Ein Besuch auf dem Kirchhof zu Kissingen

Textdaten
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Autor: St.
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Titel: Ein Besuch auf dem Kirchhof zu Kissingen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 260-263
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Ein Besuch auf dem Kirchhofe zu Kissingen.


Der Kirchhof zu Kissingen, dem berühmte Badeorte in Baiern, welcher im Jahre 1866 der Schauplatz einer blutige Schlacht zwischen der preußischen Main-Armee und den Reichstruppen war, bildet eine der größte geschichtliche Merkwürdigkeiten, die jenes Kriegsjahr unseren Nachkommen hinterlassen hat. Dieser Kirchhof wird daher auch während der Badesaison täglich von den in Kissingen so zahlreich anwesenden Fremden besucht, namentlich schenken die Officiere demselben ihre besondere Aufmerksamkeit.

In der Schlacht bei Kissingen erzwang bekanntlich die preußische Main-Armee am 10. Juli 1866 den Uebergang über den Fluß, die fränkische Saale, welcher hier hartnäckig von einem Theil der bairischen Armee, unter Führung des Generallieutenants von Zoller, vertheidigt wurde. Es war ein unglücklicher Zufall, daß dieser heftige Zusammenstoß der beiden damals feindlichen Armeen in dem so schönen und berühmten Curort Kissingen stattfand, dessen große steinerne Gebäude und starke Brücke den Baiern eine besonders feste Position zur Vertheidigung darboten. Die Baiern hatten ihre Artillerie hinter der Saale aufgestellt und namentlich die über diesen Fluß führende Brücke befestigt, und es entspann sich über die Saale hinüber von beiden Theile mehrere Stauden lang eine heftige Kanonade, deren Spuren noch heute fast an allen Häusern dieser Gegend nur zu deutlich sichtbar sind. Viele der Häuser sind mit Kugeln gleichsam besät, und man hat es absichtlich unterlassen, die entstandenen Spuren wieder auszubessern.

Die Preußen umgingen endlich die Stellung der Baiern, indem sich ein Corps derselben unterhalb der Stadt Kissingen bei der Lindesmühle den Uebergang über die Saale verschaffte und die Baiern von hinten angriff, so daß dieselben, zumal sie die Besetzung einiger wichtiger Anhöhen unterlassen hatten, die Vertheidigung der steinerne Brücke aufgeben mußten. Nach einem hartnäckigen Straßen- und Barricadenkampf, in welchem fast jedes Haus einzeln erstürmt werden mußte und von Seiten der Baiern ebenso viel Hartnäckigkeit und Tapferkeit wie von Seiten der Preußen Geschick und Gewandtheit entwickelt wurde, mußten die Baiern endlich den Besitz der Stadt aufgeben.

[261] Der Kirchhof in Kissingen bildete den letzten festen Punkt der Stadt, welchen die Baiern noch mehrere Stunden lang mit der größten Energie zu vertheidigen suchten. Dieser Kirchhof liegt auf dem Wege nach Nüdlingen hin auf einer kleinen Anhöhe und ist mit hohen, sehr starken Mauern von Sandsteinquadern umgeben, deren Verteidigungsfähigkeit durch einen theilweise herumlaufenden Graben noch verstärkt wird.


Die Gartenlaube (1869) b 261.jpg

Die Germania auf dem Kissinger Friedhofe.
Marmorstatue vom Bildhauer Arnold in Kissingen.


Am Eingang zum Kirchhof nach der Stadt hin befindet sich das starke steinerne Wohnhaus des Todtengräbers und eine ebenfalls starke steinerne Capelle. Der Kirchhofs bildet also eine förmliche kleine Festung. Hier hatte sich eine Compagnie des neunten bairischen Infanterieregiments, unter Führung des Hauptmanns Thoma, etwa vierhundert Mann stark, verschanzt, während auf den hinter dem Kirchhof belegenen Höhen sich der Rest der bairischen Arme mit der bairischen Artillerie aufgestellt hatte. Die Preußen erlitten bei dem Sturm auf diesen Kirchhof ungeheure Verluste, und erst nachdem ein Stück der Kirchhofsmauer eingerissen und die preußische Artillerie den Kirchhof mit Kartätschen und Granaten vollständig zu bestreichen im Stande war, gelang es, die Baiern aus solchem zu vertreiben und die bairische Armee nach Nüdlingen hin zurück zu drängen. Der bairische Hauptmann Thoma welcher mit großer Tapferkeit die Verteidigung geleitet hatte, fiel noch zuletzt, als er die Reste seiner muthigen Schaar bereits vom Kirchhof mittels einer Seitenthür zurückgezogen hatte und nochmals Halt machen ließ, um den Rückzug der anderen Theile der bairischen Armee zu decken. Ein Stein auf freiem Felde in der Nähe des Kirchhofs bezeichnet den Fleck, wo der Held gefallen. ist. Seinem Feldwebel wurde beim Hinaustreten aus dem Kirchhof der Kopf abgerissen. Noch heute sind an der Thür Spuren der betreffenden Kanonenkugel sichtbar. Der bairische General en chef von Zoller blieb nicht weit davon auf einer hinter dem Kirchhof beim Dorf Winkels belegenen Anhöhe durch einen Granatenschuß. Ein schlankes steinernes Kreuz giebt die verhängnisvolle Stelle an. Es führt folgende Umschrift, welche zum Theil durch einen verblaßten Kranz von Eichenblättern verdeckt wird: „Hier starb den Heldentod am 10. Juli 1866 der Generallieutenant Ossian von Zoller.“

Nicht weit davon fiel bei der siebenten Station des Passionsweges, welcher zu dem in jener Gegend belegenen Calvarien-Berge führt, der bairische Major Graf Ysenburg vom siebenten Jäger-Bataillon, als er seine Leute auf dem Streifzuge in einem Hohlwege sammeln wollte. Ein mit Epheu bewachsener Stein bezeichnet die Stätte feines Todes. Er war mit dem Hauptmann Thoma auf dem Kirchhof selbst zusammen in ein und dasselbe Grab gebettet worden, seine Leiche ist aber nach Ausweis des vom Todtengräber geführten amtlichen Journals später ausgegraben und nach München gebracht worden.

Die Preußen mußten an jenem Tage, um den Eingang zum Kirchhof zu erzwingen, namentlich gegen das Wohnhaus des Todtengräbers ihre Angriffe richten, ebenso wurde die Capelle des Friedhofes selbst stark beschossen. Dieses Wohnhaus ist von Tausenden von Kugeln getroffen und wäre wahrscheinlich vollständig zerstört worden, wäre es nicht durch einen großen Baum von seltener Stärke zum Theil gedeckt worden, welcher das Haus mit seinen breiten und dicken Zweigen beschattete und noch heute viele Kugelspuren zeigt. An der Kirchhofsmauer und am Todtengräberhause hat man sowohl im Innern als von Außen alle Spuren der Schlacht unversehrt erhalten und nur solche Ausbesserungen vorgenommen, die dringend notwendig waren. Noch heute sieht man die Bresche, welche die preußischen Füsiliere unter dem stärksten Kugelregen mit ihren Aexten in die Kirchhofsmauer gebrochen haben und vermittels deren die Preußen endlich in den Kirchhof eingedrungen sind. Einzelne Wände und Bilder des Wohnhauses sind noch förmlich mit Kugeln gespickt, viele Theile der Fensterbeschläge durch die Kugeln losgerissen und in die Wände hineingetrieben. Man gewinnt hier ein so lebhaftes Bild von dem stattgehabten Kampf, als wäre derselbe erst gestern geschehen. Eine besonders lebhafte Illustration der Schlacht vermag der Todtengräber selbst in seiner natürlichen ungekünstelten Redeweise zu liefern. Der arme Mann hatte sich bei der Rettung seiner Familie und seiner besten Habseligkeiten auf dem Kirchhof verspätet und wurde, als er sich endlich selbst hinwegbegeben wollte, so sehr mit Granaten und Kartätschen beschossen, daß er sich nur noch in die Capelle auf dem Kirchhof flüchten konnte. [262] Hier wurden bald alle Thüren und Fenster von den Kugeln zerbrochen und das Innere mit Kugeln bedeckt, so daß der geängstigte Mann auf allen Vieren von einem Pfeiler der Kirche zum andern kriechen mußte, um sich zu schützen. Beim endlichen Eindringen der Preußen gerieth er noch in Gefahr, zuletzt niedergehauen zu werden. An zweihundert Leichen bedeckten nach dem Gefecht den Kirchhof und dessen Umgegend, darunter verhältnißmäßig wenige Baiern, da die Preußen beim Angriffe gegen die von den Kirchhofsmauern geschützten Baiern viel mehr Leute verloren hatten als diese.

Die Mehrzahl dieser zahlreichen Leichen ist in drei große Gräber vertheilt worden. Eins derselben liegt auf freiem Felde, außerhalb des Kirchhofes, hart gegenüber der Seitenthür, durch welche sich die Reste der bairischen Besatzung gerettet haben. Es wird durch ein mit frischen Blumen besetztes Beet und durch drei einfache Holzkreuze provisorisch bezeichnet und enthält zweiundsechszig Leichen, darunter sechs Baiern mit zwei Officieren. Hier an dieser Stelle nun wird in nächster Zeit das Denkmal zu stehen kommen, welches zum Andenken an die Schlacht bei Kissingen errichtet wird. Dasselbe besteht aus einer kolossalen, in Marmor vom Bildhauer Arnold in Kissingen gearbeiteten Statue der Germania, die einen Palmzweig zur Erde senkt, dennoch aber durch den festen hoffnungsvollen Ausdruck ihres Antlitzes die Zuversicht ausdrücken soll, daß durch das vergossene Bruderblut Deutschlands Einigkeit und Größe werde begründet werden. Der Griff des Schwertes ist mit der Koppel fest umschlungen, zum Zeichen daß das Schwert in dieser Weise nicht wieder gezogen werden soll.

Ebenso wie hier bairische und preußische Krieger friedlich neben einander im Grabe ruhen, ebenso haben sich unter Leitung der Kissinger Behörden bairische und preußische Bestrebungen vereinigt, um die Kosten für dieses schöne Denkmal zu beschaffen.

Das zweite der gemeinschaftlichen Gräber befindet sich auf dem Kirchhofe selbst an der Mauer linker Hand, dicht bei der Capelle. Es führt die Inschrift: „Unser theurer Sohn August Becker, Musketier des 15. preußischen Infanterie-Regiments, 1. Bataillon, 4. Compagnie, ruht hier, mit ihm 35 Cameraden, welche am 10. Juli 1866 hier gefallen sind.“

Das dritte gemeinschaftliche Grab, ziemlich in der Mitte des Kirchhofs hergerichtet, wird durch einen einfachen Stein mit der Inschrift. „Provisorisches Grabmal der am 10. Juli 1866 Gefallenen“ bezeichnet. Hier ruhen an siebenzig Mann, darunter der Ober-Lieutenant Hoppe vom fünfzehnten bairischen Infanterie-Regiment und der Lieutenant Anton Weichselberger vom eilften bairischen Infanterie-Regiment, für welche noch zwei besondere schöne Denkmale von Sandstein errichtet sind. Namentlich das letztere dieser beiden, das einen umkränzten Baumstamm darstellt, zeichnet sich durch ein schönes Arrangement aus. Außerdem sind noch folgende Einzel-Gräber und Denkmale hervorzuheben: Ein Sarkophag von blauem Marmor, welcher, mit Helm und Schwert geschmückt, zum Andenken des Major Rohdewald errichtet ist. Er fiel an der Spitze des Lippe’schen Füsilier-Bataillons, welches hier verbündet mit den Preuße kämpfte. Eine schlanke vierkantige Bänke von Sandstein bezeichnet das gleichzeitige Grab von vier preußischen Kriegern. Die vier Seiten tragen folgende Inschriften: 1) Seconde-Lieutenant Brzozowski aus Potsdam, 2) Seconde-Lieutenant Rex aus Erfurt, 3) Feldwebel Schmidt aus Aschersleben, 4) Füsilier W. Schümann III., alle Vier vom sechsten westphälischen Infanterie-Regiment Nr. 55. Andere Denksteine haben nachstehende Inschriften. Uthmann, Lieutenant im zweiten Posen’schen Infanterie-Regiment Nr. 19; Georg Metze, Lieutenant August v. Zwehl, Hauptmann; Dewald aus Coblenz, einjähriger Freiwilliger desselben Regiments; Freiherr Reizenstein-Hartungs, Hauptmann im bairischen zwölften Infanterie-Regiment König Otto; Eduard Warnberg, Hauptmann vom eilften bairischen Infanterie-Regiment.

Außer dem bereits eben erwähnten Grafen Ysenburg sind noch andere Leichen, welche auf diesem Kirchhofe bestattet waren später ausgegraben und nach den betreffenden Heimathsorten gebracht worden: Freiherr von Griesenbeck, Hauptmann im ersten bairischen Infanterieregiment; Hauptmann Xalm von der vierten Compagnie des neunzehnten preußischen Infanterieregiments; Fähndrich Moyer von der zweiten Compagnie des fünfzehnten Infanterieregiments. Des Letzteren Stelle im Grabe hat nach Ausweis des Todtengräberjournals einer seiner Gegner, Johann Cast, Soldat vom neunten bairischen Infanterieregiment, der nach der Schlacht an seinen Wunden gestorben ist, eingenommen.

Auch zwei Zivilisten, welche, ohne zum Soldatenstande zu gehören, Opfer der Schlacht bei Kissingen geworden sind, liegen auf dem Kirchhofe begraben. Die Inschriften der einfachen hölzernen Kreuze, welche ihre Gräber bezeichnen, tragen dazu bei, um mit blutigen Zügen die Geschichte jenes Tages zu schreiben: „Der Apotheker Dejohez aus Westphalen wurde am 10. Juli 1866 in der Apotheke zu Kissingen während der Schlacht durch eine eingedrungene Granate getödtet.“ „Der Hausknecht Michael Hergenröther, welcher im Hotel de Russie in Kissingen diente, wurde am 10. Juli 1866 von den Preußen erschossen, als er fliehenden bairischen Soldaten den Weg zeigen wollte.“

Eine Reihe zerschossener Grabsteine, die an einer Mauer des Kirchhofes aufgeschichtet sind, beweist, daß an jenem verhängnißvollen Tage die Kugeln nicht nur unter den Lebenden und den Leichen, sondern auch sogar unter den Leichensteinen gewüthet haben. Eines auffälligen Umstandes müssen wir hier zum Schluß noch erwähnen. Das Andenken aller in der Schlacht bei Kissingen gefallenen Officiere, sowohl der bairischen als der preußischen, wird durch geschmackvolle Denkmäler, mindestens durch Sandsteinplatten mit vergoldeten Buchstaben, gefeiert. Nur eine einzige Ausnahme macht sich bemerklich. Auf einem halbverfallenen, mit einigen rohen Feldsteinen begrenzten Grabhügel findet sich ein einfaches von zwei rohen Holzstreifen gebildetes Kreuz mit folgender Inschrift: „v. Lüders, Hauptmann der siebenten Compagnie fünfundfünfzigsten preußischen Infanterieregiments.“ Unwillkürlich drängte sich beim Anblick dieser Stätte die Frage auf: Sollte es nicht möglich sein, ein besseres Denkmal für den Führer einer preußischen Compagnie, der hier an der Spitze seiner braven Soldaten den Heldentod fand, zu beschaffen? Hatte dieser Hauptmann von Lüders keinen Angehörigen hinterlassen, welcher sich berufen fand, sein Grab in einer würdigen Weise zu schmücken? Der Todtengräber versicherte uns, daß nach diesem Hauptmann von Lüders Niemand bei ihm geforscht habe. Nähere Recherchen, welche wir in Kissingen angestellt haben, ergaben, daß dem Hauptmann Lüders in der Schlacht bei Kissingen der Fuß zerschossen wurde. Er lag mehrere Wochen dort im Lazareth; sein Fuß wurde zwei Mal vergeblich amputirt, und er starb am 9. August 1866. An seiner Identität ist also nicht zu zweifeln. Kein Angehöriger folgte seinem Sarge. Mildthätige preußische Badegäste, die sich vereinzelt nach der Schlacht eingefunden hatten, schossen die geringen Kosten zusammen, welche entstanden waren, um den Grabhügel in seiner jetzigen prunklosen Gestalt herzustellen. Die Cameraden des Verstorbenen waren längst von Kissingen hinweg weiter in das Gewühl der Schlachten gezogen, ohne daß sie die Kunde von dem Begräbniß des gefallenen Führers erreicht hat. Vielleicht gelangen diese Zeilen zur Kenntniß des Truppentheils, welchem der Hauptmann von Lüders angehört hat. Ein Einwohner von Kissingen, der Zeuge der letzten Stunden des Verstorbenen war, berichtet uns, derselbe habe den Besuch seiner Braut erwartet, es ist aber Niemand gekommen, das frische Grab zu schmücken.

Wir verlassen hiermit den Kirchhof von Kissingen und drücken ein kleines Geldstück in die rauhe Hand des Todtengräbers, der so viele unserer tapferen Landsleute hat beerdigen müssen, die ihm die Beerdigungsgebühren lediglich mit den Kugeln bezahlt haben, welche von ihnen in sein stilles, friedliches Wohnhaus gesendet worden sind. Ehe wir aber schließen, müssen wir unsere Leser noch nach einem zweiten, weit entfernt vom Schlachtfelde in Kissingen belegenen Kirchhof, nach dem Friedhof der jüdischen Gemeinde daselbst führen. Dieser liegt in einem ganz anderen Thal, am Fuß der Bodenlauber Ruine, in jener Gegend, wo am 10. Juli 1866 eine preußische Heeresabtheilung sich heimlich einen Uebergang über die Saale bahnte und, indem sie die Unachtsamkeit und Unerfahrenheit des Feindes geschickt benutzte, die feste Stellung der bairischen Armee umschlich und solche zum Weichen brachte. Jüdische Gräber sollen nach den Gebräuche des mosaischen Cultus mit Gras bewachsen und mit einfachen Steinen ohne Unterschied des Standes und Vermögens der Gestorbenen versehen sein. Während der christliche Kirchhof in Kissingen mit kostbaren und schönen Denkmälern fast überladen ist, liegt der Juden-Kirchhof öde und prunklos, anscheinend der Vergessenheit preisgegeben. Kaum unterscheidet eine dürftige Mauer die Grenzen des Kirchhofs von den umliegenden Hopfenfeldern, welche das bairische Bier [263] jener Gegend so reichlich würzen. Nur ein einziges Denkmal ragt unter den niedrigen, gleichförmigen Grabsteinen hervor, die mit unlesbarer hebräischer Schrift versehen sind. Dasselbe besteht aus einem mächtigen Felsblock, welcher mit einem Helm gekrönt und von einem Kriegermantel zum Theil eingehüllt wird. Hier ruht der einzige jüdische Officier, welcher in der Schlacht bei Kissingen gefallen ist und auch im Tode den Gebräuchen seiner Kirche treu blieb, so daß ihm hier eine von seinen Helden-Cameraden weit entfernte einsame Ruhestätte bereitet wurde. Folgende deutsche Inschrift bietet einen beredten Commentar zu den traurigen Ereignissen jenes Tages und erfüllt uns mit traurigen Gedanken, so daß wir still und nachdenkend diese Stätte des Friedens verlassen, von welcher sich uns noch einmal ein überraschend schöner Anblick auf die Stadt Kissingen selbst und das ganze Schlachtfeld vom 10. Juli 1866 darbietet:

„Jakob Michälis, Lieutenant im fünfzehnten und fünfundfünfzigsten preußischen Infanterie-Regiment, geboren den 13. Februar 1842 in Niehein in Westphalen, kämpfte mit Auszeichnung im Schleswig-Holsteinischen Kriege vor Düppel und Alsen. Er wurde am 10. Juli 1866 tödtlich verwundet, als er nach Einnahme der Stadt Kissingen edelmüthig die Lazarethe vor Feindes und Freundes Wuth schützte. Ehre seinem Andenken! Friede seiner Asche!“

St.