Die dießjährige Kunstausstellung in Dresden (1807)

Textdaten
Autor: Leis
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die dießjährige Kunstausstellung in Dresden
Untertitel:
aus: Zeitung für die elegante Welt
Herausgeber: Georg Voß
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1807
Verlag: Vorlage:none
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Katalog der Ausstellung siehe Verzeichniß der am Friedrichstage den 5ten März 1807 in der Königl. Sächsischen Akademie der Künste öffentlich ausgestellten Kunstwerke
Die Beitragsfolgen wurden zusammengeführt
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]

[417, 418]

Die dießjährige Kunstausstellung in Dresden.
Dresden, den 24sten März 1807.     

Du bist gewohnt, mein Freund! von Gesellschaft zu Gesellschaft zu gehen, und den Geist nicht bloß in schönen, sondern auch in häßlichen Körpern aufzusuchen, ja das Belebende selbst in Verzerrungen und Monstruositäten zu finden. Du freuest dich der Natur und des Schöpfers, der jetzt sich in der bloßen Eurythmie des Körpers, dann nur in der bloßen Schönheit der Seele, dann in den mannigfaltigen Mischungen beider und hier und da auch in der Harmonie des Irdischen mit dem Himmlischen gefällt. Nun wohlan, so komm und begleite mich heute zu den Schöpfungen des Menschen. Wo kann der Mensch im eigentlichsten Sinne des Wortes schaffen, als einzig in der Kunst! So laß uns sehen, wie das erdegeborne und doch zur Unsterblichkeit aufstrebende Wesen den ihn verliehenen Abglanz der Schöpferkraft gebraucht, um seinen Geburten und Schöpfungen entzückend Körper und Geist in mehr oder minder vollkommener Mischung zu verleihen. Das Ungewöhnliche überrascht, das Unharmonische und doch in mancher Hinsicht Vollkommnere macht die Urtheilskraft des gerechten Mannes schwanken; nur das vollendetere Schöne versöhnt und versetzt in das stille Reich der Formen, das Schiller so unvergeßlich besang. Die Dresdner Kunstausstellung ist dieß Jahr in mehreren Hinsichten sehr reich. Bei gleichem Mangel an aller Ermunterung scheint die Kunst selbst mehr als ihre Freundin, die Literatur, geleistet zu haben.

Hartmann, dieser kräftige Deutsche, hat ein Bild geliefert, das der Kunst und dem Künstler Ehre macht. Das Bild zeigt uns die drei Marien, so wie sie Markus aufstellt (du erinnerst dich wohl der Stelle) in der Grabhöle vor dem Engel, der auf dem leeren Grabe sitzt, in der linken Hand, die auf dem Knie zu ruhen scheint, einen Palmzweig hält und mit der rechten nach der Höhe hinauf zeigt, aus welcher ein Lichtstrahl die ganze Höle von oben herab beleuchtet. Der Stral der Himmelsheitre spielt mit den Farben des Regenbogens in dem schönen Geniusfittig des Engels und an den düstern Wänden der Todtenhöle und löset sich in den Gewändern der Marien für viele wunderschön auf. Ich hörte jemand dabei sagen: „Der Himmel ist mit der Erde versöhnt, das Grab ist offen, ist leer und das Zeichen des ewigen Friedens schwebt verklärend von den Wolken herab zu der Erde. Wie nach Klopstock die Milchstraße, der Strom der Himmelsheitre, nach Edlen zum traulichen Umgange Gottes und seiner Engel mit den Menschen herabfließend, hinüber gerufen ward, als durch Sünde der Mensch zu Gottes Feinde sich umschuf, so ist bei Hartmann der ätherische Strom von dem Urquell wieder mit hellerer Schöne herabgelassen.“ – Ich lege auf diese Seifenblasenspielerei in der Kunst gerade den wenigsten Werth und glaube, daß der liebliche Effekt des ganzen Bildes noch vielmehr an Innigkeit und Herzensfülle gewonnen haben würde, wenn der Künstler weniger reich hatte seyn wollen, wenn er zufrieden mit dem Haupteffekt das Uebrige alles als untergeordnete Nebensachen behandelt und in der Wirkung [419, 420] der himmlischen Erscheinung auf die drei herrlichen Marien und in der süßen, alle Himmel oder doch wenigstens die drei weiblichen Gestalten durchdringenden Freude des Engels sich konzentrirt hätte. Dann würde sein in den Umrissen majestätisch-schöner, fast streng gezeichneter Engel an Leben und Fülle der Göttlichkeit gewonnen haben und die Freude über die verkündete Nachricht zeigte sich bei den Marien weniger in den Prachtgewändern als in den seelenvollen Gesichtern: dann würde Johannes Geist der Liebe über die herzlich-himmlische Szene ausgegossen seyn und der Gewinn des Publikums wäre etwas Ueberschwengliches. So läßt das Bild mit allen seinen Vorzügen und Verdiensten den stillen Beobachter kalt, und wenn der Kenner die Pracht der Farben, die Schönheit der Gewänder, das liebliche Profil der Maria von Magdale, das Majestätsprofil der Engel, die fast durchgehends strengere Zeichnung und die Wahrheit des Kolorits mit Recht rühmt und selbst dem Nichtkenner eine gewisse, bei näherer Beschauung sich zeigende Harmonie des Ganzen deutlich zu machen weiß, so stehet dieser mit jenem voll Achtung vor dem Werke des talentvollen und gelehrten Professore della pittura, aber – das liebende Herz kommt bei dem neu-poetischen Nordlichtsglanze etwas zu kurz; der neu-poetische Protestant wird vielleicht befriedigt; aber wenn auch sein Kopf die Gesetze der Natur, der Optik, der Poesie und der Phantasie beobachtet und harmonisch alles zu einem treflichen Ganzen durch Denkkraft vereinigt finden sollte, das – Herz geht leer von dem Engel und den Marien hinweg. Hartmann verbindet mit philosophischem Geiste und ausgebreiteter Gelehrsamkeit eine tiefe Kenntniß des großen Kunstgebietes, und bei großer Einsicht in die geistige Technik hat er viel Sinn für Schönheit und Erhabenheit. Er wird nie in der Wahl des Gegenstandes sich irren; der Moment seiner Wahl wird, wenn auch nicht allemal der ästhetisch-schönste und künstlerisch-darstellbarste, doch nie unpoetisch oder gar widerlich und durch das Gräßliche zurückstoßend seyn; dessen ungeachtet fehlt es ihm an mathematischer Vollendung, um jeden Theil in seiner Harmonie zum Ganzen zu berechnen und an Fülle des kindlichen Sinnes, der mehr ist als alles, was wir hier auf Erden bitten und verstehen. Wenn er mit etwas weniger umfassenden und – zerstreuenden Kenntnissen den geistigen Empfängnißmoment in seiner Brust reifer werden ließe und voll inniger Liebe zu der für jeden Künstler im ewigen Aether schwebenden Idealmenschheit bei dem rein und heilig Empfangenen mit mehr Zuversicht zu sich selbst und mißtrauischer gegen fremdes Urtheil, vorzüglich gegen Urtheile der Philosophaster unserer Zeit ruhiger zur Ausführung schritte, so müßten dem bessern Publikum, das Empfänglichkeit für die hohen Gebilde der schöpferischen Kunst hat, viel süßere Genüsse durch ihn zu Theil werden und auch die Nachwelt würde mit liebender Bewunderung vor seines Geistes schönen Kindern stehen. Wer die geistreiche Skizze gesehen hat, wo in eben dem Momente, da sich das müde Auge des Pylades nach langem Wachen schließt, die Furien mit der erschlagenen Mutter dem Orest in des Zimmers dämmernder Halle erscheinen, dem wird meine Behauptung nicht übertrieben vorkommen.

Die meisten Vorzüge, die ich an dem Bilde Hartmanns mit Achtung erkenne, fehlen dem Bilde, in welchem Hr. Rösler, der erst seit Kurzem aus Rom zurückgekommen ist, denselben Gegenstand behandelt hat. Ihm scheint der feinere Sinn für Farben ganz zu fehlen; nach Harmonie sucht man vergebens; der Engel ist widerlich, das Alterthümliche im ganzen Bilde sogar etwas affektirt; aber die frommen, lieblichen Gestalten der drei Marien und der Ausdruck in den abgehärmten und nun auf einmal von überschwenglicher Himmelsfreude, von Staunen und heiliger Rührung durchbebten Gesichtern und in den verschiedenen, so wahrheitsvollen Bewegungen ist so lieblich, daß ich sie, bis ich etwas Besseres einst sehe, in meiner Seele als Kanon und Norm aufbewahren muß.

Ja so erschienen wirklich die Frauen am heiligen Grabe
     fromm einfältigen Sinns malte Begeisterung sie hin.
Himmlisch spricht hier, ich fühl’ es tief, ein kindlich Gemüthe,
     heilige Andacht flammt hoch mir im Herzen empor.

Jetzt, in dieser Stimmung, folge mir Freund zurück in das erste Zimmer. Wenn das Herz sich geöfnet, dann entfaltet der Schönheitssinn seine Flügel und sucht sich Nahrung und findet sie nur im Reiche der erhabenen und rein-schönen Formen. Komm, ich verspreche dir volle Befriedigung, und ich weiß, was ich dir verspreche. Betrachte diese vier Portraits, sie sind mit Geist und tiefer Einsicht, das sagt dir schon der erste Blick, von Gerhard v. Kügelgens Hand aus der Leinwand heraus ins Leben gezaubert. Sieh, hier blühet der Frühling, das ist der dänische Dichter Oehlenschläger; näher der Thüre pranget der fruchtreiche Herbst, das ist Amaliens treflicher Bibliothekar Fernow; ein salto über die gähnende [421, 422] Oefnung bringt dich zum – setz’ das Epitheton selbst hinzu –Sommer, das ist Adam Müller, und das hier ist der kalte, strenge, aber doch nicht unfreundliche Winter Seume. Welche Wahrheit! welche Treue! welche Rundung und Lebensfülle! Alle charakteristische» Portraiteigenschaften, die bei den guten Meistern der ältern Zeit den bessern Sinn so herrlich ansprechen, du findest sie alle hier wieder. Dieser Künstler hat mit Geist und Kraft das herrliche Künstlermorgenlied unsers Göthe gebetet. Durch seinen Sinn erscholl die innere Schöpfungskraft. Doch willst du etwas von seinen eignen Komposizionen sehen und dich überzeugen, daß er auch aus dem Herzen beten kann, so fasse nur den Idealkopf Moses schärfer ins Auge und dann diesen Christus. Bei dem letztern fängt man zu zweifeln an, ob nach dem Ausdrucke Wielands vor Annibal Carracchi’s Christus alle Christusbilder von ihrem Throne steigen und sich beugen müssen.

Licht und Wärme umströmen die Sonnen, beleben die Erden,
     Geist durchzittert das Herz, Schöpfungen gehen hervor.
Darf auch der Laie es wagen, den liebenden Künstler zu loben?
     Herzlichen Dank verschmäht nimmer die fühlende Brust.

Wirf noch einen Blick auf den verwundeten Adonis und auf die drei kleinen von Hügelgens Hand modellirten Figuren, die Venus, den Mars und den Simson, der seine Ketten zerreißt und nun wende den formgesättigten Blick zu Grassi’s lieblichen Erscheinungen. Er hat dieß Jahr drei Portraits ausgestellt, den hochherzigen Prinz Louis von Preußen, die Fürstin Czartoriska und eine dritte weibliche Figur. Sein Portrait ist nicht rund und doch auch nicht flach; es ist nicht Repräsentant der Wirklichkeit, nicht Ideal von dem Concreto weise abstrahirt und zu reiner Menschheit sublimirt, und ist auch nicht bloßer Schatten. Alles, was dieser Künstler schaft, ist gleichsam mit einem zarten Grazienflor überzogen, den die Zauberin Klugheit, oder höher genommen, Selbstkenntniß webte, und so läßt er uns hinter dieser ihm ganz eigenen theatralisch-feierlichen und alles mit Schmelz umkleidenden Dekorazion nicht charakteristisch-markirte, durch Schönheit und Kraft ausgezeichnete Gestalten, sondern bloße Schemen erscheinen, über die, selbst wenn sie noch besser und richtiger gezeichnet wären, Achill doch so wenig König zu seyn wünschen würde, als über die Schatten des Ais. Was die Niederländer und Holbein und Dürer und Titian und Corregio waren, ist ihm fremd; die Lebenswärme, die gediegene Rundung und Geistesfülle der Alten fehlen; er hält nicht einen Augenblick die Vergleichung aus, und dennoch müßte ihm selbst sein Feind zugestehen, daß der größte Theil der Herren und Damen, wie sie nun einmal die allseitige oder vielmehr keinseitige Zeit ausgeprägt hat, Grassi’s Pinsel den Vorzug geben wird vor allen andern. Kein Kleiderkünstler legte je diese bedeutend scheinenden, Falten; kein Denon zeigte in den Verzierungen mehr Geschmack; kein Röndchen putzte je ein Möbel so elfenbein-lieblich heraus. Nirgends ist Schatten und nirgends ist Licht; die Schatten scheinen nur Schatten; das Licht scheint nur Licht; alles ist abgedämpft. So wie seinen gemalten Personen die Individualität und der Charakter fehlt, so fehlt der Charakter auch seiner Malerei, oder die Charakterlosigkeit ist vielmehr sein Malercharakter. Seine Manier ist Verblasenheit und Akzentlosigkeit, sie gefällt wie ein englischer Kupferstich. Wer nicht bloß die Oberfläche mit eilendem Blicke beachtet, wer das, was ihr tiefer zum Grunde liegt, mit jener zugleich oder jene vielmehr als die durchsichtige Decke von dieser reellen Basis zu betrachten pflegt, und wer in den Zügen, vornehmlich aber in den Augen die mannigfach nüancirten Charaktere aufzusuchen pflegt; wer das Portrait nach der Wahrheit und Individualität beurtheilt und daher nichts aus einem Menschenantlitz weggelassen, noch vielweniger korrigirt wissen will, der sucht bei Grassi vergebens Befriedigung. So viel ist indeß gewiß, in seiner Seele muß eine Art von Sonntag seyn, Alles was aus seinem Pinsel hervorgeht, trägt den Stempel der äußern liebenswürdigen Reinlichkeit, und in seinen Farben herrscht eine Art von magischer Harmonie, die wie eine fata morgana selbst den Ernst des Lebens wohl auf einige Augenblicke täuscht, aber bei näherer und genauerer Ansicht der Gegenstände verschwindet und der feinen Ironie Platz macht.

Wärst du von innen so reich als außen du hier und da scheinest,
     wahrlich gediegen und groß ständest du über der Zeit:
aber nun schwanken die Formen, dem Stoff ist der Schemen entfremdet,
     blendenden Farben zum Trotz, sinkst du ein Opfer der Zeit.

Ich muß hier abbrechen, Freund! Nächstens wenn dir’s gefällt, plaudern wir einander über Kaaz, Klengel, und den alten Sunno Wolke, und gesellen so dem Ernst zugleich auch den Scherz bei. Was Wolke, rufst du, unter den Künstlern? Saul unter den Propheten! [423, 424] nur Geduld! deine Neugier soll bald befriedigt werden. Geduld, mein Freund! Geduld! [569, 570]

Hier hast du Freund die vier Zeilen, die du mit Recht bei dem Abdruck meiner Gedanken über den Orest und Pylades des Hrn. Hartmann vermissest:

Sagt mir, wo flammt der unsterblichen Dauer erhabener Freundschaft,
     Wo der schöpferischer Kunst heiliger Opferaltar?
Freut euch der Hofnung! schaut, wie sie lächelt; Olympia Dresden
     Liebet der Zukunft Stolz, achtet den Weihenden hoch.

Von Hrn. Prof. Pochmann hab ich mich dieß Jahr vergebens nach einer größern Komposizion umgesehen. Hat ihn die vorjährige Kritik seiner Diana davon abgehalten? Gegründeter und mit Adel und Würde vorgetragener Tadel ist, wie mich dünkt, für uns arme Erdensöhne bei unserm Stück- und Flickwerk durchaus zuträglicher, als unbedingtes, schlecht motivirtes Lob. Würdige Tadler sind Aufseher, die die Vorsehung den Kindern des Lichtes zugesellt, um sie immer tiefere Blicke in die Wahrheit und in das Bleibende thun zu lassen. Und Künstler, die selbst bis in die Falten der Gewänder nach den Motiven fragen, sollten und müßten das unmotivirte Lob eines flachen Gehirns und die Assa foetida einer von ihnen selbst eingegebenen Rezension durchaus unerträglich finden. Den Vorwurf von künstlerischer Insolvenz kann indeß Niemand dem Hrn. Professor Pochmann machen, er hat ein Portrait öffentlich ausgestellt. Man hört jetzt so häufig den Ausdruck: hier, dort hat sich der Künstler ganz ausgesprochen! Soll ich in dieser Modesprache bleiben, so muß ich sagen, Hr. Pochmann hat sich in dem Portrait von Bonaveri ganz versprochen. Wenn der Künstler bei einem so lebenvollen und sprechenden Gesichte, wie das des Bonaveri ist, bei einem Gesichte, das jedem sinnigen, lebensfrohen Menschen etwas sagt und bei dem jeder sich oder seinem Nachbar, der mit ihm wandert, etwas zu sagen weiß, das Publikum, das gebildete, kalt läßt, so kann man sicher sagen, daß da ein Fehlgriff gemacht worden ist. Um sich gleich auffallend zu überzeugen, daß ich von diesem Portrait nicht zu hart urtheile, trete man nur zu dem Portrait des Hrn. Landbaumeister Hauptmann von Hrn. Hartmann. Zwar ist auch hier die jovialische Gemüthlichkeit und die feine Ironie, die des Mannes Angesicht zu charakterisiren scheint, nicht ganz der Idee, die ich davon habe, entsprechend ausgedrückt, aber man sieht doch gleich den Mann in seiner eigentlichen Attitüde, in seinem wahren Leben. Das Individuelle und Eigenthümliche ist besser herausgehoben und der Vitruv, auf den er sich gelegt hat, charakterisirt gut. – Noch besser, fleißiger und fertiger ist der Kopf, aber auch nur der Kopf des Dichters Tiedge, den Herr Rösler in Rom gemalt hat; in allen Theilen zeigt sich hier viel Studium: die fast ängstliche Treue, das scrupulöse Anschließen an die Natur und die Unzufriedenheit, die es sich selbst nicht zu Dank machen kann, versprechen auch für die Zukunft sehr viel Gutes von dem leise und verzagt auftretenden Künstler: bei aller Rundung und Lebendigkeit, [571, 572] die er hervorzubringen weiß, scheint seiner Seele ein höheres Ziel der ältern Meister vorzuschweben. Wer noch mehr durch Kontrast sich überzeugen möchte, was Leben,Rundung, Wärme, Geist und Kraft in einem Portrait, als Kunstwerk betrachtet, heißt, den führe ich vor die Bilder unsers würdigen Graff’s, denn auch im hohen Alter verläugnet dieser Künstler nicht die bessern Eigenschaften, die ihn von früher Jugend an zum Lieblingskünstler seines Zeitalters machten. Seine beiden Portraits, der Hr. Hofrath Mahlmann und noch mehr das nur etwas karikirte Bild des Hrn. Hofrath Böttiger werfen, trotz der grellen Farben rechts und links, gewaltige Schlagschatten.

Ist denn das Alter nur jung, und die Jugend schwächlich und kraftlos?
     Kommt und bewundert den Greis, mächtig gebeut er die Kunst.
Und es umfängt das liebende Herz die unsterbliche Muse.
     Sieh da versinket die Nacht, klar wird der alternde Blick.

Genug von den dießjährigen Portraits:

Dort seh’ ich Tivoli liegen, der Weg hinauf zu den Aetherhöhen ist lieblich und reizend. Manches entdeckt schon von himmlisch-süßen Wundern das Auge am Fuße des Berges, aber der Weg selbst, was muß er enthüllen, was dem Herzen, dem Geiste erst geben! Die Bäume alle, die Ulmen, Eschen, Eichen etc., seht her, man kann sie umspringen, so fein und herrlich stehen sie da, umwallt von Licht und von Luft: das üppige Gras, von Blumen verschönt und durchduftet, es ladet uns ein und winket flüsternd zur Ruhe. Hier muß ich, wenn das liebende Herz die Augen mit Thränen füllt oder die Brust sich hebt, um mit einem wohlwollenden Sinn die Welt in süßen Minuten zu umfassen, hier muß sich dein Kopf, wackerer Seume! in duftendem Lavendel noch besser verbergen lassen, als in Schwedens ödem Gestrüppe. Freilich die Luft ist hier nichts weniger als italienisch, sie ist vielmehr etwas nordisch-kalt; aber welcher vernünftig Reisende erwartet auch täglich Neapels glühende Vesuvsluft oder das wunderbare Illusionsspiel, das Claude Gélé fast immer umschwebet! Warum soll nicht auch hier bisweilen das träge caput mortuum sich verflüchtigen und nordisch-schwer die Höhen drücken. Hr. Kaaz, von dem diese Landschaft ist, zeichnet sich durch poetisches Gefühl, Naturblick und ein löbliches Streben, die Felsen, die Bäume und den Boden jeder Gegend in ihrer eigenthümlichen Natur darzustellen, ganz besonders aus.

Hehr ist das Ziel, o sinniger Freund! nach dem dir das Herz strebt,
     Schönheit und Wahrheit steh göttlich im göttlichen Bund.
Hältst du die Erd’ und Luft vereint im harmonischen Einklang,
     Dein ist des Weisesten Lob, dein ist die ganze Natur.

[579, 580] Der alte trefliche Klengel behauptet mit Würde die Stelle, zu der er durch rastlosen Fleiß sich empor schwang und treues Anschließen an die Natur, wie sie dem irdischen Auge erscheint. Er hat dieß Jahr reichlich gegeben und manchen süßen Genuß jedem gewährt, der in einer stillen lieblichen Gegend sich in seinem Daseyn und der innern Regsamkeit gefällt, mit welcher er von der Anschauung zum klaren Begriff sich erhebt, ohne durch die dunkeln, den Begriff überschwebenden Wolken zu der ätherischen Idee sich emporadlern zu wollen, und doch – nicht zu können. Indeß erinnert nur eine der sechs Landschaften, aber auch auf eine ganz vorzügliche Weise an den düstern Gewitterhimmel, in welchem sich der würdige Klengel nach meiner Ansicht einzig und allein zum Aether der Poesie lieblich zu erheben weiß: und das ist die fünfte seiner Landschaften, wo auf einem moosigen Hügel, der den Vordergrund macht, fünf bis sechs Bäume in einer unvergleichlich schönen Luftperspektive hinter einander stehen und von dem Lichte der untergehenden Sonne und der milden Abendluft gar wunderlieblich umflossen werden. Ein Hirt ruht mit einigen Thieren im Moose und blickt dumpf hinüber nach der durch einen buschigen Grund von ihm getrennten duftigen Gegend. Hinter dieser Gegend, die ich lieber durch eine sechssäulige, als durch eine dreifüßige Ruine verziert sehen möchte, zeigt sich das unermeßliche Meer in seiner wieder zurückgekehrten Ruhe: still wandeln in der Ferne einige weiße Segel dahin. Am fernen Horizonte kann man den vorübergegangenen Sturm noch in den abwärts ziehenden Wolken deutlich sehen. Aber er ist vorüber der furchtbare, der Himmel lacht, die Erde freuet sich.

Stille, mein Freund! enthalte dich jedes Wortes, das Herzensandacht stören könnte! folge mir in ein heilig Gebiet; der Boden, auf welchem du stehst, Freund! der Boden ist mehr als delphisch, ist menschlich-heilig, ob ihn gleich kein Farbenspiel belebt. Wie der braune Fittig der Nacht sich segnend an die Erde schmiegt, so spricht auch hier ein himmlisch Gemüthe zart-melankolisch, kindlich-fromm und begeisternd-groß die Menschen an – nicht um eine Gabe, nein, reich genug mit Gaben alles, was sich ihm nahet, reichlich zu versorgen, reget es jeglich Gefühl auf mit Macht und gibt, fern von jeder profanen Entweihung, das tief Empfundene treu und würdig wieder. Ihr, die ihr Sinn für hehre Einfalt, für stille, wahre Größe in euern Herzen tragt und hegt und hier in Dresden waret, ihr wißt, von welchem Künstler dieses gilt, wenn ich auch seinen Namen euch nicht nennte. Der Kirchhof, wo der Dichter sich selbst begraben läßt, und wo mit den frommen Gebeten der zur Erde schauenden Leichenbegleiter der Geist des Verstorbenen neben der großen gothischen Ruine über den Sarg sich aufschwingt, und von den ihm Vorangegangenen, der Mutter und vier Geschwistern, bewillkommt zum Urquell des Lichtes zurückfleugt – die stille Mondlandschaft am einsamen Gestade der Ostsee, wo bloß ein Kahn, vom Anker gehalten, zwischen Steinen, auf kleinen, spielenden Wellen sich bewegt, und wo jeder Seele, die Ossian kennt, unwillkürlich die ersten zwanzig Verse aus Darthula vor die Phantasie treten – die stillen, melankolischen und doch so süßen Nacht- und Ewigkeitsgefühle, sie zittern noch in allen Herzen noch und erinnern lieblich an den Sohn der Natur, [581, 582] den Rügens Felsengestade ossianisch erzogen, an den einfachen Friedrich. Wie die wiederkehrende milde Jahreszeit jetzt einen schönen Tag von dem andern ablösen läßt und es uns schwer macht zu sagen, welches der schönere war, so hat auch Friedrich dem Publikum bei der dießjährigen Ausstellung Freude auf Freude gemacht, indem er Bild auf Bild folgen ließ, Genuß auf Genuß gab und ohne sich einen Wertkampf mit dem Frühling einfallen zu lassen, auf der Flur der Herzen Blüthen-Empfindungen und Blüthen-Gedanken mit Frühlingswärme und Frühlingsfülle hervorzauberte. Die untergehende Sonne, die das zwischen zwei schroffen Felsenzacken aus alten Tannen und Fichten hervorragende Kruzifix, oder vielmehr nur das sterbende Antlitz des religiös-moralisch einzigen Helden bestralt, die zwei im Schein und im Schatten des Mondes ruhig auf ruhiger See schwimmenden Schiffe und die Hünengräber am Gestade der See unter den drei schöpferisch gezeichneten alten Eichen werde ich nie vergessen. Doch es heißt auch hier: komm und sieh!

Ich schließe hier. Du siehst selbst, mein Freund! daß es im Reiche der Schönheit wie in dem Reiche der echt-moralischen Größe von den Menschen in Absicht auf ihre Darstellungen und Produkte immer heißt, wie dort geschrieben steht: „Viele sind berufen, aber wenig sind auserwählt.“

Leis.