Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Emil Peschkau
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine deutsche Diamantschleiferei
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 202, 203
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[202]
Eine deutsche Diamantschleiferei.
Von Emil Peschkau.


Worin liegt der seltsame Zauber, den vor allen anderen Edelsteinen gerade der Diamant für uns hat? Ist es nur seine große Seltenheit, die uns eine Art Ehrfurcht für ihn empfinden läßt, ist es nur der Gedanke an – das kleine Vermögen, das oft ein einziges Steinchen kostet? Oder übt er einen besonderen ästhetischen Reiz aus, einen Reiz, der wesentlich verschieden ist von jenem, den die Farbenpracht, der Glanz anderer Edelsteine für uns hat? Die meisten jener „Glücklichen“, die sich mit Diamanten schmücken, mögen wohl nur durch den Werth dieser Steine bezaubert sein und viele andere, die diamantenlos durchs Leben gehen, rümpfen die Nase über diesen funkelnden Stein, der keinen andern Zweck hat, als zu zeigen „wie reich man ist“. Und doch hat der Diamant einen Reiz, der so eigenthümlich ist, daß seine Ausnahmsstellung auch ästhetisch gerechtfertigt ist. Man wird es einem deutschen Schriftsteller ohne eidliche Versicherung glauben, daß Diamanten nicht zu seinem Hausgeräth gehören. Trotzdem habe ich nie die Nase über sie gerümpft, sie nie als bloßes Aushängeschild der Protzenhaftigkeit betrachtet; ich schwelgte im Gegentheil in ihrem Anblick auch dann, wenn sie nicht den schönsten Reiz – durch eine schöne Frau erhielten. Dieser seltsame Zauber aber liegt für mich und wohl für viele andere empfängliche Menschen in den optischen Besonderheiten des Diamanten. Entzückende Form, prächtige Farbe – das sind Eigenschaften eines Körpers, die wir mit dem Auge festhalten, mit Stift und Farbe aufs Papier bannen können. Das ewig wechselnde Lichtspiel des Diamanten, das verwirrende Gefunkel läßt keine Fixirung zu; es hat etwas Märchenartiges an sich, wie jede Erscheinung, die nur ein Produkt zufällig zusammenwirkender Kräfte ist, deren Wirkung sich jeden Augenblick ändert, wie z. B. das Farbenspiel, das die versinkende Sonne in die wechselnden Wolkenbildungen des Abendhimmels malt.

Dieser eigenthümliche Reiz des Diamanten muß nun in dem Steine erst geweckt werden. Die Diamanten, wie man sie in Südafrika, in Ostindien, in Brasilien u. a. O. findet, haben meist ein recht unscheinbares Aussehen, und es erfordert eine eigenthümliche Kunst, einem solch unförmlichen, schmutzigen Steinstück jene Gestalt zu geben, die seine optischen Eigenschaften – den Glanz und das starke Lichtbrechungsvermögen – am besten zur Geltung kommen läßt. Diese Kunst ist die Diamantenschleiferei, wie sie bis auf die neueste Zeit fast ausschließlich in Amsterdam ausgeübt wurde. Das Geheimniß, mit dem man sie umkleidete, erschwerte die Versuche, anderswo ähnliche Etablissements zu errichten, und solche Versuche wurden nur selten gemacht – war es doch für jedes neune Unternehmen von vornherein höchst unwahrscheinlich, daß es dem bewährten Amsterdamer Schleifereien gegenüber das Vertrauen der Besitzer roher Steine zu gewinnen vermochte. Es gehört ja starkes Vertrauen dazu, einem Fremden so riesige Werthe zu überlassen und noch dazu Objekte, die sehr leicht gegen minder kostbare vertauscht werden können und deren schließlicher Werth wesentlich abhängt von der Kunstfertigkeit der Arbeiter, die sie zu schleifen haben.

Trotzdem haben sich zwei Deutsche, die Brüder Ludwig und Friedrich Houy gefunden, die den Muth hatten, in ihrer Heimath eine Diamantschleiferei zu errichten. Das tollkühne Wagniß, das am Anfang die bittersten Mühen und schwere Sorgen brachte, gelang. Das in bescheidenster Weise begonnene Unternehmen machte dank der Zähigkeit und Geschicklichkeit der beiden Gründer rasche Fortschritte und nimmt heute eine ganz besondere Stellung in der deutschen Industrie ein. Eine deutsche Fabrik, die deutsche Arbeiter mit ausländischem Gelde ernährt! Das Rohmaterial kommt ja fast ausschließlich von London, wo der Markt für die Rohdiamanten ist, und die geschliffenen Steine gehen auch größtentheils wieder dahin zurück.

Die Geburtsstadt der Brüder Grimm, das durch seine bedeutende Bijouterie- und Tabaksindustrie bekannte Hanau ist es, wo die Gebrüder Houy ihre Fabrik errichteten. Dort war Friedrich Houy schon früher als Schleifer von Smaragden und Rubinen etablirt, während der ältere Bruder in Amsterdam Gelegenheit hatte, sich mit den Einrichtungen der dortigen Schleifereien vertraut zu machen. Im Jahre 1871 faßten sie die Idee, eine Diamantschleiferei zu errichten, und drei volle Jahre mühten sie sich mit Versuchen ab, bis sie endlich 1874 es wagen konnten, das erste derartige Unternehmen in Deutschland – und zwar mit Dampfbetrieb – zu eröffnen. Die Hauptschwierigkeit dabei lag in der Heranbildung der Arbeiter. Jedem Einzelnen mußte die nöthige Fertigkeit erst beigebracht werden, und da die Diamantschleiferei eine besondere Fähigkeit – ein ungemein scharfes Auge – erfordert, so war das mit gewaltigen Mühen und großen Kosten verbunden. Mit zwanzig Arbeitern konnte endlich der Betrieb begonnen werden – heute beschäftigt die Fabrik deren 160 bis 170, von denen Einzelne jährlich bis zu 2600 Mark verdienen. Und nun sehen wir zu, wie in der Hanauer Schleiferei das Zauberwerk vollbracht wird.


Die Gartenlaube (1885) b 202.jpg

Diamanten in natürlicher Größe aus der deutschen Diamantscheliferei der Gebrüder Houy in Hanau.

Die Krystallisationsform des Diamanten ist das Oktaeder und diesem entsprechend muß der Schliff vorgenommen werden. Nur höchst selten ist aber der rohe Diamant ein so schön ausgebildetes Oktaeder wie in Figur 1. In den meisten Fällen (z. B. in Figur 2) ist er eine ganz unförmliche Masse, die zur Bearbeitung vorliegt. Da wird nun oft lange hin und her gegrübelt, wie der Rohdiamant am gewinnbringendsten geschliffen werden muß, und ist man darüber im Reinen, so zeichnet man an dem Steine die Stelle an, wo die „Basis“ hinkommen soll. Die Brillantform hat nämlich die Gestalt zweier an der Grundfläche vereinigter abgestumpfter Pyramiden, und die Kopffläche der stärker abgestumpften nennt man die Basis des Brillanten. Ist diese angezeichnet, so kommt der Stein an die zweite Instanz, in die Hände der „Brutteurs“ oder „Reiber“. Diese geben ihm durch Reiben mit einem zweiten Diamanten im Rohen die Form, die er später erhalten soll; oder mit anderen Worten: sie deuten, von der Basis ausgehend, die Facetten an, die der Brillant erhalten muß. Diese Arbeit – wobei die Steine, um sie halten zu können, in Schellack gefaßt werden – erfordert natürlich ein scharfes Auge. Ein solches ist aber auch für das eigentliche Schleifen nöthig. Das besorgen die „Schleifer“ – die dritte Instanz. Sie erhalten die Steine von den Brutteurs und haben nun die angedeuteten Facetten auszuschleifen. Der Schleifer sitzt vor einer horizontalen Stahlscheibe, die sich mit außerordentlicher Schnelligkeit um ihre Achse dreht. Die Zahl der Umdrehungen ist 2800 bis 300 in der Minute – sämmtliche Scheiben werden durch zwei Dampfmaschinen von 40 Pferdekräften in Bewegung gesetzt. Auf seine Scheibe trägt der Arbeiter das Schleifmaterial auf, eine Mischung von Olivenöl und Diamantenstaub, das heißt zermahlenen schlechten Diamanten. Jeder Stein, den der Schleifer in der Arbeit hat, wird mit Hilfe einer leicht schmelzbaren Legirung aus Blei und Zinn an einer Art Löffel, der sogenannten „Doppe“ befestigt und dann an die Scheibe angedrückt. Nach einer Weile sieht der Schleifer nach – schon blitzt es auf, aber die Facette hat noch nicht die richtige Ausdehnung. Wieder wird der Stein auf die Scheibe aufgesetzt und das wird so oft wiederholt, bis die Facette fertig geschliffen ist. Dann wird die Legirung ein wenig erwärmt, der Stein wird umgesetzt und die nächste Fläche wird geschliffen.

[203] So geht es fort, bis die 58 Facetten des Brillanten fertiggestellt sind, bis er die gewünschte Form erhalten hat. Man sieht, wie jede dieser Operationen von der Geschicklichkeit derer, die sie vornehmen, in hohem Grade abhängig ist. Der Stein soll möglichst wenig an Gewicht verlieren und dabei die möglichst günstigste Form erhalten. Diese Form steht aber insofern nicht fest, als zuerst der Ausgangspunkt, die Basis ermittelt werden muß, und zwar auch mit Rücksicht auf die „Fehler“, die der Diamant hat. Die meisten Steine haben ja solche Fehler (auf zehn Diamanten kommt höchstens ein reiner) und sie müssen nun so geschliffen werden, daß nur der Kenner von dem Fehler etwas merkt.

Aber noch eine andere schwierige Aufgabe ist in der Diamantschleiferei zu lösen: das Spalten der Diamanten. Allgemein glaubt man zwar noch, der Werth des Diamanten wachse mit seiner Größe, und man wird deßhalb erstaunt sein zu erfahren, daß man die Steine mitunter spaltet. Mit dem Werthe großer Diamanten hat es aber heutzutage seinen Haken – sie finden keine Käufer. Namentlich ist das bei gelblichen Steinen der Fall, und da hier noch der bemerkenswerthe Umstand hinzutritt, daß die Spaltstücke heller erscheinen, als der ganze Stein, sodaß ihr Werth sich erhöht, so spaltet man größere gelbe Diamanten gegenwärtig fast immer. Dieses Spalten oder Klueven erfordert natürlich eine ganz eigene Kunstübung. Auch hier wird zuerst über die günstigste Art, den Stein zu spalten, nachgedacht, ja oft werden Abgüsse von demselben angefertigt, um mit der größtmöglichen Sicherheit über die Zerlegung der Steine bestimmen zu können. Das eigentliche Spalten geschieht dann mit Hammer und Meißel, und von deren Handhabung hängt es nun ab, ob das Etablissement einen Gewinn erzielt oder einen Verlust, der bei einem Steine leicht 1000 Mark betragen kann.

Die Werthe, mit denen hier gearbeitet wird, kann man sich leicht vorstellen. Die in Arbeit befindlichen Steine repräsentiren ein ganz gewaltiges Kapital, und bei der Kleinheit der einzelnen Objekte mag man ermessen, welche Vorsicht bei der Handhabung von Nöthen ist. Trotzdem kommt es wohl vor, daß auch ein kleines Steinchen verloren geht, ohne je wieder aufgefunden zu werden. Wer mag sagen, wohin es seine Wege genommen hat! Vielleicht hat es ein Arbeiter mit seinem Vesperbrote verschluckt. Bei meinem Besuche hatte ich das Glück, gerade einen der größten Diamanten in der Fabrik zu finden. Ein prächtiges Kleinod, das im rohen Zustande 105 Karat wog und roh einen Werth von cirka 40000 Mark hatte. Aber das ist nicht der erste große Stein, den die Gebrüder Houy schleifen. Ein Stein von der allerseltensten Schönheit war jener, der in Figur 2 in Naturgröße abgebildet ist. Er wog 24½ Karat, und das erste Angebot, das er erzielte, war 7800 Pfund Sterling. Ein anderer Diamantkönig, der gegen 65 Karat wog, wurde seiner gelblichen Färbung wegen gespalten, und zwar in sechs große und mehrere kleinere Steine. Der größte Stein, den Figur 1 und 3 in Naturgröße darstellen, wurde im Jahre 1880 geschliffen, und ihn hat auch Kaiser Wilhelm, der damals auf Schloß Philippsruhe zu Besuch weilte, besichtigt. Der Kaiser ließ sich die Gebrüder Houy vorstellen und erzählte, wie er selbst einmal und zwar auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 Diamanten schleifen gesehen habe, und wie es ihn nun freue, eine derartige Fabrik auch in Deutschland zu wissen. Er erkundigte sich dann um die Details der Bearbeitung und ließ sich auch den gerade in Arbeit befindlichen Diamantriesen zeigen. Um einen Begriff von dem Werthe desselben – er wog im geschliffenen Zustande 13513/16 Karat – zu geben, sei erwähnt, daß von den größten Diamanten der Welt der Kohinor 1061/16, der Regent oder Pitt 1367/8 und der Orlow 1943/4 Karat hat. Nur der Sultan von Matan auf Borneo soll die europäischen Kronen noch übertrumpfen. Er besitzt angeblich einen Diamanten von 367 Karat. Auch der von den Gebrüdern Houy geschliffene Stein gehörte einem ostindischen Fürsten.

So viel über das „Geheimniß“ der Diamantschleiferei. Man sieht – es ist wenig Geheimnißvolles dabei. Es bedarf nur einer besonderen Kunstfertigkeit, um den unscheinbaren Steinen, die auf den Diamantfeldern gefunden werden, jenes märchenhafte Feuer zu entlocken, das ich im Eingange dieser Zeilen als den eigenthümlichen ästhetischen Reiz des Brillanten bezeichnete. Die wenigen Räthsel des Betriebes einer solchen Schleiferei sind nun den Lesern auch enthüllt, und das Geheimniß, auf welches sich die Einführung dieser Industrie in Deutschland gründete, hat wohl jeder längst errathen: Fleiß, Geschick und Redlichkeit. Damit bringt man’s sicher zum Schleifer – wenn auch nicht immer zum Besitzer von Diamanten.