Die Sage von der Haslachburg und dem Glockenguß zu Weingarten

Textdaten
Autor: Michael Grimm
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Titel: Die Sage von der Haslachburg und dem Glockenguß zu Weingarten
Untertitel:
aus: Versuch einer Geschichte des ehemaligen Reichsfleckens und des jetzt noch so berühmten Wallfahrtsortes Altdorf, gen. Weingarten, nebst seiner Umgebung; S. 21–23
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Selbstverlag, in Commission der Dorn’schen Buchhandlung
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Erscheinungsort: Ravensburg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Faksimile, Genth Verlag, Oggelshausen 1988, ISBN 3-927160-02-4; Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Sage aus Weingarten (Württemberg)
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Die Sage von der Haslachburg
und dem Glockenguß zu Weingarten.

Vor Zeiten stund im Haslachwalde ein Schloß, das hieß Haslachburg[1]. Darauf ist geboren Karl der Große; darum hielt er am liebsten dort Haus und Hof. (Die Sage verwechselt hier Karl den Großen mit Friedrich Barbarossa.) Bei ihm waren dann Fürsten und Grafen, Herren und Ritter ohne Zahl. Da war nun große Herrlichkeit auf der Haslachburg. Es geschah aber, warum weiß niemand, daß die Burg in die Tiefe des Berges mit all’ ihrem Gold und ihren Kostbarkeiten versank, dazu mit vielen Grafen, Rittern und Herren. Dort stund das Schloß, wo jetzt noch dessen Ueberreste zu sehen sind. An einem Charfreitag wars, als ein Mönch des Klosters Weingarten durch den Haslachwald heimwärts schritt. Auf einmal erblickte dieser auf einem Hügel ein stattliches Schloß, aus dem fröhliches Gelärm hernieder schallte. Darob wunderte sich der Mönch, der bis jetzt von einem Schlosse in Haslach nie was gesehen. Er stieg den Berg hinauf und trat in den blumenreichen Schloßgarten. Hier sah er Ritter und Herren, die unterhielten sich mit Spiel. Von Gold waren die Kugeln, von eitelm Golde auch Riß und Kegel. Die Spieler winkten dem Mönch herbei, theilzunehmen am Spiel. Der schob mit ihnen in’s goldene Riß mit goldener Kugel. So gieng das Spiel unter heiterem Lärme fort, bis vom nahen Klosterthurme der Stundenschlag ein Uhr herübertönte. Da verschwand plötzlich vor den Augen des erschrockenen Mönches Schloß und Garten, Herren und Ritter, Kugel und Kegel in die Tiefe des Berges hinein versinkend. Der Mönch aber stund im Gestrüpp, das die Ruine der Burg Haslach überwuchs. Tief erschüttert betrat derselbe seine Zelle. Damals ging der Abt mit dem Gedanken um, eine größere Glocke gießen zu lassen. Jeder Mönch versprach, in den Guß Gold oder Silber zu opfern, damit [22] der Klang der Glocke mit reinem Schalle alle Glocken weitumher übertöne. Nun gedachte der Mönch, eine goldene Kugel oder ein goldener Kegel von dem Geisterspiele auf der Burg Haslach wäre ganz recht zur Glockenspeise. Nebenbei schien es ihm Ehre zu bringen, vor Abt und Konvent den größten Schatz in den Guß geopfert zu haben. Wie aber die goldene Kugel, den goldenen Kegel bekommen? In der einsamen Klosterzelle formte das Mönchlein einen metallenen Kegel, ähnlich den auf Haslach gesehenen; diesen übergoldete er künstlich. Am kommenden Charfreitag schritt der Mönch, den vergoldeten Kegel in der Kutte, den Berg hinan, auf dem er vorigen Jahres das Schloß und seine Wunder gesehen. Richtig! Schloß und Garten, Kugel und Kegel sind wieder da. Auch erkennen die Spieler den Kameraden, und winken freundlich dem Mönch, mitzuspielen. Wer war fröhlicher, als das Mönchlein. Verständig brachte er es dahin, daß ihn eben vor dem verhängnißvollen Stundenschlag das Aussetzen traf. Unbemerkt von den Geisterspielern zog der Mönch seinen Kegel hervor, stellte ihn auf’s Riß, wovon er einen goldenen Kegel in der Kutte verbarg. Kaum geschehen, schlug die Glocke ein Uhr. Wie voriges Jahr entschwand wieder die ganze Erscheinung. Unverweilt trieb es den Mönch in seine Zelle. Hier verbarg er den goldenen Kegel, dessen heller Schein gar sehr sein Auge erfreute. Wieder und wieder drang der Mönch in den Abt, den Guß der Glocke zu bestellen. Wie verwunderten sich Abt und Konvent, als der Mönch aus der Kutte hervorzog den goldenen Kegel, ihn hineinwarf in den sprudelnden Fluß des Erzes! Großes Lob und große Ehre gab Abt und Konvent dem Mitbruder, dessen Herz sich darob baß erfreute. Gelungen war der Guß, aller Glocken Schall übertraf die Glocke mit dem goldenen Kegel im Leib. Fort und fort war darüber dem klugen Mönche Ehre, Herzensfreude und stiller Stolz.

Am Charfreitag darauf schwiegen alle Glocken, ausruhend in der hohen luftigen Wohnung, auch die Glocke [23] mit dem goldenen Kegel rührte sich nicht, bis eine ihrer Schwestern eilf Uhr ertönen ließ. Da war kein Ruhen und Halten mehr, los machte sich die Wunderglocke von eisernem Bande und eichenem Stand, polternd wackelte sie hinab die Treppe des Thurmes, hinaus in den Vorhof der Kirche, hinab die Stiege in den Flecken Altdorf. Schon auf derselben wollte der Abt mit den Mönchen durch Spruch und Segen den Weg ihr sperren. Voll Schrecken erkannte der Mönch die rechte Ursache; ihm war klar, der goldene Kegel zog sie fort hinaus auf die Haslachburg zu den acht andern Kegeln. Eilends lief der Mönch auf die Haslachburg; hier traf er das goldene Riß und Spiel wie ehedem; die Spieler empfingen ihn drohend, den 9. Kegel fordernd. Das Mönchlein versprach demüthig, übers Jahr den Kegel beizuschaffen. Jetzt blieb die Glocke stehen und war nicht mehr vom Platze zu bringen. Da zerschlug man sie in Stücke, einmal um sie vom Platze zu bringen, dann um sie umzugießen, damit ausgeschieden werde der unruhige Geisterkegel. Beim Flusse des Metalls sprang der goldene Kegel aus der Masse des Erzes heraus. Ihn nahm der Mönch und brachte ihn am Charfreitag folgenden Jahrs auf die Haslachburg. Dort empfingen ihn freudig die Geisterspieler. Sie erzählten ihm, daß sie seien von des großen Karolus Hof, daß sie in die Haslachburg verwunschen seien; jährlich einige Stunden am Charfreitag dürfen sie aus dem Berg herfür, sich mit Kegelspiel zu erfreuen am Lichte der Sonne. Wer sie einst erlöse vom Banne, dem sei das ganze goldene Spiel bestimmt.

Anmerkungen (Wikisource)