Eine neue Alpenstraße

Textdaten
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Autor: Robert Aßmus
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Titel: Eine neue Alpenstraße
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 742–744
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Neubau 1868/69 der Schinstraße in Graubünden
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Die Gartenlaube (1869) b 743.jpg

Die neue Schynstraße in Graubündten.
Nach der Natur aufgenommen von R. Aßmus.

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Eine neue Alpenstraße.

Meine diesjährige Reise nach Italien führte mich auch nach dem alten Thusis, dem schönsten Marktflecken Graubündtens, der einige Meilen südlich von Chur, der Hauptstadt des Cantons Graubündten, in dem weiten, durch seine Schönheit weltberühmten Domleschgerthal und vor dem Eingang in die ebenso vielgenannte Via mala liegt. Schon in Chur hatte mir die hübsche Wirthstochter von der neuen Schynstraße erzählt und mich aufgefordert, den Besuch derselben doch ja nicht zu unterlassen. Ich versprach’s ihr mit der Bemerkung, daß ich in der Gartenlaube davon erzählen wolle.

Diese neue Straße durch den alten Schynpaß folgt dem Laufe der Albula, eines Alpenstroms, der Thusis gegenüber sich in den [744] Hinterrhein stürzt; sie stellt eine kürzere Verbindung von diesem Theil der Splügenstraße zunächst mit der über den Julier führenden Oberhalbsteinerstraße und weiter mit dem Engadin her und hat deshalb für Reisen und Verkehr nicht geringen Nutzen, abgesehen von ihrer strategischen Bedeutung und ihrer malerischen Ausbeute.

In Thusis angekommen erkundigte ich mich sogleich bei dem Besitzer des Hôtels zur „Via mala“, wie ich die Tour auf der neuem Schynstraße am zweckmäßigsten ausführen könne, da ich schon unterwegs gehört, daß die Straße durch den lang dauernden Regen beschädigt worden sei. Er schlug mir vor, einen Einspänner zu nehmen und die schlechtesten Strecken zu Fuß zurückzulegen.

Freundlich sah der Himmel allerdings nicht aus. Die dem Hôtel gerade gegenüberliegende Ruine Hohen-Rhätien, welche sonst von ihrem Felsenthrone hinab in’s Domleschgerthal und in die Schlucht der Via mala schaut, steckte hinter Wolken, und von der langen Contour des Heinzenberges waren ebenfalls nur Fragmente zu erblicken. Ich mußte es aber wagen, und so trug mich denn das leichte Wägelchen munter in die graue Luft hinein, über die breite Brücke weg, welche sich über den schmutzigen Nolla-Bach spannt, den bei Hochgewittern so sehr gefürchteten wilden Gesellen, welcher rechts vom Heinzenberg über seine Felstrümmer herunterdonnert. Tiefer im Thale wand sich der Hinterrhein durch sein versandetes Bett mühsam zwischen Steingeröll hindurch, nachdem seine Fluthen die dunkeln Felswände der Via mala tief unten in enger Schlucht brausend gewaschen hatten. Endlich bogen wir in das Thal der Albula hinein, und hier grüßte uns zunächst aus dunklem Grün die malerische Ruine Ehrenfels hinab, dann kamen an der Mündung des Thales und des Schynpasses die auf einem engen Flecken Erde zusammengedrängten Häuser von Sils, über deren Schindeldächern die beiden Kirchthürme des protestantischen Dörfchens emporragen. Fromm müssen dort die Leute sein. In solch’ engem Orte zwei Kirchen! Sehr freundlich sahen die Häuschen aus, jedes würde eine prächtige Studie für die Mappe eines Malers liefern.

Gleich hinter Sils beginnt die eigentliche Schynstraße. Sie steigt von nun an fortwährend bis Alvaschein und windet sich in ökonomischer Schmalheit an dem linken Felsenufer der Albula empor. Tannenwald, der kolossale moosbewachsene Steintrümmer beschattet, bildet den nächstliegenden Schmuck der Straße, während das andere Ufer von der jähen Felsenwand gebildet wird, in der sich der schauerliche alte Schynpaß befindet.

Ein großartiges Panorama liegt vor unseren Augen ausgebreitet. Rückwärts das Domleschgerthal mit seinen weiten grünen Fluren, welche der Hinterrhein durchströmt, in der Mitte auf einer Anhöhe Burg Baldenstein, und dahinter der langgestreckte hohe Heinzenberg. Während hier das Gottesauge der Natur freundlich lächelt, tritt das Albulathal uns um so düsterer entgegen. Großartig wie die berühmten Partieen in der Via mala bauen sich die Felsenwände eng hinauf. Ist die Via mala noch wilder im Ausdruck, so erscheint uns die Schynstraße im Albulathale malerischer. Das dunkle Grün der Tannen, welche oft dicht geschaart einen an den Felsenwänden sich hinabsenkenden Wald bilden, mildert den rauhen Eindruck der gewaltigen Steincoulissen. Je weiter wir die Straße passiren, um so interessanter zeigt sich die Landschaft. Felsentunnel mit Galerien öffnen sich uns. Unendlich stille und verlassen ist noch die neugeborene Straße; nur vor uns ist eine Schaar Arbeiter beschäftigt, die Bergbäche einzudämmen, die herabgesprengten Felsen in die Albula zu stürzen, Baumriesen fortzufahren und die Straße zu planiren. Wettergebräunte Gesichter haben die Leute und einige unter ihnen fallen durch ein recht italienisch-vagabundenmäßiges Aussehen auf. Die Leute leben sparsam und schlecht[WS 1]: Polenta, Brod und Käse, Käse, Brod und Polenta. Als Nachtlager dienen ihnen schlechte Holzbaracken, eng und klein, in denen der Wind seine Weisen spielt. Und doch sahen die Leute zufrieden aus!

Der Kutscher stieg von meinem Wagen ab und machte ein Gesicht dabei, als wolle er mich auffordern, ebenfalls auszusteigen. Als ich ihn fragte, ob ich dies thun solle, nickte er mit dem Kopfe, wobei er gleichzeitig eine Pantomime mit der Hand machte, die ganz unzweifelhaft das Umwerfen des Wagens verdeutlichen sollte. Wir waren an einer Stelle der Straße angelangt, wo die Hälfte derselben vom Regen und einem Gebirgsbach heruntergeschwemmt war. Ich stieg aus, der Kutscher nahm das Pferd am Zügel, die Straßenarbeiter den Wagen auf die Schultern und – so wurde die Stelle, welche durch den Regen und den Bach beinahe bodenlos geworden, passirt.

Hinter dem sechsten Tunnel sahen wir drüben auf dem Plateau der Felsenwand in schwindelnder Höhe Ober-Vatz liegen, in dessen Nähe sich der Galgenhügel, die Richtstätte der alten Bündtner befindet, und kamen dann an dem einzigen Wirthshaus der Straße vorüber, zum „Paß mal“, dessen weiß getünchte Wände sonnig aus der dunkeln Landschaft glänzten. In ihm leben Wirth und Wirthin mit einem alten Mütterchen ganz allein in der Bergeinsamkeit – in dem endlosen Winter jedenfalls ein trauriger, vielleicht auch gewagter Aufenthalt.

Die außerordentlich malerischen Bilder der Schynstraße gewinnen an Interesse, je mehr man sich der Solisbrücke nähert, welche sich in kühnem Bogen tausenddreihundertachtundsechszig Fuß über dem Wasserspiegel der Albula spannt. Felsentstürzte Bäche fliehen von den steilen Wänden hinab und tränken Tannen und Moos. Aus der dunkeln Schlucht schimmert das saftige Grün der schmalen Ufer herauf, welche wohl noch nie der Fuß eines Menschen betrat. Die Straße schlängelt sich, hie und da einen Tunnel durchbrechend, in kühnem Zickzack empor und die hohen Waldcoulissen schließt im Hintergrund der Heinzenberg ab. –

Der Plan der Schynstraße ist vom Cantons-Oberingenieur Salis in Chur entworfen, der Bau wurde im Mai 1868 begonnen, und die Arbeiten, wie bei den meisten Straßenbauten der Schweiz, im Accord vergeben. Angeregt durch den Wunsch der eidgenössischen Regierung eine Militärstraße, wie unter anderen der Fluela-Paß, die Ober-Alp-Straße, erbaut zu sehen, welche Graubündten mit dem Engadin verbinde, nahm die Cantons- Regierung den Gedanken auf und brachte ihn zur Ausführung. Die Länge der Straße beträgt drei Schweizer Wegstunden (sechzehntausend Fuß), und die Baukosten belaufen sich auf über vierhundertfünfzigtausend Franken. Obschon die eidgenössische Regierung einen Theil der Kosten in Betracht der strategischen Vortheile der Straße übernahm, so lag die Hauptsumme doch auf den Schultern der Cantons-Regierung. Für Thusis war der Bau der Straße eine Lebensfrage, und deshalb willigte es in die Anforderung freudig ein, nicht blos das nöthige Holz und anderes Material auf seine Kosten herbeizuschaffen, sondern es übernahm auch die Expropriation für die ganze Strecke von Thusis bis zur Solisbrücke. Man vermuthet, daß Chur als Bezugsquelle durch diese Straße im gleichen Verhältnisse verlieren, als Thusis gewinnen werde, weil das letztere dem Engadin bedeutend näher als jenes liegt.

Die Schweizer sind berühmte Straßenbauer. Wir staunen mit Recht über die Kühnheit des Straßenbaues, wenn wir durch das lange Urserenthal bis zur Höhe von siebentausendfünfhundert Fuß auf die Furka mit der Post fahren und dann im wilden Carrière dicht am Rhonegletscher vorbei die Pferde mit uns hinabeilen. Splügen, Bernardin, St. Gotthard sind würdige Pendants zur Furka-Straße. Die Schweiz hat eine neue Straße mehr, wünschen wir ihr Glück dazu!

Die Schynstraße sollte Ende Juni dieses Jahres vollendet sein. Durch die große Ueberschwemmung des vorigen Jahres wurde aber ein erheblicher Theil der Fundamente wieder zerstört – die Fundamente am Paß mal mußten mehrere Male gebaut werden – Brücken wurden hinabgerissen u. dgl. m. Als ich im August dieses Jahres die Schynstraße besuchte, sagte man mir, daß dieselbe in wenigen Wochen dem Verkehr übergeben werden würde, ohne Zweifel wird sie gegenwärtig allgemein befahren. –

Es war spät, als ich nach Thusis zurückfuhr. Die dunkeln Schatten des Abends waren im Thale eingekehrt, Tannenhain und Felsen sahen finster drein, nur die Albula stürzte unten in jugendlicher Frische munter über das wilde Steingeröll hinweg. Der Kutscher sprach in einem Athem von Hinabstürzen des Wagens und Trinkgeld, und recht froh war ich, als wir vor dem Hôtel zur Via mala anlangten, dessen Wirth Berlepsch in seinem Schweizerhandbuche mit vollem Rechte als „ungemein gefällig“ bezeichnet. Derselbe war mir nicht nur „ungemein gefällig“, sondern auch „wundermild“. Dafür, sowie für die Notizen, welche ich von ihm in Betreff der Schynstraße erhalten habe, bin ich ihm dankbar. Wir laden unsere Leser ein die neue Schynstraße zu besuchen und im „Hôtel zur Via mala“ zu übernachten. Die Gartenlaube finden sie unten im Lesezimmer. R. A.     





Anmerkungen (Wikisource)

  1. „schlecht“ hat hier noch die Bedeutung „schlicht, einfach“.