Die Hebelfeier in Karlsruhe

Textdaten
Autor: Georg Längin
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Titel: Die Hebelfeier in Karlsruhe
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aus: Alemannia, Band III, S. 161–164
Herausgeber: Anton Birlinger
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Adolph Marcus
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Erscheinungsort: Bonn
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Die Hebelfeier in Karlsruhe.

Obwol Karlsruhe heute noch keine Hebelstraße besizt, so hat die Stadt dem alemannischen Dichter, der in gewissem Sinne ihr Dichter ist, – denn hier entstanden seine Gedichte und der Hausfreund und er lebte in Karlsruhe vom Jahre 1792 bis 1826 – doch in den fünf Jahrzehnten seit seinem Tode in irgend einer Form Anerkennung und Verehrung gezollt und sein Andenken aufgefrischt. 1832–1834 kam hier die erste Sammlung seiner Werke in acht Bänden heraus, die manches Neue brachte; 1835 ward das Denkmal im Schloßgarten errichtet. 1836 ward im Gymnasium, an dem Hebel vom Jahre 1792 bis 1824 Unterricht erteilte, und dessen Direktor er von 1808–1814 war, zu seinem und eines andern geschäzten Lehrers Andenken die sog. Hebel-Gerstner-Stiftung, deren Zinsen alljährlich für die zwei besten Aufsäze der Schüler der obersten Klasse verwendet werden sollen und von denen ein Preis den Namen Hebelpreis trägt, von Verehrern und Freunden beider Männer gegründet. Eine ähnliche Stiftung, Hebelstipendium-Stiftung, entstand 1861 aus Veranlassung der hundertjährigen Geburtsfeier.

Eine eigene Art von Hebelkultus entwickelte sich von Karlsruhe aus in den vierziger Jahren. In dem nahen Grünwettersbach lebte nämlich eine aus der Nähe von Hausen, dem Heimatorte Hebels gebürtige Frau Namens Veronica Rohrer. Sie war mit dem durch seine Reise ins mittägliche Frankreich bekannt gewordenen, 1841 in Karlsruhe verstorbenen Pfarrer Mylius, einem Freunde Hebels, als Dienstmädchen in das genannte Dorf gekommen und verheiratete sich dort an einen gewissen Friedrich Rohrer, der sie aber mishandelte. Nach dem Tode ihres Mannes trug Veronika Rohrer Blumen nach Karlsruhe, verkaufte Obst und recitierte einzelne Gedichte Hebels nicht ohne Geschick. Da sie sich selbst [162] «Vreneli» nannte, so brachte man sie in Verbindung mit dem Gedichte «Hans und Verene», obwol dises Gedicht auch nicht im entferntesten etwas mit ihr zu tun hat. Grünwettersbach wurde ein wahrer Wallfartsort von Karlsruhe aus, um Hebels Vreneli zu sehen und Gedichte von Hebel vortragen zu hören. Das Interesse an der Frau dauerte bis in den Anfang der sechziger Jahre, seit welcher Zeit die Gaben spärlicher flossen, so daß sie 1869 in großer Armut im Diakonissenhause zu Karlsruhe starb.

Wie man auch über die Frau denken mag, die Teilnahme für sie zeigte zugleich, welch ein Interesse einzelne Kreise in Karlsruhe an dem alemannischen Dichter nahmen und wie man jede Gelegenheit mit Begirde ergrif, um ihm Verehrung und Dank zu zollen.

Eine neue Anregung für die Hebelfreunde Karlsruhe’s gab der Gedanke, auf sein Grab in Schwetzingen, wo Hebel bekanntlich am 22. September auf einer Visitationsreise starb, ein des Dichters würdiges Denkmal zu sezen. Es war besonders der Karlsruher Männergesangverein Liederkranz, der die Sache in die Hand nahm und Konzerte gab. Sein damaliger talentvoller Direktor Spohn, ein geborner Markgräfler, hatte von Anfang an den Verein durch die sehr gelungene Komposition einiger Hebelscher Lieder, «der Wächterruf», «Freude in Ehren», «der Schwarzwälder im Breisgau», für Hebel zu interessieren gewußt. Aus Veranlassung einer Abendunterhaltung zu Zwecken des Schwetzinger Denkmals gab der Verein ein «Hebelalbum» heraus. (Müller’sche Hofbuchhandlung 1856.) Es enthält eine gelungene Titelvignette in Farbendruck nach Heilig, Hebels Bildnis nach Agricola, den Prolog des seiner Zeit in Karlsruhe vielgenannten, auch durch eine Geschichte des Großherzogs Leopold bekannten Litteraten K. Schöchlin, eine Karakterzeichnung Hebels in alemannischer Sprache von dem Freunde und Schüler Hebels, dem damaligen Kirchenrat Sonntag, der auch sonst die alemannische Sprache vortrefflich handhabte und bis zu seinem Tode zum Teil sehr gelungene Proben seiner Kunst in verschiedenen Unterhaltungsblättern Badens niederlegte. Sonst finden sich in dem Album noch Federzeichnungen zu den Gedichten «Freude in Ehren», «der Schreiner-Gesell», «Hans und Verene», «der Nachtwächter», «der Schwarzwälder im Breisgau» und endlich zwei Litographien: Hebels elterliches Haus in Hausen und Hebels Grabstätte in Schwetzingen (vor Errichtung des Denkmals), erstere gezeichnet von Dobmann, leztere von Kiefer. Das Hebelalbum ist heute noch eine schäzenswerte Gabe für Hebelverehrer.

Eine regelmäßige Hebelfeier bildete sich seit dem Jahr 1868. Schon vorher trug der obenerwähnte Liederkranz alljährlich am Geburtstage Hebels in der Morgenfrühe des 10. Mai einige Lieder am Denkmal im Schloßgarten vor; im genannten Jahre traten einige Oberländer, Verehrer Hebels, auch am Abend des 10. Mai in geselligem Kreise zusammen, sich mit Hebel beschäftigend, alemannische Gedichte von Hebel und eigene auf Hebel [163] bezügliche vortragend, und die Anwesenden durch Mitteilungen aus Hebels Leben und zu seiner Karakteristik bereichernd. Bald schloß sich der Liederkranz an und sang, abwechselnd mit den Vorträgen, einige Lieder. Der Kreis erweiterte sich, man brachte die Frauen mit, die Teilnahme wuchs von Jahr zu Jahr und seit einigen Jahren ist die Abendzusammenkunft am Geburtstage Hebels zu einer schönen Feier geworden, mit der in echt Hebelscher Weise Belehrung und Unterhaltung, anregende Mitteilungen über Hebel und gemütvolles fröhliches Wesen sich vereinigen. Unter den Männern, von denen die erste Anregung ausgieng, nennen wir Oberlehrer Reitzel, den unlängst verstorbenen, durch eine größere Arbeit über das Befestigungswesen der Römer in Baden bekannt gewordenen Archivregistrator Vetter, einen gebornen Schopfheimer. Neben den Lehrer- und Erzieherkreisen sind es wesentlich die wolhabenden bürgerlichen Elemente Karlsruhe’s, die sich an der Feier beteiligen; alles Vornehme und Steifgelehrte hat sich bis jezt, gewiß zum Vorteil für die Feier, fern gehalten.

Was den an sich harmlosen Zusammenkünften einigen Wert verleiht, ist, daß sie das Interesse für Hebel in weitern Kreisen wieder auffrischten und daß dadurch eine Menge fast vergeßener Andenken und Reliquien von Hebel wieder hervorgeholt und jeweils auf den Abend des 10. Mai oder überhaupt dem Leiter des Vereins zur Verfügung gestellt wurden; Bücher, Bildnisse, Haarlocken, Hausgeräte von Hebel, Briefe, kleine Widmungen von Hebels Hand kamen zum Vorschein. Major Nußbaumer ließ die Federzeichnung Hebels von dem Hofmaler Iwanowitsch, einem Jünger der Hebelschen Tafelrunde, photographieren; das feingearbeitete Bildnis Hebels von Bildhauer Ohmacht aus Straßburg, im Besize der Familie Haufe, ein Hautrelief in Alabaster, wurde wiederholt dem Verein für die Abendzusammenkünfte zur Verfügung gestellt; es tauchte die Pflanzensammlung Hebels auf, die im Besize des Geheimrats Fröhlich, dem Verein überlaßen wurde.

Man suchte außerdem einzelne Partien aus Hebels Leben aufzuhellen; es wurde die Frage nach den Wohnungen Hebels in Karlsruhe und der Gedanke einer Hebelstraße, wiewol vergebens, angeregt; es erschinen die biblischen Geschichten in neuer Bearbeitung und auch die kürzlich in diser Zeitschrift besprochene Lebensbeschreibung Hebels wäre schwerlich ohne dises neu erwachte Interesse für den alemannischen Dichter entstanden; wenigstens wurde die treffliche Schilderung Hebels als Lehrer aus der Feder des Prälaten Dr. Holtzmann dem Verfasser auf einen Geburtstag Hebels «als Hebelfeier» zugestellt.

Die besonders gelungene Feier des Jahres 1875, bei welcher ein Vortrag über Hebels Freundeskreis gehalten ward, brachte eine Originalsammlung der Rätsel Hebels und seiner Freunde, in der teilweise noch die ursprünglichen Entwürfe von Hebels Hand erhalten sind. Große Heiterkeit erregte ein Stammbuchvers aus [164] dem Jahre 1778, der kurz vor der Versammlung dem Verfasser dieses zugeschickt ward. Hebel hatte eben das Gymnasium illustre in Karlsruhe absolviert und war im Begrif nach Erlangen auf die Universität zu gehen. Auf einer Fußpartie traf er mit einem andern Studiosus zusammen, seinem nachherigen Freunde Pfarrer Schmidt in Hügelheim, von dem in Hebels Briefen öfter die Rede ist, damals dem jungen Hebel noch unbekannt. Der Stammbuchvers lautet:

Ich bin hier in der Fremde,
Und habe nur ein Hemde,
Wenn das zur Wäsche sbringt,
So lieg ich in dem Bette
Wie Phylax an der Kette,
Bis man mirs wieder bringt.

Das Blatt trägt das Datum 28. April 1778. Durlach; Symbolum: hodie. «Diese Zeilen widmet Ihnen Ihr ergebenster Fr. Hebel d. Th. B.(eflissener) aus dem Badenschen.» Es ist ohne Interpunktion und in obiger Orthographie geschriben, um die sich überhaupt Hebel auch in seinen Briefen nicht vil kümmerte. Der Phylax ist für jene Zeit karakteristisch. Wenn man die lateinischen Arbeiten auf dem Gymnasium ausnimmt, so ist das das früheste noch vorhandene Scriptum von Hebels Hand.

GLängin