Die Goldgruben im Fichtelgebirge

Textdaten
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Autor: Friedrich Gottschalck
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Titel: Die Goldgruben im Fichtelgebirge
Untertitel:
aus: Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, S. 318-329
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1814
Verlag: Hemmerde und Schwetschke
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Erscheinungsort: Halle
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Goldgruben im Fichtelgebirge.

Schon einige Male haben wir das Fichtelgebirge in Franken als ein höchst goldreiches kennen lernen, haben gehört, welche Schätze darin verborgen liegen, wie Geister darüber schalten und walten, nach einem glücklichen Zusammentreffen der Umstände damit beschenken; aber, wie der Schlüssel zum Eingang in die nie versiegenden Goldgruben dieses Gebirges zu erhalten ist, das wußten wir noch nicht. Ueber diesen wichtigen Punkt wird uns nun folgende Erzählung nähere Aufschlüsse geben.

Jüngst war ich[1] bei einem Familienfeste in einem Dörfchen auf dem Fichtelgebirge. Da lernte ich einen Officier kennen, der den letzten amerikanischen Krieg mitgemacht hatte. Ich fand bald an ihm einen sehr unterrichteten Mann, der mich angenehmer unterhielt, als es Spiel und Tanz, womit die Gesellschaft beschäftigt war, gethan haben würden. Unter andern theilte er mir folgende Erzählung mit:

„Im Anfange des amerikanischen Krieges stand ich als Sergeant bei den Feldjägern der Anspach-Bayreuthischen Hülfstruppen, welche damals der Markgraf Alexander in engländischen Sold gegeben hatte. Auf unserm Heimwege nach Deutschland wurden wir in die Nordsee verschlagen. Entblößt von allen Lebensmitteln, waren wir in einer traurigen Lage. Bei Bremerlehe erhielt ich Ordre, mich nach Lebensmitteln umzusehen. Da aber hier kein bedeutender Vorrath zu haben war, so sah ich mich genöthigt, nach Bremen zu gehen.“

„Ich wurde bei einem Kaufmann einquartiert, der ein ungefähr siebzehn Jahr altes Mädchen bei sich hatte, welche von der Gicht ganz gelähmt, gekrümmt und entsetzlich gequält ward. Es war seines Bruders Tochter, die sich, der ärztlichen Hülfe halber, nach der Stadt begeben hatte. Bisher waren alle Versuche vergebens gewesen, und die junge Leidende war immerfort an ihr Lager gefesselt. Dieß traurige Schicksal störte die Zufriedenheit der Familie sehr, welche außerdem alle Ansprüche auf Lebensgenuß hatte. Sie war sehr wohlhabend, ja, sehr reich zu nennen. Dieser ihr Reichthum schrieb sich von der Mutter, einer gebornen Venetianerin, her; ursprünglich aber stammte er vom Fichtelgebirge ab, von wo er nach Venedig gekommen war.“

„Durch einen sonderbaren Zufall befinde ich mich nun schon seit geraumer Zeit im Besitze eines Mittels gegen die Gicht, das, so oft ich es auch anwendete, nicht ein Mal ohne die besten Wirkungen war. Ich äußerte darüber einige Worte gegen meinen Hauswirth, und erbot mich zugleich, es bei seiner Nichte anzuwenden, wenn er Zutrauen, nicht zu mir, sondern zu meinem Mittel haben könne. Er ging sogleich darauf ein, und zeigte mir dabei besonders deshalb ein ganz seltenes Zutrauen, weil ich vom Fichtelgebirge gebürtig war, welche Gegend im ganzen Hause deshalb geliebt, ich möchte sagen, geachtet wurde, weil da die Quelle ihres Reichthums geflossen hatte. Ich wendete also mein Mittel an, und hatte binnen acht Tagen die Freude, das liebe Mädchen so wohl zu sehen, als es, nach der Versicherung der Verwandten, seit drei Jahren nicht gewesen war.“

„Durch Zufall verlängerte sich mein Aufenthalt in Bremen, und ich sah nun meine Patientin mit jedem Tage sich bessern. Sie ging wieder allein, die Schmerzen peinigten sie nur noch selten, und die Farbe der Jugend vertrieb schon die Todesblässe auf ihren abgezehrten Wangen. Welch wohlwollendes Gefühl mir die ganz unbeschreibliche Freude dieser achtungswerthen Familie war, können Sie sich leicht denken. Dem Vater des Mädchens war sogleich Nachricht gegeben worden, und seine Freude war grenzenlos.“

„Als einmal wieder ein Brief von ihm anlangte, kam mein Wirth damit auf mein Zimmer, las mir Stellen daraus vor, und legte zugleich ein versiegeltes Päckchen mit Geld auf meinen Schreibtisch, was sein Bruder ihm aufgetragen hatte, mir einzuhändigen. Meiner Weigerung, es anzunehmen, mußte er endlich nachgeben. Er steckte es wieder ein. Aber nun zog er einige Papiere hervor, und sagte mir dabei:

„„Wollen Sie jenes Geschenk nicht annehmen, so werden Sie doch hoffentlich diese Papiere nicht zurückweisen. Ich habe meinem Bruder geschrieben, daß Sie vom Fichtelgebirge gebürtig sind. Da hat er mir diese, vom Fichtelgebirge handelnden, Papiere geschickt, um sie Ihnen zu übereignen. Sie rühren von den Vorfahren seiner Gattin her. Lange hatte er den Vorsatz, selbst eine Reise auf dieses in unserer Familie sehr hochgeschätzte Gebirge zu machen, allein jetzt hat er ihn aufgegeben. So wunderbar Ihnen auch der Inhalt dieser Papiere vorkommen wird, so brauchen Sie doch nicht an seiner Richtigkeit zu zweifeln. Auf diesem Wege holten die Vorfahren der Gattin meines Bruders ihren Reichthum vom Fichtelgebirge. So wahr – sagte er mit einem Blicke empor zum Himmel – so wahr Sonne, Mond und Sterne am Firmamente glänzen, so wahr sind alle darin angeführte Thatsachen!““

„Ich besitze diese Papiere noch, und halte sie hoch.“

Der Officier theilte mir hierauf das Wesentliche davon mit. Er that dieß nicht etwa scherzweise, sondern im ernstesten Tone eines Zeugen der Wahrheit. Folgendes ist es:

Wer die im Innern des weitläufigen Fichtelgebirges verborgenen Schätze heben will, muß zuerst den rechten Eingang in das Gebirge wissen. Diesen findet man aber auf der südwestlichen Seite am Goldberge, oberhalb dem Städtchen Goldkronach. Da ist eine vom Wasser gerissene tiefe Bergschluft. In dieser geht man entlang bis an das erste Gebüsch. Da hebt man drei Steinchen auf, wie sie sich ungesucht darbieten, und steckt sie zu sich. Nun geht man in gerader Linie weiter, und trifft auf eine Buche, welche die Dicke eines Kopfes neun Mal im Umfange hat, und dabei ein Zeichen enthält, das auf einen alten großen Baumstamm hindeutet, der einen unterirdischen Gang bedeckt. Wenn man nun auf dieser Stelle die mitgenommenen drei Steinchen auf die Erde wirft, so kommt aus dem alten Baumstamme ein Wesen hervor, das wie ein großer Affe aussieht. In der Hand hält es ein Bund alter verrosteter Schlüssel, öffnet damit die Thür zu dem unterirdischen Gange, und geht voraus. Man kann ihm getrost folgen, denn es ist ein ganz unschädliches Wesen, und leitet sicher.

Nach einer ziemlichen Strecke Weges gelangt man zu einer großen, mit starken Schlössern verwahrten, Thür. Die öffnet der Affe. Sie ist der Eingang in ein geräumiges Gewölbe. Von der Decke herab hängt eine brennende Lampe, die den Ort mit einem matten Schimmer erhellt. Rings umher liegen geharnischte Männer im tiefsten Schlafe. Zur rechten Seite dieses Gemachs öffnet der Affe wieder eine eiserne Pforte. Diese führt in die Fortsetzung des verborgenen Ganges, durch den man nach einer ziemlichen Weile in einen großen Saal gelangt. Hier steht in der Mitte ein runder Tisch mit drei Wachskerzen, wovon aber gewöhnlich die mittlere nur brennt. Man naht sich dem Tische, rupft sich einige Haare vom Kopfe aus, hält sie an die nicht brennenden Kerzen, und augenblicklich brennen sie und geben den hellsten Schein von sich.

Zwischen den Wachskerzen erblickt man ein aufgeschlagenes Buch, dabei eine Schreibfeder und ein feines Federmesser. Mit letzterm muß man sich an einer beliebigen Stelle seines Körpers verwunden, in das hervorkommende Blut die Feder tauchen, und damit seinen Namen in das Buch einschreiben.

Der Affe, der mit einer Kerze in der Hand dieses Geschäft ruhig abwarten wird, führt sodann aus diesem Saale in ein neues Gewölbe. Von dessen Mitte herab hängt an einer Kette ein Beil, das durch ein Schloß festgehalten wird. Er öffnet mit einem Schlüssel seines Bundes dieses Schloß, nimmt das Beil heraus, und öffnet nun abermals ein neues Gewölbe. Dieß besteht aus gediegenem Golde. Decke, Wände, Boden, alles ist Gold, und allerlei Formen und Figuren haben sich durch zusammengeflossenes Gold gebildet.

Der Affe stellt jetzt die Kerze hin, legt sein Bund Schlüssel dabei, und überläßt nun den erstaunten Fremdling seiner eignen Thätigkeit. Dieser kann sich nun mit dem Beile so viel Gold abschlagen und abhauen, als er glaubt mit sich nehmen zu können. Mehr nehme er aber nicht, denn das bleibt kein Gold. Hat er sich nun hinreichend versehen, so trete er den Rückweg an. Er vergesse aber Folgendes nicht. Er nehme die Kerze und die Schlüssel zu sich, schließe jede Thür sorgfältig wieder zu, lösche die beiden vorhin angezündeten Kerzen im Vorsaale wieder aus, und lege alles an seinen gehörigen Ort und Stelle. Versäumt er hiervon nichts, so wird er unversehrt und wohlbehalten wieder herauskommen an das Tageslicht.

Wer nicht Muth genug haben sollte, diese Probe zu bestehen und bis in den Goldsaal zu gehen, der nehme wenigstens vor der Höhle des Berggeistes so viel Sand zu sich, als er fortbringen kann. Er ist auch gut und goldhaltig, nur hat man dabei noch die Mühe des Schmelzens. Mit verdicktem Drachenblute wird das Erz am leichtesten geschieden. Man dreht Kugeln davon und wirft sie in den Goldsand. Diese Kugeln ziehen das edle Metall heraus, und verwandeln sich dadurch in gediegene Goldkugeln.

Wie oft man einen solchen Gang in diese nie versiegenden, immer wieder zunehmenden, Goldkammern wagen darf, davon enthielt jener schriftliche Aufsatz nichts. Ein einziger Gang macht aber schon so reich, daß man, auch für die längste Lebenszeit, genug haben kann.

*     *     *

Von einem Anwohner des Fichtelgebirges mitgetheilt erhalten.


  1. Mein Referent.
    Der Herausg.