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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Die Maultasch-Schutt
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 215-219
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
Bild
Deutsche Sagen (Grimm) V2 235.jpg
Bearbeitungsstand
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[215]
504.
Die Maultasch-Schutt.
Megiser Chronik von Kärnthen II. 974 - 977.

Balvassor Ehre von Crain. B. 15. S. 317.


Wie das Schloß Dieterichstein von der Frau Margreth Maultasch (im Jahr 1334) belagert und verwüstet worden, sind hiezwischen viel Herren Landleut aus Kärnthen mit Weib und Kind in eilender Flucht gen Osterwitz kommen, dem edeln und gestrengen Herrn Reinher Schenk zugehörig, von dem sie dann mit großen Ehren sind empfangen worden. An diesem Orte, als von Natur überaus stark und ungewinnlich, hatten sie alle gute Hoffnung, mit den Ihren vor der Tyrannin sicher zu bleiben. Es liegt aber Osterwitz eine Meil Wegs von St. Veit gegen Völkelmarkt werts zu der rechten Hand, auf einem starken und sehr hohen Felsen, der an keinem Ort [216] die Kluft zusammen getragen, und auf den hohen Felsen sich versteckt haben, die wir nicht so leichtlich in unsern Klauen werden fassen können; darum wir sie in ihrem tiefen Nest sitzen und andere gemästete Vögel suchen wollen.“ Hat von Stund an darauf ihren Kriegsleuten geboten, daß ein jeder insonderheit seine Sturm-Haube voll Erde fassen und solches auf einem ebenen Felde, gleich gegen Osterwitz über, ausschütten sollte. Welches, als es beschehen, ist aus derselben Erde ein ziemlich groß Berglein worden, das man lange Zeit im Land zu Kärnthen die Maultasch-Schutt genannt hat. Noch vor Kurzem, im Jahr 1580 hat Herr Georg Kevenhüller, Freiherr zu Aichelberg, als Landes-Hauptmann von Kärnthen, der Frau Maultasch Bildniß in schönem, weißem Stein ausgehauen lassen, welche Säul das Kreuz bei der Maultasch-Schutt genannt worden. [217] Befehl: daß sie ihn mit vielen und, reichen Verheißungen dahin bewegen sollten, das Schloß Osterwitz ihr zu übergeben, und mit den Seinen frei abzuziehen. Als auf solche Werbung Herr Reinher Schenk abschläglich antwortete und sagen ließ „er müsse ein Kind seyn, wenn er darauf horchen und nach ihren Drohungen fragen wollte“ also daß die Gesandten mit betrübtem Herzen ins Lager zurück kamen: riethen ihr alle, den Ort, da mit Gewalt nichts auszurichten wäre, auszuhungern, und mit solchem Mittel den kärnthischen Adel zum Brett zu treiben. Welchem getreuen Rath auch Frau Maultasch nachkommen wollte, weil doch keine andere Gelegenheit vorhanden war, ihres Willens habhaft zu werden.

Weil dann nun diese Belagerung ziemlich lange gewähret, entstand hiezwischen in dem Schloß zu Osterwitz nicht allein unter den gemeinen Knechten, sondern auch denen von Adel, sonderlich aber bei dem Frauenzimmer ein großer Mangel in allen Sachen, vornehmlich aber an Wasser, daß auch täglich viel umkamen. Dann es waren von den drei Hundert Knechten kaum Hundert überblieben, die sich, gedrungener Weise, mit abscheulicher Speise, als Katzen-, Hund- und Roßfleisch ersättigen mußten. Indem sich nun etliche vornehme Herren, und vom Adel deßwegen mit einander berathschlagten, wie den Sachen zu thun wäre, erfanden sie endlich einen trefflich guten und erwünschten Weg. Denn, als sie täglich den großen Jammer vermerkten, und ihnen gar schmerzlich war, daß sie [218] sammt Weib und Kindern in großem Unglück standen, und noch zukünftiger Zeit mehrerm Unfall möchten unterworfen seyn, gingen sie sämmtlich zu Herrn Reinher Schenk und sagten ihm: „wie sie dies Mal nur durch einen listigen Fund, weil sie keine Hülfe von Erzherzog Otto zu gewarten hätten, zu erretten wären. Nun hätten sie eine gute und geschwinde Kriegslist erdacht, damit den grimmen Feind ab ihrem Hals zu bringen. Nämlich, dieweil sie gesehen, daß alle Essens-Speisen und des Leibes Nothdurft nun bereits verzehrt, und nichts mehr in ihrer Gewalt wäre, als ein dürrer Stier und zwei Vierling Roggen: so wäre ihr getreuer Rath, Gutdünken und Meinung, man sollte hierauf den Stier abschlachten, in dessen abgezogene Haut den Roggen einschütten, und sie also, wohl vermacht, den Berg herab werfen. Wenn die Feinde dann solches sähen, würde es ihnen Ursache geben zu denken: wir wären mit allerlei Nothdurft und Lebensmittel noch reichlich versehen, und könnten die Belagerung noch eine gute Zeit ausharren. Derowegen sie unzweifelich würden aufbrechen und mit dem ganzen Kriegsheer abziehen.“ Diesem Rath kam Herr Reinher Schenk alsbald nach, ließ den Stier abnehmen, den Roggen darein thun, und solche damit über den Berg abstürzen, dem jedermann mit großer Verwunderung zugesehen. Als aber solches Frau Maultasch erfahren, thät sie hierauf einen lauten hellen Schrei und sagte: „ha! das sind die Klaus-Rappen, so eine gute Zeit ihre Nahrung in [219] die Kluft zusammen getragen, und auf den hohen Felsen sich versteckt haben, die wir nicht so leichtlich in unsern Klauen werden fassen können; darum wir sie in ihrem tiefen Nest sitzen und andere gemästete Vögel suchen wollen.“ Hat von Stund an darauf ihren Kriegsleuten geboten, daß ein jeder insonderheit seine Sturm-Haube voll Erde fassen und solches auf einem ebenen Felde, gleich gegen Osterwitz über, ausschütten sollte. Welches, als es beschehen, ist aus derselben Erde ein ziemlich groß Berglein worden, das man lange Zeit im Land zu Kärnthen die Maultasch-Schutt genannt hat. Noch vor Kurzem, im Jahr 1580 hat Herr Georg Kevenhüller, Freiherr zu Aichelberg, als Landes-Hauptmann von Kärnthen, der Frau Maultasch Bildniß in schönem, weißem Stein ausgehauen lassen, welche Säul das Kreuz bei der Maultasch-Schutt genannt worden.