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Textdaten
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Autor: Udo Dammer
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Titel: Ein wichtiger Fortschritt im Seidenbau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 175-176
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[175]
Ein wichtiger Fortschritt im Seidenbau.
Von Dr. Udo Dammer.

Es ist bekannt, daß Friedrich der Große den sehnlichen Wunsch hatte, den Seidenbau in seinem Lande einzubürgern. Noch jetzt sind in Sanssouci große Maulbeerbäume die lebenden Zeugen des eifrigen Bestrebens jenes Fürsten, Ueber ein Jahrhundert ist seit seinem Tode vergangen, und nun endlich scheint nicht nur, sondern ist thatsächlich der Weg gefunden, auf welchem der Wunsch des ökonomischen Herrschers in Erfüllung gehen kann.

Der Gründe, welche bisher einer allgemeinen Einführung des Seidenbaues bei uns im Wege standen, giebt es verschiedene. Nicht der geringste war es, daß die Futterpflanze, der Maulbeerbaum, ein längere Zeit totliegendes Anlagekapital erfordert und außerdem in unserem Klima nicht ganz winterhart ist. Dazu kommt, daß dieser Baum erst spät austreibt. In den rauheren Gegenden Deutschlands kann er überhaupt nicht angebaut werden. Aus diesen Gründen hat man schon seit langer Zeit danach getrachtet, eine Ersatzfutterpflanze zu finden. Schon vor etwas über 70 Jahren war dies auch geglückt, aber merkwürdigerweise hatte man die Sache nicht weiter verfolgt. Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrzehnts nahm Professor Harz in München diese Versuche wieder auf. Er wollte eine Rasse des Seidenspinners züchten, welche die Blätter der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica) – dies war die damals gefundene Ersatzfutterpflanze – ebenso willig frißt wie die Stammform diejenigen des Maulbeerbaumes. Die ersten Versuche waren wenig versprechend, denn nur 1,1% der Raupen gelangte bis zur Verpuppung, und zwar erst 54 bis 62 Tage nach dem Ausschlüpfen während die Raupen sich sonst nach 29 bis 33 Tagen verpuppen. Im nächsten Jahre kamen 7,5% Raupen welche der vorjährigen Zucht entstammtem in 44 bis 54 Tagen zur Verpuppung, im dritten Jahre 29,6% in 42 bis 56 Tagen und im vierten Jahre 34,38% in 38 bis 64 Tagen. Dann brach Harz seine Versuche ab. Dieselben ließen deutlich erkennen, daß die Wahrscheinlichkeit, auf diesem Wege zu einem Ziele zu gelangen recht bedeutend war.

Wenn man die Harz’sche Arbeit genau studiert, fällt es auf, daß dieser Forscher die Raupen bei einer verhältnismäßig sehr niedrigen Temperatur, nämlich bei nur 15° C = 12° R., gezüchtet hat. Nun weiß jeder Züchter der Seidenraupe, daß sie gegen niedrige Temperaturen, namentlich in den ersten Stadien ihrer Entwicklung, sehr empfindlich ist, die Freßlust verliert, leicht krank wird und sich viel langsamer entwickelt. In der That war Harz, ohne es selbst zu wissen, auf dem besten Wege, durch Zuchtwahl nicht eine Schwarzwurzelblätter fressende Rasse, sondern eine gegen niedere Temperaturen weniger empfindliche Rasse der Seidenraupe zu züchten. Deshalb ist es doppelt bedauernswert, daß er seine Zuchtversuche vorzeitig abgebrochen hat. Es wäre sehr wünschenswert, [176] daß dieselben, wie er selbst auch vorschlägt, von einer staatlichen Anstalt wieder aufgenommen würden. Eine gegen niedere Temperaturen unempfindliche Rasse dürfte wahrscheinlich auch gegen Krankheiten viel weniger empfindlich sein als die jetzigen Rassen. Als Ausgangspunkt für derartige Versuche würde sich die japanische Rasse des Maulbeerspinners, welche schon etwas widerstandsfähiger ist als die chinesische, empfehlen.

Daß thatsächlich die Vernachlässigung der Temperatur und nicht das neue Futter die Harz’schen Versuche so sehr beeinflußte, beweist nun der Umstand, daß zuerst in Moskau von Frau Professor Tichomirowa, dann in St. Petersburg von Herrn Werderewski die Aufzucht der Raupe des Maulbeerspinners mit den Blättern der Schwarzwurzel mit vollem Erfolge und in der normalen Zeit ausgeführt worden ist. Diese beiden haben die Zuchtmethode jetzt soweit ausgebildet, daß die russische Regierung die Dorfschullehrer nach Moskau und St. Petersburg schickt, damit sie daselbst die Zuchtmethode praktisch erlernen und in ihren Dörfern als Hausindustrie einführen. Was aber im Gouvernement St. Petersburg unter dem 60.° nördl. Br. möglich ist, das läßt sich bei uns in Deutschland überall ausführen. In St. Petersburg ist die Schwarzwurzel nicht mehr winterhart. Sie muß alljährlich aus dem Boden genommen und im Frühjahre wieder ausgepflanzt werden, und trotzdem ist die Seidenzucht dort noch lohnend. Bei uns hält die Pflanze auch in den rauhesten Gebirgsgegenden aus. Klimatische Verhältnisse stehen bei uns nirgend im Wege. Von fast noch größerer Bedeutung ist es aber, daß Frau Professor Tichomirowa und Herr Werderewski übereinstimmend gefunden haben, daß die Blätter solcher Pflanzen welche auf magerem Boden gewachsen sind, ein besseres Futter geben als die Blätter von Pflanzen die auf gutem nahrhaften Gartenboden gewachsen sind. So sind auch die im ersten Jahre gebildeten Blätter ihrer Weichheit und Saftigkeit wegen nicht zum Verfüttern geeignet. Es genügt also ein sonst nicht verwendbares Stückchen Land zur Anzucht der Pflanzen. Da die Wurzeln, welche ein sehr wohlschmeckendes Gemüse bilden, in großen Massen herangezogen werden, kann man zu einem Versuche sofort mit dem Anbaue beginnen. Durch Aussaat, welche am besten sogleich nach der Reife der Samen oder mindestens so frühzeitig wie möglich im Jahre vorgenommen wird, kann man sich für die Folge leicht die nötige Menge Pflanzen heranziehen, welche, nachdem sie ein Jahr alt geworden sind, taugliche Blätter liefern. Das für die Bepflanzung eines Ar (100 qm) nötige Saatquantum beträgt etwa 50 g und kostet im Kleinhandel 50 Pfennig. Ein Ar, mit Scorzonera hispanica bepflanzt, liefert für 40000 Raupen das nötige Futter, welche mindestens 32.5 kg frische Cocons liefern.

Zur Aufzucht dieser 40 000 Raupen sind etwa 38,5 qm Stellagen in einem geschlossenen heizbaren Raume nötig. Diese Stellagen werden aus Latten zusammengeschlagen und mit Bindfaden überspannt, auf welche Packpapier gelegt wird, welches den Raupen als Futterplatz dient. Vier solcher Hürden, 60 cm übereinander, auf 10 qm Grundfläche reichen also zur Aufzucht obiger 40 000 Raupen. Nun beginnt aber die Schwarzwurzel sehr frühzeitig zu treiben und liefert, auch wenn sie beständig unter Schnitt gehalten wird, während des ganzen Sommers die nötige Futtermenge, so daß im Laufe eines Sommers mit Leichtigkeit drei bis fünf Zuchten großgezogen werden können. Der Ertrag eines Ar Landes läßt sich also auf 97,5 bis 162,5 kg frischer Cocons steigern. Für das Gelingen der Zucht ist nun, wie schon oben bemerkt wurde, die Temperatur des Zuchtraumes sowie ferner diejenige des Futters von Bedeutung. Das Futter muß die Temperatur des Zuchtraumes haben. Es wird also am Abend vorher geschnitten, mit einem trockenen Lappen Blatt für Blatt von Staub und Erde befreit und dann, in ein leinenes Tuch eingeschlagen über Nacht im Zuchtraume aufbewahrt. Die Temperatur beträgt vom 1. bis 5. Tage 20° R, vom 6. bis 9. Tage 19° R, vom 10. bis 30. Tage 18° R, am 31. und 32. Tage 20° R. Je gleichmäßiger die Temperatur ist, desto gleichmäßiger entwickeln sich die Raupen und desto gesünder bleiben sie. Das Schneiden des Futters, das Säubern desselben und das Füttern selbst sind so leichte Arbeiten, daß sie von Frauen und Kindern ausgeführt werden können. So ist die Seidenraupenzucht für die Hausindustrie wie geschaffen. Der einzige Mangel, der ihr jetzt noch anhaftet, ist die Heizung des Zuchtraumes. Im Sommer kommt dieselbe nicht sehr in Betracht, dagegen können kalte Tage im Frühjahr und Spätsommer die Betriebskosten wesentlich beeinflussen Um so wünschenswerter erscheint es, daß der von Professor Harz angedeutete Weg begangen wird. Dann dürfte auch die Zeit nicht mehr fern sein, in der die Seidenzucht als Hausindustrie bei uns in größtem Maßstabe betrieben werden kann. Aber schon jetzt ist sie jedenfalls viel lohnender als gar manche und dazu noch ungesunde andere Hausindustrie, so daß vom rein menschlichen Standpunkte aus zu wünschen wäre, daß sie bei uns die weiteste Verbreitung fände. Die Anlagekosten sind so gering, daß sie kaum nennenswert sind. Durch gemeinnützige Vereine könnte mit geringen Mitteln in gar manchem Dorfe durch Abgabe bakterienfreier Eier viel Gutes geschaffen werden. Mochten diese Zeilen dazu beitragen, daß der Seidenbau bei uns in Deutschland endlich festen Fuß faßt. Viele Millionen Mark, welche jetzt ins Ausland wandern, würden dem Vaterlande erhalten bleiben und gerade solchen zu gute kommen, die es ganz besonders nötig brauchen. Das ist eine Kulturarbeit, welche wohl des Schweißes der Besten wert ist!