Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839/Erster Theil/IV

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IV. Kapitel
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aus: Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839. Erster Theil. S. 165–226.
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von: Felix Lichnowsky
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IV.

Uebergang des Ebro. — Affaire von Tortosa. — Cabrera. — Marsch durch Valencia. — Rückmarsch in die Berge. — Gefecht von Chiva. — Marsch bis Cantavieja. — Züge durch das Niedere Aragon. — Schlacht von Herrera und Villar de los Navarros. — Marsch durch Castilien bis vor die Thore von Madrid.

(29. Juni bis 12. September 1837.)

[167] Als der erste Freudentaumel sich gelegt, ward die gegründete Besorgniß rege, auf welche Weise der Uebergang zu bewerkstelligen sey. Alle Brücken waren abgebrochen und die zwei befestigten Plätze, Mora und Tortosa, konnten jeden Versuch vereiteln, da sie den Strom ober- und unterhalb unserer Stellung dominirten. Eine feindliche Colonne (Cazadóres de Oporto) unter Borso di Carminati, durchstrich die nächsten Gegenden des Königreichs Valencia, und konnte leicht Cabrera verhindern, den Uebergang zu decken. Diese Ungewißheit machte unsere Lage sehr peinlich, da eine Verhinderung den Strom zu passiren, uns nothwendig, dem nacheilenden General van Meer gegenüber, in eine höchst ungünstige Position gestellt hätte.

Von diesen trüben Bildern gequält, setzten wir [168] unsern Marsch bis Ginestár fort, unter den Kanonen von Mora la nueva, das am linken Ufer gelegen, auf die vorbeiziehende Colonne feuerte. Die kleine Besatzung der befestigten Kirche von Ginestár ergab sich, die Fortification wurde niedergerissen, und der entheiligte Tempel seiner Bestimmung wiedergegeben.

Am folgenden Tage setzte sich die Colonne um vier Uhr Morgens in Bewegung und erstieg den Bergrücken, der, Xerta und Tortosa gegenüber, das linke Ebro-Ufer beherrscht. Dem Strome näher gerückt, vernahmen wir anhaltendes Feuern. Einige Offiziere eilten auf die Spitze des nächsten Berges, nahe am Dorfe Tiveñys, und sahen Rauchwolken auf der Straße von Xerta nach Tortosa. Es war Cabrera, der sich mit Borso schlug. Der Infant befahl der zunächst marschirenden Truppe, den Guiden von Navarra, Cabrera zu Hülfe zu eilen. Bald war die Berglehne hinter uns, doch am Ufer weit und breit keine Anstalt zur Ueberschiffung anzutreffen. Nach langem Suchen fanden wir endlich in einer Art kleiner Bucht, durch eine Bergschlucht und vorspringende Felsen gebildet, fünf bis sechs Kähne, deren jeder höchstens zwanzig Mann fassen konnte. Die Pferde wurden am Ufer gelassen, [169] Villarreal und der Graf von Madeira sprangen in den nächsten Kahn, die andern füllten sich mit Soldaten vom genannten Bataillon. So schifften wir über den Ebro am 29. Juni 1837 um zwölf Uhr Mittags, unter dem Donner wiederholter Déchargen.

Ans Land gesetzt, eilten wir der Heerstraße zu, auf der Cabrera’s Bataillone vorrückten. Der Feind war bereits im Rückzuge. Borso hatte mit 3500 Mann Fußvolk und 250 Reitern Xerta besetzen und Cabrera zurückdrängen wollen. Gelang es ihm, so war die Ueberschiffung unmöglich und die königliche Colonne verloren. Mit vier Bataillons der Division von Tortosa unter Forcadell, hatte jedoch Cabrera ihn angegriffen und auf allen Punkten geworfen. Schon hatte der Feind bis hinter Aldovér (auf halbem Wege von Xerta nach Tortosa) repliirt, als wir anlangten. Ein halbes Bataillon war als Tirailleurs deployirt und plänkelte bis hart an die feindlichen Massen, die unter beständigem Feuern in großer Ordnung retirirten. Am meist vorgerückten Punkte hielt ein kleines Häuflein Reiter. An ihrer Spitze, auf einem kleinen Schimmel, saß gebückt ein noch [170] ganz junger Mann mit schwarzem Haar und braunem halb maurischen Gesichte. Die großen schwarzen Augen rollten unstät umher und leuchteten in dunkler unheimlicher Glut, wenn in Momenten der Aufregung der fein geschnittene Mund sich öffnete und zwei Reihen weißer, schön geformter Zähne zeigte. Leichter Flaum bedeckte die Oberlippe, und gab dieser kleinen, dürren Gestalt, den im vollkommensten Ebenmaße gebauten Gliedern einen so jugendlichen Ausdruck, daß nur an dem herrischen seines ganzen Auftretens, am blinden Gehorsam seiner Umgebung, der große Häuptling erkannt werden konnte. Bei näherer Beobachtung verrieth Alles den kühnen Parteigänger, doch nur einem tiefern Studium war es gegeben, jenes merkwürdige Amalgam mitunter widersprechender Eigenschaften zu erkennen, die einzig ihn unter allen Guerilléros der spanischen Kriege vom glücklichen Bandenführer zum großen Feldherrn gehoben. Cabrera hat mit fünfzehn Mann begonnen, und nach fünf Jahren als Vicekönig dreier Reiche geendet. Nach Maßgabe seiner Siege hat sein gerechtes Selbstgefühl zugenommen. Es war ihm wohl bewußt, er fülle eine zu große Seite in der Geschichte seines Vaterlandes, um bedeutungslos zurücktreten [171] zu können. Als Gift und Verrath ihn hinderten sein großes Werk zu vollenden, als er für seinen König nicht mehr siegen konnte, wollte er seinen Ruhm ganz bewahren. Der Feldherr war eher vom Schauplatz abgetreten, als daß er zum Parteigänger zurückgesunken wäre.

Es ist nicht Zweck dieser Erinnerungen, die wunderbare Geschichte Cabrera’s darzustellen. Ich würde hiedurch in den Bereich eines Kriegsgefährten eingreifen, der diese Aufgabe glücklich gelöst, und kann meine Leser nur auf das Werk des Generals von Rahden über Cabrera verweisen, das den strengsten Anforderungen genügt. – Doch konnte ich mich nicht enthalten, noch jetzt unter dem mächtigen Eindruck dieser großen Erscheinung, jene Worte über ihn niederzuschreiben.

Cabrera machte uns beritten. Der Oberst Cubells vom Reiter-Regiment von Tortosa war eben blessirt worden, und mußte zurückgetragen werden; ich bestieg sein Pferd, und wir verfolgten mit Cabrera den retirirenden Feind bis unter die Mauern von Tortosa. Ihm zur Seite ritt der Brigadier Forcadell, der später als Maréchal de camp und zweiter [172] General-Commandant von Valencia figurirte; ein untersetzter Fünfziger mit glattem, fröhlichem Gesichte, der sich in bunten Farben zu gefallen schien; seine himmelblaue Jacke, rothen Beinkleider und grüne Mütze harmonirten sonderbar mit einem weißgetiegerten, dunkelbraunen Hengst, ächt andalusischer Race, einem der schönsten Pferde, die ich in Spanien gesehen.

Cabrera’s Costüm ist schon so oft beschrieben worden, daß ich darauf verweisen sollte, doch kömmt es mir kürzer vor, zu erzählen, wie ich ihn damals sah. Er trug eine weiße Boïna mit goldener Troddel, grünen kurzen Oberrock mit weißen Knöpfen und hellrothe Beinkleider, deren greller Effect durch eine breite silberne Tresse noch gehoben wurde; hiezu Schuhe von ungefärbten sogenannten Naturleder. Die Socken hingen über die Knöchel herab; Sporen und Säbel trug er nicht, letztern zuweilen am Sattel, doch nie an der Hüfte. Das offne Hemde ließ den nervigen Hals, den kein Tuch verhüllte, frei; die Reitgerte, der Schnur einer Schlittenpeitsche nicht unähnlich, war an dem Zügel befestigt; zwei lange Pistolen steckten an dem mit einer lichten Wolfshaut überzogenen Sattel. Beim Zurückreiten schenkte ihm Villarreal eine seiner beiden, [173] in unserer baskischen Fabrik zu Eybar angefertigten Pistolen; seitdem sah ich Cabrera immer mit dreien herumreiten. Damals litt er an den Folgen einer zwar leichten, aber sehr unangenehmen Wunde, die ihn am Sitzen hinderte, so daß er sich nur gebückt auf dem Pferde halten konnte. Auf den nächstfolgenden Märschen vertauschte er es mit einem kleinen Maulthiere, worauf ihm ein Sitz von Decken zurecht gemacht worden. Auf diesem saß er quer über, und conversirte mit dem Könige, beständig mit den Beinen baumelnd. – Auf dem Rückmarsche nach Xerta verließ er uns bald, und eilte voran den König zu empfangen; wir folgten langsam mit den Truppen.

Mittlerweile hatte man sich zwei großer feindlicher Segelbarken bemächtigt, deren jede für 150 Mann Raum hatte. Dieß machte eine schnellere Ueberschiffung möglich, die sonst mehrere Tage gedauert hätte. Die Pferde wurden ihrer Sättel und Zäume entledigt, und schwammen an Leinen. Am nächsten Morgen war alles in Xerta, und vier Stunden später bedeckte die feindliche Colonne das linke Ebro-Ufer. Van Meer war so schnell nachgeeilt, daß ohne den beiden Segelbarken die Hälfte der königlichen Colonne gefährdet gewesen wäre. Nun [174] begnügte er sich einige Bomben über den Strom zu werfen, und zog ab.

Der Uebergang des Ebro galt für ein so wichtiges Ereigniß, daß der König glaubte, ihn den Höfen anzeigen zu müssen, die ihm einige Theilnahme bewiesen. Die dießfälligen Dépeschen wurden in Xerta angefertigt, durch Confidenten nach Solsóna geschickt, und den dort zurückgebliebenen drei Granden zugestellt. Der Graf von Orgáz ward an die italienischen Höfe gesendet, der Marquis del Monesterio nach dem Haag, Wien und Berlin, und der Marquis de Villafranca nach St. Petersburg. Diese Sendungen haben ihren Ursprung in einer Unterredung dreier Personen genommen, die am 17. Juni, im Vorsaale des königlichen Cabinets zu Solsóna, statt fand. Zwei von ihnen werden sich derselben und ihrer Folgen wohl erinnern; ein Näheres der Oeffentlichkeit zu geben, muß ich mir versagen. Sie war die erste wichtige Maßregel eines Mannes, der zu dieser Zeit anfing, eine Rolle im königlichen Hoflager zu spielen, und seitdem zu entscheidend Theil an allen carlistischen Angelegenheiten genommen, als daß ich bei seinem ersten Auftreten ihn mit Stillschweigen übergehen könnte. Wer [175] mit der spanischen Geschichte der letzten Jahre nur etwas vertraut ist wird errathen, daß der bekannte Arias Teijeiro gemeint ist, dessen vorübergehende Wichtigkeit und zeitweilig entscheidender Einfluß einer der größten und traurigsten Beweise des krankhaften Zustandes und des moralischen Verfalls der königlichen Sache ist. Don José Arias-Teijeiro ist der Sohn eines kleinen gallicischen Edelmanns; sobald er etwas herangewachsen, lief er nach Madrid, wie die meisten dieser Provinz, sein Glück zu machen. Es gelang ihm, nach vielen Versuchen, als Copist beim Staatsrathe Aznarez unterzukommen. Es war in den letzten Lebensjahren Ferdinand VII., als eben die liberale Partei anfing, ihr Haupt zu erheben. In allen Clubs, Caffeehäusern und obscuren Versammlungsorten zeichnete sich Arias-Teijeiro bald durch lebhafte Reden und wüthende Diatriben gegen Geistlichkeit und Monarchie aus, so daß Aznarez sich genöthigt sah, ihn zu entlassen. Er kehrte nach Gallicien zurück, und wußte es durchzusetzen, bei dem Tribunal von Santiago einen untergeordneten Posten zu erhalten. Bald konnten die bequemen Räthe den unermüdlichen Arbeiter nicht entbehren; doch ward er [176] als unruhiger Kopf verdächtig, und nach Ferdinand VII. Tod seiner Stelle verlustig. Er kehrte nach Madrid zurück, und bot sich der dortigen Regierung an. Von ihr abgewiesen, begab er sich nach Bayonne, und traf einige Zeit nach Ankunft Carl V. auf dem Kriegsschauplatze ein. Durch Verwendung seines mütterlichen Oheims José Teijeiro, ersten Kammerdieners des Königs, im Ministerium der Gnaden und Justiz angestellt, konnte er nie das Vertrauen des damaligen Ministers Erro erwerben, daher sein steter Haß gegen diesen Staatsmann. Nach Erro’s Austritt behielt ihn der Bischof von Leon bei. Diesem Prälaten schneller und tüchtiger Arbeiten wegen nützlich, war derselbe doch mit sich selbst über Arias nie recht im Klaren, und der auf seinen Charakter überhand nehmende Einfluß dieses Menschen ihm unangenehm. Auch benützte er die erste Gelegenheit, ihn zu entfernen. Als daher der König beim Ausgang der Expedition sämmtliche Minister ihm zu folgen aufforderte, und der Bischof durch Alter und Unbehülflichkeit verhindert wurde, empfahl er Arias an seiner Stelle mitzunehmen, und ihm die Justizgeschäfte zu übertragen. Dieser versäumte keine Gelegenheit, [177] das königliche Cabinet zu betreten, dessen Thüre sein Oheim ihm stets bereitwillig öffnete, und wußte so gut zu manoeuvriren, daß, als krankheithalber Herr von Sierra in Solsóna zurückblieb, er zur allgemeinen Verwunderung ihn ersetzte. Obgleich die Auswahl nicht groß war, konnte sie doch unmöglich unglücklicher ausfallen. Seine Ernennung störte die Pläne einer damals mächtigen Partei, die den Eintritt des Herrn von Corpas in das Ministerium eifrig betrieb, und war das Signal zur offenen Fehde beider Theile, die sich von nun an ungescheut entgegenarbeiteten.

Am 2. Juli verließen wir Xerta und betraten jene herrlichen Gegenden, die, einmal gesehen, nie aus der Erinnerung schwinden. Nach so vielen Mühen und Entbehrungen schien uns dieser reizende Garten Spaniens ein neues Eldorado. So viele Jahrhunderte beständigen Kampfes um den Besitz dieses zauberischen Landes wurden uns begreiflich, als wir es durchzogen. Es lag vor uns mit seinen blühenden Gärten, ewig grünen Matten, reichen Feldern, Orangen- und Feigen-Hainen, Algarobiers und Dattelpalmen, und längs den Wegen Hecken von Maulbeeren und Granaten. So [178] weit das Auge reichte, war kein unbebauter Fleck zu sehen, den nicht der üppigste Baumschlag deckte; Canäle begrenzten die Felder, durchkreuzten sich in allen Richtungen und berieselten jedes Beet. Reinliche Landhäuser, durch deren offene Fenster vielfärbiger Porzellanparket schimmerte, blickten freundlich mit ihren weißen Wänden, rothen Dächern und weiten Terrassen zwischen Gruppen von Oleandersträuchen und Mandelbäumen hervor. Es war das Land der altspanischen Romanzen und der maurischen Gesänge. Jeder Hügel, jeder halbverwitterte Thurm schien an Ruiz Diaz de Bivar den Cid Campeador und seine Babieca zu mahnen; an Don Jayme el Conquistadór und sein wunderbares Schwerdt; an Boabadilla und die Eingriffe der benachbarten Stämme, der fernen Zegris und Ben-Zerrajis; an die Kreuzzüge des Ritters Pascal-Vivas von Gormaz und den heiligen Georg, der ihm zu Hülfe kam; an die vier Ritterorden mit ihren Novizen, die hier die Bluttaufe empfingen, und an alle jene vielbesungenen Helden, die unserer Phantasie vorschwebten. Wir wußten nicht, wie uns geschah, wenn wir um uns blickten und an die öden Ebenen Aragons und die wilden Sierren Cataloniens dachten. Ich [179] berufe mich auf Alle, die dieses Wunderland geschaut; sie werden unser Entzücken verstehen. In beständigem Jubel und lauter Fröhlichkeit zogen wir weiter, von Cabrera und seiner Division geleitet.

Nach einem Mittagshalte in Galéra, während den Stunden der drückendsten Hitze, ward in der Kühle der Marsch bis Ulldecona fortgesetzt. Am 3. wateten wir durch den Cénia, der die politische Grenze des Königreichs Valencia bildet, obwohl Natur und Clima es bis an den Ebro ausdehnen. In Traiguéra hielten wir einige Stunden und schlugen Abends das Hauptquartier in San Matéo auf, wo wir zwei Tage blieben.

Am 6. ging es über Cuévas bis Cabánes, und am 7. über Butriól, beim befestigten Castellón de la Plana vorbei. In geringer Entfernung wiegten sich auf der ruhigen See zwei englische Fregatten, die Borso’s Truppen von den Mündungen des Ebro nach dem Hafen von Valencia überschifften. Nachmittags passirten wir den Mijares auf einer schönen Brücke von Quadern, seit langer Zeit das erste Mal, daß wir nicht mit Furthen oder gesprengten Bogen zu thun hatten, und in der Abenddämmerung zogen [180] wir in Villareal de los Ynfantes ein, eine der freundlichsten, muntersten Städte der Ebene von Valencia. Die Truppen wurden vortrefflich einquartirt, mit Allem reichlich versorgt, und der Markt füllte sich mit Landleuten, welche die köstlichsten Erzeugnisse zum Kaufe darboten. Vierzehntägige Löhnung ward ausbezahlt, Strafe an Marodeurs vollzogen, und einige Disciplin unter die Truppen gebracht, die durch raschen Wechsel von großen Entbehrungen zum Ueberflusse sich mehr zu demoralisiren drohten, als durch alle Anstrengungen der letzten Woche. Ich ward bei der jungen Frau des Alcalden einquartirt, deren Mann vor einiger Zeit in die baskischen Provinzen als Gefangener abgeführt worden. Doña Lorenza – so hieß sie – wußte seit dieser Zeit nichts von ihm, schien sich dieß aber nicht sehr zu Herzen zu nehmen; sie sprang munter im ganzen Hause herum, für unsere Bewirthung Sorge zu tragen.

Nach einem vergeblichen Versuche, Castellón de la Plana einzunehmen, ward am 9. Morgens auf der Heerstraße weiter gezogen. Vor dem Marsche kam die Nachricht, Segorbe und Liria hätten sich den Truppen Cabrera’s ergeben. Das Hauptquartier war diese [181] Nacht in Nules. – Das Maulthier, das meinen Kammerdiener trug, war während eines der letzten Märsche vor Müdigkeit gefallen, und diese tracasserie domestique war mir sehr fatal. In Nules verkaufte mir mein Wirth einen grauen Pony, einen der kleinsten seiner Gattung, der das krepirte Maulthier ersetzte und sich auf allen Märschen als vortrefflich auswies. Ich bot dafür eine Unze (84 Francs), und der gute Valencianer, der wohl befürchtet haben mochte, ich würde dem Requisitions-System einiger meiner Cameraden folgen, nahm dieß mit Freuden an. – Am 10. verließen wir bei Almenára die Heerstraße; doch blieben wir stets im Angesichte der See; zahlreiche Kriegs- und Transportschiffe, die alle die Richtung nach Valencia nahmen, ließen eine bedeutende Truppen-Dislocation vermuthen. Nach einigen Stunden war Murviedro vor uns, das alte Saguntus, das von einem hohen Felsen die ganze umliegende Gegend beherrscht. Wir hatten einen weiten Umkreis gemacht, um außerhalb des Bereiches seiner Kanonen zu bleiben. Wer hätte nicht bei diesem Vorposten römischer Weltherrschaft an Hannibal, an das klassische „perit Saguntus“ und an mehrtausendjährige Berühmtheit [182] gedacht! Das stolze Sagunt thront so majestätisch, daß es dem Lande und dem Meere zu gebieten scheint. – Wir setzten über den Canales und betraten den eigentlichen Garten Valencia’s (la huerta de Valencia), jenen lieblichen Landstrich, der auf mehrere Meilen um diese Stadt sich ausdehnt, und dessen Cultur, im gesegnetsten Boden, keine Feder zu beschreiben vermag. Nachdem wir so herrliche Gegenden durchzogen, waren wir dennoch durch dieß zaubervolle Bild neu überrascht. Hier reiht sich Villa an Villa, ein Blumenbeet an das andere; die Umgebung keiner Hauptstadt Europa’s kann im kleinsten Maßstab wiedergeben, was hier meilenweit sich ausbreitet. Das Hoflager kam nach Albaláte, die Truppen bivouaquirten eine Viertelstunde davon bei Estibella, nahe der großen Straße von Valencia nach Zaragoza. Am 11. ward Mittags in Rafael-Buñol einige Stunden angehalten, und Abends Hoflager und Hauptquartier vor Valencia, nach Burjazót, verlegt. Von der Terrasse der Wohnung des Infanten sahen wir das königliche Valencia, das, mit seinen siebenzig Thürmen und Kuppeln zwischen Palmen hervorragend, einer orientalischen Stadt glich, durch die Huerta wie von einem breiten Juwelenbande [183] umgeben. Den Horizont begrenzte das weite blaue Meer, auf dem die englische Escadre, welche mit uns stets gleich ging, mit vollen Segeln sich wiegte und eben in den Hafen (Grao) einlief.

Tags darauf versuchte Cabrera mit einigen Compagnien sich Valencia zu nähern. Ein Bataillon Nationalgarde ward geworfen, und durch die Vorstadt, Calle de Murviedro, bis an das Hauptthor Valencia’s, an der Brücke puente del Rio, vorgedrungen. Dieß schloß sich vor uns, und wir zogen über das Kloster von San Miguel bis Burjazot zurück, während Borso seine Truppen an’s Land setzte. Wenn einige Bataillons, durch Besetzung des Hafens, die Verbindung mit Valencia zur See abgeschnitten hätten, wäre diese Ausschiffung unmöglich geworden. Valencia selbst hatte nur sehr schwache Garnison. Der größere Theil der Artilleristen war im Einverständnisse mit uns, rechnete auf einen ernstlichen Angriff, und hatte sogar die gegen uns gerichteten Festungsgeschütze meist vernagelt oder untauglich gemacht, wofür sie später hart büßen mußten. Es ist weder zu begreifen noch zu rechtfertigen, daß nicht Alles aufgeboten wurde, sich Valencia’s zu bemächtigen. Durch vielseitige Verbindung [184] mit den Einwohnern waren wir von Allem, was in der Stadt vorging, in Kenntniß, und leicht hätte an einem unbeachteten Punkte ein Thürchen geöffnet oder eine Leiter angelegt werden können. Mit nur einer Compagnie im Innern der Stadt, konnte, bei dem mangelhaften Zustande der Festungswerke, ein Posten überrumpelt und der königlichen Colonne der Eingang gebahnt werden. Von welch’ überwiegenden, sowohl materiellen als moralischen Folgen die Besitznahme Valencia’s gewesen wäre, ist wohl nicht nöthig zu erwähnen. Zahlreiche Artillerie, viele Munition, Reichthümer und Vorräthe aller Art hätten eine Organisation im größten Maßstabe möglich gemacht; der Impuls in ganz Süd-Spanien wäre ungeheuer gewesen, und ohne ungewissen Versprechungen zu viel Gewicht beizulegen, hätte doch aus dem stabilen Besitze einer der größten Hauptstädte und eines bedeutenden Hafens die Möglichkeit einer Anerkennung mehrerer Höfe erfolgen können. So ward aber wieder eine Stunde nach der andern gezögert, bis am 13. die Nachricht eintraf, daß einerseits Borso’s Division ausgeschifft und in Valencia angelangt sei, auf der andern Oráa und Noguéras mit der Nordarmee heranrückten [185] und bereits Murviedro und Liria erreicht hätten. Diese Kunde kam um drei Uhr Morgens, und trotz alles Drängens Cabrera’s ward erst nach sechs Stunden der Marsch angetreten, und über Manizes und Quarte bis Chiva auf der Heerstraße von Valencia nach Madrid fortgesetzt. Statt diesen Vorsprung zu benutzen, und entweder auf der Chaussee vorzudringen oder die Sierren zu erreichen, welche die Gebirgsscheide zwischen Castilien und Valencia bilden, ward der nächstfolgende Tag in aller Ruhe in Chiva zugebracht.

Dieser Ort liegt auf einer Berglehne, an dessen Fuß ein schmaler Fluß mit einer breiten steinenen Brücke. Der Hügel selbst, auf den Chiva gebaut, ist der letzte Ausläufer einer großen Gebirgskette und dominirt die Umgegend. Die Position wäre zum Empfang des Feindes vielleicht ganz vortheilhaft gewesen, wenn nicht Artillerie und Munition gefehlt hätten; beides seit Uebergang des Ebro durch Cabrera zugesagt, sollte aus Cantavieja eintreffen. Es waren jedoch nur einige Maulthierladungen Flintenpatronen gekommen, deren spezifisch leichtere Kugeln von Orgelmetall mit der im gewöhnlichen Maße gehaltenen Quantität Pulver nur sehr unvollkommen dienten. Doch [186] glaubte Cabrera, mit den Gravitations-Gesetzen unbekannt, daß leichtere Kugeln auch weniger Pulver bedürften, und nur mit größter Mühe konnte man ihm das Gegentheil begreiflich machen. Es ist aber merkwürdig und dient als Beitrag zu seiner Charakterschilderung, daß, als er dieß noch nicht begriffen, er doch nachgab und Befehle zur Umarbeitung der Patronen ertheilte, da er annahm, Moreno als alter General müsse es besser verstehen.

Am 15. Morgens ward die Ankunft der feindlichen Colonne signalisirt, und obgleich man dieß längst hätte voraussehen können, doch mit so großer Sorglosigkeit abgewartet, daß Abends vorher Befehl zur Reinigung und Revision der Gewehre für den Morgen gegeben wurde. Auch mußten wir das, in allen Kriegsgeschichten gewiß unerhörte, Beispiel erleben, daß die auf Vorposten befindlichen Guiden von Navarra in dem Augenblick angegriffen wurden, als sie mit Säuberung der auseinandergelegten Flintentheile beschäftigt waren. Den Meisten gelang es, sie zusammen zu raffen und zu entkommen, doch gerieten ungefähr drei Compagnien in Gefangenschaft. Als in den Straßen von Chiva um acht Uhr Morgens Alarm geschlagen wurde, war bereits die tête der feindlichen [187] Colonne im Angesichte. Der König mit den Garden begab sich auf einen höhern, hinter der Stadt, gelegenen Hügel. Das Centrum der königlichen Colonne occupirte die Heerstraße dieß- und jenseits der Brücke, und die beiden Flanken lehnten an dem Hügel. Um neun ein viertel Uhr ward das Feuer eröffnet, und beinahe augenblicklich richteten sich die feindlichen Massen gegen unsern rechten Flügel, durch Cabrera befehligt. Dieser, etwas voreilig oder durch unrichtig überbrachten Befehl irre geleitet, gefährdete in einer Attaque die Verbindung der beiden Flügel, so daß die feindlichen Colonnen auf der Chaussee, welche senkrecht auf unser Centrum führte, mächtig vordrangen, die förmliche Trennung unserer Schlachtlinie zu vollenden. Der König und sein Gefolge, welche sich hier aufhielten, kamen in arges Gedränge; da stürzte sich Cabrera’s Adjutant Arnau an der Spitze seiner Ordonanzen vor und gab durch eine brillante Charge uns Zeit zur Formation. Wir repliirten bis zur Brücke, zogen die linke Flanke ein, und trachteten zwischen Fluß und Stadt, mit Benutzung der steilen Abhänge der Berglehne, Position zu nehmen. Hier fing der Mangel an Munition an, sehr fühlbar zu werden. Ganze [188] Compagnien waren ohne eine einzige Patrone, und da unsere Stellung größtentheils ohne natürliche Deckung und dem feindlichen Feuer ausgesetzt war, gab Moreno, von ihrer Unhaltbarkeit überzeugt, Befehl zum allgemeinen Rückzuge, der in Echelons bataillonweise angetreten ward. Die feindliche Cavallerie unter Juan Belengero verfolgte uns über zwei Stunden, und trachtete die letzten Aufstellungen zu sprengen, die zur Deckung des Rückzugs auf den dominirenden Anhöhen genommen worden. Doch wurde sie zurückgewiesen und der Marsch in ziemlicher Ordnung fortgesetzt. Bald verließen wir die Chaussee, warfen uns in die Berge, und bivouaquirten nach acht Stunden bei Jete de Sot. Unser Verlust in dieser Affaire, die nur wenige Stunden gedauert, war nicht von Bedeutung, doch der moralische Effect desto größer, und die erste Folge, die kaum betretenen guten Gegenden verlassen, um von Neuem uns in den Bergen herumtreiben zu müssen. Dem Mangel an Munition abzuhelfen, war es vor Allem nöthig uns Cantavieja zu nähern, der kleinen Bergfestung Cabrera’s, wo er mit gutem Willen oder Gewalt alle Arbeiter der Umgegend beschäftigt hielt. Nach kurzem Kriegsrath ward [189] der Zug dorthin unter Cabrera’s Leitung am 16. Morgens angetreten. Die Sierren, welche die Gebirgsscheide von Aragon, Valencia und Castilien bilden, durchziehen ein so armes und ödes Land, daß ich zu seiner Beschreibung nur auf die erste Zeit der Expedition zu verweisen habe. Ein Bergrücken nach dem andern wurde auf schlechten Wegen bestiegen, und über Chulilla und Demeño bis Chelva marschirt. Diese ziemlich bedeutende Stadt, am Ufer eines Nebenflüßchens des Guadalaviar, war noch vor Kurzem vom Feinde befestigt, doch seither von Cabrera genommen worden. Wir fanden hier Lebensmittel, auch ein paar Caffeehäuser mit Eis, eine für uns ziemlich seltne und köstliche Erfrischung, nach sieben Stunden Marsch bei acht und zwanzig Grad Hitze. Hier kaufte ich von einem Cantinier ein Maulthier, das ich auf den folgenden Märschen ritt, da meine Pferde so herabgekommen waren, daß sie nur an der Hand geführt werden konnten. Seitdem habe ich mich daran gewöhnt, auf Gebirgs- und Nachtmärschen Maulthiere zu reiten, was ungleich sicherer und bequemer ist; auch war es die einzige Weise den Pferden einige Ruhe zu gönnen, daß sie dann für Affairen frisch und brauchbar [190] waren. Die Annäherung der feindlichen Colonne störte unsere Ruhe schon am nächsten Nachmittag. Noch ist mir unbegreiflich, wie bei den schlechten Spionen, die uns immer falsche Nachrichten brachten, nicht zehnmal mehr Unheil entstanden ist. So wollten wir beim Abmarsche aus Chelva uns vor den feindlichen Colonnen zurückziehen, waren aber wieder so unrichtig informirt, daß nach drei Viertelstunden die ganze Colonne schleunig angehalten, und in diametral entgegengesetzter Richtung dirigirt werden mußte, da es sich fand, daß statt dem Feinde auszuweichen, wir ihm gerade entgegengegangen waren. Wir erklimmten einen so steilen Bergkegel, daß die Pferde nur eins nach dem andern gehen konnten. Nach vier Stunden war die Kuppe erreicht, von der wir tief unter uns, in nicht gar weiter Entfernung, die feindlichen Bivouacfeuer sahen. Nach kurzem Halt ward bei einbrechender Nacht, der Marsch durch neue sieben Stunden fortgesetzt und bei La Yesa bivouaquirt. Niemand hatte darauf gedacht aus Chelva Provisionen mitzunehmen, auch stand es hier mit unserer Verproviantirung sehr schlecht. Kleine Brode in Kugelform, so schwarz und hart, daß sie erst aufgeweicht werden [191] mußten, Paradies-Aepfel (tomátes) und Pfeffergurken (pimentones), beide roh mit Salz genossen, machten unser ganzes Essen aus. Mir hat derlei schlechte Kost immer eine besondere Anwandlung von Heimweh verursacht. Auf den Höhen von La Yesa war es ziemlich kalt, und als wir Morgens halb erstarrt das Bivouac verließen, machte ein fortwährender feiner Landregen den Boden schlüpfrig, und indem er uns langsam durchnäßte, den langen Marsch unausstehlich. Wir zogen schweigend einher; ich war bis über die Ohren in meinen großen spanischen Reitermantel gehüllt, und hatte an diesem langweiligen Tage nicht Lust viele Bemerkungen über Land und Gegend zu machen. Auch finde ich in meinem Journal, das ich Tag für Tag führte, nur die wenigen Worte verzeichnet: „Sieben Stunden Marsch; schlesisches Wetter und Land.“ In der Dämmerung kamen wir nach Manzanéra, wo wir die Nacht zubrachten. Wir hatten die Gränze überschritten und befanden uns im Niedern Aragon.

Am nächsten Morgen ging es weiter; Wetter und Land waren unverändert. Wir durchkreuzten bei Alventosa die Hauptstraße von Valencia nach Zaragoza, setzten über den Mijares, und kamen nach 7 Stunden [192] Marsch nach Rubielos de Mora. Bei Nennung dieses Orts ist mir eine schauderhafte Geschichte erinnerlich, die sich kurze Zeit vor unserm Einmarsche in dem Hause zugetragen haben soll, welches ich den Abend bewohnte. Ich gebe sie wieder, wie sie von allen Einwohnern, unter beständigen Verwünschungen, uns zum Ueberdruß erzählt ward. Eine feindliche Colonne war in Rubielos eingerückt, angeblich die Espartéro’s, der die Provinzen verlassen hatte, und sich im Niedern Aragon mit den Colonnen von Oráa und Buerens vereinen wollte. Der Mangel an Lebensmittel soll furchtbar gewesen sein, und die Soldaten konnten nicht rationirt werden. Alle männlichen Einwohner des Orts waren geflohen, nur die Weiber und Kinder zurückgeblieben. Da sollen, unter Drohungen, einige Soldaten eine arme Frau gezwungen haben auszugehen, um wenigstens zu trachten, einige Wurzeln oder Feldfrüchte aufzutreiben. Als sie zurückkam, waren ihre Gäste um einen dampfenden Kessel beschäftigt, und erst als der Inhalt verzehrt, und die Soldaten abmarschirt, gewahrte die Unglückliche an den, in einem Misthaufen verborgenen, Überresten, daß die Kanibalen ihr kleines Kind aufgefressen hatten.

[193] Nachts kamen aus Cantavieja 45 Maulthierladungen mit Patronen, jedes trug zwei Kisten zu 1000 Stück. Das war nicht viel, doch konnte es für die nächste Zeit genügen. Am 20. Morgens war ich froh, Rubielos zu verlassen, das mir wegen obiger Geschichte immer in grausenhaftem Andenken geblieben.

Nach fünf Stunden Marsch hielten wir bei Linares, dem Stammorte eines nun im Norden blühenden fürstlichen Hauses[1]. Mangel an Lebensmitteln machte es nothwendig, die Expeditions-Colonne zu theilen. Als Behufs dessen die Truppen gezählt wurden, mußten wir mit Schmerz sehen, wie Kämpfe und Entbehrungen die Bataillone decimirt hatten; besonders war die Fremdenlegion hart mitgenommen worden. Von 450 Mann, die am 17. Mai über den Arga gesetzt, waren am 20. Juli in Linares noch vier und sechszig übrig. Ein Zurückdesertiren in die feindlichen Reihen war nicht anzunehmen, da sie dort augenblicklich fusillirt wurden. Sie waren also todt, [194] (da sie gefangen auch todtgeschossen wurden) oder siechten in den catalonischen Spitälern. Auch die Zahl ihrer Offiziere, meist Franzosen, hatte sich sehr verringert. Ich erinnere mich mehrerer noch lebender, die an dem letzten Aufstande in der Vendée Theil genommen, und ihre Offizierspatente von der Herzogin von Berry hatten. Die Capitains Tandet und Garnier, der Lieutenant Hubert Reignez, der Commandant Sabatier und viele Andere; sie haben sich Alle vortrefflich geschlagen, und in dieser Beziehung gebührt dem Fremdenbataillon und seinen Offizieren das höchste Lob.

Die nächstfolgenden Märsche zog das Expeditionscorps in zwei separirten Colonnen, auf der Entfernung weniger Meilen, in paralleler Richtung, nach der Umgegend von Cantavieja. Der König und der Infant mit acht Bataillons, schlugen ihr Hauptquartier in Mosqueruela auf, wo der nächstfolgende Tag zugebracht, und am 22. der Zug durch fünf Stunden bis la Yglesuela del Cid, drei Stunden von Cantavieja, fortgesetzt ward. Dort blieb das Hauptquartier acht Tage. Die Truppen wurden beschuht, die Kleidung nothdürftig ausgebessert, und so viel Munition [195] als möglich, in Cantavieja angefertigt. Der Infant ritt sogleich diese sogenannte Bergfeste zu besichtigen, deren Wichtigkeit nur bei unserer Art Kriegsführung überhaupt möglich war. – Cantavieja liegt mitten in den Bergen, ist schlechter Gebirgssteige halber, die noch dazu zerstört wurden, für schwere Artillerie unzugänglich, auch deßwegen nur so lange haltbar gewesen, als eine von außen operirende Truppe es schützte. Sich selbst überlassen, von allen umliegenden Höhen dominirt, hätte es sich nie halten können, auch ging es einigemal verloren, ward jedoch bald wieder genommen. Mein Aufenthalt in Cantavieja war von sehr kurzer Dauer, und nur oberflächlich habe ich die unvollkommenen Fortificationen gesehen. Es kann daher nicht meine Absicht sein, in militairische Details einzugehen, und ich verweise hier wieder auf Herrn von Rahdens Werk über diesen Theil des Krieges, um so mehr, als er damals mit Aufnahme des Plans von Cantavieja vom Könige beauftragt, längere Zeit daselbst verweilte, und auch später dieser Platz zu seiner Inspection gehörte, als ihm die Direction der Artillerie und des Genie-Corps der Armee Cabrera’s anvertraut worden. Herr von Rahden kann [196] daher mit voller Sachkenntniß sprechen, und ich beschränke mich zu bemerken, daß die Wichtigkeit von Cantavieja wohl nur darin bestand, daß Cabrera’s Fabriken und Magazine vor einem Coup de main gesichert waren. Auf eine kleine Geschützgießerei schien er selbst den meisten Werth zu legen; wie unvollkommen und unvorsichtig dieß alles betrieben ward, mag daraus hervorgehen, daß wir in einem Thurme 15 bis 20 Soldaten sahen, die mit Anfertigung der Patronen beschäftigt, ruhig ihre Papier-Cigarren rauchten; wenige Schritte davon wurde auf hölzernen Brettern Pulver gedörrt, und nur 11/2 Mauersteine entfernt, glühte das hiezu erforderliche Holzkohlenfeuer.

In la Yglesuela sind zwei pallastartige Häuser, die vom Könige und vom Infanten bewohnt, mit allen Bequemlichkeiten versehen waren. Die Uebrigen sind elende Baraken, wo die einquartirten Truppen mit Noth und Ungeziefer zu kämpfen hatten. General Cuevillas, der seitdem mit Maroto zum Feinde überging, verlor, nach vielen Beweisen von Untauglichkeit, das Commando der castilischen Bataillone, und General Garcia, unter dem Namen [197] Don Basilio, seiner Züge durch Castilien wegen bekannt, ersetzte ihn. Dieß und die Ankunft eines Correspondenten des Morning-Post, Mr. Grüneisen, dessen ich hier freundlich gedenken will, erinnern mich allein an den langweiligen Aufenthalt in La Yglesuela.[2]

Am 29. griff der Feind die zweite Colonne unter General Sopelana an, ward jedoch nach einem ziemlich brillanten Scharmützel geworfen. Tags darauf verließ das ganze Expeditions-Corps die Gebirgsthäler um Cantavieja und marschirte vier Stunden bis Mirambel. [198] Am nächsten Morgen überschritten wir von Neuem die Grenze des Königreichs Valencia und übernachteten in Forcall, auch Orcajo genannt. Es ist merkwürdig, wie der Eintritt in dieses Land sich beinahe nach den ersten Schritten schon beurkundet. Sanfteres Clima, lieblichere Gegenden, besserer Anbau und größere Wohlhabenheit. Hier fanden wir auch wieder Algarrobiers (Algarroba de Indias, caroubier, carouge) vor, deren Früchte unter dem Namen Johannisbrod lothweise in den deutschen Spezereihandlungen in getrocknetem Zustande verkauft werden, und die hier, klein gebrochen, unseren Pferden vortrefflich als Fütterung dienten. Nur ist diese Nahrung so stark und geht so sehr in’s Blut, daß wenn die Pferde den Mais, der in ganz Nord-Spanien gefüttert wird, mit dem Johannisbrod vertauschen sollen, stets ein starker Aderlaß vorhergehen muß. Dasselbe trifft ein, wenn die französischen Pferde, die an Gerste gewöhnt sind, zuerst in Spanien Mais bekommen. – Man kann sich hieraus einen Begriff von dem Nahrungsstoff machen, der in der valencianischen Frucht enthalten ist.

Am 1. August, nach drei Stunden Marsch, ward das Hauptquartier in Zurita, am Ufer des Brigantes, [199] aufgeschlagen. Den Grund dieses Marsches habe ich nie erfahren, und vermuthe, daß ihn Niemand wußte; doch war er jedenfalls sehr gefährlich, denn plötzlich befanden wir uns in einer halb offenen Gegend zwischen zwei feindlichen Colonnen, deren eine uns auf dem Fuße folgte und in Forcall ankam, als wir noch kaum Zurita erreicht hatten. Man beeilte sich, diese unvortheilhafte Stellung zu verlassen und in aller Stille um drei Uhr Morgens auf kürzestem Wege von Zurita nach Mirambel zurück zu marschiren, wo fünf ganze Tage geblieben ward. Am 3. August versammelten sich die deutschen Offiziere bei mir, den Geburttag meines Königs zu feiern; doch war solches Elend, daß nur mit größter Mühe ein Schlauch schlechten Weins aufgetrieben werden konnte, den wir, so weit vom heimathlichen Heerde, auf die Gesundheit unseres königlichen Herrn leerten. Wir wünschten Carl V. die Festigkeit im Unglück, die Er gezeigt, einen Siegeskranz, gleich dem, der Friedrich Wilhelm’s III. ehrwürdige Schläfe zierte, und daß er seine Völker beglücken möge, wie unser Heldenkönig es gethan.




[200] In Mirambel war der bekannte Capitain Henningsen zu uns gestoßen. Er kam aus England und brachte Schreiben mehrerer Häupter der Torys, die besonders auf Revocation des Decrets von Durango drangen.

Am 8. Morgens verließen wir endlich Mirambel und dirigirten uns über Cantavieja nach der Sierra de Peña Colosa. Nach sieben Stunden Marsch ward Mittags in Fortanete angehalten, wo die Nachricht einlief, daß Espartéro in Daroca, Oráa in Castellón de la Plana sich befänden. Abends ward der Marsch fortgesetzt, und nach fünf Stunden in Villarroya de los Pinares übernachtet. Am 9. Nachmittags zogen wir über zwei Bergrücken und den Fluß Alhambra weiter, und machten nach vier Stunden bei El Povo Halt, wo wir zwei Tage blieben. Noch ist mir eine Unterredung in lebhaftem Andenken, die ich in diesem Orte mit Cabrera gehabt. Er kam mich zu besuchen und klagte bitter über die Umgebung des Königs, besonders über einige Personen, die schon damals lebhaft gegen ihn intriguirten. „Ich weiß wohl,“ schloß er, „daß man dem Könige vorstellt, ich sei nicht fromm genug; möglich! Ich bin zwar kein Heiliger, aber wirke doch Wunder.“ (Yo no soy un santo, pero [201] ago milagros.) Diese Worte Cabrera’s sind oft wiederholt worden und haben eine gewisse Berühmtheit erlangt. Dieß ist ihr wahrer Ursprung. In meinem Journale verzeichnet, wurden sie am 10. August am Küchenheerde meines Hauses in El Povo ausgesprochen. – Zugegen waren der General von Rahden und meine hübsche Wirthin, die Frau des Chirurgen von El Povo.

Am 12. wurde über dieselben Bergrücken zurückmarschirt, und das Hauptquartier nach Camarillas, 31/2 Stunden von El Povo, verlegt. Oráa war mittlerweile von Castellón de la Plana nach Teruel gerückt und observirte die Bewegungen der königlichen Colonne, weßhalb unsere im obern Flußgebiete des Guadalupe zerstreuten Truppen um Camarillas zusammengezogen wurden. Dieser Ort ist für mich in angenehmer Erinnerung geblieben, da ich im Bivouac der Cavallerie einen schönen englischen Fuchs wiederfand, der beim Uebergang des Ebro von der Leine sich losgerissen und verlaufen hatte. Dieses Pferd, das mich bei Guisona gerettet, war mir sehr werth, und jeder Militair wird begreifen, wie empfindlich mir dessen Verlust während der Campagne gewesen.

[202] Am 15. ward ein dreistündiger Marsch bis Cuevas, längs der Gebirgslehnen, unternommen, doch, wegen angeblicher Annäherung des Feindes, am 16. nach Camarillas zurückmarschirt, und am 17. das Hauptquartier nach Aliaga verlegt. Am 18. zogen wir fünf Stunden weiter, bis Ejulbe. An das Expeditions-Corps hatten sich einige Bataillons und Escadrons Cabrera’s angeschlossen. Am 20. zog die ganze Colonne über die Berge, durch sechs Stunden, bis Estercuel, und nach kurzer Rast, fünf Stunden weiter, bis Oliete. Am 21. marschirten wir durch eine weite Ebene, bis Muniesa, wo Cabrera mit seinen Truppen sich von uns trennte und, nach langer geheimer Conferenz mit dem Infanten und Moreno, den Rückzug nach Chelva einschlug. Am 22. ging es über Planas, durch 51/2 Stunden, bis Villar de los Navarros. Die drei feindlichen Colonnen occupirten das Hochplateau; Espartéro war in Calatayud, Oráa, der stets mit uns parallel zog, in Daroca, und Buerens aus Zaragoza nach Cariñena marschirt. Unsere Vorposten standen in Herréra auf der Chaussee von Belchite nach Daroca, und repliirten bis Villar de los Navarros, als am 23. Buerens erstern Ort besetzte. [203] Durch aufgefangene Spione erfuhren wir, daß eine combinirte Operation der drei feindlichen Colonnen im Plane sei, das Expeditions-Corps einzuschließen. Buerens, als der uns nächste, mußte daher angegriffen werden, ehe er seine Vereinigung mit Oráa bewirken konnte.

Am 24. bestiegen wir mit dem Frühesten unsere Pferde. Die Sonne beschien warm und herrlich den glänzendsten Tag der carlistischen Waffen seit Zumalacarregui’s Tode. Um zehn Uhr waren unsere Truppen auf den Hügeln aufgestellt, die Villar de los Navarros, in der Richtung von Herréra, dominiren, die Fronte gegen letztern Ort gerichtet; vor uns ein enges Thal, das in eine lange Schlucht (Canada de la Cruz), bis gegen Herréra auslief; gegenüber Mamelons von gleicher Höhe, wie die von uns besetzten. Die Navarresen, Grenadiere und beide Bataillone von Aragon bildeten das Centrum und den rechten Flügel; ein Bataillon Navarresen war als Tirailleurs deployirt; im Centrum, durch eine Escadron gedeckt, standen vier Vierpfünder aus Cantavieja, unsere einzige Artillerie. Die Alavesen bildeten den linken Flügel, und die Castilianer das zweite Treffen. [204] Um 12 Uhr wurden wir die feindliche Colonne gewahr, 6000 Mann Infanterie, 800 Reiter und 6 Geschütze. Eine Stunde später war sie in Schlachtordnung uns gegenüber aufgestellt. Kein Theil schien zuerst angreifen zu wollen, und das Geplänkel der Tirailleurs dauerte beinahe zwei Stunden, als das Vorreiten einiger Offiziere am äußersten Flügel, bis auf wenige Schritte von den feindlichen Massen, endlich eine Escadron in Bewegung setzte; sie chargirte gegen die Navarresen, und im Augenblicke war das Gefecht allgemein. Es war 3 Uhr Nachmittags. Das feindliche Centrum rückte bis in das Thal vor, und versuchte zu wiederholten Malen das Unsere zu sprengen und unsern rechten Flügel zu werfen. Der Moment war so kritisch, daß der Graf von Madeira, der als General-Adjutant neben dem Infanten hielt, mit dessen 40 Ordonanzen sich genöthigt sah, ein paar feindliche Bataillons zu chargiren, die auf dem Punkte waren, unser Centrum vom linken Flügel zu trennen. In diesem entscheidenden Augenblicke gab Villarreal dem General Sopelana den Befehl, mit den vier Bataillons von Alava den feindlichen rechten Flügel anzugreifen. Dieser repliirte bis an die Schlucht, [205] und Sopelana chargirte mit dem Bajonnett das feindliche Centrum, es in der Flanke nehmend, während unsere ganze Cavallerie in einer entscheidenden Charge durch obenerwähnte Schlucht (Canada de la Cruz) über den repliirenden rechten Flügel herfiel. Von drei höheren Offizieren, die diese Charge befehligten, blieben zwei, der Brigadier Quilez und der Oberst Manuelin. Der Feind konnte dem Choc nicht widerstehen, und wurde auf allen Punkten geworfen. Ein Bataillon Garde-Infanterie und das Provinzial-Bataillon von Ceuta streckten die Waffen; Artillerie, Train, Equipage, alles fiel in die Hände der chargirenden Cavallerie. So ging es fort in größtem Galopp bis Herréra, und als die erste königliche Escadron in die Stadt einsprengte, war eben der feindliche commandirende General Buerens in der Richtung nach Belechite, nur von 20 Reitern begleitet, geflohen. Eine kleine Garnison besetzte noch die fortificirte Kirche, und wollte sich nicht ergeben. Wir legten Leitern an, das Hauptthor wurde gesprengt, die Kirche genommen, und der größte Theil der Besatzung niedergemacht. Um sieben Uhr Abends war der Sieg entschieden; über 5000 Gefangene, worunter der [206] Chef des feindlichen General-Stabs Solano, und gegen 300 Offiziere; der Rest gänzlich zersprengt. Während der Nacht und noch am andern Morgen brachten die Bauern flüchtige Feinde ein, die ihre Waffen weggeworfen. Um 9 Uhr Abends schlug der Infant sein Hauptquartier in Herréra auf, und am andern Morgen stiftete Carl V. ein Schlachtkreuz zur Erinnerung an den 24. August 1837. Nur wenige Offiziere sind noch übrig, die es besitzen. Es bildet eine Art Verbrüderung unter ihnen.

Der Sieg bei Villar de los Navarros war so vollständig und entscheidend, daß er mit einem Male den königlichen Waffen ihren alten Zauber, ihr verlornes Uebergewicht wiedergab. Er vergalt Guisona und Chiva fürchterlich, und ersetzte alles reichlich, was vergeudete Zeit, verringerte Mannschaft, dahingeschwundenes Vertrauen entrissen hatten. Zum zweiten Male seit sechs Monaten waren die vereinten Combinationen, die langgehegten Hoffnungen aller feindlichen Generale vereitelt und zerstört, eine Colonne im Herzen der Monarchie vernichtet, die beiden andern durch den großen Eindruck paralysirt. Ein tödtlicher Schreck erfaßte Madrid bei dieser Kunde; wie nach [207] dem Siege bei Oriamendi standen die Carlisten im Augenblick, wo man sie verloren glaubte, drohender als zuvor, jetzt auch der Hauptstadt näher. Wäre nur dießmal ein Losreißen aus jener lethargischen Unthätigkeit möglich gewesen, welche nach jedem Siege sich unserer zu bemächtigten schien, die Folgen neutralisirte, und die Früchte entriß, – wären nur die nächsten acht Tage benützt worden, dann konnte Carl V. seiner Krone gewiß sein.

Wer immer es redlich mit dem Könige meint, wer sich durch trügerische Blendwerke und eitle Illusionen nicht bestechen läßt, kann nicht ohne tiefe Bekümmerniß und innern Fluch an die Woche denken, die gewissenlos und unersetzlich in Herréra zugebracht ward. Jede Stunde Aufenthalt und Versäumniß entfernte das große Ziel. Als endlich beschlossen ward, aufzubrechen, war der moralische Effect geschwunden, der große Klang, der von den Pyrenäen bis Gibraltar ganz Spanien erschüttert, verhallt, und so gut als wäre der 24. August nie gewesen. Der Feind hatte eine kleine Colonne weniger, wir ein paar tausend Gefangene mehr, das Expeditionscorps war geschwächt: das waren die ganzen Folgen des Sieges bei Villar de los Navarros.

[208] Niemand hat begriffen, warum den Tag nach der Schlacht nicht sogleich Oráa aufgesucht, und über ihn hergefallen worden; ihn vereinzelt zu schlagen, wäre ein Leichtes gewesen. Mit dem Uebergewicht des doppelten Sieges, hätte man dann sich Espartéro gegenüberstellen, mit ihm unterhandeln, oder ihn vernichten sollen. Espartéro’s und Oráa’s Truppen waren die einzigen, über welche die Madrider Regierung noch verfügen konnte; Sarsfield und Evans im alten Kriegsschauplatze zu beschäftigt, um zu Hülfe eilen zu können; van Meer hatte mit unseren Banden in Catalonien vollauf zu thun; Cabrera gegenüber stand der einzige Borso, und wir wußten, daß Zaratiegui und Elio mit neun Bataillons über den Ebro gesetzt, die Portugiesen geschlagen, und Segovia eingenommen hatten. – Und in diesem Momente konnte man sechs Tage verlieren!

Es sind jetzt bald vier Jahre seit jener denkwürdigen Zeit; das blutige Drama ist zu Ende; alle unsere Hoffnungen sind zu Grabe gegangen, und nur historisch noch gedenkt man in unserer kleinen Zeit jener großen Episode; ein düsteres, geheimnißvolles [209] Verhängniß hat großartige Anstrengungen und ritterliche Kämpfe zu nichte gemacht. Der 24. August 1837 war einer jener vielen Tage, wo Sieg und Entscheidung so nahe, so gewiß waren, daß nicht der Feind, nur wir selbst alles hinausschieben, verwerfen oder verlieren konnten. Der alte Moreno ist seither in seinem 72. Jahre ermordet worden. Ich will jene schwere Schuld nicht von den Lebenden auf die Todten wälzen, aber wenn gleich sein Rath oft heftigen Widerstand fand, so glaube ich, wäre es ihm hier doch möglich gewesen, durchzudringen und zu entscheiden. Wer es auch sein mag, der diesen unseligen Rath gegeben – er hat der königlichen Sache den Todesstoß versetzt.




Am 30. August Nachmittags verließen wir endlich Villar de los Navarros, und marschirten drei Stunden in der Richtung von Daroca bis Fuenbuena, wo die Truppen bivouaquirten und erst am nächsten Nachmittag den Zug fortsetzten. Wir wandten uns plötzlich nach Süden, in der Richtung der Sierra de Albaracin, längs des Flußgebietes der Huerba, so daß [210] uns klar ward, es sei kein Aufsuchen der feindlichen Colonne, sondern Eindringen in Castilien beabsichtigt.

Am 1. September ging es, in einer weiten Ebene, durch sieben Stunden bis Calamocha, einer größern freundlichen Stadt, die erst Tags vorher ein feindliches Streifcorps verlassen hatte. Dort langten wir Mittags an und wurden vortrefflich einquartirt. Ein großer Pallast, von sehr respektablem Aeußern aber ziemlich öde, war mir als Wohnung angewiesen worden. Nach einigen Stunden, die ich dem Schlafe gegönnt, meldete meine Ordonnanz einen Fremden, „der keine christliche Sprache rede“ (que no habla cristiano). Ein Parapluie unter dem Arme und mit einem Strohhut bedeckt, präsentirte sich mir ein alter Bekannter aus Schlesien, Herr von Keltsch, ehemaliger königl. Preuß. Artillerie-Lieutenant. Er war über Barcelona und Valencia, durch alle feindlichen Heere und Linien, nach mancherlei Abenteuern, auf fast wunderbare Weise zu uns gelangt. Ich stellte ihn noch denselben Abend dem Könige und dem Infanten vor, und er hat seither bis zum letzten Augenblicke mit großer Auszeichnung im königlichen Heere gedient. Ich werde noch auf ihn zurückzukommen Gelegenheit haben.

[211] Am 2. ward um fünf Uhr Morgens aufgebrochen, und der Marsch in derselben Richtung fortgesetzt, über den Xiloca, durch El Poyo, Camin Real, nach Monreal del Campo, wo wir Mittags anhielten. Wir befanden uns fortwährend in der großen Ebene, die von der Gebirgskette, welche Aragon von Castilien scheidet, bis an den Ebro sich ausdehnt. Abends ward weiter gezogen, vor und nach Villafranca del Campo[3] abermals über den Xiloca gesetzt, und das Nachtquartier in Alba aufgeschlagen. Am 3. verließen wir die Ebene und marschirten vier Stunden bis Pozandón, überstiegen die Sierra de Albaracin, und zogen vier Stunden weiter bis Orihuela unterhalb eines Wallfahrt-Ortes, R. S. de la Tremendal, an einem Abhange der Sierra de Molina am Gallo gelegen. Die königliche [212] Colonne bivouaquirte seit zwei Stunden vor der Stadt, als wir des Feindes ansichtig wurden. Espartéro war aus Daroca aufgebrochen, unseren Bewegungen zu folgen. Seine Tirailleurs engagirten mit unseren Vorposten ein kleines Feuer; doch zogen sich bei eintretender Nacht beide Theile in ihre früheren Stellungen zurück. Der Feind occupirte das Thal, die königliche Colonne die Berglehne. Beide Bivouacs waren auf eine Viertelstunde Distanz. Am 4. ward um drei Uhr Morgens in aller Stille abgezogen, ohne die Bivouacfeuer zu verlöschen. Nach einer Stunde Marsch, längs der Berglehne, graute der Morgen; der Feind gewahrte unsre Colonne, und bald vernahmen wir die Töne seiner Diana (Reveil). Die vier Bataillons Alavesen des Generals Sopelana und eine halbe Escadron Cavallerie, letztere unter persönlicher Anführung des Grafen von Madeira, wurden als Arrieregarde zur Deckung des Zuges beordert. Nach einer halben Stunde griff die feindliche Cavallerie uns an, und chargirte gegen die in Echelons compagnieweise aufgestellten Alavesen, wurde aber zu verschiedenen Malen geworfen. Bald beschränkte sich Espartéro darauf, uns zu harceliren, bis wir die Gebirgsschluchten erreichten, in die er nicht [213] vorzudringen wagte. Nach zwei Stunden hatten wir die Engpässe der Sierra de Molina hinter uns, und marschirten, in sehr gebirgiger Gegend, fünf Stunden weiter über Noguéra und Calomarde bis Frias, einem kleinen Dorfe zwischen einem Nebenzweige der Sierra de Albaracin und dem Monte Colládo de la Plata. Der Train, der bereits in der letzten Nacht Orihuela verlassen, war falsch geführt worden und noch nicht angelangt, als wir nach Frias kamen. Eine feindliche Streifpartei hätte sich beinahe seiner bemächtigt, und die beladenen Maulthiere mußten in größter Eile über Schluchten und Abgründe gejagt werden. Durch mehrere Stunden hielten wir sie für verloren, doch kamen sie endlich zu unserer großen Beruhigung an. Am 5. betraten wir zum ersten Male Castilien. Alles drängte sich um den König, ihm Glück zu wünschen, als er den Fuß über die Grenze des ersten Reichs seiner Krone setzte. Nach sieben Stunden ward in Salvacañete übernachtet. Am 6., nach siebenstündigem Marsche, befanden wir uns auf der Hauptstraße von Cuenca nach Valencia, in Villar del Humo, und marschirten auf derselben drei Stunden weiter, in der Richtung von Valencia, bis Cardenete. Dieser Marsch, der in [214] größter Ordnung, ohne Zurücklassung eines einzigen Marodeurs, vor sich ging, hatte, mit kurzer Rast, von fünf Uhr Morgens bis acht Uhr Abends gedauert, worauf den Truppen auch Ruhe bis zum nächsten Nachmittag gegönnt ward.

Das Land war gut und reich; wir zogen durch fruchtbare Felder und wohlhabende Orte, die durch den Krieg wenig gelitten hatten, so daß vortrefflich für alle Bedürfnisse des Soldaten gesorgt werden konnte. Die Mancha erinnerte mich lebhaft an den Landstrich Mährens, die Hanna genannt; nicht nur die unabsehbaren Felder, sondern auch die Formation der Dörfer und Bauart der Häuser, so wie die thurmhohen Getreide- und Stroh-Schober, die melonenförmig um die Wirthschafts-Gebäude stehen. Nur die Bewohner gleichen freilich den Hannacken nicht. – In der Mancha fallen dem Fremden viele sonderbare Gewohnheiten bis in den kleinsten Dingen auf. So stand stets in jedem Hause auf dem Tische ein Teller mit Mandeln, Rosinen und Hanfkörnern. Jeder, der eintritt, nimmt ohne Umstände eine Handvoll. Die Manchegos lieben besonders die Hanfkörner, und schnellen sie in den Mund, indem sie von weitem die Hand [215] wie zu einem Nasenstüber formiren. Ich habe nie weder diese Geschicklichkeit erlangen, noch an Hanfkörnern Geschmack finden können.

Am 7. Nachmittags verließen wir die Hauptstraße und marschirten durch ein hügeliches, wohlbebautes Land über Paracuellos bis Campillo de Altobuey. – Wir waren nun im Herzen der Mancha, und unsere ersten Gedanken auf den ingenioso Hidalgo gerichtet, der übrigens, einem Lieblingshelden des Volkes gleich, bis auf den heutigen Tag in Aller Munde lebt. Scherz oder gar Spott über ihn darf man sich in der Mancha nicht erlauben, das würde sehr übel genommen. Als ich einmal eine Frau in meinem Quartiere mit Don Quijote aufziehen wollte, wies sie mich sehr derb und ernst zurecht. – Treffliche Quartiere, gutmüthige und fröhliche Einwohner, und Ueberfluß an Jedem, vorzüglich aber die Gewißheit einer Annäherung an Madrid, dieß Alles versetzte uns in die beste Stimmung. In Campillo fanden wir Zeitungen, eine uns seltene Erscheinung. Man kann denken, mit welchem Heißhunger wir darüber herfielen. Sie enthielten zwei uns sehr wichtige Nachrichten: Zaratiegui’s Vorrücken bis zur Sierra de Guadarama, worüber Madrid sehr [216] erschrocken schien, und Sarsfield’s Ermordung in Pamplona durch seine eigenen Soldaten. Damals war unsere Sache durch derlei Gräuel noch nicht befleckt worden, auch der Abscheu, den dieß Verbrechen bei Allen erregte, allgemein, und Niemand in der königlichen Colonne, der gewollt hätte, durch solche Vorfälle uns unserer Feinde entledigt zu wissen. – In Campillo ward eine so große Menge Melonen auf dem Markte zu Spottpreisen feilgeboten, daß Moreno sich genöthigt sah, sie in Beschlag zu nehmen und ihren Genuß zu verbieten, da diese dort köstliche Frucht mehr Soldaten in das Spital zu bringen drohte, als die blutigsten Gefechte und angestrengtesten Märsche. Wir hatten schon im Königreiche Valencia ein gleiches Beispiel beim Durchmarsch durch Feigenwälder gehabt, und mußten uns vor Wiederholung desselben hüten.

Um acht Uhr Morgens verließen wir das gute Campillo, wo ich bei zwei Geistlichen mich sehr wohl befunden. Nach drei Stunden hielten wir in Valverdejo, und marschirten dann noch zwei Leguas, bis Buenache de Alarcon, auf der Straße von Madrid nach Valencia. Hier stießen wir auf Cabrera, der, seit seiner Trennung von uns in Muniesa, seine Kräfte bei [217] Chiva gesammelt hatte und direct auf der großen Straße, die nach Madrid führt, in Folge der erwähnten geheimen Conferenz, vorgerückt war. So unbeugsam der junge General in Allem war, was er für Recht und Pflicht hielt, so blindlings gehorchte er bis zu den letzten Augenblicken seiner beinahe souverainen Macht auf Hunderte von Meilen dem leisesten Winke des Königs. Auch hier war es so. Er hatte versprochen zu kommen, und man konnte darauf rechnen. Als wir in Buenache einmarschirten, waren Cabrera’s Vorposten in Tarancon, zwölf Leguas von Madrid, und auf der Straße bis dahin seine Häuptlinge echelonnirt. Forcadéll, Llagostéra, Talláda, Ladiósa, im Ganzen 12 Bataillons mit 800 Pferden; nur was zur Erhaltung seiner Stellungen in Valencia und der von ihm besetzten Punkte des Niedern Aragon nöthig war, hatte er zurückgelassen, so daß die damals auf der Heerstraße von Madrid vereinigten königlichen Streitkräfte, gering gerechnet, auf 16,000 Mann Infanterie und 2000 Pferde geschätzt werden konnten.

Am 9. setzten wir über den Xucar, und kamen, nach einem Marsche von sechs Leguas, nach Villar de Cañas. Von allen Seiten lief das Landvolk meilenweit [218] herbei, und drängte sich auf die Straße, den König zu sehen. Aus dem tausendstimmigen Ruf: „Viva el Rey, el libertadór!“ tönte oft das Wort „Paz“ hervor. Alle glaubten, das Ende des langen Krieges sei gekommen, alles Elend werde aufhören, und ihr unglückliches Land unter einer väterlichen Regierung in neuem Flor erblühen. Die Geistlichkeit, mit Kreuz und Pallium, empfing den König am Eingang aller Orte. Die männlichen Einwohner zogen prozessionweise entgegen, die Ayuntamientos an ihrer Spitze legten zu den Füßen des königlichen Pferdes die Schlüssel ihrer Städte und die Urkunden ihrer Privilegien nieder, die von Carl V. neu bestätigt wurden. Alle Fenster und Balkone waren mit Frauen gefüllt, die Lorbeer- und Blumenkränze auf die durchziehenden Truppen warfen; vor allen Häusern wehten Fahnen, waren Teppiche ausgebreitet; Guirlanden, von Baum zu Baum geschlungen, flatterten durch die Lüfte; die Straßen, alle Dächer waren mit Menschen vollgepfropft, und auf den Plätzen Estraden errichtet, die herbeiströmende Volksmasse zu fassen, die in lautem Jubel jedes vorbeidefilirende Bataillon begrüßte. Große Kübel mit Wein standen unter jeder Thüre, [219] und Lebensmittel aller Art, Körbe der herrlichsten Früchte wurden an die Truppen vertheilt. Bei jedem Halt drängten sich Mädchen und Frauen durch die Reihen, die Soldaten zu speisen. An die Möglichkeit eines Rückzuges oder gar einer Niederlage dachte Niemand. Jeder zählte die Tage und Stunden bis zum Einzuge in Madrid; nur mit Mühe konnte man die ganze Bevölkerung, Weiber, Kinder und Greise, zurückhalten, sich diesem Triumphmarsche nicht gleich anzuschließen. Alles schien die glücklichste Wendung zu verheißen; die Madrider Zeitungen enthielten die Nachricht der Einnahmen der Festungen Lerin und Peñacerrada in Navarra, durch den königlichen Generalcapitain Uranga. Zaratiegui und Elio hatten ihr Hauptquartier im Escurial aufgeschlagen; ihre Vorposten standen am Ufer des Guadarama; Don Vicente Rugieros, genannt Palillos, unser kühne Bandenführer in der Mancha, war mit 800 Reitern in Ciudad Real eingerückt, und besetzte die Heerstraße nach Andalusien, alle Verbindung mit Madrid abzuschneiden; Espartéro war weit hinter uns, auf dem Wege von Cuenca; sonst vom Feinde nichts zu hören. Wer damals an eine Verlängerung des Krieges, [220] an eine Möglichkeit des geringsten Unfalls gedacht hätte, würde für wahnsinnig gegolten haben.

Unter diesen Eindrücken, in höchster Begeisterung und beständigem Jubel, zog die königliche Colonne vorwärts, über Montalvo, Saelices, Villarubio, an Uclès, dem berühmten Kloster des Ritterordens von Santiago, vorbei, bis Tarancon, wo sämmtliche Truppen zusammengezogen wurden. Die Brücke des Tajo, der drei Leguas von dieser Stadt fließt, war abgebrochen, der Fluß breit und tief, und wir führten bekanntlich keine Pontons mit. Dieß hätte uns aufhalten können, doch schienen selbst Natur-Ereignisse mitwirken zu wollen, den Einzug nach Madrid zu erleichtern. Als der vom Infanten abgeschickte Oberst von Rahden Nachts an das Ufer des Tajo kam, war weit und breit kein Stück Material zu sehen, woraus er eine Brücke hätte anfertigen können. Da kamen plötzlich, gegen vier Uhr Morgens, den Strom herab starke Balken geschwommen, in so großer Anzahl und so vortrefflicher Qualität, daß in kürzester Zeit die Brücke geschlagen wurde. Am 11. zogen alle Truppen, Infanterie, Cavallerie, Train, Morgens fünf Uhr über dieselbe. Fuentidueña gegenüber, [221] und als der letzte Mann am andern Ufer war, sahen wir in geringer Entfernung die Avantgarde Espartéro’s, der in größten Eilmärschen, unter Zurücklassung aller Bagage, mit seinen besten Truppen aus Cuenca, uns nachgeeilt. Seine Infanterie fuhr auf Wagen oder saß hinter den Reitern auf. Herr von Rahden zog die Schlußbalken der Brücke ab, die dann von selbst aufgelöst, in einzelnen Stämmen weiter schwamm, wie sie gekommen. Dieß halb wunderbare Ereigniß erklärt sich leicht. Aus den Wäldern von Molina und Cifuentes wurden nämlich große Holzstämme zum Schiffsbau stromabwärts geflößt, d. h., dem Strome überlassen. Diese waren mehrere Tage vorher ausgeblieben, vermuthlich hatten sie sich in den oberen Gebirgen gestaut. In dieser Nacht hatten sie ihren Lauf fortgesetzt, und waren abermals an demselben Orte, wo unser Bivouac am Ufer, gehemmt worden. Neue Balken waren dann ausgeblieben, so daß, als die ersten feindlichen Reiter an den Tajo kamen, auf der reinen blauen Fluth kein einziges Stück Holz mehr schwamm.

Nach zwei Stunden ward der Marsch fortgesetzt und die Tajuña vor Perales passirt, wo das Hauptquartier [222] diese Nacht blieb. Am 12. brachen wir um sechs Uhr auf und nach drei Stunden zogen wir in Arganda ein, eine ziemlich bedeutende Stadt, vier Leguas von Madrid. Der enthusiastische Empfang der uns hier ward, übertraf noch Alles was wir bisher erfahren. Nie wird dieser Moment aus meiner Erinnerung schwinden, doch habe ich keine Worte ihn zu beschreiben. Zu viel wehmüthige Gedanken knüpfen sich an dieses glorreiche, bezaubernde Bild. Jeder von uns schien den herbeigeeilten Tausenden ein neuer Messias zu sein. Man riß sich darum uns in die Quartiere zu führen, zu liebkosen und zu bewirthen. In jedem Hause war ein Festmahl bereitet; in dem meinem wetteiferten vier junge Frauen mich zu bedienen. Ich weiß nicht, welche die Schönste gewesen. Um elf Uhr zog der König in Arganda ein, mehr vom Volke getragen, als auf seinem Pferde reitend, zu dessen Füßen sie sich hinwarfen, die Hände und das Kleid des Königs mit Küssen bedeckten und mit Freudenthränen benetzten. Plätze und Straßen waren so gedrängt voll, daß man nur mit Mühe durch dieselben gelangen konnte. – Cabrera’s Division rückte ohne Aufenthalt vor und besetzte Vallécas, eine Legua von [223] Madrid. Nach zwei Stunden stieg der Infant zu Pferde und sprengte der Hauptstadt zu, von einer Escadron gefolgt. In Bacia-Madrid und Vallcas standen acht Bataillons; in letzterem Orte trafen wir Cabrera und jagten im gestreckten Galopp einer kleinen Anhöhe zu, – da lag denn das stolze Madrid, schweigend, wie todt vor uns. – Ein Ruf ging aus jeder Brust, wie der des Pilgers, der nach langer Irrfahrt das gelobte Land erreicht. Madrid schien so verlassen, so gedemüthigt, so unvertheidigt, daß wir es nur zu nehmen, nur die Thore zu öffnen und einzuziehen brauchten, um Herren zu sein, und wenn wir wollten, gewiß auch zu bleiben. Forcadell’s Division besetzte die Anhöhen, die amphitheatralisch Madrid dominiren. Einige Escadrons Cabrera’s rückten auf der Chaussee vor, bis 1000 Schritte vom Thore von Atocha, und besetzten das Zollhaus Cadena del Buen Retiro genannt. Noch immer rührte sich Niemand; das Thor blieb geschlossen und die Hauptstadt wie im tiefen Schlaf versunken. Kein Lüftchen regte sich, und das große Gemälde war ernst und imposant durch die Sierra de Guadarama begränzt, von deren Abhängen, in weitester Entfernung, der kolossale [224] Escurial auf den Erben seines großen Erbauers zu sehen schien. Plötzlich füllten sich die Dächer und Terrassen, doch waren es keine Truppen, sondern friedliche Einwohner beider Geschlechter, die neugierig auf uns sahen. Im Sonnenstrahl blitzten tausende geschliffener Gläser, wie kleine Flämmchen zu uns herüber. Da ward ein Zelt auf der großen Altane des Buen-Retiro, des Pallastes Kaiser Carl V. aufgeschlagen, und aus den glänzenden Gruppen, die eine in Lichtblau gekleidete Dame umgaben, konnten wir entnehmen, daß die Wittwe Ferdinand VII. gekommen, die Vertheidiger ihres königlichen Schwagers zu sehen. Bald öffnete sich das Thor von Atocha, sechs Escadrons königlicher Garde ritten im Schritt heraus und stellten sich zwischen uns und die Stadt. Durch eine Viertelstunde standen wir uns in Ruhe gegenüber; da sprengte eine Escadron Grenadiere zu Pferde auf der Heerstraße vor; die Charge wurde angenommen; Madrid und unsere Armee sollten die Zuschauer des blutigen Vorspiels seyn. Die Escadron Del Turia, die vor dem Zollhause hielt, ritt den Grenadieren entgegen, und in einem wüthenden Choc wurden Letztere geworfen. Noch sehe ich ihren Obersten, der auf einem milchweißen [225] Pferde vor seinen Reitern vornehm und nachläßig caracolirte. Sein Pferd stürzte, er ward mit siebzehn Reitern und einem Offizier gefangen, die Uebrigen jagten eiligst zurück, und das Thor von Atocha nahm die Fliehenden auf. Nach dieser kurzen Episode trat neuer Stillstand ein. Mehrere von uns ritten vor, bis fünfzig Schritte von den Mauern; „manche Kugel pfiff begrüßend vorüber.“ Doch hiebei verblieb es, der Feind griff uns nicht an, wir rückten nicht vor, und eine Stunde schwand nach der andern. Ein Courier, den die Königin Christine an Espartéro nach Alcalá de Henares schickte, ward aufgegriffen; ein eigenhändiger Brief der Königin zeugte von ihrer Angst und von der Wehrlosigkeit Madrids, wo außer den sechs Escadrons, die uns gegenüber standen, sich nur Bürgermiliz befand. Zahlreiche Spione und Vertraute unserer Anhänger in Madrid bestätigten dieß Alles, sprachen von der Aufregung des Pöbels gegen die dortige Regierung, und von der großen Anzahl königlich Gesinnter in den niedern Ständen. Nur eine Besorgniß schien Alle zu erfüllen, ob Carl V. ein Strafgericht halten, oder Allen vergeben, ob seine Soldaten als Befreier einziehen, oder die Stadt [226] plündern würden. Es war nichts geschehen, diese Besorgniß zu heben; kein Aufruf, keine Proclamation, kein königliches Versprechen, dem Alle geglaubt hätten, kein Anzeichen einer allgemeinen Amnestie war gegeben worden. Hätte Carl V. sein Wort als König, als erster Edelmann seines Reichs verpfändet, Niemand, nicht die wüthendsten Republikaner und Anarchisten hätten dem leisesten Zweifel Raum gegeben. Doch – es ist nichts geschehen. Der König blieb in Arganda, er hat seine Hauptstadt nicht einmal gesehen; die Truppen standen vor Madrid, Minuten wurden zu Stunden, und jener 12. September 1837, der der halben Welt eine andere Gestalt gegeben hätte, ist ein, in der Geschichte unerhörtes Beispiel der allergrößten Deception geworden. Cabrera glich einem wüthenden Löwen; er bestürmte den Infanten, in Madrid auf eigene Faust einzurücken, und, wenn es geschehen, es dem Könige zu berichten. Ein Adjutant nach dem andern wurde ins Hoflager abgeschickt, die ersehnte königliche Bewilligung zu erhalten; da kam um 8 Uhr Abends der Befehl, – alle Vorposten einzuziehen und nach Arganda zurück zu marschiren.



  1. Die Fürsten und Grafen zu Lynar, gegenwärtig Preußische Vasallen, sind spanischer Herkunft, und die Ruinen ihrer Stammburg noch heute in Linares sichtbar.
  2. Mr. Grüneisen ward einige Monate später auf seiner Rückreise nach England nebst seinem Reisegefährten Cap. Henningsen am Ebro gefangen genommen und lange Zeit unwürdig behandelt, bis es dem englischen Bothschafter in Madrid, Lord Clarendon, gelang, ihre Freilassung von Espartéro zu bewirken. – Ich hatte diese Herren gebeten, einen Brief nach Wien mitzunehmen und in Bayonne auf die Post zu geben; der Chef der Streifpartei, die sie gefangen nahm und durchsuchte, nahm Vienne (auf der französischen Adresse) für Viana (am Ebro) und ließ sich von der Ueberzeugung nicht abbringen, daß die unglücklichen Britten mit dieser von den Christinos besetzten Stadt Verbindungen unterhielten. – Dieß wäre ihnen bald theuer zu stehn gekommen.
  3. In dieser weiten Ebene haben viele Orte den Beinamen del Campo. Derlei Beinamen sind in ganz Spanien sehr üblich; in den Pinaren Alt Castiliens heißen viele Orte „de los Pinares,“ in der Umgegend von Medina Celi „del Ducado,“ in der Ebene von Valencia „de la Plana.“ So ist es auch merkwürdig, wie viele Orte in Alt Castilien mit illo und illa aufhören, und in Catalonien mit Puig (sprich Putsch) und Castell anfangen.