Die Sage von den Ahornhäusern

Textdaten
Autor: Fridrich Pfaff
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Titel: Die Sage von den Ahornhäusern
Untertitel:
aus: Alemannia, Band XXII, S. 65–74
Herausgeber: Fridrich Pfaff
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: P. Hanstein
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Erscheinungsort: Bonn
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Kurzbeschreibung:
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[65]
DIE SAGE VON DEN AHORNHÄUSERN.
VON
FRIDRICH PFAFF,
FREIBURG I. B.

Einsam zwischen dunklen Wäldern und rauhen Bergen des Schwarzwalds versteckt liegen einige Bauernhöfe. Dort wohnte einst der Kreuzbauer. Von diesem wird erzählt: er ging einmal in ein benachbartes Dorf um Geschäfte und Einkäufe zu besorgen. Wie es nun manchmal geht, so auch hier: der Kreuzbauer traf Bekannte, als er in einem Wirtshause wieder hungrig und durstig einkehrte, und ward eingeladen, mit ihnen ein Risschen zu spielen. Da noch Zeit genug war, um bei Tag nach Hause zu kommen und die Gelegenheit zu einem Spiel sich selten bot, so fing der Kreuzbauer zu spielen an. Als leidenschaftlicher Spieler merkte er nicht, dass es immer später und später wurde und schließlich die Nacht hereinbrach. Wie er endlich einmal auf die große schwarzwälder Uhr schaute, die in der Wirtsstube hing, war die [66] Geisterstunde bereits herangerückt. Da endlich fiel es ihm ein nach Hause zu gehen, er bezahlte seine Zeche, sagte gute Nacht und trat seinen nicht gerade gemütlichen Heimweg an, denn er hatte etwas schwer geladen und der Himmel war stockfinster, voll dunkler Gewitterwolken, die jeden Augenblick ein furchtbares Wetter zu entladen drohten, und dazu ging der Weg durch finstere Waldungen. Als der Kreuzbauer so eine Strecke Wegs dahingeschwankt war, sah er plötzlich in der Ferne Licht schimmern und hörte Musik und Geschrei, wie wenn da eine Tanzbelustigung wäre. Er ging mutig drauf zu, denn ein alter Bauer vom echten Schrot fürchtet sich nicht so leicht. Wie er näher kam, sah er wirklich eine lustige Gesellschaft von vielen hübsch geputzten jungen Mädchen und Burschen, die tüchtig tanzten. Als nun der Kreuzbauer eine Zeit lang so dagestanden und zugeschaut hatte, trat plötzlich ein alter ganz ehrwürdig aussehender Mann aus dem Kreise der Tanzenden zu ihm und sprach ihn an: „Nun, wie gefällt es dir hier? Es ist doch gewiss lustig bei uns. Willst nicht tanzen oder gar unserm Verein beitreten? Es kostet ja nichts, im Gegenteil, du bekommst noch Geld dazu, brauchst dich nur hier in diesem Buch zu unterschreiben, so bist du aufgenommen. Kannst nachher die Namen lesen, die hier eingeschrieben sind. Das Buch ist bereits voll. Lauter bessere Leut. Unterschreib dich! Bereust es gewiss nicht.“ Nun, wer könnte einer solchen Einladung widerstehen? Unser Kreuzbauer setzt sich hin an den nächsten Tisch und nimmt das Buch hin um sich zu unterschreiben. Aber, o weh! der Kreuzbauer, und seinen Namen schreiben, wo er kaum den Federkiel halten konnte, das war unmöglich. Je schwieriger ihm das ankam, desto lieber wäre er beigetreten; aber ohne geschrieben geht es nicht. Er denkt hin, er denkt her; doch halt, jetzt fällt ihm etwas ein: er kann sich ja mit drei Kreuzen unterschreiben. Gedacht, getan; doch kaum hat er das erste Kreuz gemacht, so springt der Alte auf ihn zu und will ihm das Buch entreißen; aber zu spät! schon stehen die zwei anderen Kreuze schwarz auf weiß da. Da tuts einen furchtbaren Krach, finstere Nacht umgibt den Kreuzbauer, ein schreckliches Wetter bricht los. Vorbei ist der ganze Zauber und das Zucken des Blitzes zeigt dem betäubten Kreuzbauer den Kreuzweg, wo er sich befand und dem bösen Bunde verschreiben [67] wollte. Da fühlt er noch das Buch in der Hand, das ihm von dem alten Manne gereicht worden war, und da eilt er, so schnell ihn die Füße tragen, durch Dunkel und strömenden Regen seiner Heimat zu, die er schließlich halbtot erreichte.

Man sollte glauben, der Bauer sei nach solch einem schauerlichen Abenteuer mindestens an einem bösen Fieber erkrankt; aber ihm tat es nichts. Man konnte ihn am anderen Morgen früh wieder kreuzfidel und munter unter seiner Haustür stehen sehen, wie er seinen Nachbarn sein nächtliches Erlebnis erzählte. Von dem Buch aber sagte er nichts.

Von der Zeit an verstand der Kreuzbauer geheime Künste und Hexereien, denn das Buch, das ihm in der schaurigen Nacht geblieben, war ein Hexenbuch.

Einige Zeit nach dem Abenteuer beschenkte den Kreuzbauer seine Frau mit einem Kindchen. Wie es noch heute üblich ist, so waren auch damals zum Tauffeste alle Nachbarn und Bekannte eingeladen, und es ging sehr lustig zu, zumal der Kreuzbauer bei solchen Festlichkeiten kein sparsamer Hausvater war und auftragen ließ, was das Herz begehrte. Wie nun Alles gegessen und getrunken hatte und fröhlich beisammen sass, fragte der Kreuzbauer: „Wünscht sich noch Jemand etwas?“ Da antwortete ihm Einer: „Wenn wir schon wünschen, werden wirs doch nicht bekommen.“ Aber der Bauer sprach: „Alles, was ihr euch hier wünscht, sollt ihr haben.“ „Nun,“ rief lachend ein Bauerndirndel, das wahrscheinlich eine große Kirschenfreundin war, „so wünsche ich mir sofort frische Kirschen.“ Unter großem Gelächter wünschten alle Anwesenden dasselbe, denn es war Winter und nicht daran zu denken, frische Kirschen zu bekommen. Aber der Kreuzbauer war nicht verlegen. „Die Kirschen sollt ihr haben!“ sagte er, ging in seine Kammer, nahm das Hexenbuch und fing an zu lesen. Wie er nun las, kam ein Geist. Den fragte er: „Wie geschwind bist du?“ „Wie die Kugel aus dem Rohr“ erwiderte der Geist. „Dann kann ich dich nicht brauchen,“ sagte der Bauer. Der Geist verschwand und ein anderer kam. Wieder fragte der Bauer und der Geist antwortete: „Wie der Wind!“ „Verschwinde!“ rief der Bauer. Da kam der dritte Geist, der gab auf die gleiche Frage die Antwort: „So geschwind bin ich wie Menschengedanken.“ [68] Da sprach der Bauer: „Du bist der Rechte. Sofort hole frische Kirschen!“ Kaum war das Wort ausgesprochen, so war der Geist verschwunden und an seiner Stelle stand ein Korb mit frischen Kirschen, die der Bauer nun seinen erstaunten Gästen brachte. Verwundert sahen die einander an und konnten sich dies Wunder nicht erklären; doch assen sie die Wunderkirschen auf, sie schmeckten ausgezeichnet. Der Kreuzbauer galt aber von da als Hexenmeister, und das brachte ihm noch den Tod. Das ging nun so zu.

Eines Tags, es war während der Heuernte, fragte ihn einer seiner Knechte: „Bauer, ich habe eine Bitte, es ist heute Markt in Neustadt, darf ich da hin gehn? Ich sollte mir etwas kaufen.“ Der Bauer erwiderte: „Wenn die große Wiese abgemäht hast, kannst gehn, vorher nicht.“ Da sprach der Knecht murrend: „Dann komme ich ja nicht fort, das ist nicht möglich, dass ich die Wiese abmähe in einem halben Tag, wo doch sonst Vier zwei Tage daran zu tun haben.“ Damit wollte er wieder an die Arbeit gehen, aber der Bauer rief ihn zurück und sprach: „Fange nur an zu mähen, darfst aber nicht rückwärts schauen und nie deine Sense schärfen, bis du von oben nach unten gemäht hast. Dann sieh zu, was noch steht. Wenn du aber rückwärts schaust, dann bist verloren.“ Der Knecht ging hin und mähte wie der Bauer gesagt. Als er nun unten ankam und sich umschaute, war die ganze Wiese gemäht. Wie es zugegangen, wusste er nicht. Von diesem Wunder ward überall gesprochen, es kam auch zu Ohren der Obrigkeit. Da ward der Bauer als Hexenmeister angeklagt und musste verbrannt werden. Vor seinem Tode aber sprach er: „Zum Zeichen, dass ich unschuldig verbrannt worden bin, soll bei meinem Haus ein großer Ahornbaum wachsen.“ Und so geschah es. Es wuchs ein mächtiger Ahorn, und seit der Zeit heißen die Höfe, die jetzt zu Schwärzenbach bei Neustadt gehören, Ahornhäuser.

Diese von befreundeter Hand nach der Erzählung eines alten Schwarzwälders für mich aufgezeichnete Sage ist zuerst in der volkstümlichen Ueberlieferungen gewogenen Freiburger Zeitung vom 12. April 1893 abgedruckt worden. Sie ist in mancher Beziehung merkwürdig. Wenn ich hier auch nicht die Absicht habe, alle ihre einzelnen Züge zu verfolgen, so will ich doch zeigen, aus welchen Hauptbestandteilen sie zusammengesetzt [69] ist. Es lassen sieh hier drei Erzählungen von einander abgrenzen: das Abenteuer mit der Hexenversammlung und dem Zauberbuche, die drei schnellen Geister, die Bezeugung der Unschuld des Hingerichteten durch das Wachsen des Ahornbaums.

Das badische Oberland bietet zunächst zum ersten Teil einige Entsprechungen. Bernhard Baader[1] erzählt Folgendes:

Hexenversammlung verscheucht.

Ein Mann mit dem Vornamen Jakob, welcher nachts um halb zwölf unweit des Kirchenlochs bei Niederbühl[2] ging, sah dort eine helle Beleuchtung. Neugierig trat er hinzu und fand viel Leute an einer Tafel sitzen, auf der Speisen und Getränke in goldnen und silbernen Geschirren standen. Als die Versammlung ihn erblickte, rief sie, die Becher leerend, ihm zu: „Gesundheit, Jockele!“ „Gesegne es euch Gott!“ erwiderte er, und mit Gebraus zerstob die Sippschaft nach allen Winden. Statt der kostbaren Geschirre standen nun Kuhklauen und alte Schuhe auf der Tafel.

Wir haben also hier die gespenstische Versammlung, die vor dem Namen Gottes – dessen Stelle in der Sage von den Ahornhäusern die drei Kreuze vertreten – auseinanderstiebt. Noch näher aber stellt sich zu unserer Sage folgende ebenfalls von Baader mitgeteilte Erzählung.[3]

Hexenversammlung verjagt.

In der Grafschaft Hohengeroldseck[4] ward einmal nachts ein Bauer durch unsichtbare Macht im Walde irregeführt. Nachdem er lange umhergestreift, hörte er ein schönes Tonspiel, auf welches er zuging und dadurch an ein kleines Schloss kam, dessen Fenster hell erleuchtet waren. Vergnügt eilte er hinein und traf viele Männer und Frauen, welche zu dem Tonspiel tanzten und ihn freundlich aufnahmen. Nicht lange hatte er dem Tanze zugesehen, so wurde er von einem reichgekleideten Mann gefragt, wie es ihm hier gefalle. Auf die Antwort: recht gut, hielt ihm derselbe ein Buch und eine Feder hin und sagte: „Ihr könnt auch Mitglied dieser Gesellschaft werden, wenn ihr in das Buch mit eurem Blute euch [70] einschreibt.“ Da merkte der Bauer, mit wem er es zu tun habe, ritzte sich den Finger und schrieb mit dem daraus tropfenden Blute in das Buch die Namen: Jesus, Maria, Joseph. Kaum war er damit fertig, so verschwand das Schloss mit der ganzen Sippschaft, und er sass allein in einer wildverwachsenen Hecke, aus der er, bei der tiefen Dunkelheit, sich nicht winden konnte. Er wartete daher, bis es hell war, machte sich dann mit dem Buche, das bei ihm liegen geblieben, heraus, und fand in demselben die Namen einer Menge Leute mit Blut eingeschrieben.

Hier tritt also noch die Aufforderung, dem Bunde beizutreten, die Unterschrift in einem Buche und das Behalten des Buchs durch den Bauer hinzu. Der erste Bestandteil unserer Sage zeigt sich hier also schon völlig ausgebildet. Auch landschaftlich ist uns diese Fassung nähergerückt.

Der zweite Teil der Sage führt uns in den Kreis des Doktors Faust, des weitbeschreiten Zauberers. Die gleichlaufende Erzählung gehört zu den sogenannten Erfurter Geschichten, die als ein Zusatz von sechs Kapiteln sich zuerst in der Ausgabe des Volksbuchs vom Doktor Faust von 1589 finden und von da aus sich in spätere Drucke verbreitet haben.[5] W. Braune hat in seiner Ausgabe des Volksbuchs nach dem ersten Drucke von 1587[6] nach einem Drucke von 1590 als Anhang II die Erfurter Geschichten mitgeteilt. In Kapitel 56 wird da erzählt, dass Faust seinen Freunden in Erfurt eine Gasterei habe geben wollen. Als sie erscheinen, finden sie nichts zugerichtet. Faust klopft aber nur mit dem Messer auf den Tisch, so erscheint ein Diener, an den er die Frage richtet: „Wie schnell bist du?“ Auf die Antwort: „Wie ein Pfeil“ wird er fortgeschickt, ebenso ein zweiter Diener, der eine Geschwindigkeit wie der Wind verspricht; der dritte endlich, der so schnell ist wie die Gedanken der Menschen, ist der Rechte und hat nun Speise und Trank nach Wunsch herbeizuschaffen.

Am nächsten stellt sich in einem Punkte zu unserer Fassung das Geißelbrechtische Puppenspiel vom Doktor Faust.[7] Hier [71] erklärt der zweite der herbeigerufenen Geister auch so schnell zu sein wie die Kugel aus dem Rohr, gerade wie in der Sage von den Ahornhäusern. Auch in dem von K. Simrock herausgegebenen Puppenspiel sagt der 5. Geist dasselbe.[8] Allerdings treten hier nicht weniger als acht verschiedene Geister auf. Sie sind so schnell: 1. wie die Schuccke im Sande, 2. wie das Laub von den Bäumen fällt, 3. wie der Bach vom Felsen stürzt, 4. wie der Vogel, 5. wie die Kugel aus dem Rohr, 6. wie der Wind, 7. wie die Pest, 8. wie die Gedanken des Menschen. Andre Fassungen des Puppenspiels zeigen andre Wendungen; doch bleiben die gewöhnlichsten: Pfeil oder Büchsenkugel, Wind, Menschengedanken. Der letzte Zug ist durchgehend als höchste Steigerung.[9] Und das war gut und richtig gedacht. Gänzlich verfehlt ist die unerträglich spitzfindige Ausführung der Szene in Lessings Faustbruchstück,[10] wo als allerhöchste Geschwindigkeit der Uebergang vom Guten zum Bösen erscheint. Der echte Lessing: epigrammatisch scharf, aber durchaus undramatisch und innerlich unwahr.[11]

Auch zum dritten Teile der Sage finden wir, sogar landschaftlich noch näher, eine vorzügliche Entsprechung in Baaders Sagensammlungen.[12]

Der Ahornbauer.

Als ein Mann von Simonswald[13] wegen Zauberei verbrannt werden sollte, sprach er: „So gewiss bin ich unschuldig, als bei meinem Haus ein Ahornbaum wachsen wird.“ Gleich nach der Hinrichtung kam auch bei dem Haus ein Ahorn hervor; und seit dem ist dort immer ein solcher Baum; denn wenn man den einen umhaut, wächst unverzüglich ein anderer nach. Von dem Baum hat der Hofbesitzer den Namen Ahornbauer erhalten.

[72] Der unmittelbare Zusammenhang dieser Sage mit der unsern ist klar. Aber ich muss hier weitergehn. Dass gerade das Wachsen eines Baums als Zeichen der Unschuld des Hingerichteten dient, ist doch auffällig. Man könnte nun meinen: die Sage hatte sich einmal an jene Ahornhäuser bei Neustadt geknüpft, warum, das wissen wir nicht; und doch war die größte Merkwürdigkeit jener mächtige Ahorn, der als ein Merkzeichen der Gegend galt, und zudem sind Ahornbäume dort so häufig nicht: so lag es wol nahe, gerade auf diesen Baum zu verfallen. Doch diese Begründung wäre falsch, denn gerade dieser Zug ist diesem Teil der Sage eigentümlich und gerade er war Ursache zur Verknüpfung der Sage mit den Ahornhäusern. Dass der Zug echt und alt ist und nicht etwa zum Zweck unserer Sage erfunden, zeigen gleichlaufende Erzählungen in Menge. Wollte ich hier Beweise führen, so müsste ich weit ausholen; doch das soll bei anderer Gelegenheit geschehn: bei einer im Entwurf seit Jahren fertigen Beleuchtung und Zergliederung der Tannhäusersage. Mit dieser Andeutung ist eigentlich Alles gesagt; ich rechne nämlich das wunderbare Aufwachsen des Ahornbaums unter eine Sagenerscheinung, die ich nach ihrer kennzeichnendsten Gestalt – eben in der Tannhäusersage – Stabwunder nenne. Grundzug ist: die göttliche Macht verwendet zum Beweis der Unschuld eines von ihr Erwählten, zum Zeichen der Erwählung das wunderbare Aufwachsen, Grünen, Blühen einer Pflanze. Das Leben der Pflanze ist für das Auge eines Naturmenschen mehr als irgend eine andere irdische Erscheinung in die Hand Gottes gegeben. Ihr geheimnisvolles Sprießen aus dunkler Erdenkammer, ihre für menschliche Sinne unmerkliche aber doch so große äußerliche Wachstumsveränderung wird stets auf überirdische Einwirkung zurückgeführt. Dies mag auch zum Entstehen der mannigfachen Sagen von Baumgeistern, zur Heiligung der Bäume überhaupt beigetragen haben. Pflanzen, besonders Bäume, sind dem Naturkinde aber befreundete, weil zum Ansehn schöne, zum Gebrauch nützliche Erscheinungen, daher gilt als ihr Schützer und Pfleger stets auch die gute göttliche Macht. So viel Sagen auch den Zug des Stabwunders überliefern – ich könnte eine beträchtliche Anzahl vorführen – immer sehn wir nur Gott selbst das Stabwunder vollbringen. So auch in unserer Sage von den Ahornhäusern, [73] wo dies allerdings nicht ausdrücklich ausgesprochen ist; doch wen ruft ein unschuldig Verurteilter, der keine Hilfe, nur den erbarmungslosen Tod vor sich sieht, in seiner letzten Not wol als Zeugen seiner Unschuld an, wenn nicht Gott?

Also aus drei bestimmt abgegrenzten bekannten Bestandteilen ist die Sage von den Ahornhäusern zusammengeschmolzen. Dem ersten von ihnen, der gestörten Hexenversammlung begegnen wir vielfach. Ich habe ihn absichtlich nur durch zwei landschaftlich naheliegende Beispiele belegt. Er ist die verhältnismäßig bedeutungsloseste und nebensächlichste Zutat. Sie hat, wenn sich nicht vielleicht noch ein Hexentanzplatz in der Nähe der Ahornhäuser nachweisen lässt, am wenigsten unmittelbare Beziehung zum Kern der Sage.

Auch der zweite Teil, die Befragung der Geister, ist nebensächlich, jedoch gewinnt er Bedeutung als Zeugnis für die Faustsage. Allerdings kann von der freien Faustsage hier nicht die Rede sein, vielmehr kann sie nur in bestimmter längst festgestellter Fassung hier eingedrungen sein. Die Erfurter Geschichten finden sich zuerst im Faustbuche von 1589. Volksbücher, unter ihnen der Faust, sind auch auf dem Schwarzwald, besonders als notwendige Winterunterhaltung, immer verbreitet gewesen. Doch gerade das Volksbuch weist eine abweichende Fassung auf, indem der eine befragte Teufel hier erklärt, er sei so schnell wie ein Pfeil, während er in der Sage rühmt so schnell zu sein wie die Kugel aus dem Rohr. Dieser letztere Zug kommt nur im Faustspiel vor. Und wenn auch anzunehmen ist, dass die Büchsenkugel aus dem Pfeil hervorgegangen ist, so braucht dies, da wir in dem Geißelbrechtischen Puppenspiel einem bestimmten literarischen Zeugnis gegenüberstehen, nicht gerade in unserm Falle geschehn zu sein. Das Faustspiel ist zweifellos auch in hiesige Gegend gelangt und hat mit seinen anziehenden Zaubergeschichten die Phantasie der Hörer befruchtet. Namentlich konnte die höchst anziehende und einleuchtende Szene von der Befragung der Geister sich im Gedächtnis leicht festsetzen.

Im dritten Teil der Sage haben wir offenbar den eigentlichen Kern zu erblicken. Zunächst gab der Ahorn Ursache zur Anknüpfung einer Baumsage, und zwar am leichtesten des Stabwunders. Ob nun dieser Grundbestandteil der Sage ursprünglich den Ahornhäusern bei Neustadt oder aber dem [74] Ahornbauer im Simonswälder Tal angehört, das ist nicht zu entscheiden. Auf die Frage: warum musste der von menschlicher Gerechtigkeit Verurteilte seine Unschuld durch das Stabwunder erweisen? lautet in Anbetracht der auch in hiesiger Gegend häufigen Hexenprozesse am einfachsten die Antwort: wegen der Anklage der Zauberei. Vielleicht hat auch in der Einsamkeit der Ahornhäuser einmal wirklich ein Mann gelebt, der als nachsinnender Grübler im Rufe stand, mehr zu können als Brod essen. Zauberische Beihilfe ferner leisten böse Geister. Wer einmal das Faustspiel selbst gesehn oder seinen Inhalt erzählen gehört, könnte sich leicht versucht fühlen, die Befragung der Teufel hier anzuknüpfen. Aber zum Zaubern gehört auch nach allgemeinem Volksbrauche ein Zauberbuch. Und wie kam der Kreuzbauer in den Besitz eines solchen? Da bot nun die Sage von der Hexenversammlung und dem Buche, wie sie im Schuttertal umging, eine bequeme Anknüpfung.

So denke ich mir die Entwicklung der Sage von den Ahornhäusern, die als Ganzes betrachtet, wol nicht alt ist. Wie mir scheint, sind sichtende Behandlungen einzelner Sagen wie die vorstehende nicht ohne Nutzen und es dürfte sich daher empfehlen öfter ähnliche Versuche anzustellen.


  1. Volkssagen aus Baden. Karlsruhe 1851. Nr. 168, S. 152.
  2. Bei Rastatt.
  3. Bei Baader Nr. 111, S. 100.
  4. Bei Lahr an der Schutter.
  5. Vgl. Zarncke in den Berichten der sächs. Gesellsch. d. Wissenschaften, phil.-hist. Kl. Bd. 40 (1888), S. 181–202: Zur Bibliographie des Faustbuchs.
  6. Neudrucke deutscher Litteraturwerke des 16. u. 17. Jahrh. 7/8. Halle 1878. Vgl. darin S. 136–138.
  7. Scheible, Kloster, V, 761 ff.
  8. Volksbücher IV, 169–171.
  9. Vgl. O. Schade im Weimarischen Jahrbuch V, 277–281.
  10. Sämtl. Schriften. Hg. v. K. Lachmann. 3. Aufl. v. F. Muncker. III, 382–384.
  11. Ueber die Befragung der Teufel nach ihrer Schnelligkeit vgl. noch W. Creizenach, Versuch einer Gesch. des Volksschauspiels von Dr. Faust. Halle 1878. S. 52 ff.
  12. Neugesammelte Volkssagen aus Baden. Karlsruhe 1859. Nr. 57, S. 41.
  13. In dem von Süden her in das Elztal oberhalb Waldkirch mündenden Simonswäldertal.