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Die Mecklenburger Herzogskinder bei „Frau Rath“

Textdaten
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Autor: Robert Keil
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Titel: Die Mecklenburger Herzogskinder bei „Frau Rath“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 760–764
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Mecklenburger Herzogskinder bei „Frau Rath“
Von Robert Keil.

Zu den interessantesten Episoden im Leben von Goethe’s Mutter gehört ihr Verkehr mit den Fürsten und Fürstinnen der Zeit, welche ihr theils durch ihren berühmten Sohn, theils durch den Zufall zugeführt wurden. Wie stets – mochte sie sich nun schlichten Menschen oder den Großen dieser Welt gegenüber befinden – so waren der Frau Rath auch hier, in ihren Beziehungen zu den allerhöchsten Kreisen, alle süßen, faden Redensarten, alle Schmeicheleien und Höflichkeitslügen durchaus zuwider. Wie sie dachte und fühlte, sprach sie auch, und genau so, wie sie sprach, schrieb sie, unmittelbar und geradezu. Ebendarum sind ihre originellen Briefe so wichtige, treue Belege ihrer Anschauung und ihres Charakters. An Fräulein von Göchhausen schrieb sie in einem ihrer drolligen Knittelvers-Briefe:

„Lirum larum Dudelsein,
Lassen wir die großen Männer sein
Und reden jetzt zu dieser Frist,
Wie uns der Schnabel gewachsen ist!“

So wie der Schnabel ihr gewachsen war, verkehrte sie, die frohe, lebhafte „Frau Aja“, mit dem Herzog Karl August, verkehrte sie mit der Herzogin Anna Amalie von Weimar, sowohl in ihren Briefen an dieselbe wie auch persönlich, als diese sie in Frankfurt besuchte; sie stand stets zu Beiden in innigem Verhältnis

„Ihro Durchlaucht“ – schrieb sie der Herzogin zum Beispiel am 22. October 1782 – „können ersehen, daß Frau Aja immer noch so ungefähr Frau Aja ist, ihren guten Humor beibehält und alles thut, um bei guter Laune zu bleiben. Den ganzen Winter Schauspiel! da wird gegeigt, da wird trompetet – ha! den Teufel möchte ich sehen, der Courage hätte, einen mit schwarzem Blut zu incommodiren!“

Dies war der Ton, in welchem Frau Rath an die Herzogin Amalie schrieb, und in gleich herzlichem Tone antwortete die geistvolle, lebensheitere Fürstin. Wie jeder Brief der Frau Rath ein wahres Fest am Weimarischen Hofe war, so war für die wackere Frankfurterin jeder Brief der Herzogin eine innige Freude. Eine

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Die Gartenlaube (1882) b 761.jpg

Die vierzehnjährige Prinzessin Louise mit ihrem elfjährigen Bruder am Brunnen der Frau Rath Goethe in Frankfurt am Main.
Originalzeichnung von Professor Paul Thumann.

[762] Reihe ihrer reizenden, herzlichen Briefe habe ich in meinem Buche „Frau Rath. Briefwechsel von Katharina Elisabeth Goethe“ (Leipzig, 1871) mitgetheilt. Die Herzogin berichtete ihr über die Weimarischen Festlichkeiten und über das Befinden und die Dichtungen des „Freundes Wolf“, „des Hätschelhans“ (Goethe’s), von den Aufführungen des „Jahrmarkts von Plundersweilern“ und der „Iphigenie“, und sandte ihr, der „lieben Frau Aja“, Arien, Gemälde für das „Weimarische Zimmer“, ja sogar Strumpfbänder und einen Geldbeutel, die sie mit eigener Hand für „die liebe Mutter“ gefertigt hatte. Einen der Briefe schickte sie ihr durch ihren Sohn Prinz Konstantin, „einen jungen Menschen, der noch nicht ganz flügge ist“, und mit Beziehung auf die in Frankfurt stattgehabten Krönungsfeierlichkeiten, welche für Frau Rath stets von großem Interesse waren, schrieb Anna Amalia am 13. Juli 1783 wörtlich nach Frankfurt:

„Was soll ich Ihnen schreiben, Liebste Frau Aja! nachdem Sie mit Kayser, Ertzherzogen, Fürsten, und allen Teufel sich herum getrieben haben, was kan Ihnen Wohl weiter interessiren? – man muß aus dem hohen F. F. mit Ihnen sprechen, aber leider bey uns pasirt gar nichts, sogar kein ausländisches Thier gehet durch Weimar, geschweige den ein Kayser. Doch mein Herz sagt mir, daß Frau Aja bey allem Gaudium Frau Aja geblieben, daß sie doch seitwärts Blicke voll Liebe und Freundschaft auf die Entfernten geworffen hat, und ewig die Liebe gute Mutter ist und bleiben wird. Amen!“

Nicht weniger als fünf Kaiserkrönungen erlebte Frau Rath in Frankfurt. Sie alle boten ihr, um mich ihres Leibausdruckes zu bedienendem „großes gaudium“, die interessanteste und in ihren Folgen bedeutungsvollste von allen wurde aber für sie die vierte Kaiserkrönung, diejenige vom Jahre 1790; denn sie führte ihr neue, liebenswürdige fürstliche Gäste zu, mit denen sie in dauerndes, inniges Verhältniß trat.

Am 20. Februar 1790 war Kaiser Joseph der Zweite gestorben. Sein Tod Mächte, wie Frau Rath dem Sohne der Frau von Stein schilderte, die Stadt Frankfurt zu einem lebendigen Grabe. Vier Wochen hindurch ertönten täglich zweimal die Trauerglocken so ergreifend, „daß man weinen mußte, man mochte wollen oder nicht.“ Dann aber setzten die herannahende Kaiserkrönung und deren Vorbereitungen die ganze Stadt und mit ihr die echte Frankfurterin Frau Rath in Spannung und Aufregung. Am 11. Mai schrieb sie: „Im Juli ist die erste Auffahrt zur Wahl; das giebt ein groß Spectakel. Mein Haus wird von oben bis unten vollgepfropft.“ Einige Wochen darauf, am 12. Juni, machte sie, von dem Wunsche erfüllt, daß ihr Sohn und Friedrich von Stein zu den großen Festtagen nach Frankfurt kommen möchten, ihrem jungen Correspondenten Friedrich die anschauliche Schilderung: „Eine Berechnung, wieviel der Aufenthalt während der Krönung hier kosten möchte, ist beinahe ohnmöglich zu bestimmen, soviel ist gewiß, daß eine einzige Stube den Tag ein Karolin[1] kosten wird, das Essen den Tag unter einem Laubthaler gewiß nicht. Zudem ist auch die Frage, ob ein Cavalier, der unter keiner Begleitung eines churfürstlichen Gesandten ist, Platz bekommt, denn unsre besten Wirthshäuser werden im Ganzen vermiethet. … Wenn Leopold Kaiser werden sollte, so mag Gott wissen, wo die Leute alle Platz kriegen werden, denn da kommen Gesandte, die eigentlich nicht zur Krönung gehören, als der Spanische, Neapolitanische, von Sicilien einer etc. – Bei mir waren die Quartierherren noch nicht, – ich traue mir deswegen nicht vor die Thür zu gehen und sitze bei dem herrlichen Gotteswetter wie in der Bastille, denn wenn sie mich abwesend fänden, so nähmen sie vielleicht das ganze Haus, denn im Nehmen sind die Herren verhenkert fix, und sind die Zimmer einmal verzeichnet, so wollte ich’s keinem rathen, sie zu anderem Gebrauche zu bestimmen. – Sie werden doch mit meinem Sohne kommen? Eine Stube sollen Sie haben, aber freilich müßten Sie sich begnügen, wenn’s auch drei Treppen hoch wäre, – was thäte das, wir wollen doch lustig sein.“

So kamen die großen Kaiserfesttage heran. Am 30. September wurde Leopold zum Kaiser gewählt; am 9. October wurde er mit altem feierlichem Pompe gekrönt, und erst sieben Tage darauf verließ er die festliche Stadt wieder. Weder Friedrich von Stein noch Goethe traf zu diesen Feierlichkeiten in Frankfurt ein, aber das Goethe-Haus erhielt anderen, gar lieben Festbesuch:

Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz, der nachherige Herzog, von Jugend auf dem großbritannisch-hannöverischen Kriegsdienste geweiht und in diesem bis zur Würde eines Feldmarschalls gestiegen, hatte seine erste Gattin Friederike, die durch hohe Geistesbildung ausgezeichnete Tochter des Landgrafen Georg Wilhelm von Hessen-Darmstadt, die ihm blühende Kinder geschenkt, im Jahre 1782 durch den Tod verloren. Er hatte den Kindern in der jüngeren Schwester seiner dahingeschiedenen Gattin, Charlotte, eine zweite Mutter gegeben. Als aber auch diese schon im Jahre 1785 gestorben war, war er aus dem activen Militärdienste getreten und hätte seinen Wohnsitz von Hannover nach Darmstadt verlegt. Hier genossen die Kinder, namentlich die beiden jüngsten Töchter Louise (nachherige Königin von Preußen) und Friederike, sowie der dritte Sohn Georg (später Großherzog von Mecklenburg-Sttelitz), der Pflege der würdigen Großmutter, der schon verwittweten Landgräfin von Hessen-Darmstadt. Unter deren Aufsicht leitete Demoiselle Gelieux, aus der Schweiz gebürtig, als Hofmeisterin die Erziehung der Kleinen. Dort, an dem wegen seiner edeln Einfachheit und Verehrung von Wissenschaft und Kunst allgemein hochgeschätzten Hofe, entwickelten sich die Kinder, die in ihrem jungen Leben schon so schwere Verluste zu erleiden gehabt hatten, in erfreulichster Weise.

Als nun im Jahre 1790 die Festtage der Kaiserkrönung herankamen, reisten die Prinzessinnen Louise (damals vierzehn Jahre alt) und Friederike und – wenn man der Mittheilüng Bettina’s Glauben schenken darf – auch der elfjährige Prinz Georg unter Begleitung von Demoiselle Gelieux, zu der glänzenden Feierlichkeit nach Frankfurt. Gleich den vielen anderen während der Kaiserkrönung zu beherbergenden Fürstlichkeiten wurden sie von Seiten der Stadt auf bestimmte Wohnung angewiesen, und zwar wurden die mecklenburgischen Fürstenkinder, als die Verwandten der Königin von England, im sogenannten hannöverschen Viertel bei Frau Rath Goethe einquartiert.

Frau Rath, seit dem Jahre 1782 Wittwe und damals neunund fünfzig Jahre alt, hatte sich leiblich wie geistig die ihr eigemthülnliche Frische erhalten. Ihr Aeußeres hat sie selbst einmal in einem Briefe an Friedrich von Stein vom 9. September 1784 folgendermaßen beschrieben:

„Von Person bin ich ziemlich groß und ziemlich corpulent, habe braune Augen und Haare und getraute mir die Mutter von Prinz Hamlet nicht übel vorzustellen. Viele Personen, wozu auch die Fürstin von Dessau gehört, behaupten, es wäre gar nicht zu verkennen, daß Goethe mein Sohn wäre. Ich kann das nun eben nicht finden, doch muß etwas daran sein, weil es schon so oft ist behauptet worden.“

Die Aehnlichkeit zwischen ihr und ihrem Sohne hatte schon im Jahre 1778 der Musiker Johann Friedrich Kranz, der sie in Frankfurt gesehen, in einem Briefe an sie bei Schilderung von Goethe’s Spiel auf dem Weimarischen Liebhabertheater bemerkt:

„Eines muß ich wegen großer Aehnlichkeit zwischen Ihnen und ihm doch melden. Goethe als Andrason kömmt vom Orakel …. O, wenn Sie ihn nur da hätten sehen sollen! Augen, Geberden, Ton, Gesticulation – Alles in Allem, sage ich Ihnen. Ich war gar nicht mehr im Orchester, ganz in der Atmosphäre von Casa santa. “

In den Tagen der Kaiserkrönung hatte sie noch ihren frischen Humor, ihren lebhaften, muntern Geist, ihren leichten, heitern Sinn, ihren derben Mutterwitz, ihr weiches, warmes Herz, ihr freundliches, tiefes Gemüth. Sie, welche „die Menschen sehr lieb hatte und immer die gute Seite auszuspähen suchte“, hatte an Anderer Freude selbst herzliche Freude. Ihr Haus war stets gastfrei; sie konnte sich rühmen, „daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von ihr weggegangen, weß Standes, Alters und Geschlechts sie auch gewesen.“

Mit Freude empfing sie die ihr zugewiesenen fürstlichen Kinder. Die Ankunft derselben war ein wahres Fest für das Goethe-Haus; denn die anmuthigen Kinder hatten sofort das ganze Herz der Frau Rath gewonnen. Sie that ihnen Alles zu Liebe, zu Gefallen und zur Unterhaltung. Ohnehin war sie dem Verkehre mit der Jugend zugethan. So plauderte, spielte und schaffte sie denn auch ganz jugendlich mit den Fürstenkindern und gewann sich mit diesem herzigen Wesen gar bald die Liebe derselben. Auch an sorglicher Bewirthung ließ sie es nicht fehlen, aber [763] besser als alle Delikatessen mundete den Kleinen die bürgerliche Kost der Frau Rath. Einmal, als sie sich Eierkuchen gebacken hatte und ihn zu verzehren im Begriffe war, kamen die Kinder und sahen ihr zu, und dies Gericht reizte ihren Appetit dermaßen, daß sie, als sie ihnen davon zu essen gab, zu großem Ergötzen der Frau Rath es verspeisten, „ohne ein Blatt zu lassen“. Für Frau Rath war und blieb es ein „Hauptspas“, und den Kindern blieben die Eierkuchen unvergeßlich; noch nach Jahren gedachten sie der Lust, mit der sie dieselben verzehrt, und wie köstlich sie ihnen geschmeckt hatten.

Eine gleich reizende Scene spielte sich einmal im Hofe ab. Der Hof, in den man von der Hausflur über zwei Stufen abwärts gelangte, war zwar ein beschränkter, von Gebäuden umschlossener Raum, aber ein stilles und kühles Plätzchen, und der Hausbrunnen bot den Kindern die schönste Gelegenheit zu Kurzweil und Spiel. War das ein Vergnügen, so recht nach Herzenslust pumpen – in Darmstadt hatten sie ja solche Gelegenheit nicht, und wäre das auch der Fall gewesen, so hätte die fürstliche Etikette die Benutzung derselben unmöglich gemacht. Doch auch hier drohte ihrem harmlosen Spiele Gefahr: die Hofmeisterin Demoiselle Gelieux machte Miene, die Kinder abzurufen, Frau Rath aber war ihr Schutz. Klug und weise, wußte sie „durch alle möglichen Arumente“ die Hofmeisterin abzuhalten, und endlich, als diese nicht mehr darauf Rücksicht nahm und kein anderes Mittel gegeben war, brauchte Frau Rath Gewalt: sie schloß die Demoiselle Gelieux im Zimmer ein. So konnten nun die jungen Prinzessinnen und der kleine Prinz ungestört „sich im Hof am Brunnen recht satt Wasser pumpen“.

„Ich hätte,“ sagte Frau Rath nachher darüber, „mir eher den ärgsten Verdruß über den Hals kommen lassen, als daß man sie in dem unschuldigen Vergnügen gestört hätte, das ihnen nirgendwo gegönnt war, als in meinem Hause.“

Die vierzehnjährige Prinzessin Louise und ihr elfjähriger Bruder am Brunnen der Frau Rath in heller Kinderlust – das ist die Scene, welche Thumann’s Meisterhand auf beifolgendem Bilde so allerliebst dargestellt hat.

Ueberglücklich waren die Kinder, so lange sie im Goethe-Hause logirten, und beim Abschied sagten sie es denn auch der liebevollen Frau Rath, daß sie nie vergessen würden, wie glücklich und vergnügt sie bei ihr gewesen.

Die großen Frankfurter Festtage waren vorüber; Frau Rath konnte an Friedrich von Stein schreiben:

„Nach dem großen Wirrwarr, den wir hier hatten, ist’s jetzt wie ausgestorben. Mir ist das ganz recht; da kann ich meine Steckenpferde desto ruhiger galoppiren lassen. Ich habe deren vier – wo mir eins so lieb ist wie’s andere, und ich ofte nicht weiß, welches zuerst an die Reihe soll. Einmal ist’s Brabanter Spitzenklöppeln, das ich noch in meinen alten Tagen gelernt, und eine kindische Freude darüber habe; dann kommt das Clavier; dann das Lesen und endlich das lange aufgegebene, aber wieder hervorgesuchte Schachspiel.“

Zu den Mecklenburger Fürstenkindern und deren Familie war und blieb aber Frau Rath seitdem in innigem Verhältnisse. Prinz Karl, der Vater, verehrte ihr für die so freundliche Aufnahme seiner Kinder eine prachtvolle Dose mit seiner Brillantchiffre. Zwei schöne Tassen, welche, von Frau Rath lange als werthe Andenken bewahrt, nach ihrem Tode in die Hände ihrer alten Dienerin Lieschen übergingen und sich jetzt in meinem Besitze befinden, sollen Zeichen der Dankbarkeit der beiden Prinzessinnen sein. So oft die letzteren nach Frankfurt oder in dessen Nähe kamen, besuchten sie die liebgewonnene Frau Rath, und diese war nicht wenig stolz auf „ihre Prinzessinnen“ und nahm stets für dieselben entschieden Partei.

Als Louise, fünfzehn Jahre alt, mit ihrer Großmutter einen Besuch beim Kurfürsten von Mainz machte und dort in einem blauseidenen Kleide mit „spitzen Aermeln“, wie man sie damals nannte, in das Zimmer trat, stürzte Frau von Guttenhofen, geborene Gräfin Hatzfeld, eine berühmte Schönheit am Mainzer Hofe, auf die junge Prinzessin mit den Worten zu:

„Wissen Sie wohl, Prinzeß, daß man hier nicht mit langen Aermeln herkommen kann?“

Sofort gefaßt, erwiderte ihr Louise:

„Ich thue alles nach den Befehlen meiner Großmutter, und so hab’ ich auch angezogen, was sie mir befohlen.“

Der Auftritt machte doch einen unangenehmen Eindruck auf sie, und niemals ist sie wieder dort gewesen. Frau Rath vernahm den Vorfall mit großem Unmuth und sprach lebhaft für ihr Prinzeßchen. Wie sie ihrem Unwillen nach Jahr und Tag Ausdruck gab, werden wir später sehen.

Schon am 1. März 1792 starb Kaiser Leopold der Zweite, und am 14. Juli wurde sein Sohn als Franz der Zweite zum Kaiser gekrönt. Es war die letzte Kaiserkrönung, welche die Frau Rath erlebte. Auch die mecklenburgischen Prinzessinnen nahmen an der Feierlichkeit wieder theil, und wohnten sie auch diesmal nicht im Goethe-Hause, so erfreuten sie doch die Frau Rath mit ihrem Besuche.

Im März des nächsten Jahres kamen beide auf der Rückreise von Hildburghausen nach Darmstadt wieder nach Frankfurt. Dort lernte der damalige Kronprinz von Preußen Friedrich Wilhelm die nun siebenzehnjährige Prinzessin Louise kennen und wurde von ihrer Schönheit und Anmuth, von ihrem Geist und Gemüth gefesselt. Wie in späterer Zeit zwei preußische Prinzen mit dem Schwesternpaar von Weimar sich verbanden, so erfolgte damals, am 24. April 1793 die Doppelverlobung in Darmstadt: Friedrich Wilhelm mit Louise, sein Bruder Ludwig mit Friederike. Mit lautem Jubel vernahm Frau Rath die frohe Kunde. Bald darauf weilten beide Prinzessinnen als Bräute mit ihren Verlobten und deren Vater wieder zu Frankfurt. Rahel nennt sie „die beiden schönsten Fürstinnen Deutschlands, holde, blonde, liebe Engel“.

Der König hatte im Theater seine Loge neben derjenigen der Frau Rath Goethe. Sie fehlte natürlich im Theater nicht; ihr Herz frohlockte, daß ihre Prinzeßchen so schönen und vornehmen Prinzen vermählt werden sollten; sie mußte ihrem Logennachbar zeigen, wie nahe sie den hohen Bräuten befreundet war. Wie drollig sie dabei verfahren und die vom Herzog von Mecklenburg empfangene Dose dazu verwandt hat, das hat sie selbst nachher ihren fürstlichen Freundinnen anschaulich erzählt; Friederike hat in liebevoller Erinnerung die Worte der Frau Rath noch nach Jahren wiedergegeben:

„Ich nehme meine Dose, geh’ in’s Theater und stelle sie mit draufdrückender Hand fest auf den Logenrand; der König sieht nichts. Ich nehme eine Prise, setze die Dose näher an den König, und sehe ihn an; er sieht nicht auf die Dose hin; er hat mehr dergleichen gesehen. Ich nehme sie abermals, setze sie noch näher und sehe wieder den König an; endlich blickt er auf die Dose, und wie er sie gesehen hat, sagt er ganz gütig: ,Ei! Madame Goethe, was haben Sie da für eine schöne Dose!’ Ja, Ihre Majestät, antworte ich, die hab’ ich auch von meinen Prinzessinnen von Mecklenburg.“

Und so mußte der König ihre Freude wissen, und die Sache war gelungen.

Am 24. December 1793 wurde Louise mit Friedrich Wilhelm vermählt, und im Jahre 1797 wurde sie die allgeliebte Königin von Preußen. Ihre Freundschaft zu Frau Rath blieb innig wie früher, und als sie im Sommer 1799 nach Frankfurt kam, ließ sie durch ihren Bruder Georg die Frau Rath zu sich einladen. Prinz Georg kam um Mittag zu Frau Rath, die inzwischen, durch die Kriegsunruhen veranlaßt, das Goethe’sche Haus verkauft und ein schönes Logis am Roßmarkt, der Hauptwache gegenüber, im sogenannten „Goldenen Brunnen“ bezogen hatte. Dort speiste der nun zwanzigjährige Erbprinz, der soeben die Universität Rostock verlassen hatte, bei der guten Alten, an deren kleinem Tische in traulicher Unterhaltung über die vergangenen frohen Tage, und lustig klangen die Gläser. Um sechs Uhr holte er sie in einem Wagen „mit zwei Bedienten hinten auf“ in den Taxis’schen Palast zur Königin, deren Schwester die Fürstin von Thurn und Taxis war, und Frau Rath meldete darüber am 20. Juli ihrem Sohne nach Weimar: „Die Königin unterhielt sich mit mir von vorigen Zeiten – erinnerte sich noch der vielen Freuden in meinem vorigen Hauß – der guten Pfannekuchen etc.“

Um jene Zeit mag sich wohl auch die ergötzliche Scene zugetragen haben, in welcher Frau Rath ihren alten Unwillen über Frau von Guttenhofen und das Ereigniß am Mainzer Hofe zum Ausdruck brachte. Königin Louise, die in Wilhelmsbad verweilten lud die Frau Rath Goethe aus Frankfurt dahin ein; diese leistete der Einladung Folge und saß eines Tages im Brunnensaal neben der Königin, während „aller Welt Menschen“ (erzählt die Schwester Friederike) sich einfanden und ihre Huldigungen darbrachten. Frau [764] Rath hörte nicht auf, nach den ihr unbekannten Personen zu fragen: „Wer ist die? wer ist das?“ Und wie sie wieder nach dem Namen einer Dame fragte, die eben gesprochen hatte, antwortete die Königin:

„Frau von Guttenhofen!“

„Die Frau von Guttenhofen?“ fuhr sofort Frau Rath lebhaft und in größter Wuth auf; „die Frau von Guttenhofen, die so grob war? Lassen Ihro Majestät ihr nun gleich befehlen, sie soll sich ihre Aermel abschneiden!“

Auch im Juni 1803 sah Königin Louise die hochbetagte Freundin in Frankfurt wieder und erstellte sie durch das Geschenk eines goldenen Halsbandes.

Mit dem Prinzen Georg, dem Freunde ihres Sohnes, stand Frau Rath in Briefwechsel. In einem in meinem Besitze befindlichen Briefe vom 20. August 1805 schreibt er ihr von Charlottenburg aus in alter Herzlichkeit: „Da ich weiß, daß Sie Ihrem alten Freunde Gerechtigkeit widerfahren lassen, so würde es mir unmöglich seyn, Ihnen meine Freude Ihres lieben Briefes wegen mit den gewöhnlichen Schnörkeln auszumahlen. Ich sage Ihnen lieber, daß ich darin ganz meine alte, liebe Räthin erkannt habe, die Frau, von der es mich nie gewundert hat, daß sie uns Goethe gebahr …. Bleiben Sie mir nur immer recht gut und recht lang noch hier auf Erden – damit wir noch oft die Gläser anklingen können, wenn ich durch Frankfurth komme, zum Angedenken der schönen, alten Zeit; denn ich glaube nun mit ziemlicher Gewißheit bestimmen zu können, daß ich wohl immerdar der Alte bleiben werde. Die Königin, welche mich versichert, Sie mit herzlicher Freude in Frankfurth wiedergesehen zu haben, grüßt Sie schönstens, und ich – wenn Sie’s erlauben – umarme Sie nach alter Uebereinkunft auf alte deutsche Weise.“

Leider sollte sein Wunsch, die Frau Rath möge, „noch recht lang hier auf Erden“ bleiben, nicht in Erfüllung gehen. Wohl sah er sie im Februar oder März 1808 in Frankfurt noch einmal wieder. Er trat bei ihr gleich mit den Worten ein: „Frau Rach, werd’ ich heut’ Abend mit Ihnen einen Specksalat mit Eierkuchen essen?“ und gedachte der unvergeßlichen Krönungstage, der Brunnenlust und der eingeschlossenen Hofmeisterin. Doch schon wenige Monate später, am 13. September 1808, schied die wackere Frau aus dem Leben. Am 10. Juli 1810 folgte ihr die liebenswürdige königliche Freundin Louise. Prinz Georg aber, seit 1816 Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, bewahrte der „alten lieben Räthin“ alle Zeit treues Andenken, und noch im Jahre 1822 erzählte Friederike, die damalige Herzogin von Cumberland (nachherige Königin von Hannover), zu Teplitz in vertrautem Kreise in treuer, liebevoller Erinnerung, ja mit kindlicher Nachfreude, von der guten Frau Rath und von der herzlichen Aufnahme, die sie einst bei ihr als Einquartierung im Goethe-Hause gefunden hatte.

  1. Karolin, auch Karlin genannt, war eine seit 1732, wo sie zuerst Karl Philipp von der Pfalz schlagen ließ, in Oberdeutschland allgemein gangbare Goldmünze. Ihr Werth schwankte zwischen 18 bis 20 Mark.
    D. Red.