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Titel: Eine seltsame Musikfreundin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 96
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[96] Eine seltsame Musikfreundin. Ich hatte meinen Sommeraufenthalt auf einer reizenden Besitzung in der Nähe von Pankow, wo eine bedeutende Landwirthschaft betrieben wurde. Die dazu gehörigen großen Gebäude lehnten mit dem Hofe von einer Seite an den das Herrenhaus umschließenden Garten. Eine mit Orangerie und Blumen besetzte Rampe führte zu einem großen Saale, in welchem zuweilen musicirt wurde. Oft sahen wir, während dies geschah, einen geflügelten Bewunderer langsam und leise die Rampe herauf und, wenn die Thüren gerade geöffnet waren, in den Saal hinein spazieren, wo er eben so leise und lauschend unverrückt auf einem Fleck stehen blieb, bis die Musik geendet.

Dieser Bewunderer war kein Anderer als eine Gans, welche, wenn die kleine Heerde vom Felde heimkehrte, den Tönen folgte und mit bewunderungswürdiger Klugheit sich Eingang in den ringsum verschlossenen Garten zu verschaffen wußte, ohne diesen Eingang lange Zeit hindurch irgendwem zu verrathen. Nur der aufmerksamsten Beobachtung gelang es, eine kleine, wahrscheinlich vom Hunde gemachte Unterhöhlung der Einzäunung, welche dichtes Fliedergesträuch deckte, zu erspähen, durch welche sie, nicht ohne Anstrengung, ihren regelmäßigen Gang nahm. Ebenso auffällig war das in jeder Hinsicht anständige und bescheidene Verhalten dieser seltsamen Zuhörerin. – Wenn sie durch längere Pausen sich zum stillen Rückzüge bewogen sah, kehrte sie doch gleich wieder um, sobald die Musik auf’s Neue begann. Die musikalische Gans wurde von Allen respectirt, selbst von dem kleinen Stubenkläffer, welcher sonst jedem Eindringling sehr feindlich gesinnt war.