Ein Harfenmädchen

Textdaten
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Autor: A. P. = August Peters
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Titel: Ein Harfenmädchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, 38, S. 393–396, 405–409
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[393]

Bilder und Skizzen aus dem Erzgebirge.

1.0 Ein Harfenmädchen.

Breitenbrunn hatte heute einen seiner lustigen Tage, nach der Kirmes den lustigsten im Jahre. Es war der weiße Sonntag; der hielt noch Alles, was Breitenbrunnisch hieß, beisammen; von morgen an aber zog Eins nach dem Andern, was eine Saite rühren oder eine Pfeife blasen konnte, hinaus in die weite, weite Welt, zu singen und zu spielen überall, „soweit man deutsche Lieder singt.“ Denn Schaaren von Musikanten (Schaller oder Schallstifte, wie sie wohl auch sich nennen), männlichen wie weiblichen Geschlechtes, sendet Breitenbrunn alljährlich um diese Zeit in ferne Länder aus und sieht sie nicht eher wieder, als bis der Herbstwind über die Haferstoppeln fährt und der Herr Pastor die Kirmespredigt studirt. Der weiße Sonntag ist daher das Abschiedsfest für die musikalischen Zugvögel und ihre Angehörigen, und da alle Musikanten in aller Welt ein lustig Volk sind, mithin auch in Breitenbrunn, so halten sie ihren Abschied nicht unter Klagen und Seufzern, sondern mit Jubel und Tanz. So auch heute. Wo nur ein gedieltes Plätzchen war, da sich drei Pärchen im Kreise drehen konnten, da gab’s Musik und Tanz, da war „Leben und Lebenslust vollauf.“

Nur ein Haus schien von der allgemeinen Freude ausgeschlossen zu sein, oder besser nur eine Hütte, die alleräußerste draußen nach der „Unruh“ zu, da, wo die beiden Wiesenbächlein sich zum „Ortbach“ vereinigen. So einsam, wie sie lag, so still war es darin; ja hätte nicht der säulengerade aus dem Schornsteine aufsteigende Rauch dem widersprochen, so hätte man glauben mögen, die Hütte wäre ausgestorben. Und doch hauste auch hier ein an dem Abschiedsfeste sehr nahe betheiligtes Paar: eine Mutter, die daheim blieb, und eine Tochter, die morgen mit ihrer Harfe hinauszog, wer weiß wie weit und auf wie lange Zeit! Sie hatten einander so lieb und waren noch nie getrennt gewesen; es war das allererste Mal, daß das siebzehnjährige Röschen mit in die Fremde wanderte – darum waren sie so still, darum saßen sie beisammen und waren so traurig und konnten nicht begreifen, wie man anders sein könne, wenn zwei Herzen von einander scheiden: ein Mutterherz und ein Tochterherz!

Das Mutterherz zumal war aufgelöst im heißen Abschiedsweh. Und mit Recht! Es dachte an die Gefahren, welchen das geliebte Kind in der argen Welt draußen entgegenging. Und dies Kind war ja das einzige Liebespfand, das sie von dem gestorbenen Gatten [394] besaß. Unter tausend Mühen hatte sie es groß gezogen, es so treu gehütet, sein unsterblich Theil so sorgsam gepflegt und bewahrt, wie sein leiblich Leben. Darum war auch des Mädchens Seele so rein geblieben, wie das Brünnlein, das den Hüttenhewohnerinnen seinen krystallenen Schatz fast zum Fenster hineinsprudelte, und ihre Gestalt war so zierlich emporgewachsen, wie die schlanke Tanne, die der Vater bei der Geburt des Kindes in dem kleinen Gärtchchen neben dem Hause gepflanzt hatte. Dabei war sie so munter, wie die hüpfende Welle des „Ortbachs“, und Augen hatte sie blau und lieb wie die Vergißmeinnichtblümchen, die ihn säumen. Jetzt waren sie freilich von Thränen getrübt.

„Ach, Mutter!“ sprach sie, „warum müssen wir so arm sein, daß wir nicht immer beisammen bleiben können, sondern ich mit hinaus muß in die fremde Welt, wo Niemand mich liebt und keine Mutter bei mir ist?“

„Ja,“ erwiederte die Mutter, „ich ließe Dich nicht mit ziehen, wenn wir nicht noch von der langen Krankheit Deines seligen Vaters her so tief in Schulden stäken, und wenn die „Borten“[1] noch gingen, daß man damit wenigstens sein knappes Auskommen hätte. „Indeß“ – fuhr sie schluchzend fort – „es muß so sein – es geht jetzt Vielen wie uns, und wir müssen noch froh sein, daß Du in so guter Gesellschaft reisest: die Schmidt-Lene ist eine brave Frau; sie spielt nur an ehrbaren Plätzen; sie wird immer um Dich sein und ein Aug’ auf Dich haben. – – O mein Rösel – bleib mir fein brav – habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigest – es bräche mir das Herz, wenn – –“

Hier erstickte das Schluchzen ihre Rede; sie bedeckte ihr Gesicht mit der blauen Leinwandschürze, und Röschen weinte mit ihr. Endlich ermannte sich Frau Goldhahn (das war der Name der kleinen Familie), stand auf und holte aus dem Schränkchen, das an der hintern Wand des Zimmers hing, ein kleines Etui; daraus zog sie ein Miniaturbildchen hervor.

„Sieh, Röschen,“ sprach die wackere Frau, „dieses Bild Deines Vaters geb’ ich Dir mit auf die Reise – trag’ es immer an Deinem Herzen und betracht’ es täglich – es wird Dir ein Schild sein gegen jede unreine Berührung. Vergegenwärtige Dir bei seinem Anblicke immer und immer wieder Alles, was ich Dir von dem Seligen erzählt habe, so wird nie ein Mann Gewalt über Dich gewinnen, der nicht so fromm und gut, so rein und redlich ist wie er. Ach! wenn er hätte denken sollen, daß es uns so ergehen würde! Damals, als ihn sein Bruder für mich malte, leuchteten uns ganz andere Hoffnungssterne. Er war ein so kluger und geschickter Mann, und es mußt’ ihm Alles so fehlschlagen!“

Frau Goldhahn küßte das Bild und hing es der Tochter um den schneeweißen Hals, worauf sie nicht müde wurde, ihr auf’s Neue von dem verstorbenen Vater zu erzählen, um sein Charakterbild recht tief in die jungfräuliche Seele zu prägen; denn die fromme Mutter war des Glaubens, daß neben diesem Bilde nie ein unwürdiges Raum, nie ein beflecktes Geltung gewinnen könne.

So verfloß der weiße Sonntag in dieser Hütte, die am folgenden Tage ihres reizendsten Schmuckes auf lange Zeit beraubt werden sollte. Wie der Morgen graute, erschien die „Schmidt-Lene“ mit ihrem Manne und drei jüngeren Schwestern vor der Thür, durch die sie Röschen bald den Armen der jetzt gefaßten Mutter entführten.

Wir folgen den Wanderern jetzt nicht in die fernen Gegenden, die sie bereisen, sondern warten auf ihren Bergen, bis wir sie sehen wieder daher gezogen kommen. –

Es fehlten nur wenig Tage bis zur Kirmes; einzelne Breitenbrunner Zugvögel waren schon mit gefülltem Beutel heimgekehrt, und die Schmidt-Lene mit ihrer kleinen Künstlergesellschaft wurde noch heute erwartet. Kein Wunder daher, daß das Häuschen an der Gabel des „Ortbachs“ leer stand – denn seine einsame Bewohnerin war über alle Berge weg, die zwischen Breitenbrunn und Raschau liegen, der Tochter entgegen. Wer an der unbelebten Wohnung vorüberging, konnte durch die Fenster sehen, wie blank gescheuert und aufgeputzt das kleine Zimmer war, ja daß sogar eine Guirlande von grünem Laub und rothen Vogelbeeren an den Wänden hinlief und die Thür durch eine Einfassung von Tannenzweigen und Immortellen in eine Ehrenpforte verwandelt war. Du heilige, süße Mutterliebe!

Sie war aber auch solcher Liebe werth, sie, der diese Ehrenpforte galt! Denn rein, wie sie vor einem halben Jahre aus den Armen der Mutter hinausgezogen war in die große Welt, kehrte sie jetzt an der Hand dieser Mutter zurück unter das niedere, aber von keiner Sündenschuld belastete Dach. Das zeigte das unverändert klare Vergißmeinnichtauge, das sonnige, Unschuld strahlende Antlitz, das zeigte ihr ganzes seraphgleiches Wesen. Und doch war sie eine Andere, als wie sie gegangen; das Mädchen war eine Jungfrau geworden, und auf ihrer Stirn lag der Adel des Bewußtseins glücklich bestandener Prüfungen, aus ihren Augen leuchtete die Flamme einer seligen Verklärung.

Die Augen einer Mutter sehen scharf. Frau Goldhahn erkannte sogleich, daß ihre Tochter ihrer werth geblieben; aber auch die angedeutete Veränderung entging ihr nicht, nur wußte sie dieselbe nicht zu deuten. Es war etwas „Vornehmes,“ wie sie es nannte, an ihr, das sie früher nicht besessen, und ein Gefühl des Glückes, der Befriedigung spiegelte sich in ihren Mienen, worauf die gute Frau fast eifersüchtig war, weil sie einen Augenblick glaubte, daß es ihrem Kinde in der Fremde doch besser gefallen habe, als daheim. „Wenn es ihr draußen zu wohl gefällt,“ dachte sie auf dem Heimwege, „so wird sie mich bald wieder verlassen, und am Ende einmal gar nicht wieder kommen.“

Von dieser Sorge wurde sie indeß befreit, als Röschen nach den ersten Umarmungen, die sie daheim unter der grünen Ehrenpforte mit der Mutter getauscht, ausrief: „Daheim ist doch daheim! bei Dir ist’s am schönsten, Mutterle! Nun bringt mich auch sobald Niemand [395] wieder mir fort von Dir! Der liebe Gott hat uns gesegnet, daß die Noth uns nicht gleich wieder hinaustreibt, und wenn auch die Lene nächstes Frühjahr wieder reist, so bleib’ ich doch daheim bis das andere Jahr!“

Das war Balsam für das Mutterherz. „Ach, Du gutes Kind!“ erwiederte Frau Goldhahn, „wie erquickt mich Deine Rede! Daraus erkenne ich, wenn ich’s nicht schon wüßte, daß Du hrav geblieben bist, Dich nicht von dem Schimmer und den Verlockungen der argen Welt hast bethören lassen. Ja, ja, Du hast meine Worte beherzigt, Du hast das Bild Deines guten, seligen Vaters treu, nicht nur auf dem Herzen, sondern auch im Herzen bewahrt.“

Eine hohe Purpurröthe, die bei diesen Worten Röschens Gesicht übergoß, entging den Augen der Mutter nicht, doch schrieb sie dieselbe ihrer Bescheidenheit zu, herzte und küßte die Erglühete auf’s Neue und eilte dann, den – zumal bei solcher Veranlassung – in Breitenbrunn wie aller Orten im Gebirge unvermeidlichen Kaffee zu bereiten. Röschen wollte der Mutter das Geschäft abnehmen, allein da kam sie schön an; sie mußte sich gefallen lassen, aus der „Hölle“ gejagt und auf das Kanapee gewiesen zu werden, damit sie sich von der weiten Reise ausruhe. In der That war Röschen von dieser so ermüdet, daß sie, nachdem sie sich aller überflüssigen Umhüllungen entledigt hatte, so zu sagen auf das Kanapee fiel und bald auf ihm entschlief.

Welch ein rührendes Bild sich jetzt dem Auge eines Beobachters dargeboten hätte! In der Stube umhertrippelnd das geschäftige, freundliche, überglückliche Mütterchen – und auf dem Kanapee die in sanftem Schlummer hingegossene liebliche Gestalt der voll aufgeblühten Jungfrau! Zuweilen warf die Mutter einen glänzenden Blick auf die Ruhende, zuweilen – wie beim Kaffeemahlen – blieb sie gar bei ihr stehen und betrachtete sie mit seligem Entzücken. Darüber vergaß sie zuletzt gar die Röhrenkuchen [2], daß erst ihr Brandgeruch die gute Alte wieder an ihr Werk erinnerte. Endlich war Alles bereit: der Kaffee stand in blanker irdener Kanne, die erst gestern von der Lauterer Topfhändlerin geliefert worden war, auf dem Tische; dazu gesellten sich zwei Steinguttassen, mit großen Blumen bemalt und jede mit einem Sinnspruch beschrieben; ein Salzfäßchen von gleicher Masse, das interimistisch die Stelle der selten gebrauchten Zuckerdose vertrat, vervollständigte das einfache Service. Die Röhrenkuchen lagen aufgeschichtet in der Mitte und ein Näpfchen Butter stand bereit, ihnen den nöthigen haut-gout zu verleihen. Jetzt hätte Frau Goldhahn doch gern gesehen, ihre Schläferin wäre aufgestanden, aber es dauerte sie, sie zu wecken. Sie schlief so süß – wer weiß, ob sie nicht ’was Liebliches träumte! Auf ihrem rosigen Antlitz lag ein so himmlischer Friede, zugleich aber umspielte ihren Mund ein wonniges Lächeln. Die Mutter mußte mitlächeln, als sie das sah, und sie hätte der Schlummernden vor hochaufwallender Mutterlust um den Hals fallen mögen. Aber sie beugte sich nur ganz still nieder auf sie und hauchte einen leisen Kuß aus ihre Stirn. In diesem Augenblicke bewegte Röschen ihre Hand nach der wogenden Brust, preßte sie mit einem Seufzer darauf und ließ sie sanft wieder herabgleiten. Bei dieser Bewegung verschob sich das Tüchlein, das den Busen züchtig verhüllte, und das Auge der Mutter heftete sich auf die entblößte Stelle. Es war jedoch nicht das Gebilde, welches der göttliche Bildner hier geschaffen, es war ein Werk von Menschenhand, das die mütterlichen Blicke fesselte. Da war ja das Bild des Gatten – aber in ganz anderer Fassung als sonst! Der einfache Elfenbeinrahmen war einem kostbaren von Gold und Perlen gewichen – Frau Goldhahn bog sich betroffen nieder, um den reichen Zierrath genau zu betrachten und auch das lange entbehrte Bild des Gatten zu küssen. Aber wie betroffen fuhr sie zurück – das war es ja gar nicht – das war das Konterfei eines wildfremden Mannes!

Vergebens suchte die gute Frau das ihr theure Bild – ein anderes thronte an seiner Stelle. Da zog eine schwere Kummerwolke durch das Gemüth der Matrone, darüber vergaß sie die Schonung gegen den „heiligen“ Schlaf – sie weckte die Tochter und fragte sie heftig: „Wo hast Du mein Bild?“

Die Gefragte fuhr erschrocken empor, erröthete, stammelte und sank der zürnenden Mutter schluchzend an die Brust.

„Herzliebe Mutter!“ flehete sie, „sei mir nicht böse – ich will Dir jetzt Alles erzählen.“

Frau Goldhahn konnte ihrem Herzenskinde nicht wahrhaft zürnen, und im Tone von Röschens Bitte lag eine so rührende Gewalt, in ihrem Antlitz ein solcher Zauber der Unschuld, daß jene, schnell besänftigt, sie bei der Hand nahm, zum Tische führte und zum Essen und Trinken nöthigte; dann erst forderte sie die Heimgekehrte auf, ihre Erzählung zu beginnen.

„Wir waren“ – lautete dieselbe – „schon viele Meilen weit gereist, hatten in Leipzig, Magdeburg, Braunschweig, Hannover und der großen Stadt Hamburg gespielt und gute Geschäfte gemacht, als wir uns in Folge einer Verschreibung nach Dobberan begaben. Das ist ein kleiner Ort an der großen See mit einem Seebade. Da ging unsere goldene Zeit an. Wir wurden von dem Wirthe, der uns für die Badezeit verschrieben hatte, mit offenen Armen aufgenommen, in seinem großen Hotel prächtig einquartirt, auch fortwährend gut bewirthet und behandelt. Das dankten wir aber dem guten Rufe, worin die Schmidt-Lene wegen ihres Verhaltens allerwege steht; denn das ist ganz anders, wie das der meisten „Schallerinnen,“ die mitunter so frei sind – so – ich kann gar nicht sagen wie. O Mutterle – wenn ich mit solchen ziehen sollte, so wollt’ ich lieber daheim halb verhungern, als draußen in Saus und Braus leben. Also in Dobberan waren wir und bei unserm Herrn Gastgeber gut aufgehoben. Da mußten wir alle Mittage und Abende für die Gäste spielen, wofür er uns ein Gewisses gab, doch hatte er nichts dawider, wenn Musikfreunde uns ein [396] Extra-Geschenk gaben. Aber mit dem Notenblatte umhergehen, wie’s gewöhnlich geschieht, das fiel bei uns weg. Wollte Jemand extra ’was auflegen, so wurde er an den Mann der Lene gewiesen; weder ich, noch ihre Schwestern durften Etwas nehmen. So waren wir auch wohl geachtet und hatten überhaupt ein köstlich Leben – so köstlich, daß ich armes Ding mich erst gar nicht drein zu schicken wußte, aber nach und nach fand sich das, und zuletzt konnt’ ich die guten Speisen, den starken Kaffee, die würzige Chokolade und den feinen Thee so gut genießen wie die Andern.“

„Da schmeckt Dir nun gewiß meine „Lutsche“ nicht?“ fiel die Mutter der Erzählerin in die Rede.

„Wie kannst Du nur so denken!“ entgegnete Röschen. „Meinst Du wohl, es hätte mir von allen delikaten Sachen, die ich dort genossen, eine so gut geschmeckt wie Dein „Gekochtes“ oder „Gebackenes?“ Wie oft hätte ich mit Freuden all jene Leckerbissen um ein Stück „Rauche Mahd“ oder „Götzen“ oder einen Röhrenkuchen von Dir hingegeben! Schenk’ nur tapfer ein, Mutterle, unsere „schwarze Hanne“ mundet mir doch besser, als draußen der beste Kaffee. Daheim bleibt daheim, Mutterle, Nichts im fremden Lande hat mir so gut gefallen wie Alles, was daheim ist – doch Eins – ja, das gesteh’ ich – Eins hat mir so gut gefallen wie unsere hohen, waldigen Berge, das war das Meer. O Mutter, wie groß ist Gott, der die Berge schuf und das Meer! Ich kann Dir nicht beschreiben, wie herrlich dieses ist, und ihm verdank’ ich es auch, daß ich so lange draußen ausgehalten. In dem flachen Lande, das zwischen unsern Bergen und der See liegt, wär’ ich am Heimweh gestorben, wenn ich da so lange hätte leben sollen. Der Anblick der majestätischen See erquickte und beruhigte mich, so oft mich ein Bangen nach der Heimath ergriff. – Eines Tages war ich auch an das Gestade gegangen, an mein Lieblingsplätzchen, eine kleine Bucht, die auf der einen Seite von einer Düne und auf der andern von einer Klippe gebildet wurde. Ich war allein, denn am Ufer des Meeres fühlt’ ich mich gerade so sicher wie in unsern Bergen. Es war Fluthzeit und die Wogen reichten bis nahe an meine Füße heran. Ich lauschte ihrem taktgemäßen, plätschernden Schlage, denn es war Windstille, sonst hätte die Brandung mächtig wie der Donner gebraust. Ich dachte an Dich, an Dein stilles Häuschen, an unser Dorf; ich zog das Bild des Vaters heraus und betete bei ihm, daß Gott Dich mir erhalte und mich so gut werden lasse, wie Du bist und wie der Selige gewesen, und daß er Dich an mir möge rechte Freude erleben lassen. Und nach diesem Gebete war ich so glücklich, so froh, daß ich hätte ein Freudenlied anstimmen und, wie sonst zu den Harfen, zu dem Schlage der Wellen singen mögen: „Seid umschlungen, Millionen!“ Als ich mich hierauf zum Nachhausegehen wandte, fielen mir die vielen kranken, mißmuthigen, unglücklichen Gesichter ein, denen ich drinnen begegnen würde, und ich dachte: wären doch Alle so froh und glücklich wie ich! Nur wenig Schritte war ich von dem Gestade fort, als ich hinter mir eine männliche Stimme laute, abgerissene, mir aber unverständliche Worte rufen hörte. Ich sah mich um und erblickte auf der Klippe eine Mannesgestalt, jung und schön, aber bleich wie der Tod, mit langen schwarzen Locken. Sein Rock lag am Boden, sonst war er vollständig bekleidet. Seine ausgebreiteten Hände bewegten sich heftig hin und her. Eine fürchterliche Angst befiel mich – unwillkürlich kehrte ich um, trat nahe an die Klippe und vernahm deutlich die Worte: „Leb’ wohl, du schöne, gleisende, feile Welt! Vergifte fort, bis du vom eigenen Gifte zerfressen, zusammenbrichst zum Chaos, aus dem du hervorgegangen! Leb’ wohl, Vater! Leb’ wohl, Mutter! Lebt wohl, Ihr Brüder! O könnt’ ich Euch mir nachziehen, in den reinigenden, erlösenden Tod! Doch Ihr hängt an der Welt und ihren süßen Giften – mein Ekel ficht Euch nicht an – – lebt wohl!“ – Während dieser Worte war ich wie von fremder Macht gezogen nahe an ihn gelangt – es war mir klar, daß er sich ertränken wollte – ich wußte nicht, was ich that, noch was ich thun sollte – es galt ein Menschenleben nicht nur vom zeitlichen, sondern auch vom ewigen Tode zu retten – im Augenblicke, da er sich hinabstürzen wollte in die tiefe See, umschlang ich ihn von hinten, und da ich nicht wußte, was ich sonst zu ihm sagen sollte, betete ich die Worte des 37. Psalm: „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn! Erzürne Dich nicht über den, dem sein Muthwille glücklich fortgeht. – Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn: Er wird’s wohl machen. Und wird Deine Gerechtigkeit hervorbringen wie das Licht und Dein Recht wie den Mittag.“ Da wandte sich der Fremde nach mir um und sah mich an mit seinen großen, brennenden Augen, daß ich die meinen niederschlagen mußte. Ich machte mich von ihm los und wollte zurückweichen, aber er faßte mich fest bei der Hand und sagte: „Sprich weiter, Du – “ und er gab mir einen Namen, den ich Dir nicht sagen kann! Ich konnte aber kaum mehr sprechen, nur die Worte vermocht’ ich hervorzubringen: „Thun Sie doch Ihrer Mutter das Herzeleid nicht an!“ Da ruhte sein Blick lange auf mir, aber nicht mehr so wild wie erst, und er wurde sichtbar weicher, so daß ich mir ein Herz faßte, ihn anzublicken. Aber lange sprach keins von uns ein Sterbenswörtlein. Endlich sagte er: „Der Himmel ruft mich durch Dich zurück in die Welt, wird er mich aber auch durch Dich in ihr führen?“ – Er wird Sie führen, wenn Sie ihm vertrauen, – sagte ich; – „Weg’ hat er allerwegen, an Mitteln fehlt’s ihm nicht,“ wie’s in dem schönen Liede heißt. – „O sagen Sie mir das Lied!“ bat er und zog seinen Rock an. Wie gut war es, daß ich es auswendig wußte! Ich „betete“ das Lied her, und muß es wohl nicht ganz ungeschickt gethan haben, denn als ich schloß, weinte er wie ein Kind. Nach einer Weile verließen wir die Stelle – wie froh war ich, als wir das Meer eine Strecke weit hinter uns hatten! Wir gingen langsam der Stadt zu; eh’ wir sie aber erreichten, nahm er Abschied, bat mich um meinen Namen und fragte, ob er mich wiedersehen dürfe. Ich sagte ihm, wer ich sei und daß, wenn er mich sehen wolle, dies jeden Mittag und Abend in unsern Concerten wohl geschehen könne. Er dankte und ging.

[405] „Am folgenden Abend war der Fremde wirklich im Concert, hielt sich aber fern von uns, doch verwandte er kein Auge von mir. Dabei sah er so schwermüthig aus, daß mir noch bang’ um ihn war. Auch die folgenden Tage kam er, blieb aber immer in gleicher Entfernung. Nach und nach wurde sein Antlitz belebter, heiterer. An das Seegestade ging ich eine Zeit lang nicht, – ich fürchtete ihm zu begegnen und doch – ich gesteh’ es Dir – hätt’ ich noch gern einmal mit ihm geredet. Endlich schrieb er mir ein Briefchen, worin er mir in rührenden Worten dankte, daß ich ihn vor einer großen Schuld bewahrt hätte; er sei dadurch für Zeit und Ewigkeit mein Schuldner geworden. Weiter erzählte er mir, daß keine andere Ursache, als Ueberdruß an den Menschen, finstere Weltverachtung, ihn zu dem verzweifelten Schritte getrieben, dessen Ausführung ich verhinderte. Er habe auf Erden Nichts als Lug und Trug, schnöde Selbstsucht und Ungerechtigkeit finden können, und darum beschlossen, seinem Leben ein Ende zu machen, um kein Genosse zu sein des allgemeinen Elends. – Mutterle! die Menschen draußen mögen schon recht schlimm sein, weil ein so guter Mensch, wie Richard Saldern – denn so schrieb er sich – zu einer solchen Weltansicht gelangen konnte! Nun, ich werde Dir gleich ein Stücklein von der großen Welt erzählen. Unter den täglichen Besuchern befand sich, nach jenem Vorfall auf der Klippe, ein junger reicher Graf. Dieser machte sich uns Mädchen gleich den ersten Abend durch sein ewiges Lorgnettenspiel gegen uns auffallend. Wir kümmerten uns natürlich weiter nicht um ihn, erfuhren aber durch den Kellner seinen Namen: Graf K. Nun denke Dir! Am andern Morgen erschien früh ein Bedienter mit einem Briefchen an mich von diesem Grafen K. Ich war ganz erschrocken und gab, da ich nicht gleich Worte hatte, das Billet, das wie lauter Moschus und Lavendel roch, uneröffnet der Schmidt-Lene, die es ohne allem Umschweif dem Bedienten mit den Worten zurückgab, daß sie und ihre Begleiterinnen keine Briefe von unbekannten Herren annähmen. „Aber von bekannten?“ fragte der Bediente naseweis. „Je [406] nachdem sie sind!“ erwiederte die Lene kurz und der Bediente trollte sich. Denselben Tag erhielt die Lene auch ein Briefchen von Richard Saldern. Er warnte uns vor den Schlichen des Grafen K. Derselbe sei ein berüchtigter Mädchenjäger aus Berlin; er, Richard, bewache zwar jeden seiner Schritte, allein Vorsicht auch von unserer Seite könne nicht schaden. – „Das hab’ ich dem Patron gleich angesehen,“ sagte die Schmidt-Lene; „man versteht sich nach so langem Reisen ein wenig auf die Menschen. Die Warnung ist ehrlich gemeint; der junge, schöne, blasse Herr, der sie schickt, hat mir gleich Vertrauen eingeflößt. Wenn er nur nicht krank wär’!“ – Krank? fragte ich erschrocken. „Nun ja,“ sagte sie, „sahst Du ihn denn noch nicht, den schönen, schwarzlockigen Herrn? Man sieht’s ihm ja an, daß er leidet, wenn nicht am Körper, so desto mehr im Gemüthe.“ – Ja so – dachte ich und war froh, daß er nicht noch anders erkrankt war. Ich hatte aber der Lene verschwiegen, daß und auf welche Art ich mit ihm bekannt geworden war, und verschwieg es auch ferner, denn es war eben mein Geheimniß, das ich Niemand sagen durfte. Der Graf ließ sich durch die Abfertigung der Lene nicht abschrecken, mich mit seinen Aufmerksamkeiten zu verfolgen. Den andern Tag nahte er sich mir ganz dreist und stellte mich zur Rede, daß ich sein Billet nicht angenommen. Er schalt mich grausam und fügte dazu einen Schwall von Schmeichelreden, der mir Uebelkeit verursachte. Von da an konnt’ ich ihn gleich gar nicht leiden, und es verdroß mich nun Nichts so sehr, als wenn er nach jedem Stücke, das ich sang, klatschte wie ein Verrückter. Das that Richard nie. Einige Abende später machten wir mit einer durchreisenden Gesellschaft aus Preßnitz Compagnie zu einem größern Concerte. Ich gestehe, daß ich mich fürchtete, von der Preßnitzer Vorsängerin ausgestochen zu werden, daher nahm ich mich zusammen, meine Sache recht gut zu machen. Die Preßnitzerin sang wirklich recht brav, aber die Gäste, einmal an mich gewöhnt, wendeten mir den größten Beifall zu. Das Alpenhorn von Proch und „Wenn die Schwalben heimwärts zieh’n“ mußte ich da capo singen. Am Schlusse aber kommt der Geck von Grafen auf mich zu, hat ein goldnes Armband mit funkelnden Steinen in der Hand und will es mir mit den Worten anlegen: „Nur ein kleines Huldigungszeichen statt des Lorbeerkranzes für meine erzgebirg’sche Nachtigall.“ Richard stand unweit davon und sah mit düstern Augen herüber. Ich hätte das Geschenk so wie so nicht genommen, nun aber hatte ich den Muth, es dem Grafen ohne Weiteres mit den dürren Worten zurückzugeben: Ich bin nicht Ihr, sondern meiner Mutter, und die Nachtigallen fliegen im Walde herum, da fangen Sie sich eine! – da bricht Dir der Mensch in ein Gelächter aus, daß es durch den ganzen Saal schallt, und spricht: „Nein, ist die Kleine naiv – hat man so was von einem Harfenmädchen erlebt? Spielt da Trutz-Nachtigall! Auf Ehre! – Na, die Politur kommt schon noch – der erste Ausflug das – beim zweiten sind wir schon kirre! Allerliebstes Naturkind –“ und dabei knipp er mich in den Arm. In dem Augenblicke aber flogen ihm ein Paar Ohrfeigen dergestalt um den Kopf, daß ihm Hören und Sehen verging. Mir verging es aber auch, denn es war kein Anderer, als Richard, der diese Züchtigung austheilte, mich dann bei der Hand nahm, und nachdem er dem Grafen eine Karte hingeworfen hatte, auf unser Zimmer begleitete. Hier sank ich weinend auf einen Stuhl – ich wünschte mich weit weg, in unsere Berge, wo man sich durch züchtiges Benehmen leicht gegen jede Zudringlichkeit schützen kann. Ich dachte in dem Moment nicht daran, daß Richard Saldern zugegen war; daher riß ich das Bild des Vaters von der Brust und bat Gott bei diesem, seine Hand über mir zu halten, daß kein Verführer je Gewalt über mich gewönne; dann schwor ich feierlich, lieber zu sterben, als je der Schande zu verfallen. Jetzt nahm ich wahr, wie Richard neben mir niederknieete und seine Hände faltend, ausrief: „Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor Dir! Wie konnte ich Deine Welt zu richten wagen, so lange sie noch solche Wesen trägt? O Herr, gehe nicht in’s Gericht mit mir, wie ich es mit der ganzen Menschheit that, und nimm mich wieder zu Gnaden an!“ – Ich bin wohl ein furchtsam, schüchtern Ding, Mutter, aber in diesem Augenblicke wich alle Scheu von mir – ich legte meine Hand auf sein Haupt und sagte: „Gott ist barmherzig und geht nicht gleich mit uns in’s Gericht, wie die schwachen Menschen thun. Wer möchte sonst auch bestehen vor ihm? Da stand er auf und ergriff meine Rechte und drückte sie an sein Herz, dann nahm er das Bild aus meiner Linken und sagte: „Ihr Vater also?“ betrachtete es lange und murmelte für sich. Laut begann er hierauf: „Ich möcht’ ihn kennen, diesen Vater.“ Da sagt’ ich ihm, daß er schon lange im Himmel sei – und nun gab ein Wort das andere, so daß er bald Alles wußte, was mich und Dich betrifft, unser Leid und unser Glück; ich aber auch von ihm, daß er, eines reichen Mannes Sohn und Miterbe seiner Güter, an Nichts Mangel litte, worein die Menschen gewöhnlich das Glück auf Erden setzen. Dennoch sei er nie glücklich gewesen. In seiner Kindheit mit finsterer Strenge erzogen, dann von seinem vierzehnten Jahre an fern vom Elternhause in einer klösterlichen Erziehungsanstalt wieder kalt und herzlos behandelt, sei er um seine Jugend betrogen worden. Unter Büchern und Bücherwürmern zum Jünglinge herangereift, sei er, dem Leben entfremdet, in die Welt getreten und nach wenig Jahren eines vergeblichen Ringens, in ihr heimisch zu werden – von Freunden, denen er sich sorglos anvertraut, verführt und betrogen, von einer Geliebten, der er sein ganzes Herz geschenkt, treulos verlassen, von den Seinen daheim nie verstanden – eben dahin gekommen, worüber ich ihn betroffen. „Gott sandte Sie mir, weil er nicht den Tod des Sünders wollte“ – schloß der arme gute Mensch – „sondern daß er sich bekehre und lebe. Und ich will mich bekehren und will leben; ich will das Leben erfassen mit aller Kraft und Gluth meines Wesens – dieses Leben, das Ihr Werk ist. Erhält mir’s Gott, so sehen wir uns einst wieder und zwar in Ihrer Heimath. Zuvor aber muß ich Buße thun, und das sei der Anfang meiner Buße, daß ich noch heute von Ihnen scheide, ohne nach [407] dem Namen Ihres Heimathsortes zu fragen, mich von Ihrem Angesichte verbanne und nicht eher wieder vor Sie trete, bis ich als ein tüchtiger Mensch, ein wahrer Christ, mit einem Herzen voll lauterer, ungefärbter Bruderliebe vor Sie treten und mich für werth halten kann, die Luft Ihrer Heimath mit Ihnen zu athmen. Weiß ich doch den Namen Ihrer weiteren Heimath – das Erzgebirge! Der Stern, der Sie mich hier finden ließ, wird mich auch wieder zu Ihnen leiten. Es sei ein Theil meiner Buße, daß ich Sie suchen muß. Aber damit ich nicht ganz einsam sei, nicht von Allem geschieden, was mit Ihrer Person in einigem Zusammenhange steht; ja, damit ich ein Pfand besitze, das mir dafür bürgt, daß Sie mich nicht von Ihrer Schwelle jagen wollen, so geben Sie mir das Bild Ihres Vaters für dieses.“ Er zog aus seiner Tasche das Medaillon hier. „Ich ließ es,“ fuhr er fort, „für meine Braut malen, kurz eh’ sie mich verrieth. Nehmen Sie es statt des Ihrigen; ich löse es nach vollendeter Buße sicher wieder ein.“ – Mutter! Ich zögerte nicht – ich gab ihm das Bild – ich wollte das seine nicht nehmen – aber das unsere konnt’ ich ihm nicht abschlagen – nein, Mutter! ich hätt’ ihm mein Herzblut geben müssen, wenn er es gefordert hätte – ich konnte nicht anders. Ich küßte das Bild noch einmal und hing es ihm um den Hals; er mir schnell das seine – was in dem nächsten Augenblicke geschah – ich weiß es nicht – ob er mir blos die Hand drückte – oder mir auch die Stirn küßte – ich bin mir dessen nicht deutlich bewußt. Als ich wieder völlig bei mir selbst war, befand ich mich allein. Ich sah ihn nicht mehr. Nur hörte ich noch, und gerieth darüber in nicht geringen Schreck, daß Richard von dem Grafen auf Pistolen gefordert worden war, diesem aber, was mich schnell wieder beruhigte, hatte sagen lassen: Buben gäbe er keine Genugthuung. Darauf ist er abgereist – wohin, weiß ich nicht. Aber, Mutterle! härme Dich nicht um Dein Bild – gewiß, Du erhältst es wieder – mir sagt mein Herz, daß Richard hierher kommt, und wenn Du ihn dann siehst, wirst Du selbst sagen, daß ich recht gehabt, ihm seine Bitte nicht abzuschlagen!“ –

Die Mutter gab der Erzählerin einen Kuß auf den dargereichten Mund, schüttelte hinterher aber doch den Kopf und meinte: „Man darf keinem solchen feinen Herrn trauen – wer weiß, ob Dein Herr Richard nicht auch – –“

Aber Röschen hielt der Mutter den Mund zu und sagte: „Nein, gewiß und wahrhaftig ist Richard nicht, wie Du argwöhnen möchtest – darauf verwett’ ich Leben und Seligkeit!“

„Bst!“ – erwiederte die Mutter – „frevle nicht, Kind! Es sei wie es wolle – kommt er, ist es gut; kommt er nicht, nun, so sind wir um eine gute, aber traurige Lehre reicher. Jedenfalls laß ich Dich sobald nicht wieder mit reisen; ich bin nur froh, daß wir wieder beisammen sind!“ Darauf erzählte sie, wie einsam sie sich gefühlt während der ganzen Trennung, wie glücklich aber auch über jeden Brief, den sie von Röschen empfangen, und wie sie das Geld, das diese ihr geschickt, gewissenhaft erst zur Tilgung aller Schulden und dann zur Anschaffung der nothwendigsten Dinge für Leib und Haus verwendet habe.




Die Kirmes war vorüber; manches Breitenbrunner Kind, das den weißen Sonntag fröhlich mit begangen hatte, feierte die Kirmes schon nicht mehr: daheim wie in der Fremde war Dieser und Jener gestorben, Andere hatten ihr Herz draußen verloren und es nicht im Stiche lassen wollen, waren also mit draußen geblieben. Den nächsten weißen Sonntag sollten ihrer aber noch weit mehr vermißt werden: denn es kam eine böse Zeit über das Gebirge – die Kartoffeln mißriethen, das Getreide wurde theuer, andere Lebensmittel mit ihm. Im Geleite des harten Winters pochte der bittere Mangel an die Thüren der Armuth, das heißt: an die meisten Thüren des Gebirges. Schon waren die wenigen Kartoffeln, die man erbaute, aufgezehrt, schon war ein Bissen Schwarzbrod eine Leckerei, und man war glücklich, wenn statt der beliebten Röhrenkuchen „Röhrenklöße“ von Kleien erzeugt werden konnten, den Hunger zu stillen. Kälte und Hunger oder schlechte Nahrung im Bunde erzeugten böse Krankheiten – bald wüthete der Würgengel der Armuth, der Typhus, weithin über das ganze Gebirge diesseits und jenseits der Grenze. Auch Breitenbrunn blieb von dem allgemeinen Jammer nicht verschont. Opfer um Opfer bettete das Fieber unter den kühlen Schnee. Aber wie damals vom allgemeinen Jubel, so blieb jetzt das kleine Häuschen an der Gabel des „Ortsbach’s“ von dem allgemeinen Weh lange Zeit ziemlich unberührt. Röschens mitgebrachter Verdienst hielt lange vor – zwei Erzgebirgerinnen brauchen wenig, um zu leben. Dennoch empfanden sie die Noth sehr wohl – sie hatten manchem armen Verwandten mitzutheilen und ihr eigener spärlicher Unterhalt kam ihnen dreimal so hoch zu stehen, als in bessern Zeiten. Endlich mußten sie eine arme, verlassene Muhme zu sich nehmen. Da wurde Röschens Schatz allmälig doch recht klein. „Wenn nur der Winter vorbei ist und wir bleiben gesund,“ tröstete Röschen die oft ängstlich klagende Mutter; „zum Frühjahre mach’ ich dann gleich wieder eine kleine Reise mit der Lene, nur eine von wenig Wochen. So lange, hoff’ ich, werden wir uns schon hinfristen.“ Aber als schon der Thauwind hohl durch die „Unruh“ und um den „Sauberg“ sauste, streckte das gierige Fieber auch die Frau Goldhahn auf’s Lager. Da ließ sich nicht mehr sparen wie bisher, da mußte der Arzt gerufen, Arznei geholt, ein wärmeres Zimmer gehalten und Das und Jenes geschafft werden. Röschen ließ es an Nichts fehlen, um das Leben der guten Mutter zu retten. Sie rief noch einen Doktor aus der Stadt herbei, als der Ortsmedikus ein bedenkliches Gesicht zeigte, sie bezahlte ihm gleich seine Bemühung, damit er ja wiederkomme und die Mutter recht sorgfältig behandle – darüber ging ihre Baarschaft bis auf den letzten Pfennig fort. Die Mutter überstand zwar glücklich die Krisis, die Kraft des Typhus war gebrochen, aber sie siechte noch lange fort und bedurfte stärkender Mittel, um aufzukommen. Röschen schaffte Rath: sie verkaufte ihre besten Kleider und verwendete [408] den Erlös, um ihrer Kranken nahrhafte Speisen zu bereiten. Die Muhme stand ihr in ihren Mühen und Sorgen trefflich bei. Nach und nach erholte sich die Mutter; es war aber auch die höchste Zeit, denn Röschen hatte Nichts mehr zu veräußern; was ihr noch Werthvolles geblieben, das war Richards Bild, und das war anvertrautes Gut!

Selten kommt ein Unglück allein. Frau Goldhahn hatte kaum ihren ersten Umgang im Zimmer gehalten, da legte sich die alte Muhme. Woher nun Hülfe nehmen? Röschen mußte den Arzt wieder rufen; er kam auch gleich, ohne seine Hand nach der Bezahlung auszustrecken, war ihm doch die alte Rechnung schon vor Röschens Heimkunft von Heller zu Pfennig bezahlt worden. Aber wie den Apotheker bezahlen? Auch da half der Arzt durch seine Fürsprache; der Apotheker wartete mit der Bezahlung. Allein es wollte auch jetzt noch so mancherlei sein, was nicht vom Arzte, nicht in der Apotheke zu erlangen war. Freilich kamen von Außen Unterstützungen in den Ort, aber so beträchtlich sie waren, so wenig reichten sie aus für alle Bedürfnisse aller Bedürftigen. Röschen war übrigens wie ihre Mutter eine „verschämte Arme.“ Sie durchsuchte alle Schachteln, Kästen und Winkel, ob sie Nichts mehr fände, das sich entbehren ließ – umsonst, da war Nichts, gar Nichts mehr – als das Bild mit dem Rahmen von Gold und Perlen. Hätte sie das nur versetzen können, so wäre geholfen gewesen. Die Muhme schwebte in der größten Gefahr – der Stadtdoktor mußte auch für sie geholt werden – die Mutter wurde auch wieder bettlägerig – – gräßlich, herzbrechend war die Noth, deren Wogen das arme Röschen umringten und sie zu verschlingen drohten.

„Es hilft Nichts!“ rief sie endlich. „Noth kennt kein Gebot! Ich kann die Muhme nicht umkommen lassen, und wenn sie auch nicht meine Muhme wäre, sie ist ein Mensch wie die Mutter – es muß sein, und kost’ es das Glück meines Lebens! – Mutter!“ sagte sie zu dieser, „ich gehe selbst nach Johanngeorgenstadt zum Doktor; ich schicke die Schmidt-Rieke her, daß sie einstweilen meine Stelle vertritt. Sorge Dich nicht, wenn ich etwas spät wiederkomme.“

Sie ging, das Bild des unvergeßlichen Fremdlings von Dobberan – nicht zu verkaufen, nur zu versetzen. Auf dem Wege nahm sie es wohl tausendmal und küßte es, und weinte dazu, daß die Thränen den Schnee salzten. Es wurde ihr so schwer, sich von dem lieben Andenken zu trennen. Und wie? Wenn er nun plötzlich kam, es zurückzufordern, und sie konnt’ es ihm nicht geben? Der Gedanke hemmte noch einmal ihren Schritt, aber die Erinnerung an die todtkranke Muhme und die nothleidende Mutter trieb sie vorwärts. So erreichte sie die Stadt, so trug sie ihr Kleinod zum Goldschmied, der ihr gleich funfzig baare Thaler darauf leihen wollte. Sie nahm aber nur zwanzig. „Das Geld giebt sich aus,“ sagte sie, „und zu zwanzig Thalern wird eher wieder Rath als zu funfzig.“ Während der Goldschmied das Geld aufzählte, bedeckte sie das Bild heimlich mit Küssen und Zähre auf Zähre floß darüber hinweg. Endlich mußte sie es doch hingeben. Sie nahm ihr Geld, eilte zum Arzte, und nach zwei Stunden betrat sie mit ihm ihr heimathliches Stübchen, jetzt ein kleines Lazareth.

Nicht lange blieb es das. Die Muhme genas, die Mutter wurde wieder stark und rüstig – aber das Bild des theuern Richard war weg. Bald wird auch das Geld aufgezehrt sein, das Röschen darauf geliehen – aber der Frühling ist da, „der Schnee des Winters rieselt von den Kuppen,“ bald kommt Ostern, bald können die Menschen wieder hinaus. Mancher freilich muß daheim bleiben unter dem Rasen, aber den Andern wird Gott weiter helfen! –




„Von der Alpe tönt das Horn!“ blies der Postillon auf dem Bocke einer Extrapost, die in Johanngeorgenstadt langsam nach dem hochgelegenen Markte hinauffuhr. Kopf zum Fenster hinaus! hieß es da rechts und links in den Häusern, auch im Hause des Goldschmieds, der im Besitze von Röschens Medaillon war.

„Sieh’ nur mal den Herrn, Alte, der da drin sitzt!“ sagte der ehrenwerthe Mann zu seiner mit ihm nach der Extrapost spähenden Ehehälfte. „ist das nicht das leibhaftige Ebenbild zu dem Kopfe auf dem Pfande der Breitenbrunner Rösel?“

„Mein linkes Ohrringel kann dem rechten nicht ähnlicher sehen,“ bestätigte die Frau. „Wie’s scheint, steigt der im Gasthofe drüben aus – richtig, die Kutsche hält – da eilt er schon in’s Haus!“

„Bring’ mir gleich Stiefel, Rock und Hut!“ befahl der Mann; „ich will ein Töpfchen drüben trinken! man weiß nicht, was es mit dem Medaillon für eine Bewandtniß hat.“

Bald saß der ehrsame Goldschmied bei seinem Töpfchen, der Fremde ihm unfern gegenüber. Je länger jener diesen betrachtete, destomehr fiel ihm die wahrgenommene Aehnlichkeit auf. Diese konnte unmöglich eine zufällige sein. Nicht lange dauerte es, so befand sich der freundliche Bürger mit dem Reisenden im Gespräche. Dieser fragte nach den Verhältnissen des Ortes, dann nach seinen Umgebungen, insonderheit nach den Namen der verschiedenen Dörfer und ihren Haupterwerbsquellen. Da wurde ihm Jugel als Berg- und Ackerbau treibender Ort, Wittigsthal als Hammerwerk, Karlsfeld als Sitz von Wanduhrenmachern, Nagelschmieden, Wald-, Wiesen- und Straßenarbeitern genannt; zuletzt auch Breitenbrunn mit seinen fahrenden Musikanten.

Ein Freudenstrahl zuckte über das edle, blasse Gesicht des Fremden. „Wie weit ist es bis dahin?“ fragte er hastig.

„Nur zwei gute Stunden,“ lautete die Auskunft.

„Da könnte ich ja heute noch hinkommen,“ sagte der Fremde. „Aber wer weiß,“ fuhr er mit gesenkter Stimme fort, „ob ich mich nicht wieder täusche. Ich bin nun schon hin und her, kreuz und quer gefahren, aber immer an den unrechten Ort gekommen.“

„Suchen Sie vielleicht Jemand in Breitenbrunn?“ fragte der Goldschmied.

„Ich suche wohl Jemand, weiß aber nicht wo?“ war die Antwort.

[409] „Da kann ich Ihnen vielleicht auf die Spur helfen,“ sagte Jener. Er nahm das Medaillon aus seiner Tasche und hielt es dem Fremden hin.

„Mein Gott! mein Gott!“ rief dieser, „woher haben Sie das?“

„Das soll ich freilich Niemand sagen,“ antwortete der Gefragte; „aber wenn Sie sich als Eigenthümer ausweisen, so muß ich es Ihnen sagen.“

„Das kann ich nicht,“ erwiederte der Reisende. „Es war einmal mein Eigenthum, ist es aber nicht mehr. Kommen Sie mit auf mein Zimmer, da will ich Ihnen Alles erklären.“

Es stellte sich nach kurzen Erklärungen von beiden Seiten heraus, daß der Fremde, in dem der Leser längst unsern Richard Saldern wieder erkannt hat, wirklich dem lange gesuchten Ziele seiner Pilgerfahrt nahe war. Bei der Enthüllung der Art, wie das Medaillon in seine Hände gekommen, hatte der Goldschmied nicht unterlassen zu erwähnen, daß nur die äußerste Noth, nur die Todesgefahr einer Verwandten Röschen dahingebracht habe, das Kleinod zu versetzen; ja, auch das vergaß er nicht hinzuzufügen, daß sie es mit bitterm Schmerze gethan, daß sie das Bild zwar verstohlen, aber von ihm doch bemerkt, unter Thränen geküßt habe.

„Auf! auf! nach Breitenbrunn!“ rief Richard, seines Entzückens nicht Meister. „Und Sie, werther Herr, thun mir den Gefallen und begleiten mich mit dem Medaillon. – Es wird doch gleich wieder Extrapost zu haben sein?“

Der Meister Goldschmied war als ein ächter Gebirgsmann gleich bereit, den glücklichen Fremden nach seinem Eldorado zu begleiten. Bald waren beide auf dem Wege dahin.

„Grüß dich Gott. Grüß dich Gott! fein’s Liebchen!“ blies der Schwager, als die Post in Breitenbrunn ihren Einzug hielt. Soll ich Röschens freudiges und doch auch banges Erschrecken schildern, das sie bei diesem Klange durchzitterte – das Jauchzen ihrer ganzen Seele, des Busens Ebb’ und Fluth, als der Wagen an ihr Haus fuhr, vor ihm hielt und niemand anders ausstieg, als ihr Geretteter, ihr Freund, ihr – doch das wagte sie selbst nicht zu denken, was er ihr noch war – Niemand anders, als er und der Goldschmied? Mithin wußte er schon – o sie hätte sich mögen tief in der Erde verbergen vor Scham, und doch auch ihm entgegenfliegen mit ausgebreiteten Armen. So stand sie wie eingewurzelt in des Zimmers Mitte. Die Thür ging auf – da stand er vor ihr. Soll ich, kann ich sagen, wie ihr wurde, als er ihr das Bild des Vaters umhing und das seinige dazu, zum ewigen Andenken, wie er, ihr die Stirn küssend, sagte. „Wie glücklich,“ fügte er hinzu, „wie glücklich bin ich, daß, da ich es nicht selbst sein konnte, wenigstens mein Bild das Werkzeug zur Rettung einer lieben Verwandten geworden. Ach, liebes Röschen! werthe Mutter! wollen Sie mich nicht auch wie einen Verwandten betrachten? O, Ihr armen, und doch durch Liebe so reichen Menschen, Ihr guten, frommen Herzen! nehmt mich doch auf in Euern kleinen, stillen Kreis und laßt mich Einer von Euch sein und nimmer von Euch ziehen!“

O Gott! Ich fühl’ es in tiefster Brust und weiß es doch nicht zu sagen, wie da dem armen Mädchen wurde, und dem guten Mütterlein, und der Muhme, und dem wackern Goldschmied dazu! Sie weinten alle mit einander – aber Niemand gab Antwort auf die Frage und Bitte des Fremdlings – Röschen nicht vor namenlos süßem Wirrwarr in allen Kammern ihres Innern, die Mutter nicht, weil sie an ihre Armuth und Niedrigkeit dachte. Endlich nahm der Goldschmied das Wort: „Das kann ich nicht länger so mit ansehen. Der gute fremde Herr kommt da wohl hundert Meilen weit her gereist, dem Mädel zu gefallen, und hat sie gesucht kreuz und quer. Nun thut er das doch nicht vor lieber Langeweile, sondern weil er das Rösel liebt – und sie liebt ihn auch, das weiß ich – und da dächt’ ich, Sie nähmen seine Hand, Frau Goldhahn – so – und legten sie in die Ihrer Tochter – so – und so verlobten wir sie; das wird beiden recht sein und dem lieben Gott auch.“

So war es. Richard und Röschen wurden ein Paar nach Gottes Wohlgefallen. Er vermochte die Schwiegermutter, ihr Häuschen der alten Muhme zu schenken, kaufte in einer etwas mildern, aber nicht fernen Gegend des Gebirges ein hübsches Hammergut und gründete da sich, seinem Weibchen und der Mutter eine neue Heimath, die eine Zuflucht aller Bedrängten, eine Herzensweide aller guten Menschen wurde. A. P. 




  1. Geklöppelte Spitzen.
  2. Nächst der „Rauchen Mahd“ und dem „Röhrenkloß“ ein Lieblingsgebäck des Erzgebirgers. Sämmtliche Gebäcke bestehen aus gekocht geriebenen Kartoffeln, wenig Mehl und Salz, wozu bei letzteren beiden etwas Leinöl oder Butter kommt, da sie in der Pfanne gebacken werden.