Die Mutter (Die Gartenlaube 1882/6)

Textdaten
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Autor: M. Corvus
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Titel: Die Mutter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6–7, S. 102–104, 118–120
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Mutter.

Charakterstudie von M. Corvus.[1]

„Ich kann es nicht allein mit mir tragen; ich muß es Dir, und vor allen Anderen Dir zuerst sagen: Mutter, theuere Mutter: Er liebt mich. Wie wunderherrlich mich diese Worte anblicken, nun sie geschrieben vor mir stehen – mit zitternden Buchstaben zwar geschrieben; denn meine Hand bebt unter dem seligen Klopfen meines Herzens – und doch, wie viel herrlicher, süßer klang es noch, da er mir es sagte! O liebe Mutter, denke zurück an die Stunde, als mein guter Vater Deine Hand nahm und Dir in’s Auge sah, um Dir zu sagen. ‚Ich liebe dich‘, wohl ganz so, wie Reinhard es soeben mit Deiner Käthe gethan – und in der Erinnerung an jene Seligkeit fühle voll das Glück Deines Kindes und freue Dich mit ihm! Es ist eine Himmelsgabe, daß er mich liebt, mich zu lieben vermag, er, der so gut, so klug und bedeutend ist, mich, die ich so gar wenig bin. Meine ganze Seele mit allen ihren Mängeln liegt vor ihm, und doch zieht er mich an sich und bittet, daß ich ihm angehören wolle. Ist das nicht ein Gnadengeschenk des Höchsten? Wie konnte ich da anders, als ‚Ja‘ sagen? Und nun wirst auch Du, meine Mutter, kein ‚Nein‘ ihm antworten, so wenig, wie der Vater, wenn Reinhard kommt, Euch zu bitten, daß Ihr mich ihm gebt. Wer in sein ernstes, klares Auge sieht, der muß ihm ja vertrauen, und so wie er aussieht, spricht und denkt er auch; es ist alles so wahr und zuverlässig an ihm, und vor allem darum liebe ich ihn von ganzem Herzen.“ –

Das Briefbillet sank mit der Hand, die es hielt, in den Schooß und die Leserin sah bestürzt und verwirrt zu dem Manne auf, der ihr gegenüber am Frühstückstische saß.

Es war ein anmuthender Platz hier vor dem Gutshause, unter dem dichten, kühlen Schatten der Lindenbäume. Von dem rückwärts gelegenen Wirthschaftshofe tönte reges Leben herüber, das Geräusch abfahrender Wagen, das Bellen des Hofhundes, der klirrend an seiner Kette riß, und das Geschrei aufgescheuchten Federviehs – das alles erhöhete nur um so mehr die tiefe, behagliche Ruhe im Schatten der Lindenbäume.

„Was hast Du, Constanze? Du siehst ja ganz erschrocken aus – es ist doch Käthe nichts zugestoßen?“ fragte jetzt der Herr, aus seiner Ruhe geschreckt.

„Bewahre, Robert, es ist ihr nichts Schlimmes geschehen – und dennoch! – Nun, lies selbst ihren Brief! Ach, wenn ich sie doch nicht von mir gelassen hätte!“ seufzte sie und reichte ihm den Brief hin.

Er las hastig.

„Ja,“ sagte er nach einer Weile, „es wäre allerdings gescheidter gewesen, wir hätten die Einladung zu dem ganzen Schwindel von Hochzeitsspectakel und Brautjungfernschaft kurzweg abgeschlagen. Mir wollte gleich die ganze Geschichte nicht in den Sinn. Da wird man aber von allen Seiten beschwatzt, bis man zugeben muß. Wenn durchaus Käthe dabei sein mußte, konnte da Pastor Kunze die Hochzeit seiner Tochter nicht noch hier feiern, ehe er in seine neue Stellung nach Frankfurt übersiedelte? Kaum zwei Monate sind seitdem vergangen, und da war gegen die Reise mit keinem Nein aufzukommen, weil die Mädchen wie Schwestern an einander hingen. Was hat man nun von seiner Güte? Ein trefflicher Gebrauch, den das Mädel von der ersten Freiheit macht, welche wir ihr zugestehen! Sie muß rein toll sein, mir nichts dir nichts sich zu verlieben und zu verloben, und obendrein sich einzubilden, wir werden auch gleich Ja und Amen zu dieser Tollheit sagen. Aber daraus wird nichts. Jungfer Uebermuth soll sich wundern. Und einen solchen Brief zu schreiben, aus dem kein vernünftiger Mensch klug werden kann. Wer und was ist dieser Er? Man erfährt nicht einmal, ob Reinhard Vor- oder Familienname ist. Weißt Du es etwa?“

„Der Vorname, denke ich – wie sollte ich es wissen, Robert?“ erwiderte seine Frau bekümmert. „Sie hat ja den Namen noch in keinem ihrer Briefe genannt, überhaupt von keiner Herrenbekanntschaft geschrieben, nur des Brautführers erwähnt, der ihr zugetheilt sei – ein Kaufmann und Freund von Minna’s Bräutigam – ich vermuthe, daß Jener der so plötzlich Geliebte ist. Das voreilige, hitzige Kind – in welche Verhältnisse hat sie sich da kopfüber gestürzt!“

„Sie muß zurück – muß den ganzen Unsinn vergessen – eine Siebenzehnjährige sollte noch gar nicht an solche Dinge denken,“ brauste er wieder auf. „Ich fürchte, wir haben sie verzogen, ihr zu viel den Willen gelassen – –“

„Sie ist ja unser einziges Kind,“ schaltete seine Frau begütigend ein.

„Und nun macht sie, was sie will,“ fuhr er, unbeirrt von ihrer Zwischenrede, fort. „Muß auch gerade die Ernte sein, sodaß man vom Gute nicht weg kann! Sonst reiste ich noch diese Stunde fort nach Frankfurt, sie zu holen und Pastor Kunze meine Meinung darüber zu sagen, was er da in seinem Hause, ohne unser Wissen, für Dinge vor sich gehen läßt.“

„Aber Robert, nimm es nur nicht so schlimm auf! Der Pastor wird von der Sache gar nichts ahnen, und überdies, wenn Käthe den Mann liebt und er sie, er auch ehrenhaft und gut ist, wie dürften wir da ihr Glück vernichten oder stören, den schönsten Jugendtraum ihr trüben wollen? Greifen wir doch nicht hart hinein, ehe wir wissen, ob es nöthig ist!“

„Aber nach Hause muß sie kommen, und das sofort,“ beharrte er; „dann wollen wir hören, wer dieser Reinhard ist. Schreibe es ihr gleich, Constanze, und treibe dann Jemand auf, der hier abkommen und den Brief noch heute zur Stadt schaffen kann! Ich muß nun auf dem Felde nach den Leuten sehen.“

Er stand auf und wendete sich zum Gehen. Plötzlich aber hemmte er nachdenklich den Schritt, und sich wieder umkehrend, sah er seine Frau mit einem sonderbaren Ausdruck von Mitleid an.

„Reinhard – –? Constanze, wenn das sein Familienname wäre!“ sagte er in einem leisen, gedrückten Tone. „Es laufen zwar der Reinhard’s viele in der Welt umher – der tückische Zufall spielt aber manchmal sonderbare Weisen und führt lange getrennte Menschen einander wieder zu.“

[103] Sie war, als er sich zum Fortgehen erhob, gleichfalls aufgestanden und stellte das Frühstücksgeschirr in einander. Bei seinen Worten fuhr sie heftig zusammen, wurde leichenblaß und setzte klirrend die Tassen nieder.

„Nun, erschrick nur nicht, liebe Frau!“ sagte er begütigend und trat wieder zu ihr. Er legte den Arm um ihre Schulter und zog ihren Kopf liebevoll an sich. „Aber das mußt Du doch einsehen: immer verborgen kann es nicht bleiben, und wenn Käthe zum Beispiel heirathet, sei es, wer es wolle, so wird sie die Wahrheit erfahren – weder vor dem Standesamt noch vor dem Altar läßt sich das verbergen.“

Sie seufzte und sah ihn mit schmerzlichem Blicke an.

„Ja, einmal muß es geschehen – ich weiß das. Aber laß’ es so spät wie möglich sein, liebster Mann!“ bat sie dringend und leidenschaftlich.

„Es war eine große Schwachheit von mir, daß ich darin Deinen Bitten nachgegeben habe, Constanze, nun es aber einmal geschehen ist, bangt mir selbst vor der Nothwendigkeit einer Enthüllung,“ entgegnete er.

Er strich mit der Hand über ihr glänzend schwarzes Haar, und, sich zu ihr herabbeugend, drückte er zärtlich einen Kuß auf ihre Lippen.

Sie war noch immer eine schöne Erscheinung. Dunkle, heiße Augen blickten zu den seinigen auf, und eine schlanke, biegsame Figur schmiegte sich an seine breite, hohe Gestalt; in der Art, wie er leidenschaftlich zu ihr herniedersah, sprach es sich deutlich aus, wie sehr er sie liebe und wie ihre Schönheit ihn beherrsche.

Endlich trennten sie sich; Constanze eilte in das Haus, den besprochenen Brief in aller Hast zu schreiben, während Robert seinen Geschäften bei dem Einfahren der Ernte nachging.

Robert Heine’s Gut Schönhaide war eine große, einträgliche Besitzung im Hessischen, deren Bewirthschaftung er selbst führte. Seitdem er das Gut vor ungefähr sechszehn Jahren käuflich übernommen, hatte er es mit seiner Familie im Winter wie im Sommer unausgesetzt bewohnt und sein einziges Kind nie von sich gelassen; Käthe wurde daheim unter seinen Augen erzogen und unterrichtet. Dabei war es den Eltern bei ihrer großen, nachsichtigen Liebe nicht aufgefallen, wie das lebhafte Kind ihnen allmählich über den Kopf wuchs, und sie erschraken nun, als jetzt plötzlich diese Wahrnehmung sich ihnen aufdrängen wollte.

Constanze war heute den ganzen Tag über still und in sich gekehrt; auch Heine’s sonst so lebhaftes Wesen hatte etwas Nachdenkliches, was er auch nicht ganz überwinden konnte, als er seiner Frau gegenüber beim Abendbrod saß, wo er sich doch sonst nach vollbrachtem Tagewerk einer behaglichen, jovialen Stimmung erfreute. Er aß zerstreut und starrte meistens schweigend vor sich hin. Plötzlich fuhr er überrascht auf und blickte gespannt durch das ihm gegenüber befindliche Fenster auf den Gutshof hinaus.

Der Telegraphenbote von der Eisenbahnstation Breitenstein schritt soeben auf das Haus zu.

„Was kommt nun da wieder?“ rief er. „Meldet Käthe etwa, daß sie sich ebenso schnell wie verlobt nun auch verheirathet hat?“ versuchte er seinen Schreck hinwegzuscherzen.

„Ich komme morgen früh zehn Uhr – Vater mag mich allein abholen. Käthe –“ lautete das Telegramm.

„Nun,“ meinte Heine sehr zufrieden und wie befreit aufathmend, als er diese kurze Meldung gelesen hatte, „sie scheint von selbst zu dem Einsehen ihrer Voreiligkeit gekommen zu sein, ohne daß es dazu Deines Briefes bedurfte, Constanze, der doch vor morgen früh nicht in ihre Hände gelangt wäre. Schlagen wir uns die Sorgen aus dem Kopf, liebe Frau! Ich hoffe, die ganze Geschichte war nur ein Strohfeuer, das uns unnöthiger Weise erschreckt hat.“ Er umarmte sein Weib.




Pünktlich um zehn Uhr am andern Morgen hielt Heine mit dem Jagdwagen auf dem Bahnhofe der Station Breitenstein, gerade in dem Moment, als der ankommende Zug an dem Perron vorfuhr. Die Zügel der Pferde einem dastehenden Dienstmanne zuwerfend, kam er eiligen Schrittes gerade noch rechtzeitig, als aus der kaum geöffneten Waggonthüre auch schon eine schlanke Mädchengestalt heraus- und dem Vater in die Arme sprang.

„Da bist Du ja, Wildfang!“ rief er gutgelaunt und küßte das Töchterchen zärtlich.

Sie war eine reizende, zarte Erscheinung, aber weder Vater noch Mutter ähnlich. Hellblondes Haar ringelte sich um Stirn und Schläfe, und große, tiefblaue Augen blickten darunter hervor. Doch so jugendfrisch und kaum entwickelt die ganze Erscheinung des Mädchens auch war, es lag doch in dem Feuer dieser großen tiefblauen Augen und um den kleinen festen Mund ungewöhnlich viel Charakter und Willensstärke ausgeprägt, vielleicht auch Eigenwille – wer konnte hier urtheilen? Es athmete noch so viel Werdendes aus dieser Mädchenknospe. Aber sonderbar – auf Käthe’s Gesicht leuchtete jetzt keine Freude dem frohen Willkommensgruß des Vaters entgegen, sie sah vielmehr so ernst aus, daß Heine sich im Stillen sagte: „Aha, das hat einen Liebesbruch gegeben, und der Trotzkopf ist dem Liebsten davon geflogen. Sehr gut! Wir wollen ihr schon die Kindereien vollends austreiben.“

Dann ließ er sie aus seinen Armen und griff helfend nach ihrem zahlreichen Handgepäck.

„Ich danke Dir, Vater,“ sagte sie, „daß Du gekommen bist, um mich zu holen – aber allein?“

Er sah sie lachend an.

„Dachtest Du wirklich, Käthe, jetzt in der Ernte habe Christian Zeit, die Mutter und mich in dem Landauer spazieren zu fahren, oder auf dem Jagdwagen sei außer für Dich und mich und Deine Siebensachen noch Platz für eine dritte Person? Deine Rücksicht auf die Mama war diesmal überflüssig, Gelbschnabel! Aber komm’! Ich habe Eile wieder nach Hause zu gelangen.“

Das Reisegepäck war sehr bald auf dem Wagen untergebracht, die Beiden stiegen auf, und die Pferde griffen zu schneller Fahrt aus.

Heine war heiter und gesprächig; er berichtete seiner Tochter von der Mutter, von Haus und Hof; er gab sich alle Mühe, seine Käthe aufzumuntern, indem er sich den Anschein gab, als bemerke er ihr verstimmtes Wesen nicht. Sie aber ging auf nichts von alledem ein und blieb still und einsilbig.

Jetzt führte die Straße eine Anhöhe hinan und zwang die Pferde zu langsamerer Gangart; da legte das Mädchen plötzlich ihre Hand auf des Vaters Arm und wendete ihm voll ihr Gesicht zu. Ein Zug von Bitterkeit lag um den kleinen Mund, und die großen Augen loderten in heftigem Feuer auf.

„Laß’ die Braunen gehen, Vater, und höre mich an!“ sagte sie, und nach augenblicklicher Pause fügte sie in sehr erregtem Tone hinzu: „Ich habe meine Großmutter gesehen.“

Er fuhr erschrocken zusammen. Erwartete er doch alles Andere eher, als diese Worte aus dem Munde seiner Tochter.

„Deine Großmutter?“ stammelte er bestürzt.

„Ja, Vater, die Mutter meiner armen Mutter, und von ihr habe ich erfahren müssen, wie sie, die Andere, all mein Lebenlang mich – betrogen hat!“

„Halt ein, Käthe!“ herrschte er sie heftig an. „Brauche nicht solche Worte, welche Deine Mutter, die Dich so innig liebt, nicht verdient hat!“

„Vater, nenne sie nicht meine Mutter! Ich kann das niemals wieder hören. Ich hatte eine Mutter, die ist aber längst todt, und in meine Kindesliebe, die doch ihr gehören sollte, hat Jene unter falschem Namen sich hinein gestohlen. Ist es recht, mich so zu betrügen? Ich kann Alles eher, nur nicht Lug und Trug ertragen.“

„Kind, mäßige Dich! Vor allen Dingen, ehe ich etwas darauf erwidere, verlangt mich zu wissen, was sich dort in Frankfurt zugetragen hat. Du überschüttest mich mit erstaunlichen Neuigkeiten – erst Dein Brief und nun Deine Reden!“

Bei der Erinnerung an das, was sie geschrieben, füllten sich ihre Augen plötzlich mit Thränen und ihr Mund zuckte unter dem Zwange, jene zurückzudrängen. Alle Härte war auf einmal aus ihren Zügen verschwunden; sie war plötzlich wieder ein liebendes Kind, das sich hülflos und zärtlich an des Vaters Arm schmiegte.

„O Vater, ich ahnte noch nichts von Alledem und war so glücklich, als ich an – – an Euch schrieb, daß Max Reinhard mich – mich liebe. Er ist Buchhändler und hat sein eigenes Geschäft, und er war der mir zuertheilte Brautführer an Minna’s Hochzeit. Er kam öfter in das Haus, auch nach der Hochzeit – Alle, die ihn kennen, ehren ihn und halten ihn hoch, und auch Du, Vater, wirst das thun, wenn Du ihn kennst. Er wird sich für einige Tage frei machen und morgen kommen, um Dich zu bitten, daß Du Deine Käthe ihm giebst. Bester Vater, ich liebe ihn so warm und war so glücklich – es ist nicht zu sagen wie sehr – und jetzt! – [104] ach, jetzt könnte ich fast meines Glückes vergessen über all das Leid, das über mich gekommen ist. Ach, warum habt Ihr mir das gethan?“

Er schloß sein Kind in den Arm und küßte es tief bewegt. Käthe weinte jetzt an seinem Herzen, und er störte sie mit keinem Worte in dem, was ihr Erleichterung sein mußte.

Endlich hob sie wieder den Kopf und trocknete die Thränen.

„Sieh, Vater,“ begann sie wieder, und je länger sie sprach, um so mehr trat die frühere Herbigkeit auf ihrem Gesicht und in dem Ton ihrer Stimme wieder hervor. „Max wußte es erst selbst nicht, daß ich seine Cousine bin. Seine Eltern leben in Berlin, und er hatte ihnen nichts von mir geschrieben; es geschah ja erst vorgestern, daß wir unsere Liebe uns gestanden. Da, gestern Nachmittag, eilt er zu mir und sagt, daß ihn am Morgen seine Großmutter, von Wildbad kommend, wo sie zur Cur gewesen, auf der Durchreise besucht habe, daß er ihr von seiner Liebe zu mir erzählt, und als er Katharina Heine genannt, habe sie stürmisch verlangt, mich zu sehen, da ich ihre Enkelin sein müsse. Ich war sehr verwundert über das, was ich hörte, und bezweifelte die Richtigkeit dieser Annahme; denn ich wußte ja von keiner Großmutter, die mir noch lebe, und die ich bisher für meine Mutter gehalten, hieß ja Constanze Dorn und nicht Luise Reinhard, wie er mir sagte. Aber ich ging mit ihm, um seine Großmutter zu begrüßen, und da erfuhr ich von der guten alten Frau, die mich leidenschaftlich und mit tausend heißen Thränen empfing, daß ihre jüngste Tochter, der ich wunderbar ähnele, meine Mutter gewesen sei, die gestorben, als sie mir das Leben gegeben, und daß sie stets vor mir verleugnet worden sei, damit ich nur jene Andere als meine Mutter liebe. So sehr die Großmutter darnach verlangt habe, ihre Enkelin zu sehen, sei es ihr doch nicht gewährt worden, und ich habe nie von ihr wissen dürfen, damit nur Jene mich allein besitzen konne. O Vater, ist das nicht grausam, nicht schlecht an mir gehandelt? Und da hat, ob dieser Lüge und Ungerechtigkeit, alle Liebe in mir sich in Zorn und Haß gegen Jene gewandelt, und ich wollte, ich brauchte sie nie, nie wieder zu sehen.“

Ihr zartes Gesicht hatte sich beim Sprechen lebhaft geröthet, und die feinen Augenbrauen zogen sich finster zusammen. Es lag eine so gewaltige Erregung, eine so zornige Empörung in jeder ihrer Mienen, in dem trotzigen Zucken der Lippen und in dem tiefen bebenden Klange ihrer Stimme, daß Heine erschrocken sein Kind betrachtete, das er niemals so erregt gesehen.

Wenn er auch immer sich vor dem Moment gefürchtet, der einmal die an ihr begangene Täuschung offenbaren müsse, so tief, so furchtbar hatte er sich den Eindruck nicht gedacht, welchen die schmerzliche Entdeckung auf Katharina üben könne; denn er hatte auf die große Liebe gebaut, die sie stets für seine Frau empfunden. Dabei that ihm seine Frau so leid wie seine Tochter, ja Erstere fast noch mehr; denn sie, die Kinderlose, liebte Käthchen so zärtlich wie ihr eigenes Kind und hatte sich ihr in nie mangelnder Aufopferung und treuer Liebe stets als echte Mutter bewiesen.

Er raffte sich endlich gewaltsam auf von der tiefen Erschütterung, um zu versuchen, in seiner Tochter ein versöhnliches Empfinden zu wecken, bevor sie mit der Stiefmutter wieder zusammen traf.

„Käthe, liebes Kind, es ist nicht zu leugnen, daß es ein Unrecht war, Dich bis jetzt in dieser Täuschung zu lassen,“ sagte er in begütigendem Tone. „Aber höre zuvor die Gründe, weshalb es so geschehen, ehe Du in dieser harten Weise darüber urtheilst. Sieh, Kind, als der Himmel Dich uns geschenkt hatte, da war zur Pflege Deiner Mutter deren liebste Freundin, Constanze Dorn, zu uns geeilt. Ich besaß damals noch kein eigenes Gut, sondern hatte in Schlesien eins in Pacht genommen, das ich bewirthschaftete. Deine gute Mutter starb wenige Tage nach Deiner Geburt – sie ließ mich in Verzweiflung zurück; ich liebte sie so innig und stand nun einsam, unglücklich, rathlos da mit Dir, einem zarten hinfälligen Kindchen. Kein Verwandter, der mir in meiner Vereinsamung hätte beistehen können! Aber auch von Deiner Mutter Seite konnte Niemand mir helfen; sie hatte nur noch einen viel älteren Bruder, der verheirathet war – Du weißt: den Vater dessen, der Dir soeben näher getreten ist. Deine Großmutter aber war immer leidend und konnte weder ihren Mann verlassen, um zu mir zu kommen, noch Dich zu sich nehmen. Zu letzterem hätte ich mich auch nie entschlossen, Du warst ja Alles, was mir von Deiner Mutter geblieben, und ich konnte Dich nicht lassen."

Er schwieg einen Augenblick in tiefer Bewegung, um dann gefaßt fortzufahren. „Aber wie sollte ich nun für Dich sorgen? Im Anfang war zum Glück Constanze da und pflegte Dich von Deinem ersten Athemzuge an. Auf mein Bitten blieb sie eine Zeit lang bei mir, obgleich ihre Mutter drängte, sie solle nun heimkehren. Als sie gegangen war, reihte sich Elend an Elend. Du warst ein flackerndes Lebensflämmchen, schwächlich und kränklich, und der Arzt erklärte, daß nur die sorgsamste Pflege Dich, mein Einziges, uns erhalten könne – o Kind, es war schwer für einen einsamen Mann.“

„Armer Vater!“ unterbrach ihn Käthe und drückte ihm zärtlich die Hand.

[118] „So hattest Du, liebe Käthe, das erste Lebensjahr erreicht,“ fuhr Heine fort, „da ging das Scharlachfieber im Dorfe um, und auch Du wurdest davon befallen. In meiner Sorge um Dich schrieb ich an Constanze und bat sie, die nun auch allein stand – denn ihre Mutter war inzwischen gestorben – zu mir zu eilen, um Dich zu pflegen. Sie kam auch in alter Anhänglichkeit und übernahm Sorge und Pflege für Dich, sowie die Führung des Hauses, wie sie es ja auch seither gethan, und als Du wieder hergestellt, dachte sie abermals an’s Scheiden. Da aber fragte ich sie, schnell entschlossen, ob sie an die Stelle ihrer liebsten Freundin treten und als mein Weib meinem armen Kinde eine treue Mutter sein wolle? Sie bejahte meine Frage, Käthe, aber sie that es nur mit der Bedingung, daß sie als Deine rechte Mutter gelten solle.“

„Das war die Bedingung?“ fragte Käthe erstaunt dazwischen.

„Die Bedingung, mein Kind: o, das Wort Stiefmutter hat einen rauhen Klang, und vor diesem Klange fürchtete sich Constanze – davor wollte sie sich wie Dich bewahren, und da sie fest entschlossen war, von diesem Zugeständnisse nicht abzulassen, so willigte ich endlich ein. Sie drängte mich nun, meine Pachtung aufzugeben und allein mit Euch Beiden in eine andere Gegend zu ziehen, wo uns Niemand kenne und sie als Deine Mutter gelten könne, ohne eine Entdeckung ihres falschen Vorgebens fürchten zu müssen.“

„So planvoll!“ schaltete Käthe bitter ein.

„Constanze hatte von ihrer Mutter ein ansehnliches Vermögen geerbt,“ nahm Heine wieder das Wort, „und dieses, mit dem meinigen vereint, genügte zum Ankauf unseres jetzigen Gutes; so verschwanden wir denn aus dem Bereiche unserer früheren Bekannten. Doch auch Deinen Großeltern mußte unser neuer Aufenthalt vorläufig verborgen bleiben, und so gab ich Deiner Großmutter regelmäßig nach jedem Vierteljahr durch meinen früheren Advocaten in Breslau Nachricht über Dein Ergehen, damit sie nie in Sorge um Dich sein möchte, und vertröstete sie von Jahr zu Jahr auf ein Zusammentreffen mit Dir. Aber nachdem Constanze sich nun in ihre Mutterrechte eingelebt hatte, hing sie mit ganzer Seele an Dir, ihrem einzigen Kinde und fürchtete sich immer mehr vor einer Aenderung dieses schönen Verhältnisses; um so weniger konnte sie sich entschließen, Dir die Wahrheit zu enthüllen.“

Er seufzte schmerzlich auf.

„Und hierin, Käthe, liegt ihr Unrecht, sowie das meine. Ich war schwach genug, ihren Bitten nachzugeben und die Aufklärung noch weiter hinauszuzögern. Es ist ein Gewebe von Schuld und Liebe, meine Tochter, das ich soeben vor Deinen Augen entwirrt habe.“

Robert Heine schwieg. Seine Erzählung hatte nichts in Käthe’s aufgeregten Gesichtszügen gemildert – dieselbe überreizte Spannung loderte noch immer in ihnen.

„Welch’ ein Aufbau von Falschheit und Heimlichkeit, um mir die todte Mutter, der alten Großmutter die Enkelin zu entfremden! Wie kann aus so viel Lüge Gutes hervorgehen? Ich würde gewiß Jene geliebt haben, wie ich es bisher gethan, wenn Ihr mir auch die Wahrheit offenbart hättet – aber stehlen, nein, durch Lüge stehlen lasse ich meine Liebe nicht! Meine arme Mutter, mit ihrem Leben bezahlte sie das meine, und siebenzehn lange Jahre habe ich dieses Leben genossen, mich aller seiner Herrlichkeit erfreut, ohne nur einen Gedanken der zu weihen, der ich es verdanke. Das ist unmenschlich, grausam; das heißt ein Kind zum Undank zwingen, damit sich Jene der geraubten Kindesliebe freue, als eines unrechtmäßigen Besitzes. Nein, nein, ich kann sie nicht mehr lieben; sie hat mit dieser ungeheuren Lüge alle Gutthat wieder ausgelöscht, die sie mir hat zu Theil werden lassen.“

„O Käthe, Käthe,“ mahnte der Vater sein Kind, „möchtest Du die Schuld dieses Wortes niemals zu büßen haben! Und um Eins bitt’ ich Dich,“ fügte er hinzu, da sie eben in den Gutshof einführen: „Schone Die, welche nun sogleich vor Dir stehen wird und die es so gut mit Dir meint!“

Käthe blieb stumm. Der Wagen hielt vor dem Hause.

In der offenen Thür stand Constanze; die schlanke Gestalt ein wenig vorwärts gebeugt, harrte sie sehnsüchtig der Kommenden, und ein Freudenstrahl leuchtete aus ihren Augen den Geliebten entgegen.

„Da seid Ihr ja endlich! Willkommen wieder daheim, Käthe, mein liebes Kind!“ rief sie fröhlich und breitete die Arme liebevoll nach ihr aus.

Aber kein Gruß von Käthens Mund, kein Blick ihrer Augen antwortete der Mutter; das Mädchen wendete stumm den Kopf ab und zauderte, vom Wagen herabzusteigen, während Heine, der hastig herabgesprungen war, besorgt und mitleidig auf seine nichts ahnende Frau blickte und ihr mit der Hand winkte, fortzugehen.

Da – jählings, mit dem Instinct der Mutterliebe – begriff sie alles, was geschehen war. Das Blut stockte in ihrem Herzen, und sie starrte todtenbleich von Käthe zu ihrem Gatten, von ihm zu ihr. Ein Blick auf das abgewendete junge Mädchenhaupt genügte – sie wußte alles: sie hatte ihr Kind verloren.

Kein Wort drang über ihre Lippen – sie preßte die Hände auf’s Herz, wie um dessen allzu hohes Schlagen zu hemmen, kehrte sich ab und wankte in’s Haus.




Ein freundlicher Maimorgen breitete seinen hellen Sonnenglanz auf das junge Grün des Gartens und auf den beweglichen Wasserspiegel eines großen Bassins, in welchem Goldfische munter umherschossen. Schmetterlinge gaukelten umher, und auf dem gelben Kies der verschlungenen Wege und Stege übte ein kleiner Knabe seine ersten Laufversuche an der Mutter Hand, während die Wärterin den Beiden folgte.

Wie anmuthig sie war, die junge Mutter! Ihre glücklich leuchtenden Augen hingen mit frohem Entzücken an den unsicheren Schritten des Kindes, als seien sie eine Großthat. Eine überströmende Fülle von Liebe und Glück spiegelte sich auf den lieblichen, fast kindlichen Zügen ihres Gesichtes und in dem warmen [119] Glanze ihrer großen Augen wieder. Was war sie aber auch für eine glückliche Frau geworden in den jüngst verflossenen beiden Jahren, unsere Käthe! Alles, was ihr Herz erhoffen konnte, hatte sie gefunden an der Hand ihres Gatten, zu welchem sie mit derselben Liebe und Hochschätzung emporblickte, wie damals, als ihr Brief den ersten Seligkeitsrausch ihres Liebesglückes in das Vaterhaus trug.

Durch die Stille der Vorstadt erschallte jetzt das Heranrollen eines Wagens, der vor dem Hause anhielt, und bald darauf trat Robert Heine in den Garten.

„Der Großpapa!“ rief Käthe fröhlich, den Kleinen auf den Arm nehmend und mit ihm dem Vater entgegeneilend.

Heine umarmte mit stürmischer Freude zugleich Tochter und Enkel; er lachte in Herzenslust auf, als der Kleine die Händchen ihm entgegenstreckte und vernehmlich „Papa!“ rief.

„Was tausend, er kann schon Papa sagen? Das muß gleich belohnt werden, Du Prachtjunge!“ sagte er und zog eine Düte Confect hervor.

„Du bist auch recht lange nicht bei uns gewesen, Vater; da mußt Du freilich unsern Jungen verändert finden,“ meinte die junge Frau mit mütterlichem Stolz. „Ist er nicht recht gewachsen? Und wieviel hat er inzwischen gelernt! Er fängt schon an zu laufen und zu sprechen, aber so gut er ‚Papa‘ sagen kann, bringt er doch immer noch nicht ‚Mama‘ hervor, wie oft ich es ihm auch vorspreche.“

„Das lernt er schon noch – beruhige Dich darüber, Käthe!“ lachte Heine. „Er wird es Dir nur zu oft vorschreien.“

„Aber ich möchte es so gern schon jetzt hören – ‚Mama‘ müßte doch das erste Wort sein, das ein Kind sagen lernt,“ eiferte sie und nahm aus der Düte ein Biscuit. „Sage Mama, mein Herzenskind – dann bekommst Du das hier.“

Der Knabe drückte das Köpfchen an der Mutter Gesicht, langte begierig nach dem Naschwerk, stammelte aber wieder nur „Papa“ hervor.

„So geh, Robert – Du bist nicht gut,“ sagte sie und übergab den Knaben der Wärterin, und obgleich sie sich nun den Anschein gab, als sei sie erzürnt, sprach sich doch unverkennbar gekränktes Muttergefühl in ihren Mienen aus. „Lassen Sie Robert noch im Sonnenschein herumlaufen, aber seien Sie vorsichtig mit ihm. Er ist gar so ungestüm und lebhaft,“ legte sie noch dem Mädchen an’s Herz. Dann wendete sie sich mit dem Vater zum Gehen, als sie jedoch ein paar Schritte gethan hatte, kehrte sie den Kopf nach dem Knaben unwillkürlich um, und da konnte sie nicht widerstehen: es zog sie zu gewaltig wieder zu ihm zurück. Sie nahm ihn nochmals auf den Arm, herzte und küßte ihn inniglich, als gehe sie auf lange fort, und überließ ihn erst dann wieder der Wärterin.

„Nun aber komm, lieber Vater,“ sagte sie seinen Arm umschlingend. „Ich will mich gar nicht wieder umsehen; sonst komme ich nicht los, und es wird doch Zeit, daß Du Dir es bequem machst und ich Dir eine Erfrischung reiche. Du findest Max noch nicht zu Haus; er ist wie gewöhnlich im Geschäft und kommt erst zu Mittag heim.“

Sie richtete schnell im Gartensaal ein Frühstück her, und mit dem Vater Platz nehmend, fragte sie nach Allem, wie es daheim ergehe, was sie dort getrieben und wie es auf dem Gute aussehe. Heine erzählte von Constanzen und brachte Grüße von ihr; Käthe dankte, aber sie sprach von ihr nur als seiner Frau, ohne das Wort Mutter auszusprechen, wie es denn seit jenem traurigen Tage nicht wieder über ihre Lippen gekommen war.

Die dazwischen liegende Zeit mit all ihrem Glücke hatte nicht vermocht, die Herbigkeit in Katharinens Empfinden zu mildern. So groß und leidenschaftlich auch ihre Zuneigung zu dem geliebten Manne war, in Einem hatten weder Max Reinhard noch ihr Vater Macht über sie, in dem Gefühle tiefer Erbitterung gegen Constanze.

Diese trug den ungeheuren Schmerz ohne Klage, so sehr sie auch in tiefster Seele darunter litt. Ja, sie wehrte sogar Heine’s Eifer, ihr zu ihrem wohlerworbenen Mutterrechte wieder zu verhelfen, dringend ab und bat, Käthe sich hierin selbst zu überlassen.

„Ich sehe nur zu sehr nun ein, daß sie Recht hat zu sagen: was kann aus der Lüge Gutes hervorgehen?“ meinte die unglückliche Frau. „Ich habe dadurch die Tochter verloren und kann sie nicht wieder an mich ziehen, wenn nicht ihr Herz selbst sie wieder zu mir zurückführt.“

So hatte denn Heine damals um so bereitwilliger seine Zustimmung zu der Verbindung mit Reinhard gegeben, den er sehr bald schätzen gelernt. Stiefmutter und Tochter hatten sich nicht wieder gesehen. Es schnitt Heine in’s Herz, den nagenden Kummer seines Weibes zu sehen und dabei sich sagen zu müssen: Du warst der Stärkere, Du hättest hier nicht der Nachgebende sein sollen.

Auch jetzt lastete dieser innere Vorwurf auf ihm, als bei seinen Schilderungen von daheim die trauernde Gestalt Constanzens vor seine Seele trat; sie warf einen tiefen Schatten auf all’ das Glück, das er bei seinen Kindern vor Augen hatte.

„Käthe,“ sagte er da plötzlich, „Du kränkst Dich, daß Dein Bube nicht ‚Mama‘ ruft, und er kann es doch noch nicht, Du denkst aber nicht daran, wie sehr sich Eine grämt, daß Du, die es könnte, nicht ‚Mutter‘ zu ihr sagen magst, und sie liebt Dich doch nicht weniger, wie Du Deinen Buben.“

Sie sah mit feuchtem Blicke auf, als er so zu ihr sprach; denn alles, was an das Band rührte, welches ihr Kind so innig mit ihr verknüpfte, bewegte sie auf’s Tiefste. Ein Widerhall des Vorwurfs, den der Vater aussprach, wollte sich in ihr regen aber er ward übertäubt von einem ungestümen Verlangen, das sie plötzlich nach dem Kinde erfaßte. Ihre Augen wendeten sich nach dem Garten und suchten nach dem Lieblinge, von dem sie sich vorhin so widerstrebend getrennt hatte. Da aber erschrak sie; denn, das Gesicht ihr zugekehrt, kniete die Wärterin an dem Bassin und hielt den Kleinen vor sich, dem sie die Goldfischchen zu zeigen schien. Es mochte ihn das sehr belustigen, man hörte sein fröhliches Kinderstimmchen laut erschallen und seine Händchen suchten darnach hinab zu langen. Das Mutterherz aber erfüllte der Anblick mit heißer Angst.

Schnell trat sie in die offen stehende Thür.

„Gehen Sie mit dem Kinde von dem Wasser fort!“ rief sie dem Mädchen zu.

Bei dem Schall ihrer Stimme horchte der Knabe auf und sah in die Höhe; da erblickte er die Mutter, wie sie dort in dem Rahmen der Thür stand. Er hob die Aermchen verlangend nach ihr auf und heftig vorwärts strebend, als wolle er zu ihr, fand er plötzlich das so oft von ihr begehrte Wort und rief es laut und jubelnd: „Mama!“

Das war der erste entzückende Ruf, nach welchem Käthe’s Herz so lange schon sehnsüchtig gelauscht und der sie nun vor Freude erbeben machte – dann aber mit der Schnelle des Blitzes ein Schrei, ein Fall – und der Knabe war in das Wasser hinabgestürzt.

War es, daß seine Bewegung, wie er jäh und plötzlich vorwärts strebte, zu ungestüm gewesen und daß er sich dadurch aus den Händen der Wärterin riß – war diese durch den Anruf erschreckt und hielt ihn in Folge dessen nicht fest genug – wie dem auch sei, das Kind war ihren Händen entglitten.

Die arme Mutter vermochte keinen Schrei über ihre Lippen zu bringen. Sie flog an die Unglücksstätte, wo die bestürzte Dienerin vergeblich sich mühte. das Kind wieder zu erlangen. Sie warf sich neben dem Mädchen nieder, tauchte die Arme hinab, bis sie das Kleidchen erfaßte und das Kind wieder zu sich emporzuziehen vermochte. Doch so schnell das geschah, der Knabe war starr – die Augen geschlossen, lag er leblos in der Mutter Armen.

Sie drückte ihn krampfhaft an sich, als müßte sie ihn an ihrem Herzen wieder zum Leben erwärmen. Es war ja nicht anders möglich, diese Augen mußten sich doch wieder öffnen und die Mutter ansehen; dieser kleine Mund, der sie noch eben gerufen hatte, konnte doch nicht für immer verstummt sein. Aber umsonst, was sie auch thaten, alle Belebungsversuche, welche sie mit Hülfe des sofort herbeigeholten Arztes anwendeten – umsonst, umsonst – das Kind war todt.

Es war ein gräßlicher Wechsel, ein furchtbar unvermittelter Schritt vom süßesten Glück zu ungeheuerstem Jammer. Und dennoch – während Reinhard und Heine schluchzend auf den bleichen Liebling niedersahen, hielt ihn Katharina fest umschlungen, ohne daß eine Thräne ihre blasse Wange netzte. Sie jammerte nicht, sie klagte nicht – es war eine Erstarrung in ihrem Schmerz, als habe die Hand des Todes sich auch auf sie gelegt und alles Blut und alle Thränen seien darunter zu Eis geworden.

Sie wich nicht von dem Kinde; als müsse sie die Augenblicke nutzen, in denen sie es noch besitzen konnte, hielt sie bei ihm Wache, thränenlos, wortlos, eine Niobe im unendlichen Schmerze. Nur [120] einmal, als der Vater sie zu trösten versuchen wollte, hob sie die heißen, verzweiflungsvollen Augen zu ihm auf und sagte:

„Laß, Vater! Du siehst, Gott ist gerecht!“

Er blickte sie erschrocken fragend an:

„Wie meinst Du das, Käthe?“

Sie aber war wieder in ihren stummem unnahbaren Schmerz versunken, Keinem einen Einblick in ihre Seele gewährend, aber auch bei Keinem eine Linderung ihres Leides suchend.

Endlich mußte sie aber doch die kleine Leiche von sich geben, um sie in ihr letztes Ruhebett zu legen und sie hinaus in den Schooß der Erde tragen zu lassen. Sie riß sich in Verzweiflung los, aber mit demselben furchtbar stummen, thränenlosen Schmerz wie bisher.

„Vielleicht wird nun um der Erschlaffung ihrer Kräfte ein erlösender Ausbruch ihres Schmerzes eintreten,“ sagte Reinhard in großer Besorgniß zu dem Vater, als sie von dem schweren Gange heimgekehrt waren. „Sie will Keines Zuspruch, auch den meinigen nicht; es ist, als ob der Schmerz sie uns fern gerückt hätte. Und doch, eine so mittheilsame Natur, wie Käthe ist, kann auch den Schmerz auf die Länge nicht allein tragen, oder sie geht daran zu Grunde.“

Da trat sie zu ihnen in’s Zimmer – reisefertig.

„Max, ich muß mit dem Vater nach Schönhaide reisen,“ sagte sie zu ihrem Manne mit tonlos müder Stimme.

Erschöpfung lag auf ihren bleichen Zügen und doch eine eigenthümliche unruhige Erregung; es glühte in diesen großen, thränenlosen Augen wie verhaltenes Sehnen ünd Verlangen.

„Jetzt, liebe Käthe? Gönne Dir Ruhe!“

„Nein, Max – ich fühle, was mir Noth thut.“

Sie ging mit dem Vater in die Heimath.

Hier war noch Alles wie sonst. In Breitenstein stand wieder der Jagdwagen, mit welchem der alte Christian seinen Herrn erwartete, und während der Diener den kleinen Sitz hinter ihnen einnahm, saß sie wieder neben dem Vater, der die Pferde lenkte, gerade so wie damals, als sie von ihrem ersten Ausflug in’s Elternhaus heimkehrte. Aber daran dachte sie nicht – sie dachte und fühlte nur das eine brennende Verlangen nach dem Herzen, das sie so lange geflohen, gekränkt, das um sie gelitten, wie sie jetzt um ihren Knaben litt, das ihr aber doch verzeihen werde wie kein anderes Herz und das auch wie kein anderes das Leid verstehen müsse, welches sie erfüllte.

In der Nacht ihres Jammers hatte sich ihr die Ueberzeugung aufgedrängt, daß die ewige Gerechtigkeit ihr das Mutterglück genommen, weil sie sich am Mutterglück versündigt.

„Mutter!“

Das Wort hatte einen so heiligen Klang. Sie hatte es begraben gehabt bei der todten Mutter unter der Erde; jetzt hatte es ihr Knabe sterbend wieder in ihr wach gerufen – mit dem nur einmal gehörten süßen Wort „Mama!“ war es erstanden in seiner alles beschwörenden Hoheit und Fülle der Liebe und trieb sie in unwiderstehlicher Sehnsucht zu der Mutter hin. Sie fragte nicht mehr: ist es die, welcher ich das Leben verdanke, oder die, welche mich in das Leben geleitet? – sie war ihr die Mutter, die, welche sie immer geliebt und verstanden, so lange sie zu denken vermochte – sie mußte zur Mutter.

Als sie die letzte Anhöhe kurz vor Schönhaide herabfuhren, löste sich plötzlich die Schraube an dem einen Rade und zwang sie zu einem Aufenthalt in ihrer Fahrt.

„Laß mich die kurze Strecke gehen, Vater!“ Sie ging.

Der Frühlingsabend dämmerte bereits, und ein feiner nebliger Schleier, als ob es bald zu regnen beginnen wolle, lag uber den Wiesen und über dem Gutshofe. Des Tages reges Treiben und Arbeiten war beendet und tiefe Ruhe schon eingetreten, als ihr Fuß die alte Stätte wieder betrat. Ihr Herz klopfte nicht in Erregung, nein, es wurde seltsam still darin, als ob sie in die Kirche trete, aber sie beschleunigte ihre Schritte immer mehr; denn sie hatte das Gefühl, als könnten die Füße sie nicht mehr lange tragen, und sie müsse eilen, das Ziel der Ruhe noch zu erreichen.

Wie ein dunkler Schatten glitt die schwarze Gestalt über den Hof; der Wachhund bellte ungestüm und freudig auf, als erkenne er sie wieder, und zerrte an der Kette; die feiernden Mägde, welche noch vor den Thüren saßen, starrten sie erschrocken und verwundert an, sie aber sah nach Keinem.

Und da stand sie in dem altbekannten Zimmer, wo sie als Kind gespielt – da stand sie an der Thür, und dort am Fenster lehnte Constanze, traurig in die Dämmerung hinaussehend.

„Sie trauert auch um ihr Kind,“ dachte Käthe, und es schnitt ihr in die Seele. Es war ihr, als fühlte sie wieder, wie ihr Knabe von ihrem Herzen losgerissen würde.

„Mutter!“ drang es da schluchzend von ihren Lippen. „Hier bin ich, Dein Kind. O meine Mutter, laß mich an Deinem Herzen mein Leid ausweinen!“

Und in Constanzens Arme sinkend, fühlte Käthe ihre Wangen von unaufhaltsamen Thränen überströmt, als ob sie, heimwehkrank, endlich in die rechte Heimath sich wieder gefunden und nun aus jeder Falte ihrer Seele sich löse, was an tiefem Weh darin zurückgedrängt worden war. Als dann Beider Thränen in einander flossen, löschten sie alles aus, was die beiden Frauen geschieden; sie fühlten nun, wie unzertrennlich die Bande seien, welche Mutter und Kind umschlingen.




  1. Verf. von „Schwester Carmen“ (vergl. Jahrgang 1880, Nr. 40 u. f.), welche mit so vielem Beifall aufgenommene Erzählung soeben in Buchform (Leipzig, Schlicke) erschienen ist und die wir in dieser ihrer neuen Form der allgemeinen Beachtung hiermit warm empfehlen. D. Red.