Hauptmenü öffnen

Eine Begebenheit aus Beranger’s Leben

Textdaten
<<< >>>
Autor: W. O. von Horn
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Begebenheit aus Beranger’s Leben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 416–419
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[416]
Eine Begebenheit aus Beranger’s Leben.

Es ist wohl als allgemein bekannt anzunehmen, daß der Dichter Beranger in Paris, der liebliche Chansonnier, dessen Lieder in Frankreich in Aller Munde klingen, nie reich war. Er hat in Tagen, wo ihn hohe Gunst mit Wohlthaten überschütten wollte, mit der edelsten Uneigennützigkeit seine Freiheit gewahrt, und abgewiesen, was ihm geboten wurde. Seinen Bedürfnissen entsprach sein bescheidenes Einkommen jederzeit, und immer hatte er noch übrig, um reichlicher als solche, die in Fülle hätten geben können, die Nothleidenden im Stillen zu unterstützen. So ist manche Thräne von dem edeln Dichter getrocknet worden, ohne daß die, die sie geweint, die Hand der helfenden Liebe kannten, und wenn je von Einem, so galt von ihm selbst, was er in einem seiner Chansons sagt:

„Er bringt die Freude in der Armen Hütte“
„Und schützt vor Langeweile den Palast.“

Es war im Spätherbste des Jahres 1827, als eines Tages Beranger in einem Kaffeehause der Vorstadt Saint Germain in Paris, bei einer Tasse Kaffee saß, sein kurzes irdenes Pfeiflein, wie es die Franzosen lieben, rauchte, und in einem Zeitungsblatte las. Jeden Tag, um dieselbe Stunde, pflegte er da einzusprechen. Die Wirthin kannte ihn wohl, und viele der Gäste auch, aber man ehrte zu sehr den allgemein geliebten Dichter, um ihn zu belästigen. Das würde ihn auch sicher vertrieben haben, und die Wirthin mochte guten Grund haben, das nicht zu wünschen, da Mancher unter den Gästen nur darum ihr Kaffeehaus besuchte, weil er Beranger dort zu sehen hoffen durfte.

Gerade, als Beranger sein Pfeiflein gezündet hatte, tritt ein schönes Kind von etwa dreizehn Jahren schüchtern herein und spricht leise mit der Wirthin. Der wohlklingende Ton der Stimme des Kindes macht Beranger aufmerksam. Er blickt über sein Zeitungsblatt weg nach dem Kinde und hört schärfer hin, weil des Kindes Stimme durch Weinen unterbrochen wird. Jetzt sieht er, [417] wie dicke Thränen, Perlen gleich, über des Kindes bleiche Wangen rollen, und bemerkt, daß sein Anzug, zwar reinlich, aber höchst dürftig ist. Sie erzählt der Wirthin, wie ihre arme Mutter, monatelang krank, die Miethe ihres Zimmers nicht habe zahlen können, und wie nun der hartherzige Vermiether sie aus dem Hause getrieben habe, aber all’ ihre Habseligkeiten behalte, um sich zu entschädigen. Das Kind erzählte sein Leid so rührend, so wahr, so ergreifend, daß in Beranger’s Auge eine Thräne trat. Er legte still sein Zeitungsblatt aus der Hand, leerte seine Tasse, legte seine Pfeife sorgfältig in das Etui, nahm seinen Hut und entfernte sich unbemerkt. Die Wirthin beschenkte das Kind und versprach selbst nachzusehen, und das Kind entfernte sich langsam, die Thränen trocknend, die es der Welt nicht zeigen mochte. Beranger erwartete es unten auf der Straße, folgte ihm von Ferne und trat sogleich hinter ihm zu der armen Wittwe, die händeringend in dem engen Stübchen des Portiers stand, umgeben von ihren weinenden Kindern.

Mit einer herzgewinnenden Freundlichkeit tritt er zu der Trostlosen, beruhigt sie und bittet den Portier, ihr den Aufenthalt in seinem Stübchen nur so lange zu gewähren, bis er wiederkommen würde. Als ihm dies zugesagt war, entfernte er sich eilig. Ein Lohnkutscher brachte ihn zu seiner Wohnung. Nach kurzem Aufenthalte fuhr er weiter, und hielt an einem großen Gebäude an, in dem viele Arbeiterfamilien in der Miethe wohnten, wie sie in Paris so häufig gefunden werden. Es hielt ihm nicht schwer, eine Wohnung zu miethen, welche gleich bezogen werden konnte, und als dies Geschäft beendigt war, fuhr er wieder nach der Straße zurück, wo angstvollen Herzens die Unglücklichen seiner Rückkehr harrten. Wie freudig hoben sich die Herzen als er lächelnden Antlitzes in das Stübchen des Portiers trat und ihnen verkündete, er werde sie bald wieder in eine bequeme Wohnung geleiten. Ohne sich aber eine Erholung zu gönnen, eilte er zur Wohnung des Hausvermiethers, die eine Stiege höher lag. Hier zahlte er den dreimonatlichen Miethbetrag der armen Wittwe, und nöthigte dadurch den hartherzigen Menschen, die geringfügigen Besitzthümer und Mobilien der armen Wittwe herauszugeben. Sie wurden aufgeladen und nach der nicht sehr entfernten Wohnung gebracht. Dem Lastwagen folgte der Fiaker, in dem Beranger mit seinen Schützlingen saß. Die Einrichtung war bald vollendet. Beranger setzte sich nun ganz gemüthlich zu der Familie und ließ sich deren Geschichte erzählen und ihre Verhältnisse auseinandersetzen. Da vernahm er denn, daß ihr Gatte und Vater ein nahmhafter Kupferstecher gewesen war, seine Familie zwar kümmerlich, aber mit unermüdetem Fleiße ernährt hatte, leider aber ihr früh entrissen worden war. Die Mutter hatte dann durch Nähen und Sticken so viel verdient, daß sie mit den Kindern nicht Noth litt, bis ihre Erkrankung aber auch diese Hülfsquelle zuletzt verstopft hatte, und nun denn der breite Strom maßlosen Elendes über sie hereinbrach, dessen Gewalt die Unterstützungen der mitleidigen Wirthin des Kaffeehauses allein brach, so viel sie vermochte.

Beranger blickte da in ein Familienleben voll Noth und Entbehrung, voll aufopfernder Liebe und Treue; er blickte in gute Herzen, die so offen vor ihm lagen und die ihm die Gewähr leisteten, seine Wohlthaten seien nicht weggeworfen, seine Fürsorge gälte guten Menschen. Nun lag seinem Herzen aber auch ein weites Feld des Wirkens offen. Das älteste der Kinder war ein Knabe von vierzehn Jahren, für den eine Laufbahn zu eröffnen war, denn damit war’s hohe Zeit. Beranger’s herzgewinnendes, zutrauliches Wesen führte ihn schnell zu seinem Ziele. Er vernahm des Knaben Wünsche ohne Hehl. Begabt mit besonderm Talente, wünschte er des Vaters Kunst zu erlernen; ja, er hatte schon mit den Werkzeugen desselben Versuche gemacht, die er Beranger zeigte, und die in diesem die Ueberzeugung begründeten, der Beruf des Knaben zur Kunst sei entschieden. Er sann nach und sagte dann, er wolle sehen, ob nicht Etwas für den hoffnungsvollen Knaben zu thun sei. Der Mutter drückte er noch eine Rolle von hundert Francs in die Hand und eilte dann, unter den Segnungen der Glücklichen hinweg, doch nicht ohne vorher eine dreimonatliche Miethe im Voraus dem Hauseigenthümer zu bezahlen.

Jeder andere Gedanke lag dem edlen Dichter jetzt fern. Seine ganze Seele erfüllte die Lage der unglücklichen Familie eines geachteten Künstlers. Darum begab er sich zu einem ihm nahebefreundeten Maler, mit dem er in Berathung trat über den für den Knaben zu suchenden Meister. Der Maler wußte Rath und schon am andern Morgen konnte er den glücklichen Knaben in das Atelier eines tüchtigen Kupferstechers bringen, dem er für das Lehrgeld durch seinen Freund, den Maler, Bürgschaft leistete, ohne daß er seinen Namen erfahren hätte.

Vergebens bemühte sich indessen die Wittwe, den Namen des Wohlthäters zu erforschen. Wie er unerwartet wie ein Meteor aufgetaucht war, so verschwand er auch, ohne daß sie ihn wiedersah. Dennoch empfing sie Beweise genug, welche dafür sprachen, daß er ihrer gedenke und fortwährend ihre Lage mit demselben wohlwollenden Herzen überwache, wie es am ersten Tage geschehen war.

Die Wirthin des Cafs’s war an jenem Mittage so von der Noth der Familie ergriffen, daß sie die Entfernung Beranger’s gar nicht wahrgenommen, ja nicht einmal die entfernteste Ahnung davon hatte, wie mächtig die Schilderung des Kindes ihn ergriffen. Als das Kind mit seinen Gaben weggegangen war, erzählte sie mit all’ der Volubililät der Zunge einer lebhaften Pariserin ihren Gästen die Härte des Vermiethers und das traurige Geschick der unglücklichen Familie. Die Gemüther erhitzten sich, man sprach über das Loos der zahlreichen Familien solcher Künstler, die, trotz ihrer Leistungen, es doch nicht dazu bringen könnten, für ihre Familie nachhaltig zu sorgen; über die Herzlosigkeit wuchernder Vermiether und über alle diese Verhältnisse, welche der wunde, nie heilende Fleck großer Städte sind; aber wie auch das Alles besprochen, mit zahlreichen Beispielen belegt wurde – es blieb bei dem Besprechen und keine Hand regte sich, den Geldbeutel zu ziehen für die Unglücklichen, deren Loos ihnen so nahe gelegt war.

Die Wirthin, einst eine Jugendgespielin der unglücklichen Wittwe, hatte allein ein Herz für sie. Noch an dem Abende eilte sie selbst hin, Trost zu bringen. Wie erstaunte sie aber als sie von dem Portier vernahm, was vorgefallen war. Am meisten war sie davon betroffen, daß das Kind den Wohlthäter mitgebracht habe. Sie sann nach, wer Zeuge jenes Auftrittes gewesen, aber Keiner der Gäste, die sie kannte, glichen dem Bilde, welches freilich nur in allgemeinen und sehr flüchtigen Zügen der alte Portier entwerfen konnte, und an Beranger dachte ihre Seele nicht, ja sie erinnerte sich nicht einmal seiner Anwesenheit, weil sie zu sehr bewegt und erregt gewesen war. Sie fand ihn eben nicht heraus. Höchst unangenehm aber war es ihr, daß sie auch nicht einmal herausbringen konnte, wohin der Herr ihre Freundin und ihre Kinder gebracht, und daß sie abwarten mußte, bis sie von diesen selbst Aufschluß erhalten würde. Diese Ungewißheit, diese unbefriedigte Neugierde, dieses Unbekanntbleiben mit dem Loose der unglücklichen Jugendfreundin lasteten schwer auf der Seele der beweglichen Pariserin, und sie hätte Thränen darüber vergießen können, daß sie einige Tage vielleicht warten mußte, bis sich alle die Räthsel lös’ten.

Solche schwere Probe war ihr jedoch nicht beschieden. Schon zeitig am andern Morgen erschien das liebliche Kind wieder bei ihr. Sein Antlitz strahlte von Freude, als es zu der theuern Freundin ihrer Mutter eilte.

„Kommst Du endlich?“ rief die Wirthin dem Kinde entgegen und vergaß, daß der Wechsel des Glückes der Familie erst wenige Stunden hinter sich hatte. „Wie heißt Euer Wohlthäter? Wer ist es? Wie geht es Euch? Wo wohnt Ihr denn jetzt?“ Diese Fragen sprudelten über die Lippe der lebhaften Frau in einer Hast und Eile, daß das Kind ganz verblüfft war, und nicht wußte, auf welche derselben es zuerst antworten sollte.

Die Wirthin sah endlich wohl ein, sie müsse dem Kinde ruhiger zuhören oder ihre Fragen langsamer stellen. So fragte sie denn zuerst nach der Person des Mannes, der so aufopfernd für sie und ihre Angehörigen gesorgt.

Das Kind erröthete: „Ach,“ sagte es, „wir kennen ihn nicht. Die Mutter hat vergeblich nach seinem Namen gefragt. Lächelnd hat er geantwortet: der Name thue ja gar nichts zur Sache, ja, wenn sie nach seinem Namen forsche, so werde sie ihn zwingen, sich zurückzuziehen. Sie sehen wohl,“ sagte die Kleine, „da waren uns die Lippen geschlossen.“

„Das ist sehr fatal!“ rief die Wirthin ärgerlich aus und stampfte mit dem kleinen Fuße auf den Boden. „Muß ich da völlig im Dunkeln bleiben, wo mir so viel darauf ankäme, ihn zu [418] kennen! Aber,“ fuhr sie fort, „war er denn hier im Cafe, als Du bei mir warst? – Besinne Dich einmal!“

„Ich weiß nicht“ sagte das Kind; „allein ich vermuthe es, denn er kam mir auf dem Fuße nach.“ – „Jean! Baptist! Charles!“ rief die Wirthin den Aufwärtern.

Sie eilten herbei.

„Erinnert Ihr Euch, wer gestern Nachmittag hier war?“ – fragte sie hastig.

Aber der Besuch des Café war gerade gestern, wo die Witterung ungünstig gewesen war, ganz ungewöhnlich zahlreich; die Aufwärter hatten alle Hände voll zu thun gehabt und eine Menge fremder Gesichter war darunter gewesen. Bedenkt man, wie die Besucher eines pariser Café’s ebben und fluthen; wie selten Einer lange verweilt, so ist es entschuldbar, daß die Garçons keine Auskunft geben konnten, ja daß sie einen unscheinbar gekleideten, bescheidenen, anspruchslosen Stammgast, wie Beranger, dessen Bedeutung ihnen vielleicht nicht einmal bekannt war, ganz übersahen. Die gestrenge Herrin, die es sich einmal in’s Köpfchen gesetzt hatte den Mann zu entdecken, der so edel gehandelt, fand das indessen nicht entschuldbar und die Aufwärter mußten es hinnehmen, daß sie ihnen Leichtsinn und Unachtsamkeit auf ihre Gäste an den Hals warf. Ihr Verlangen wuchs aber nur durch die Hindernisse. Jetzt wandte sie sich wieder an das Kind, dem es unheimlich zu werden begann. Es mußte nun zusammenhängender alle die Vorfälle erzählen, was denn auch bis auf den letzten Punkt, nämlich die Unterbringung ihres Bruders bei einem Kupferstecher, geschah.

Die Wirthin schlug vor Verwunderung die Hände zusammen, aber trotzdem rieselten ein paar Thränen über ihre frische Wange, die für ihr Herz ein gültig Zeugniß ablegten. Aber auch das weichste Frauenherz kann unter solchen Umständen von der brennendsten Neugierde gequält werden, und das war hier in der That der Fall.

„Also er kommt heute früh wieder zu Euch?“ fragte die Wirthin, und sann, ob sie sich ohne Nachtheil ihrem Geschäfte auf einige Stunden entziehen könne. Sie fand indessen, daß das ganz unmöglich war, und es blieb nichts übrig, als das Kind gehörig zu instruiren. Das geschah, und die Kleine versprach Alles, was ihr die treue Freundin ihrer Mutter auftrug.

Als das Kind jedoch zu Hause ankam, war der edle Wohlthäter bereits dagewesen, hatte den Knaben mit sich zu dem Maler genommen und dieser, nicht Beranger, ihn zu dem Kupferstecher gebracht.

Das Kind war höchst unglücklich, daß es der Wirthin nicht die Auskunft bringen konnte, die sie so sehnsüchtig erwartete. Es eilte zu ihr und berichtete, wie es gekommen. Der Unwille der neugierigen Frau warf sich indessen nicht auf das Kind, das sie als unschuldig erkennen mußte, war aber im Allgemeinen groß, denn so etwas war ihr lange nicht passirt, und länger im Zweifel zu bleiben, rein unerträglich. Aber wie sollte sie nun hinter die Sache kommen? Das war die brennende Frage, die ihr den Kopf ganz wirr machte. Dieser Zustand wurde noch dadurch vermehrt und verschlimmert, daß Einer und der Andere ihrer Stammgäste, dem sie es gestern erzählt, wohl nach der Sache und Person fragte. Hier ihre Unkenntniß bekennen zu müssen, war bitter; noch bitterer, daß sie ihr Talent, hinter verborgne Dinge zu kommen, so augenfällig in Schatten gestellt sah.

Nach vielem Sinnen fiel ihr endlich ein Ausweg ein. Sie legte traurig die Hand auf des Kindes Schulter und sagte: „Amelie, würdest Du ihn erkennen, wenn Du ihn hier sähest?“

„O, unter Tausenden würde ich den lieben Mann heraus finden, der so freundlich durch seine Brille blickt!“ rief das Kind aus.

„So komm jeden Mittag um ein Uhr hierher!“ sagte sie, des Erfolges nun sicher. „Du hast nichts zu thun, als die Eintretenden zu mustern, und mir den rechten Mann zu bezeichnen, wenn Du ihn siehst.“ Das versprach das Kind, und schon am andern Tage trat Liebe und Dankbarkeit in einem Kindesherzen, in den Dienst einer geheimen Polizei, die eben auch nur von einem wirklich wohlwollenden, hier aber von brennender Neugierde erfüllten Herzen organisirt worden war.

Beranger hatte in den ersten Tagen, welche dem Ereignisse folgten, lediglich mit dem Geschicke seiner ihm theuer gewordenen Schützlinge zu thun. Er vergaß ganz seine gewohnte Lebensweise, und häufte Ausnahme auf Ausnahme von der sonst so feststehenden und gewohnten Regel. Wo er Bekannte und Befreundete hatte, von denen er erwarten durfte, sie könnten der Wittwe und ihren Kindern entsprechende Arbeit geben, da eilte er hin, und wurde mit seiner herzgewinnenden Weise ihr Fürsprecher. Er mußte meistens ihre Geschichte erzählen, ihre Lage schildern, und das forderte Zeit. So kam es denn, daß er acht bis zehn Tage das Café nicht betrat, und dadurch der liebliche Agent der errichteten Spionage so wenig zu einem Resultate gelangte, als die oberste Leiterin derselben ihr Ziel erreichte, was sie unendlich unglücklich machte. – Sie zürnte manchmal dem Kinde, weil es, wie sie meinte, den edlen Wohlthäter nicht mehr kenne, und wurde erst wieder versöhnt, wenn das liebliche Wesen unter Thränen versicherte, er sei noch nicht im Café erschienen; sie kenne ihn gewiß wieder, wenn sie ihn nur sähe. Dann zürnte sie über die Ungunst der Umstände, welche ihr so sehr entgegen war. Die Neugierde nahm aber darum nicht weniger ihre ganze Seele ein, ja sie wurde nur um so mächtiger, je mehr Schwierigkeiten ihrer Befriedigung entgegenstanden.

Nach acht Tagen endlich fiel es ihr denn doch auf, eine liebe Gestalt lange nicht gesehen zu haben, die sonst allmittäglich zu sehen war, die Beranger’s. Sollte der liebe Dichter, mit dem sie so oft traulich geplaudert, und den sie so aufrichtig verehrte, krank sein? – Dies beunruhigte sie ungemein; allein wie sollte sie es erfahren? – Sie mußte die Herkunft eines ihm Befreundeten abwarten, der ihr Auskunft geben konnte. Dieser kam endlich.

„Ist unser berühmter Chansonnier krank?“ fragte sie ihn lebhaft. „Er ist seit acht bis zehn Tagen nicht hier gewesen. Zu anderer Zeit habe ich die Freude, ihn täglich hier zu begrüßen.“

„Krank?“ fragte der Angeredete zurück. „Nein! Ich sah Beranger nie gesünder, als heute; aber er hat so viel zu thun, wie die Pfanne in den jours gras!“

Mon Dieu! Was beschäftigt ihn denn so?“

„Weiß es nicht, und auf Fragen giebt er keine Antwort. Er lächelt nur, und Sie wissen, wenn er lächeln kann, da ist man im Voraus besiegt, und kann nicht weiter fragen.“

„Wohl weiß ich’s,“ sagte die niedliche Wirthin. „Aber ich möchte denn doch wissen, was der Zweck seines geheimnißvollen Thuns ist. Es muß wichtig sein, weil er darüber eine Gewohnheit vergißt, die, wie mir es scheinen wollte, eine Macht bei ihm war.“

„Nun,“ sagte lachend der Freund Beranger’s, „Sie können ruhig sein. Etwas Schlimmes ist es gewiß nicht. Vielleicht wieder ein stilles, wohlthätiges Wirken, über das er, wie immer, den undurchdringlichsten Schleier des Geheimnisses breitet. Sobald er sein Ziel erreicht hat, kommt er sicherlich wieder hierher.“

Mit diesen Worten verbeugte sich der Herr, nahm vom Präsentirteller des Garçons seine Tasse, ließ sich die Zeitung geben, und setzte sich in seiner Fensternische nieder, ohne sich weiter um die neugierige Wirthin zu bekümmern.

Die letzten Worte hatten indessen einen Funken in die Brennstoffe der Gedanken der Wirthin geworfen, der nicht erlosch. Sie sank in ihren Fauteuil und stützte den Kopf in die kleine weiße Hand. Nach einigen Minuten sprang sie auf. Ihr Antlitz leuchtete vor seliger Freude.

„Amelie!“ rief sie dem Kinde, das schnell herzueilte. „Hör’ mal, Liebe, war der Herr nicht ein ältlicher Mann?“

„Ja wohl!“

„War er nicht stark, von mittlerer Größe, breitschultrig?“

„Gewiß!“

„Trug er eine Brille, war sein Haar nicht schon etwas grau?“

„Ja, ja!“ rief das Kind.

„War er nicht einfach, vielleicht etwas nachlässig, gekleidet?“

„Auch das.“

„Erinnerst Du Dich der Farbe seines Rockes?“

„Er war, wenn ich nicht irre, grau.“

„Und wie war sein Gesichtsausdruck?“

„Ach,“ sagte das Kind, „so freundlich, so liebenswürdig und herzgewinnend, wie kaum Jemand außer ihm sein könnte!“

„Und seine Stimme?“

„Sehr wohllautend und tief.“

„Vortrefflich!“ rief die Wirthin, und rieb die kleinen Hände vor Lust. „Ich glaube, wir haben ihn!

[419] „Ach,“ sagte das Kind bittend, „Madame, bitte, bitte, sagen Sie es nicht, wenn Sie ihn kennen! Er hat es uns so strenge verboten, und wir fürchten mit Grund, sein Wohlwollen zu verscherzen.“

Sie beruhigte das Kind darüber vollkommen, und in demselben Augenblick ging die Thüre auf und Beranger trat ein. Er wollte sich zur Wirthin wenden, um sie zu begrüßen, aber ihre vor Freude strahlenden Augen machten ihn stutzig. Sein Blick fiel auf das ihm wohlbekannte Kind, und nur leicht grüßte er herüber und wandte sich schnell zu dem Freunde, der kurz vorher das Verhör über sein Ausbleiben hatte bestehen müssen.

Kaum war Beranger eingetreten, als die kleine Amelie voll Entzücken ihre Aermchen um die Wirthin schlang und halblaut ausrief: „Der ist’s, der ist’s!“

Die Wirthin küßte sie und sagte ihr in’s Ohr: „Geh’ nun zu Deiner Mutter und sage ihr, ihr Wohlthäter sei der Dichter Beranger! Komm aber morgen wieder.“

Flüchtig wie ein Reh eilte die Kleine hinweg.

Beranger blieb bei dem Freunde. Er ahnete, daß die Wirthin ihm in die Karte geblickt hatte, und vermied es daher, mit ihr in ein Gespräch zu kommen, und mit feinem Takte vermied auch sie es fortab, durch irgend ein Zeichen zu verrathen, daß sie den nun kannte, der auf eine so edle Weise die große Noth einer unglücklichen, ihr theuern Familie gehoben hatte. Das aber unterließ sie nicht, ihm zu sagen, daß sein langes Ausbleiben ihr Sorge für sein Wohlbefinden eingeflößt habe. Er dankte mit einem wahrhaft bezaubernden Lächeln, und versicherte, er werde das absichtslos Versäumte nun getreulich nachholen.

Am andern Tage kam Amelie zeitig. Auf dem Schenktisch, jedoch den Augen der Gäste verborgen, stand der beste Präsentirteller der Wirthin. Darauf lag ein Lorbeerkranz, in den Aehren geflochten waren und Rosen. Er war wunderschön! Eine kostbare Tasse stand darin und harrte des Kaffee’s. Beranger trat endlich ein und nahm wieder seinen alten Sitz in der Nähe der Wirthin ein, mit der er zu plaudern pflegte, ehe er die Zeitung nahm. Sie trat sogleich hinter den Schenktisch, goß die Tasse voll und legte einen Streifen Papier darüber. Amelie nahm die Tasse und reichte sie Beranger.

Betroffen und erröthend, wie ein junges Mädchen, nahm er den Präfentirteller aus des Kindes Händchen und las auf dem Papierstreifen:

„Er bringt die Freude in der Armen Hütte,
Und schützt vor Langeweile den Palast!“

Sein Gefühl überwältigte ihn in diesem Augenblicke. Er neigte sich tief herab und zerdrückte mit dem Tuche zwei Thränen. Dann nahm er schnell den Kranz und barg ihn auf seiner Brust, indem er den Rock zuknöpfte. Das Kind zog er an seine Brust und küßte es auf die Stirne. Der Wirthin aber reichte er die Hand und sagte: „Ich werde den Kranz aufheben, daß er einst an meiner Stirne liege, wenn ich gestorben sein werde! Nun aber noch Eins: geloben Sie mir, weder gegen mich noch gegen Andere jemals dessen zu gedenken, was Sie so zart und reich belohnt haben. Ich müßte sonst Ihr Café für immer meiden.“

„Ich gelobe es,“ sagte die Wirthin, seine Hand mit inniger Rührung drückend.


Ob die Pariserin schweigen konnte? Ich habe Ursache, es vollkommen zu bezweifeln; denn ohne sie wäre ja diese Edelthat des Dichters, dieser schöne Dank der Wirthin, nicht in’s Gebiet der Oeffentlichkeit gekommen, und darum wissen wir es ihr Alle Dank, daß sie ihr Herz wortbrüchig machte.
O. W. von Horn.