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Vorarlberg.


[3] Im Westen der Grafschaft Tirol zwischen dem Arlberg und dem jungen Rhein liegt ein kleines, bergiges Gebiet, das jetzt den Namen Vorarlberg führt. In den ältesten Zeiten war diese Landschaft frei, später mit den übrigen Alpenländern den Römern unterthan. Von den Orten, die während ihrer Herrschaft auf vorarlbergischem Boden genannt wurden, kennen wir wenigstens zwei, Brigantium nämlich und Clunia. Ersteres ist das heutige Bregenz am Ufer des Bodensees, letzteres will man bei Gösis in der Nähe von Feldkirch gefunden haben. Gewiß ist, daß damals die eingebornen Rhätier ihre angestammte Sprache aufgaben und die der Römer annahmen; daher das Romansch in Graubündten, welches jetzt zwar auf Hohenrhätien beschränkt ist, aber noch vor wenigen Jahrhunderten auch die Landessprache des südlichen Vorarlbergs war. Als das alte römische Reich den Germanen unterlag, brachen vom Bodensee herauf die Alemannen in das Land. Lange darnach unter den deutschen Kaisern that sich im Rheinthale ein alemannisches Herrengeschlecht, die von Starkenfels oder Montfort auf. Sie waren reich begütert um Werdenberg und Sargans auf der helvetischen Seite und geboten mit der Zeit in mehreren Zweigen auch fast über alles Land zwischen dem Arlberge und dem See. Von ihnen werden wir an verschiedenen Orten noch mehr zu erzählen haben. Innerer Verfall und äußere Nöthen zwangen die Montforte allmählig ihre schönen Herrschaften aufzugeben, und die habsburgischen Grafen von Tirol waren um so mehr geneigt, ihre Nachfolger zu werden, als sie über den Arlberg [4] und den Bodensee auf eigenem Grunde einen Zugang[WS 1] begehrten zu den vorderösterreichischen Gebieten in Schwaben, welche von den Herzogthümern und Grafschaften, die Kaiser Rudolphs Nachkommen im Ostreiche und im Gebirge erworben, völlig abgeschnitten waren. Von dieser Zeit an nannten die Herzoge von Oesterreich, Grafen zu Tirol, welche zu Innsbruck Hof hielten, die ehemalig montfortischen Herrschaften an der Ill und dem Rheine ihre Länder vor dem Arlberge, und dieser in Tirol entstandene Name ist dann mit der Zeit auch bei den Eingebornen in Gebrauch gekommen.

Im Jahre 1523 überließ Hugo Graf von Montfort auch die eine ihm zuletzt noch gebliebene Hälfte der Stadt Bregenz an den Erzherzog Ferdinand, den spätern Kaiser, und seit diesem Jahre hatten die Montforte kein Besitzthum mehr in Vorarlberg, das ihnen ehedem schier ganz zu eigen gewesen war. Sie haben hernach noch fast drei Jahrhunderte lang, aber ruhmlos in Schwaben gelebt.

Die vier Herrschaften vor dem Arlberge, nämlich Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg und Bludenz wurden indessen nach ihrer Erwerbung durch die österreichischen Fürsten nicht zur Grafschaft Tirol geschlagen, sondern zu den vorderösterreichischen Ländern. Deßwegen standen sie auch nicht unter der Regierung zu Innsbruck, sondern unter jener zu Freiburg im Breisgau. Erst Kaiser Joseph II. vereinigte dieses Gebiet, jedoch unbeschadet seiner eigenen ständischen Verfassung, mit Tirol. Nach der Abtretung an Bayern kam es zum Illerkreise, dessen Hauptstadt Kempten war. Seit dem Jahre 1814 ist das Land in der Verwaltung wieder mit Tirol verbunden, steht unter dem Landesgubernium zu Innsbruck und bildet einen Kreis für sich, dessen Hauptmann seinen Sitz zu Bregenz hat. Das schöne Amt Weiler, welches ehedem zu Vorarlberg gehörte, ist in den Verträgen von besagtem Jahre der Krone Bayern verblieben. Früher schon waren dem Lande die ehemals reichsunmittelbaren Herrschaften Hohenems, Blumeneck, St. Gerold und Lustenau zugefallen.

Vorarlberg hatte bis zum Jahre 1806 oder genauer genommen bis zum 1 Mai 1808 seine eigenen Stände. Man [5] kann indessen ihr Daseyn nicht weiter hinauf nachweisen als bis zum Jahre 1518, wo Kaiser Maximilian die schwäbisch-österreichischen und vorarlbergischen Stände auf einen Landtag nach Augsburg rief. Die Herrschaften, welche damals noch in den Händen adeliger Geschlechter lagen, waren reichsfrei, wie z.B. die Grafschaft Hohenems, daher keine Adelsbank, und die Geistlichkeit gelangte ebensowenig zur Standschaft. Deßhalb traten auf den vorarlbergischen Landtagen, welche in gewöhnlichen Zeiten jährlich zu Feldkirch gehalten wurden, nur Bürger und Bauern auf – für jene, die Bürgermeister der drei Städte Feldkirch, Bregenz und Bludenz, für diese die Vertreter der einundzwanzig bäuerlichen Standesbezirke, in welche das Ländchen getheilt war, im Ganzen also vierundzwanzig Abgeordnete. In den Wirkungskreis der Stände gehörte zunächst das Steuerwesen – das landesfürstliche Postulat betrug 39,400 fl. – und die Vertheidigung des Landes. Zu letzterem Ende hatten sie bei Feindesgefahr die gesammte Landmiliz aufzubieten, welche auf 6000 Mann gestellt war. In Behauptung ihrer ständischen Rechte und in Abweisung aller Anforderungen, die ihnen unbillig und nachtheilig schienen, haben sich die vorarlbergischen Stände immer sehr zäh und hartnäckig bewiesen. König Maximilian von Bayern hat wie die tirolischen, so die vorarlbergischen Stände aufgehoben. Als das Land wieder an Oesterreich fiel, sollte nun auch wie in Tirol so in Vorarlberg die ständische Verfassung neuerdings ins Leben treten, und zwar in der nämlichen Gestalt wie sie im Jahre 1805 bestanden, abgerechnet etliche kleine Aenderungen. Man ging im Jahre 1816 sogar schon so weit die ständischen Vertreter zu wählen. Da aber die endliche Organisation noch nicht erfolgt ist, so sind sie auch bis zum heutigen Tage noch nicht zusammenberufen worden. Auf den tirolischen Landtagen waren die Vorarlberger wegen jener politischen Getrenntheit, die in ihrem Ländchen eine eigene ständische Verfassung erblühen ließ, zu keiner Zeit, vertreten.

Der Kreis Vorarlberg hat nach seinem gegenwärtigen Bestande einen Flächeninhalts von 46½ Geviertmeilen, und auf diesen wohnte im Jahre 1843 eine Bevölkerung von 101,320 [6] Menschen. Wie die Natur des Landes in seinen verschiedenen Gegenden höchst verschieden, so auch die Vertheilung der Bewohner. Gerade in der Mitte des Gebiets zwischen dem Lutzbache, der das Walserthal durchströmt, zwischen der Bregenzerache und den Rheinufern sind weite, nur mit Sennhütten besetzte Alpengegenden, welche dem Uebergreifen der Bevölkerung die Schrecken eines langen, rauhen Winters mit einem Nachdrucke entgegensetzen, der bisher alle häuslichen Niederlassungen hintertrieben hat. Dieselbe Erscheinung kehrt wieder in den Gebirgszügen, die vom Arlberge gegen das Walserthal und gegen Montavon sich ausdehnen. Andrerseits nähren die fruchtbaren Gestade des Rheins und der Gewerbsfleiß der dortigen Städte und Flecken eine zahlreiche Bevölkerung. So kommt es, daß im Landgerichte Montavon kaum 900 Seelen auf die Quadratmeile fallen, im Bludenzer Gericht wenig über 1000, während in der Gegend von Dornbirn fast 5000 Menschen auf derselben Fläche gezählt werden.

Was die Abstammung der Vorarlberger betrifft, so ist diese nicht bei allen die gleiche. Mitten durch das Land zieht sich nämlich eine ehemalige Sprachgränze, die jetzt freilich nur mehr wie jene ehemalige der Slaven im Sachsenlande an den undeutschen Ortsnamen zu erkennen ist. Sie beginnt bei Hohenems (ehemals Amades) und Götzis am Rhein, und zieht sich über Fraxern, Dafins, Laterns, Damils, Fontanella, Ragall, Marnel und Zürs gegen den Arlberg. Alle diese Dörfer und die andern, die daran gegen Mittag liegen, gehörten vordem zum ladinischen Bisthum Chur und bildeten das Capitulum Drusianum, so genannt von Val Drusana, dem romanischen Namen des Bludenzer Wallgaues, welchen dieses von Drusus, Kaiser Augusts Stiefsohn, erhalten haben soll. Hier wohnten romanisirte Rhätier, die zum Theil wie schon erwähnt noch im sechzehnten Jahrhundert dasselbe Romansch sprachen, das sich bis zur Stunde in Graubündten erhalten hat. Auf einzelne deutsche Niederlassungen, die schon in frühen Zeiten unter den besiegten Romanen gegründet wurden, werden wir an einem andern Orte aufmerksam machen.

[7] Alles was der bezeichneten Linie nördlich liegt, wird von ungemischten Deutschen bewohnt. Von diesen gehören die Bregenzerwälder wie die Bewohner der Stadt Bregenz und des Landgerichtes Dornbirn unbestritten dem alemannischen Stamme an. Ein Anderes scheint mit den Walsern der Fall zu seyn, welche sich in den zwei Thälern angebaut, die von ihnen den Namen führen. Diese Walser hat man ehemals für Romanen gehalten, und zwar zunächst, weil man ihren Namen für gleichbedeutend mit Walen, Walchen hielt. In neuerer Zeit hat sich dagegen herausgestellt, daß Walser, Valisensis nicht einen Walen, sondern einen Ankömmling aus dem Wallis an der Rhone bedeute. Dorthin weist auch manches in der Mundart der Walser. Wenn es sich nun zur völligen Gewißheit erheben ließe daß, wie Albert Schott behauptet, die Bewohner des Wallis burgundischen Stammes seyen, so wäre dieselbe Herkunft auch für die vorarlbergischen Walser in Anspruch zu nehmen. Immerhin bleibt ihnen ihre Heimath am Rhodanus unbestritten, und dieser Umstand ist es auch, der diese kleine Völkerschaft dem Liebhaber ethnographischer Forschungen so anziehend macht. Ein Theil derselben, nämlich die Einwohner von Damils, Fontanella, Ragall u. s. w. sitzt in ehemals romanischen Dörfern und im Umfange des frühern drusischen Capitels. Etwas mehr über diese Dinge werden wir bei spätern Gelegenheiten vorbringen. Uebrigens wohnen die alemannischen Hirten des Bregenzerwaldes, die wallisischen, wahrscheinlich burgundischen Walser und die germanisirten Romanen des Montavons, alle in ihrem Wesen merklich gekennzeichnet und unterschieden, so nahe bei einander daß ein rüstiger Wanderer in einem Tage ihre drei Gebiete berühren kann. Die Einwohner der gewerbfleißigen Städte und Flecken auf dem vorarlbergischen Rheinufer haben ein allgemeiner oberschwäbisches Gepräge. An das bojoarische Tirol erinnert hier überhaupt nichts als die politische Zutheilung. Sonst zeigt das Ländchen in seiner ganzen Physiognomie fast mehr Aehnlichkeit mit einem Kanton der Schweiz, als mit einem tirolischen Kreise.

[8] Wie dieser Landstrich nun in seinem Aeußern beschaffen, welches Ansehen seine Berge und Thäler, seine Höhen und seine Niederungen, das wird sich auf der Wanderung selbst erheben lassen. Der steile Absprung klimatischer Verhältnisse, wie er in allen Gebirgsländern vorkömmt, findet sich auch hier. Zwar ist es nicht wie im Etschlande vergönnt, in der Frühe den Wanderstab auf Gletschereis zu stoßen und ihn am Abende unter Mandelbäumen niederzulegen, aber wenigstens stehen sich Weinbau und Fernerwildnisse in gleicher Nähe wie dort. An den Hörnern des Rhätico, der die südliche Landmark bildet, zumal im Brandnerthale und hinten im Montavon in der öden Einsamkeit von Vermunt starren weite wilde Gletscher. Die Höhen des Bregenzerwaldes und der Walserthäler tragen zwar wenig ewigen Schnee, zeigen aber sonst all die großartige Natur des Hochgebirges. Unten am Rhein und am Bodensee herrscht die milde Luft von Oberschwaben und ein Klima, das zu den angenehmsten Deutschlands gezählt wird.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Zugan
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