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Ein Abend bei Levassor während seines Gastspiels in Leipzig

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Abend bei Levassor während seines Gastspiels in Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 328–330
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Pierre Levassor (1808–1870), französischer Theaterkünstler und Autor
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Ein Abend bei Levassor während seines Gastspiels in Leipzig.

Es ist ein wohlthuender Anblick, wenn man alte Herren weinen sieht – vor Lachen, wenn junge Damen ihre glühenden Gesichter kichernd hinter Fächer oder Taschentuch verstecken, wenn sonst trockne Käuze sich ausschütten wollen vor Vergnügen, wenn selbst der vornehme Mann auf einen Augenblick die Contenance verliert – und all’ diese Gemüthsbewegungen durch einen Einzigen hervorgerufen werden, der von der Bühne herab die Herzen seiner Zuschauer gleichsam an einer Drahtsaite hat, die er so geschickt anzuschlagen weiß, daß sie bei Jenen genau so wiederklingt, wie der Spielmann es wollte.

Ein solcher Spielmann ist Levassor, französischer erster Komiker, der uns in einem Spiegel eine Reihe von Charakteren zeigt, die unsere angeregte Lachlust oft bis zur Ausgelassenheit steigern. Dieser Spiegel des Künstlers ist die Wahrheit seines Spiels, die Klarheit und Bedeutsamkeit seiner Gesten und Attütiden, der sprechende Ausdruck seiner Mimik, die feinste Charakteristik menschlicher Schwächen, Lächerlichkeiten, Absurditäten, die hinreißende Gewandtheit seiner Zunge – kurz, sein Genie, das hier im Auslande eben so zündet, als auf heimischem Boden.

Levassor erschien an jenem Abend zuerst in einem kleinen Lustspiel als Sir John Esbrouff, wobei er von Fräulein Teisseire vom Théâtre du Gymnase, einer höchst anziehenden Erscheinung, und einigen weniger bedeutenden Kräften, unterstützt wurde. Dieser Sir John, ein Typus der aufgeblasensten Bornirtheit und des englischen Phlegma’s, mit steifem, eingezogenem Rücken, schläfrigem Auge, wohlgepflegtem Backenbart, und dabei fortwährend die Hände in den Rocktaschen, hat eine unbeschreibliche Wuth, die er durch die Zähne herauszischt, über einen jungen französischen Maler, weil dieser ihn karrikirt hat. Einige Tausend Exemplare der schändlichen Conterfei’s hat er schon verbrannt, und immer schießen wieder Hunderte wie Pilze aus der Erde! Zudem ist noch Monsieur Léonard der Geliebte seiner Mündel, Miß Georgine, die er selbst liebt und heirathen will. Der Zufall führt ihn mit dem Maler Léonard zusammen, er fordert ihn auf Pistolen – schießt jedoch fehl, weil, während er auf seinen Gegner zielt, dieser schnell sein Skizzenbuch heraus nimmt, ihn portraitirt, worüber dieser außer sich vor Wuth ist, und nach gefallenem Schuß starr vor Verwunderung dasteht, daß der Maler nicht todt im Sande liegt.

Diese ganze Scene – erst das lange Zielen, dann das unbeschreiblich einfältige Gesicht, mit dem er seinen Gegner fragt: „Sie sind

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Die Gartenlaube (1856) b 329.jpg

[330] nicht todt?“ spielte Levassor unnachahmlich. Nachdem er sich, zuletzt sogar durch vorsichtiges Betasten überzeugt hatte, sein Schuß sei fehl gegangen, zeigten sich in seinem Wesen die lächerlichsten Symptome von Unbehaglichkeit und Verlegenheit, jedoch verleugnete er dabei keinen Augenblick den vornehmen Mann, den Gentleman. Sich mehrmals an den Hals fühlend, die Brauen heftig zusammenziehend, stellt er nun sich seinem Gegner zur Disposition. Mr. Léonard zielt lange – aber Sir John wartet den ominösen Schuß nicht ab. Mit mächtigen Schritten kommt er vor, tritt hart an den Maler heran, schlägt leicht mit dem Lauf seines Pistols an das seines Gegners und fragt äußerst ruhig: „Was kostet das – ich will Ihnen den Schuß abkaufen etc.“ Diese allerdings höchst drastische Wendung der Situation erhebt den Darsteller zum Gipfelpunkt seiner Rolle.

Das Stückchen schloß, wie alle solcher Gattung, mit einer Verbindung der Liebenden und einem Gefoppten – hier war es natürlich Sir John.

Von jetzt an beherrschte Levassor allein die Bühne, indem er nach und nach eine Reihe komischer Scenen vorführte, von denen die vorletzte: „Die Liebesabenteuer eines Friseurs“ jedenfalls das Bedeutendste war, was man auf der Bühne gesehen hat, und wodurch der Künstler seinen schönsten Triumph feierte.

Angesichts des Publikums entwickelte er acht Charaktere, verschieden in Maske, Sprachton und Haltung! – Ein junges, blondes, gelocktes Herrchen erscheint vor uns in der Gestalt des Damenfriseurs. Alles ist zart und süß in ihm, Alles scheint von Odeurs und Pomaden zu duften und der dünne Haarkranz, der sich um das sonst völlig kahle Haupt schlingt, ist auf’s Sorgfältigste gekräuselt. Nur in diesem Augenblick scheint er entrüstet zu sein; wüthend wirft er den Hut in eine Ecke des Zimmers, denn er glaubt seine Pamela treulos. Eine Menge Perrücken stehen zierlich geordnet auf saubern Stöcken umher, deren Anblick den Besitzer nur noch wüthender zu machen scheint, und die er sogar verbrennen will, nachdem er ihnen feierlich Lebewohl gesagt hat. Aber nach einem langen Monolog scheint sich sein heißes Blut abzukühlen. Er gedenkt alles dessen, was er erlebt hat – wie viele Menschen er auf seinem Wanderpfade kennen gelernt hat – er erinnert sich dieses Advokaten, jenes Richters und des alten Präsidenten. Er spricht mit Verachtung von dem jammervollen Perrückenmacher, von dem unausstehlichen Poltron, aber mit Ehrfurcht von einem jungen, feinen Dandy. Kaum hat er seinen Monolog geschlossen, tritt er zum Spiegel, nimmt die nächste Perrücke vom Stock, stülpt sie im Nu über, wirft rasch seinen Paletot ab, und vor uns steht im eleganten Salonfrack ein Modegeck, oder was dasselbe ist, ein Dandy comme il faut. Kaum haben wir Zeit über diese Metamorphose frappirt zu sein, bekleidet sich der Friseur im Fluge mit einem gelben, schwerstoffenen Schlafrock, den er bis an die Ohren zieht, schneeweißes Haar bedeckt seinen Kopf (diese Verwandlungen geschehen immer, indem er uns dabei leicht den Rücken zuwendet), und zeigt uns einen jener alten Präsidenten, die „mit wenig Witz und viel Behagen“ ihre große unverdiente Pension verzehren, und ewig lächeln, ewig schmunzeln. Der gelbseidene Schlafrock, das silberweiße Haar verschwindet – ein Perrückenmacher offerirt seine Dienste zum geneigten Wohlwollen - - nicht so der Poltron, der uns beinahe zu haranguiren scheint. Als der alte Präsident seinen Schlafrock auszog, wendete er ihn vollständig um, so daß ein schwarzer Talar daraus wurde. Der zarte Friseur stellt einen Stuhl mitten auf die Bühne – in einem Moment sehen wir den ersten Advokaten (wir befinden uns jetzt plötzlich in den Assisen), mit einem sehr wunderlichen Haarschmuck, in den Talar gehüllt, wie er hinter dem Stuhle steht, und sich gewichtig auf die Lehne desselben stützt, um seine Vertheidigungsrede zu beginnen. Dieser Herr scheint seiner Sache sehr gewiß; er kneift die Augen zusammen, räuspert sich nach jeder Periode und exponirt im schwerfälligsten Predigertone. Da fliegt auf einmal die vogelnestartige Perrücke herunter, und auf dem Stuhle sitzt ein altersschwacher, gebückter Greis mit zahnlosem Munde – das ist der Richter!

Man versteht ihm, wie vielen Richtern, kein Wort, weil er an jedem einzelnen kaut, ehe er es ausspricht. Kurz, der ganze Mensch ist eine jener absterbenden Maschinen, die nur noch aus einer falsch verstandenen Pietät vor Alter und Dienstjahren in Amt und Würden geduldet werden, und ein Hemmschuh der jüngeren Generation sind. – Mit Mühe erhebt sich endlich der alte Mann. – Plötzlich steht hinterm Stuhle – aber nicht der erste, nein, schon der zweite Advocat, ein fanatischer Mensch mit geisterbleichem Antlitz, eingefallenen Wangen, tiefliegenden Augen und spärlichem Haar, das wie lange Fäden über Stirn und Schläfe herabhängt. Seine durchdringende Stimme spielt in den höchsten Tönen, sein Auge schleudert Blitze, seine Faust ist geballt, und mit dem vorgestreckten Zeigefinger scheint er die Luft durchbohren zu wollen, so rasch, so unbändig, so wild sind seine Gesten und seine Mimik. Aber noch hat er nicht die Spitze seiner Rede erreicht, mit der er das Publikum, das heißt, die Geschworenen vollständig gewinnen will. Weit beugt er sich mit dem Oberkörper vor, schwingt das rechte Bein über die Stuhllehne, stützt den Ellenbogen auf das Knie, und in dieser herausfordernden Stellung raset er weiter. Es ist dieser Mensch ein treues Abbild jener furchtbaren Naturen, wie sie nur der Süden erzeugt, die Blut wie Tinte mit gleicher Leichtigkeit verspritzen, in deren Nähe uns ein heimliches Grauen anwandelt, selbst wenn sie zu lächeln versuchen. – Wir waren noch nicht zu Athem gekommen – und der alte Richter, das durch und durch gebrochene Männlein saß wieder auf seinem Stuhle und murmelte einige unverständliche Worte – doch gleich darauf sehen wir hinterm Stuhle wieder den ersten Advocaten, der eben beginnen will, als ihn schon wieder der wüthende Zweite verdrängt, der dann auch das Feld behauptet, bis wir durch das Niederrauschen der Gardine daran erinnert werden, daß hier nicht über Leben und Tod gesprochen – sondern nur Comödie gespielt wird.

Die beiden Scenen, die dieser großartigen vorausgingen: „Adelaide“ und die „Pirouetten eines alten Tanzmeisters,“ waren, wenn auch nicht von so hoher künstlerischer Bedeutung, doch nicht minder geistvoll und lebendig ausgeführt. In „Adelaide“ stellt Levassor einen jungen Menschen dar, der mit vielem Selbstgefühl in einem Cirkel obiges Lied vortragen will, und niemals weiter kommt als bis „Adelaide!“ Er erschien hierbei ohne jede Zuthat von Schminke und Kostüm – sondern rein als Herr Levassor in modernem Kleid, was diese höchst ergötzliche Leistung nur um so anerkennungswerther machte. – Die „Pirouetten des alten Tanzmeisters“ zeigten uns einen Künstler dieser Gattung aus der Kaiserzeit, was seine Titus-Perrücke nicht bezweifeln ließ. Dieser stellt das Tanzen über alle andern Künste, behauptet, nur mit den Beinen ließe sich ein Gedanke gehörig ausdrücken, viel deutlicher, viel präciser als durch Rede und Gesang. Dabei sieht der arme Teufel doch ein, daß es mit ihm nicht mehr recht gehen will – immer muß er sich daran erinnern, nicht so krumm zu gehen, aber dennoch verachtet er die Epigonen gründlich.

Eine Dame von sehr geläutertem Kunstgeschmack äußerte einmal in der Oper: „Ja, die Chöre hätte ich schon gern, wenn es nur keine Choristen gäbe.“ Levassor commentirt diese Aeußerung am Glücklichsten durch die Darstellung seiner „Choristen.“ Welch’ lächerliche Geschmacklosigkeit in Kostüm wie Erscheinung, welche Versumpftheit, und dabei welcher Dünkel – denn dieser Chorist spricht immer von seinem Freunde Talma, der nur mehr Glück gehabt habe als er! Gleich dem alten Tanzmeister, der mit seinen Pirouetten zu beweisen sucht, wie allein in den Beinen der Ausdruck liege, so unser Chorist, der durch schreckliche Chorgesänge, durch Marschiren, Schwertziehen und Fechten, uns zeigen will, wie schwierig seine Stellung sei, die er in der Welt einnimmt. Der Levassor-Chorist schreit wie wirkliche Choristen, er schlägt mit der Stimme über wie seine Leidensgefährten, kratzt sich am Halse während eines Trauerchors, und starrt dabei gedankenlos und unverschämt in’s Parterre und von da zur Gallerie hinauf.

Dieser Chorist wird unvergeßlich bleiben, und wir wollen nur noch von den Urbildern wünschen, sie möchten sich bestreben, bald nicht mehr zu sein wie dieser!

Levassor nahm Abschied von uns – anerkannt und bewundert. Betritt einmal ein großer deutscher Schauspieler die pariser Bühnen, so möge ihm das französische Publikum ebenso vorurtheilsfrei Beifall spenden, wie es das deutsche Publikum gegenüber unserm französischen Gaste gethan hat.