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Ein Besuch im Staatsgefängnisse zu Kilmainham

Textdaten
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Autor: Paul d’Abrest
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Titel: Ein Besuch im Staatsgefängnisse zu Kilmainham
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21-22, S. 349-351, 362-363
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[349]

Ein Besuch im Staatsgefängnisse zu Kilmainham.

Zur Beleuchtung der Zustände in Irland.
Von Paul d’Abrest.

Seit einem dreiviertel Jahrhundert sind die Zustände in Irland, das durch den beklagenswerthen Meuchelmord an dem Lord Cavendish und dem Unterstaatssecretär Bourke auf’s Neue in den Vordergrund des Interesses getreten ist, im vollsten Sinne des Wortes Ausnahmszustände; denn fast ununterbrochen mußte England mittelst außerordentlicher Maßnahmen den anarchischen Vorgängen gewaffnet entgegentreten, welche über die von der Natur so lieblich ausgestattete Smaragdinsel einen so tiefen Schatten werfen. Das Charakteristische an diesen Zuständen ist das Zwitterhafte, das ihnen anklebt. Die englische Herrschaft ist auf dem schönen grünen Eilande gewissermaßen unterminirt; sie wird von allen Seiten angegriffen, bekämpft oder als nicht vorhanden betrachtet. [350] trachtet. Das Land gehorcht mit merkwürdiger Passivität Persönlichkeiten, deren einzige Macht in ihrer Beredsamkeit und in der Liebe zum irischen Vaterlande wurzelt. Und dennoch giebt es keine offene Empörung, keine Revolution, keinen Versuch, die Fesseln, mit welchen alltäglich in den öffentlichen Versammlungen und Journalen gerasselt wird, abzuschütteln, keine gewaltsame Anstrengung, das vielgeschmähte Joch zu sprengen. Warum? Weil offenbar noch heute die Führer der irischen Agitation die Anschauung des genialen Agitationsvirtuosen Daniel O’Connell theilen, der überzeugt war, daß es für seine Landsleute nur einen einzigen Weg gäbe, zu ihrem Rechte zu gelangen, einen Weg, der zwar langsam, aber um so sicherer zum Ziele führe, und diesen Weg erblickte er in dem Gebrauche jener Mittel, welche die englische Verfassung und die englische Freiheit den bedrückten Irländern gestatten. Ein offener Aufruhr würde die ganze irische Frage auf ein Gebiet versetzen, von dem die Irländer Alles zu befürchten hätten: auf das rein militärische Gebiet. Ohne Zweifel würden die Empörer in diesem Fälle nicht nur durch die englische Armee, sondern auch durch die fanatischen und unerbitlichen Freiwilligen niedergeworfen und als Rebellen sämmtlicher Rechte beraubt werden, welche ihnen die englische Verfassung einräumt.

Allein im Laufe dieses Kampfes, der seit ungefähr siebenzig Jahren im irischen Volke wühlt, wurde weder auf der einen noch auf der andern Seite die streng gesetzliche Grenze eingehalten. Man kann sicher nicht behaupten, daß die „agrarischen Morde“, die Sprengung öffentlicher Gebäude (oder der Versuch zu solchen Verbrechen), die Erschießung junger Damen auf der Landstraße in den Rahmen einer rein verfassungsmäßigen Opposition paßten. Andererseits ist’s nicht möglich, ein Bild grelleren Widerspruchs hinzustellen als die Gegensätzlichkeit, welche zwischen den normalen Schutzbedingungen der englischen Verfassung, dem Habeas Corpus und den gewaltsamen Paragraphen jenes Coercitionsgesetzes (Ausnahmegesetzes) besteht, die einer einzelnen Persönlichkeit, dem Lord-Lieutenant von Irland, gestatten, jedes beliebige, auf irländischem Boden betroffene Individuum, ohne irgend welche Rechenschaft darüber abzulegen, in einen Staatscarcer zu werfen. Diese „Bill“ war allerdings nicht die erste drakonische Maßregel, die vom Parlamente in Westminster bewilligt wurde, um den Widerstand der halsstarrigen Brüder auf der Schwesterinsel zu brechen; denn schon im Jahre 1844 wurde jene Entwaffnungsbill erlassen, welche die Aufbewahrung von „Gewehren, Säbeln, Piken, Speeren“ und „solchen Instrumenten, die als Piken und Speere dienen könnten“, mit Deportation bis zu fünfzehn Jahren ahndete, und vier Jahre später trat die Coercitionsbill in’s Leben, deren Bestimmungen dem schroffsten Belagerungszustande der festländischen Tyrannenstaaten nichts nachgaben; im Jahre 1865 aber, als die fenische Bewegung unter der Führung des heute verschollenen Stephens ausbrach, wurde die Habeas-Corpus-Acte auf der Insel suspendirt und die seit der großen Hungersnoth von 1844 vollständig verstaatliche und gedrillte Polizeimacht mit Gewalten ausgestattet, welche in Alt-England die lebhaftesten Proteste hervorgerufen hätten.

Noch nie waren die Verhältnisse in Irland so ruhig und so geordnet gewesen, wie bei Beginn der Landliga-Agitation im Herbste 1879. Die verschiedenen Ausnahmsmaßregeln waren außer Kraft gesetzt worden; die Volksführer, mäßige und friedliche Männer, meistens alte Herren, gaben sich mit den nach und nach eingeführten Reformen sehr zufrieden, da dieselben den redlichen Zweck verfolgten, die Lage der unglücklichen Farmer zu mildern und die fetten, ungeheuerlichen Privilegien der „etablirten“ protestantischen Kirche einzuschränken. Allein die Mißernte des Jahres 1879 schleuderte den besonnenen irischen Opponenten schwere Prügel in die Räder. Die Noth trieb die unglücklichen Pächter rettungslos der Landliga in die Arme; das allgemeine Elend verschaffte den flammenden Worten der revolutionären Volkstribunen Gehör, und bald darauf begannen die Morde und nächtliche Mondscheinexpeditionen gegen die Schloßherren und ihre noch mehr verhaßten Agenten. Lange genug – man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen – zögerte der liberale Gladstone; lange genug zögerten seine Collegen, von denen einzelne, wie John Bright, ihr ganzes Leben hindurch für die Freiheit gestritten hatten, ehe sie sich entschlossen, die Statue der Verfassung neuerdings mit einem Flor zu umhängen; allein es mußte zu außerordentlichen Maßregeln gegriffen werden, weil eine normale, gesetzmäßige Bestrafung der agrarischen Lordmörder nicht thunlich war, denn selbst in den Fällen, wo die handgreiflichsten Beweise vorhanden waren, wo die Schuld des Angeklagten moralisch erwiesen war, konnte eine Verurtheilung nicht stattfinden, da im ganze Lande keine Zeugen gegen den Angeklagten, keine Geschworenen aufzutreiben waren, die gewagt hätten, eine Verurtheilung auszusprechen. So groß war die Furcht vor der geheimen fenischen Vehme.

Diese skandalöse Straflosigkeit des Verbrechens sollte nun durch das „Suspect“-, das Verdachts-Gesetz beseitigt werden. Dasselbe erlaubt den Behörden, Jedermann hinter Schloß und Riegel zu verwahren, welcher entweder im Verdachte steht, an einem agrarischen Verbrechen Theil genommen zu haben, oder für fähig gehalten werden darf, ein solches zu begehen. Das sind, wie man sieht, sehr dehnbare Bestimmungen, wie diese stets bei Ausnahmegesetzen und willkürlichen Maßregeln der regierenden Gewalt sich geltend zu machen pflegen. So erklärt sich denn auch, daß wir unter den sechshundert Gefangenen, die seit vorigem October kraft des Coercitions-Gesetzes verhaftet wurden, nicht blos Leute fanden, welche im Stande waren, ihren Widersachern hinter der Hecke mit dem Stutzen aufzulauern oder Nachts den mißliebigen Pächtern eigenhändig die Nasen abzuschneiden, sondern auch die blos moralisch Mitschuldigen und an der Spitze dieser Suspects vornehmeren Kalibers die drei Abgeordneten Parnell, O’Kelly, Dillon. Das Gefängniß von Kilmainham war der unfreiwillige Aufenthalt dieser inzwischen der Haft entlassenen Gentlemen.

Die Pferdebahn, welche durch die breiten, sauberen, mit Holz gepflasterten Straßen der irischen Hauptstadt rollt, führt uns binnen zwanzig Minuten vom College Green zum Fuße der kleinen Anhöhe, auf der sich das fragliche Verließ befindet.

College Green ist der Hauptplatz Dublins, hier finden wir das stattliche Universitätsgebäude („Trinity College“) und die monumentale „Bank of Ireland“ mit den symbolischen Statuen am Haupteingange. Beim Anblick dieses zweiten Gebäudes pocht jedem richtigen irischen Patrioten das Herz in der Brust; denn hier war es, wo bis 1800 das irische Parlament machtvoll tagte; hier war es, wo die gewichtige Stimme der patriotischen Redner, deren Statuen den Platz schmücken, ertönte, und hierher hoffen triumphirend dieselben Männer einzuziehen, die zum Theil noch dort oben in Kilmainham schmachten.

Treten wir die Fahrt dorthin an! Wir passiren einige Kirchen, ein Arbeitshaus – und stehen vor der Bastille. Die Hauptfront, ziemlich länglich und unregelmäßig gebaut, präsentirt sich nach Norden zu, während die Rückseite, welche von hohen Ringmauern geschützt wird, der Stadt zugewendet ist, das heißt dem ungeheuer ausgedehnten Phönix-Park mit seinen riesigen Alleen, seinen endlosen Wiesen und Weiden, wo nicht nur das gewöhnliche Vieh seine Nahrung sucht, sondern auch Hirsche und Rehe in der harmlosesten Weise zu Dutzenden, ja zu Hunderten herumstreifen.

In diesem durch die jüngsthin erfolgten Morde an Cavendish und Bourke zu einer so traurigen Berühmtheit gelangten Phönix-Parke finden häufig Massenmeetings statt, und fürwahr, es ist keines der geringsten Effectmittel der irländischen Volksredner, daß diese im Feuer des Redestromes mit der Rechten nach den hinter dem Baumgestrüppe sichtbaren Mauern des Gefängnisses hinüberzeigen und begeistert auf den Patriotismus der Männer hinweisen, die dort hinter Schloß und Riegel schmachten.

Den dominirenden Theil des Gefängnisses von Kilmainham bildet eine ungeheuere Glasdecke, denjenigen nicht unähnlich, die sich über die großen Einfahrtshallen unserer Bahnhöfe ausdehnen. Durch diese Glasdecke erhält der Gefangene seine karge Portion Licht in die öde Zelle und vielleicht ab und zu sogar einen Sonnenstrahl.

Das Gefängnißlocal selbst, welches vor ungefähr dreißig Jahren genau nach dem Vorbilde des pennsylvanischen Correctionssystems gebaut wurde, bietet der Beschreibung nur wenig Anziehendes. Die Eingangsthüren sind von einer geradezu fürchterlichen Massivität und mit centnerschweren Eisenbarren versehen, ja, hinter der inneren Thür (beide sind durch einen kleinen Vorhof getrennt, in dem eine zähnefletschende Dogge Wache hält) giebt es zum Ueberfluß noch ein starkes Gitter. Von besonderer Merkwürdigkeit sind die ungeheuer großen Gefängnißschlüssel, wahre Riesenwerke der Schlosserkunst, welche vortrefflich als Schutz- und Trutzwaffe dienen könnten – wahrlich der Wächter, der sich ihrer erfreut, kann jedes Seiten- und Schußgewehr entbehren. Diese Wächter sind, nebenbei bemerkt, durchweg ausgediente Soldaten, und man erkennt ihren Stand sofort an ihrem strammen Wesen. [351] Vom Vorhofe führt ein schmaler Gang, den verschiedene ebenfalls sehr stattliche Thore unterbrechen, in die inneren Räume des Gefängnisses, und eine Seitenthür, ebenso sorgsam verschlossen und verriegelt wie die übrigen, eröffnet die Aussicht aus die sehr verwickelte und verzwickte Treppenflucht, die, dank der Glasdecke hell erleuchtet, zu den drei Stockwerken führt, welche die Zellen enthalten. Man zählt wohl hundert solcher Zellen in jeder Etage, und sie alle münden auf eine offene Gallerie. Ein einziger Wächter genügt, um alle drei Gallerien zu beaufsichtigen und sich zu überzeugen, ob alles in Ordnung ist.

Als ich im letzten April das Gefängniß besuchte, waren sämmtliche Zellen besetzt, und doch bildeten ihre dreihundert Insassen nur die Hälfte der laut des Executionsgesetzes verhafteten Verdächtigen. Die Gefangenen gehörten allen Gesellschaftsclassen an: der einfache Pächter vom Lande oder der Bauernknecht war in Folge desselben Haftbefehls eingesperrt worden, welcher einen Universitätsprofessor oder einen Arzt der Freiheit beraubte. Jene catilinarischen Existenzen, die in den größeren Städten Irlands häufiger anzutreffen sind als anderswo, zerlumpte Gesellen, welche bei politischen oder anderen Demonstrationen Statistendienste leisten und keine andere Herberge kennen als die Meetinghallen und die Wirthshäuser, waren unter den „Suspects“ natürlich sehr zahlreich vertreten, neben diesen zweifelhaften Märyrern der nationalen Sache sah man aber auch Bürgermeister ganz bedeutender Städte und hochangesehene Geschäftsleute.

Katholische Geistliche gab es bis auf Weiteres in dem Castell Kilmainham nicht, dafür aber desto mehr in den anderen irischen Gefängnissen. Die vornehmsten unfreiwilligen Gäste in Kilmainham waren jedoch die drei oben bereits erwähnten Parlamentsmitglieder Parnell, Dillon und O’Kelly. Unfreiwillige! Der Ausdruck paßt nicht ganz; denn die drei Herren brauchten, um dem Gefängnisse zu entgehen, ja nur jenseits des Georg-Canals in England zu bleiben, wo ihnen kein Haar gekrümmt werden konnte. Allein es lag im Interesse der irischen Sache, daß gerade seine rührigsten Führer und Volksvertreter sich als Opfer der englischen Gewalt geriren durften. Ueber meine Begegnung mit diesen drei Führern der irischen Landliga, Parnell, O’Kelly und Dillon, im Gefängnisse von Kilmainham gedenke ich im Folgenden zu berichten.

Textdaten
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aus: Die Gartenlaube 1882, Heft 22, S. 362-363
[362]

Ein Besuch im Staatsgefängnisse zu Kilmainham.

Zur Beleuchtung der Zustände in Irland.
Von Paul d’Abrest.
(Schluß)


Unter den im Vorhergehenden erwähnten irischen Volkstribunen war Parnell der Erste, den der Lord-Lieutenant im October 1881 verhaften ließ. Er ist bekanntlich der Führer der Landliga, ein unermüdlicher Meetingsredner, dessen glühende Beredsamkeit den Funken O’Connell’s in sich trägt und daher bereits dieselbe Wirkung auszuüben begann, wie die Reden des Agitators aus den vierziger Jahren. Es genügt, wie es bei Schreiber dieser Zeilen der Fall gewesen, wenige Minuten mit Parnell selbst im Gefängniß, wenn auch unter der Aufsicht zweier argwöhnischer Wächter, zu conversiren, um überzeugt zu sein, daß man es hier mit einer hochinteressanten Persönlichkeit zu thun hat, die einen hervorragenden Platz in der Geschichte eines nach Freiheit ringenden Volkes verdient, einer Persönlichkeit, die eine bezaubernde und bannende Wirkung auf die Umgebung auszuüben vermag – bei einem Agitator eine unerläßliche Bedingung des Erfolges.

Herr Parnell zählt heute ungefähr siebenunddreißig Jahre. Er ist von Statur ziemlich hoch gewachsen und schlank; seine ganze Physiognomie hat etwas Zartes, Delicates, fast möchte ich sagen Weibliches, und letztere Merkmale hat das Gefängnißregime noch gesteigert. Vor seiner Inhaftirung trug Parnell den Bart kurz gestutzt und hatte so ziemlich das Aussehen eines modernen Londoner Gentlemans, wie auch sein elegantes Benehmen und der Schnitt seiner Kleider vollständig zu diesem erwähnten Eindruck paßten. Der perlgraue Ueberzieher, den er am Tage seiner Verhaftung trug, ist bereits beinahe historisch geworden. Im Gefängnisse aber hat er seinen Bart wachsen lassen und das elegante Costüm durch einen ganz anspruchslosen Morgenanzug ersetzt.

Die agitatorische Thätigkeit Parnell’s dauert bereits über zehn Jahre. Er war damals mit den sehr angesehenen Functionen eines High-Sheriff in jener Grafschaft betraut, wo sich seine Familiengüter befinden; denn der Nachfolger des großen O’Connell ist selbst Landlord und noch dazu Protestant. Seine Familie hatte sich im irischen Staatsleben einen großen Namen erworben.

Die englische Regierung suchte sich dem vielversprechenden jungen Manne zu nähern und ernannte ihn deshalb zum Sheriff, was einer großen Auszeichnung gleichkommt und von den ehrgeizigen jungen Aristokraten sehr geschätzt wird. Aber damit war der Eifer des jungen Parnell nicht gestillt. Er ließ sich in die Gesellschaft der Home-Rulers (d. h. derjenigen irischen Partei, welche die Aufhebung der Union mit England oder wenigstens die Errichtung eines selbstständigen irischen Parlamentes fordert) aufnehmen, welche damals der sehr gemäßigte, ehrwürdige Mr. Bukx von allen Ausschweifungen und Attentaten fern hielt. Der Maiden Speech, den Parnell, um sich für seine Aufnahme zu bedanken, im Club der Autonomisten hielt, war gerade keine besondere oratorische Leistung und ließ nicht den zukünftigen Demosthenes errathen. Bald darauf vereinigte sich Parnell mit einigen hitzigeren Parteigängern des Home-Rule-Club, die bestrebt waren, den bedächtigen und besonnenen Patriarchen Bukx auszustechen und eine rüstige Agitation in’s Leben zu rufen.

Wie höchst gelegen kam damals Parnell eine Vacanz in der parlamentarischen Vertretung Irlands. Er stellte seine Candidatur auf, die sich großen Erfolges erfreute, und im Herbst 1875 betrat er zum ersten Male den kleinen, capellartigen Saal in Westminster. Sofort machte sich sein Einfluß bemerkbar. Die Haltung der irländischen Deputirten war damals eine wenig ausgeprägte; denn die große Bewegung auf der Insel war in’s Stocken gerathen, und in den Fragen, welche das britische Reich berührten und die zu den längsten und leidenschaftlichsten Debatten führten, zählten die Iren gar nicht mit. Parnell überredete mehrere seiner Collegen, gerade bei diesen Fragen zu interveniren, und ging mit gutem Beispiel voran. Von nun an wurde nie eine internationale oder innere britische Frage angeregt, ohne daß wenigstens drei oder vier Mitglieder sich für Irland erhoben, um die Angelegenheit mit einer Beredsamkeit zu erörtern (die Irländer sind geborene Redekünstler), die den Collegen Disraeli’s manchmal Schwulitäten bereitete.

Auf diese Weise erfocht sich die irische Vertretung in Westminster eine geachtete, manchmal sogar gefürchtete Stellung, und bereitete andererseits die Bahnen zu jener Opposition im Parlament, die mehrere Jahre später der englischen Volksvertretung so große Verlegenheiten bereitete. Gleichzeitig hatte die irische Sonderagitation wieder ein Steckenpferd, ein erfolgreiches Schlagwort, die Befreiung der in Folge der Ereignisse von 1867 bis 1868 verurtheilten Hochverräther. Die meisten allerdings waren bereits freigelassen, aber drei oder vier, darunter der bekannte Schriftsteller John Davitt, schmachteten noch im Kerker. Parnell veranstaltete Massenmeetings, ließ Sturmpetitionen unterzeichnen und gab so den Anstoß zu der Bewegung, die von Jahr zu Jahr wuchs und trotz der Abwehr des alten Bukx, der sich über diese „Exasperationspolitik“ bitter beklagte, einen immer mehr und mehr revolutionären Anstrich nahm. Bald kam es innerhalb der Home-Rule-Partei zur offenen Spaltung; Parnell kämpfte an der Spitze des jüngeren Elements gegen den gemäßigten Patriarchen Bukx, und der Einfluß der Revolutionäre behielt schließlich die Oberhand.

Der stolze Disraeli gab endlich nach; die drei letzten Fenier-Sträflinge wurden entlassen und mit ungeheurem Jubel in Dublin empfangen, und namentlich war es John Davitt, ein wegen seiner Energie und Selbstlosigkeit gefeierter Volksmann, der von seinen Landsleuten mit echt irischem Enthusiasmus begrüßt wurde. Unter den politischen Schutz dieses nach zwölfjähriger Kerkerhaft entlassenen Märtyrers begab sich nun klugerweise Parnell. Er stellte sich sogleich an die Spitze der Organisatoren der Festlichkeiten zu Ehren des Befreiten und gab diesem ein Diner im Hôtel Morrisson, dem Absteigequartier der Home-Rulers in Dublin, bei dem sehr scharfe Reden gehalten wurden.

Diesmal war Parnell nicht mehr der schüchterne Redner, wie man ihn bei seinem ersten Auftreten in der Home-Rule-Gesellschaft kennen gelernt; er war der ungestüme, flammende Volkstribun, dessen Worte von dem uralten Haß sprühten, der in Irlands Herzen seit Jahrhunderten glimmte. Da war von keiner Concession mehr die Rede; es wurde vielmehr Alt-England der Krieg bis auf’s Messer erklärt, und noch toller ging es wenige Tage später zu, als zwei der Häftlinge in Folge der ausgestandenen Mühsale starben und unter ungeheurem Zulauf des Volkes bestattet wurden.

Der Patriarch der Gemäßigten, der biedere Bukx, durfte sich zu seinen Vätern versammeln; seine Rolle war ausgespielt; denn das Wort führten nunmehr die Desperados, wie er dieselben nannte, und deren anerkannter, bald von ganz Irland bejubelter Chef war Herr Parnell. Von nun an entfaltete dieser eine unerhörte agitatorische Thätigkeit. Ein Meeting jagte das andere, und nirgends versammelten sich Irländer, ohne daß Parnell eine mehrstündige Brandrede hielt, im Parlamente gab es keine Frage, keine Interpellation, keine Bill, ohne daß Mr. Parnell einige Amendements einbrachte, die er vertheidigte. Dann gab es eine Pause, aber sie währte nur die Spanne Zeit, die zur Ueberfahrt nöthig war.

Plötzlich tauchte der Agitator jenseits des Meeres auf, sammelte Gelder und erhielt mit Tausenden von Pfund Sterling die Weihe der Irisch-Amerikaner, die ihn ebenfalls zum Leiter der Home-Rule-Bewegung ausriefen. Mit diesem doppelten Viaticum ausgerüstet, kehrte Parnell nach Irland zurück und gründete die Landliga.

Es ist nicht nöthig, hier auszuführen, welch eminente Thätigkeit er an der Spitze dieser Vereinigung entwickelte, durch die nach und nach ganz Irland in Wallung gerieth. Das Coercitionsgesetz war speciell gegen diese gerichtet, und man mußte, um zu wirken, das Haupt derselben treffen.

An einem Octobermorgen des vorigen Jahres hielt ein Cab vor der Thür desselben Morrisson-Hôtels, wo vor Jahr und Tag das Fest zu Ehren John Davitt’s stattgefunden hatte. Polizisten saßen auf und in dem Wagen, während andere Detectives vor dem Eingange patrouillirten. Ein Polizeicommissar ging die Treppe hinauf und ließ sich vom „Waiter“ ein Zimmer im ersten Stockwerk zeigen. Er klopfte an die Thür; Parnell, halb angekleidet und mit Schreiben beschäftigt, öffnete. Der gerichtliche Beamte

[363] zog aus seiner Brieftasche einen Haftbefehl und erklärte im Namen des Lord-Lieutenants Parnell für gefangen. Dieser schien sehr gefaßt – wußte er doch durch seine Gegenpolizei, daß seine Inhaftirung beschlossene Sache war. Nach wenigen Minuten rollte der Wagen die steile Anhöhe nach Kilmainham hinan.

An demselben Tage brachte die Polizei zwei parlamentarische Collegen – es waren die Herren O’Kelly und Dillon. O’Kelly ist eine der merkwürdigsten und ich möchte sagen saftigsten Erscheinungen der irischen Agitation. Sein Körperbau ist derb, fast athletisch; sein Kopf ruht auf breiten Schultern, und sein Gesicht, von einem röthlichen Bart umrahmt, hat einen grob leidenschaftlichen Ausdruck. Der energische Revolutionär spricht aus allen Zügen O’Kelly’s, und seine physische Ausstattung deutet darauf hin, daß der Mann fähig wäre, von der revolutionären Theorie zur revolutionären Praxis überzugehen. O’Kelly ist seines Berufes Journalist, ein Reporter vom Schlage Russell’s, Forbes’ und Stanley’s, wie ihn nur englische und amerikanische Zeitungen brauchen können, der stets bereit ist, heute eine Weltumsegelung mitzumachen; über’s Jahr einem Krieg in Afghanistan beizuwohnen und zu beschreiben und darauf eine Tigerjagd zu unternehmen. O’Kelly wirkte für den „New-York Herald“ und wurde von diesem Blatte nach der Insel Cuba gesandt, während die Insurrection gegen die spanischen Machthaber wüthete. Die Amerikaner waren ohnedies auf Cuba ziemlich verhaßt, und man hatte auf jener Insel für den Vertreter des großen New-Yorker Journals keine besonderen Sympathien. Als man erfuhr, daß O’Kelly sich in das Lager der Insurgenten begeben hatte, um dort authentische Nachrichten einzuziehen, wurde er verhaftet, malträtirt, vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurtheilt und beinahe erschossen. Durch diplomatische Intervention wurde er gerettet, und nun begab er sich nach seiner Heimathinsel Irland, von wo er über die irische Bewegung nach Rew-York referirte, bald aber sich mit Leib und Seele in den Strudel der dortigen Wirren stürzte. Während Parnell in seinen Meetings-Vorträgen, in der Form und in seinem äußeren Auftreten wenigstens, noch immer Parlamentarier blieb und sogar manchmal den Staatsmann herausblicken ließ, war O’Kelly der in seiner ganzen Wildheit entfesselte Volkstribun. Er ertrug auch mit Unmuth das Gefängnißregime, während sein Freund Parnell die Zeit als eine Ruhepause betrachtete, die ihm gönnte, für künftige Kämpfe neue Kräfte zu sammeln und in welcher er gegen die Gefahr, in einer äußerst schwierigen Situation Dummheiten zu begehen, geschützt war.

Der dritte Abgeordnete, der die Schärfe des Coercitionsgesetzes empfinden mußte, war Mr. Dillon. Dieser ist der richtige Irisch-Amerikaner. Jenseits des Ocean’s aufgewachsen und erzogen, hatte er sich zu einem der besten und gefeiertsten Redner in den Congressen aufgeschwungen, welche die Fenier bald in Cincinnati, bald in Chicago abhielten, und merkwürdiger Weise war er nicht einmal in Irland, als die allgemeinen Wahlen von 1879 stattfanden. Der Kabeltelegraph brachte ihm die Nachricht von seiner Wahl zum Abgeordneten. Er hatte sich gar nicht um die Ehre eines Mandats beworben, aber Dillon war bei den Amerikanern gut angeschrieben, und diese Empfehlung war die beste in den Augen der irischen Wähler. Kaum im Gefängnisse angelangt, erkrankte Dillon nicht unbedenklich, und mußte in das Krankenhaus wandern. Im Parlament von Westminster wurde sein Zustand öfters von seinen irischen Freunden zur Sprache gebracht; man interpellirte Forster, den bisherigen Staatssecretär für Irland. Dieser antwortete beständig, wenn der Kranke sich auf den Continent begeben wollte, so wären die Thore von Kilmainham ihm geöffnet, allein wolle der Gefangene Irland nicht verlassen, so könne er (der Staatssecretär) Dillon nicht freilassen, da er fürchten müsse, er werde dann im Lande weiter agitiren. Obwohl sehr leidend, wollte Dillon von einer solchen Entlassung nichts wisssen und blieb lieber im Gefängniß. Es paßte ja vortrefflich in den Rahmen der nationalen Agitation, einen zum Skelet abgehärmten und von der Gefängnißluft verwelkten Märtyrer anfweisen zu können.

Der Gouverneur von Kilmainham zeigte sich anfangs den Herren aus dem Parlamente gegenüber sehr streng. Sie durften ihre Zellen nur sechs Stunden am tage verlassen, und es wurde dafür gesorgt, daß sie nicht die Köpfe usammensteckten, ohne daß gleich ein paar Aushorcherohren dazwischen kamen. Punkt acht Uhr wurde in den Zellen das Gas abgedreht; Zeitungen und Bücher wurden der strengsten Censur unterworfen; jedes Journal in fremder Sprache blieb ausgeschlossen, und wenn der „Freeman“, das Blatt der gemäßigten Land-Liga, etwas Scharfes gegen England enthielt, wurde es nicht ausgetheilt.

Noch drakonischer wurde die Correspondenz überwacht. In jedem ein- und ausgehenden Briefe witterte man irgend ein gefährliches Staatsgeheimniß, und der Gouverneur eröffnete oft den „vornehmen“ Gefangenen, daß er im Punkte der geheimen Correspondenz keinen Spaß verstehe. Und wirklich war die Aufsicht über die Correspondenz eine sehr strenge.

In Folge der zahllosen Reclamationen, welche die irischen Deputirten im Parlament Tag für Tag erhoben, lockerte sich nach und nach das Regime, dem die politischen Gefangenen unterworfen waren. Der alte Gouverneur wurde durch einen andern ersetzt, welcher milderen Anschauungen huldigte. So wurden die Erholungsstunden, welche die Gefangenen gemeinsam zubringen durften, von sechs auf acht erhöht; es wurde ihnen gestattet, sich mit Kartenspiel, Schach, Domino etc. die Zeit zu vertreiben, und das Gas durfte in den Zellen zwei Stunden länger brennen; nur in einer einzigen Beziehung wurde das starre Regiment aufrecht erhalten, wofern es sich um den Verkehr mit der Außenwelt handelte. Da verstand auch der neue Gouverneur keinen Spaß.

Die Besuche fanden in einem rund gebauten Badezimmer statt (wenigstens befanden sich in demselben ein Waschapparat und eine Badewanne) und wurden auf das Strengste controllirt. Der Besucher mußte sich verpflichten, in seinem Gespräche die Politik nicht zu berühren, und damit er sein gegebenes Wort nicht brechen könne, blieb ein Gefängnißwärter während des Gespräches dicht an der Seite des Conversirenden. Uebrigens durfte kein Besuch länger als fünf bis zehn Minuten dauern. Viele unter den Gefangenen protestirten gegen diese Einschränkungen, indem sie überhaupt keinen Besuch empfangen zu wollen erklärten, was dem Gouverneur das Liebste war.

Vergessen wir nicht die Kostfrage! Sie wurde unzähligemal im Parlament von Westminster angeregt, und es ging aus den Menage-Aufzählungen des betreffenden Ministers hervor, daß die den Gefangenen gebotene Nahrung hinreichend und kräftig war, wie denn von mehreren Seiten versichert wurde, daß die einfachen Pächter es oft bei Weitem nicht so gut in ihren Hütten hatten, als in Kilmainham. Nun, das Compliment verdammt eher die irländischen Verhältnisse, als daß es der Gefängnißverwaltung schmeichelt. Hungersnoth konnte man bei den zu fassenden Quantums Fleisch, Gemüse und Brod nicht leiden, aber es war doch immer ein – Gefängniß. Desto rühmenswerther ist der Beschluß der „vornehmeren“ Suspects, obgleich sie das Recht hatten, ihre Beköstigungen von draußen zu beziehen, sich mit dem gewöhnlichen vom Staate verabreichten Essen zu begnügen.

Sofort, nachdem die ersten Verhaftungen stattgefunden hatten, bildeten eifrige Patrioten, und namentlich Damen, einen Unterstützungsfonds für die Gefangenen. Mit den so aufgebrachten Geldern sollten die Familien der Inhaftirten unterstützt und die Gefangenen selbst vor Entbehrungen geschützt werden. Da diese jedoch auf die Douceurs verzichteten, wurden die Gelder für Agitationszwecke verwendet.

Während dieser Aufsatz verfaßt wurde, hat die Windrichtung in England sich plötzlich geändert. Parnell, O’Kelly und Dillon, die vierzehn Tage vor ihrer Freilassung dem Schreiber dieses mit einem tiefen Seufzer erwiderten, sie hätten keine Veranlassung eine baldige Befreiung zu erhoffen, sind heute bekanntlich in London auf ihren Sitzen im Parlamente. Herr Forster, der so viele Verhaftungswarrants unterzeichnete und der mit wüthendem Eifer den Fenianismus bekämpfte, bekam den Stuhl vor die Thür gesetzt.

Allein weder in Dublin, noch in Dundalk, noch in Galway waren damals die Bastillen geleert. Noch schien man abzuwarten, ob wirklich die „vornehmen“ Gefangenen von Kilmainham im Stande sein würden, durch ihr directes persönliches Auftreten die Wiederholung der gräßlichen Mordthaten zu verhüten. Da – schon nach wenigen Tagen – trug der elektrische Funken die erschütternde Nachricht von der Ermordung Cavendish’s und Bourke’s über Länder und Meere, und wiederum trat die irische Frage in ein neues gefährliches Stadium. So überstürzen einander die folgenschwersten Ereignisse auf dem blutgetränkten Boden Irlands, und unabsehbar bleibt noch immer das Ende des tödtlichen Ringens zwischen den Iren und den Briten.