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Textdaten
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Autor: Gustav Klitscher
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Titel: Die Unfallstationen in Berlin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 684–685
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[684]
Die Unfallstationen in Berlin.
Von Dr. G. Klitscher. Mit Illustrationen von Fritz Gehrke.

Der erste Verband entscheidet das Schicksal der Wunde. Der leider allzu früh verstorbene Chirurg Vollmann hat aus dem reichen Schatz seiner Erfahrung heraus die Worte gesprochen. Die Erkenntnis von der Richtigkeit des Satzes hat sich allmählich auch in Laienkreisen Bahn gebrochen, und ihr verdankt die Reichshauptstadt die Gründung ihrer Unfallstationen, einer Anzahl von Anstalten, die den Zweck haben, bei Unglücksfällen oder plötzlich eintretenden Erkrankungen dem Betroffenen so schnell als irgend möglich ärztliche Hilfe und sachgemäße Behandlung zu teil werden zu lassen. Vor wenigen Jahren noch war es damit in Berlin übel bestellt. Wenn jemand verunglückt war, mußte man den Arzt in seiner Privatwohnung aufsuchen; war derselbe erschienen, so hatte er nicht immer alle zu einem operativen Eingriff oder zu einem komplizierten Verband nötigen Instrumente sofort zur Hand; um einen Krankenwagen zu beschaffen, war man genötigt, sich an die Polizei oder eines der meist weit entfernten Krankenhäuser zu wenden. Bei dieser mangelhaften ersten Hilfe in Unglücksfällen nahm manche Verletzung einen schlimmen Verlauf, der durch ein rechtzeitiges ärztliches Eingreifen hätte verhütet werden können.

Schon seit einer Reihe von Jahren war man bestrebt, diese Uebelstände durch Gründung von Samaritervereinen und Samariterwachen zu bekämpfen. In jüngster Zeit haben diese menschenfreundlichen Bestrebungen von seiten der Berufsgenossenschaften eine wesentliche Förderung erfahren. Denselben liegt bekanntlich nach den Rückversicherungsgesetzen die Pflicht ob, diejenigen zu entschädigen, welche länger als 13 Wochen unter den Nachwirkungen eines Unfalls leiden. Die Berufsgenossenschaften haben darum ein besonderes Interesse daran, daß den Verunglückten möglichst rasch eine sachverständige Hilfe zu teil wird.

Diese Erwägungen führten zur Gründung der Unfallstationen in Berlin. Im Jahre 1894 bildete sich dank der Bemühungen der Direktoren V. Knoblauch und M. Schlesinger, von denen besonders der letztere seine ganze Kraft dem Unternehmen widmete, ein Kuratorium, das zunächst zehn Anstalten einrichtete. Diese haben sich für die Berufsgenossenschaften aufs glänzendste bewährt. Denn während in Berlin 1893 auf 10 000 Arbeiter 180,63 gemeldete Unfälle und 17,53 entschädigte Unfälle kamen, sind 1895 zwar 255,14 gemeldete aber nur 7,26 entschädigte Unfälle zu verzeichnen. Während also die Zahl der zur ärztlichen Behandlung gebrachten Verletzungen nicht unerheblich gestiegen ist, sank die Zahl der Entschädigten, d. h. der über 13 Wochen lang nutzlos behandelten oder arbeitsunfähig gebliebenen – ein erfreuliches Ergebnis, das dem Wirken der Unfallstationen wesentlich mit zu verdanken ist. Da die neue Einrichtung sich im engeren Kreise so segensreich bewährte, lag es nahe, sie auch der Allgemeinheit zu gute kommen zu lassen, und nicht nur bei Unfällen sondern auch bei plötzlichen Erkrankungen. Diesen Schritt hat das Kuratorium gethan und sich damit um die Volkswohlfahrt Berlins ein großes Verdienst erworben. Denn allein im August 1897 wurden die Anstalten von 2063 Patienten in Anspruch genommen.

Von den zehn Unfallstationen die zur Zeit über Berlin verteilt sind, stehen vier, die sogenannten Hauptstationen, in Verbindung mit kleinen Kliniken von 30 bis 40 Betten. Diese Kliniken sind jedoch den Patienten der Berufsgenossenschaften vorbehalten. Die Leitung jeder Station hat ein chirurgisch besonders vorgebildeter Arzt, ihm steht ein genügendes assistierendes Personal zur Verfügung. An Instrumenten und Apparaten ist alles nötige vorhanden. Die Stationen sind durch selbständige Telephonleitungen, unabhängig von dem Netz der Reichspostverwaltung, miteinander verbunden so daß im Falle eines Massenunglücks nicht nur die Hilfe einer, sondern mehrerer, beziehungsweise sämtlicher Stationen in kürzester Zeit in Anspruch genommen werden kann. Außerdem ist jede Station mit der Polizeiwache ihres Reviers direkt telephonisch verbunden. Die Stationen I und IV besitzen eigene Stallungen und Remisen mit Krankenwagen und Gespannen. Bei den übrigen

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Uebungen der Berliner Unfallstationen: Transport der Verwundeten.

[685] Stationen sind diese so nahe wie möglich untergebracht. Das Anschirren der Pferde geschieht in gleicher Weise wie bei der Berliner Feuerwehr, die ersten Geschirre wurden sogar von dieser geliefert. Unmittelbar nach

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Uebungen der Berliner Unfallstationen: Verbinden der Verwundeten.

der Meldung eines Unfalls kann der Krankenwagen, der mit Verbandzeug, den notwendigen Instrumenten und Erfrischungsmitteln ausgerüstet ist, sich nach der Unfallstelle begeben.

Ein Teil dieser Wagen, welche sich äußerlich von eleganten Equipagen kaum unterscheiden, wurde nach einem neuen System des Direktors Merke vom Moabiter Krankenhause in Berlin durch die Fabrik Kühlstein in Charlottenburg gebaut und ist derartig konstruiert, daß der Transport des Patienten auch auf schlechtem Straßenpflaster in ruhiger, geräuschloser und deshalb für den Kranken möglichst schonender Weise ausgeführt werden kann. Die kleineren Wagen werden einspännig, die größeren zweispännig gefahren. In den kleineren Wagen ist Raum für eine liegende und eine sitzende Person, in den größeren haben neben dem gebetteten Kranken noch zwei Wärter Platz.

Um die Unfallstationen so leistungsfähig wie möglich auszurüsten, hat das Kuratorium sich mit der Friedensabteilung der Vereine vom Roten Kreuz sowie mit dem Vaterländischen Frauenverein in Verbindung gesetzt. Die aufopferungsfreudigen Mitglieder dieser segensreichen Institute widmen ihre Kräfte in gemeinsamer Arbeit mit den Beamten der Unfallstationen den Verunglückten.

Unsere Illustrationen veranschaulichen eine Uebung dieser modernen Samariter und Samariterinnen. Die Unfallstationen wurden alarmiert unter der Annahme, daß eine Kesselexplosion in einem Fabrikgebäude stattgefunden habe. In kürzester Frist erschienen die Retter aus der Unglücksstätte und entfalteten hier die regste Thätigkeit.

In allen Schichten der Berliner Bevölkerung bringt man dieser neuen Blüte des Rettungswesens das allgemeinste Interesse entgegen, eine große Anzahl von Frauen hat in den Unfallstationen bereits Unterweisung in der richtigen Behandlung Verunglückter erhalten. Polizei und Stadtverwaltung stehen dem Unternehmen mit dem größten Wohlwollen gegenüber. Der Polizeipräsident hat die Mannschaften der polizeilichen Exekutive und der Feuerwehr angewiesen, bei vorkommenden Fällen die Hilfe der Unfallstationen für Verletzte und plötzlich Erkrankte nachzusuchen an denjenigen Stellen der öffentlichen Anschlagsäulen, wo sich die Nachweise amtlicher Institute befinden, sind jetzt auch die Adressen der Stationen vermerkt. Die Stadt Berlin zeigt ihr Interesse an der Sache dadurch, daß sie einen jährlichen Zuschuß zu den Kosten bewilligt hat. Auch andere Gönner sind mit namhaften Zuwendungen nicht zurückgeblieben.

Im allgemeinen aber sind die Stationen für ihre materiellen Bedürfnisse auf die Berufsgenossenschaften angewiesen. Denn da von keinem, der Berufsgenossenschaft nicht angehörigen Patienten, welcher angiebt, unbemittelt zu sein, irgend welches Honorar gefordert wird, so sind die baren Einnahmen natürlich nur gering. Durch diese freie Behandlung aber wird die Einrichtung besonders dem unbemittelten Teile der Bevölkerung nur noch schätzbarer. Jetzt findet in Berlin jedermann bei Tag und Nacht Aerzte, Hilfspersonal, moderne Verbandsmittel und einen sauberen Verbandsraum zu seiner Verfügung, ohne zu einer Gegenleistung irgendwie verpflichtet zu sein.