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Titel: Eine deutsche Erzieherin in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 564
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[564] Eine deutsche Erzieherin in London schreibt uns: „In der Zeit, seit ich Erzieherin bin, habe ich oft Vergleiche zwischen der englischen und deutschen Erziehung angestellt und manches Mangelhafte an unserer deutschen ist mir in’s Auge gefallen, das, wie ich fest überzeugt bin, von den Müttern oder Gouvernanten sehr leicht verbessert werden könnte.

„Ein aufmerksamer Beobachter in einem englischen Töchterpensionat bemerkt gar bald, daß die geistige Ausbildung weit weniger in Betracht kommt, als die körperliche, und daß, während die letztere mit größter Sorgfalt behandelt, jene nur, so zu sagen, oberflächlich betrieben wird. Wenn eine junge Engländerin französisch und deutsch conversiren kann, etwas singt und spielt, vielleicht auch zeichnet, so sind die Eltern mit der Schule zufrieden, und halten ihre Tochter für gut erzogen, – zumal wenn sie schlank und schön gewachsen ist. Denn das letzte ist der Stolz einer englischen Mutter, und in der Hinsicht werden keine Kosten und Mühen gescheut, um die Gesundheit und Schönheit ihrer Kinder zu befestigen.

„Deshalb auch findet man in der Pension die beinahe militärische Ordnung, die Pünktlichkeit der Mahlzeiten, das frühe Aufstehen und Zubettegehen, die langen Spaziergänge (die die Mädchen oft wider Willen machen müssen), die calisthenischen Uebungen, die Tanzstunden, das Baden und vor allem, die große Reinlichkeit und Sorgfalt auf ihren Körper. Dies Allen ist höchst zuträglich für die Gesundheit und das Erhöhen der Schönheit, und trägt gewiß viel dazu bei, daß man in England, selbst unter der niedern Klasse fast selten häßliche, sondern meist nur blühende und frische Frauenzimmer sieht, die oft wahrhaft edle Gesichtszüge und den schönsten, feinsten Teint besitzen. Leider darf man bei den meisten nicht viel Geist suchen.

„Denn was den Unterricht betrifft, so geht man damit meist nur mechanisch zu Werke. Geschichte, Geographie u. s. w. werden aus einem Katechismus gelernt, und sobald die Fragen beantwortet, darf man annehmen (mit wenigen Ausnahmen), daß sie bald wieder vergessen werden. Der eigene Verstand, das Nachdenken und Selbstauffinden der Thatsachen ist es, was man versäumt auszubilden, und daher die fortwährende Stümperei im spätern Leben.

„In Deutschland erzieht man anders. Da berücksichtigt man nur die Ausbildung den Geistes und verwendet wenig Aufmerksamkeit auf die Entwickelung des Körpers. Wie ist es aber möglich, daß die erstere ohne die letztere bestehen kann? Wie kann man von einer Pflanze erwarten, deren Wachsthum man vernachlässigt, daß die Blume zur höchsten Vollendung gelange? Ist es anders mit dem zarten, aufkeimenden und im Wachsthum begriffenen Mädchen?

„Ich weiß aus eigner, trauriger Erfahrung, wie wenig in unsern Töchterschulen auf die Gesundheit, die Haltung und das Sitzen der Eleven gehalten wild. Lernen ist ihr einziger Zweck; um die Gesundheit des Körpern bekümmern die Lehrerinnen und die Lehrer sich weiter nicht. Würde man von den Engländern in dieser Hinsicht ein Beispiel nehmen, und die Mädchen zum Turnen, Schwimmen, Marschiren und allen möglichen Körperbewegungen anhalten, wo könnte man sich eine bessere Erziehungsweise wünschen, als die deutsche uns gewährt?“