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Titel: Ein Fest „im Elend“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 249-251
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Fest „im Elend“.

Wenn Etwas für die Vaterlandsliebe und Heimathtreue unserer Vorfahren zeugt, so ist es ihre Bezeichnung für das Schicksal der Verbannung und Heimathlosigkeit. Sie nannten’s „das Elend“. Gegenwärtig nennt man es nicht mehr so, aber Deutschland ist reich an edlen Herzen in der Fremde, die es so fühlen. Zu diesen gehört auch Arnold Ruge, der berühmte und früher oft genannte Redacteur der „Deutschen Jahrbücher für Kunst und Wissenschaft“, der in vormärzlicher Zeit bereits so wacker gestritten und seine ganze und reiche Existenz in Deutschland der guten Sache des Volkes geopfert hat. Einen Besuch bei ihm, in seinem englischen Exil, mögen die folgenden Zeilen schildern, denen wir ein kurzes Wort über den Mann selbst vorausschicken.

Arnold Ruge ist mit Fortschrittsbeinen auf die Welt gekommen. Die geistigen Münzen, die er für das deutsche Volk schlug, tragen alle den welfischen Wahlspruch: Nunquam retrorsum! – Weil er aber das Unglück hatte, in der Politik ein deutscher Professor, d. h. Doctrinär über Alles zu sein, so half ihm, trotz der Grundehrlichkeit seines Strebens und der Größe der von ihm seiner Ueberzeugung gebrachten Opfer, beim Volke sogar sein Parlamentsplatz als Linkester aller Linken nichts: das Volk konnte ihm sein Ringen und Dulden nicht mit der dem strebenden Geiste so wohlthuenden Anerkennung lohnen, weil es ihn nicht verstand, weil es dem Fluge seiner social-demokratischen Ideen nicht folgen konnte. Da aber der Mann, wie mancher Irrthum ihm auf seiner Kampfbahn auch als Waffe in die Hand gerathen ist, nicht nur zu den begabtesten und denkendsten Köpfen, sondern auch zu den redlichsten und glühendsten Herzen der deutschen Nation gehört, so soll sie wenigstens sein Andenken ehren, bis die Zeit kommt, wo diese bedeutende und nun durch Jahre und Erfahrungen gereifte und geklärte Kraft wieder auf dem Boden der Heimath wirken kann.

Es wird aber hohe Zeit, daß dies geschehe, denn A. Ruge hat bereits sein sechzigstes Jahr begonnen, er ist am 13. September 1802 geboren, und zwar auf der Insel Rügen, also ein Landsmann des alten Arndt. Sein Leben war ein vielbewegtes gleich von seiner Studentenzeit an. Er gehörte in Jena und Halle zu jenem burschenschaftlichen Bunde der „Jungen“, der im Stolze des politischen Geheimnisses neben sich einen Bund der „Alten“ träumte und an dessen Spitze deutsche Fürsten, die während der Franzosenherrschaft sich als deutsche Patrioten gezeigt hatten, wie den König von Würtemberg, den Kronprinzen Ludwig von Baiern, den Großherzog Carl August, den Herzog Ernst (I.) von Coburg u. s. w. stellte. Als der kühne Traum zerrann, erwachten die Jünglinge im Kerker. Ruge hatte ein volles Jahr die bekannte Demagogen- Untersuchungshaft zu Köpenik erlitten und ward dann zu 15jährigem Gefängniß verurtheilt; nachdem er fünf Jahre auf dem Lauenburger Thor zu Kolberg gesessen, ließ man ihn im Jahre 1830 frei. Diese Zeit war für ihn keine verlorene, er hatte sie zum Ausbau seiner Kenntnisse angewandt. Sein Ruf schien politisch vollkommen gereinigt, denn man gab ihm eine Lehrerstelle am Pädagogium zu Halle und ließ ihn später als Privatdocent an der Universität daselbst zu. Außerdem auch ein vermögender Mann, Salzpfänner und städtischer Beamter dazu, genoß er in Halle Behaglichkeit und Ansehen zugleich. Aus diesem Leben rissen ihn die von ihm und Echtermeyer begründeten „Hallischen Jahrbücher für Kunst und Wissenschaft“, die damals durch ihren frischmuthigen Kampf gegen Zopf und Schlendrian auf allen geistigen Gebieten Epoche machten. Da bedrohte sein junges Blatt die preußische Censur; um es dieser zu entziehen, verließ er Halle, siedelte nach Sachsen über, verwandelte es hier in „Deutsche Jahrbücher“ und – war von: Regen in die Traufe gekommen. Das Blatt ward vollständig unterdrückt. Nun eilte Ruge, voll ungerechten Grimms gegen die ganze deutsche Nation, nach Paris, erlebte jedoch hier, daß das Volk sich nicht und die Polizei so viel um ihn bekümmerte, daß sie ihn auswies und seine dort begonnenen „Deutsch-französischen Jahrbücher“ gleich nach der Geburt erstickte. Ruge ging nun nach der Schweiz, von wo er schließlich nach Deutschland zurückkehrte, nachdem er dort mit Fröbel zusammen das „Literarische Comptoir“ gegründet, in dem bekanntlich zuerst die Herwegh’schen Gedichte erschienen. Später gründete er in Leipzig ein „Verlagsbureau“, aus welchem manches Gediegene hervorging. Da schnellte ihm das Jahr 1848 wieder von Neuem auf. Die Märzrevolution lockte ihn erst nach Berlin und führte ihn dann in die Paulskirche nach Frankfurt a. M., und als er, mit allen politischen Richtungen dort zerfallen, mürrisch „dieses von der Weltbewegung weit überholte Dorf“ verließ, um seinen Zorn auf einer Rundreise durch Deutschland auszuathmen, und die Nationalversammlung ihn für ausgeschieden erklärte, trieb ihn ein böser Genius wieder nach Berlin. Hier war indeß „Vater Wrangel“ der gebietende Mann geworden, und trotz Manteuffel’s Widerspruch mußte Ruge, weil er „stets ein Feind der preußischen Regierung gewesen“, sofort die preußische Hauptstadt verlassen. Mit dem Verlust von Tausenden seines Vermögens, die er namentlich in den Berliner Octobertagen für Agitationsmittel und zur Begründung einer demokratischen Zeitung, „die Reform“, geopfert hatte, kam er nach Leipzig zurück. Er griff nun abermals sein buchhändlerisches Geschäft energisch an, aber kaum hatte er hier den Stuhl zum Arbeitstisch gerückt, so gerieth er in Verwickelung mit den Dresdner Maiereignissen und entfloh den Folgen derselben nach England, wo er seitdem als einer der achtbarsten deutschen Verbannten lebt.

Arnold Ruge nimmt in der deutschen Literatur eine bedeutende Stelle ein. Er muß als einer der scharfsinnigsten Kritiker und der namhaftesten Vorkämpfer des Socialismus in Deutschland anerkannt werden, hatte seiner Zeit dem Studium des Hegel’schen Systems der Philosophie zu großer Ausbreitung mit verholfen, insbesondere aber durch die bereits genannten „Hallischen Jahrbücher“ sich eine Macht erworben, durch welche er eine in der politischen Stickluft von 1837 außerordentlich wohlthätige und ebenso fruchtbringende Umwälzung in der Journalistik bewirkte. Wer an jene Censurblüthentage zurückdenkt, wird noch heute dem tapfern Ruge seinen Dank nicht versagen. Nicht weniger entschieden, wie auf dem Felde der Aesthetik, trat er auf dem der Politik auf, und er verdient die Anerkennung, daß der social-demokratische Freistaat, [250] sein Ideal, wenigstens keinen begabteren und redlicheren Apostel gefunden hat. Frei von den Uebertreibungen und Verzerrungen, durch welche Proudhon, Blanc und Fourrier den Socialismus verunstalteten, wußte Ruge auch hier die angeborene Achtung der Deutschen vor Ehe und Staat mit seinem Freiheitstreben zu vereinigen; man braucht ihm nicht anzuhangen, aber versöhnt ist man mit ihm um der Reinheit seiner Ideen willen.

Das ist in aller Kürze Lebenslauf und Charakteristik eines deutschen Schriftstellers, in dessen gegenwärtige Häuslichkeit ein Besuch uns einführen soll.

Eine Geschäftsreise, erzählt unser Gewährsmann, führte mich im September 1861 nach London und ein Empfehlungsbrief in die Familie des Dr. Henz, eines deutschen Landsmanns, der mir eines Tages, nachdem meine Geschäfte beendet waren, den Vorschlag machte, seinen Freund Ruge in Brighton zu besuchen, dessen Geburtstag am morgenden Tage gefeiert werden solle.

Zur richtigen Stunde fand ich mich am bestimmten Tage am Bahnhöfe ein und dampfte mit Freund Henz ab. Unterwegs erzählte mir Henz, daß Ruge’s Bestrebungen, sein politisches Glaubensbekenntnis; zu verwirklichen, in der That sein bedeutendes Vermögen schon verschlungen hatten, als er genöthigt war, Deutschland zu verlassen. Ohne Aussicht aus eine neue Existenz, ohne Freunde, ohne Geld war er in Brighton angekommen, doch hatte er den Muth nicht sinken lassen. Eine Gattin war ihm in’s Exil gefolgt, so edel und gut, daß sie der Sonnenschein in seinem Leben war. Sie erhellte ihm die trübsten Tage seines Daseins und verlor nie ihren schönen Gleichmuth. Um sein häusliches Glück vollständig zu machen, hatte ihm Gott vier wohlgerathene Kinder geschenkt. Die Erziehung des ältesten Sohnes wurde in Berlin beendet, die drei andern folgten den Eltern nach England. Es gelang Ruge, sich in Brighton eine Existenz zu gründen, indem er sich als Lehrer beschäftigte und seine freie Zeit literarischer Thätigkeit widmete. Bald hatte er sich dort einen guten Ruf und ein anständiges Auskommen erworben, und er konnte nun in sein Haus den angenehmen Comfort einführen, der es jetzt ziert.

Als wir bei Ruge gemeldet waren, kam er uns mit einem sehr charakteristischen „Halloh!“ entgegen, und sein Jubelruf: „Freund Henz ist da!“ schallte durch das ganze Haus. Ruge’s Gattin erschien, ich wurde Beiden vorgestellt – und sie empfingen mich auf das Freundlichste. Man behandelte mich wie einen, alten Bekannten, und bald fühlte ich mich heimisch genug bei ihnen, um unbefangen beobachten zu können. An Ruge und seiner Gattin ist die Zeit sehr schonend vorübergegangen, sie hat ihnen ihre Spuren so leise als möglich aufgedrückt. Ruge ist eine große, kräftige, zum Embonpoint geneigte Gestalt, sein Schritt ist fest, und nur seine etwas vorgebeugte Haltung verräth, daß der Mittag seines Lebens vorübergezogen. Er erzählt viel und mit großem Humor, wobei seine blauen Augen oft schalkhaft aufleuchten. – Seine Urtheile sind etwas schroff und würden leicht verletzen, wenn sich nicht in seinem ganzen Wesen eine große Gutmüthigkeit ausspräche. Wir verbrachten eine angenehme Stunde in seinem gemüthlichen „Parlor“, bis wir zum Mittagessen gerufen wurden. Gegen den englischen Gebrauch essen Ruge’s nach deutscher Sitte um 1 Uhr zu Mittag. Nun sah ich auch die beiden Töchter, von denen die älteste erwachsen, die jüngste heranwachsend ist. Außerdem waren zwei Damen aus Deutschland da, Verwandte der Familie, denen man es ansah, daß sie sich in dem Hause wohl fühlten. Bald war die fröhlichste Unterhaltung im Gange. Die älteste Tochter, eine zarte Blondine, nimmt als echtes Kind ihres Vaters lebhaften Theil an allen politischen Fragen der Zeit. Sie erzählte mit strahlenden Augen, dem Vater sei vor Kurzem ein Aufsatz in einem deutschen Journale zugeschickt worden, welcher sage, mehrere Freunde Ruge’s wünschten seine Rückkehr nach Deutschland. Sie ließ es sich nicht nehmen, das Journal, den „Courier an der Weser“, herbeizuholen, damit wir selbst die ehrenvolle Erwähnung ihres Vaters lesen sollten. Obgleich sie mit ihrem Eifer geneckt wurde, so sah man doch deutlich, wie sehr sich Alle schon über dieses geringe Zeugniß freuten, daß Ruge in Deutschland noch nicht vergessen sei. Ganz ungesucht leitete dieser Vorfall ein Gespräch über Politik ein, das natürlich nicht umhin konnte, sich namentlich über Deutschland und die italienischen Verhältnisse, Napoleon und Garibaldi zu verbreiten. – Auch die Toaste kamen in der Ordnung der Festtafelfreuden an die Reihe und ließen jeder Ehre und jedem Andenken das verdiente Glas erklingen, zuletzt noch für die abwesenden Glieder der Familie, die beiden Söhne Ruge’s; der älteste hat sich vor Kurzem als praktischer Arzt in Berlin niedergelassen, der jüngste vollendet soeben seine Studien in Zürich. Zwei Stunden waren am fröhlichen Tische pfeilgeschwind vergangen, man erhob sich zu einen Spaziergang an die See. Ein fortlaufendes Gespräch kam hier nicht in Gang, dazu bot sich den Augen zu viel reicher Wechsel der Gegenstände dar. Dafür warf Ruge manche gelegentliche Bemerkungen hin, von denen die folgende Anekdote seine stets bereite Schlagfertigkeit bezeichnet. Einmal ist Ruge mit einem Halle’schen Professor in Streit gerathen, der Wortwechsel ist ziemlich lebhaft geworden, und Ruge’s Gegner vergißt sich zu dem Vorwurf: „Ihr Latein ist das eines Pferdedoctors!“ – „Ich glaube es selbst,“ blitzt Ruge ihm entgegen, „sonst hätte ich Sie nicht in die Cur genommen!“ Und böse ward der Professor von derselbigen Stunde.

Es ist eine alte Klage, daß aus Deutschland nicht blos seine edeln Söhne, sondern auch viele schlechte Subjecte nach England kommen, und das hat auch Ruge oft zu seinem Schaden erfahren. Er wird viel von hülfsbedürftigen Deutschen in Anspruch genommen, und wie oft auch schon betrogen, kann er sich doch das Helfen nicht abgewöhnen, wo er Noth sieht, wäre es auch nur vorgebliche. Und doch hat sein Glaube an die Ehrlichkeit der Menschen harte Proben zu bestehen gehabt. Entwendeten ihm doch einst zwei deutsche Besucher von seinem Schreibtische zwei Briefe, und der eine dieser Herren hatte sogar die Bollmann’sche Stirn, diese Briefe später im Druck zu erwähnen.

Von unserem Spaziergange zurückgekehrt, nahm Ruge uns mit in sein Zimmer und las auf unser Bitten uns Einiges aus seinen „Jugenderinnerungen“ vor, deren Ausarbeitung, wie er uns sagte, damals seine freie Zeit vollständig in Anspruch nahm. Er bot uns in der That einen hohen Genuß, besonders durch die frischen und lebendigen Schilderungen seiner Heimathinsel. Die ergötzlichen Einfälle des Knaben zeigten schon im Keim den unverwüstlichen Humor des Mannes. Unser schallendes Gelächter unterbrach mehr als einmal den Vorleser. Ich glaube, Ruge hat in Erinnerung an das glückliche Elternhaus seine eigene Häuslichkeit mit vieler persönlicher Liebenswürdigkeit so angenehm gestaltet. Um tiefer eingehende Beobachtungen zu machen, habe ich zu wenig Stunden mit ihm verlebt, aber darin fand ich bestätigt, was mir Henz sagte: Ruge gewähre die Freiheit, welche er verkündige, seiner Familie vollständig. Bei der Erziehung seiner Kinder, lasse er den Grundsatz walten, Jedes müsse seine Individualität so frei als möglich entwickeln und das Beispiel der Eltern die Hauptsache dazu thun. Und ganz in seinem Geiste schalte und walte seine Gattin frei im Hause zu seinem und der Kinder Wohl.

Wir folgten mit so viel Theilnahme Ruge’s Lesen, daß wir gern den Thee entbehrt hätten, um noch mehr zu hören. Aber unten im Eßzimmer wurden schon muntere Stimmen laut und bald riefen sie uns auch dahin. Eine gewählte Gesellschaft von Deutschen und Engländern war dort schon versammelt. Die Theezeit wurde jedoch verkürzt, und wir begaben uns nun in das Drawing-room. Nach englischer Sitte grenzt an dieses ein kleineres Zimmer, back-drawing-room, und hier war die eigentliche Feier des Tages vorbereitet. Die Damen des Hauses stellten hier mit Hülfe ihrer Freunde Bilder, wozu die Motive alle aus Ruge’s Werken genommen waren. Nachdem jedes Bild einige Augenblicke gestanden, fiel nicht, wie gewöhnlich, der Vorhang, sondern es belebte sich das Bild und eine Scene wurde aufgeführt, in der Ruge gar bald sich selbst und seine eigenen Worte heraushörte. Zuletzt erschienen Ruge’s Töchter und Nichte als Britannia, Germania und Insel Rügen in schöner Gruppe vereinigt und brachten ihm mit herzlichen Wünschen für sein Wohl einen Kranz. Er war sichtlich gerührt durch die so wohlgelungene Ueberraschung. Seine Nichte, eine interessante Brünette mit dunkeln Augen, hatte als Germania die von Frau Ruge gedichteten Verse mit viel dramatischer Befähigung gesprochen, Ruge war darin Germania’s Sohn genannt, und er neckte nun seine Nichte, daß sie ihm eine so schlechte Mama gewesen. Sie vertheidigte Germania, aber er warf ihr scherzend vor, daß sie ihre Rolle ganz unrechtmäßig erhalten, da Germania blond und blauäugig sein müsse. Unter diesen und ähnlichen frohen Scherzen verging das „Supper“ den älteren Gliedern der Gesellschaft zu schnell, den jüngeren zu langsam. Bei diesen hatte die Frage, wer wohl Tänze spielen könne, schon allerhand glückliche Vermuthungen hervorgerufen. Als wir in das Drawing-room zurückkehrten, war dies wirklich so viel [251] als möglich ausgeräumt, und von dem Pianino ertönten verlockende Klänge für die Herzen und Füße der Jugend. Germania bat Ruge, den Ball mit ihr zu eröffnen. Er zögerte nur einen Augenblick, dann ging er lustig auf den Scherz ein und bat um einen langsamen, deutschen Walzer, und diesen tanzte er so zierlich und gewandt, als sei er immer in der Uebung gewesen. Nun wollten auch andere Damen mit ihm tanzen. Mit vielem Vergnügen willfahrte er Allen und erfreute die ganze Gesellschaft durch seine jugendliche Frische. Er gefällt den Engländern außerordentlich, und nach Allem, was ich sah, muß seine und seiner Familie Stellung in Brighton eine sehr gehobene sein.

Es war spät, als die Gesellschaft sich auflöste und wir das freundliche Schlafzimmer benutzten, das mir und Henz eingeräumt worden war. – Am andern Morgen sahen wir den Hausherrn nur flüchtig beim Theetrinken, da sein Tagewerk schon früh beginnt. Seine Damen leisteten uns noch bis ein Uhr Gesellschaft, und nach einem freundlichen Abschied führte uns der Dampfwagen wieder nach London. Den folgenden Tag verließ ich England und kehrte um eine liebe Erinnerung reicher in das Vaterland zurück.

Ich konnte nicht widerstehen, Ruge’s Freunden in Deutschland den bei ihm verlebten Tag zu schildern, und wenn ihm die Zeitung zu Gesicht kommen sollte, was nicht unmöglich, da die „Gartenlaube“ auch in Brighton gern gelesen wird, so bitte ich ihn, mir die kleine Indiskretion zu verzeihen. Eine Aeußerung von ihm berechtigte mich dazu, da er sagte: Alles, was von Andern aus seinem öffentlichen oder Privatleben gedruckt worden sei, habe ihn nicht erzürnt, sobald es nur Wahrheit gewesen. Dann wollte ich, zur Beruhigung für die Deutschen daheim und zugleich zur Erklärung meiner, anscheinlich einen bitteren Widerspruch in sich schließenden Überschrift, den alten Verehrern Ruge’s einen Einblick in dessen Verhältnisse eröffnen; sie finden darin im Allgemeinen das zufriedenstellende Bild der Verhältnisse unserer namhaften verbannten Landsleute und namentlich der Schriftsteller. Wissen, Kraft und Fleiß hält sie auch in der Fremde oben. Trotz alledem behält aber das Wort „im Elend“ für sie seine volle schwere Bedeutung in gar vielen Stunden, wo das Heimweh mit seinem unbeschreiblichen Schmerz in den treuen deutschen Herzen aufgeweckt wird und vergeblich auf Heilung aus Deutschland hofft.