
Jeglicher waren gesellt kleinere, hundert an der Zahl;
[211]

Jede von diesen hinwieder sah zwanzig hinter sich wehen;
Gleich diesen Fahnen an Zahl schritten die Führer einher.

Als nun Frotho fragte, was er gegenüber solcher Zahl ins Feld stellen solle, gab Erik den Rat, umzukehren und den Feind erst an seiner eigenen Grösse sich aufreiben zu lassen. Die Mahnung wurde befolgt; denn der Vorschlag wurde mit gleich grossem Eifer gut geheissen, wie er gegeben worden war. Als die Hunnen durch unwegsames Land und Einöde vorrückten, nirgend Lebensmittel fanden, fingen sie an haufenweise dem Hunger zu erliegen. Denn die Gegend war wüst und sumpfig, und es war keine Hilfe gegen die Not zu finden. Schliesslich, als sogar das Zugvieh geschlachtet und verzehrt war, verliefen sie sich ohne Wagen und Lebensunterhalt. Jedoch die Irrfahrt war eben so gefahrbringend wie der Hunger. Man schonte weder Pferd noch Esel, sogar faulendes und verwesendes wird gegessen; zuletzt verschonte man nicht einmal die Hunde; jeder Greuel erschien den Sterbenden als erlaubt. [158] 158Denn nichts ist so hart, dass nicht dazu die äusserste Not triebe. Schliesslich kam ein allgemeines Sterben über die von Hunger Erschöpften; unaufhörlich wurden Leichen bestattet, und da alle das Ende fürchteten, hatte keiner Mitleid mit den Sterbenden. Das menschliche Gefühl war in der Furcht untergegangen. So fielen denn allmählich zunächst einzelne Haufen vom Könige ab, dann verlief sich die Menge abteilungsweise. Es liess ihn auch der Seher Uggerus[78] im Stiche; dessen Alter wusste man nicht, jedenfalls aber ging es über die den Menschen gesetzte Grenze hinaus; er kam zu Frotho als Überläufer und verriet ihm das ganze Vorhaben der Hunnen.

Inzwischen kam Hithinus, der König eines bedeutenden norwegischen Stammes zu Frothos Flotte mit 150 Schiffen. Aus diesen wählte er zwölf aus und segelte näher, indem er durch einen am Maste erhobenen Schild das Zeichen gab, dass Freunde herankämen. Er wurde von dem Könige unter die vertrautesten Freunde eingereiht und brachte dessen [212] Truppen eine erhebliche Verstärkung. Später verliebten sich in einander dieser Hithin und Hilda, die Tochter des Höginus, eines Unterkönigs in Jütland, die eine hochberühmte Jungfrau war. Noch ehe sie sich gesehen, hatte beider Ruf sie schon entbrennen lassen. Als sie aber sich einander mit Augen sehen durften, da konnte keines den Blick vom andern wenden; so tiefe Liebe fesselte die Augen.

Inzwischen verteilte Frotho seine Mannen in die Städte und brachte umsichtig das Geld zusammen, das für die Winterverpflegung nötig war. Jedoch auch so reichten seine Mittel nicht aus für die Last des grossen Heeres. So brach denn ein Verderben herein, beinahe gleich dem Absterben der Hunnen. Um das Zuströmen der Fremden zu hemmen, schickte er eine Flotte zur Elbe, deren Führer Rewillus und Mewillus waren, mit der Aufgabe nichts herüberzulassen. Als der Winter verging, begaben sich Hithin und Högin auf eine gemeinsame Expedition; Högin wusste aber nicht, dass seine Tochter von seinem Gefährten geliebt wurde. Högin war gross von Körper, lebhaft von Geist; Hithin war sehr schönen Körpers, aber nur klein. Als Frotho bemerkte, dass der Unterhalt des Heeres von Tag zu Tag schwieriger zu beschaffen war, entsandte er den Rollerus nach Norwegen, den Olimarus nach Schweden, den König Önewus und den Glomerus, einen vorzüglichen Wiking, nach den Orkaden, um Lebensmittel zu holen; einem jeden wies er seine besonderen Mannen zu. Dreissig Könige folgten dem Frotho, Freunde oder Lehnsleute. [159] 159Als aber Hun hörte, dass Frotho seine Leute geteilt hatte, zog er die alten und noch frische Mannen zusammen. Högin aber verlobte seine Tochter dem Hithin, nachdem beide sich einander zugeschworen, dass, wenn einer durchs Schwert falle, der andere sein Rächer sein solle.

Im Herbste kamen die Lebensmitteleintreiber zurück, noch reicher an Siegen als an Zufuhr. Roller nämlich hatte die Länder Sunmoria und Normoria zinspflichtig gemacht, nachdem er ihren König Arthorius erschlagen hatte. Olimar hatte Thorus den Langen, König der Jamter und Helsingier und zwei andere eben so mächtige Herzöge bezwungen, auch [213] Esthland und Kurland mit Öland, auch die Schweden vorliegenden Inseln unterworfen, als berühmter Bezwinger des Barbarenlandes. So brachte er 700 Schiffe zurück, die doppelte Zahl derer, mit denen er ausgefahren war. Dem Önef und Glomer, auch dem Hithin und Högin fiel der Sieg über die Orkaden zu. Sie kamen mit 900 Schiffen zurück. Und schon reichten die weither geholten Vorräte und das durch Raub zusammengebrachte Geld für den Unterhalt der Leute reichlich aus. Zwanzig Reiche hatten sie zu der Herrschaft Frothos hinzugebracht, deren Könige nun, den dreissig früher erwähnten angeschlossen, in den Reihen der Dänen kämpften. Im Vertrauen auf diese Streitkräfte schritt man zu einem Kampfe mit den Hunnen. Der erste Tag dieser Schlacht sah ein solches Gemetzel, dass drei grosse Flüsse Russlands mit Leichen wie mit einer Brücke bedeckt waren, so dass man trockenen Fusses darüber gehen konnte. So weit ein Mann in drei Tagen reiten kann, so weit konnte man das Land voller Menschenleichen sehen; so weit hin erstreckten sich die Spuren des Gemetzels. Als der Kampf sich sieben Tage hingezogen, fiel der König Hun. Als sein gleichnamiger Bruder die Schlachtreihe der Hunnen wanken sah, ergab er sich unverzüglich mit seiner Abteilung. In dieser Schlacht unterwarfen sich dem Frotho 170 Könige, die entweder aus den Hunnen selbst waren oder im Heere der Hunnen gedient hatten. Diese Zahl hatte Erik mit seiner obenerwähnten Bezeichnung der Fahnen gemeint, als er auf die Frage des Königs Frotho die Menge der Hunnen einteilte. Frotho berief die Könige zusammen und gab ihnen die Weisung, unter ein und demselben Rechte zu leben. Er setzte aber den Olimar über Holmgardia, Önef über Cönogardia, dem gefangenen Hun überwies er Sachsen, den Rewill beschenkte er mit den Orkaden. Die Länder der Helsingier, Jarnberer und Jamter überwies er mit den beiden Lapplanden einem gewissen Dimarus zur Verwaltung. Dem Dag übergab er die Verwaltung von Esthland. Einen jeden von diesen belastete er mit einem bestimmten Tribute, indem er zu der Wohlthat die Lehnspflicht gesellte. So fand das Reich des Frotho, das im [214] [160] 160Osten Russland umfasste, im Westen erst am Rheine seine Grenze.

Inzwischen wurde Hithin bei Högin durch gewisse missgünstige Leute angeschwärzt, als ob er seine Tochter vor der förmlich abgeschlossenen Ehe mit Verlockung zum Beischlafe entehrt hätte, was damals bei allen Völkern als eine ruchlose That betrachtet wurde. Högin also nahm mit gläubigen Ohren diesen erlogenen Bericht hin und griff mit einer Flotte den Hithin an, der bei den Slaven den Königszins einsammelte; im Kampfe besiegt wich er nach Jütland. So hatte den von Frotho errichteten Frieden ein innerer Krieg gestört, und Landeseingeborene lehnten sich zuerst gegen das Königsgesetz auf. Deshalb berief Frotho sie beide durch Boten vor sich und untersuchte genau den Anlass zur Fehde. Als er ihn erfahren, stellte er den Spruch nach der Weisung des von ihm gegebenen Gesetzes. Da er aber sah, dass er sie auch so nicht mit einander aussöhnen konnte, sondern der Vater hartnäckig seine Tochter zurückverlangte, so entschied er, dass der Handel durch Zweikampf entschieden werden sollte; das erschien noch als das einzige Mittel, den Streit zu schlichten. Im Kampfe erhielt nun Hithin einen scharfen Hieb; schon verliessen ihn infolge des Blutverlustes die Kräfte, da erfuhr er ungehoffte Milde vom Feinde. Obwohl nämlich Högin volle Macht hatte, ihn zu erschlagen, liess er doch in seinem Herzen die Wut der Milde weichen aus Erbarmen mit seiner Schönheit und seiner Jugend. So zog er denn das Schwert zurück, um nicht dem Jüngling, der in den letzten Zügen zuckte, das Lebenslicht auszulöschen. Denn in alten Zeiten wurde es als ein Schimpf betrachtet, einem jungen und schwachen Manne das Leben zu nehmen. So unverbrüchlich hielten die tapferen Kämpen der Vorzeit alle Gesetze der Ehre. So wurde Hithin von den Händen seiner Mannen zu den Schiffen getragen und behielt das Leben durch die Gnade des Gegners. Sieben Jahre darauf schritten sie bei der Insel Hithinsö wieder zu einem Kampfe, und einer fiel von der Hand des andern. Glücklich würde Högin sein, wenn er gegen den einmal besiegten Hithin strenges Recht [215]  und nicht Milde hätte walten lassen. Man erzählt, dass die Sehnsucht der Hilda nach ihrem Manne so brennend gewesen sei, dass sie in der Nacht die Seelen der Gefallenen zu neuem Kampfe durch Zaubersprüche heraufbeschworen habe.

Zu derselben Zeit entbrannte ein heftiger Krieg zwischen Alricus, dem Könige der Schweden, und Gestiblindus[79], dem Könige der Goten. Aber Gestiblind, der minder mächtige, ging schutzflehend zu Frotho, um gegen das Versprechen seiner und des Landes Unterwerfung Hilfe zu erlangen. Er erhielt Skalk von Schonen und Erik als Unterstützung und kam nun mit seinen Ersatzmannschaften zurück. [161] 161Als er sein Heer gegen Alrik vorrücken lassen wollte, gab Erik seine Stimme dahin ab, dass zunächst sein Sohn Gunthionus, der über die Wermier und Solonger gesetzt war, angegriffen werden müsse: ein vom Unwetter ermüdeter Seemann müsse das nächste Ufer suchen; auch grüne selten ein Baum, der keine Wurzeln habe. Deshalb wurde zunächst ein Angriff auf Gunthionus gemacht, er fiel, und sein Grabhügel kündet noch seinen Namen. Als Alrik den Tod seines Sohnes vernahm, eilte er Rache zu nehmen. Als er die Feinde zu Gesicht bekam, bat er den Erik, den er zu einer heimlichen Besprechung entboten hatte, unter Aufzählung der Bündnisse ihrer Väter[80], dass er den Dienst des Gestiblind verlasse. Als Erik das entschieden ablehnte, verlangte er die Gestattung eines Zweikampfes mit Gestiblind: ein Zweikampf sei immer besser als eine Schlacht der Völker. Erik erklärte, Gestiblinds hohes Alter mache ihn unfähig zu einem Waffengange und schützte seinen elenden Gesundheitszustand unter nachdrücklicher Entschuldigung mit dem Alter vor, erbot aber sich an jenes Statt zu dem Zweikampfe; denn es sei ehrenrührig, wenn er für den einen Zweikampf einzugehen sich weigere, für den er gekommen sei eine Schlacht zu liefern. Darauf wurde ohne Verzug zum Kampfe geschritten. Alrik fiel, aber auch Erik wurde schwer verwundet; nur mit Mühe fand er Heilung, und erst nach langer Zeit erlangte er seine volle Körperkraft [216] wieder. Frotho aber war die falsche Nachricht gekommen, dass er gefallen, und das quälte das Herz des Königs mit grossem Schmerze. Diese Trauer verscheuchte dann Erik durch seine Ankunft; denn er konnte melden, dass durch ihn Schweden, Wermland, Helsingland und die Sonneninseln dem Reiche des Frotho hinzugefügt seien. Ihn bestellte Frotho zum Könige der durch ihn unterworfenen Völker und wies ihm ausserdem noch Helsingien mit den beiden Lapplanden, auch Finnland und Esthland zu mit der Pflicht einer jährlichen Abgabe. Kein König in Schweden hiess vor ihm Erik, von ihm aber ging der Name auf die späteren über.

Zu derselben Zeit regierte in Hethmarken Alf, der hatte einen Sohn Asmundus, im Lande Wik aber Biorno, dessen Sohn war Aswitus. Es begab sich aber, dass Asmund in übergrossem Jagdeifer bei schlechtem Erfolge, während er das Wild mit Hunden zu erjagen oder in Netzen zu fangen sich bemühte, durch einen hereinbrechenden dichten Nebel weit weg auf einem auf Abwege führenden Steige von seinen Netzträgern getrennt wurde, auf öden Bergjochen umherirrte und zuletzt ohne Pferd und Kleider Schwämme und Wurzeln verzehrte; schliesslich kam er auf planlosem Weiterwandern zu dem Hause des Königs Biorn. Nach kurzem Verkehre schwuren sich er und der Sohn des Königs zum Abschlusse eines festen Freundschaftsbundes gegenseitig einen Eid, dass, wer den andern überlebe, sich mit ihm begraben lasse[81]. [162] 162So gross war die lebendige Kraft ihres Freundschaftsbundes, dass keiner das Licht länger sehen wollte, wenn den andern das Todesgeschick dahingerafft hätte.

Hierauf zog Frotho die Streitkräfte aller ihm unterworfenen Völker zusammen und ging mit der Flotte nach Norwegen; Erik wurde mit der Führung des Landheeres beauftragt. Nach Gewohnheit der menschlichen Habgier wollte Frotho, je mehr er hatte, desto mehr noch haben und liess auch den ödesten und unwirtlichsten Teil des Erdkreises nicht verschont bleiben von dieser bösen Leidenschaft. Mit der [217] Vermehrung des Besitzes pflegt immer die Habgier zu wachsen. Da die Norweger keine Hoffnung auf Abwehr sich machen konnten und das Zutrauen zum Widerstand im Kampfe verloren hatten, so beschlossen sie grösstenteils nach dem Gebiete von Halogia zu fliehen. Auch die Jungfrau Stikla entwich aus dem Vaterlande, um sich ihre Keuschheit zu erhalten; sie wollte lieber in Kriegen umhergetrieben werden, als sich unter das Joch der Ehe beugen.

Inzwischen verschied Aswit an einer Krankheit und wurde mit Hund und Pferd in einer Erdhöhle beigesetzt. Mit ihm liess sich Asmund wegen seines Freundschaftseides lebendig begraben, es wurde aber auch Speise hineingebracht, von der er leben sollte. Und schon stiess Erik, nachdem er mit dem Heere das Bergland durchzogen hatte, zufällig auf den Grabhügel des Aswit. Die Schweden glaubten, es seien Schätze darin und schlugen mit Hacken den Hügel auf; da öffnete sich vor ihren Augen eine Höhlung von grösserer Tiefe, als sie angenommen hatten. Um diese zu durchsuchen, musste einer, umwunden mit einem hangenden Stricke, hinunter gelassen werden. Durch das Los wurde einer aus den gewandtesten jungen Männern ausgewählt; als Asmund ihn in einem Korbe, der an dem Stricke hing, herabkommen sah, da warf er ihn aus dem Korbe und stieg flugs selbst hinein. Darauf gab er denen, die oben standen und das Seil handhabten, das Zeichen zum Aufzug. Sie zogen den Korb in der Erwartung eines grossen Schatzes herauf; als sie aber das unbekannte Gesicht des herauf Gezogenen erblickten, warfen sie den Strick weg und flohen nach allen Seiten, erschreckt durch den fremdartigen Anblick, in der Meinung, der Tote sei wiedergekehrt; denn Asmund erschien grässlich anzusehen und wie mit Grabesfäulnis bedeckt. Er bemühte sich, die Fliehenden zurückzurufen und fing an zu schreien, sie fürchteten sich ohne Grund, denn er lebe. Als Erik ihn sah, staunte er namentlich über sein blutbeflecktes Antlitz, denn über dieses sickerte hervorfliessendes Blut. Aswit war in den Nächten wieder aufgelebt und hatte ihm nach langem Ringen das linke Ohr abgebissen, und so zeigte [218] sich der hässliche Anblick einer unvernarbten frischen Wunde. Als Asmund von den Umstehenden aufgefordert wurde, ihnen den Grund der Wunde kund zu geben, begann er so zu sprechen:

[163] 163Sagt, was staunt Ihr, die Dir farblos, bleich und elend mich erblickt?
Unter Toten büsst doch jeder, der noch lebt, die Frische ein.

Ach! wer einsam, dem ist freudlos jeder Wohnplatz auf dem Erdkreis;
Der ist elend, dem das Schicksal hat versagt hilfreiche Hände.

5
In der Höhlung, in dem Nachttraum, in der finstern alten Grotte

Sind die Freuden aus den Augen und dem Herzen mir geschwunden.
Kaltes Erdreich, dumpfer Hügel und des Schmutzes und des Unrats
Böser Brodem hat gebrochen mir der Jugend strahlend Antlitz,
Hat entstellt mich, hat geschwächt mir meiner Glieder wucht’ge Kräfte.

10
Noch zu allem musst’ ich ausstehn, musste leiden schrecklich Fahrnis:

Denn zerfleischend mit den Nägeln, wieder lebend, packt’ mich Aswit,
Focht mit Kräften aus der Hölle nach dem Tode grause Kämpfe.

Sagt, was staunt Ihr, die Ihr farblos, bleich und elend mich erblickt?

15
Unter Toten büsst doch jeder, der noch lebt, die Frische ein.

 Stygischen Gottes Gebots dunkeles Walten
 Sandte mir Aswits Geist auf aus der Tiefe;
 Mit dem grausigen Zahn zehrt’ er das Ross auf,
 Bot als Speise den Hund scheusslich dem Munde.

20
 Nicht war Frass ihm genug Hündlein und Streitross,

 Nunmehr lenkt’ er auf mich reissende Nägel,
 Kratzte die Wange mir auf, raubte das Ohr mir.
 Drum ist das Antlitz mir schaurig zerrissen,
 Drum aus hässlichem Riss rinnet das Blut mir.
 Doch nicht tobte der Graus ohne die Strafe:
 Denn mit sicherem Hieb schlug ich den Kopf ab,
 Stiess durch den schädlichen Leib bohrend den Pfahl ihm.
Sagt, was staunt Ihr, die Ihr farblos, bleich und elend mich erblickt?
Unter Toten büsst doch jeder, der noch lebt, die Frische ein.

Und schon hatte Frotho seine Flotte nach dem Gebiete von Halogia vorgehen lassen; um einen Begriff zu erhalten von der Menge seiner Leute, die jedes Mass und jeden Ausdruck durch eine Zahl zu übersteigen schien, liess er von ihnen einen Hügel, aufführen, indem Mann für Mann einen Stein zu Haufen warf. Diese selbe Weise der Zählung des Heeres wandte auch der Feind an; die Hügel, die jetzt noch zu sehen sind, liefern einem jeden, der sie besichtigt, den [219] Beweis. Als hier Frotho mit den Norwegern zu einer Schlacht schritt, dauerte der Kampf den ganzen Tag unter schweren Verlusten. [164] 164In der Nacht dachten beide Teile auf Rückzug. Als die Morgendämmerung nahte, erschien Erik, der den Landmarsch gemacht hatte. Der gab dem Könige den Rat, den Kampf wieder aufzunehmen. In dieser Schlacht erlitten die Dänen einen so starken Verlust, dass von 3000 Schiffen nur 170 übrig geblieben sein sollen. Die Norweger aber wurden in einem so gewaltigen Gemetzel aufgerieben, dass man sagt, nicht für den fünften Teil der Höfe seien Bebauer übrig geblieben.

Nach dem Siege wünschte Frotho den Frieden in allen seinen Ländern wieder aufzurichten; um eines jeden Besitz vor einem diebischen Eingriffe sicher zu stellen und nach den Kriegen die Ruhe seinen Reichen zu sichern, liess er eine Spange an einen Felsen, den man Frothostein nennt, und eine zweite nach Abhaltung einer Versammlung mit den Norwegern im Lande Wig anheften; diese sollten eine Probe geben auf die von ihm befohlene Redlichkeit; wenn sie entwendet würden, drohte er gegen alle Behörden in dem Lande strafend vorzugehen. Und so war denn das Gold zu grosser Gefahr für die königlichen Beamten, ohne Bewachung mitten auf Kreuzwegen hingehängt, ein grosser Anreiz für die Habgier; denn die Beute, die sich so bequem wegrauben liess, übte auf begehrliche Geister eine gewaltige Anziehungskraft aus. Er verordnete, dass Seefahrer Ruder, wie sie diese nur immer fänden, frei benutzen dürften. Wer über einen Fluss setzen wollte, dem gestattete er ein Pferd zu benutzen, das er in nächster Nähe der Furt anträfe; er sollte aber absitzen, sowie die Vorderfüsse des Pferdes festen Boden berührten und die Hinterfüsse noch das Wasser bespülte. Denn die Gestattung solcher Vorteile sollte nur als Gefälligkeit aufgefasst werden, nicht als Anlass zur Beeinträchtigung. Daher bestimmte er auch, dass es dem ans Leben gehen sollte, der sich erkühne, nach Überschreitung des Flusses das benutzte Pferd noch länger zu gebrauchen. Er verfügte ferner, dass niemand sein Haus oder seine Truhe durch Riegel sichern [220] oder sonst irgend etwas unter Verschluss verwahrt halten sollte, indem er dreifachen Ersatz für Eingebüsstes versprach. Ferner solle es, so machte er bekannt, gestattet sein, von fremdem Mundvorrat als Wegzehrung so viel mitzunehmen, wie für eine einzige Mahlzeit genüge. Wenn jemand beim Mitnehmen dieses Mass überschritte, der solle des Diebstahls schuldig angesehen werden. Einem Diebe sollten die Sehnen mit einem Eisen durchstochen, und er so an den Galgen gehängt werden; ihm zur Seite sollte ein Wolf aufgehängt werden, damit die Gleichheit der Strafe zeige, dass die Bosheit des Menschen ebenso gross sei wie die wilde Gier des Tieres. Diese Strafe sollte auch noch weiter gegen Hehler verhängt werden. Dort lebte er nun sieben Jahre und zeugte einen Sohn Alwo und eine Tochter Ofura.

In denselben Tagen kam zu Frotho ein schwedischer Kämpfer, Arngrimus mit Namen, und forderte den Skalk aus Schonen, weil er von diesem einst eines Schiffes beraubt worden war, zum Zweikampfe heraus und erschlug ihn. [165] 165Übermässig stolz auf diese That wagte er es um die Tochter Frothos anzuhalten. Da er des Königs Ohren verschlossen fand, ersuchte er Erik, den Regenten von Schweden, um seine Verwendung. Erik gab ihm den Rat, er solle durch irgend eine hervorragende That die Gunst Frothos gewinnen und gegen Egtherus[82], den König von Biarmien, und gegen Thengillus, den König von Finnmarken, kämpfen, weil diese allein die Herrschaft der Dänen nicht anerkennen wollten, während alle andern sich ihr beugten. Unverzüglich führte er ein Heer gegen diese. Es sind aber die Finnen die äussersten Stämme des Nordens, die einen kaum bewohnbaren Teil der Erde sich zum Aufenthalt gewählt haben und bebauen. Die haben eine tüchtige Übung im Gebrauche der Geschosse, kein anderes Volk besitzt so grosse Gewandtheit im Schiessen. Sie kämpfen mit grossen und breiten Pfeilen. Sie legen sich auf Zauberei, sie sind tüchtige Jäger. Sie haben keinen festen Wohnsitz und kein stetes Haus; wo sie ein Wild [221] erjagen, da schlagen sie ihre Stätte auf. Auf gekrümmten Kufen fahrend eilen sie über die schneebedeckten Höhen. Diese griff Arngrim an, um Ruhm zu gewinnen und schlug sie. Als sie unglücklich kämpfend eiligst davon flohen, warfen sie drei Steinchen hinter sich und liessen dadurch vor den Augen des Feindes das Bild von drei Bergen erstehen. Da berief Arngrim, getäuscht durch das Blendwerk der Augen, sein Heer von der Verfolgung des Feindes zurück, weil er glaubte, er sei durch dazwischenliegende grosse Felsen im Vordringen gehemmt. Als sie am folgenden Tage wieder im Kampfe besiegt wurden, liessen sie Schnee, den sie auf die Erde warfen, wie einen grossen Fluss erscheinen. So glaubten die Schweden in vollständiger Augenverblendung, durch eine dem wahren Sachverhalte nicht entsprechende Vorstellung geäfft, eine aussergewöhnliche Wassermasse rausche zu ihren Füssen. Während also der Sieger den wesenlosen Schein von Wasser fürchtete, erlangten die Finnen die Flucht. Am dritten Tage erneuerten sie nochmals den Kampf; nun hatten sie aber kein wirksames Mittel mehr für die Flucht. Als sie sahen, dass ihre Reihen wankten, ergaben sie sich dem Sieger auf Gnade und Ungnade. Arngrim bestimmte ihnen als Tribut, dass die Finnen gezählt werden sollten, und dass alle drei Jahre von jeder Zehnzahl als Zins ein Wagen voll Tierhäute entrichtet werden sollte. Darauf forderte er den Egther, den König von Biarmaland, zum Zweikampfe, besiegte ihn und legte den Biarmiern die Pflicht auf, Mann für Mann ein Fell auf den Kopf einzuliefern. So kehrte er an Siegen und an Ehren reich zu Erik zurück. Erik begleitete ihn nach Dänemark und sang vor den Ohren Frothos das Lob des jungen Mannes: der verdiene die Hand der Königstochter, der zu seinem Reiche die äussersten Striche der Welt hinzugebracht habe. [166] 166Frotho sah die hervorragenden Verdienste des Arngrim an und hielt es für ganz angemessen, dass er der Schwiegervater des Mannes würde, der ihm einen weithin strahlenden Namen durch so grosse Ruhmesthaten begründet hätte.

Arngrim erhielt von der Ofura zwölf Söhne, deren [222] Namen ich hier folgen lasse: Brander, Biarbi, Brodder, Hiarrandi, Tander, Tirwingar, zwei Haddinge, Hiarthwar, Hiarthwar, Rani, Angantir[B 2]. Diese lagen von Jugend auf den Wikingfahrten ob; als sie einst alle auf einem Schiffe an der Insel Sampso anlegten, fanden sie am Gestade zwei Schiffe der Wikinger Hialmerus und Arwaroddus; sie fielen sie an, lichteten sie von den Ruderern, und ungewiss, ob sie auch die Führer erschlagen hätten, passten sie die Leichen an ihre Ruderbänke an und fanden, dass die gesuchten fehlten. Das war ihnen eine betrübende Entdeckung, und sie erachteten ihren Sieg als geringwertig; denn sie wussten, dass sie nun noch einen gefährlichen Kampf zu bestehen und ihr Leben in die Schanze zu schlagen hatten. Nämlich Hialmer und Arwarodd, denen vordem ein Sturm das Steuerruder abgebrochen und die Schiffe beschädigt hatte, waren in den Wald gegangen, um ein anderes zu hauen; sie machten die rohe Masse des Holzes dünner, indem sie den Baumstamm mit Äxten so lange bearbeiteten, bis das unförmliche Holz die Gestalt des Schiffwerkzeugs annahm. Als sie dieses Holz ohne eine Ahnung von dem Tode ihrer Gefährten auf ihren Schultern heranbrachten, da wurden sie von den Söhnen der Ofura, deren Hände noch von dem frischen Blute der Erschlagenen troffen, angefallen und gezwungen, sie zwei, mit vielen zu kämpfen. Das war kein gleicher Gang, wo zwei gegen zwölf standen. Der Sieg war nicht auf seiten der Zahl. Denn alle zwölf Söhne der Ofura fielen; zwar wurde von ihnen auch Hialmer erschlagen, aber nicht entging dem Arwarodd der Siegesruhm, den das Geschick allein aus der grossen Genossenschaft übrig liess. Der schwang den immer noch formlosen Stamm, der ein Steuerruder werden sollte, mit unglaublicher Kraft und liess ihn mit solcher Wucht auf die Köpfe der Feinde niedersausen, dass er alle Zwölfe mit einem einzigen Streiche zu Boden und tot schlug. Während also das Land vor einem Kriegsunwetter ganz gesichert war, liess das Unwesen des Seeraubs das Meer noch nicht frei.

Dieser Umstand hauptsächlich bewog Frotho zu einem [223] Angriffskriege gegen den Westen; denn sein einziges Streben war auf Verbreitung des Friedens gerichtet. Er berief also Erik zu sich, bot die ganze Flotte der von ihm abhängigen Reiche auf und fuhr mit unzähligen Schiffen nach Britannien. Der König dieser Insel sah ein, dass er im Kampfe nicht gewachsen war (denn das Meer schien durch die feindlichen Schiffe verdeckt zu werden) und wollte Frotho durch scheinbare Unterwerfung überlisten; [167] 167er erging sich also nicht allein in Schmeicheleien wegen seiner Grösse, sondern stellte auch den Dänen als den Überwindern aller Völker seine und seines Landes Unterwerfung in Aussicht; Zahlungen, Geld, Dienstleistungen oder was sie sonst verlangen würden, bot er ihnen an. Schliesslich liess er sie zu einem gastlichen Mahle einladen. Dem Frotho war dieses Entgegenkommen des Britannen angenehm; freilich liess ein so leicht, ohne allen Zwang gegebenes umfassendes Versprechen, eine so rasche Unterwerfung der Feinde vor allem Kampfe, die selten mit unverfälschter Treue ins Werk gesetzt wird, den Verdacht einer List aufkommen. Auch das Gastmahl erschien nicht unbedenklich; denn man musste fürchten, das man aus verborgenem Hinterhalte angegriffen wurde, wenn die Nüchternheit in die Stricke eines sich einstellenden Rausches verwickelt würde. Auch erschien die Zahl der Eingeladeten zu klein, als dass man ohne Bedenken der Einladung Folge leisten konnte. Auch wurde es für unklug gehalten, der noch unerprobten Zuverlässigkeit eines Feindes sein Leben anzuvertrauen. Als der König von diesen mancherlei Bedenken vernahm, kam er wieder zu Frotho und ladete ihn mit 2400 Mann zum Mahle, während er ihn vorher nur mit 1200 Vornehmen dazu entboten hatte. Obwohl dem Frotho die vermehrte Zahl der Eingeladeten einige Sicherheit gewähren, und er einiges Vertrauen fassen konnte zu dem Gang zum Mahle, konnte er doch nicht allen Verdacht abschütteln, sondern ordnete Mannschaften ab, die das Land in seinen Verstecken durchstreifen und rasch melden sollten, wenn sie bei ihrem Kundschaftsgange auf einen Hinterhalt stiessen. Zu diesem Zwecke drangen sie in den Wald ein, und als sie da eine [224] Reihe von Schanzen entdeckten, die britannische Truppen enthielten, machten sie bedenklich Halt. Als sie aber die Sachlage deutlich übersahen, eilten sie rasch zurück. Nämlich die Zelte waren dunkel und so zu sagen durch pechschwarze Bedeckung in Finsternis gehüllt, damit sie sich den Blicken eines Nahenden nicht bemerkbar machten. Auf diese Nachricht hin legte auch Frotho mit einer starken Schar aus dem Adel einen Hinterhalt, damit er sich nicht vergebens nach geeigneter Hilfe umsähe, wenn er zum Gastmahl ginge, ohne Vorsichtsmassregeln zu treffen. Als sie ein geeignetes Versteck gefunden, gab er ihnen die Weisung, beim Tone eines Hornes zur Hilfe herbei zu eilen. Darauf ging er mit der bestimmten Zahl, die nur leichte Waffen trug, zum Schmause. Der Saal war mit königlicher Pracht geschmückt, ringsum behangen mit purpurgefärbten Wandteppichen, an denen man eine wunderbar feine Arbeit bemerken konnte. Der purpurgefärbte Vorhang schmückte die aus Holz hergestellten Wände. Der Fussboden war mit glänzenden Tüchern bedeckt, auf die man kaum den Fuss zu setzen wagte. In der Höhe sah man viele Laternen schimmern und viele mit Öl gespeisten Lampen strahlen. Aus Räucherpfannen entströmte köstlicher Duft, den ein sehr feiner Dampf aus ausgesuchten Wohlgerüchen bereitete. Den ganzen Umgang fassten Tische ein mit einer Menge von Speisen. Die Sitzplätze waren geschmückt [168] 168mit golddurchwirkten Polstern. Die Stühle waren mit Rückenkissen versehen. Man konnte glauben, ein tadelloser Anblick der Halle lache die Gäste an, und trotz der umfangreichen Zurichtung konnte man nichts finden, was nicht hübsch ausgesehen oder schlecht gerochen hätte. Mitten im Raume stand ein Fass zur Füllung der Becher, das eine Menge Stoff fasste, woraus man schöpfen konnte, was auch die Kehlen einer sehr grossen Tischgesellschaft füllen konnte. Die Diener, in Purpur gekleidet, trugen goldne Becher und warteten mit höfischem Anstande des Amtes des Einschenkens; sie schritten in wohlgeordneten Reihen einher. Auch fehlte es nicht an Wildochsenhörnern zum Darreichen des Trunkes. Die Tafel erstrahlte von [225] goldenen Platten, sie war beladen mit funkelnden Bechern, welche meistens noch strahlende Perlen schmückten. Eine grosse Pracht umgab alles. Die Tische bogen sich unter den Speisen, die Mischkrüge waren bis zum Rande gefüllt mit allerhand Trank. Nicht einfacher Wein wurde geboten, sondern weither geholte Fruchtsäfte verliehen der Bowle mannigfachen Geschmack. Die Schüsseln erglänzten von wohlschmeckenden Speisen, meist füllte sie Jagdbeute; es fehlte aber auch nicht an Gerichten aus zahmem Fleische. Die Wirte tranken vorsichtiger als die Gäste. Diese nämlich verlockte das Gefühl der Sicherheit zu einem Rausche, jene wappnete der geplante Überfall gegen die Lockung der Trunkenheit. Die Dänen also, (mein Land möge mir das Wort verzeihen) die ja ein Leeren der Becher um die Wette gewöhnt waren, tranken sich tüchtig voll Weins. Als die Britannen sie so trunken sahen, schlichen sie sich allmählich heimlich von dem Mahle, liessen die Gäste allein in dem Saale und begannen mit allen Kräften die Königshalle mit Riegeln und verschiedenen Hemnissen zu versperren und dann Feuerbrände in das Gebäude zu werfen. Die Dänen aber, die in der Halle fest eingeschlossen waren, schlugen vergebens gegen die Thüren, als das Feuer prasselte; der Ausgang war ihnen versperrt; da stemmten sie sich gegen die Wand und suchten die Mögkeit, da auszubrechen. Als aber die Engländer sahen, dass die Wand unter dem gewuchtigen Andrange der Dänen stürzen wollte, da stemmten sie sich von aussen dagegen und beeiferten sich, den wankenden Bau durch herangeschaffte Blöcke zu stützen, damit nicht der Einsturz der Wand den Eingeschlossenen einen Ausgang öffne. Die Wand wich aber schliesslich doch der kräftigeren Hand der Dänen, deren Anstrengung mit der Grösse der Gefahr wuchs und gewährte nun den Bedrängten einen leichten Ausbruch. Da liess Frotho das Zeichen blasen, um die in den Hinterhalt gelegte Mannschaft herbeizurufen. Sie brach hastig auf beim Klange des tönenden Hornes und liess die Hinterlist auf den Kopf ihrer Urheber zurückfallen. Der König der Britannen wurde mit unzähligen seiner Leute in einem grossen Blutbade erschlagen. [226] [169] 169Damit erwies die Mannschaft dem Frotho einen doppelten Dienst, denn einmal konnte er so seine Genossen retten und dann die Feinde vernichten.

Inzwischen warfen die Hiberner, als das Gerücht von der Tapferkeit der Dänen immer stärker auftrat, um einen Einfall in ihr Land schwierig zu machen, in ihrer Angst eiserne Stacheln auf den Boden, um das Betreten des Gestades zu verhindern. Das Volk der Hiberner hat nur leichte und einfache Rüstung. Das Haar stutzen sie mit Schermessern kurz, und am Hinterkopfe rasieren sie es ganz ab, um nicht auf der Flucht am Haarschopfe festgehalten zu werden. Ferner wendet es einem Verfolger erst die Speerspitzen zu und pflegt mit Fleiss erst den Nachsetzenden die Schneide des Schwertes entgegenzurichten, auch meist rückwärts die Lanzen zu schleudern, mehr geübt, durch die Flucht zu siegen, als durch den Kampf. So kommt es, dass dann erst die Gefahr hereinbricht, wenn man den Sieg in der Hand zu haben glaubt. Die so hinterlistig fliehenden Feinde verfolgte Frotho nicht hitzig, sondern mit bedachter Vorsicht, so dass er den Fürsten des Volkes, Kerwillus, im Kampfe erschlug. Dessen überlebender Bruder verlor den Mut, den Krieg weiter zu führen und übergab sein Land dem Frotho. Dieser verteilte die gemachte Beute unter seine Leute; er wollte zeigen, dass er allein nach Ruhmgewinne strebe, frei von aller Habsucht und ein abgesagter Feind der Gier nach Gütern.

Nach den Siegen über die Britanner und dem Beutezuge nach Irland kehrte man nach Dänemark zurück, und dreissig Jahre lang ruhte das Kriegsgeschäft völlig. In dieser Zeit wurde der dänische Stamm wegen des grossen Lobes seiner Tapferkeit über den ganzen Erdkreis berühmt. Frotho wollte den Glanz seines Reiches auf eine feste, dauerhafte Grundlage stellen und entfaltete deshalb seine Strenge zunächst gegen Diebstahl und Raub als gegen innere Übel und häusliches Verderben; davon befreit sollten seine Völker ein ruhiges Leben gewinnen, damit nicht der Einzug des ewigen Friedens durch irgend ein Hemmnis der Bosheit aufgehalten [227] würde. Er baute vor, dass nicht, wo der Krieg aufhörte, das Land eine Seuche aus den Bürgern verzehre oder nach dem Frieden nach aussen Unredlichkeit im Innern ihr Wesen habe. Schliesslich liess er in Jütland, als dem Haupte seines Reiches, eine schwere goldene Kette auf einem Kreuzwege aushängen, um durch die Lehre an einer so schönen Beute ein Zeugnis der von ihm befohlenen Redlichkeit zu geben. Ihre Lockung stachelte zwar unredliche Köpfe und brachte böse Geister in Versuchung, aber die Furcht vor der zweifellosen Gefahr überwog. So gross war die Achtung vor der Hoheit des Frotho, dass sie sogar das Gold, das einem Raube preisgegeben war, wie unter festem Verschlusse liegend schützte. [170] 170Dieses Wunder schuf seinem Urheber gewaltigen Ruhm. Nachdem er weithin Gemetzel angerichtet und überall glänzende Siege erfochten hatte, beschloss er, allen Ruhe zu geben, damit der süsse Friede an die Stelle des wilden Krieges trete, und das Ende des Mordens der Anfang des Heils sei. Jedoch auch die Güter aller sicherte er deshalb hauptsächlich durch den Schutz seines Befehls, damit nicht das zu Hause einen Räuber fände, was nach aussen keinen Feind gehabt habe.

In dieser selben Zeit gewann es unser aller Heiland über sich, menschliche Gestalt anzunehmen und in die Welt zu kommen, um die Menschen zu retten, als nun schon die Länder des holden Friedens sich erfreuten, und die Kriegsbrände erloschen waren. Man glaubt, dass dieser weit ausgebreitete Friede, der überall gleich und an keiner Stelle des Erdreiches unterbrochen war, nicht sowohl einer irdischen Herrschaft als der göttlichen Geburt gedient habe, und dass vom Himmel gefügt sei, dass die ungewohnte Ruhe, welche die Zeit schenkte, die Gegenwart des mächtigen Schöpfers der Zeiten bezeuge.

Während dem trieb eine alte Frau, eine Zauberin, die mehr Vertrauen auf ihre Kunst hatte, als Furcht vor der Strenge des Königs, ihren Sohn zu der Lust an, die Beute verstohlen zu holen; sie verhiess ihm Straflosigkeit, da ja Frotho an der Schwelle des Grabes stehe und mit seinem [228] hinfälligen Körper nur mühselig den Rest seines Greisenlebens noch dahinschleppe. Als er dem mütterlichen Geheisse die Gefahr entgegenhielt, hiess sie ihn gutes Mutes sein: entweder werde eine Seekuh Junge gebären, oder irgend ein anderer Zufall werde der Rache entgegenarbeiten. Durch diese Verkündigung zerstreute sie das Bedenken des Sohnes und brachte ihn dazu, ihrer Mahnung zu gehorchen. Frotho aber betrachtete dies als einen ihm besonders angethanen Schimpf und eilte mit grossem Eifer und grosser Hast, um das Haus der Frau niederzureissen und schickte Leute voraus, die sie mit ihren Kindern festnehmen und vor ihn führen sollten. Die Frau wusste das zum voraus, blendete ihre Feinde durch einen Zauber und verwandelte sich in die Gestalt einer Stute. Als aber Frotho herankam, nahm sie die Gestalt einer Seekuh an und schien auf dem Strande umherlaufend ihr Futter zu suchen; auch ihre Söhne verzauberte sie in kleine Kälber. Der König staunte ob dieser sonderbaren Erscheinung und hiess sie umgehen und ihnen den Rückweg zu den Wogen abschneiden. Darauf verliess er den Wagen, dessen er sich wegen der Schwäche seines bejahrten Körpers bediente und setzte sich voller Verwunderung auf den Erdboden. Da fiel aber die Mutter, welche die Gestalt des grossen Tieres angenommen hatte, den König mit vorgestrecktem Horne an und durchbohrte ihm eine Seite. An dieser Wunde starb er und fand somit ein seiner Hoheit unwürdiges Ende. Seinen Tod eilten seine Mannen nicht ungerächt zu lassen, zielten mit ihren Speeren auf die sonderbaren Erscheinungen und durchbohrten sie. [171] 171Nachdem sie totgestochen waren, sahen sie, dass es Menschenleiber mit Tierköpfen waren. Das verriet hauptsächlich die Zauberei. Dieses war das Ende des Frotho, des über den ganzen Erdkreis berühmten Königs. Seine Leiche legten die Vornehmen nach Entfernung der Eingeweide in Salz und bewahrten sie drei Jahre lang auf; sie befürchteten nämlich einen Abfall der abhängigen Länder, wenn das Abscheiden des Königs bekannt würde, und sie wünschten gerade deshalb seinen Tod dem Auslande zu verbergen, damit sie mit dem Scheine, [229] dass er noch lebe, die Grenzen des einst so weit ausgedehnten Reiches deckten und auf das alte Ansehen des Fürsten gestützt die gewohnten Zahlungen von den Unterworfenen weiter erheben könnten. Es wurde also der entseelte Körper in einer Weise nach Hause gebracht, dass er noch nicht auf der Totenbahre, sondern auf dem königlichen Stuhle getragen zu werden schien, gleich als ob dem schwachen, seiner Kräfte nicht mehr recht mächtigen Greise dieser Dienst von seinen Vasallen gebühre. Soviel Pracht wurde ihm auch nach seinem Tode von seinen Freunden zu Teil. Jedoch als die verwesenden Glieder vollständige Fäulnis ergriff, und die Auflösung nicht mehr zurückgehalten werden konnte, da begruben sie mit königlichem Pompe die Leiche neben Wera, der Brücke von Seeland, indem sie sagten, dass Frotho sich da seinen Tod und ein Grab gewünscht habe, wo das vorzüglichste Land seines Reiches sei.


Anmerkungen des Übersetzers

  1. Absalon (Axel), Bischof von Roeskilde und Erzbischof von Lund, geb. 1128, starb 1201; sein Nachfolger Andreas dankte 1222 ab.
  2. Wahrscheinlich am Domkapitel von Roeskilde, denn die Worte „nach langer Wanderung in der Fremde“ lassen doch wohl nun die Schilderung einer Thätigkeit in der Heimat erwarten; S. 38522 wird Arnfast erwähnt als scholae ministerio functus.
  3. d. h. Bischöfe.
  4. Lund liegt in Schonen.
  5. d. h. aus Seeland.
  6. d. h. des Zehntens.
  7. Saxo spricht von der Einführung der Ehelosigkeit der Geistlichen. Andreas hatte von Papst Innocenz III. die Macht erhalten, Geistliche, die auf seine Mahnung hin ihre Frauen nicht entfernten, zu suspendieren oder ihnen ohne Berufung nach Rom ihre Einkünfte zu entziehen.
  8. Wortspiel mit codicum und cautibus.
  9. Waldemar II. 1202–1242.
  10. Vielleicht spielt Saxo darauf an, dass Friedrich II. 1215 das nord-albingische Land an Waldemar abtrat.
  11. Knud d. Heilige, gest. 1086. Sein Tod wird im 11. Buche (S. 394) erzählt; daselbst stehen fast wörtlich übereinstimmend auch die Worte: „Aus seinen hochh. Wunden.“
  12. Skager Rak.
  13. Blaavands Huk.
  14. Über Klein- (Nord-) Friesland spricht Saxo noch im 8. (S. 2987) und im 14. Buche (S. 46432 bis 46514). Die letztere Stelle lautet: Friesland ist reich an Ackerboden und besitzt eine starke Viehzucht. Es dehnt sich als Flachland unmittelbar am Ocean aus, so dass es bisweilen von seinen Fluten überspült wird. Damit diese nicht einbrechen, ist das ganze Gestade mit einem Damm eingefasst; wenn sie diesen einmal durchbrechen, so überfluten sie die Felder und begraben Ansiedelungen und Saatfelder; denn dort ist kein Ort von Natur höher als der andere. Häufig reissen sie die Ackerkrume bis zu grosser Tiefe los und versetzen sie nach einer andern Stelle; ihren Platz nimmt eine Lache ein; sie wird dann Eigentum dessen, auf dessen Grund und Boden sie abgesetzt wird. Die Überflutung begleitet Fruchtbarkeit, das Land ist überreich an Graswuchs. Die Erdschollen werden gedörrt und damit Salz gewonnen. Im Winter liegt das Land unter beständiger Flut verdeckt, die Felder sehen aus wie ein stehendes Gewässer; so hat denn die Natur es beinahe zweifelhaft gemacht, zu welchem Teile der Erdoberfläche man Friesland zählen soll: in einem Teile des Jahres erlaubt es Schiffahrt, im anderen kann der Pflug dort gehen. Die Einwohner sind von Natur wild, körperlich gewandt, wollen von einer einengenden und schweren Rüstung nichts wissen, haben nur kleine Schilde und kämpfen mit Wurfwaffen. Die Äcker umgeben sie mit Gräben, sie springen mit kleinen Stangen. Ihre Häuser bauen sie auf künstlichen Erderhöhungen. Dass sie von den Friesen herstammen, bezeugt der gleiche Name und die gleiche Sprache; als diese neue Sitze suchten, kam ihnen zufällig dieses Land in den Weg; zunächst war es sumpfig und feucht, in langer Arbeit haben sie es trocken gelegt.
  15. Saxo sagt im 7. Buche (S. 24717), dass Harald Hyldetan in den Felsen, dessen er erwähnt habe, die Thaten seines Vaters habe eingraben lassen. Die vermeintlichen Runen, von denen Saxo nur eine sehr unklare Kunde erhalten haben kann, sind natürliche Risse.
  16. Nämlich auf der Oberfläche des Gletschers.
  17. Eigentlich: „topf- oder urnenförmige“. Noch heute werden die Gletscherlöcher in Norwegen „Riesentöpfe“ genannt.
  18. Diese der Natur nicht entsprechende Beschreibung ist vielleicht durch Stellen wie Lucan. 1, 100 oder Curtius Rufus 3, 1, 13 beeinflusst.
  19. Noch erwähnt S. 16516, 3097 und 33022.
  20. Nämlich „Riesen“.
  21. d. h. der Normandie.
  22. hist. eccl. 1, 15 ff.
  23. So, und nicht „verhasst“ ist hier invisus zu übersetzen, weil nach der Darstellung Saxos der Riese wohl der Gro, aber nicht dem Sigtrug verhasst ist; dieselbe Bedeutung hat das Wort noch S. 13238, auch im Verse. Sehr gezwungen wäre die Auffassung: „Der (mir) verhasste Riese ist dem Könige gekommen.“
  24. „Euch, wenn ihr bleibet“ Holder.
  25. „hurtigen“ Holder.
  26. unerklärt.
  27. „ein einziger Blick auf ihn“ Holder.
  28. d. h. den Riesen.
  29. Guthorm muss also durch Swibdager ums Leben gekommen sein, was Saxo nicht erzählt.
  30. Im 7. Buche (S. 248) wird die Aufstellung eingehender beschrieben; dort wachsen die Reihen immer nur um einen Mann, so dass in der zehnten Reihe elf stehen; hier würden in der zehnten Reihe 1024 (!) stehen.
  31. Rötel in Esthland.
  32. Pleskow.
  33. Eyr ist der isl. Aegir, wie Eydora bei Saxo dem isl. Aegidyrr entspricht. Aegir ist der Repräsentant der Eider, der Aegidyrr, Ler (= Hlér) ist der Representant von Laessö, Hesca der von Eskeberg auf Fünen. D. h. also: Helgo hat zum Schutze seines Reiches an der Eider, auf Laessö und bei Eskeberg Truppen gelandet (Bugge, Helge-digtene i den aeldre Edda, Kjöbenhavn 1896, K. 11, 12).
  34. d. h. mit dem niedrigeren des Freigelassenen.
  35. Oder hat Saxo auch für diese Zeit unter beneficia Lehn gemeint?
  36. Wohl Missverständnis; an skálkr = Knecht.
  37. Eine Schuld vor sich (d. h. vor den Augen des Geistes wie einen verdunkelnden Vorhang) ausspannen, nicht „als Entschuldigung vorschützen“, denn Hiarthwar redet gar nicht, coniugis gehört zu furiis; aeternam wäre sonst gar nicht zu verstehen. Vgl. 4416 praetentas ori tenebras.
  38. Nicht „er ist gefallen“, denn er lebt noch am Schlusse des Gedichts (perit); vgl. 6236.
  39. eigentlich; „verdammte“, weil sie dem Feinde den Zutritt nicht gewehrt haben; daher auch die bessere Treue im folgenden Verse.
  40. So (bedingend) ist iam functum zu fassen; damit ist die Schwierigkeit gehoben, die darin liegt, dass der König noch später lebend zu denken ist.
  41. eigentlich Urenkel: Frotho–Haldan–Helgo–Rolf.
  42. Damit kommt Hialto nach langer Abschweifung auf 6132 zurück.
  43. Diese Verse sind nach einem nicht hierher gehörenden Gedichte
    gearbeitet; Biarko ist 6610 in voller Rüstung. Ob andere Fassung von 2633?
  44. d. h. Hiarthwar.
  45. Bödvar, sein eigentlicher Name.
  46. Der ungenannte ist (wenigstens bei Saxo) nicht Hiarthwar.
  47. Wahrscheinlich dem Hammer des Thor.
  48. d. h. von der Grotte aus nach Norden.
  49. Anregung hat wohl Cäsar b. G, 3, 14 gegeben; übrigens wird die Anwendung der Werkzeuge unten nicht erwähnt.
  50. Diese Periode unterbricht den Zusammenhang; wenn sie von Saxo herrührt, würde sie besser hinter 2620, oder 3025 stehen.
  51. Mit diesen Worten endet die Unterbrechung der Erzählung durch den Bericht über die Jugendzeit des Hother.
  52. Nämlich: Hading–Swanhwit–Hothbrod–Hother.
  53. Horsens in Jütland (Hothersnesia), oder Höther, jetzt Höjer.
  54. Von Saxo nicht erzählt.
  55. Der Text ist einmal lückenhaft, wie eaedem und namque zeigt; (in der Lücke ist erzählt worden, dass die Jungfrauen ihm doch von der Speise verabreichen); andererseits ist er aber auch sonst nicht in Ordnung, denn man versteht nicht, weshalb Hother zwei Gürtel erhält; auch der Anfang des folgenden Abschnitts ist nicht recht klar. Der sogen. Gheysmer bietet: „Als er sagte, er sei nicht Hother, sondern sein Gefolgsmann, da schenkten sie ihm nicht nur die Speise, sondern auch einen Sieg verleihenden Gürtel.“
  56. An. Hróptr (Rufer); nach Bugge, Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen 137, 565 ff. = Hrostr, entstanden aus Christus.
  57. Müller-Velschow (I 139) sieht in uncos creare ein Wortspiel, da an. krókr sowohl Haken als List bedeute. Mit Recht bemerkt dagegen Elze (Zeitschrift für deutsche Philologie 21200), dass diese Erklärung gesucht sei, da nur isl. krókr, nicht lat. uncus doppeldeutig sei. Elzes Coniectur aber curvare uncos statt creare uncos ist unnötig; vgl. clavos creare 4016 und crepidas creare 1382.
  58. Die Erzählung meint nach Axel Olrik [Kilderne til Sakses Oldhistorie II, Norröne Sagaer og Danske Sagn 1894, Köbenhavn] S. 160 Huflattich (tussilago), Hahnenkamm (alectorolophus) und Schilfrohr; Saxo hat das nicht mehr verstanden.
  59. Wie der Fortgang der Erzählung zeigt, ist melle anstatt farre zu lesen. Der König konnte einmal den Grund zu dem Beigeschmacke in dem Wasser suchen; diese Gestaltung der Erzählung ist von Saxo verständlich wiedergegeben. Die Sache konnte aber auch so gestaltet werden, dass der König den Grund in dem Honige suchte; nun hätte Saxo ungefähr so erzählen müssen: „Als der König nachforschte, woher der Honig genommen sei, entdeckte er, dass er von Bienen gekommen, die ihren Bau in einem verrosteten Panzer aufgeschlagen hatten, dass also den Beigeschmack nach Eisen der Honig schon in den Waben angenommen habe.“[123] Diese Ausgestaltung ist bei Saxo ganz verworren gegeben. Durch die Annahme, dass der Text im Anfange lückenhaft sei, gewinnt man zwar die Möglichkeit, als Subjekt zu deprehenderit den König zu erhalten, man wird aber nicht die Ungeheuerlichkeit los, dass die Bienen sich von verwesendem Fleische nähren, und die Entstehung des Eisengeschmacks bleibt unerklärt. Hat Saxo eine lateinisch abgefasste Quelle benutzt und unter dem Einflusse der Geschichte des Simson oder der Bienenentstehung bei Virgil und Ovid pancerea fälschlich durch abdomen wiedergegeben? (Die Übersetzung ist, etwas gezwungen, so gestaltet, dass man nicht nötig hat, anzunehmen, dass Amleth beim Trinken Bienen in seinem Becher gefunden habe; zu dem Zwecke ist apes alitas als acc. c. inf. aufgefasst, entsprechend dem vitium referri abhangend von deprehenderit.)
  60. Saxos Undensakre setzt nach Olrik II159 ein *Undornsakrar voraus (die südöstlichen Gefilde); wie das isl. Ódáinsakr[B 1] (Unsterblichkeitsfeld) bedeute es ein Reich für die Abgeschiedenen; Ódáinsakr und Undensakre seien Doppelformen desselben mythologischen Namens. – In denselben Vorstellungskreis gehören die grünen Gottesauen oder Himmelsauen der Alt- und Angelsachsen, die grünen Heime der Götter in den Hakonarmól 13, die unterirdischen blumichten Wiesen der Märchen und Sagen (s. o. 38; Müllenhoff, Deutsche Alterthumskunde V116); dieses arktische Paradies heisst im Norden auch Glaesisvellir „Glanzgefilde“, wo König Goðmundr herrscht (bei Saxo VIII, 28737 Guthmundus) [Heinzel, Wiener Sitzungsberichte 1885. Bd. 109, 697 ff.; Bugge, Arkiv för nordisk Filologi V26]. Mit Saxos Erzählung ist Ynglinga saga K. 12 zu vergleichen [Ausgabe von Finnur Jónsson], wonach Sveigðir, der Sohn Fjölnirs, auszieht, um Goðheimr (das Land der Götter) zu suchen. D. h. also: Fiallerus starb. Saxos Fiallerus giebt nach Bugge, Studien 299 Anm. ein altdän. *Fjaller wieder, das dem isl. Fjölnir entspricht (= der Vielgestaltige?).
  61. Amlaedae-hedae, heute Ammelhede, südlich vom Randersfjord (Olrik II159).
  62. Die vierte Klasse kommt natürlich gar nicht in Betracht.
  63. Hurrildshavn (Hafen des Hwirwill) zwischen Glenö und Seeland. (Olrik II.47).
  64. Die eingeklammerten Worte rühren offenbar nicht von Saxo her.
  65. Diese Sentenz ist auch (II) 6030 verwendet.
  66. d. h. Norwegern.
  67. Dieser Satz ist zwar wegen des folgenden hier nicht gut zu entbehren, ist aber recht störend; denn erstens weiss der König das, was er enthält, schon vorher, und zweitens konnte die Schiffsbemannung gar keine Kunde bringen, da sie nicht nach Dänemark gekommen war. Auch die weiter unten folgende Erzählung von dem Breie der Kraka steht nicht am richtigen Orte: sie hätte offenbar vor dem ersten Auftreten Eriks gegeben werden müssen, um das überraschende Auftauchen von Klugheit in ihm zu begründen.
  68. Dieses an nichts sich anlehnende deinde zeigt, dass Saxo die Reihenfolge der Ereignisse gestört hat; sollte übrigens nicht ursprünglich Erik die Kraka belauscht haben? Dann wäre erklärt, dass Roller gar keinen Einspruch erhebt gegen die Umdrehung der Schüssel.
  69. In der von Müller vorausgesetzten Bedeutung ‚Schutzgeist‘ = an. fylgja hat Saxo das Wort lar an keiner Stelle gebraucht: die Worte sind Ironie.
  70. invisus wie 1318.
  71. Die Klimax ist: a) Ruder – Wind (Segel) – Lüge; b) die beiden ersten überwinden flüssiges, nachgiebiges, das Dritte aber starres.
  72. Das in robur (Eiche und Kraft) liegende Wortspiel ist im Deutschen nicht wiederzugeben.
  73. Der Verfasser des Glossems 12210 hat nepos als „Enkel“ aufgefasst. Wie soll aber ein, doch offenbar jüngerer, Bruder des jungen Frotho schon einen erwachsenen Sohn haben?
  74. Oddr heisst im an. Spitze.
  75. Von dieser Abmachung ist vorher nicht die Rede gewesen.
  76. Die Aufgabe bei dieser Wechselrede scheint nur zu sein, dass der eine den andern in unzüchtigen Reden überbietet; übrigens ist die Übersetzung sehr zahm gehalten, doch so, dass sie mehr erraten lässt.
  77. 14718
  78. An. Yggr = der Schrecker, ein Beiname Odins.
  79. Gestumblindi ist in der Hervarar Saga ein Beiname Odins.
  80. Davon ist früher nichts erwähnt.
  81. Nach der Egils saga und Ásmundar nur auf 3 Tage, daher erklärt sich im Folgenden die Speise, die mit ins Grab gegeben wird.
  82. Eggþér, ags. Ecgþeóv, ahd. Egideo ist der grenzhütende Schwertknecht (Müllenhoff, D. A. 5128 ff.); an. þengill = König.

Errata

  1. Siehe Berichtigungen des Autors am Ende des Buches.
  2. Siehe Berichtigungen des Autors am Ende des Buches.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Bitannien
  2. Vorlage: 6
  3. Vorlage: ein
  4. Vorlage: weiler
  5. Vorlage: mannichfager
  6. Vorlage: aufgeaufgemerkt
  7. Vorlage: Awlilda
  8. Vorlage: jemaud