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Die geschichtlichen Helden deutscher Dichter (1)

Textdaten
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Autor: Herbert König
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Titel: Die geschichtlichen Helden deutscher Dichter Nr.1 Maria Stuart
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 628–632
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[628]
Die geschichtlichen Helden der deutschen Dichter.
Nr. 1.
Maria Stuart.

Wir durcheilen die Gallerien, Säle und Corridore des schottischen Königspalastes, lassen die Bildnisse seiner längst modernden Herrscher unbekümmert auf uns herabschauen, achten wenig der Erläuterungen des Führers: hier tanzte Carl Eduard zum letzten Male auf schottischem Boden, oder: dies ist der Thronsaal, welcher zu den Levers Georg’s IV. hergerichtet wurde, und jene Zimmer bewohnte der französische Exkönig Carl X. in den dreißiger Jahren, und diese die Königin Victoria, wenn sie Holyrood gelegentlich zu ihrer Sommerresidenz erwählt. Warum hören wir nur halben Ohrs auf die Geschichte des düsteren Schlosses, das König David gegen die Mitte des zwölften Jahrhunderts gründete und die Engländer 1544 gänzlich niederbrannten? Warum interessirt es uns wenig, daß Jacob V. den Palast wieder herstellte und Cromwell ihn auf’s Neue zerstörte, bis unter der Regierung Carl’s II. das Gebäude wieder aus seinen Trümmern erstand? Warum – so müssen wir uns selbst fragen, so wenig Theilnahme für jene historischen Personen und Begebenheiten? – Warum befinden wir uns in diesem Schlosse mit seiner verblichenen Pracht und gefallenen Größe, seinen Räumen, die wenig Freude, aber viel Blut sahen – warum? – Weil auch eine Frau hier wohnte, die berühmt wurde durch ihre Schönheit wie durch ihr Unglück, die bestimmt schien, zwei Königskronen zu tragen, und unter einer Dornenkrone seufzte, deren Leben, von Leidenschaften und „der Parteien Gunst und Haß verwirrt“, den Stein wider sie erhebt, deren tragisches Ende aber Vergebung erringt. –

Der Name „Maria Stuart“ ist es, welcher mit einem nie verduftenden Hauche von Poesie aus verflossenen Jahrhunderten zu uns herüberklingt, der uns noch heute bewegt, so oft wir ihn nennen hören. Wie sollte er nicht hier, in Holyrood, uns erschüttern, hier, wo ihr Fuß einst wandelte auf denselben Fliesen, wo ihre Gestalt durch dieselben Thüren und Gemächer schwebte, wo sie liebte und irrte, wo sie büßte und verzweifelte und Rache

[629]
Die Gartenlaube (1862) b 629.jpg

Maria Stuart und der schottische Königspalast Holyrood.
Originalzeichnung von Herbert König.
Boudoir der Königin.      Schloß Holyrood.      Bad der Königin.
Schlafzimmer.

[630] schwur den Mördern ihres „Rizzio“ ein Schwur, den sie treulichst erfüllte und der sie dem eigenen Verderben unaufhaltsam entgegenführte!

Daher unsere Hast und Eile, jene Gemächer zu betreten, von denen man uns schon in der Kindheit erzählte, daher unser Herzklopfen je näher wir ihnen kommen, bis der Führer stehen bleibt und mit lauterer Stimme ruft „Queen Mary’s Apartments!

Als Jacob V. nach der schimpflichen und bedeutungsvollen Niederlage bei Solway-moß von der Armee gänzlich verlassen und von seinen Erbfeinden, den Engländern, auf’s Aeußerste gedemüthigt worden war, ergriff ihn Verzweiflung. Es befiel ihn ein Fieber, und er starb am 14. December 1542 im Schlosse zu Falkland in einem Alter von 31 Jahren. Kurz vor seinem Tode vernahm er, daß ihm seine Gemahlin zu Linlithgow eine Tochter geboren habe; er brach dabei, gedenkend, daß die Krone von Schottland durch eine Enkelin von Robert Bruce an das Haus Stuart gekommen sei, mit Trauer in die Worte aus: „durch ein Mädchen ist sie gekommen, durch ein Mädchen wird sie wieder fortgehen!“ – Dieses Mädchen war Maria Stuart, die am 8. December 1542 geboren ward und somit in einem Alter von 6 Tagen zum Throne gelangte.

Von diesem Augenblicke an bildeten sich und traten zwei Parteien einander entgegen, welche sich mit der Person die Erbschaft der Maria Stuart streitig machten und sich, die eine auf Frankreich, die andere auf England stützten. Vor Allem war es englischerseits Heinrich VIII., welcher in einer heftigen, ja drohenden Weise die junge Königin für den Prinzen von Wales begehrte und zu diesem Zweck verlangte, sie möge in ihrem zehnten Jahre zu ihrer ferneren Ausbildung nach England gebracht werden. Die unmittelbare Folge davon war eine Reihe von Zwistigkeiten und blutigen Kämpfen, welche mit der Niederlage der nationalen Partei bei Pinkey endeten, so daß im Verein mit dem Regenten, dem Grafen Arran, die kluge und gewandte Königin Wittwe beschloß, Maria nach Frankreich zu senden und mit dem jungen Dauphin zu verloben. Dieser Vorschlag ward von Frankreich eifrigst angenommen, weil es darin das sicherste Mittel erblickte, durch eine unauflösliche Verbindung England in Schach zu halten. Niemand gewann aber mehr dabei, als der schottische Adel, dem durch die Entfernung der Maria Stuart und ihre Vermählung in einem fremden Lande die wilde Herrschaft erleichtert wurde.

So langte die kaum sechsjährige Maria unterm Schutze einer französischen Flotte und begleitet von ihrem natürlichen Bruder Lord James und vier ihrer Altersgenossen, den sogenannten vier Marien, wohlbehalten im Hafen von Brest an. Sie wurde nach St. Germain gebracht, wo in diesem Augenblicke der Hof residirte und König Heinrich II. sie wie seine Tochter aufnahm und behandelte.

Aus dieser Periode schreibt ein gleichzeitiger Schriftsteller über sie: „Maria Stuart war für ihr Alter sehr gereift. Sie war groß und schön. Ihre Augen verkündeten Geist und strahlten von Glanz. Sie hatte die zierlichsten Hände von der Welt. Ihre Stimme war sanft, ihr ganzes Aeußere edel und graziös, ihre Rede voller Leben, ihr Zauber gewaltig. Schon frühzeitig zeigte sie eine seltene Anmuth, so daß man sie lieben mußte und sie schon in ihrer Kindheit verführerisch fand.“ Sie wurde mit den Töchtern der Katharina von Medicis und unter den Augen der gelehrten Margaretha von Frankreich, Schwester Heinrich’s II., erzogen. Der Hof, in dessen Mitte Maria Stuart aufwuchs, war der prächtigste, geschmackvollste, lebensfroheste, aber nebenbei auch einer der leichtfertigsten von Europa. Hier waren die Frauen fortwährend mit Männern untermischt. „Hier,“ sagt Brantôme, „gab es eine Menge sterblicher Göttinnen, von denen eine immer schöner als die andere war.“ Da sich die Könige Maitressen hielten, so sollten ihre Unterthanen auch welche haben, und die, welche dies nicht thaten, hielten sie für Narren und Dummköpfe. In einer solchen Schule der Feinheit und Verdorbenheit bildete sich Maria Stuart, die zugleich frühzeitig die Gaben ihrer reichen und reizenden Natur durchblicken ließ. In ihrem zehnten Jahre setzte sie bereits durch die Reife ihres Urtheils in Erstaunen, im dreizehnten Jahre war sie schon so verschwiegen, daß sie die vertraulichen politischen Mittheilungen geheim hielt, die sie von ihrer Mutter empfing, und als sie sich ihrem fünfzehnten Jahre näherte, beeilte Heinrich II. ihre Vermählung mit dem Dauphin, welche auch ein Jahr darauf, am 24. April 1558, mit der größten Feierlichkeit in der Kirche Notre-Dame begangen wurde. Heinrich II. vergaß sich bei dieser Gelegenheit in seinem Freudenrausche so weit, die Dauphine das Wappen von England annehmen zu lassen, eine Unklugheit, durch welche er den furchtbaren Kampf zwischen ihr und Elisabeth entzündete.

Das eheliche Glück der jungen Gatten sollte von kurzer Dauer sein, denn schon nach zwei Jahren starb Maria’s Gemahl, der inzwischen als Franz II. König von Frankreich geworden war. Dieser plötzliche Todesfall vernichtete die schönsten Hoffnungen Maria’s. In einem Alter von achtzehn Jahren Wittwe, und Französin seit ihrem zwölften, fühlte sie den ganzen Verlust, den ihr der Tod zugefügt, indem er ihr nicht allein den Gemahl raubte, sondern sie auch von dem Throne Frankreichs herabführte, den nun der berüchtigte Karl IX. bestieg.

In tiefe Verzweiflung versunken, schloß sie sich mehrere Wochen in ihr Zimmer ein, wo sie außer den nächsten Anverwandten Niemand empfing. Mit düsteren Vorahnungen, denn sie liebte Frankreich und hatte ihr altes Vaterland fast vergessen, nahm sie die Aufforderung des schottischen Parlaments entgegen: unverzüglich in’s Königreich zurückzukehren. „Ich habe sie oft,“ sagt Brantôme, „diese Reise fürchten sehen wie den Tod, und sie wünschte hundert Mal lieber in Frankreich als einfache Wittwe zu bleiben, als die Regierung in ihrem wilden Lande übernehmen zu müssen.“

Am 14. August 1561 schiffte sie sich in Calais mit ihren drei Oheimen und vielen Adeligen ein. – Brantôme, der unter der Zahl der Edelleute war, die ihr nach Schottland folgten, hat uns über ihre Abreise eine rührende Erzählung hinterlassen, aus welcher wir Folgendes entnehmen: „Die Galeere war eben aus dem Hafen ausgelaufen, und es hatte sich eine leichte Kühlte erhoben, als man die Segel einzusetzen begann. Sie stützte sich mit beiden Armen auf das Hintertheil der Galeere an der Seite des Steuerruders, vergoß schwere Thränen, warf unausgesetzt ihre schönen Augen auf den Hafen und den Ort, von wo sie ausgefahren, und rief immer die traurigen Worte: Lebewohl, Frankreich, ich werde Dich nie wieder sehen! – bis es Nacht zu werden begann.“

Am Morgen des 19. August lief Maria Stuart im Hafen von Leith ein. Sobald man vernahm, sie sei gelandet, kam man ihr von allen Seiten entgegen, und der Adel empfing sie, um sie in den Palast ihrer Väter nach Edinburgh zu geleiten. Dieser herzliche Empfang rührte sie, ohne sie jedoch zu erheitern. Man hielt ein Pferd für sie bereit, hatte aber für die Damen und Herren ihres Gefolges nur kleine Klepper aus den Gebirgen. Als die Königin sie erblickte, fing sie an zu weinen und beklagte, daß dies nicht der Pomp, die Zurüstungen, die Pracht und die herrlichen Thiere von Frankreich wären. In solch bescheidenem Aufzuge kam sie in dem Palast von Holyrood an.

Am Abend versammelten sich die Bürger von Edinburgh unter ihren Fenstern, ließen sich auf ihren dreisaitigen Violinen hören und sangen Psalmen, um ihre Rückkehr zu feiern und ihre Freude zu bezeigen. Die Gesänge dieses düstern Cultus, der nicht der ihrige war, gesellten sich noch zu den melancholischen Eindrücken, welche Maria Stuart bei der Rückkehr in ein Land empfand, in dem sie sich fremd fühlte, dessen Gebräuche sie nicht angenommen hatte, dessen Glauben sie nicht mehr theilte.

Queen Mary’s Apartments!“ ruft also unser Führer.

Aus den Gemächern Darnley’s, die im erhöhten Erdgeschoß des nordwestlichen Thurms von Holyrood liegen, gelangen wir auf derselben Wendeltreppe, die am 9. März 1566 die Verschworenen überschritten, in die Zimmer der Königin. Es sind deren vier: das Audienzzimmer, das Schlafzimmer, das Ankleide- und Speisezimmer. Das Schlafgemach, noch in seinem Urzustande, diente der Königin zugleich zum Wohnzimmer. Die Wände sind mit Gobelins verziert (darauf der Sturz Phaëthon’s – ein bedeutungsvolles Omen), die Decke mit Emblemen, welche auf die schottischen Monarchen Bezug haben. Das Scharlachbett, welches nach damaliger Sitte fast in der Mitte des Zimmers steht, ist mit grünen Fransen und Quasten versehen und noch ziemlich gut erhalten. Hier schlief Maria als jugendliche Wittwe Franz des Zweiten – dann als Gemahlin Darnley’s und Bothwell’s – zum letzten Male in der Nacht des 5. Juni 1567 (nach der Schlacht von Carberry) – als sie von Lord Ruthven und Lindsay gewaltsam aus demselben gerissen und nach Loch-Leven gebracht wurde, um die königlichen Hallen von Holyrood nie wieder zu sehen. Neben diesem Scharlachbett steht noch der schmucklose Korb, in dem Maria das Kinderzeug für Jacob VI. von Elisabeth erhielt – jene Schatulle [631] ist mit einer Perlstickerei überzogen, einem Werke ihrer Hände – ebenso rührt jene Zeichnung, eine Landschaft darstellend, von ihr her. Unmittelbar neben dem Schlafzimmer liegt das supping-room (in Black’s picturesque Guide to Edinburgh „Boudoir“ genannt), durch eine Thür getrennt, die jetzt ein verblichner Tapetenvorhang zur Hälfte verdeckt – und hier wurde es vollbracht! –

Am Abend des 9. März 1566 hatte die Königin mit ihrer natürlichen Schwester, Lady Argyle, ihrem Geheimsecretair David Rizzio[1] (dieser mit bedecktem Haupte), dem Commandanten von Holyrood, und den Lairds Creich und Erskine in diesem kleinen Zimmer soupirt. Da rauscht der Teppich über jener Thür, und herein tritt Darnley – und, sich zur Königin setzend, legt er den Arm um ihre Taille und küßt sie zärtlich. Einen Augenblick später erscheint Ruthven, vollständig gepanzert, das Gesicht geisterbleich und abgespannt, als wenn er eben vom Krankenbett erstanden. Ihm folgen fest auf dem Fuße George Douglas, Faudonside und Patrik Bellenden, welche Dolche und Pistolen tragen. Maria Stuart, die finstern Pläne des Königs und seiner Verschworenen ahnend, fragt Ruthven, was ihn zu dieser ungewöhnlichen Stunde hierherführe und wer ihm erlaubt habe, bei ihr einzudringen. „Nicht Ihnen, Madame, diesem Rizzio gilt es, der die größte und abscheulichste Sünde begangen hat gegen die Ehre Eurer Majestät, gegen Ihren Gemahl den König, gegen Adel und Volk, gegen Schottlands Ehre.“ Und ohne sich um die Gegenreden Maria Stuart’s zu kümmern, ohne das Geschrei Rizzio’s zu beachten, der sich verzweiflungsvoll hinter die Königin verbirgt und sich an den Falten ihres Gewandts festklammert, hält Darnley die Königin umschlungen, während die Verschworenen den Unglücklichen durch das Schlafgemach zerren bis zur Treppe hinaus, ihn dort abschlachten und den durch sechsundfunfzig Wunden verstümmelten Leichnam dann durchs Fenster in den Schloßhof werfen.

Nachdem Alles vorbei, kehrt Ruthven zur Königin zurück und schenkt sich ein Glas Wein ein. „So ist’s also vollbracht?“ fragt sie ihn zitternd. – „Es ist, Madame, zu Ihrer und zu unserer Ehre!“ – „Nun denn,“ und Maria trocknet ihre Thränen ab und erhebt sich mit einem schrecklichen Zornesblick, „dieses Blut soll Einigen unter Euch theuer zu stehen kommen!“

Während dieses heimtückischen Attentats bewachten zweihundert Mann das Schloß, sowie auch auf Darnley’s Befehl alle Zugänge zu demselben verschlossen waren. Von Furcht und blinder Hast getrieben, diesen grausigen Ort zu verlassen, nahmen daher die Mörder ihren Ausweg durch ein Fenster – flohen sodann durch den Garten und retteten sich durch ein Wächterhaus, das sogenannte „Bad der Königin“. Bei der Reparatur dieses alten Hauses fand man noch einen kostbar eingelegten Dolch, von dem sich vermuthen läßt, daß er in jener Nacht ebenfalls als Mordwaffe diente und bei der so eiligen Flucht hier verloren wurde.

Maria Stuart aber blieb nach jener Nacht fast allein in Holyrood – allein mit ihrem Schmerz, mit ihrer Rache. Darnley! In dieser einsamen Nacht wurde Dein Tod beschlossen, in dieser Nacht wurde das letzte Fünkchen von Liebe und Mitleid für Dich ertödtet, und nur eine Regung gab es noch in Maria’s Brust: Rache – entsetzensvolle Rache. Er hatte nicht das Kind geschont, das sie schon seit sechs Monaten unterm Herzen trug – was sollte sie ihn schonen, den sie nie geliebt hatte, der immer ein feiger Schwächling gewesen und den sie von ihrer Todfeindin Elisabeth gleichsam aufgedrungen erhalten hatte!

Die Tragödie dieser Königin eilt nun nach jenem fürchterlichen ersten Acte mit unaufhaltsamen Schritten ihrem Ende zu.

Am 9. Februar 1567, in einer Sonntagsnacht, fliegt der kaum genesene Darnley mit dem Hause Robert Balfour’s in Kirk of Field bei Holyrood, in das man ihn der gesunden Lage wegen gebracht hatte, in die Luft. Am 15. Mai heirathet Maria, jede Rücksicht mit Füßen tretend, Lord Bothwell, nachdem sie sich scheinbar von ihm hatte entführen und die Scheidung von seiner Gattin gewaltsam bewerkstelligen lassen. In Knox’s, ihres unerbittlichen Gegners, Abwesenheit verkündigt der presbyterianische Geistliche Craig die Verlobung mit den Worten: „Ich nehme Himmel und Erde zum Zeugen, daß ich diese Ehe als ärgerlich und entsetzlich in den Augen der Welt verabscheue und verwünsche etc.“ Maria bleibt taub, dem wüsten und ehrsüchtigen Bothwell, dem Mörder ihres Gatten, reicht sie dennoch ihre Hand. Aber die Nemesis schläft nicht! Schon nach wenigen Wochen, nach der Schlacht Carberry, verläßt Bothwell als Flüchtling das Feld und seine junge Gemahlin – und diese zieht in Holyrood ein, voran das Banner, auf welchem die Ermordung Darnley’s abgebildet ist, als Gefangene der aufständischen Lords und des sie verhöhnenden Pöbels. – Jene vertrauten Liebesbriefe, die sie einst an Bothwell schrieb, und die später in den Händen Elisabeth’s die furchtbarsten Ankläger gegen sie werden sollten, indem sie deutlich die Mitwissenschaft von Darnley’s Ermordung bewiesen, übergab noch der fliehende Bothwell einem seiner Diener, der sie dem Commandanten von Holyrood einhändigen sollte. Dies geschah aber nicht – sondern sie wurden eine Beute ihrer Feinde.[2]

Maria war nun eine Gefangene. Von Holyrood wurde sie nach Schloß Loch-Leven abgeführt und dort in harte Gefangenschaft gesetzt, nachdem sie zu Gunsten ihres Sohnes Jacob VI. die Krone. niedergelegt hatte. Doch noch einmal schien ihr das Glück zu lächeln: vom jungen Douglas entführt, erklärte sie vom Schlosse Hamilton ihre Abdankung für erzwungen, brachte ein Corps von 6000 Mann zusammen – wurde aber vom Regenten Murray, ihrem natürlichen Bruder, beim Dorfe Langside gänzlich geschlagen. Vom Schlachtfelde entfliehend bat sie zu Carlisle Elisabeth um Schutz und eine persönliche Zusammenkunft; sie glaubte in England eines Zufluchtsorts gewiß zu sein, fand aber nur einen Kerker. – Man brachte sie nun von einem festen Schlosse nach dem andern in’s Innere des Landes. Ihr unkluges, stolzes Benehmen, erneuerte Fluchtversuche, die Anstrengungen der katholischen Parteien des Auslandes, namentlich des Herzogs von Alba, vor Allem aber ein Mordversuch auf Elisabeth selbst, beraubten sie der letzten Hoffnung und führten sie ihrem unerbittlichen Schicksal entgegen.

Am 18. Februar 1587, nach einer zwanzigjährigen Gefangenschaft, wurde sie in einem Saale des Schlosses Fotheringhay enthauptet. Maria starb mit Muth und heiterer Ergebung. Mit lauter Stimme und voll feuriger Zuversicht rief sie: „Mein Gott, auf Dich habe ich gebaut und übergehe meine Seele Deinen Händen.“ Sie glaubte, man würde sie nach französischer Sitte in aufrechter Stellung und mit dem Schwerte hinrichten. Die beiden Henker machten ihr den Irrthum bemerklich und halfen ihr das Haupt auf den Block legen, wobei sie fortwährend betete. Beim Anblick dieses kläglichen Unglücks bebte selbst der Henker und führte den Streich mit unsicherer Hand. Anstatt den Hals zu treffen, ließ er das Beil auf den Hintertheil des Kopfes fallen und verwundete die Königin blos, ohne daß sie gleichwohl zuckte oder eine Klage ausstieß. Erst bei dem zweiten Hiebe fiel der Kopf, den er mit den Worten zeigte (es waren mehr als zweihundert Personen anwesend): „Gott schütze die Königin Elisabeth – mögen so alle ihre Feinde umkommen!“ – Ein schwarzes Tuch wurde über die Ueberreste Maria Stuart’s geworfen. Das goldene Kreuz, das sie am Halse trug, die Rosenkränze, die sie am Gürtel hängen hatte, ebenso die Kleider, ließ man nicht den Henkern, aus Furcht, dieser theuere und verehrte Nachlaß möge dann als Reliquien dienen. Alle Blutspuren ließ man sorgfältig entfernen. In dem Augenblicke, wo man den Körper aufhob, um ihn in das Ceremonienzimmer des Schlosses zu bringen, wo er einbalsamirt werden sollte, bemerkte man den kleinen Lieblingshund Maria’s, der unter den Mantel gekrochen war und zwischen dem Kopfe und dem Halse seiner todten Gebieterin lag. Er wollte diesen blutigen Platz nicht verlassen und mußte mit Gewalt entfernt werden. Der Körper der Königin von Schottland wurde, nachdem man die Eingeweide herausgenommen und heimlich verscharrt hatte, ziemlich rücksichtslos einbalsamirt, in ein wachsgetränktes Leinentuch gehüllt, in einen kleinen Sarg gelegt und stehen gelassen, bis Elisabeth den Ort bestimmt, wo er beigesetzt werden sollte. Während mehrerer Stunden blieben die Thore von Fotheringhay geschlossen, und Niemand durfte hinausgehen, bis Heinrich Talbot, Sohn des Großmarschalls Shrewsbury, abgereist war, der der Königin Elisabeth den von Robert Beale aufgesetzten und von den vornehmsten Zeugen unterschriebenen Bericht überbrachte. Am Nachmittage desselben Tages verbreitete sich die Nachricht in London, dessen Einwohner den Tod [632] der Königin von Schottland mit ebenso fanatischen Freudenbezeigungen aufnahmen, als einige Monate vorher die Verurtheilung. Alle Glocken der Stadt wurden geläutet und in allen Straßen Freudenfeuer angezündet.


Zur Erläuterung unserer Zeichnung diene in Kurzem noch Folgendes: Der Kopf Maria Stuarts ist nach Sir John Watson’s Bildniß (auf dem Edinburger Schlosse befindlich) entworfen, welches er nach dem Originale des Italieners Furino copirte und welches die Königin darstellt als sie noch Dauphine von Frankreich war. Es gilt dieses Bild als eines der lieblichsten und wird fast allen Portraits, die von der unglücklichen Fürstin exisiren, bei weitem vorgezogen. Für seine Echtheit jedoch kann Niemand einstehen – und nach neuesten Erfahrungen um so weniger, als im April dieses Jahres in Edinburgh allein fünfundzwanzig Portraits Maria Stuart’s (nebst dem obigen) ausgestellt waren, von denen keins dem andern nur im Entferntesten glich.

Schloß Holyrood, von dem wir eine Totalansicht geben, liegt am östlichen Ende von Edinburgh. Hinter ihm erhebt sich der über 800 Fuß hohe Felsen „Arthus-Sitz“, auch Scottish-Lion genannt. Die Fronte des Schlosses, welches ein Viereck bildet, ist zu beiden Seiten mit eingeschnittenen Thürmen versehen, die dem Gebäude jenen kriegerischen Charakter verleihen, welcher die Geschichte Schottlands nur zu sehr kennzeichnet. Die Veränderungen, welchen das Schloß von Zeit zu Zeit unterworfen war, machen es schwierig, irgend einem Theile seine Entstehungszeit mit Gewißheit zu geben. Die Thürme am nordwestlichen Winkel, von Jacob V. erbaut, werden jedoch als der älteste Theil angenommen – denn von dem ursprünglichen Königsbaue David’s I. ist Nichts geblieben, als die völlig zerstörte Abtei auf der nördlichen Seite des Palastes, dessen mit schönen Anlagen geschmückte Umgebung noch heute zahlungsunfähigen Schuldnern ein Asyl bietet.

Links auf unserer Zeichnung sehen wir das „Boudoir der Königin“, in dem Rizzio überfallen wurde. Es ist sehr klein – seine Länge beträgt wenig über zehn, die Breite nicht über neun Fuß. Das verfallene Häuschen zur Rechten ist das sogenannte „Bad der Königin“, durch welches die Mörder flohen – den Schluß bildet das Schlafgemach mit der Tapetenthür im Hintergrunde, welche nach dem Boudoir führt.

Nur selten findet man diese denkwürdigen Räume menschenleer, und namentlich sind es Franzosen, welche die vorherrschende Anzahl der Besucher bilden. Es scheint, als wollten sie der schönen, unglücklichen Maria ein besonderes Weihopfer bringen, die auf kurze Zeit auch ihre Königin war. So weilte die greise Wittwe Louis Philipp’s hier, so jüngst Eugenie von Frankreich, – den Verfall alles Irdischen betrachtend – den Fall einer Königin betrauernd.

H. K.



  1. D. Rizzio aus Nizza kam mit der piemontesischen Gesandtschaft nach Edinburgh und trat anfangs als Bassist in das Quartett der Königin.
  2. Ueber die Echtheit dieser Briefe ist viel gestritten worden. Der gelehrte Buchanan aber, ein Zeitgenosse Maria’s, tritt schon deshalb für ihre Echtheit ein, weil er behauptet: Handschrift wie Styl der Briefe habe schon deshalb Niemand fälschen können, weil Maria Stuart eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit gewesen sei, die keiner ihrer Zeitgenossen weder in Schrift noch Ausdrucksweise hätte so leicht nachahmen können. Diese Briefe sind von Hugh Campbell herausgegeben worden.