Die Schlangenkrone

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Die Schlangenkrone
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 66–71
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
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[66]
12.
Die Schlangenkrone.

An dem Ufer eines klaren Bächleins ritt einmal ein Königssohn, und sah, wie die kleinen Fischchen lustig im Wasser herumschwammen, und wie die Sonnenstrahlen in den kleinen Wellen sich mannichfaltig brachen, und die Farben des Regenbogens in schönem Glanze ihm entgegenwarfen, denn es war an einem warmen Sommertage.

Da sah er auf einmal, wie eine Schlange aus einem Felsen hervorkam, und sich dem Bächlein näherte: er hielt darum sein Pferd an, und betrachtete die Schlange. Sie war von wunderschöner Farbe. Goldene und silberne Schuppen wechselten auf ihrem Rücken und leuchteten weithin, wenn die Sonnenstrahlen darauf fielen. Auf ihrem Kopfe trug sie eine Krone, die übertraf an Pracht alle Schätze der Welt. Sie schien aus einem einzigen Diamanten gemacht, und glänzte so stark, daß er sich fast die Augen zuhalten mußte. Die Schlange aber legte die Krone auf einen großen Stein, der am Wege lag, und ging dann in das kühle Wasser, um sich darin zu baden.

Als dies der Königssohn bemerkte, ritt er schnell an die Stelle hin, stieg vom Pferde ab, nahm eiligst die Krone, schwang sich dann wieder auf sein Pferd, und galoppirte davon. „Das ist eine Kostbarkeit,“ sagte er, „wie mein Vater keine in seiner Schatzkammer hat. Aber was für ein dummes Thier ist doch die Schlange! Ich habe immer von der Klugheit der Schlangen sprechen hören, und doch legt die Schlangenköniginn, – denn das muß sie wohl seyn, – ihre Krone an den Weg, wo sie jeder nehmen kann, wer Lust dazu hat.“

So sprach er für sich, und betrachtete bald das köstliche Kleinod, bald machte er sich über die Schlange lustig, und [67] bald dachte er an die große Belohnung, die ihm der König, sein Vater, ertheilen werde.

Auf einmal aber hörte er hinter sich ein sonderbares Pfeifen und Zischen. Es wird der Wind seyn, dachte er, der durch die Zweige der Bäume streicht. Aber das Pfeifen und Zischen kam immer näher, und es rauschte schon dicht hinter ihm. Da sah er sich um, und gewahrte hinter sich viele tausend Schlangen, die hatten ihre Königinn an ihrer Spitze, und verfolgten ihn. Es war vergeblich, daß er sein Pferd zum stärkeren Springen antrieb, die Schlangen übertrafen es an Schnelligkeit. Schon wollten sich einige um die Füße des Pferdes winden, und es niederstürzen; da ward ihm um sein Leben bange, und er warf die Krone ihnen zu, in der Hoffnung, daß sie ihn dann nicht weiter verfolgen würden. Die Schlangen ließen auch wirklich von ihm ab; als aber die Königinn ihre Krone aufgesetzt hatte, verdoppelten sie ihre Schnelligkeit, und waren schon wieder nahe hinter ihm. Er warf ihnen seinen Hut herab, aber obgleich ein Theil der Schlangen zurückblieb, und ihn ganz durchlöcherte, so verfolgte ihn doch der größte Theil derselben, hing sich an das Pferd, und wickelte sich um seine Beine, bis es niederfiel. Da ließ der Königssohn sein Pferd, und floh zu Fuß in die Stadt.

Sein Vater aber, der König, stand oben an einem Fenster, und sah, wie sein Sohn voll Schrecken in den Palast hereintrat.

„Was ist dir widerfahren?“ fragte er ihn eilig. Und der Königssohn erzählte, was ihm begegnet sey. Der alte König aber hörte ihm aufmerksam zu, dann sprach er: „So weiß ich denn endlich, wo der Schatz zu finden ist! Schon seit zehen Jahren schicke ich im Geheim Boten durch alle Länder, um eine Schlangenkrone zu suchen; aber nie konnte ich dazu kommen, und doch hat mir ein weiser Mann versichert, [68] daß eine Schlangenkrone mir ein großes Glück verschaffen würde. Geschwind, mein Sohn, zeige mir den Platz, wo du sie gesehen hast, ich will, ich muß diese Krone besitzen.“

Der Königssohn aber rieth seinem Vater, von einem so gefährlichen Unternehmen abzulassen. „Seht,“ sprach er, „nur mit der größten Mühe bin ich selbst der Todesgefahr entronnen, darum begebt Euch nicht in gleiche Gefahr.“ Aber der König ließ sich nicht abhalten. „Wenn Du nicht mitgehen willst,“ sagte er, „so will ich es allein versuchen.“ Da ließ er sich sein schnellstes Pferd satteln, und ritt hinaus an den Ort, den ihm sein Sohn bezeichnet hatte. Er war aber kaum an den Bach gekommen, als eine ungeheure Menge von Schlangen sich ihm entgegen stellte, und ihm eine solche Furcht einjagte, daß er augenblicklich wieder umkehrte.

Der König gab aber deswegen die Hoffnung noch nicht auf, zum Besitze der Schlangenkrone zu gelangen. Er schickte viele seiner besten Reiter und Soldaten an den Platz; aber Alle erschraken vor der Menge und dem Zorne der Schlangen, so daß sich keiner getraute, unter sie hin zu reiten, und also unverrichteter Sache wieder zurückkehrten. Da versprach der König dem, der ihm eine Schlangenkrone bringen würde, einen Theil seines Landes, und ließ dies in seinem ganzen Reiche bekannt machen.

Zu dieser Zeit aber lebte in einem Thale ein Mann und eine Frau, die hatten keine Kinder gehabt. Der Mann war einst in den Wald gegangen, und hatte da ein kleines Kind gefunden, das hatte er zu sich genommen, und es auferzogen; er und seine Frau aber hielten es, wie ihr eigenes Kind, und liebten es als ihre Tochter. Das Mädchen aber wuchs heran, und ward schön und fromm, und hütete die paar Ziegen und Schaafe, die den Reichthum ihrer Aeltern [69] ausmachten: denn für das hielt sie die Leute, in deren Hause sie lebte, und nannte sie Vater und Mutter.

Eines Tages aber, als das Mädchen auf einem Berge ihre Ziegen und Schaafe weidete, verlief sich ein Schaaf in das Gebüsch. Das Mädchen lief ihm nach, aber das Schaaf ging immer weiter und weiter, bis es ihr endlich ganz aus den Augen war. Da kam das Mädchen an den Eingang einer Höhle, und glaubte, das Lamm möchte sich wohl darein verlaufen haben, und trat hinein. Doch sie fand es nicht. Da ihr aber am Ende der Höhle ein sonderbares Licht entgegenstrahlte, ging sie weiter und weiter; doch der Glanz zog sich immer vor ihr zurück. Aus Furcht, sie möchte den Rückweg nicht mehr finden, wandte sie sich um; sobald sie aber den ersten Schritt gethan hatte, wich der Boden unter ihren Füßen, und sie sank in eine tiefe, tiefe Höhle hinab. Sie war aber nicht gefallen, sondern nur ganz sanft hinabgeglitten.

Als sie sich umsah, befand sie sich in einem großen, unterirdischen Gemache, das von glänzenden Säulen getragen ward; die Wände aber glänzten von Edelsteinen, und erleuchteten es, wie Tageslicht; die rundgewölbte Decke war von einem himmelblauen, glänzenden Marmorstücke, und goldene Sterne bewegten sich daran, wie am Himmel. An dem einen Ende des Gemaches stand auf einem weißen Gestelle eine grüne Urne, die war aus einem Steine wie ein Blatt gearbeitet, und darauf lag die Schlangenköniginn mit ihrer Krone auf dem Haupte.

Das Mädchen war von Staunen und Schrecken ergriffen, als sie die große Schlange sah; die Königinn aber betrachtete sie eine Zeitlang mit unverwandtem Blicke, dann pfiff sie, und durch eine Oeffnung in der Wand kamen zwei andere Schlangen; die eine trug in ihrem Maule ein Halsband mit Edelsteinen, und die andere ein verschlossenes Kästchen [70] in einem mit Diamanten besetzten Ringe; sie näherten sich dem Mädchen, und richteten sich empor, gleichsam als ob sie es ihr geben wollten. Das Mädchen zögerte anfangs, es zu nehmen; als ihr aber die Schlangen mit dem Kopfe zunickten, nahm sie es ihnen ab. In demselben Augenblicke aber ward sie in die Höhe gehoben, und stand in der Höhle, in die sie hereingetreten war. Sie ging hinaus, und kam auf dem Berg bald wieder zu ihrer kleinen Heerde, die trieb sie eilig nach Hause, und erzählte ihren Aeltern, was ihr begegnet war. Da öffnete sie das Kästchen, und fand darin eine prächtige Krone, die glänzte wie die Sonne am Mittag, denn sie war aus einem Diamanten gemacht. „Das ist eine Schlangenkrone,“ sagte ihr Vater, „komm, laß uns zum König gehen, und ihm die Krone bringen.“

Da zog das Mädchen ihre Sonntagskleider an, und wollte das Halsband um ihren Hals legen, aber es war viel zu klein; da knüpfte sie noch ein rothes Band daran, und legte es so um ihren Hals, und ging mit ihrem Vater zum König.

Als sie vor den König kam, sprach der Mann: „Wir bringen Euch die Schlangenkrone, nach der Ihr so lange gesucht habt.“ Dabei öffnete er das Kästchen, und zeigte ihm die diamantene Krone, die wie die Sonne glänzte.

Der König war hocherfreut, und ließ sich ausführlich erzählen, wie sie zu der Krone gekommen seyen.

Als sie mit der Erzählung fertig waren, da ward der König sehr nachdenklich; er sah das Mädchen an, und blickte dann wieder nach einem Bilde, worauf seine verstorbene Gemahlinn abgemalt war. Dann ließ er eine Dienerinn rufen, und sprach zu ihr: „Kennst du dies Mädchen?“ Die Dienerinn aber hatte sie kaum angesehen, da rief sie laut: „Herr König, das ist Eure Tochter, die Euch als Kind geraubt worden ist; seht hier das Halsband, welches [71] sie damals umgehabt hat, seht, wie ähnlich sie Eurer Gemahlinn sieht!“

Da erzählte auch des Mädchens Vater, als es der König begehrte, wie er das Kind gefunden, es zu sich genommen und erzogen habe. Der König erkannte nun, daß es seine Tochter sey, die als ein kleines Kind ihm geraubt worden war. „So ist denn die Vorhersagung erfüllt!“ rief er aus; „ich habe mit der Schlangenkrone ein großes Glück erhalten; ich habe mein lange verlorenes Kind wieder gefunden.“

Hierauf ließ er dem Mädchen köstliche Kleider anziehen, und setzte ihr die kostbare Krone aufs Haupt; dem Manne aber, der sie erzogen hatte, schenkte er ein großes Land, und ließ im ganzen Reiche bekannt machen, wie er seine längst verloren geglaubte Tochter wieder gefunden habe. Darauf lebte er noch lange, freuete sich des Besitzes einer so vortrefflichen guten Tochter, und erreichte ein hohes, glückliches Alter.