Ein Ball bei Lady Stratford de Redcliffe

Textdaten
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Autor: W. v. T.
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Titel: Ein Ball bei Lady Stratford de Redcliffe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 547-548
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[547]
Ein Ball bei Lady Stratford de Redcliffe.
Skizzirt von W. v. T.

Die dunklen Straßen Pera’s waren am Abend des 31. Januar 1856 sehr belebt, namentlich die, welche vom britischen Gesandtschaftshotel in östlicher Richzung laufen; denn die Bevölkerung der Stadt wußte, daß Seine Hoheit der Sultan Abdul Medschid heute den Ball, welchen Lady Stratford de Redcliffe geben würde, mit seiner Gegenwart beehren wollte. Wer nur irgend jung und hübsch und vornehm, oder in Folge seiner Stellung auf diese Ehre Anspruch machen konnte, war eingeladen, die Damen waren gebeten, in Costüme zu erscheinen, um dem Feste noch mehr Glanz zu verleihen, und sie boten Alles auf, um recht brillant zu erscheinen; konnte doch nun jede die Tracht wählen, welche sie für sich am passendsten, am vortheilhaftesten hielt. Es war der erste christliche Ball, wenn wir uns dieses Ausdruckes bedienen dürfen, den je ein Sultan besuchte; sollten sie es ihm nicht beweisen, daß es noch etwas Reizenderes gäbe, als die trägen Schönheiten im Harem? sollten sie ihm nicht zu beweisen versuchen, daß Bewegung, Leben und Grazie Vorzüge sind, die er dort selten oder nie in der Vollendung wie hier sehen würde?

Das Gesandtschaftshotel selbst bot einen herrlichen Anblick dar, alle Fenster waren illuminirt, und wenn man über den Hof, welcher dasselbe von den umliegenden Gebäuden trennt, geschritten war, und in das Portal des ersteren trat, so ward das Auge durch die prächtigen Blumendecorationen, welche dieses selbst und die Treppen, welche mit den weichsten Teppichen belegt waren, schmückten, gefesselt und entzückt. Kerzen strahlten und erhellten den Raum mit ihrem Lichte bis zum Uebermaße, zwischen den Blumen selbst standen englische Uhlanen mit ihren geschmackvollen Uniformen, die Lanze mit dem weiß und rothen Fähnchen in der Hand, ruhig und regungslos, als seien sie aus Stein gehauen, nur am Blitzen der Augen sah man, daß sie belebt waren, diese gebrannten, bärtigen, man darf wohl sagen schönen Männer, die man aus dem ganzen Regimente ausgewählt hatte. Auf dem großen Corridore, welcher von der Treppe nach den Sälen führte, stand das über 80 Mann starke Musikchor der britisch-deutschen Legion, um den Sultan bei seinem Erscheinen mit den Klängen des „God save the queen“ zu begrüßen; wenn nach unsern Begriffen diese Musik im Verhältniß zum Raume jedenfalls sehr geräuschvoll sein mußte, so war dies durchaus nicht die Ansicht der Türken, die gerade, je lauter sie ist, sie um so vorzüglicher finden, und wir glauben, daß dieses starke Chor einer türkischen Regimentsbande im Spectakelmachen allerdings nicht gleich kommen konnte.

Die Zimmer, welche vom Corridor nach dem Ballsaale führten, waren alle reich geschmückt; in letzterem selbst befand sich der Thron, auf welchem der Sultan Platz nehmen sollte. – Welche bunte Menge wogte in diesen Gemächern umher, welcher Aufwand an Brillanten und Edelsteinen, Federn, Sammet und Seide war hier zu sehen! Die Damen hatten sich wirklich so geschmückt, wie sie es nur bei den seltensten, feierlichsten Gelegenheiten zu thun pflegen. Keine derselben trug ein Hofkleid mit Schleppe, alle waren in Ballcostümen, aber man möchte sagen, aus verschiedenen Jahrhunderten. Da ging eine französische Marquise in dem Anzuge, wie ihn vielleicht ihre Urgroßmutter bei dem Balle in Trianon oder Fontainebleau getragen hatte, hier eine Griechin in ihrer so höchst eleganten Nationaltracht, daneben sah man wieder eine Engländern in dem [548] idealisirten Anzug aus den Zeiten der Königin Elisabeth; – auch Charaktermasken waren vielfach vertreten. Nur Türkinnen, oder vielmehr Damen als solche gekleidet, sah man nicht; die hiesigen Damen wissen recht gut, wie unkleidsam deren Tracht ist, wie sie in derselben beim Tanzen grotesk lächerlich erscheinen würden, denn der Anzug, wie wir ihn so häufig auf Bildern, auf der Bühne oder auf Maskenbällen sehen, ist durchaus nicht der der türkischen Frauen. Manche Damen schienen aber auch maskirt, obgleich sie es nicht sein wollten, – die Crinolines kamen eben auf, und wurden deren mehrere hier gesehen; die europäischen Damenmoden waren uns seit längerer Zeit zu unbekannt, als daß wir nicht in diesen gewiß verzeihlichen Irrthum hätten fallen sollen. Sollte man aber nicht auch jenen jungen, blühend schönen schottischen Officier, der in voller Uniform gleich einem Clan seiner Heimath einherschreitet, für maskirt halten? Sollte man es glauben, daß Ihre Majestät die Königin von Großbritannien Regimenter hat, deren Nationaltracht es nicht gestattet, Beinkleider zu tragen, und die sogar in höchster Galla, bei Paraden, ja selbst bei Hofe ohne solche erscheinen? Was dieser zu wenig hat, hat jener französische Officier zu viel, der in der geschmackvollen Uniform der Chasseurs d’Afrique seinen unteren Menschen in Gewänder gehüllt hat, deren Weite den Neid eines Alttürken erregen könnte. Hier führt ein englischer Husarenofficier eine Schäferin mit gepudertem Haare und Mouchen am Arme, dort ein junger Gesandtschaftsattaché im Hofkleide eine idealisirte Marketenderin der Zuaven, und ein riesiger Grenadier spricht mit einer Ophelia. – Officiere aller in der Nähe stehenden Regimenter beleben durch ihre bunten Uniformen den Saal nicht wenig, der schwarze Jäger steht neben dem rothen mit Gold beladenen Infanteristen, der französische Artillerist neben dem Scotch Grey (Grenadier zu Pferde) – wer vermöchte den Glanz und das bunte Wogen der Menge zu beschreiben? Auch höhere türkische Angestellte und Officiere hatten sich eingefunden, letztere sämmtlich Christen im Dienste der Pforte, die aber, der dortigen Sitte getreu, ihren mit gelbem Metallknopf – das Zeichen des Soldaten – verzierten Fez auf dem Kopfe behielten, und ihn so weit rückwärts als möglich geschoben hatten, wie es die Mode, denn auch hierin herrscht eine solche, zu dieser Zeit mit sich brachte.

Wahrlich, es hätte der Maskenanzüge der Damen kaum bedurft, um dem Ganzen das Ansehen einer Redoute zu geben; die Trachten von halb Europa wogten bunt durcheinander, und nicht immer als Verkleidung, sondern sehr oft als wirklicher Nationalanzug – sogar der biedere schwarze Frack mit weißer Weste war hin und wieder, wenn auch nur sehr vereinzelt, zu sehen.

Jetzt donnerten 21 Kanonenschüsse, die Royal-Salute der in der Nähe des Hotels aufgestellten englischen Artillerie, und verkündeten die Ankunft des Großherren. Sofort ordnete sich die bunte Menge im Saale, die Damen traten vor und bildeten Spalier nach dem Throne zu, während die Herren in dichten Reihen hinter diesen standen.

An der Seite des Lord Redcliffe, welcher die Uniform eines englischen Staatsministers trug, trat der Sultan mit Mehemed Ali Pascha und einem zahlreichen Gefolge von Großwürdenträgern und Adjutanten ein; – Lady Redcliffe ging ihm bis an die Thür entgegen und verneigte sich tief vor ihm, auch er beugte sein Haupt, und schritt dann zwischen dem Wirth und der Wirthin dem Throne zu. Sein Gang war etwas unsicher, seine Haltung nicht ganz aufrecht, der dunkle, faltenreiche, kragenlose Mantel, den er bei jeder feierlichen Gelegenheit trägt, verhüllte seine Gestalt und nur, wenn derselbe durch Zufall auseinander schlug, sah man, daß der Sultan die überaus reiche Uniform eines türkischen Generals trug. Der rothe Fez ließ die hohe Stirn vollständig frei, er war mit einer kostbaren Brillantagraffe und einer Reiherfeder geschmückt. Sein Gesicht, ganz orientalisch geschnitten, wäre schön zu nennen, trüge es nicht zu sehr den Stempel der Ermattung; die gewölbten schwarzen Augenbrauen geben ihm ein strenges, majestätisches Ansehen, doch wird dies durch die müden fast immer halb geschlossenen Augenlider gemildert, die sein feuriges schwarzes Auge bedecken, das durch die langen Wimpern noch mehr verschleiert wird. Ein dunkler, nicht zu starker Bart umrahmt sein ovales Gesicht, und ein eben solcher Schnurrbart bedeckt die Oberlippe. – Als er auf dem Throne und sein Gefolge neben demselben Platz genommen hatte, wurden ihm die Frauen und Töchter der verschiedenen Gesandten vorgestellt – Der Ausdruck seines Gesichts, seine Gebehrden zeigten, daß er unsern geselligen Formen durchaus nicht fremd war; sein Antlitz nahm einen so verbindlichen, so liebenswürdigen Ausdruck an, wie wir ihn nicht immer bei ähnlichen Gelegenheiten bei Fürsten sehen, die ihm an Rang und Macht bei weitem nicht gleich kommen. – Und doch macht sein Lächeln einen unendlich wehmüthigen Eindruck, – es ist schwer zu glauben, daß er ein Nachkomme Solimans ist.

Hierauf wandte sich der Sultan zu dem französischen Gesandten, und sprach angelegentlichst mit ihm, – man erzählte sich, er habe gegen diesen den Wunsch ausgesprochen, auch in seinem Hause einem Balle beizuwohnen, und sich zu diesem selbst eingeladen. Während dessen, was wir eben schilderten, hatte die Musik der deutschen Legion auf dem Corridor gespielt; jetzt ward sie von der Capelle der hiesigen recht guten italienischen Oper abgelöst, welche die Musik zum Tanzen zu executiren hatte. – Mit sichtbarem Vergnügen schien der Sultan den Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen zuzuschauen, er folgte mit den Blicken einzelnen Paaren, die sich durch Schönheit oder Gewandtheit auszeichneten. Wendete man sich von dem Sultan zu Lord Redcliffe, der gerade damals mehr Einfluß als je vorher hatte, so mußte man unwillkürlich die Bemerkung machen, daß er diesen wohl schwerlich seiner Liebenswürdigkeit oder dem Reize seiner äußern Erscheinung zu danken hatte. Gekleidet in einen überladenen, geschmacklosen Uniformfrack, mit dem dünnen Degen, der im richtigen Verhältnisse zu seinen Beinen zu stehen schien, den furchtbar hohen dreieckigen Hut unter dem Arme, hatte die ganze Erscheinung wirklich etwas Carricaturähnliches, – sein blaues, kaltes, theilnahmloses Auge überblickte das Ganze ruhig, als sei es ein Schauspiel, das ihn gar nicht angehe, – was hatte er auch nöthig, gegen jemand Anders, als den Sultan, aufmerksam zu sein? War es doch der Ball der Lady Redcliffe, waren doch die Anwesenden ihre und nicht seine Gäste, und wie seine Frau die Honneurs zu machen verstand, das wußte er; – in der That kann man sich kaum etwas Liebenswürdigeres und Verbindlicheres denken als das Benehmen dieser Dame in ihrer hohen Stellung. Ihren Töchtern, von denen eine fertig deutsch spricht und gern Gelegenheit nahm, sich dieser Sprache zu bedienen, muß man genau dasselbe Lob ertheilen. Da sie wirklich schön sind, konnte es nicht fehlen, daß sie allgemein geliebt und verehrt wurden.

Mit nicht geringerer Neugier und Theilnahme, als der Sultan selbst, sahen seine Umgebungen dem Feste zu; noch mehr belebten sich ihre Züge und der bis dahin streng bewahrte Ernst machte dem Lächeln Platz, als die Musik eine Polka zu spielen begann und sie die Paare nach allen Richtungen, vorwärts, seitwärts, rückwärts umherhüpfen sahen, – manche der Tanzenden konnten aber durch ihre Bewegungen Leute zum Lächeln bringen, die an solche Tänze gewöhnt sind, namentlich excellirten die Nationalengländer in diesen durchaus nicht.

Fortwährend wurden Erfrischungen von reichgekleideten, gepuderten Dienern herumgereicht und reichlich versehene Büffets in den Nebenzimmern boten ausgesuchte Genüsse, so daß auch in dieser Beziehung der Ball als ein vollkommener bezeichnet zu werden verdiente.

Nach Mitternacht brach der Sultan mit seinem Gefolge auf; abermals bildete Alles eine Haie und verneigte sich tief, als er, freundlich mit dem Kopfe nickend, durch dieselbe schritt, – an der Thür des Saales, bis wohin sie ihn begleitet, reichte er Lady Redcliffe die Hand und ward dann vom Lord bis an das Portal begleitet, wo er sein Pferd bestieg. Abermals feuerte die Artillerie die Royal-Salute, eine Schwadron englischer Uhlanen ritt vor dem Sultan und seinem Gefolge her und brach Bahn durch die Menschenmasse, die sich in den engen Straßen versammelt hatte und mit ihren bunten Papierlaternen die Nacht erhellte.

Der Ball währte noch einige Stunden; viele Persönlichkeiten waren anwesend, die gewiß eine Nennung ihres Namens, eine Schilderung ihrer Persönlichkeit verdient hätten, der Sultan nahm aber die Aufmerksamkeit Aller so ausschließlich in Anspruch, daß selbst die Helden aus der Krim und von Kars heute übersehen wurden; der Beherrscher der Mohamedaner auf einem Balle bei dem Gesandten einer christlichen Macht, das ist und bleibt ein Zeichen des Fortschrittes des neunzehnten Jahrhunderts.

Daß bei dem Gefolge des Sultans keine Spur von Turban, Kaftan und jenen berühmten weiten Beinkleidern zu sehen war, wollen wir noch nachträglich erwähnen. Dasselbe war in reichgestickte Waffenröcke von dunkelblauer Farbe mit goldenen Epauletten verziert gekleidet, trug enge Beinkleider mit goldenen Streifen, lackirte Stiefeln und Glacéhandschuhe so gut wie jeder andere Officier, und wir sahen viele Großkreuze europäischer hoher Orden bei demselben. Auch die Gesichter des größten Theiles desselben waren schön zu nennen, an die vollen Bärte hat man sich auch in anderen Staaten Europa’s längst gewöhnt, und mehr als eine junge Dame richtete ihre neugierigen Blicke auf jene Herren, die gar nicht so schrecklich, so uncultivirt aussahen, daß man von ihnen hätte glauben können, daß sie mehrere Frauen besitzen und sie so viel als möglich von der Außenwelt abschließen, – wie natürlich auch keine einzige derselben bei dem Feste zugegen war.