Hauptmenü öffnen

Ein delphisches Orakel im neunzehnten Jahrhundert

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein delphisches Orakel im neunzehnten Jahrhundert
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 580
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[580] Ein delphisches Orakel im neunzehnten Jahrhundert. In dem protestantischen Rom, wie die stolzen Genfer ihre Stadt einst nannten, hat in diesem unserm aufgeklärten Jahrhundert jenes allbekannte und wieder verschollene Experiment, Holz mit animalischer Elektricität zu durchdringen, das Tischrücken nämlich, einen so mächtigen Eindruck auf einige ihrer guten Bürger gemacht, daß sie darin einen übernatürlichen Einfluß zu erkennen vermeinen.

Gestützt auf einen Ausspruch des alten Testamentes, wonach eine Zeit kommen solle, in welcher selbst die Hölzer reden würden, glauben sie, daß der Geist Gottes sich auf diese Weise fort und fort offenbare, und haben dem seine Orakel verkündenden Tisch als göttlichem Organ einen bestimmten Cultus gewidmet.

Gering freilich ist die Zahl dieser Gläubigen, die den gebildeten Ständen angehören, aber sie hoffen, daß das neue Licht sich weiter verbreiten werde, und halten sich ihres Glaubens willen für keine schlechteren Christen, als Andere. In ihrem Versammlungssaale steht ein runder Tisch von Mahagoniholz mit einem Psychograph versehen, auf welchen ringsum die Buchstaben des Alphabetes eingeschoben werden. Die Gemeinde beginnt mit einem Gebet, in welchem der göttliche Geist angefleht wird, dann legen sie die Hände auf und sobald der Tisch in Bewegung gesetzt ist, stellt der Vorsteher, Mr. de M., die Frage, ob er gestatte, heute durch ihn den Ausspruch Gottes zu vernehmen? worauf er sich nun entweder bejahend neigt oder sich, falls er die Gemüthsverfassung der Versammlung nicht für geeignet hält, verneinend schüttelt.

In ersterem Falle kann dann jedes Mitglied seine Fragen, überweltliche Interessen berührend, an ihn richten. Selten jedoch erfolgen darauf kurze und bündige Antworten, sondern das Orakel läßt es sich sehr angelegen sein, die Gewissen seiner Gläubigen durch Dictiren langer Strafpredigten zu erschüttern, und der Blässe auf den Gesichtern der sündigen Frager nach zu schließen, verfehlen sie auch ihre Wirkung keineswegs. Mitunter begeistert sich auch der Tisch zum Dictiren frommer Dichtungen, sechs bis acht Verse lang und im besten Rhythmus, in welchen er göttliche Geheimnisse verkündet.

Der oder die von der Versammlung bestimmte Schreiber oder Schreiberin muß allerdings viel Uebung haben, um mit dem Psychographen gleichen Schritt zu halten, denn „der geheiligte Finger“ arbeitet rasch.

Mitunter werden jedoch auch weltliche Angelegenheiten dem Ausspruch des Orakels unterbreitet. Ein junges Mädchen, die Tochter eines der Gründer der Secte, fügte sich ganz gegen ihre Neigung in den also verkündeten Willen des Himmels, ihre Hand einem eifrigen Jünger dieser neuen Lehre zu reichen.

Auch an den im Jahre 1857 verkündeten Untergang der Welt glaubte die Gemeinde so fest, daß ihr reichstes Mitglied bereitwillig seine Börse zum allgemeinen Besten öffnete. Wie sich das Orakel aus der Affaire gezogen, als die Welt doch nicht unterging, ist freilich dem Laien ein Geheimniß geblieben.

Ein polnischer Arzt und Magnetiseur, der eine seiner fremden Patientinnen, eine Dame von Distinction, für diese Sache zu gewinnen hoffte, führte dieselbe in die Versammlung ein, die alsbald erkannte, wie besonders befähigt die Dame sei, in unmittelbaren Verkehr mit den himmlischen Mächten zu treten, und ihr einige Fragen zu thun gestattete. Darauf eingehend, stellte die Neophytin nur die Bedingung, daß ihr der Tisch auf englisch antworte, da es ja dem göttlichen Geist gleich sein müsse, in welcher Sprache er rede. Das Orakel jedoch schien eben so wenig, wie Jemand aus der Versammlung, dieser Sprache mächtig, und da man darauf nicht einging, blieb Jene unerleuchtet und unbekehrt.

Wenn man aber aus dem Umstände, daß eine solche religiöse Verirrung in Genf geduldet wird, schließen wollte, daß sie darum auch gebilligt werde, so wäre dies ein großer Irrthum. Im Gegentheil möchten sich vor jedem Mitglied der Tischrücker-Secte alle Thüren der Genfer Patricierfamilien schließen, so wie vermuthlich die aller vernünftigen Menschen, denen das Christenthum eine Wahrheit geworden ist.