Textdaten
Autor: Christian Hauser
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Titel: Die Windsbraut
Untertitel: Eine Montavoner Hexensage
aus: Alemannia, Band XVII, S. 168–170
Herausgeber: Anton Birlinger
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Peter Hanstein
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Erscheinungsort: Bonn
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[168]
DIE WINDSBRAUT
EINE MONTAVONER HEXENSAGE

Das an Naturschönheiten so reiche und für den Städter zu kurzem Sommeraufenthalte recht idyllisch gelegene Tal Montavon, dessen ursprünglich romanische, beziehungsweise rätoromanische Bevölkerung sich seit ungefär zwei Jarhunderten so vollständig alamannisierte, daß gegenwärtig dem Volke selbst die Erinnerung an disen Entwelschungsproceß geschwunden ist, birgt bei seiner früheren Abgeschloßenheit noch einen großen, ungemein kostbaren Schaz von Volkssagen. Recht anmutig und mit feßelndem Interesse lesen sich die Sagen von ehemaligen Büzen und Geistern, Fenken und Hexen in Vonbuns treflichem und mit allgemeinem Beifalle aufgenommenem Werke, „die Märchen und Sagen aus Voralberg“ (Innsbruck, 1858). Dises interessante und überaus wertvolle Buch gewinnt durch die nächstens zu gewärtigende, von HSander besorgte und auf den reichen schriftlichen Nachlaße des leider für die Menschheit wie für die Wißenschaft nur allzu früh verblichenen edlen Doctors und Gelerten gestüzte Ausgabe, auf deren baldiges Erscheinen man mit gröster Spannung wartet, bedeutend an Umfang und Güte. Einen beträchtlichen Teil diser Volkssagen, namentlich der Fenken- und Hexensagen, beansprucht das von der Verkersstraße ziemlich abseitsligende Tal Montavon als sein Eigentum. Schreiber diser Zeilen teilt hier dißmal bloß eine Hexensage aus Montavon mit, „Die Windsbraut“, aus dem Grunde, weil dise Volkssage weder in der Ausgabe noch in den hinterlaßenen Papieren Vonbuns – wenigstens in diser Form – sich vorfindet. Sie wird in St. Gallenkirch also erzält:

Ein Montavoner heuete eines Tages unweit der Alpen Zamang, auf welcher sich ein im ganzen Tale berüchtigter Hexenplaz befindet. Derselbe ist rund und mit schwarzem Mose bedeckt, und daselbst haben oftmals Hexen ire Zusammenkünfte gehalten und ire nächtlichen Tänze aufgefürt. Als nun der Montavoner eben nahe diser Stelle einen Teil seines Heues zusammengerecht und sich daraus ein „Bündel“ geschnürt hatte, schwang er dasselbe auf den Kopf und wollte es in seinen in der Nähe befindlichen Stadel tragen. Da erhob sich plözlich ein Wirbelwind, drehte den Träger mit seinem Bündel im Kreise herum und drohte im dasselbe zu entreißen; doch der gute Mann werte sich so gut er konnte, und stemmte sich gewaltig gegen den wirbelnden Wind. Aber alles half nichts. Die Windsbraut hob den Mann bald etwas vom Boden auf und allmählich höher in die Lüfte, so daß er sich schließlich gezwungen sah, die Heubürde faren zu laßen, um noch mit knapper Not wider den Erdboden zu erreichen; [169] was im auch gelang. Voller Erbitterung über diß Begegnis mit dem Wirbelwinde warf er nun unter Fluchen und Schelten sofort sein schön geformtes Meßer – villeicht war es ein Pinzgermeßer – in die Höhe nach dem Bündel. Da fiel das Seil, in welches das Heu gebunden war, aus der Höhe auf den Boden zurück, wärend das Bündel mit dem Meßer den Augen des erbosten Zuschauers entschwand und verloren war. Alsbald hatte sich die Windsbraut gelegt, und der Heuer konnte wider ungehindert weiter arbeiten.

Im nächsten Herbste gieng der Montavoner, wie so vile andere fleißige und strebsame Männer dises gut veranlagten und unternemungslustigen Volkes, auf den Krautschnit ins „Niderland“ (Alem. 16, 261 ff.). Daselbst lenkte er, müde und erschepft von der Wanderung, seine Schritte in ein an der Straße gelegenes Wirtshaus, um hier etwas auszuruhen und eine kleine Erfrischung zu nemen. Es stand dises Einkerhaus in der Nähe des Dorfes, welches er bereits früher als Zil seiner Reise bestimmt hatte. Er trat in die Gaststube und gewarte daselbst unwillkürlich an dem Balken, der die Decke trug, dem sogenannten „Durchzuge“, einen „Schnizer“ stecken. Weil im diser sogleich in die Augen fiel – es war sonst niemand im Gastzimmer – so besah er sich denselben etwas näher. Sofort bemerkte er zu seinem grösten Erstaunen, daß dises jener Schnizer sei, welchen er im vorigen Sommer der im Wirbelwinde fortfliegenden Heubürde entgegenwarf. Da schrit der Wirt bei der Türe herein, und auf sein Anfragen, ob er etwa dises Meßer kenne, da er es so eifrig betrachte, erwiderte der Montavoner ganz gelaßen: „Nein, ich schaue nur deshalb mir dises Meßer etwas genauer an, weil ich meinen Gefallen daran finde und ich zeit meines Lebens noch nie ein so geformtes, schönes Stilet gesehen habe“. Darauf bemerkte der Wirt, er möchte nur einmal jemanden finden, der dises Meßer kennte; mit dem wollte er schon abrechnen. Dasselbe sei im vergangenen Sommer seiner Frau, die zu der farenden Schule gehöre, im Tale Montavon ins Knie geworfen worden. Wie der Montavoner dises hörte gab er sich über dise Aufklärung bezüglich seines Schnizers satsam zufriden, trank schnellstens das im vorgestellte Glas Wein, beglich mit dem Wirte seine Zeche und suchte wider eilends mit heiler Haut dises im anrüchige Haus zu räumen, bevor etwa noch die Wirtsfrau selbst erschine. Auf dise Weise werde die Volkssage von der „Windsbraut in der Nähe der Alpe Zamang“ erzält, sagte mir ein Gutsbesizer aus St. Gallenkirch (in Montavon), der JAFriz sich nennt und während der günstigeren Jareszeit im benachbarten Prätigau und dem tirolischen südwestlich an Montavon grenzenden Tale Paznaun sich mit dem Fange der schädlichen Feldmäuse und mitunter auch der zalreich vertretenen Maulwürfe beschäftigt. [170] Villeicht dürfte auch dise Volkssage in der oben angezogenen von HSander besorgten neuen Vonbun-Ausgabe ein bescheidenes Pläzchen finden.

INNSBRUCK CHRISTIAN HAUSER