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Die Maskenbälle in der großen Oper zu Paris

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Titel: Die Maskenbälle in der großen Oper zu Paris
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 96
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[96] Die Maskenbälle in der großen Oper zu Paris. Wie oft ist nicht schon von den Pariser Opernbällen gesprochen worden! Wie viel stumpfe und spitze Federn haben sich nicht an mehr oder minder weitläufigen Schilderungen dieser Bälle versucht! Und wie sehr hat man nicht bei dieser Gelegenheit über die Lasterhaftigkeit des modernen Babels geschrieen! Das arme Paris! Die meisten Fremden, die nach der Hauptstadt Frankreichs kommen, suchen hier Zerstreuungen aller Art, und nachdem sie sich einige Zeit mit der Tugend überworfen, kehren sie mit einem moralischen Katzenjammer nach der Heimath zurück und werden nicht müde, von der Sittenlosigkeit in Frankreich zu sprechen. Paris ist nicht unsittlicher als irgend eine große europäische Stadt; in keiner andern Stadt unseres Welttheils wird aber so viel, so unablässig gearbeitet. Die Opernbälle selbst zeugen von der unermüdlichen Thätigkeit der Pariser. Jedes Mal, wenn ein solcher Ball stattfindet, sind alle Kaffeehäuser, alle Restaurants die ganze Nacht hindurch geöffnet. Im Opernhause selbst ist ein zahlreiches Personal beschäftigt. Das Orchester zählt nicht weniger als hundertundvierzig Mitglieder. Hierzu kommen noch die Angestellten: die Lampisten, die Machinisten, die Logenwärterinnen, die Controleure, die Aufseher etc., im Ganzen fünfhundertundfünfzig Personen. Es ist statistisch erwiesen, daß ein Opernball elfhundert Wagen die Nacht hindurch in Circulation erhält. Außerdem sind die Handschuhladen, die Costümhändler, die Maskenverleiher, die Friseurs, die Kuchenbäcker bis zu Tagesanbruch in unausgesetzter Thätigkeit. Die Lebhaftigkeit des Besuchs variirt nach dem Grade des öffentlichen Wohlstandes. So betrug im Jahre 1849 die Gesammteinnahme dieser Bälle etwa neunzigtausend Franken, während gegenwärtig das Vierfache dieser Summe erzielt wird.

Der jetzige Capellmeister des Opernball-Orchesters heißt Strauß. Derselbe hat mannigfache Reformen in dieser Anstalt eingeführt. Die Bälle fangen jetzt später an und hören früher auf, und die Bedingungen des Eintritts sind auch etwas erschwert worden. Indessen werden doch noch immer sehr viele Freibillets vertheilt. Die Pariser Presse wird mit zweihundert Freibillets bedacht. Die Demi-monde erhält deren an fünftausend. Etwa zweihundert Männern wird ebenfalls freier Eintritt gewährt. Außerdem werden ihnen von der Administration noch die Costüme geliefert; sie übernehmen aber damit die Verpflichtung, tüchtig die Beine zu rühren und das Publienm heiter zu stimmen. Vier Tänzer, von denen zwei in Frauencostüm erscheinen müssen, werden sogar von der Administration bezahlt. Die Namen der vier Männer, die in der heurigen Saison auf den Opernbällen die tolle Quadrille tanzen, sind: Clodoche, Flageolet, La Comète und Normande. Es sind lauter Spitznamen. Die beiden Letztgenannten sind immer in Frauencostum. Daß dieses edle Doppelpaar nicht von den ersten Schichten der Gesellschaft abstammt, braucht wohl nicht erst besonders erwähnt zu werden. Clodoche war früher Leichenbitter, da er aber seinem Geschäfte, bei dem man nicht leicht Millionär wird, keine heitere Seite abgewinnen konnte, wurde er Cancantänzer. Er sprang ohne vermittelnden Uebergang vom Kirchhof in die öffentlichen Tanzsäle, wo er sich jetzt einer großen Popularität erfreut. Außer dem Honorar, das diese Quadrille von der Verwaltung erhält, wird sie auch von den jungen Leuten reichlich bedacht, vor deren Logen sie die verwogenen Sprünge macht.

Die Opernbälle werden sehr zahlreich von Fremden besucht. Es ist auch der Mühe werth, eine Stunde lang dieses schwindelerregende Tohubohu anzusehen. Daß die Frauenwelt auf den Opernbällen fast nur durch jene Wesen vertreten ist, die mit der Tugend auf mehr oder minder gespanntem Fuße leben, versteht sich von selbst.