Die bucklige, verkrüppelte Frauenleber

Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Die bucklige, verkrüppelte Frauenleber
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 277-278
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die bucklige, verkrüppelte Frauenleber,

die Frucht des Schnürleibchens und des Unterrockes, eine Quelle des Mißmuthes, der Unzufriedenheit und der Zanksucht.

Liebe Leserin! Ich bitte Dich, wirf dieses Blatt nicht unwillig von Dir, weil dieser Aufsatz gegen einen Theil Deines Ichs gerichtet ist. Du behältst ja Dein Schnürleibchen und Deine Unterkleider, nur ändere daran ein kleines Wenig, damit Dir die Leber und mit dieser das Organ der Sanftmuth und der Lebensheiterkeit nicht verkrüppele. Ich weiß recht wohl, daß in den vielen und hitzigen Kämpfen gegen die Schnürleibchen diese stets Siegerinnen geblieben sind und daß diese immer bei den Frauen civilisirter Völker, selbst bei den alten Griechinnen und Römerinnen, beliebt waren. Auch ist gar nicht zu leugnen, daß durch die Schnürleibchen bei unserer jetzigen weiblichen Erziehung und Lebensweise einem wirklichen Bedürfnisse des schwächlichen weiblichen Körpers genügt wird. Dieser scheint einmal eine gewisse Stütze, zumal für Brust und Rückgrath zu fordern, abgesehen von den

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Die gesunde Leber
ist weit größer als die verkrüppelte Leber, hat keine Furchen und Eindrücke wie diese und sieht auf ihrer glatten Oberfläche schön braunroth aus.

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Die verkrüppelte Leber,
mit einer tiefen Querfurche vom Unterrocksbande, und mit schräg-verlaufenden Eindrücken von den durch das Schnürleibchen eingedrückten Rippen und dem Brustbeine.

[278] Vortheilen einer Schnürbrust für die Taille und für dieses oder jenes Vorhandene oder Fehlende. Es handelt sich also zwischen uns nur um die richtige Construction und Anwendung der genannten Kleidungsstücke, weil diese bei ihrer jetzigen Gebrauchsweise einer der wichtigsten Gegenden des weiblichen Körpers, in welcher Leber, Magen und Milz gesichert liegen sollen und sich auch noch ein Theil der Lunge findet, gar zu arg mitspielen.

Diese Gegend, Oberbauchgegend genannt, zeigt in der Mitte eine Vertiefung, die Magen- oder Herzgrube, mit dem spitzen Ende (Schwertfortsatze) des Brustbeins, unter welchem der linke Leberlappen und der Magen seine Lage hat. Rechts und links von dieser Grube befindet sich eine Unterrippengegend (Hypochondrium), von denen die rechte den größten Theil der Leber, die linke einen großen Theil des Magens und die Milz birgt. Ueber diesen Organen wölbt sich das Zwerchfell in die Brusthöhle hinauf, und aus diesem ruht der breiteste Theil der Lungen, so wie das Herz. (Siehe die Abbildungen in Gartenlaube Nr. 16 S. 171 und Nr. 22 S. 233.) Wie nöthig nun die Lungen, das Herz und der Magen zum menschlichen Leben sind, haben Dich die Aufsätze in Nr. 9, 16, 17 und 22[WS 1] der Gartenlaube gelehrt. Welchen Einfluß aber Leber und Milz auf das Gedeihen des Körpers haben müssen, wirst Du selbst beurtheilen können, wenn Du erfährst, daß durch diese Organe das Blut, die Quelle des Lebens, von vielen schlechten Bestandtheilen und alten Blutkörperchen gereinigt, dadurch aber frisch, munter und belebend erhalten wird. Störungen in der Leber- und Milzthätigkeit müssen das Blut demnach mit untauglichen Stoffen schwängern, träge in seinem Flusse und anstatt belebend, gerade lebensmüde machen. – Ein solches Blut ist es auch, welches zunächst das Heer von Unterleibs- und Hämorrhoidalbeschwerden, den Mißmuth und die Reizbarkeit, die Hypochondrie und Melancholie und noch viele andere Uebel erzeugt, die später noch ausführlich besprochen werden.

Die häufigste Ursache der Störungen in der Leber-, Milz- und Magenthätigkeit ist nun bei Frauen das Schnürleibchen und das Binden der Unterkleider. Das erstere preßt nämlich bei den meisten Geschnürten den untern Theil der Brust und die obere Gegend des Leibes so zusammen, daß ebensowohl die untern Rippen, wie der untere Rand des Brustkastens und das spitze Ende des Brustbeins in die Leber eingedrückt werden und diese hier tiefe, schräglaufende Furchen bekommt. Die Bänder der Unterkleider, auch wenn sie locker gebunden sind, ziehen sich dagegen quer über die Leber hinweg und erzeugen hier einen tiefen Quereindruck. So ist die arme Leber in die Kreuz und Quere geschnürt und nebenbei noch von allen Seiten zusammengequetscht. Man könnte wirklich glauben, daß das Kollern, welches so häufig im Leibe der Frauen zu hören ist, ein Angstgestöhn der gequälten Leber sei und daß deshalb, weil die Leber in ihrer Verrichtung, welche in Bereitung der Galle besteht, gestört wird, bei den Frauen die Galle so leicht in’s Blut tritt, wie man im gewöhnlichen Leben zu sagen pflegt. Daß auch der Magen bei der jetzigen Frauentracht schlecht wegkommt, dafür dienen Magenkrampf, Appetitlosigkeit und allerhand Verdauungsstörungen zum Beweise, von welchen Uebeln die meisten Frauen heimgesucht werden. Der Milz geht es aber nicht besser wie der Leber, auch sie wird geschnürt und gequetscht.

Wie schafft man nun aber die Lebertortur, so wie die Magen- und Milzquälerei ab, ohne sich vom Schnürleibchen und den Unterkleidern trennen zu müssen? Nichts leichter als das. Das Schnürleibchen braucht nur an einer kleinen Stelle, und zwar dicht über den Hüften, aber blos bis zu den letzten Rippen hinauf, etwas fester zusammengeschnürt, übrigens aber locker zusammengebunden zu werden. Dadurch läßt sich eine gute Taille herstellen, die um so mehr in die Augen fällt, als Brust und Hüfte weniger zusammengepreßt sind. Von den Unterkleidern müssen aber die Bänder entfernt und dafür breite Bunde angesetzt werden, welche durch Heftel an das Schnürleibchen zu befestigen sind. Bei solcher Bekleidung, welche der Lunge ordentlich zu athmen, dem Magen gehörig zu essen, zu trinken und zu verdauen, dem Blute richtig zu fließen und sich zu reinigen erlaubt, wird nicht nur die Schönheit des Frauenkörpers wesentlich gehoben, sondern auch dem Körper gesund und dem Gemüthe heiter zu sein gestattet. Mit verkrüppelter Leber können aber unmöglich

Die Frauen flechten und weben,
Himmlische Rosen in’s irdische Leben.

(B.)     



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Der Aufsatz ist in Heft Nr. 22, hier fälschlich mit Nr. 21 angegeben.