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Titel: Ein Besuch beim Bildhauer Rauch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 581–583
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[581]
Die Gartenlaube (1856) b 581.jpg

Christian Rauch.

[582]
Ein Besuch beim Bildhauer Rauch.
(Mit Portrait.)


In einem alten Gebäude, das früher zu merkantilischen Zwecken diente, und auf einer ziemlich öden Straße Berlins, der Klostergasse liegt, hat der berühmteste Bildhauer der Gegenwart seine Werkstatt aufgeschlagen. Wir treten in hohe, weite Säle, die durch Oberlicht magisch beleuchtet werden, und erblicken Gestalten, Gruppen und Büsten, die das Bossirholz bildete, oder die aus blendendem Carara-Marmor entsprangen, den die kunstreiche Hand des Altmeisters mit Hammer und Meisel in die edelsten Formen umschuf.

Wandelt uns schon ein gewisser Respekt an, stehen wir im Atelier eines großen Malers, so ziehen wir unwillkürlich den Hut, befinden wir uns in Räumen, die Werke plastischer Kunst bergen. Hier liegt Alles offen und klar vor uns, nichts versteckt sich vor dem forschenden Blicke des Auges – es ist eben plastische Kunst, die uns mit ihrem imposanten Wesen entgegentritt, das die menschliche Gestalt, das menschliche Antlitz vollständig wiedergibt, das jede Willkür des Künstlers verbietet, das niemals duldet, wollte der Mensch mit seinen Künsteleien die ewigen Schönheiten und Regeln der Natur verbessern, oder von ihnen abweichen. Lächerlich ist daher der eitle Ausspruch, wenn über etwas Schönes für oder wider gestritten wird, und zuletzt Der oder Jener sagt: „Ach, der Geschmack ist verschieden!“ Allerdings, verschieden mag er sein – weicht er aber von, guten, einzig richtigen Geschmacke ab, so ist er höchstens unreif oder ungebildet. Wer mit seiner Geschmacksrichtung – besser – mit dem wahren Sinn für das Schöne, im Unklaren ist, der betrachte ausgezeichnete Bildhauerwerke, diese treuesten Kopien des Gewaltigsten, was die Schöpfung hervorbrachte, und er wird erfahren, was „schön“ bedeutet. Er sehe die Werke der alten oder neuen Kunst, einen Apollo, eine Venus, oder die anmuthigsten Jungfrauen- und Jünglingsgestalten eines Canova, Thorwaldsen oder Rauch, und nie möge er dabei vergessen, daß all’ die Meister, des Alterthums wie der Jetztzeit, für ihre Werke das Vollkommenste zum Vorbilde nahmen, was ihr geläuterter Blick, ihr nur für das Vollendetste empfängliche Gemüth aus der Natur erfaßte.

Während draußen der Lärmen geputzter Sonntagsleute an unser Ohr schlug, durchwanderten wir die einsame Werkstätte Rauch’s. In einem Seitenflügel steht die letzte seiner größeren Schöpfungen im Modell, die colossale Mosesgruppe, welche für den König von Preußen in Marmor ausgeführt wird, und die wir zuerst betrachteten. Der Prophet von Israel, inmitten zweier jüdischer Männer, fleht Jehovah um Schutz und Hülfe an für sein Volk, das gegen die Amalekiter streitet. Mächtig wirkt die Hauptfigur, welche auf einem Felsen sitzend, mit vorgebeugtem Oberkörper und hoch erhobenen Armen, Demuth und inbrünstige Bitte auf dem Antlitz, ihr Gebet gen Himmel sendet. Die Genossen zu beiden Seiten scheinen den greisen Propheten in seiner fast emphatischen Situation zu unterstützen, und blicken dabei voll Ehrfurcht zu ihrem Gebieter auf. – Die Neugier des Publikums in einem Atelier ist immer ziemlich vorherrschend und vielleicht eben so verzeihlich. Man möchte wissen, was dieser neidische Vorhang, jene spanische Wand verbirgt – und so entdeckten wir auch in einer verschleierten Ecke des Saales, unter mehren andern Gypsabgüssen einen Kopf von historischer Bedeutung, der über die Natur geformt war. Wir betrachteten mit seltsamen Gefühlen diese Züge, die eben so großartig wie klassisch in ihrer Reinheit waren, bis auf den rechten Mundwinkel, der leicht verzogen, auf Spuren von Todeskampf deutete. Vor diesem Kopfe, den wir jetzt ungescheut berühren durften, zitterte noch vor Kurzem halb Europa – aus dieser Stirn entsprang der Entschluß zu einem Kriege, der mehr als eine Million Menschen hinraffte – an dem Scheitern seiner Pläne brach endlich – doch wer erräth hier nicht bereits? Wir hielten die Maske des Kaisers Nikolaus in der Hand – und legten sie nach langem, ernstem Anschauen stumm wieder in ihre bescheidene Ecke.

In den drei folgenden Sälen drängt sich nun Alles bunt durch einander – Antikes wie Modernes, Statuen, Büsten lebender und todter Personen – Allegorie und Mythe stehen neben diesem oder jenem großen Feldherrn der so klassischen Geschichte, selbst der tiefsinnige Kant, der bald in sein Königsberg versetzt werden wird, darf es nicht verschmähen, sich im Bereiche einer leichtgeschürzten Diana zu befinden. Am Fuße der lebensgroßen Reiterstatue Friedrichs II. steht das Brustbild Borsig’s, der als ein armer Schlossergeselle nach Berlin kam, und als einer der ersten Fabrikanten des Landes starb. Rings an der Wand zieren die schönsten Modelle, die geistreichsten Skizzen in Thon das [583] Simswerk, und kaum werfen wir einen Blick in den nächsten Saal, begegnen uns schon wieder zwei Riesengestalten grauer Vorzeit, die Standbilder der Polenkönige Miezyslaw und Boleslaw Chrobri.

Vor diesen Gestalten längst modernder Helden aber steht die ihres Herrn und Meisters in vollster, wärmster Lebenskraft, wenn auch auf dem Haupte Silberhaar glänzt, wenn auch ein Mann vor uns steht, der uns an Alter und Würde an einen Thorwaldsen erinnert, der ein Jünglingsherz im Greisenkörper trägt, dessen Hand noch mit der Sicherheit eines dreißigjährigen Mannes den Meisel führt, der mit dem Aufgang der Sonne seine Werkstatt betritt und sie mit dem Scheiden derselben erst wieder verläßt. Wahrlich, es ist ehrfurchtgebietend, einen fast achtzigjährigen Künstler mit dieser Kraft, dieser Energie arbeiten zu sehen – es ist bewunderungswerth, daß man diesen Arbeiten nicht das Alter ihres Schöpfers anmerkt, wie das ja in ähnlichen Fällen so oft vorkommt, und auf den sinnigen Beschauer tief verstimmend wirkt. Vor dem Kopfe einer Victorie, die auf einem Gestelle ruht, steht der greise Meister, prüfend und corrigirend, mit einer Sinnigkeit des Gefühls, die wir leider bei der anstrebenden Jugend nur zu oft vermissen. Der Zufall, erfinderisch wie immer, konnte uns kein schöneres Bild, keinen glücklicheren Kontrast zeigen – den würdevollsten Greisenkopf neben der Victorie, dem Abglanz der Jugend und weiblichen Anmuth.

Rauch hat sein langes, ruhmvolles Leben hindurch gearbeitet, wie Wenige – und sein Wahlspruch trägt den Stempel eines tiefempfundenen Bewußtseins und ehrlichster Selbstkenntniß, indem er lautet: „Meine Werkstatt, meine Heimath!“ Mehr wie hundert Büsten führte er mit eigner Hand in Marmor aus, unzählige Statuen von ihm zieren die Plätze und Museen der ersten Städte Europa’s, und mit dem Standbilde Friedrichs des Großen in Berlin, das in seiner Art zu den berühmtesten Monumenten der Neuzeit gehört, setzte er sich selbst den Lorbeerkranz unvergänglichen Ruhmes auf.

Scheiden wir von dem ehrwürdigen Künstler mit dem Wunsche, seine Tage mögen noch lange nicht gezählt sein – noch lange möge er als ein leuchtendes Beispiel von Kraft und Ausdauer unter uns leben – fern möge die Zeit fein, zu der es einst heißen wird, einer der seltensten Menschen athmet nicht mehr! – Ewige Jugend, Schönheit und Grazie werden dann trauern an seiner Ruhestätte, denn sie haben an ihm ihren Meister verloren, - - und der Hammer, mit dem er den letzten Schlag auf den Meisel führte, wird eine Reliquie sein für Alle, welche die Kunst üben – und sie lieben!