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Die erste politische Hinrichtung in den Vereinigten Staaten (John Brown)

Textdaten
Autor: Friedrich Kapp
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Titel: Die erste politische Hinrichtung in den Vereinigten Staaten
Untertitel: John Brown
aus: Demokratische Studien. 1. Band. S. 289–312
Herausgeber: Ludwig Reinhold Walesrode
Auflage:
Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Otto Meißner
Drucker:
Erscheinungsort: Hamburg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons = Google, MDZ München
Kurzbeschreibung:
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[289]
Die erste politische Hinrichtung in den Vereinigten Staaten.
John Brown.


Von
Friedrich Kapp.

[291] Der zweite December, bisher nur ein dies nefastus in der neueren europäischen Geschichte, ist es jetzt auch in den Annalen der Vereinigten Staaten geworden. An diesem Tage wurde nämlich John Brown im Jahre 1859 gehängt. Er hatte mit den Waffen in der Hand versucht, die Sklaven zur Empörung zu reizen und die Sklaverei in Virginien aufzuheben. Allein er unterlag. Darum machte ihm dieser Staat den Prozeß und richtete ihn hin. Das ist einmal der Lauf der Welt. Dagegen läßt sich „von Rechtswegen“ nichts einwenden. Also auch John Brown wurde „von Rechtswegen“ gehängt: das war ganz in der Ordnung. Wer in die Höhle des Löwen geht, der muß wissen, daß alle Fußspuren hinein, aber so gut wie keine herausführen. Wenn jemals ein Mann, das wußte und dem entsprechend handelte, so war es Brown.

Aber wie kam er zu der That? Warum wandte er sich gegen Virginien, warum gerade gegen den ältesten südlichen Staat? War das Zufall oder Absicht, war es Marotte oder ein wohlüberlegter Plan? Warum verfiel Orsini nicht auf einen Anschlag gegen den König Kamehameha oder irgend ein antiquirtes Duodezfürstchen statt gegen Louis Napoleon? Louis Napoleon war ihm ein representative man, der eigentliche, höchste und vollendetste [292] Ausdruck einer ganzen Spezies, und Virginien ist ein Staat, der ebenfalls eine ganze Klasse repräsentirt. Mit Louis Napoleon wollte jener ein ganzes System stürzen, und mit dem Ruin von Virginien, wie ihn Brown beabsichtigte, wird die Bastille der amerikanischen Sklaverei und Knechtschaft gewonnen.

Wir wissen wenig über die Vergangenheit Browns; sie läßt sich in einigen Sätzen erschöpfen. Seine Vorfahren waren sechs Generationen hindurch Farmer und zuerst in Neu-England ansässig. Sie werden als ehrenwerthe, offene und schroffe Charaktere geschildert, als würdige Nachkommen jener Pilgerväter, welche die zähe Energie und den hingebenden Enthusiasmus des revolutionären Englands auf amerikanischen Boden verpflanzten. John Brown ward zu Anfang des Jahrhunderts im nordöstlichen, gebirgigen Theile von New-York geboren und wuchs als Farmer auf. Die ersten Eindrücke des Knaben, eine rauhe, wilde Gebirgsgegend, der Umgang mit einfachen, aber kräftigen und frommen Wald- und Landleuten übten selbstredend auf den Charakter des sich bildenden Mannes einen bedeutenden Einfluß aus.

Er ist eine offene und ehrliche Natur, in welcher der alttestamentarische Geist seiner Väter jene unerbittliche Consequenz, jenen kühnen sich bethätigenden Idealismus und jene fast dämonische Kraft erzeugt, die wir in Cromwell und seinen Puritanern bewundern. In dem Manne ist nichts Halbes, er geht, ohne Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges, mit wahrhaft biblischem Fatalismus und Fanatismus auf sein Ziel los. Vor der Krise von 1837 war Brown einer der unternehmendsten Geschäftsleute im nördlichen Ohio. Im Jahre 1838 finden wir ihn als Wollmakler in Springfield in Massachusetts, [293] von Allen, die ihn kennen, geliebt und geehrt. Er hatte inzwischen und später in verschiedenen Theilen der Union als Farmer gelebt. Er war bereits fünfzig Jahre alt, als er mit dem Bestehenden in Conflikt gerieth, erst 1854 trat er als ein öffentlicher Charakter vor das ganze Land, in diesem Jahre zog er nach Kansas.

Diesem in letzter Zeit so vielfach genannten, westlich von Missouri gelegenen Territorium sollte von der Bundesregierung unter dem Vorwande, daß die Bewohner eines jeden Gebietes dessen souveräne Herren seien, also auch namentlich dessen Gesetze ohne Genehmigung des Kongresses machen könnten, die Sklaven aufgezwängt werden. Nach der neuen Erfindung der Herren Douglas und Pierce, der sogenannten Squattersouveränitätslehre, entschied also die Majorität über den politischen Charakter des angehenden Staats. Die Bürger der freien Staaten erkannten die ihnen drohende Gefahr; sie wanderten zu Tausenden nach Kansas aus, um das Territorium den aus Missouri eindringenden Sklavenhaltern abzugewinnen. Es entbrannte zwischen Norden und Süden in den Prairien des Westens ein Kampf auf Leben und Tod; er entschied sich nach dreijährigem Schwanken zu Gunsten des Nordens.

Brown, der mit seinen sieben Söhnen nach Kansas gekommen war, steht natürlich von vornherein auf Seiten der Freistaatleuten. Indessen hält er sich, ein geschworener Feind aller Politik und Schönrednerei, anfangs als friedlicher Farmer fern vom Getriebe der kämpfenden Parteien, bis die Missourier Grenzstrolche die Ruhe seines Hauses gewaltsam zerstören und den Mann der Pflugschaar zu dem kühnsten und verwegensten Parteigänger machen. Einer seiner Söhne, Friedrich, wird auf offener Straße wehrlos von einer Bande Missourier überfallen und brutal [294] ermordet; ein anderer, John, nach der Einnahme der freistaatlichen Ansiedlung Ossawatomie, mitten im Sommer ohne Kopfbedeckung und mit Ketten beladen, einige fünfzehn Meilen weit von den Grenzen durch die offene Prairie getrieben, so daß er in Folge dieser grausamen Behandlung wahnsinnig wurde. Brown’s und seiner Söhne Häuser werden bald darauf niedergebrannt; seine Nachbarn und Freunde ermordet. Die höchste Bundesgewalt schützt und begünstigt die Mörder und Räuber, handelten diese doch im Interesse der Sklavenhalter gegen den Norden; sie selbst hilft die Saat ausstreuen, die bald genug als Frucht in Virginien aufgehen sollte! Also auch Brown kann keine Gerechtigkeit finden; er nimmt das Recht in seine eigene Hand, er rächt sich so gut er kann: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Bald wird er einer der gefürchtetsten Freistaatleute. Die Grenzstrolche setzen einen Preis auf seinen Kopf aus; aber Brown schießt sie nieder wie die Spatzen, hintergeht und überwältigt sie und triumphirt überall über seine Feinde. Er entwickelt in diesem Guerillakriege alle glänzenden Eigenschaften seines Geistes, Muth, Umsicht, Kaltblütigkeit und unermüdliche Energie und erweckt die Bewunderung von Freund und Feind.

Als ihm einst der Gouverneur von Kansas bemerkte, daß die Missourier über Kurz oder Lang seinen Skalp (abgezogene Kopfhaut) haben würden, da sie sich Alle zu seinem Untergange verschworen hätten, entgegnete Brown ruhig lächelnd: „Der Engel des Herrn wird mich bewahren.“ Er erntete die größten Lorbeeren nach der Einnahme von Ossawatomie, wo er mit dreißig Mann die mehrere Hunderte zählenden Missourier angriff und zerstreute, nachdem er sechszig von ihnen getödtet hatte. Er hieß seit dieser [295] Heldenthat im Munde des Volkes immer der Ossawatomie-Brown. Doch nicht genug damit, die Angriffe der Missourier abzuwehren, so trug er den Krieg in ihr eigenes Lager. Er befreite zu verschiedenen Zeiten die Sklaven in den an Kansas gränzenden Grafschaften von Missouri und führte mehrere Züge Schwarzer mit den Waffen in der Hand durch Kansas, Nebraska, Iowa, Illinois und Michigan nach Kanada. „Gebt mir Männer mit gesunden Grundsätzen,“ pflegte Brown zu sagen, „Männer, die sich selbst achten und mit einem Dutzend von ihnen will ich Hunderten dieser durch Schnaps und Beute zusammengehaltenen Gränzbanden die Spitze bieten.“ In diesen wenigen Worten spricht sich der Charakter des Mannes aus; das ist der von den Todten wiedererweckte Cromwell’sche Puritaner, der auf Gott vertraut und sein Pulver trocken hält.

Brown verschwand auf einige Jahre. Von Haus und Hof vertrieben, ohne stetigen Heerd kannte er jetzt kein anderes Ziel als Rache für Kansas, Krieg gegen die Sklaverei. Er suchte einen allgemeinen Sklaven-Aufstand zu organisiren; doch scheint er über die ersten Versuche nicht hinausgekommen zu sein. Plötzlich tauchte er am 16. Oktober 1859 Abends bei Harpers Ferry wieder auf. Dieser kleine, etwa 3000 Einwohner zählende Ort liegt am südlichen Ufer des Potomac, im Staate Virginien, gegenüber Maryland und nicht weit von Pensylvanien. Es befindet sich dort ein bedeutendes Vereinigten Staaten-Zeughaus. Brown hatte schon ein Jahr vorher in der Nachbarschaft eine Farm gemiethet, um die Gegend genauer kennen zu lernen und von hier aus auf die Befreiung der Sklaven in Virginien und Maryland zu wirken. Er rechnete auf deren Erhebung in Masse und beabsichtigte einen Marsch in das Innere von Virginien. Seine Vorbereitungen [296] waren, so weit es auf Munition und Waffen ankam, sehr gut getroffen. Man fand in seinem Hause über 1500 Gewehre, Aexte, Piken und Säbel. Allein in der Hoffnung auf massenhafte Betheiligung am Zuge täuschte er sich; die Freunde und Vertrauten blieben aus. Trotzdem machte er sich mit siebenzehn Weißen und vier Schwarzen auf den Weg. Brown bemächtigte sich am 16. Oktober Abends des Zeughauses in Harpers Ferry ohne jeden Widerstand, führte verschiedene in der Nachbarschaft gemachte Gefangene dahin ab und besetzte die über den Potomac führende Eisenbahnbrücke. Die Einwohner des Ortes unterwarfen sich im feigen Schrecken, sie erblickten in den 22 Angreifern eine ganze feindliche Armee und ergaben sich, ohne nur den Versuch eines Widerstandes zu wagen, auf Gnade und Ungnade. So war Brown während des ganzen 17. Oktobers der unbeschränkte Herr eines wichtigen Waffenplatzes; er versäumte jedoch, seine Lage gehörig auszubeuten. Statt die Eisenbahnbrücke abzubrechen, die Züge aufzuhalten, den Ort niederzubrennen und dann ins offene Land zu ziehen, schonte er aus falscher Humanität seine Gegner mehr als er im eigenen wohlverstandenen Interesse gesollt hätte. Am 18. Oktober früh Morgens kamen die Vereinigten Staaten Marine-Truppen an. Sie stürmten das Zeughaus, Brown mußte sich nach einer kurzen, aber tapfern Gegenwehr schwer verwundet ergeben; seine beiden mitkämpfenden Söhne waren an der Seite des Vaters gefallen. In seinem Besitze fand sich die vollständig ausgearbeitete, ziemlich konfuse Constitution einer neuen provisorischen Regierung, an deren Spitze er als Obergeneral stand. Im Gegensatz zu diesen unklaren Bestrebungen spricht sich Brown in seinen Proklamationen und in der mündlichen Anordnung sehr bewußt und klar [297] über sein Ziel aus. „Wir sind Abolitionisten des Nordens,“ sagt er ungefähr; „wir kommen, Euch Eure Sklaven abzunehmen und sie zu befreien; unsere Organisation ist weit verzweigt und muß durchdringen. Ich habe viel in Kansas gelitten und erwarte, daß ich auch hier leiden werde für die Sache der Freiheit. Sklavenhalter betrachte ich als Räuber und Mörder und ich habe geschworen, die Sklaverei zu vernichten und meine Mitmenschen zu befreien. – – Ihr Leute im Süden solltet Euch vorbereiten auf die Lösung der Sklaven-Frage. Sie muß kommen und wird kommen, ehe Ihr sie erwartet. – Mit mir werdet Ihr bald fertig sein – ich bin schon nahezu abgethan – aber mit dieser Sklavenfrage seid Ihr noch lange nicht fertig!“

Die Gefangenen wurden von dem feigen Pöbel aufs Brutalste mißhandelt, ihre Leichen sogar noch verstümmelt und im Triumph durch die Gassen geschleppt. Brown dagegen erfreute sich einer sehr sorgsamen Pflege, weniger aus Humanität, als aus dem Wunsche, Aufschlüsse von ihm zu erlangen und dem Staate Virginien, so wie dem ganzen Süden den Genuß eines hochnothpeinlichen Halsgerichts zu gönnen. So wurde denn schleunigst am 25. Oktober, obwohl er noch schwer an seinen Wunden darniederlag, die Untersuchung gegen Brown in Charlestown, dem benachbarten Gerichtssitze, eröffnet und am 2. November geschlossen. Diese Untersuchung ist ein Hohn auf die Justiz und eine der widerlichsten Farcen, die je im Namen des Rechtes aufgeführt sind. Die Gefangenen sahen sich da von einem Haufen aufgeregter und tobender Zuschauer umgeben, welche sie thätlich bedrohten; sie stehen vor einer Jury, welche sich als ihr erbittertster Feind bekennt und dennoch in aller Form Rechtens eingeschworen wird. Um das Ganze würdig zu krönen, wird der Vertheidiger Brown’s vom Auditorium [298] mit persönlicher Gewalt bedroht, falls er es versuchen sollte, das Verbrechen seines Klienten zu beschönigen.

Diesem Kriegszustande innerhalb der vier Wände des Gerichtshofes entsprach das Leben und Treiben außerhalb desselben. Charlestown ward in Belagerungszustand erklärt, alle Formen europäischer Vorbilder wurden ängstlich nachgeahmt oder vielmehr karrikirt. Eine betrunkene Soldateska von welcher Einer vor dem Andern Furcht hatte, tobte durch die Straßen und übte die Polizei aus. Es herrschte der bewaffnete Pöbel, die ruchloseste Anarchie. Zugleich aber erklärte der kommandirende Offizier dem nördlichen Anwalt Brown’s, daß er ihm für sein Leben nicht stehen könne, falls er es wagen sollte, seinen Klienten weiter zu vertheidigen. Dieselben Milizen, welche der die Vereinigten Staaten Truppen befehligende Kapitain dadurch ehren zu können glaubte, daß er ihnen den ersten Angriff auf die im Zeughause übrig gebliebenen vier Insurgenten anbot, da der Kampf doch zunächst sie betreffe und der Feind sich auf ihrem Boden befände, dieselben 2000 Helden, welche aus Falstaff’schen Gründen dies generöse Anerbieten mit Entschiedenheit zurückwiesen, dieselben Milizen kühlten jetzt ihr Müthchen an unschuldigen Reisenden, schnüffelten in jedem Fremden einen Hochverräther und ließen sich als die Retter des Vaterlandes feiern.

Dieser Zustand der Dinge war nur ein Abbild der in ganz Virginien herrschenden Angst. Der Staat befürchtete überall Sklavenaufstände und bewaffnete Einfälle. An 5000 Milizen waren auf den Beinen; aller Orten bildeten sich sogenannte Sicherheits-Ausschüsse, deren einer vor dem andern erschrak. Charlestown war auf fünfzehn Meilen in der Runde besetzt, und doch witterte man hinter jedem Busch einen Abolitionisten. In der Nähe des Ortes [299] brannte ein Heuschober ab. Der „Oberst“ Davis, welcher gerade das Kommando hatte, hielt ihn für das Feuersignal der abolitionistischen Armee. Das Vaterland stand also in höchster Gefahr und schleunige Hülfe that Noth. Allein der tapfere Oberst, statt auf den vermeintlichen Feind loszurücken und ihn mit einem Schlage zu zermalmen, schonte das Leben der ihm anvertrauten Truppen und sein eigenes. Dagegen telegraphirte er nach Richmond und Washington die dem Staat und dem ganzen Süden drohende Gefahr. Gouverneur Wise beorderte sofort Artillerie und Cavallerie, Scharfschützen und Infanterie von Richmond und Alexandria. Vor ihrem Abmarsch hielt er von den Stufen des Richmonder Capitols herab an einen Theil der „besten Söhne Virginiens“ eine hochtrabende Rede im Soulouque’schen Bulletinstil, belobte sie, daß sie vor Angst nicht blaß aussahen und bereit waren, dem Rufe der Ehre zu folgen (wörtlich!). Als nun die tapfern Virginier und vom Präsidenten Buchanan gesandten Vereinigten Staaten-Truppen auf dem Kampfplatze ankamen, war der Heuschober schon abgebrannt und somit der Feind verschwunden. (Ich bemerke hier in Parenthese für die europäischen Leser, welche mit den hiesigen Zuständen nicht bekannt sind, daß diese Geschichte keine Erfindung ist, sondern sich im November 1859 in Charlestown wirklich zugetragen hat.)

Dem kranken Brown war seine Bitte um einen sechstätigen Aufschub der Untersuchung nicht bewilligt worden; er wurde daher auf seinem Feldbette ins Gerichtszimmer getragen. Er war nicht im Stande, sich von seinem Schmerzenslager zu erheben und mußte liegend, mit verbundenem Kopfe den Verhandlungen folgen. Der Staat Virginien konnte seinen gefürchteten Feind nicht schnell genug los werden. Da er seine Absicht nicht leugnete [300] und mit edler Entrüstung gegen einen von seinen ängstlichen Freunden gewählten Vertheidigungsgrund, wonach er wahnsinnig sein sollte, protestirte, so bot die Untersuchung selbst wenig interessante Seiten. Brown wurde am 2. November dahin verurtheilt, daß er am 2. December 1859 wegen Hochverraths, Mordes im ersten Grade, Verschwörung und versuchten Sklavenaufstandes in Charlestown gehängt werden sollte.

Es verdient hier als bezeichnend für die Stimmung des Südens hervorgehoben zu werden, daß sich aus verschiedenen Sklavenstaaten Individuen die Ehre ausbaten, Brown hängen zu dürfen. Aus Mississippi meldete sich sogar eine Frau. Andere südliche Staaten sandten Proben von Hanf für den bei der Exekution zu brauchenden Strick ein. Süd-Carolina – der rabiateste südliche Staat – trug mit seinem baumwollenen Strick den Sieg davon.

In dem Charakter dieses Mannes ist Alles wie aus einem Guß. Eisern und kernig trägt er sein Schicksal mit einer wahrhaft antiken Ruhe und beschließt sein Leben mit der Fassung eines Weisen. Selbst die kleinsten Züge, die aus seinen letzten Lebenstagen bekannt geworden sind, tragen das Gepräge großer geistiger Kraft und Ueberlegenheit.

Am Vorabend vor seiner Hinrichtung besuchte ihn seine hochherzige Frau im Gefängniß. Sie fällt ihm weinend um den Hals; Brown bleibt fest und tröstet sie liebevoll. Während der vier Stunden, welche der Staat Virginien für diese Zusammenkunft bewilligt hatte, ordnete er mit ihr seine Angelegenheiten. Beim Schluß der Unterredung äußerte er den Wunsch, daß man seine und seiner beiden bei Harpers Ferry gefallenen Söhne Leichen verbrennen [301] und die Asche in einem Kruge sammeln möge. Wie Patroklos wollte der alte Held begraben sein; allein seine Frau redete ihm diesen Wunsch aus. Sie wäre nach Ablauf der festgesetzten Frist gerne noch länger bei ihrem Manne geblieben; allein dieser erklärte, daß es unter seiner Würde sei, vom Staate Virginien eine Gunst zu erbitten, und so schieden Beide für immer.

Die letzten Zeilen, welche er unmittelbar vor seiner Abführung zum Galgen schrieb, lauten: „Ich bin nun überzeugt, daß die große Ungerechtigkeit, welche auf diesem Lande lastet, nur durch Ströme von Blut beseitigt werden kann. Als ich zuerst in diesen Staat (Virginien) kam, dachte ich anders; aber nun bin ich überzeugt, daß das ein Irrthum war.“ Als er aus dem Gefängniß kam, sah er eine Sklavin mit ihrem Säugling am Wege stehen. Er ging auf die Frau zu und gab dem Kinde seinen Abschiedskuß. Der Sitz des Wagens, der ihn aufnahm, war sein eigener Sarg. Ein Geistlicher befand sich nicht an seiner Seite. In der ganzen Umgegend von Charlestown gab es keinen Diener der christlichen Liebe, der nicht ein wüthender Sklavereifanatiker war; Brown wollte sich seine letzten Stunden nicht durch den heuchlerischen Trost seiner Feinde verderben lassen. Er würde ihm tausend Mal lieber sein, erklärte er, von einem Dutzend ihn segnender Sklavenkinder und einer für ihn betenden Sklavenmutter begleitet, in den Tod zu gehen, als unter der Obhut sämmtlicher Pfaffen Virginiens.

Die feierliche Prozession zum Galgen setzte sich gegen 11 Uhr am 2. December in Bewegung. An der Spitze des Zuges ritt „General“ Taliaferro – der Mann, sollte man dem Namen nach schließen, müßte schon an König [302] Arthurs Tafelrunde gesessen haben – mit einem Stabe von fünf und zwanzig Offizieren. Sechs Kompagnien Infanterie und eine Schwadron Reiter umgaben den Wagen Brown’s. Seine Haltung blieb ruhig und würdig von Anfang bis zu Ende. Ringsum blinkten 1500 Bayonette. Das Volk ward gar nicht zugelassen und von den Truppenmassen 1/4 Meile weit vom Galgen weggedrängt. Warum, fragte er, darf nur das Militär in den Kreis? Die Henker gaben ihm keine Antwort. War es doch die Furcht, die sie ritt, die Furcht vor eingebildeten Schaaren, die noch im letzten Augenblicke zur Befreiung ihres Opfers herbeistürmen könnten, die Furcht vor den Worten, die er noch als Lebewohl über die Massen schleudern könnte. Brown sprang rüstig vom Wagen und stieg zuerst von seinen Begleitern festen Schrittes die Treppe zum Galgen hinauf. Er sah einen Augenblick auf die denselben umzingelnden Militärmassen und das hinter ihnen stehende Volk, senkte dann seinen Kopf, um ihn mit den vorn zusammen gebundenen Händen erreichen zu können und warf seinen Hut auf den Boden. Hierauf zog man ihm die Mütze über das Gesicht und legte ihm den Strick um den Hals. Der Gefängnißwärter bat ihn dann, auf die Fallthür vorzutreten. Mit fester Stimme erwiderte Brown: „Ich kann ja nicht sehen, Sie müssen mich führen.“ Mit Hülfe des Aufsehers trat er vor. Seine Füße standen sechs Zoll auseinander, als der Sheriff sich niederließ sie zu binden. Brown zog die Füße aneinander und ließ sie ruhig fesseln. Jener fragte ihn: „Wollen Sie ein Schnupftuch und wollen Sie es als Signal fallen lassen, wenn Sie bereit sind?" Brown entgegnete: „Nein, mein Herr, ich bin stets bereit!“ In dieser schrecklichen Stellung mußte er zehn Minuten verbleiben. Zehn lange Minuten weideten [303] sich die Henkersknechte an dem Anblick ihres Opfers, das unbeweglich, unerschüttert dastand. So lange dauerte es nämlich, bis die stümpernden Truppen auf die verschiedenen Plätze vertheilt werden konnten. Brown stand schon mehrere Minuten in dieser fürchterlichen Position, als ein Oberst heranritt und rief: „Herr Sheriff, wir sind noch nicht fertig!“ Also neues Warten! Brown hatte, auf der Fallthür stehend, die Mütze über das Gesicht gezogen, den Strick um den Hals; aber nicht das geringste Zeichen von Furcht und Aufregung war an ihm zu bemerken. Mitleidig fragte ihn der Aufseher, ob er nicht müde sei? Brown erwiderte fest: „Ich bin nicht müde, aber laßt mich nicht länger warten als nöthig ist.“ Das sind seine letzten Worte. Endlich waren die Militär-Evolutionen beendigt. Ein anderer „Fancy-Oberst“ rief: „Alles fertig, Herr Sheriff!“ Die Fallthür sank. Ein leichtes Zucken der Hände und Alles war vorbei. Brown’s Herz hörte erst nach 35 Minuten auf zu schlagen.

Der Staat Virginien übergab die Leiche der treuen Gattin, die bei Harpers Ferry gewartet hatte, um sie mitzunehmen und in freier Erde zu bestatten. Sie war die würdige Frau Brown’s. Als bei ihrer Rückkehr von der letzten Zusammenkunft mit diesem der Anführer der sie eskortirenden Reiter sie trösten wollte, erwiderte sie ihm mit Hoheit, daß sie seines Trostes nicht bedürfe, daß sie stolz darauf sei, das Weib John Brown’s, des Märtyrers der Freiheit, zu sein, und daß der Galgen sie so wenig schrecke als ihren Mann. Sie hatte nicht die traurige Genugthuung, die Leichen ihrer beiden bei Harpers Ferry gefallenen Söhne mitnehmen zu können. Der eine, Olivier, war bereits verwest und unerkennbar, als sie das Grab öffnen ließ, in welchem man ihn mit den übrigen Rebellen [304] verscharrt hatte und den anderen, Watson, hatten die Barbiere von Winchester, einem benachbarten Städtchen, secirt. Brown’s Leiche wurde nach North Elba im Staate New-York, seinem letzten Wohnsitze, gebracht und dort im Beisein zahlreicher politischer und Privat-Freunde feierlich beerdigt.

Wenn noch irgend ein Zweifel an den tief eingreifenden Folgen der Brown’schen That obgewaltet hätte, so würde ihn die vom Süden und den Conservativen des ganzen Landes eingenommene Haltung gründlich widerlegt haben. Diese erinnert unwillkürlich an die 1848ger Anklage gegen die Juden und Literaten, die an der ganzen Revolution Schuld waren und von den Reaktionären ebenso geschimpft wie gefürchtet wurden. Ueberhaupt beweist dies Attentat eine auffallende Aehnlichkeit und Uebereinstimmung zwischen den amerikanischen und europäischen Zuständen. Dieselben Ursachen erzeugen natürlich dieselben Wirkungen. Das Prinzip des Despotismus – die unverantwortliche Gewalt, welche über die Leiber, Geister und Einnahmen anderer Menschen ohne ihre Zustimmung verfügt – ist höchstens durch Zufall oder Oertlichkeit in seinem Charakter modificirt und sagt überall dasselbe. Jeder Despotismus kann nur durch den Schrecken bestehen; der Terrorismus der Terroristen aber entspringt aus ihrem eigenen Schrecken. Die Inquisitionstortur in Rom, oder die trockene Guillotine in Cayenne und das Auspeitschen von Männern und Frauen im Süden der Vereinigten Staaten, oder die Schandthaten der Grenzstrolche in Kansas – alle diese Greuel hüben und drüben sind die nothwendigen Auswüchse eines Systemes, welches die Gewalt zu seinem Ursprunge und seiner Grundlage hat. John Brown erinnert an Orsini, dessen Attentat offenbar auch [305] welthistorische Nachwirkung hervorgebracht hat. Hier wie in Frankreich ist die improvisirte That eines Einzelnen mächtig genug, die herrschende Macht in ihren Grundfesten zu erschüttern. Ja, während drüben nur ein Despot von dem Schrecken einen heilsamen und vielleicht tief eingreifenden Impuls empfängt und das Volk gleichgültiger Zuschauer bleibt, zittert im Süden der Union – wie dies sogar Buchanan in seiner jüngsten Präsidentenbotschaft anerkennt – seit Brown’s Putsch jeder Bürger vor der schwarzen Zukunft, und pressen besorgte Mütter, sobald sie einen Schuß hören, aus Angst vor einem Sklavenaufstand, den Säugling zitternd an die Brust. Man denke sich, zweiundzwanzig bewaffnete Männer, darunter fünf verachtete Neger, stürzen den ganzen Süden, ein Gebiet sechs Mal so groß als Deutschland, in den Paroxismus des Schreckens! Unser Eigenthum ist in Gefahr! erschallt der Angstschrei vom Potomac bis an den Rio grande. Dieser Terrorismus von 350,000 kleinen Herren, die alle wenigstens einen und mehr Sklaven haben, ist schlimmer als derjenige des absolutesten Herrschers. Ist doch seine Tyrannei nur die eines einzelnen sterblichen Mannes, während im Süden jeder Weiße den Büttel und Henker in einer Person vereinigt. Wie man in Virginien das ängstlichste Paß- und Polizeiwesen eingeführt hatte, um jeden scheinbar Verdächtigen von sich fern zu halten, so schlagen jetzt die südlichen Blätter ganz ernstlich die permanente Einführung des europäischen Paß- und Polizei-Systemes vor, um übelwollenden Correspondenten auf die Spur zu kommen und verkleidete Abolitionisten zu entdecken. Zugleich aber verlangen sie zu[WS 1] ihrem wirksameren Schutze ein stehendes Heer, das aus den Contingenten sämmtlicher südlicher Staaten zusammengegesetzt sein und [306] unter einem gemeinsamen Commando stehen soll. In diesem Verlangen liegt, wie mir scheint, das offene, wenn auch indirekte Zugeständniß, daß der wiederholte Versuch eines Einfalls auf gar keinen so bedeutenden Widerstand stoßen und möglicher Weise gelingen würde. Der Süden bekennt seine Schwäche und Hülflosigkeit vor aller Welt.

Uebrigens bleibt es nicht bei den bloßen Drohungen. Jeder Tag bringt neue Nachrichten über die Gewaltthaten, mit denen man in den Sklavenstaaten jede freie Meinungsäußerung unterdrückt. In Norfolk in Virginien muß ein Deutscher bei Nacht und Nebel fliehen, weil er, ob verdächtiger Aeußerungen im Privatgespräche, gelyncht werden sollte. In Pulaski County in Virginien wird ein des Abolitionismus verdächtiger Bürger von einem aus den angesehensten Bewohnern des Orts bestehenden Vigilanz-Comité zum Tode verurtheilt, an den Beinen aufgeknüpft, fünf Mal wieder abgeschnitten und schließlich, als er von dieser schrecklichen Prozedur sich erholte, des Landes verwiesen. Ein irländischer Arbeiter wird wegen frecher Aeußerungen „ausgepeitscht, halb nackt ausgezogen, getheert und gefedert“ und dann aus dem Staate verbannt. Ein Reisender, der in Nord-Carolina im Eisenbahnwagen mit Helper’s in letzter Zeit vielfach genannter Schrift gegen die Sklaverei betroffen ward, wird ohne daß man den Zug anhielt, auf die Bahn geworfen und bricht natürlich den Hals. Aus einem einzigen County in Kentucky werden 36 Bürger ausgewiesen und mit harten Strafen bedroht, weil sie, obwohl der Mehrzahl nach selbst Sklavenhalter, in ihren Ansichten nicht entschieden genug sind. Einer meiner Bekannten, der bei einem Besuche in Savannah in Georgien im Privatgespräche bemerkte, daß ihm Brown verrückt gewesen zu sein scheine, wird bedeutet, daß er sich besser in Acht nehmen solle, da man [307] derartige das Verbrechen des Mannes beschönigende Redensarten nicht dulden könne.

In allen südlichen Staaten werden jetzt die Gesetze gegen die freien Farbigen verschärft. Louisiana und Arkansas, Mississippi und Missouri lassen ihnen nur die Wahl zwischen Verbannung aus dem Staate oder Verkauf in die Sklaverei.

Die Vereinigten Staaten galten bisher in Europa als das letzte Asyl der Freiheit, als die letzte Zufluchtsstätte aller von den Fesseln des politischen und religiösen Zwanges Gedrückten. Kommen dürft Ihr, ihr Europamüden; aber gegen die Sklaverei dürft Ihr keine Silbe sagen, wenn Euch Euer Leben lieb ist! Es ist soweit gekommen, daß kein hervorragender Gegner der Sklaverei, selbst im Norden, seiner Freiheit mehr sicher ist. Im Süden wird eine Subskription eröffnet, um sich des wackeren alten D. Giddings in Ohio, einem freien Staate, zu bemächtigen und ihn zu hängen. Gerrit Smith wird wahnsinnig, weil man ihn während des Prozesses gegen seinen Freund und Gesinnungsgenossen Brown täglich mit Auslieferung an die Virginischen Standgerichte bedrohte. Dr. G. S. Howe, der bekannte Philanthrop und einer der edelsten Männer des Nordens, muß aus Boston nach Canada fliehen; Friedrich Douglas, der berühmte schwarze Agitator, hat sich, um mit Howe einer Auslieferung an Virginien zu entgehen, nach England geflüchtet. Die Republikaner suchen Schutz unter dem Scepter der Königin Victoria!

Die Presse steht seit dem Einfall Brown’s im ganzen Süden unter der strengsten Censur, gegen welche gehalten die französischen Zeitungen sich einer goldenen Freiheit erfreuen. Der große Espinasse ist zu früh gestorben; der Edle hätte ein halbes Jahr länger leben müssen, um seine [308] Apotheose in der amerikanischen Republik zu feiern. Diese Censur geht nicht allein von den angesehensten Bürgern und Einzelstaaten aus; die Bundesregierung selbst führt sie ein und schlägt damit der Verfassung offen in’s Gesicht. Ein Postmeister in Fall Church in Virginien hatte beim General-Postmeister in Washington angefragt, ob er bei Beförderung von Brandschriften (d. h. Antisklaverei-Schriften) den Gesetzen seines Staates gehorchen dürfe, welche die Verabfolgung derselben an die Abonnenten verbieten und deren Verbrennung durch den Richter verordnen. Der General-Postmeister Holt antwortete unterm 5. December 1859, daß der Postmeister in seiner Verantwortlichkeit als Bürger und Beamter prüfen und entscheiden müsse, ob die bei ihm ankommenden Bücher und Zeitungen in jene Kategorie gehören, und daß er in diesem Falle gehalten sei, sie nicht allein nicht an die Abonnenten abzuliefern[WS 2], sondern sie auch zu vernichten. Virginien, erläutert Herr Holt, sei ebensowohl berechtigt, die dort ankommenden Brandschriften zu verbrennen, als ein Mann das Recht habe, den Zünder aus einer vor seine Füße geworfenen Bombe zu reißen. Diese Worte stehen in den demokratischen Zeitungen des „freiesten Landes der Welt!“ Natürlich beeilten sich die demokratischen Postmeister, die Worte ihres Ministers auf’s Pünktlichste zu erfüllen. Diese Menschen, die kaum lesen können und als bloße Werkzeuge in den Händen Aemter gieriger Demagogen zu ihren Stellen gekommen waren, wirthschafteten mit wahrer Berserkerwuth gegen den unschuldigsten nördlichen Zeitungswisch. Nichts ist vor ihnen sicher; die russischen Kosacken handeln mit mehr Takt und Einsicht. Mit diesem Kreuzzuge gegen die nördliche Presse geht die Verfolgung der südlichen Zeitungen Hand in Hand. Tagtäglich hört man von Zerstörungen von Druckereien, von Vertreibung von [309] Redakteuren aus den Sklavenstaaten. Zahme Oppositionsmänner stellen ihre Ausgabe ganz ein, andere kriechen zu Kreuz und thun bei Zeiten Abbitte; kurz die südlichen Redakteure selbst schreiben mit dem Strick um den Hals.

Ich kann in dieser Verbindung auf das in der Presse des Südens und im Capitol zu Washington widerhallende Geschrei nach Auflösung der Union und Constituirung einer selbstständigen südlichen Republik nur hindeuten. Wenn die meisten dieser Tiraden auch nur auf Einschüchterung des Nordens berechnet sind, und deshalb nicht so wörtlich genommen werden dürfen, so fängt der Süden doch an zu fühlen, daß es um seine ausschließliche Herrschaft geschehen ist, sobald Ansichten und Bestrebungen wie die Brown’schen die Oberhand gewinnen. Er sieht sich also bei Zeiten nach Bundesgenossen um und obgleich finanziell, kommerziell und industriell vom Norden abhängig, gefällt er sich doch im kindlichen Traume eines südlichen Reiches, welches natürlich nur mit Hülfe eines europäischen Despoten gegründet werden kann. Hier ein Beispiel statt Vieler! Der „Richmond Enquirer“, das Organ des Gouverneurs Wise von Virginien, behauptet, daß der Süden sofort die Offensive gegen den Norden ergreifen könne und daß er sich zur bessern Erreichung dieses Zweckes gegen die kleine, dem Süden nichts kostende Vergütung eines Freihandelsvertrages ein so starkes Land- und Marine-Kontingent von Frankreich leihen müsse, als es zu seinen Angriffs- oder Vertheidigungszwecken nöthig habe.

„Unter solchen Umständen,“ sagt der „Enquirer“, „müßten wir uns offenbar an Frankreich halten, dessen Kaiser, fähig und weitsehend und so frei von heuchlerischer Scheinheiligkeit und Fanatismus, als Victoria voll davon, eine England überlegene Kriegsflotte und eine Handelsmarine von ungeheurer Größe geschaffen hat, welche unternehmungslustig [310] ist und nur der Eröffnung eines Handels bedarf. Frankreich ist bereit, sich an kommerziellen Unternehmungen von irgend welcher Bedeutung zu betheiligen, ist jedoch fast unter jedem Breitegrade und auf allen Meeren durch das schon bestehende Monopol Englands ausgeschlossen. Ein Bündniß mit den südlichen Staaten würde Frankreich sofort die Beschäftigung für seine Schiffe und den Markt für seine Manufakturen verschaffen, wonach sein Kaiser so lang und eifrig gesucht. Für das Privilegium dieses Verkehrs würde er uns mit Freuden gestatten, einen Theil der großen Armee und Marine zu benutzen, welche er aufrecht zu erhalten, für die er aber keine Beschäftigung hat. Es wäre ihm möglich, uns die Militärmacht zu leihen und sie auf seine eigenen Kosten auf diesem Kontinente zu Gunsten unserer Handelsfreiheit zu unterhalten.“

So weit die Thatsachen! Zum Schlusse noch ein Wort über Brown’s Attentat. Selbstredend wurde er fast einstimmig verdammt. Vom engherzigen Advokatenstandpunkt aus, also dem jämmerlichsten, den es in der Welt nur geben kann, fanden sich natürlich gegen Brown die Argumente in Hülle und Fülle. Wären die Abolitionisten und Deutschen nicht gewesen, so würde man kein unbefangenes, männliches Wort über die ganze Angelegenheit gehört haben. In einem Lande, wo das Parteileben so ausgebildet ist wie hier, ist die Wahrheit den Parteizwecken unterthan. Innerhalb der Parteien wird hie und da eine Wahrheit gesagt, darüber hinaus selten oder nie. Es giebt daher auch im hiesigen öffentlichen Leben keine rücksichtslose Wahrheit. Wird es uns nützen, wird es unsern Gegner schaden? das sind die einzigen Gesichtspunkte, die in Betracht kommen. Die Demokraten nun suchten selbstredend politisches Kapital aus Brown’s Unternehmen zu machen und dem Lande zu beweisen, daß es unter den Republikanern [311] seinem Untergange zusteuern würde und daß diese an allem Unglück Schuld seien. Sie thaten aber im Verläumden, Denunziren und Anklagen des Guten zu viel und erreichten deßhalb ihren Zweck nicht. Die Republikaner aber verleugneten theilweise ihre eigenen Grundsätze, ließen sich wie die dummen Jungen katechisiren, spielten die gekränkte Unschuld und benahmen sich überhaupt feig und erbärmlich, um nur den alten Brown desto ungestörter desavouiren zu können. Gleichwohl werden sie den politischen Vortheil aus Brown’s Hinrichtung haben, weil das Volk immer auf Seiten des Leidenden, Besiegten steht.

Wenn sein Charakter selbst seinen erbittertsten Feinden Hochachtung und Bewunderung abgezwungen hat, so war der Eindruck, den er auf Gesinnungsgenossen und jedes unbefangene, freie Herz machte, ein unwiderstehlicher. Er erfrischt, er erhebt und erfüllt uns mit Siegesgewißheit; ja die bloße Thatsache, daß ein solcher Mann gelebt, gewirkt und gelitten hat, wiegt viele verzagte Momente, manchen politischen Schacher, ja selbst die Hoffnungslosigkeit der öffentlichen Zustände auf. Seinen Leib haben sie getödtet; allein sein unsterbliches Beispiel wirkt anregend und begeisternd und appellirt nicht vergebens an die edleren Leidenschaften, an die Opferfreudigkeit des menschlichen Herzens. Es schlummern noch herrliche Kräfte in diesem Volke; es kommt nur darauf an, sie zu entwickeln und zu bilden. Die Sache der Freiheit ist noch nicht verloren, wo solche Männer, wie Brown, möglich sind. Wie auch das Urtheil über die politische Berechtigung seiner That lauten möge, sie muß, weil sie aus innerster Ueberzeugung hervorging, also eine bewußte und freie war, vom sittlichen Standpunkt aus unbedingt als berechtigt anerkannt werden. Brown empörte sich gegen Gesetze, welche den Menschen zum Thiere erniedrigen, gegen einen naturwidrigen Zustand, [312] welcher faktisch unter dem Schutze der Vereinigten Staaten Regierung steht und nicht mehr durch den Stimmkasten oder die Wahlurne, sondern nur noch durch eine Revolution geändert werden kann. Alle konstitutionellen Garantien, auf denen diese Republik ruhte, sind längst vom Süden vernichtet; er hat Bundes- und gemeines Recht mit Füßen getreten und mit gewaltsamer Hand den Norden zum Kriege gezwungen. Brown war der Erste, der die Frage, um die es sich handelt, richtig verstand. Der Norden muß den Süden zurückschlagen, oder er ist verloren; es ist ein Kampf um seine Existenz.

Es kann sich also im vorliegenden Falle nur noch fragen, ob die von Brown zur Erreichung seines Zweckes gewählten Mittel die richtigen waren? Das sind sie nicht. Die Ausführung seines Planes war mangelhaft und schlecht; allein trotzdem liefert sie der Welt den Beweis, daß die Sklaverei die hiesige Gesellschaft im beständigen Kriegszustand hält, daß diese nur durch eine tyrannische Gewalt zusammengehalten werden kann und daß die Ver. Staaten mit Riesenschritten einer Revolution entgegeneilen. Entweder Sklaverei oder Freiheit; der unvermeidliche Konflikt zwischen beiden muß wohl oder übel ausgekämpft werden!

Brown ist der erste blutige Vorläufer des ihnen bevorstehenden Kampfes. Seine Hinrichtung ist die erste politische in der Union; sie bezeichnet schon deßhalb einen Markstein in deren Entwicklung; sie wird nicht die letzte sein. Denn dieselben Zustände werden dieselben Ideen erzeugen und dieselben Handlungen werden sich wiederholen und dieselben Folgen nach sich ziehen. Brown’s Unternehmen mißlang. Allein was ist Mißlingen? Nichts als Erziehung, als der erste Schritt zum Bessermachen, sagt Wendel Philipps. Vivat sequens!

     New York, Januar 1860.

Friedrich Kapp.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: zu sie
  2. Vorlage: abzuliefen