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Die neue Oberwelt

Textdaten
Autor: Paul Scheerbart
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Titel: Die neue Oberwelt
Untertitel:
aus: Die Aktion, Jg. 1911, Nr. 2, Sp. 53–57
Herausgeber: Franz Pfemfert
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Verlag Die Aktion
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Internet Archive = Commons
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[1] Die neue Oberwelt

Venus-Novellette von Paul Scheerbart.

„Wenn man,“ sagte der weise Knax, „sich nicht zu helfen weiß, so kann man nicht behaupten, daß man sehr schlau ist.“

„Zweifellos!“ riefen lachend die Zuhörer.

Aber die Zuhörer hörten bald wieder zu lachen auf; ihnen war gar nicht so lächerlich zumute, da sie große Sorgen hatten.

Auf dem Stern der Venus war die große Fruchtbarkeit zu Hause. Knax mit seinen Zuhörern lebte auch auf dem Stern Venus, auf dem alles unter der großen Fruchtbarkeit sehr zu leiden hatte.

Der Stern Venus ist bekanntlich nicht ein Stern, der sich wie Jupiter, Mars und Erde um sich selbst dreht – der Stern Venus hat immer nur die eine Seite seines Kugelleibes zur Sonne gewendet, und da diese sehr heiß ist, so ist es die eine Seite der Venus auch. Daher darf es nicht verwunderlich erscheinen, daß auf dieser einen Venusseite die Fruchtbarkeit eine Plage ist.

Blumenartige Bildungen auf der Rückenseite der Venusbewohner verwandeln sich sehr rasch, bekommen lange, schwirrende Schmetterlingsflügel, die sich bald wieder zusammenballen und mit dem Ganzen ein kompliziertes Fruchtgebilde darstellen, das sehr schnell größer wird und sich dann vom Körper loslöst und danach zu einem neuen Venusbewohner wird. Diese Nachkommen entstehen, ohne daß ihre Vorfahren in die Lage kämen, die blumenartigen Bildungen mit ihren Verwandlungen irgendwie zu beeinflussen. In der Nähe der Sonne vollzieht sich eben [2] die Vermehrung der Arten in sehr einfacher Weise – ohne jede Spur eines irdischen Dualismus.

Man kann sich leicht denken, daß diese Bequemlichkeit der Natur auch erhebliche Unbequemlichkeiten im Leben derer, die sich so einfach fortpflanzen, zur Folge hat – denn die Alten sterben nicht so schnell aus auf der Venus, so daß sich die Zahl der Venushautbewohner unablässig vergrößert. Diese Vermehrung behindert die Bewegungsfreiheit der Generationen. Und – wer sähe es gerne, wenn er samt seinen Lebensgenossen in seiner Bewegungsfreiheit behindert wird? Dabei geht ja alle Heiterkeit und Grazie ohne Anmut zum Teufel.

Nun kam noch hinzu, daß auf der heißen Venusseite zwei ganz verschiedene Arten von Lebewesen existieren; die einen waren groß, dick und faul und hatten eine Art Schildkrötenfell oben und unten, die anderen Lebewesen besaßen zwanzig Arme mit langen feinen Händen, die sie, faustartig gekrümmt, leicht als Füße gebrauchen konnten, so daß diesen Zwanzigarmigen eine geradezu unheimliche Lebendigkeit innewohnte.

Daß den bequemen, faul und ruhig daliegenden Schildkrötenfellbedeckten die Lebendigkeit und Ruhelosigkeit der Arm- und Handreichen sehr peinlich – ja zuweilen unerträglich – vorkam, das braucht wohl nicht gesagt zu werden.

Knax gehörte nun mit seinen Zuhörern zu den beweglichen Venushautbewohnern.

Knax dachte täglich in reichlichem Maße über die verdammte Fruchtbarkeit der heißen Venuskugelseite nach; er war schon vor vielen Jahren auf die Idee gekommen, daß eine große Anzahl von Türmen und freischwebenden Brückenarrangements wohl den[WS 1] Platzmangel auf der Venushaut steuern könnte. Und man hatte danach auch Türme und Brücken in Tälern und Höhen massenhaft erbaut.

Indessen – die verdammte Fruchtbarkeit der Venusbewohner war eine derartig ergiebige gewesen, daß alle diese Türme und Brücken nicht mehr dem allgemeinen Verkehrsbedürfnisse der Beweglichen genügten; der Beweglichen gab es eben zu viele – und die Schildkrötenartigen bedeckten fast überall den Sternboden und litten nicht, daß die Zwanzigfüßigen auf ihren Rücken oder in ihrer Nähe herumliefen, da ihnen die Ruhe das wertvollste Lebensprinzip zu sein schien.

Knax, der Weise, sagte traurig:

„Weiß der liebe Himmel – wir haben in unserer sonnigen Heimat nicht mal mehr zum Spazierengehen Platz. Wo sollen wir denn bleiben? Wir können doch nicht immerzu auf unseren Brücken und Türmen sitzen und malen. Wir müssen doch mal spazieren gehen; wir sind doch nicht so konstruiert, daß wir auf die Spaziergänge ganz und gar verzichten können.“

Knaxens Zuhörer sagten dazu:

„Er hat recht, der Knax!“

Aber sie wußten nicht, wie dem Freiheitsmangel begegnet werden könnte; natürlich kam keines von diesen höher entwickelten Lebewesen auf die brutale Idee, die Nachkommen, die überflüssig erschienen, einfach abzugurgeln; alles Töten war den Venushautbewohnern unbekannt.

Die Geschichte wäre ja zweifellos zu einem Kampfe aller gegen alle geworden, wenn sich die ruhigen und die beweglichen Hautbewohner in einer Weise ernährt hätten, die sich mit der, die man auf dem Stern Erde sattsam kennen gelernt hat, vergleichen ließe. Aber ein derartiger Vergleich erscheint hier ganz unstatthaft, da sich die Hautbewohner gar nicht von dem ernährten, was auf der Haut der Venus zu finden ist; die Venusbewohner – sowohl die ruhigen wie die beweglichen – nahmen nur einmal im [3] Venusjahr Nahrung zu sich und das geschah folgendermaßen:

Es wuchsen ihnen plötzlich die Haare ihres Körpers länger und daraus ersahen sie, daß sie Hunger hatten; fühlen taten sie den Hunger keineswegs. Nun wuchsen die Haare plötzlich in die kautschukartige Venushaut hinein – und wuchsen in der Haut sehr schnell in einigen Stunden mehrere tausend Meter tief ins Innere des Sterns hinein. Und in diesem Innern des Sterns sogen die Haare, die allerfeinste Röhren darstellten, den Nahrungsstoff auf und führten ihn dem auf der Haut des Sterns liegenden Körper zu. Hatte dieser genug, so gingen die Haare entzwei und der Gesättigte konnte wieder davonlaufen.

Hätten nun die Schildkrötenartigen die ganze Sternseite mit ihren Körpern bedeckt, so hätten natürlich die Beweglichen keinen Platz gehabt, Nahrung aufzunehmen. Aber so schlimm war’s nicht; so viel Schildkröten konnten gar nicht entstehen, da die Venushaut doch eine ungeheure Fläche repräsentierte.

Nur zum Spazierengehen und zum Laufen fehlte der Platz auf der Halbkugeloberfläche; zum Nahrungaufnehmen langte diese Oberfläche in jedem Falle; die Schildkröten waren sonst sehr gutmütig und hätten auch den Zwanzigarmigen gerne durch Aufeinanderlagerung Platz gemacht, wenn dieser nur zum ruhigen Nahrungsaufnehmen verwendet werden sollte: nur für Lauferei und Springerei hatten die Ruhigen nicht das geringste Verständnis – alle Unruhe störte ja die ruhige philosophische Spekulation, die das Leben der Schildkröten ganz und gar erfüllte.

Doch Knax, der Weise, ließ nicht nach, über den Bewegungsfreiheitsmangel in reichlichem Maße täglich nachzudenken und kam eines Tages zu folgendem Einfall und zu folgender Rede:

„Lebensgenossen auf der Venushaut! Wie ihr alle wißt, haben wir auf unserer Sternseite unzählige[WS 2] Krater, aus denen von Zeit zu Zeit ganz heiße Luft herauspufft, die mit gewaltiger Geschwindigkeit zum Himmel emporsteigt und dort nutzlos am kalten Aether sich wieder erkältet. Könnten wir diese heiße, sehr leichte Kraterluft nicht als Luftballonträger verwerten? Und könnten wir uns dann nicht auf diesen Luftballons die nötige Bewegungsfreiheit schaffen? Wie denkt ihr darüber?“

„Ach was! Was werden wir darüber weiter nachdenken! Wir werden sofort aus unserer Sternhaut, die sich zu Ballonzwecken trefflich eignet, die nötigen Ballonhüllen herausschneiden.“

Also antwortete man dem weisen Knax.

Und die Idee fand solchen Anklang, daß man ganz vergaß, dem weisen Knax für seinen Einfall zu danken! Mit der größten Schnelligkeit gingen alle Zwanzigarmigen an die Arbeit, die Schildkröten machten, als sie von dem Plan hörten, gerne Platz – und halfen auch beim Hautaufschneiden.

Heller Jubel scholl über die helle Venushaut und dem weisen Knax drückte man bald danach so eifrig voll Dankgefühl die Hände, daß ihm diese anschwollen und sehr weh taten.

„Die Dankbarkeit ist auch nicht leicht zu ertragen!“ rief er lachend.

Doch die Ballons über den Kratern wölbten sich bald himmelhoch empor.

An Stricken, die an der Ballonhaut befestigt wurden, kletterten die Beweglichen mit Bequemlichkeit hinauf und hinunter.

Indessen – viele Ballonhäute spannten sich bald ganz kugelrund und so fest, daß die Haut ganz glatt wurde und nicht leicht auf ihr zu laufen war.

[4] Knax, der Weise, erklärte daher:

„Lebensgenossen auf den Ballonhäuten der Venushaut! Macht schnell neue Ballonhäute und macht kleine Löcher in die alten, allzu straff gespannten Ballonhäute – dann wird der Hauptballon an vielen Stellen kleine Nebenballons bekommen und das Terrain, auf dem wir herumlaufen wollen, wird dadurch wieder uneben und reicher gegliedert erscheinen.“

Dies mußte Knax mehrfach auseinandersetzen – doch die Lebensgenossen verstanden ihn dann allmählich und machten wie er gesagt hatte.

Und da wurde denn die Freude auf allen Ballons noch viel größer und Knax wurde gefeiert wie ein Retter und Erlöser.

Und die Schildkröten, die jetzt unten schrecklich ruhig lebten, freuten sich auch.

Leider wehrte die Freude der Schildkröten nicht sehr lange, denn sie bemerkten bald, daß ihnen die riesigen Kraterballons, die durch all die neuen Auswuchsballons täglich größer wurden, die Aussicht in die große Sonne benahmen, so daß die Schildkröten überall im Schatten liegen mußten.

Man rief nach dem weisen Knax und setzte ihm die Unerträglichkeit der Schattenfülle auseinander.

„Wir sind,“ sagten die Kröten, „an die Schattenfülle nicht gewöhnt; wir sind doch so konstruiert, daß wir Licht und Sonne zum philosophischen Nachdenken alle Tage brauchen. Mit der Nacht, die ja bislang auf unserer Venushälfte noch ganz unbekannt war, wissen wir nichts anzufangen. Darum sagen wir dir, Knax, gib dem Schatten bald einen solchen Knax, daß alles Nachtartige verschwindet. Sonst gehen wir alle an Lichtmangel zugrunde. Und das werdet ihr doch nicht wollen.“

Knax kraute sich mit seinen zwanzig Händen hinter seinen sieben Ohren und rief wehklagend:

„Wie soll ich das machen? Wie soll ich das machen? Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht!“

Er lief in eine Höhle und dachte wieder nach – und ihm fiel ein, daß man ja alle Ballons am Kraterrande zusammenbinden und in die Lüfte emporsteigen lassen könnte, durch längere Stricke ließ sich ja die Verbindung mit der Venushaut der Nahrungsaufnahme wegen leicht herstellen – und wenn die Ballons ein paar Meilen hoch steigen.

Und siehe – bald stiegen sie auch ein paar Meilen hoch empor.

Und da machte man dann neue Ballons über den Kratern und ließ diese neuen Ballons auch – bevölkert mit vielen Zwanzigarmigen – zum Himmel emporsteigen.

Und da schwebten dann bald sehr viele Ballons, die alle möglichen Formen annahmen, in den Venuslüften herum.

Und die schildkrötenartigen Bewohner der Venusoberfläche freuten sich über die Belebung der Atmosphäre ebenso sehr wie die Zwanzigarmigen, die natürlich niemals runter fielen, da sie ja viel zu gut klettern konnten.

„Jetzt sind alle Schatten weg!“ sagten die dicken Faulen.

„Und die unruhigen Geister auch!“ fuhren sie fort.

Knax aber ließ sich oben auf dem größten Ballon, aus dem nicht weniger als zweihundert keulenförmige Nebenballons herausgewachsen waren, als Retter verehren und sagte dazu:

„Ja, ja, Ballonhautbewohner! Wenn man sich nicht zu helfen weiß, so ist man nicht sehr schlau. Im anderen Falle aber ist man’s ganz bestimmt.“

Und die riesengroße Sonne mit ihren Protuberanzen machte die Wangen und die Hände des weisen Knax ganz braun – so heftig brannte sie hoch oben in der Venusluft.

[5] Glücklicherweise schadete allen Venusbewohnern die größte Hitze nicht im mindesten; in der Nähe einer Sonne ist man immer an die größte Hitze gewöhnt – alle Körper sind da so konstruiert, daß es gar nicht zu heiß werden kann[.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: dem
  2. Vorlage: unzähige