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Die Leipziger Gewandhausconcerte und ihre Entstehung

Textdaten
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Titel: Die Leipziger Gewandhaus­concerte und ihre Entstehung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 96, 97
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Leipziger Gewandhausconcerte und ihre Entstehung.


Weit über die Grenzen Sachsens und Deutschlands hinaus ragt der Ruhm des Leipziger Gewandhausconcerts. Mögen in größeren Städten gewaltigere Orchester und zahlreichere Sängermassen in kolossaleren Räumen vor einem größeren und glänzenderen Publicum zusammenwirken, so werden diese Leistungen sich dennoch nur in seltenen Fällen mit dem messen können, was hier mit verhältnißmäßig wenigen, aber auserlesenen Kräften unter einer Führung geboten wird, die ihren Stolz darin sucht, dieses Institut auf dem hohen Standpunkte zu erhalten, auf den es durch seine Begründer und deren Nachfolger gehoben worden.

Kein Sänger und kein Virtuos, wäre er auch anderwärts noch so oft mit Beifall aufgetreten, wird seinen Ruf für dauernd begründet erachten, so lange derselbe nicht die Feuerprobe des Leipziger Gewandhausconcertes bestanden hat, und wenn ein Componist sein Werk hier zur Aufführung gebracht und damit vor der Leipziger Kritik Gnade gefunden hat, so braucht ihm an andern Orten deswegen nicht mehr bange zu sein.

Es ist interessant, ein Kunstinstitut, welches sich eine so unbestrittene Geltung und Anerkennung erworben, bis auf seine ersten Anfänge zurückzuverfolgen und seine allmähliche Entwickelung zu betrachten, was hier mit möglichster Kürze und Bündigkeit nach den zuverlässigsten, hierüber vorliegenden Nachrichten geschehen soll.

Schon im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts bildeten in Leipzig die Studirenden unter Direction „qualificirter Personen“ ein sogenanntes Collegium Musicum, welches Mittwoch Abends von acht bis zehn Uhr in der Wohnung des königlichen Hofchokoladier Lehmann seine Zusammenkünfte hielt. Auch kam damals ein sogenanntes großes Collegium Musicum vor, welches Freitags oder Sonnabends auf dem Ballhause in der Petersstraße gehalten wurde und dessen Stifter der Organist an der Neukirche, Georg Philipp Telemann, war, welcher später als Musikdirector in Hamburg angestellt ward.

Eine weit bedeutendere Anstalt aber wurde das sogenannte Große Concert, welches als der eigentliche Keim der musikalischen Bedeutung zu betrachten ist, welche Leipzig im Laufe der Zeit errungen und bewahrt hat.

Es war ein Verein von nicht mehr als sechzehn Personen sowohl adeligen als bürgerlichen Standes, welcher im März 1743 das Große Concert begründete. Jedes Vereinsmitglied sollte zur Erhaltung des Instituts jährlich zwanzig Thaler beitragen, so daß vierteljährlich ein Louisd’or zu entrichten war. Die Zahl der Musicirenden belief sich gleichfalls auf sechzehn „auserlesene“ Personen.

Das erste Local dieses Concerts war auf der Grimmaischen Gasse bei dem Bergrath Schwabe, ward aber nach kurzer Zeit in das Haus des Buchhändlers Gleditsch verlegt.

Schon damals traten auch fremde Künstler in diesem Concerte auf und an musikalischen Wunderkindern fehlte es ebenfalls nicht. Freilich waren letztere noch nicht so häufig wie später, denn wir finden es als eine große Merkwürdigkeit aufgezeichnet, daß am 16. September 1743 „in dem bei Herrn Gleditschen, dem Buchführer, mit Trompeten und Paukenschall abgehaltenen großen Concert ein Knabe von zwölf Jahren sich auf dem Clavicembalo mit einem Concert wohl hören ließ.“

Schon im October desselben Jahres wurde von diesem Verein durch ein bis auf dreiundzwanzig Musiker gebrachtes Orchester ein großes Concertexercitium auf dem Saale des Ranstädter Schießgrabens gehalten. Dieses Concert wurde von vielen vornehmen Personen besucht, unter andern von dem Grafen von Manteuffel und dem Grafen von Wackerbarth-Salmour, Oberhofmeister des Kurprinzen und selbst geschicktem Musikus und Componist.

In diesem Concerte ließen sich nach dem noch vorhandenen Programm hören: „Der königl. Flaut-Traversiste Mons. Knöcher; ferner Hr. Doles“, der nachmalige berühmte Cantor der Thomasschule – „ein Membrum dieses Concerts auf dem Clavicembalo, und drittens der Eisenachsche Hofbassiste Mons. Voigt, welcher nicht allein einen schönen tiefen Baß, sondern auch einen unvergleichlichen Alt in zwei Arien sang.“ Alle diese wurden mit Beifall angehört, insbesondere aber ward ein „Mons. Abel auf der Viol da Gamba in Spielung eines Trio und musikalischer Fantasie solo sehr admiriret.“ Auch mußte Letzterer Tags darauf sich vor den gerade in Leipzig anwesenden königlichen Majestäten hören lassen und hatte das Glück, der königlichen Capelle zugewiesen zu werden.

Zu dem ersten Jahrestage des Großen Concerts, welcher feierlich begangen ward, componirte der wackere Doles eine große Cantate mit Trompeten und Pauken, deren Hauptarie folgenden Text hatte:

„Das Steigen und Fallen der frohen Gesänge,
Die flüchtigen Läufer veränderter Gänge
Ermuntern und trösten den traurigen Geist.
Die Schwermuth verliert sich, die Freude zerreißt
Die widrige Fessel verdrießlicher Stunden,
Womit ihn die kränkenden Sorgen gebunden.“

[97] Zu einem für die Sache selbst sehr heilsamen Wetteifer ward das Große Concert durch eine Gesellschaft italienischer Opernsänger angestachelt, welche in dem Reithause am Ranstädter Thore unter der Direction[WS 1] eines gewissen Pietro Mingotti ihre Vorstellungen gaben. Unter dieser Gesellschaft befanden sich zwei Castraten und zwei Damen, Rosa Costa und Stella, deren Gesang mit dem ungetheiltesten Beifall aufgenommen ward.

Mit dem Großen Concert ging schon im zweiten Jahre seines Bestehens eine bedeutende Veränderung vor. Buchhändler Gleditsch, welcher das Amt eines Directors bekleidet, starb und der Verein beschloß nun, die musikalischen Unterhaltungen in den Gasthof zu den drei Schwanen im Brühl zu verlegen. Zugleich wurde die Anzahl der Mitglieder auf dreißig vermehrt und in einer Generalversammlung derselben beschlossen, daß von nun an Niemand ohne Billet Einlaß erhalten sollte. Ein solches Billet liegt den Notizen, aus welchen wir diese Nachrichten schöpfen, bei. Es hat die Größe eines Kartenblattes, auf welchem die Muse der Tonkunst sehr sauber gestochen erscheint. Oben darüber stehen die Worte: „Vetat Tristari“ (Es wehret der Traurigkeit) und darunter: „Leipziger Concert 1744.“ Die Damen beschloß man, wie zeither, so auch in Zukunft frei einzulassen, eben so wie die „Fremden und reisenden Passagiers.“

Unter den außerordentlichen Mitgliedern des Concerts befanden sich damals die zwei Prinzen von Fürstenberg, der Minister Graf von Manteuffel und viele andere gräfliche und adelige Personen.

Drei Jahre später ward das Große Concert durch Signor Carini und Signora Forcellini, welche Beide mit ungemeinem Beifall auftraten, verherrlicht. In demselben Jahre wurden nach einem gedruckt vorliegenden Circular in Bezug auf die ökonomischen Bestimmungen des Concertinstituts einige Abänderungen getroffen. „Da“ – so heißt es in diesem Circular – „die Gesellschaft des Leipziger Großen Concerts den mit den Billets getriebenen Mißbrauch wahrgenommen, so zeigt sie an, daß künftighin gar keine Billets mehr umsonst ausgegeben werden sollen.“ Für die Zukunft solle mit drei Ducaten auf das ganze Jahr pränumerirt werden, was aber blos von den Einheimischen zu verstehen sei. Fremde Cavaliere und auswärtige Studirende sollten vier Ducaten zahlen. Niemand sollte ohne Vorzeigung eines authentischen Billets passiren, ausgenommen durchreisende Fremde, welche nach geschehener Anzeige beim Director oder dessen Assistenten freien Eintritt haben sollten. Auch Damen sollten keines aparten Billetes bedürfen, aber nur in Begleitung eines mit einem Billet versehenen Führers zugelassen werden. Jeder Abonnent konnte sonach damals den weiblichen Theil seiner Familie frei mit in das Concert bringen. Das Concert wurde jedes Mal vom ersten Juni eines jeden Jahres an berechnet und fand im Sommer alle vierzehn Tage, im Winter aber von Michaelis bis Ostern alle acht Tage und zwar Donnerstags um fünf Uhr statt.

Das fortwährende Gedeihen und immer erfreulichere Emporblühen dieses Kunstinstituts hatte seinen Grund in der Thätigkeit nicht blos vieler begeisterter Kunstfreunde, z. B. des verdienstvollen Gottlieb Benedict Zehmisch, Besitzers der drei Schwanen, in späterer Zeit des Baumeisters Limburger und Anderer, sondern auch einer fast ununterbrochenen Reihe tüchtiger Dirigenten, namentlich eines Hiller, Schicht, Polenz, Mendelssohn-Bartholdy u. s. w.

Aus dem Gasthause zu den drei Schwanen siedelte das Große Concert in das Thomä’sche Haus am Markte über, wo es unter Hiller bis 1781 blieb und dann in den jetzigen großen Concertsaal auf dem Zeug- oder Gewandhause verlegt ward.

Die einfache, aber dennoch berühmte Ausschmückung dieses Saales ward dem Künstler Oeser anvertraut, der hier ein Deckengemälde ausführte, welches bis zum Jahre 1833 zu den Sehenswürdigkeiten Leipzigs gehörte. Es versinnbildlichte die Vertreibung der älteren Musik durch die neuere. Im eben erwähnten Jahre aber kam die Concertdirection auf den heute noch unbegreiflichen Einfall, dieses herrliche Gemälde mit rother Farbe überpinseln zu lassen.

Im Jahre 1831 feierte das Gewandhausconcert sein funfzigjähriges Jubiläum und der Contrabassist Wach figurirte auf demselben als besonderes Curiosum, weil er auch schon bei jener ersten Eröffnung des Concerts in dem neuen Saale mitgewirkt hatte und sonach seit länger als fünfzig Jahren diesem Orchester angehörte.

Daß auch der gegenwärtige Dirigent der Gewandhausconcerte, der als ausübender Künstler sowohl als auch als tüchtiger Componist rühmlich bekannte Concertmeister Rietz, ganz der Mann ist, um dieses Kunstinstitut auf seiner Höhe zu erhalten und zeitgemäß weiter zu entwickeln, ist anerkannte Sache.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Directon