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Textdaten
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Autor: H. J. Klein
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Titel: Die Marskanäle
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 508
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Marskanäle.
Ein Beitrag zur Frage über die Bewohnbarkeit der Planeten.
Von Dr. H. J. Klein.

Die Frage, ob jenseit unserer Erde auf anderen Planeten lebende und vernunftbegabte Wesen vorhanden sind, ist seit jeher von zahllosen Menschen aufgeworfen und aus den verschiedensten Gründen bald bejahend bald verneinend beantwortet worden.

Die Einen glauben, unsere Erde habe allein den Vorzug, ein Wohnplatz vernünftiger Wesen zu sein, und sie führen dafür Gründe an, welche aus der Lage unseres Planeten im Sonnensystem hergenommen sind und wonach sich in der That eine bevorzugte Stellung der Erde im Weltall ergiebt. Diese letztere ist nämlich nicht so nahe bei der Sonne, daß deren Glut der Entwicklung organischen Lebens hemmend entgegentreten kann, wie solches z. B. auf dem Planeten Merkur aller Wahrscheinlichkeit nach der Fall ist; anderseits befindet sich wiederum die Sonne nicht so weit von uns ab wie etwa vom Planeten Saturn, dem sie kaum mehr als ein Prozent der Wärme und des Lichts spendet, welche die Erde thatsächlich empfängt. Dazu kommt, daß letztere auch in der Stellung ihrer Achse und der Dauer ihrer Umdrehung Zustände aufweist, die das Gedeihen organischen Lebens in hohem Grade begünstigen, und schließlich besitzt unser Planet eine ziemlich dichte Atmosphäre und erhebliche Wassermengen, wie solche ganz bestimmt auf mehreren anderen Weltkörpern nicht vorhanden sind. Das sind in der That Vorzüge unserer Erde, die vereinigt bei keinem andern Planeten angetroffen werden.

Dagegen stützen sich die, welche die Bewohntheit auch der übrigen Planeten behaupten, darauf, daß ein besonderer Grund, weshalb die Erde allein den Vorzug, denkende Wesen zu beherbergen, besitzen solle, gar nicht aufzuweisen sei. Sie sagen, daß von der gesamten Wärme, welche die Sonne ununterbrochen aussendet, der Erde nur der zwanzigmillionste Teil von einem einzigen Prozent zu teil wird, also die ganze ausgestrahlte Sonnenwärme fast nutzlos in den Raum verstrahlen würde, wenn die Erleuchtung und Erwärmung der Erde ihre einzige Aufgabe wäre. Diese Wärme, sagen sie weiter, ist zum Gedeihen der Organismen unbedingt nötig, daher sei anzunehmen, daß es auch außerhalb der Erde organische Wesen giebt, denen sie zu gute kommt. Ferner weisen sie darauf hin, daß es ungereimt wäre, anzunehmen, alle jene Milliarden von Weltkörpern seien nur als tote, öde Kugeln vorhanden, vielmehr sei es der Weisheit des Schöpfers angemessen, auch in andern Teilen des Weltraumes vernunftbegabte Wesen in zahlreichen Welten erschaffen und angesiedelt zu haben.

Einer der bedeutendsten neueren Astronomen, Simon Newcomb, hat sich in der Frage nach der Mehrheit bewohnter Welten dahin ausgesprochen, daß nur eine verhältnismäßig sehr geringe Anzahl von Planeten mit vernünftigen Wesen bevölkert sei, darunter könnten freilich auch solche sein, welche uns Menschen in geistiger Beziehung weit überragten. Indessen beschränkt Newcomb diese Wahrscheinlichkeit insofern wieder, als er die Bewohntheit solcher Weltkörper nur während einer gewissen Periode ihrer Existenz zuläßt. Unsere Erde, die als solche sich gewiß seit mehr als 10 Millionen Jahren in ihrer Bahn bewegt, wird verhältnismäßig erst in der jüngeren Zeit von Menschen bewohnt und vor allem datiert die Civilisation erst von gestern. Wenn also ein denkendes Wesen in Zwischenzeiten von etwa 10 000 Jahren die Erde seit deren Beginn besucht hätte, um sich darauf nach Genossen umzusehen, so würde es tausendmal nichts dergleichen gefunden haben, ehe es ein einziges Mal Menschen antraf. „In ähnlicher Weise,“ sagt Newcomb, „müssen wir annehmen, daß dieselben Enttäuschungen Den erwarten würden, der jetzt eine ähnliche Entdeckungsreise von Planet zu Planet und von System zu System unternehmen könnte, bis er viele tausend Planeten untersucht hätte.“

Einer der größten Denker des vorigen Jahrhunderts, der berühmte Mathematiker Lambert, kam dagegen zu dem Schlusse, daß kein Teil des Weltraumes öde und unbewohnt sei. Er sprach die Ueberzeugung aus, daß, wenn die Welt ein Ausdruck oder eine fortdauernde Wirkung der göttlichen Vollkommenheit sei, an jeder Stelle derselben Leben und Wirksamkeit, Gedanken und Triebe vorhanden sein müßten; deshalb trug er kein Bedenken, jedes Sonnensystem so sehr mit bewohnten Weltkörpern anzufüllen, wie die vortreffliche Ordnung, die sich in ihrem Laufe zeigt, nur immer zuläßt. „Auf unserer Erde,“ sagt er, „die wir seit der Erfindung der Vergrößerungsgläser auch in den kleinsten Teilen betrachten können, finden wir alles so voller Einwohner, daß wir nicht länger mehr zweifeln können, die Belebung aller Teile der Welt als eine Absicht der Schöpfung anzusehen, die keine Ausnahme erleidet. Um die Beschaffenheit der Einwohner jedes Weltkörpers bin ich nicht besorgt, weil ich überhaupt annehmen kann, daß jeder derselben für die Stelle, wo er sich befindet, eingerichtet sein wird. Was wir auf der Erde finden, richtet sich ohne Ausnahme nach diesem Gesetze. Wer würde an die Bewohnbarkeit des Wassers denken, wenn die Fische und andere Wassertiere uns nicht von Kindheit auf bekannt wären?“

Auch der große Mathematiker Gauß war der Meinung, daß lebende Wesen zu beherbergen nicht das ausschließliche Privilegium der Erde sei; er meinte, die Natur habe mehr Mittel, als der arme Mensch ahnen könne; im übrigen hielt er die Frage nach der Bewohntheit der Weltkörper nicht für wissenschaftlich lösbar, da wir durch Beobachtung keine bestimmten Thatsachen ermitteln könnten. Wirklich ist der Astronom trotz aller Fortschritte der Optik noch nicht imstande, selbst auf dem uns nächsten Weltkörper, dem Monde, Gegenstände, von der Größe etwa eines Hauses, zu erkennen. Indessen ist dies für die Frage nach der Bewohnbarkeit des Mondes auch durchaus nicht erforderlich, denn aus vielen Gründen ist mit absoluter Sicherheit zu schließen, daß der Mond, wenigstens in seinem heutigen Zustande, nicht Wohnplatz menschenähnlicher Wesen sein kann. Was aber beim Monde nicht gelingt, kann von der Beobachtung der außerordentlich viel weiter entfernten Planeten durchaus nicht erwartet werden. Nur allgemeine Aufschlüsse über die Beschaffenheit ihrer Oberflächen sind mittels der mächtigsten Ferngläser bei einigen Planeten zu erhalten, und vor allem ist es in dieser Beziehung der Planet Mars, welcher zu den dankbarsten Objekten für den beobachtenden Astronomen gehört. Was man in dieser Beziehung gefunden hat, ist früher bereits an dieser Stelle mitgeteilt worden. (Vergl. „Gartenlaube“ Jahrg. 1891, Seite 395.)

Besonders sind es die sogenannten Kanäle auf dem Mars, die zuerst Schiaparelli gesehen hat, welche allgemeines Interesse erregt haben, da sie Erscheinungen sind, die ebenso unerwartet wie unerklärlich dem Beobachter entgegentraten. Zur möglichst genauen Untersuchung dieser Marskanäle hatte der Amerikaner Percival Lowell vor mehreren Jahren auf einem hohen Berge in Arizona, wo die Luft für astronomische Untersuchungen sehr geeignet ist, eine besondere Sternwarte errichtet. Seine Untersuchungen waren von großem Erfolge gekrönt, denn er hat mehrere hundert solcher Marskanäle beobachtet und ihr Verhalten in den verschiedenen Jahreszeiten des Mars genau studiert. Als Ergebnis seiner Untersuchungen hat er nun kürzlich eine Karte des Mars in Mercators Projektion entworfen. Dieselbe wird in verkleinertem Maßstabe von unserer Fig. 1 wiedergegeben, und zwar ist oben Nord, unten Süd. Zur Vergleichung ist in Fig. 2 die Erdoberfläche dargestellt, wie sie, abgesehen von Bewölkung, ein Beobachter auf dem Mars, der mit den nämlichen Instrumenten wie wir ausgerüstet wäre, gemäß seinen allmählichen Wahrnehmungen in Mercators Projektion darstellen würde. Die irdischen Festländer würden dem Beobachter hell erscheinen, noch heller die Polargegenden, während die Meere dunkel wären, und zwar in verschiedenem Grade. Von den tiefen Meeresbuchten und Landseen würden nur die größeren in ziemlich verschwommener Weise zu erkennen sein, so das Rote Meer, der Persische Meerbusen, der Busen von Kalifornien, der Baikalsee, der Aralsee, das Kaspische Meer und die großen nordamerikanischen Seen. Von den Gebirgen würde man nur schwache Andeutungen wahrnehmen, hauptsächlich durch Helligkeitsabweichung gegen die Umgebung, dagegen würden die ausgedehnten Waldregionen Südamerikas sich als eine grünliche Färbung der Fläche darstellen. Von unseren Flußsystemen, selbst von jenem des Amazonenstromes, würde ein Beobachter auf dem Mars schlechterdings keine Spur zu erkennen vermögen.

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Fig. 1. Karte des Mars in Mercators Projektion nach Lowell.

Nun vergleiche man mit dieser Erdkarte die neue Karte der Marsoberfläche. Welch ein Unterschied! Zwischen einigen dunklen Flecken mit jenen weichen, verschwommenen Umrissen, welche die Gestade der Meere auf der Erdkarte zeigen, sehen wir auf dem Mars ein höchst kompliziertes System von geraden Linien, welche Dreiecke und Vielecke miteinander bilden, ein geradezu geometrisches Netz. Und thatsächlich sind diese Linien – die berühmten „Kanäle“ – schnurgerade, wie längs des Lineals gezogen, viele darunter doppelt, einander parallel laufend wie die Schienen einer Eisenbahn. Man muß sich immer wieder daran erinnern, daß diese schnurgeraden scharfen Linien wirklich auf dem Mars zu sehen sind, wenn auch nicht alle zugleich, schon weil der Mars sich um seine Achse dreht und in nahezu 24½ Stunden uns alle Teile seiner Oberfläche nacheinander zuwendet. Auf keinem andern Planeten, ebensowenig wie auf der Erde, findet man Naturgebilde, welche auch nur im entferntesten diesem komplizierten Netze von schnurgeraden einander durchkreuzenden Kanälen zu vergleichen wären. Die dunklen großen Flecke sind, wie erwähnt, Wassermassen, Meere, und von ihnen gehen die Kanäle aus und durchziehen alle Teile des hellen Festlandes. Wo sich mehrere Kanäle treffen, sieht man meist einen runden dunklen Fleck, eine kleine seeartige Erweiterung. Merkwürdig ist, daß diese Kanäle auch in den größeren Meeresbecken sichtbar sind. Dies ist nicht immer der Fall, sondern nur zu gewissen Zeiten, wodurch bewiesen wird, daß jene Meere nur seichte Wasserbecken sein können, die im Laufe des Marsjahres sogar periodisch zu einer Art Sumpf zusammenschrumpfen.

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Fig. 2. Die Erde vom Mars aus gesehen, in Mercators Projektion dargestellt.

Ueberhaupt zeigt schon ein vergleichender Blick auf die Erd- und Marskarte, daß auf dem Mars verhältnismäßig nur wenig Wasser vorhanden ist, von jenen gewaltigen Oceanen, wie bei uns das Stille Weltmeer oder das Atlantische Meer, kann dort absolut keine Rede sein. Ein durchgreifender Unterschied zwischen der Erde und dem Mars ist danach vor allem der, daß auf dem Mars im allgemeinen Mangel an Wasser herrscht, und wenn man dies weiß und beachtet, scheint damit sogleich das Verständnis des seltsamen Kanalnetzes eröffnet. In der That, wer ersähe nicht aus der Karte, daß dieses Kanalnetz so angelegt erscheint, als wenn es dem trockenen Innern des zusammenhängenden Festlandes das belebende Naß zuführen sollte? Unter dieser Voraussetzung können wir die Kanäle in ihrer Anordnung begreifen, andernfalls ist es unmöglich, sie zu deuten. Sehen wir nun zu, was die beiden genauesten Kenner des Mars, Schiaparelli und Lowell, über die Meere und das Kanalsystem desselben ermittelt haben. Sie sind darin einig, daß die Kanäle, deren Durchmesser von 30 bis zu 200 Kilometern wechselt und die eine Länge von 500 bis 2000 Kilometern und darüber besitzen, ein wirkliches hydrographisches System bilden, welches dem Durchgang von Wassermassen dient und im Kreislauf der Jahreszeiten auf dem Mars eine wichtige Rolle spielt. Auf diesem Planeten ist das Wasser, wie bereits erwähnt, ziemlich knapp bemessen und die wechselnden Erscheinungen an seiner Oberfläche hängen von dem Schmelzen des Schnees in seinen Polargegenden ab. Sobald die große Schneeschmelze im Frühjahr beginnt, zeigt sich die weiße Schneezone an ihrem äußeren Rande von einer dunklen Borde umsäumt, welche mit dem zurückweichenden Eise gleichen Schritt hält. So sah es Lowell bei seinen Beobachtungen im Jahre 1894 und das Gleiche hat Schiaparelli wahrgenommen.

In dem Maße als die Jahreszeit (auf der südlichen Hälfte des Mars) fortschritt und die Eiszone kleiner wurde, sah Lowell auch den dunkeln Gürtel schmaler werden, dagegen erschienen dunkle Streifen auf der fast hellen Fläche, offenbar Ströme von Schmelzwasser, und gegen den Aequator des Mars hin wurden immer mehr Kanäle sichtbar; endlich wuchsen sie so sehr an, daß sie das ganze Festland in zahlreiche Inseln zerschnitten. Nachdem die Eiszone völlig verschwunden, der Schnee daselbst also geschmolzen ist, verschwinden auch die zeitweiligen Meeresbecken, indem die dunklen, blaugrünen Flächen erblassen und orangegelb werden. Die Oberfläche des Mars bietet dann einen eintönigen Anblick. Die Frage, wo das Wasser jetzt hingekommen ist, beantwortet Lowell dahin, daß die blaugrünen Flächen mit Vegetation bedeckt waren, für welche schon eine verhältnismäßig geringe Wassermenge ausreicht, deren An- oder Abwesenheit unmittelbar für uns nicht wahrnehmbar ist, sondern nur ihre indirekte Wirkung in der Vegetation, welche sie [510] hervorrief. Die Meeresbecken auf dem Mars, sagt er, beherbergen keineswegs mehr gewaltige, tiefe Wassermassen wie die irdischen, sind aber auch noch nicht ausgetrocknet wie die auf dem Monde, sondern sie dienen nur als wenig tiefe Behälter für das Wasser, welches noch auf der Marsoberfläche sich findet. Kurz gefaßt, kann man sich die Sache so vorstellen, daß im Frühling auf jeder Marshemisphäre eine bedeutende Ueberschwemmung infolge der Schneeschmelze eintritt und daß die Wasser sich gegen den Aequator hin ausbreiten, wo sie durch die Kanäle tief in das Innere der trockenen Festlandmassen geleitet werden. Darüber kann gegenwärtig kein Zweifel mehr herrschen.

Aber die Kanäle selbst, woher stammen sie? Schiaparelli sagt: „Das von ihnen gebildete Netzwerk war wahrscheinlich von Ursprung her bedingt durch die geologische Beschaffenheit des Planeten und wurde im Lauf der Zeit durch das Wasser langsam ausgearbeitet. Man braucht nicht anzunehmen, daß die Kanäle das Werk intelligenter Wesen sind, und trotz des fast geometrischen Aussehens ihres ganzen Systems bin ich jetzt zu dem Glauben geneigt, daß sie hervorgebracht wurden durch die Entwicklung des Planeten, wie wir auf der Erde den englischen Kanal haben, oder jenen von Mozambique.“ Trotz des großen Gewichts, welches jedem Ausspruche Schiaparellis zukommt, muß ich doch sagen, daß dieser Vergleich sehr hinkt. Die Aehnlichkeit des englisch-französischen Kanals oder der Straße von Mozambique mit einem der zahlreichen schmalen, scharfen und völlig geraden Marskanäle ist, wie schon der Anblick der beiden Karten (auf Seite 509) lehrt, gleich Null. Lowell tritt dieser Meinung daher auch entgegen und erklärt die Kanäle durchaus für künstlichen Ursprungs. „Ihr Aussehen allein,“ sagt er, „genügt schon vollständig, um alle Hypothesen, welche sie als Risse der Oberfläche bezeichnen, sogleich hinfällig werden zu lassen. Dagegen ist ihre eigentümliche Anlage im höchsten Grade geeignet, zu tiefem Nachdenken anzuregen. Die ganze Anordnung hat durchaus das Aussehen, als wenn sie nach einem bestimmten und sehr zweckmäßigen Plane getroffen worden wäre. Durch das System der Kanallinien wird die Oberfläche des Mars in ein Netzwerk von Dreiecken zerlegt, welches sogleich die Vermutung einer Absicht erweckt. Wo sich mehrere Kanäle treffen, zeigt sich stets ein dunkler Fleck, und es scheint, daß eine überaus große Menge von kleinsten Punkten dieser Art vorhanden ist.“ Dazu kommt, daß mehrere Beispiele aufgefunden sind, in welchen sich zwei Kanäle vollkommen genau unter rechten Winkeln kreuzen. Der erste Fall dieser Art wurde von Schiaparelli in der Landschaft, welche den Namen Hellas erhalten hat, beobachtet, den zweiten entdeckte der Mitbeobachter von Lowell in der Marslandschaft Oenotria, gerade als diese Insel sich von ihrer dunklen Umgebung abzuheben begann. Diese Fälle sind höchst bezeichnend: auf keinem einzigen andern Planeten, die Erde eingeschlossen, zeigt sich etwas Aehnliches. Wenn man aber, wie Schiaparelli gethan hat, darauf hinweist, daß in der Natur doch sonst auch sehr regelmäßige Gestalten vorkommen, wie z. B. der Regenbogen, die Krystalle, ja die Blumenblätter, so fühlt jeder sofort, daß derartige Vergleiche nicht statthaft sind. Man betrachte die Karte der Erde und die des Mars und man wird eher geneigt sein, die fast geometrische Anordnung der Kanäle für Phantasiegebilde zu halten, als ihnen eine natürliche Entstehungsweise beizulegen. Wer vorurteilslos dieses Kanalnetz in seiner Anordnung betrachtet, wird sagen, daß Naturgebilde so niemals aussehen!

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Fig. 3. Vermutliche Umrisse der irdischen Meere, nachdem die oceanischen Wassermassen bis über die Hälfte zurückgegangen sind.

Die überraschendste Erscheinung, welche die Marskanäle darbieten, ist aber ihre zeitweise Verdoppelung, und zwar scheint sie vorzugsweise einzutreten in den Monaten, welche der großen Ueberschwemmung vorausgehen oder ihr folgen. Schiaparelli schildert diese Erscheinung in seiner neuesten Publikation wie folgt: „Nach einem schnellen Vorgange, der sicherlich höchstens ein paar Tage oder vielleicht nur wenige Stunden dauert und dessen Eigentümlichkeit mit Sicherheit zu bestimmen noch nicht möglich gewesen ist, ändert ein vorhandener Kanal sein Aussehen und man findet ihn nach seiner ganzen Länge umgewandelt in zwei Linien oder gleichmäßige Streifen, welche mit der geometrischen Genauigkeit zweier Eisenbahnschienen einander parallel verlaufen. Diese beiden Linien folgen sehr nahe der Richtung des ursprünglichen Kanals und endigen dort, wo dieser aufhört. Eine von ihnen erscheint oft genau der frühern Linie überlagert, während die andere neu ist; aber in diesem Falle verliert die ursprüngliche Linie die kleinen Unregelmäßigkeiten und Krümmungen, welche sie ursprünglich besessen. Es kommt aber auch vor, daß beide Linien an den entgegengesetzten Seiten des frühern Kanals sich befinden und auf ganz neuem Gebiete liegen. Der Abstand zwischen beiden Linien ist bei den verschiedenen Verdoppelungen, welche beobachtet wurden, verschieden und schwankt zwischen 600 Kilometern und darüber bis zur kleinsten Entfernung, in welcher man zwei Linien an großen Fernrohren noch getrennt sehen kann, nämlich weniger als 50 Kilometern. Die Breite dieser Kanäle kann von der Grenze der Sichtbarkeit, die wir zu 30 Kilometern annehmen können, bis zu über 100 Kilometern schwanken. Die Farbe der beiden Linien wechselt zwischen Schwarz und Hellrötlich, welches kaum von der Farbe der Oberfläche des festen Landes unterschieden werden kann. Der Raum zwischen beiden Linien ist meist gelb, aber in vielen Fällen erscheint er weißlich. Die Verdoppelung ist übrigens nicht notwendig auf die Kanäle beschränkt, sondern strebt sich auch in den Seen auszubilden. Oft sieht man einen derselben in zwei kurze, dunkle, breite, einander parallele Linien umgewandelt und von einer gelben Linie durchquert. In diesen Fällen ist die Verdoppelung natürlich kurz und überschreitet nicht die Grenzen des ursprünglichen Sees. Die Verdoppelung zeigt sich nicht an allen Kanälen zu derselben Zeit, sondern, sobald die Jahreszeit gekommen ist, beginnt sie sich bald hier, bald da in unregelmäßiger Weise oder wenigstens nicht in erkennbarer Ordnung zu bilden. Nachdem sie einige Monate bestanden hat, verblassen die Konturen allmählich und verschwinden bis zu einer spätern für ihre Bildung gleich günstigen Jahreszeit. So kommt es vor, daß in gewissen andern Jahreszeiten wenige gesehen werden oder auch gar keine. In verschiedenen Jahren kann die Verdoppelung desselben Kanals verschiedenes Aussehen zeigen in Bezug auf Breite, Stärke und Anordnung der beiden Streifen, in einigen Fällen kann auch die Richtung der Linien schwanken, indem sie, wenn auch nur um eine kleine Größe, von dem Kanal abweicht, mit dem die Linien direkt verknüpft sind. Aus dieser wichtigen Thatsache erhellt unmittelbar, daß die Verdoppelungen keine festen Bildungen auf der Oberfläche des Mars sein können wie die Kanäle selbst.“

Eine Deutung des Wesens dieser Verdoppelungen zu geben, erklärt sich Schiaparelli außer stande; alles, was in dieser Beziehung von der Zukunft zu hoffen sei, ist nach seiner Meinung, daß sich höchstens herausstellen werde, was die Verdoppelungen nicht sein können, falls nicht aus einer unverhofften Quelle ein Lichtstrahl unsere Vermutungen aufhellt. Lowell hat auch die Verdoppelung der Kanäle beobachtet und seine Karte führt eine Anzahl von Beispielen derselben auf. Er sieht in diesen Verdoppelungen erst recht Anlagen zur Erreichung bestimmter Zwecke, die mit den großen Ueberschwemmungen in Zusammenhang stehen, und betont, daß der offenbare Versuch, solche Zwecke zu erreichen, durchaus nicht charakteristisch für die unbelebte Natur sei, also auch hier die Thätigkeit intelligenter Wesen hervorleuchte. Alles in allem genommen, bin ich durchaus geneigt, der Anschauung Lowells zuzustimmen und in dem System der Marskanäle das erste und bis jetzt einzige Beispiel der Thätigkeit vernünftiger Geschöpfe außerhalb des Bereichs unserer Erde, auf einem fremden Planeten, zu erkennen. Allerdings würden Menschen ein derartiges Kanalnetz, wenigstens mit den heutigen technischen Hilfsmitteln, nicht herstellen können; aber wenn wir einmal annehmen, daß Marsbewohner dieses Netz ausgeführt haben, so dürfen wir unbesorgt den ferneren Schluß ziehen, daß sie diese Riesenarbeit wahrlich nicht zum Vergnügen, sondern nur, von der bittersten [511] Not gezwungen, vollbrachten. Diese Not aber bestand offenbar in dem zunehmenden Mangel an Wasser. Es ist nicht unwissenschaftlich, anzunehmen, daß auf dem Mars ursprünglich mehr Wasser in freier Form vorhanden war als heute, und daß dasselbe im Laufe unzählbarer Jahrtausende allmählich bis zu seiner heutigen geringen Menge abnahm. Gab es nun dort denkende Wesen, die eine gewisse hohe Kulturstufe errungen hatten, so mußten dieselben mit der zunehmenden Wasserabnahme rechnen, und sie haben deshalb nach und nach das gewaltige Kanalnetz angelegt, welches wir gegenwärtig von der Erde aus wahrnehmen. Daß sie dazu erheblich besserer und größerer Hilfsmittel bedurften, als uns Menschen heute auf der Erde zu Gebote stehen, unterliegt keinem Zweifel; anderseits wissen wir aber auch nicht, was die Menschheit dereinst ausführen könnte, wenn die Wasserabnahme der Oceane sie zu gemeinsamer Arbeit nötigen wurde.

Schon oftmals ist die Frage aufgeworfen worden, ob die Menge des freien Wassers an der Erdoberfläche zu allen Zeiten unveränderlich war oder ob sie abnimmt. Man muß zugeben, daß die feste Erdkruste gegenwärtig erhebliche Mengen von Wasser chemisch und mechanisch gebunden hält, die ehedem in freierem Zustande an der Oberfläche sich befanden, allein es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Aufsaugungsprozeß längst seine Grenze erreicht hat. Sicheres in dieser Beziehung ist zur Zeit nicht ermittelt, wenngleich die Annahme einer stetigen, sehr langsamen Verminderung der freien Wassermassen der Erdoberfläche eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit für sich hat. Ein Blick auf die beiden uns am besten bekannten Weltkörper, den Planeten Mars und den Mond, unterstützt diese Wahrscheinlichkeit. Auf dem Mars sind die Wassermengen bereits sehr zusammengeschrumpft, auf dem Monde fehlen sie sogar vollkommen und wir sehen dort nur noch die Betten ehemaliger Mondmeere in Gestalt großer mehr oder weniger eingetiefter Flächen. Dies deutet darauf hin, daß allerdings ein Planet im Laufe seiner Entwicklung von einem Zustande bedeutenden Wasserreichtums bis zu demjenigen vollkommener Austrocknung an der Oberfläche herabsinken kann, und solches würde demnach auch dereinst bei unserer Erde stattfinden. Dann hätten wir also am Mars das Bild einer sehr späten Zukunft unserer eignen Erde vor uns. Gegenwärtig beträgt die Oberfläche aller irdischen Oceane zusammen etwa 6 800 000 Quadratmeilen und das Wasserquantum derselben wird auf 3 140 000 Kubikmeilen geschätzt, es ist 2½ mal so groß als das Volumen aller Festländer mitsamt ihren Sockeln über dem Boden der Oceane, aber freilich außerordentlich gering im Vergleich zum Volumen des ganzen Erdballs, welches 2 650 000 000 Kubikmeilen umfaßt. Würden die oceanischen Wassermassen abnehmen, so müßte ihr Niveau sinken und die Meeresufer würden zurücktreten. Bei einer Abnahme der oceanischen Wassermassen bis über die Hälfte würde der Zusammenhang der Weltmeere aufgehoben sein und die heutigen Oceane als kleine Seebecken erscheinen, die überall vom Festlande umschlossen wären, wie dies Figur 3 zeigt. Daß alsdann die inneren Teile der ungeheuren irdischen Festlandmasse zu einer völlig trockenen Wüste werden müßten, bedarf keines besonderen Nachweises, sondern ist einleuchtend, und wie es dann mit dem Menschengeschlechte aussehen würde, zeigt ein Blick auf die Lage der heutigen Hauptstädte der Welt. Wahrscheinlich würden diese dann ebenso verödet sein wie gegenwärtig die Umgebungen von Babylon und Ninive.