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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1897
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1897) 517.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[517]

Nr. 31.   1897.
Die Gartenlaube.
Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Jahresabonnement: 7 M. Zu beziehen in Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf., auch in 28 Halbheften zu 25 Pf. oder in 14 Heften zu 50 Pf.
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Einsam.
Roman von O. Verbeck.
1.

Heinrich Günther horchte an seiner Stimmgabel; er ließ sie dann wieder sinken und schaute über die Brüstung der Orgelempore in die mattbeleuchtete Kirche hinunter. Sie war nur mäßig besucht, immerhin aber viel stärker als vor Beginn der musikalischen Verbrämung des Abendgottesdienstes. Pastor Erdmann hatte recht gehabt. – „Singt sie mir herein, Güntherchen“, hatte er gesagt, „singt sie mir in die Stimmung. Haben sie den Nachklang von so etwas Feinem, Edlem im Ohr, dann hören sie mir nachher besser zu. So eine Motette nach dem Muster der alten Thomasschule in Leipzig, das war schon lange mein Traum. Studiert habt ihr ja genug im stillen. Nun heraus mit dem gesungenen Gebet!“

Da waren sie denn auch heute wieder, nur ihrer zwanzig, ein kleiner, bescheidener Sängerchor, aber lauter gute, feingeschulte Stimmen, lauter musikalisch andächtige Herzen. Und drunten am Altar stand der Pastor, noch den Rücken hergewandt und blätterte in seinem Buch.

Jetzt breitete er es auseinander und drehte sich langsam um.

Günther schlug sacht mit der Stimmgabel an die Säule, neben der er stand, und stieg dann auf den hohen, breiten Schemel, seinen Dirigentenplatz – zu einem regelrechten Pult hatten sie es noch nicht gebracht.

„Mmmmm!“ summte er leise, etwas vorgebeugt, seiner aufmerksam lauschenden kleinen Schar den Grundton zu. Wie ein Hauch kam es vierstimmig mit dem Anfangsaccord zurück.

Günther nickte zufrieden und hob den Taktstock.

„Kommet! Kommet! Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken!“

Wie ein leuchtender Strom von Schönheit schwammen die Töne in die stumm lauschende Kirche hinein. Eine leise Bewegung, wie von tiefern Atemzügen, ging drunten durch die Zuhörer. So kräuselt der linde Hauch des Frühlingsabendwindes die ruhsame Wasserfläche. Gleichgültige Augen öffneten sich weit, schwermütig blickende füllten sich mit Thränen; streng geschlossene Lippen wurden weich, müd’ hängende Schultern richteten sich auf.

„Kommet! Kommet! Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken!“

Der letzte Hauch des trostvollen Rufes war verklungen, zart und fein, mit den sanftesten Registern nahm der Organist den Schlußaccord auf, um von ihm zu dem allgemeinen Gesangbuchslied hinüberzuleiten.

Die Gartenlaube (1897) b 517.jpg

An der Quelle.
Nach dem Gemälde von Marie Nestler-Laux.

[518] Günther war noch einen Augenblick auf seinem Schemel stehen geblieben. Er nickte seinen Sängern jetzt lächelnd zu, mit der ihm eigenen, kindlichen Bewegung strich er sich mit der ausgebreiteten Hand über den großen, schwarzen Bart und dann über den Magen hinunter, als wenn ihm etwas sehr gut geschmeckt hätte. Ein Zeichen seiner Zufriedenheit. Fein abgeschlossen! hieß das, famos, glockenrein, schön habt ihr gesungen, bravo!

Als nun die Gemeinde mit dem Choral einsetzte, stieg er sacht von seinem Thrönchen herab und setzte sich in die Ecke der vordersten Bank, neben Hanna Wasenius, die ihm seinen Platz schon aufgehoben hatte. Er nickte ihr, seinem Liebling, seiner Prima-Sopranistin, noch einmal besonders freundlich zu.

„Ist Becker in der Kirche?“ fragte Hanna leise.

„Nein, leider nicht. Verreist.“

„Das ist aber schade. Er wäre zufrieden gewesen, meinen Sie nicht?“

„Na ob!“ gab er fast laut zurück. „Bin übrigens neugierig,“ fuhr er gedämpfter fort, „was Erdmann zu der neuen Sache sagen wird.“

„Ich auch. Ich hab’ ihm geschrieben, er möchte nachher mit uns kommen, Abendbrot essen. Sie kommen doch auch wieder mit hinaus?“

„Selbstredend! Mein Sonnabend!“ Er strahlte sie aus seinen braunen, etwas weitläufig stehenden Augen an.

Die Unterhaltung war nur ganz leise, vom Gemeindegesang verdeckt, geführt worden, als aber nun der Kirchendiener die Seitenempore entlang auf die Sänger zugegangen kam, griff Günther verlegen, mit der Gebärde des ertappten Schuljungen, nach dem Gesangbuch.

Hanna unterdrückte ein Lächeln und schaute dann gleichmütig geradeaus.

Herr Müller, ohne Klingelbeutel, also außeramtlich, trat vor sie hin und murmelte mit so viel Häßlichkeit in Ton und Haltung, als sein geistlicher Stand dem trefflichen gegenüber zuließ: „Herr Paster lassen sagen, Herr Paster würden die Einladung Folge leisten, wenn die Litterurjie alle wäre, dann möchte Fräulein Herrn Paster an der Sankristeithür erwarten. Herr Paster kämen dann gleich mit.“

„Sehr schön, ich danke Ihnen.“

„Rettenbacher ist übrigens wieder fein bei Stimme,“ setzte Günther die leise Unterhaltung fort, nachdem Herr Müller würdig sacht davongeschlichen war.

Hanna nickte nur. Sie seufzte dann ein wenig. Der Gemeindegesang bedrückte sie stets, besonders, wenn er auf einen Chorsatz folgte, den sie eben mit tiefbewegtem Herzen gesungen hatte. Ihr Gefühl für Frömmigkeit war von feiner, sehr zarter, scheuer Natur. Es bedurfte nur eines einzigen, nüchternen Rufes, um es zu verletzen. Mit leiser Verwunderung betrachtete sie ihre Nachbarin, Helene Imhoff, die die ganze Zeit fromm, wie ein Nönnchen, mitgesungen hatte.

Wenn ich so glücklich wäre, zu fühlen wie die, dachte Hanna, so säng’ ich ja auch mit. Aber mich nur so anstellen, das kann ich nicht; Rettenbacher ist auch still.

„Ich hab’ den ,Paulus’ und den ,Elias’ mit für heute abend,“ murmelte Günther wieder neben ihr.

Sie lächelte ihm freundlich zu.

Die weiche, matte Stimme des Predigers, die jetzt den Spruch verlas und der Günther nun mit ernsthaftester Andacht lauschte, ging eindruckslos an ihrem Ohr vorüber. Sie gehörte zu den Leuten, die nur mit Anstrengung und um den Preis heftiger Kopfschmerzen imstande sind, dem Vortrag eines Einzelnen im großen Raume mitten unter vielen Menschen zuzuhören. Gedankenbilder zogen in der wachen Seele ein und aus; wer sie so unbeweglich sitzen sah, mußte sie für die aufmerksamste Zuhörerin halten. Es wäre ihr auch um Erdmanns willen leid gewesen wenn jemand etwas anderes gedacht hätte.

Und heute war sie zudem unaufmerksamer als sonst. Nicht, daß sie gar so viel zu überlegen gehabt hätte. Sie versank im Gegenteil zuerst in eine sanfte, fast gedankenlose Träumerei, zu der die zurückkehrende, nun nicht mehr gestörte Erinnerung an die vorhin gesungene Motette die begleitende Musik bildete, oder vielmehr jetzt wohl hauptsächlich der volle, goldene Ton von Rettenbachers Stimme, der dem Baß die Farbe gab, wie die ihre dem Sopran. Die Vorfreude für heute abend lief ihr dann wie ein warmer Strom über das Herz. Und daß die Mutter in diesen Tagen, und besonders heute, wieder so viel wohler war! Vorigen Sonnabend hätte sie den Pastor nicht zu sich bitten können. Ein Glück nur, daß Günther wenigstens noch mit heraufgekommen war, um „Mamachen“ Guten Abend zu sagen, wenn er auch wegen ihres schlechte Befindens nicht hatte bleiben wollen. Er hatte dann doch gleich zum Doktor stürzen können, während sie mit Rettenbacher zusammen die arme Ohnmächtige aufs Bett trug. Der dumme Brief von dem Bankier war schuld gewesen. Aber wenn die argen Nervenschmerzen sie nicht vorher recht matt gemacht hätten, wäre sie auch gewiß nicht so erschrocken. Es war ja wohl nicht so arg. Es konnte ja nicht sein. Es war hoffentlich nur ein Schreckschuß. Sehr hoffentlich! Denn – was werden mochte, wenn – –

Günther, der sich neben ihr aus der Bank erhob und an seinen Dirigentenplatz zurückkehrte, zerriß den schmerzhaft festgespannten Gedankenfaden. Hanna besann sich; sie lächelte dann vor sich hin, beinahe verlegen. Wenn das arme, gute Pfarrerlein da unten wüßte, wie wenig sie immer von dem hörte, was er vortrug! Gut, daß er niemals nachher von seinen Predigten sprach.

„Also jetzt – Melchior Franck: ,Wer mich lieber ….’

Die alte, dreihundertjährige Motette breitete ihren unvergänglichen Zauber aus über kalte und warme Herzen, über Trübsal und Frohsinn, der Wiederschein ihrer Lieblichkeit leuchtete allenthalben gleich.

Hanna sang mit tiefster Hingebung. All ihre Andacht war wieder da. Helenens Madonnengesichtchen neben ihr schaute nicht verklärter. Ein jedes betet eben auf seine Weise. Und wahrscheinlich finden alle Gebete, die aus Herzensgrund erblüht sind, ihre Heimstätte – welche Weg sie auch kommen mögen.

2.

Der Gottesdienst war zu Ende.

„Nun, wie ist das also mit Erdmann?“ fragte Arnold Rettenbacher, auf Hanna zutretend, die sich noch mit Helene Imhoff unterhielt. Die ehemaligen Schulkameradinnen, vom Leben derweil auseinandergeweht, hatten sich zu gegenseitiger froher Ueberraschung hier im Kirchenchor wiedergefunden. Helene, schon seit einem halben Jahr verheiratet, war der Freundin freilich um ein bedeutsames Lebenskapitel voraus.

„Gleich – einen Augenblick“, antwortete Hanna auf Rettenbachers Frage, ihn dabei flüchtig anlächelnd. Und zu Helene zurück: „Sag’ doch, Kleine, könntest du nicht ganz gut einmal am Samstagabend mit mir kommen? Soviel ich weiß, hat doch dein Herr und Gebieter um diese Zeit eine Art von Sitzung und du bist frei?“

„Eine Sitzung hat er schon, aber die ist um neun zu Ende und dann kommt er mit einem mörderischen Hunger nach Hause. Er würde ja mir zu Gefallen auch einmal auswärts essen, aber ich mag ihm das nicht anthun. Gerade, weil er sich ganz sicher sehr liebenswürdig darein finden würde, verstehst du?“

„Und mit mir kommen und ihn zu uns nachkommen lassen, mitsamt seinem Hunger – ginge das nicht? Wir kriegen ihn am Ende auch noch satt“. „Das müßten wir einmal überlegen. Es wäre sehr nett. Du darfst nur nicht vergessen, daß der Arme so unmusikalisch ist wie ein Thürpfosten. Um so rührender von ihm, daß er mich so vollkommen frei gewähren läßt, und um so mehr Verpflichtung für mich, ihn am Samstagabend besonders gut zu behandeln. Bei euch würden wir doch musizieren, nicht? Nun, siehst du, das wäre dann eigentlich ein neues Opfer für ihn –“

„Ich sehe schon“ unterbrach Hanna sie lächelnd, „damit ist es nichts. Du hast auch ganz recht. So grüß’ ihn einstweilen von mir. Wir verabreden nächstens einen Abend, an dem es unmusikalisch und doch gemütlich zugehen soll.“

Helene verabschiedete sich nun eilig und huschte flink die gewundene Steintreppe der Empore hinunter. Die andern Chormitglieder hatten sich schon entfernt.

Der Organist schloß seine etwas über das Gemeindelied hinaus gedehnte Ausgangsmusik mit einem machtvollen Accord und stieg dann von seiner Bank, um Günther, der noch in seinen Noten kramte, Guten Abend zu sagen.

[519] Rettenbacher hatte ihm, während Hanna mit Helene sprach, dabei geholfen. Jetzt wandte er sich zu ihr zurück.

„Ja, also Erdmann kommt mit,“ sagte sie, ehe er noch einmal fragen konnte. „Wir sollen ihn an der Sakristeithür erwarten, hat Müller bestellt.“

„Nun, dann müßten wir aber hinuntergehen, find’ ich. Er hat doch schon während des Liedes Zeit gehabt, sich umzuziehen. „Wollen wir auch. Haben Sie Ihre Noten beisammen, Güntherchen?“

„Zu Befehl. Ich bin bereit.“

Linde, weiche Luft empfing die Heraustretenden wohlthätig nach der dumpfig kühlen Kirchenatmosphäre, die um diese Zeit noch nicht genügend von der Sonne durchwärmt war. Mit Heizen hatte man schon aufgehört. Der Frühling war ja da. Und nicht nur im Kalender.

Hanna that einen tiefen Atemzug und legte lächelnd den Kopf in den Nacken. „Ah! Das thut gut! So einen Abend laß ich mir gefallen! Nehmt nur eine ordentliche Lunge voll von dieser Luft mit nach Hause, ihr Herren! Besonders Sie, Herr Rettenbacher. Es wird Ihrem Paulus zu gute kommen.“

„Meinem Paulus.“ Der junge Mann lächelte, was sein blasses, blondbärtiges Gesicht, dem die Ueberarbeitung aus den schwermütigen Augen schaute, merklich verschonte. „Ich wittere was von argen Ränken! Er zog ein wenig an den beiden großen Büchern, die Günther unter dem Arm hielt, um die Titel auf den Rücken zu lesen. Das Bündel Notenblätter, in einem Umschlag aus blauer Pappe, hatte er ihm schon oben abgenommen.

„Elias auch“ rief er heiter entrüstet. „Sie scheinen’s ja gut vorzuhaben heute abend.“

„Hab’ ich auch,“ versicherte Günther vergnügt. „Die Seele aus dem Leibe wollen wir uns musizieren. Nur keine Müdigkeit vorschützen, Magisterchen, oder vielmehr, wollt’ ich sagen, nicht von ‚Hefte korrigieren’ reden und so was!“

„O nein, das thut Herr Rettenbacher nicht mehr,“ beruhigte Hanna. „Er weiß schon, daß all diese profanen Dinge an unserm Samstagabend verpönt sind.“

„Jawohl,“ nickte er, „der Samstagabend ist mein Sonntag.“

„Es ist übrigens ein Brief von zu Hause für Sie gekommen,“ berichtete Hanna. „Ich hab’ ihn mitten auf Ihr Pult gelegt. Ein dicker Brief. Da ist sicher wieder so eine Brüderchen-und-Schwesterchen-Epistel drin.“

Jetzt öffnete sich die Seitenthüre der Kirche und Pfarrer Erdmann trat heraus, noch den Hut in der Hand. Sein langer, schwarzer, bis unter das Kinn zugeknöpfter Rock kennzeichnete immer noch den Geistlichen. Auch sein glattrasiertes, sanft rötlich überhauchtes Gesicht mit den weichen, etwas verschwommenen Zügen, den vollen, sehr beweglichen Lippen verleugnete den Priester nicht.

Er ging jetzt in eifrigem Gespräch neben Günther der Wohnung Hannas zu. Die beiden jungen Leute folgten. Anfangs hatten sie noch einige Bemerkungen ausgetauscht, daß das Osterfest sich diesmal so tief in den April hineinschöbe, in diesem frühlingsseligen, unverdient schönen April, und daß in der nächsten Chorprobe die Karfreitagsmotette von Franck noch gründlich durchgenommen werden müsse. Dann waren sie wieder verstummt, wie schon manchmal in der letzten Zeit, wenn sie zu zweien waren.

Rettenbacher blickte nach einer Weile von der Seite her auf seine Begleiterin, während sie so still nebeneinander weitergingen. Da er größer war als sie, konnte er ihre geradeaus schauenden, von dem breiten Hutrand beschatteten Augen nicht sehen, nur ein wenig vom Mund, die weiche Wange und das kleine rosige Ohr, und im Nacken die Last des in Zöpfen aufgesteckten dunkelblonden Haares. Ihre „einzige, unbestreitbare Schönheit“, wie sie selbst fröhlich zu versichern pflegte.

Von allem andern weiß sie nichts, dachte Rettenbacher. Auch von dem nichts, was daraus werden muß, wenn man das tagaus tagein vor Augen hat. Hört sie nicht, was da so laut spricht, wenn wir schweigen? Ist sie so arglos? Oder so klug? Für mich mit? – Er drückte die Lippen fester zusammen und wandte den Blick zur Seite. – „Klug“ war er selber. Die Augen thaten ihm weh von der unbarmherzigen Helligkeit, in der er die Zukunft liegen sah. Für die Schwäche unmännlich träumerischer Hoffnung, in der er sich gelegentlich zurief: Grüble nicht, es kommt doch alles anders! hatte er sich noch stets selber ausgelacht. Wohler war ihm über dem Lachen freilich nicht geworden. Aber es gehörte sich so, daß man den romanhaften Unfug nicht Herr über sich werden ließ. Und was sie auch fühlen mochte, die Schweigsame da an seiner Seite – von ihm sollte ihr keine Unruhe kommen! Es wäre ja auch für die Güte der alten kranken Frau ein schlechter Dank gewesen.

„Ja, übrigens,“ sagte er, nach dieser langen Pause mit noch etwas umflorter Stimme, „ich habe also heute in Ihrem Auftrage wegen des Stuhles mit den Leuten abgeschlossen, Fräulein Hanna. Der Preis ist fest vereinbart. Wenn Sie mir also gelegentlich das Geld übergeben wollen, so kann das Ding übermorgen – morgen ist ja Sonntag – gebracht werden.“

„O, wirklich“, sagte das Mädchen und sah lächelnd zu ihm auf. In der Tiefe ihrer Augen schwamm leise ein Glanz in die Dunkelheit zurück, aus der er, aller tapferen Bekämpfung zum Trotz, doch einmal wieder fragend und sehnsüchtig aufgetaucht war.

Er sah den schwindenden Schimmer nicht, mit seinem trockensten Schulmeistergesicht schaute er gerade vor sich hin.

„Ich danke Ihnen sehr,“ fuhr Hanna fort, „daß Sie so schön für mich unterhandelt haben. Aber das Geld will ich nun schon selbst hinbringen. Sie sollen sich jetzt nicht weiter bemühen –“

„Das geht nicht,“ unterbrach Rettenbacher sie hastig, in seinem Gesicht stieg eine schwache Röte auf. „Ich sagte Ihnen ja schon, daß die Feststellung des Preises eine persönliche Sache zwischen mir und dem einen Geschäftsinhaber ist. Eine Gefälligkeit, diese Preisermäßigung, weil ich ihm seinen faulen Lümmel von Sohn durchs Examen geschleppt habe. Es muß aber unter uns bleiben, hat er gesagt. So muß ich auch ihm persönlich die Summe aushändigen, verstehen Sie?“

„Aber Ihre Zeit!“ wandte Hanna ein. „Das ist doch ein weiter Weg.“

„Ich habe dort in der Nähe eine Privatstunde zu geben, da mache ich das im Vorbeigehen ab. Von Zeitverlust ist keine Rede.“

Hanna sah mit zweifelndem Lächeln an ihm hinauf. „Ist das auch wahr?“ fragte sie. „Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie manchmal schrecklich lügen.“

„Das thun viele Leute,“ gab er trocken zurück. „Es kommt nur darauf an, zu welchem Zweck. In diesem Falle aber kann ich mich zu Ihrer Beschämung rechtfertigen. Da sehen Sie her“. Er zog sein Taschenbuch heraus und wies auf einen über zwei Seiten weggeführten Stundenplan. „‚Montag nachmittag viereinhalb bis fünfeinhalb Wilfried Leonhardt, Friedrichstraße 20, Latein‘. Zufrieden? Ueberzeugt? Komme ich da nicht buchstäblich vorbei?“

„Ja,“ sagte Hanna, „dagegen läßt sich nichts einwenden. Aber ich finde es rücksichtslos von Wilfried Leonhardt, daß er so weit weg wohnt. Können Sie sich solchen Jungen nun nicht ins Haus kommen lassen?“

„Diesen nicht. Der arme Kerl hat das Bein gebrochen und liegt in Gips. Um in der Schule nicht zu weit zurückzubleiben, bekommt er alle Nachmittage ein bißchen Privatunterricht. Er wohnte früher hier in der Nähe und aus Anhänglichkeit an unsre Schule macht er täglich mit der Pferdebahn den weiten Weg. Beim Abspringen von einem fahrenden Wagen hat er sich die Geschichte zugezogen. Ich hab’ ihn gern, den wilden Schlingel. Es ist so viel Lebensfreude in ihm. Einer von denen, die einem das Handwerk lieb machen.“

„Lieb machen! Als wenn Sie es nicht auch ohne Wilfried Leonhardt schon geliebt hätten.“

„Das schon. Aber so ein paar frische Tautropfen sind auch nicht zu verachten. Schon weil sie selten sind. Staub schluckt man ja nebenher genug.“

Hanna lächelte nachdenklich. „Schade, daß Sie meinen Vater nicht mehr gekannt haben. Wie oft hab’ ich das schon gedacht! Der that auch zuweilen, als hätte er den Schulstaub satt bis oben hin. Es war aber nicht so arg. Manchmal, wenn ‚er heimkam, müde, abgeärgert, und seine Hefte auf den Tisch warf und knurrte. ‚Infame Kerls! Dynamit unter die Bande!‘ und ich ihm dann brummen half, damit er leichter damit fertig würde, und sagte: ‚Hast recht, Vater, sie taugen alle nichts‘ – dann hielt er gleich inne und guckte mich über die Brille weg strafend an. ‚Das hast du dumm gesagt, mein Kind. Manche taugen

[520]
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Schiller in Loschwitz.
Nach dem Gemälde von Frank Kirchbach.

[521] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [522] nichts, viele sind leidlich und einige sind famos. So ist die Sache!‘ Und dazu lachte er schon wieder vergnügt. Und wenn er sich dann zu Tische setzte und entzückt vom Essen war, einen Tag wie alle Tage, dann sagte er: ‚Komisch! Wie’s zugeht, weiß ich nicht. Wenn ich mich geärgert habe, dann schmeckt mir’s, zum Trost, zur Erquickung, wenn ich mich gefreut habe, dann schmeckt mir’s, weil mir’s so schon wohl ist. Also hin oder her – die verflixte Schule giebt allemal das Salz zu der Geschichte!‘“

Mit einem Blick auf Rettenbachers still vor sich hinlächelndes Gesicht fügte sie etwas verlegen hinzu: „Mir scheint, ich hab’ Ihnen das schon einmal erzählt?“

„Nein, nein,“ sagte er beruhigend, „wenigstens nicht vor kurzem, vielleicht viel früher, zu Anfang.“

„Sie schmunzelten aber so vielsagend; kennen wir – alte Geschichte!“

„Ich freute mich nur. Wirklich schade, daß ich den alten Herrn nicht mehr gekannt habe. Ich glaube, ich hätte viel von ihm lernen können.“

„Lernen – ich weiß nicht. Es giebt so manche Dinge, die sich nicht lernen lassen, wenn man auch sieht, wie es der andere macht. Da ist zum Beispiel eines, was Ihnen fehlt und was er hatte und was sich nicht abgucken läßt. Das ist der Humor! Der geht Ihnen ab – glaub’ ich wenigstens.“

Er schwieg ein Weilchen.

„Vielleicht,“ sagte er dann kurz, mit rauher Stimme. “Vielleicht ist er mir abhanden gekommen.“

Das Mädchen sah verwirrt zu ihm auf, sah in sein entfärbtes, trauriges Gesicht und wurde ganz still.

Schweigend, wie zuerst, gingen sie nun wieder nebeneinander her. Vom Kanal bogen sie in die Linkstraße ein. Erdmann und Günther, etwa zwanzig Schritte voraus, traten dann bald in Wasenius’ Hausflur ein. Hanna sah mechanisch die beiden Gestalten unterm Thorbogen verschwinden, die langröckige, priesterliche, würdevoll wandelnde und die kleinere, untersetzte, mit den stets eilfertig pendelnden Schritten.

„Also für das mit dem Stuhl,“ wandte sie sich nun hastig an ihren Begleiter, „dank’ ich Ihnen herzlich – herzlich! Ich geb’ Ihnen nachher gleich das Geld. Und Montag abend wird er gebracht, nicht wahr? Ach Gott, wie freu’ ich mich. Was sie wohl sagen wird! Und wie gut sie darin sitzen wird! Und daß er so schön und pfiffig zu verstellen ist! Dann kann man ihn nach Tische immer so drehen, daß sie darin mehr liegt. O, ich kann’s schon kaum mehr aushalten, bis ich ihn selber sehe! Nicht wahr, Sie freuen sich auch?“

„Sehr,“ antwortete er freundlich. „Ich denke, das wissen Sie.“

„Ja. Und – bitte – Sie haben mir das nicht übelgenommen?“

„Was denn?“

„Das von vorhin. Das letzte. Weil Sie danach so still wurden.“

„Aber was reden Sie! Uebelnehmen! Was wär’ ich dann für ein Stoffel. Sie haben eine Betrachtung gemacht, eine zutreffende, über die ich nachgedacht habe. Beim Nachdenken pflegt man zu schweigen. – Aber geben Sie acht, hier ist schon die Stufe. Man sieht zuerst nicht gut, nach der Helligkeit da draußen!“

3.

Im Wohnzimmer, das auch gleichzeitig Speisesaal und Salon vorzustellen hatte, spann schon seit einem Weilchen die Dämmerung ihre Fäden.

Von dem rosigen Abendlicht draußen kam nur noch ein kleiner schräger Schein zart leuchtend zu dem offenen dreiteiligen Fenster herein, glitt warm über das blasse, traurige Gesicht der kranken Frau im Lehnstuhl, streifte eine Ecke des großen Vogelkäfigs mit Hannas Zeisigen, Stieglitzen und Hänflingen und flimmerte, langsam schwindend, auf der bräunlichen Wand entlang, ohne mit seinem letzten Fünkchen noch den breiten, polierten Ebenholzrahmen erreichen zu können, der Vater Wasenius’ Bildnis, die genial ‚hingehauene’ Kreidezeichnung seines Lieblingsschülers, umschloß. Dunkel stand darunter das schwarze Roßhaarsofa an der dunklen Wand, daneben, schon fast in der Ecke, das altmodische, tafelförmige Klavier. Vom Bücherschrank auf der andern Seite, von Hannas kleinem Schreibtisch war nicht mehr viel zu unterscheiden.

Die Hängelampe über dem gedeckten Tisch in der Mitte war noch nicht angezündet. Das kleine Dienstmädchen, das vierzehnjährige, das noch sehr dumm war, durfte sich an diesen Dingen nicht vergreifen. Es hätte ja den Hebel, mit dem man den Cylinder lüftete, ohne ihn abzunehmen, zerbrechen können. Diese neue verschmitzte Einrichtung war Hannas Stolz. Einer von ihren „Stölzen“ mit denen sie sich nur zu gerne necken ließ, weil niemand so wie sie wußte, mit wieviel Mühe, wie langsam, groschenweise, und mit wie häufigen Vertröstungen auf den „nächsten“ Monat die Sümmchen zur Anschaffung solcher kleinen Ueberraschungen für den Haushalt zusammengespart wurden. Manchmal ist der Luxus im Hause der Armut rührender als die Armut selbst.

In diesem letzten Winter war fast alles sorgsam Erübrigte, alle Extraeinnahmen für Handarbeitsunterricht, für feine Stickereien und sonstige Kunstfertigkeiten in die Kasse für den zauberhaften Krankenstuhl gewandert, der ja nun endlich in leibhaftiger Gestalt erscheinen sollte, durch Rettenbachers Vermittlung noch eher, als zu hoffen war.

Wenn das blasse Mütterchen da am Fenster, das dem langsamen Wandern der rosenroten Abendwolken zusah, die durchsichtigen, magern Hände über dem niedergesunkenen Strickzeug am Schoß verschlungen, eine Ahnung von dieser heimlichen Ränkespinnerei gehabt hätte – wie würde es sich dagegen gewehrt haben, mit allen seinen schwachen Kräften. Wie schlagend würde es bewiesen haben, daß der große Korbsessel ja vollständig seinen Zweck erfülle, daß es sich so weich darin säße, dank den vielen Kissen und Pölsterchen, die Hannas erfinderischer Geist allenthalben angebracht hatte. Wie würde es beteuert haben, daß das überpolsterte Brettchen an den starken Bändern ja prächtig die Füße unterstützte , während man den Stuhl aufhob, um ihn wegzutragen, zum Tisch oder zu ihrem Bett. Ja, das Hinundhertragen, das wäre vielleicht das einzige Argument gewesen, mit dem man etwas bei ihr ausgerichtet hätte. Es wurde infolge des steten Sträubens der Kranken auf das mindestmögliche Maß beschränkt, mußte aber doch immer wieder sein. Zum Glück war sie völlig ahnungslos über das, was ihr drohte, und Hannas Herz dehnte sich aufs neue in der Vorfreude auf Montag abend.

Sie schloß jetzt ihre Flurthür auf, und während die Herren in dem schmalen, halbdunklen Vorraum ablegten, trat sie rasch ins Zimmer, Hut und Jacke schon in der Hand.

„Guten Abend, mein Herzblatt,“ sagte sie mit ihrer frischen, warmen, tieftönigen Stimme, der man, wenn sie sprach, den umfangreichen Sopran gar nicht zutraute. „Warst du brav?“

Sie nahm das Gesicht der Mutter in beide Hände und sah ihr liebevoll prüfend in die Augen.

„Ich habe mich einfach musterhaft benommen,“ versicherte die Gefragte. „Hast du den Pastor mitgebracht?“

„Jawohl. Aber – ich weiß nicht, Mutterchen – du kommst mir mit deinem Selbstlob nicht ganz glaubwürdig vor. Sag’ mir – an was für unmusikalische Dinge hast du denn eben gedacht, als ich heimkam?“

„Ach, so sehr unmusikalisch waren sie gerad’ nicht,“ antwortete Frau Wasenius mit einem zaghaften Lächeln, das den Scherz bekräftigen sollte. „Sie klimperten wenigstens metallisch.“

Hanna verfärbte sich. „Also Geld. – Du hast –“

Jetzt traten aber schon die Gäste ins Zimmer und Hanna richtete sich hastig auf.

„Güntherchen,“ sagte sie während der Begrüßung, „gehen Sie geschwind auf Ihren Posten, spielen Sie etwas Frohes, Helles, Tröstliches. Diese kleine Mutter ist zu lange allein geblieben. Sie hat sich erlaubt, Grillen zu fangen. Die müssen vertrieben werden! Also gute Musik. Und Helligkeit! Bei Licht gedeihen sie auch nicht. Dies ist ja eine Stube für Fledermäuse.“

Rettenbacher hatte die Streichhölzer schon heraus und zündete, mit Hannas „gütiger Erlaubnis“, die Wunderlampe an.

Aber Frau Wasenius wollte jetzt keine Musik. Man werde ja doch gleich zu Tische gehen. Die Herren seien gewiß hungrig. Einen Augenblick sollten sie sich aber noch zu ihr her ans Fenster setzen. Ob da nicht eine ganz wunderherrliche Luft hereinkomme? Förmlich Sommer! Und wie es denn in der Kirche gegangen sei?

[523] Pastor Erdmann hatte sich schon gleich den zweiten, etwas kleineren Korbstuhl, ohne Kissen, der auch an dem breiten Fenster stand, um den Arbeitstisch herum näher herangezogen und legte jetzt seine weiße, weiche, rundliche Hand auf die schmächtigen Finger der Sprechenden. „Meine liebe Frau Doktorin, ich freue mich, Sie so frisch zu sehen, nach dem bösen Anfall in voriger Woche. Sie haben uns recht erschreckt!“

„Ja, ja,“ antwortete sie lächelnd, „das merkte ich wohl, und aus lauter Beschämung darüber habe ich mich so schnell erholt.“

„Ich fürchte, aus lauter Beschämung prahlst du jetzt fortwährend,“ sagte Hanna, die nach einem Blick auf den Tisch wieder zu der Mutter getreten war. Sie strich ihr über den silberig schimmernden Scheitel und über die schmalen, immer noch weichen Wangen; tiefe, wehvolle Sorge lag in dem Ausdruck, mit dem sie auf die Vielgeliebte niedersah.

Günther hatte indessen nur seine Noten auf dem Klavier abgelegt und war dann auf dem Weg zum Fenster am Tische stehen geblieben. „Hm!“ sagte er wohlgefällig und beugte sich, indem er seinen breiten schwarzen Bart wie ein Kind seine vorgebundene Serviette mit beiden Händen festhielt, darüber, um die Schüssel in der Mitte näher zu betrachten. „Fein! Famos! Blumenkohlsalat! Wieder was anderes! Mamachen gemacht, natürlich, was?“

Hanna nickte ihm lächelnd zu. Ihr fiel von neuem der fast komische Gegensatz zwischen seinem ganz kindlichen, leckerhaft schmunzelnden kleinen Munde und der martialischen Bartwildnis, dem mächtigen Haarschopf über der breiten Stirne auf. Auch die kräftige Nase wollte zu dem unreifen Knabenmäulchen nicht passen. Nur die siegreich fröhlichen Augen sprühten noch durchaus zwanzigjährig und schienen von der nun doch schon lange erlebten Mühsal des Musikantenberufes nichts wissen zu wollen.

„Ja,“ sagte das Mädchen nach dieser kleinen Betrachtungspause. „Sie wissen ja, ihren Samstagabendsalat läßt sich Mutter nicht nehmen. Ich trag’ ihr immer alles herein was sie braucht, und dann mischt und rührt sie, daß es ein Vergnügen ist, ihr zuzusehen. Ich möcht auch keinen anderen, als den sie gemacht hat! Jetzt werd’ ich aber doch sorgen, daß wir etwas zu trinken kriegen, und dann kann das Festmahl seinen Anfang nehmen.“ Herr Rettenbacher ist hinausgegangen. Jedenfalls will er schnell noch einen Blick in seinen großen Familienbrief thun.

Seine Thür, an der sie vorbeikam, stand offen. Bei der brennenden Lampe stand er an seinem Pult und las.

„Gute Nachrichten?“ rief sie fragend hinein.

„Danke,“ gab er zurück, ohne aufzusehen. „Bin noch lange nicht durch, überfliege nur.“

„Uebrigens,“ sagte Hanna, den Schritt anhaltend und zu seiner Schwelle zurückkehrend, „ich könnte Ihnen jetzt geschwind das Geld geben.“

„Aber das hätte ja Zeit, Fräulein Hanna, bis morgen, bis Montag nachmittag sogar.“

„Zeit! Ja doch! Aber, ich möchte es los sein. Verstehen Sie nicht? Es ist mir, als wäre dann die Freude näher, wenn ich es Ihnen schon übergeben habe, als dauerte es dann nicht mehr so lange. Warten Sie, ich hol’ es, es ist ein Augenblick.“

Sie huschte davon und war gleich wieder da, ein Schächtelchen in der Hand. Rettenbacher war ihr bis zur Thür entgegen gekommen. Als sie das Geld herausschütten wollte, sagte er. „Geben Sie mir’s so, wie es da ist, mit dem Kästchen. Oder brauchen Sie das noch?“

„Nein. Aber wozu?“

Darauf antwortete er nicht, sondern nahm es ihr aus der Hand.

„Also gut,“ sagte er dann. „Am Montag. Ich würde sagen Punkt Sieben, nicht wahr?“

„Ja! O Himmel, wie freue ich mich! Und jetzt geschwind das Bier!“

„Darf ich vielleicht helfen?“

„Nein das dürfen Sie nicht. Aber kommen Sie hinein! Ihren Brief lesen Sie später mit mehr Gemütsruhe.“

Drinnen war das Fenster geschlossen worden. Was nun noch von „Sommerluft“ hereinkam, langte nicht mehr viel.

Rettenbacher und Günther trugen Frau Wasenius zum Tisch, nachdem Hanna sorgsam die willenlosen armen Füße vom Schemel auf das schwebende Brettchen gehoben hatte. Das war das „Samstagsrecht“ der beiden, seit diese gemütlichen Musikantenabende eingerichtet worden waren. Für dieses eine Mal in der Woche ließ sich Hanna, die sonst mit der kräftigen jungen Magd zusammen diesen Dienst versah, von ihrem Posten verdrängen. Lächelnd sah sie dem beklommenen Aufatmen der Kranken zu, als der Stuhl gehoben wurde. Nicht mehr lange wird dir das Pein machen, mein Armes, dachte sie. ‚Wart’ nur wart‘, nachher wirst du gefahren.

„Seufzen Sie nicht so gottsjämmerlich, Mamachen,“ sagte Günther. „Sie thun ja wahrhaftig, als wenn wir unter Ihrer Last zusammenbrechen müßten. Wenn Sie nicht gleich wieder ein vergnügtes Gesicht machen, dann laß ich Sie am steifen Arm verhungern.“

„Lieber nicht,“ wehrte Frau Wasenius, schon wieder erheitert. „Das würde sehr lange dauern, und da kämen Sie ja selbst um Ihr Abendbrot. Bitte, lieber Herr Pastor – sie wies auf das kalte Fleisch und den Salat – Ehrwürden fangen an.

Der geistliche Herr nahm sein von Rettenbacher gefülltes Glas in die Hand. „Der erste Gruß heute abend,“ sagte er, „gebührt unserm lieben Kirchenchor. Meine Freunde, wie schön habt ihr wieder gesungen! Wie habt ihr mir zutiefst das Herz bewegt! Besonders mit dem ersten, das ich ja noch gar nicht kannte! Von wem ist denn diese hinreißende Komposition?“

„Von unserm Becker natürlich,“ antwortete Günther. „Klang es Ihnen nicht ganz Beckerisch?“

„Es klang mir wie etwas, dem man regungslos zuhört, mit weitem, weitem Herzen, und auf das man schweigt, weil man nichts mehr sagen kann. Ich hab’ noch predigen müssen hinterher … Aber nun – wenden wir uns den irdischen Genüssen zu!“

„Die übrigens auch nicht zu verachten sind,“ warf Günther behaglich ein. „Mamachen, prosit! Es schmeckt wieder göttlich! Der Rettenbacher kann lachen. Ich wollt’, ich wär’ auch Ihr Pensionär!“

„Ja, glauben Sie denn,“ sagte Hanna, „daß der alle Abende Salat und zweierlei Aufschnitt bekommt? Dieses sind nur unsere Samstagsorgien. An allen übrigen Tagen sieht die Geschichte bedenklich anders aus.

„Nun, ich meine, der Augenschein lehrt, daß ich mich recht wohl bei diesen Zuständen befinde,“ sagte Rettenbacher mit einem warmen, dankbaren Blick auf Frau Wasenius, die, schweigsamer als gewöhnlich, mit nur mühsam beherrschter, trauriger Beklommenheit vor sich hinschaute.

Sie hob jetzt den Kopf und nickte dem jungen Mann zu …

„Jedenfalls lebt er nun regelmäßiger, also gesünder,“ sagte sie, sie richtete sich ein wenig auf, mit dem offenbaren Vorsatz, sich zusammenzunehmen und sich von nun an besser an der Unterhaltung zu beteiligen. „Vor einem Jahr“, fuhr sie fort, „– so lange ist es ja nun wohl gerade? – da wußte er nie, wann er eigentlich zu Mittag äße, und ob er überhaupt dazu kommen würde. Den Privatunterricht, außerhalb der Schulstunden, hatte er sich unglaublich unpraktisch gelegt, eine so unpraktische Tageseinteilung und eine so ungesunde Bedürfnislosigkeit habe ich noch nie gesehen. Wissen Sie noch den Tag, wie ich einmal dahinter kam? – Ich seh’ es noch, wie Sie hier hereintraten, um mir den Einschreibebrief zu bringen. Sie hatten ja wohl das Mädchen auf die Post geschickt und machten darum selbst die Thür auf, als es klingelte. Hanna war nicht zu Hause. Ich seh’ noch das magere, elende Magistergesicht, gerade in dem hellen Sonnenstreifen. Es war etwas darin, was mich – rührte, möcht’ ich sagen, was mich an meinen Mann erinnerte, als er noch jung war. Ich schämte mich ganz plötzlich, daß ich so gar und gar nichts von diesem Menschen wußte, der doch nun schon ein Jahr lang mein ,Chambregarnist’ war. Er war eine wesenlose Gestalt für mich geblieben. Nun, daß er seines Zeichens Lehrer war, das wußten wir. – Ich weiß, was Sie sagen wollen, wehrte sie mit einer sanften Bewegung der müden Hand, „wie hätten wir zu näherer Bekanntschaft kommen sollen? Sie schickten pünktlich an jedem Ersten durch das Mädchen, das Ihnen früh den Kaffee brachte, Ihre Miete herein. Das war unser ganzer Zusammenhang. Aber als ich Sie dann so vor mir stehen sah, mit diesem Ueberarbeitungsgesicht, das mich so an damals erinnerte, und aus Höflichkeit ein paar Worte mit Ihnen wechselte und dann also anfing, mich zu schämen, und weiter und weiter fragte, und wie dann eins sich [524] ans andere heftete und Sie nach einer Stunde noch bei mir saßen, da am Fenster, und wie dann Hanna nach Hause kam und sich wunderte –“

„Und sich freute,“ fiel das Mädchen ein, „über ihr Mutterchen, das da so aufgeräumt plauderte und alle alten Zeiten ausgekramt hatte –“

„Wissen Sie was, Mamachen,“ unterbrach nun Günther, „ich glaube, es war hauptsächlich die Zunft, die es Ihnen angethan hatte – daß es einer ‚vom Bau’ war. Oder hätten Sie ebensolches Mitleid mit seinem elenden Magistergesicht gehabt, wenn er ein junger Rechtsgelehrter oder sonst was anderes gewesen wäre?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Frau Wasenius nach einem herzlichen Blick auf den jungen Mann, der vor sich niedersah, als begänne ihn diese ausführliche Beschäftigung mit seiner Person zu quälen. „Vielleicht. Eine Brücke war es gewiß, das geb’ ich zu. Und das ist wohl auch natürlich. Es hat dann nicht gar lange mehr gedauert, bis unser neuer Kontrakt zustande kam. Und ich glaube, wir sind alle zufrieden damit.“

„Wenigstens ist ihm Mamachens Pflege ganz gut bekommen. Wenn ich denke, wie er vorher aussah. Aber zum Bürgermeister hat er doch wohl kein Talent, scheint mir.“

„Ich glaube,“ warf Hanna so halblaut hin, „das verhindert schon die Sorge für die lieben, lustigen Orgelpfeifen daheim, nicht wahr?“

„Bitte,“ sagte Rettenbacher sich aufrichtend, mit einem fliegenden Lächeln, „wollen wir uns nicht erinnern, daß wir zusammengekommen sind, um Musik zu machen?“ Der Herr Pastor wartet gewiß schon darauf.

„Ja, wenn wir denn wirklich mit Essen fertig sind? Güntherchen, da ist noch ein Löffel voll Salat übrig.“

„Her damit!“ rief der Musiker vergnügt.

Bis aufs letzte Krümchen wurde die Schüssel geleert. Die andern sahen ihm lächelnd zu. Als er fertig war, stand er sofort auf.

„Warten Sie, Mamachen! Bis abgeräumt ist und alle Mann auf Posten sind, spiel’ ich Ihnen den neuen Becker vor, damit Sie doch ’ne Ahnung davon kriegen. Gott, daß Sie den nicht in der Kirche hören können!“

Frau Wasenius antwortete nicht. Aus ihrem schwermütigen Lächeln heraus sah sie erstaunt auf ihre Tochter, die mit dem Zusammenräumen der Teller innehielt und strahlend zu ihr herüberblickte.

In der Kirche hören! Sie sollte ihn in der Kirche hören, den Becker. Wenn erst der herrliche Stuhl da war, in dem sie fahren konnte. Das mußte zu machen sein! Rettenbacher und Günther mußten sie die drei Treppen hinuntertragen, auf ihren verschlungenen Händen. Sie war ja so leicht. Zu leicht. Drunten in den Stuhl hinein und auf die Straße hinaus! In die Luft. In die Frühlingsluft! Zum erstenmal seit fünf Jahren wieder! Und zur Kirche am Samstag abend. Und ihr vorsingen. „Kommet her zu mir!“ Und den Kiel. „Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Mit Freuden ernten! Ach, Mutter! Und ihr liebes Gesicht in Freudenthränen!

Ein Viertelstündchen später saß sie still neben Erdmann auf dem Sofa, den Kopf angelehnt, die Hände im Schoß gefaltet.

Arnold Rettenbacher sang, das Gebet aus Mendelssohns „Paulus“. Alles, was die wortarme Befangenheit dieses an Einsamkeit Gewöhnten tagaus tagein verschwieg, das redete jetzt seine klingende Sprache. Alles, was an Hoffnung in ihm lebte, ihm selbst vielleicht nur unklar bewußt, alles, was er zu erbitten hatte ohne Gewähr der Erfüllung, alles, was ihm das Einschlafen schwer machte und seine Träume vergoldete, das sang sich von seiner bedrückten Seele los.

Es blieb sehr still im Zimmer, als der letzte Ton verklungen war. Günther senkte den großen, schwarzen Kopf tief auf seine Hände nieder, die noch auf den Tasten liegen geblieben waren. Er war aber dann doch der erste, der wieder sprach. Mit einer seiner ungestümen Bewegungen schlang er einen Arm um den jungen Mann, der neben ihm stand und mit sehr fernabträumenden Augen in die flackernde Kerzenflamme starrte. „Menschenkind, Menschenkind,“ sagte er halblaut, zärtlich. „Wo singen Sie Einen hin!“ Rettenbacher sah mit der Bewegung eines Erwachenden zu ihm nieder. Auf seinem von der tiefen Bewegung verschönten blassen Gesicht schien eine Flamme zu erlöschen. Er antwortete nicht und sah sich langsam, zögernd nach Hanna um.

Das Mädchen hatte sich noch nicht gerührt. Es schien aber jetzt seinen Blick zu fühlen und richtete sich auf, noch ohne den Mut, nach ihm hinzusehen. Es wandte sich vielmehr zu Erdmann, der mit einem seltsam starren Gesicht geradeaus schaute.

„Nicht wahr, lieber Herr Pastor,“ sagte sie leise und mühsam, mit ganz erdrückter Stimme, „dies ist doch auch Gottesdienst?“

„Auch?“ erwiderte er mit so tiefer Bitterkeit und so rauh, daß Hanna erschrak.

Er sah es, und ehe sie noch in ihrer Bestürzung etwas herausbringen konnte, fuhr er fort, nur zu ihr sprechend, als sei niemand sonst im Zimmer: „Was glauben Sie wohl, mein liebes Kind, was für ein beredter Priester ich geworden wäre, hätte man mir vergönnt, auf meine Weise zu predigen. Man hätte mir meine Geige lassen sollen – damals. Man hätte mir meine Musik lassen sollen. Die war meine Sprache, die war mein Gebet!“

Er atmete tief auf und strich mit der flachen Hand über die gerötete Stirn. „Da hab’ ich jetzt eine sogenannte Unklugheit begangen, sagte er traurig lächelnd, mit einem zögernden Blick auf die erschrockenen vier Gesichter. „Liebe Freunde, vergeßt das! Aber kommt und singt weiter in meiner Kirche! Ich predige dann doch etwas besser. – Und nun – gute Nacht! Heute nichts mehr. Nach diesem heute nichts mehr! Aber bald wieder, ja? – Gute Nacht! Recht gute Nacht!“

(Fortsetzung folgt.)

Das XII. Deutsche Bundesschießen in Nürnberg.
Von Hans Boesch. Mit Illustrationen von Fritz Bergen.

Gar lustig wehten in hellem Sonnenschein auf Nürnbergs malerischen Türmen und spitzen Giebeln bunte Fahnen und Wimpel! Frisches Grün gab den altersgrauen Häusern ein freundliches Aeußeres! Ganz Nürnberg hatte Festschmuck angelegt, gleich einer jugendlichen Braut, die den Erkorenen erwartet, hatte sich die vielbesungene Stadt herausgeputzt, um ebenso würdig ein deutsches Nationalfest zu begehen, wie sie 1861 das große Deutsche Sängerfest gefeiert, an das alle, die daran teilgenommen, heute noch voll inniger Freude denken. Diesmal aber waren es die deutschen Schützen, die aus allen Gauen unseres Vaterlandes, und selbst von jenseit des Oceans sich hier vereinigten, um das XII. Deutsche Bundesschießen in festlicher Weise zu begehen. Schon seit Ende des vergangenen Jahres waren Festausschüsse aller Art thätig, um den Gästen Nürnbergs altbewährte Gastfreundschaft angedeihen lassen zu können, um ihnen den Aufenthalt zu einem recht angenehmen zu gestalten und ihnen Deutschlands Schatzkästlein aufs neue teuer und wert zu machen.

Am Samstag den 3. Juli brachte Zug um Zug, der in Nürnbergs bescheidenem Bahnhofe einlief, fröhliche Festgäste, die sich den frischen Trunk Tucherschen Bieres, der ihnen gereicht wurde, recht gut schmecken ließen. Und nach erfolgter Begrüßung zogen die Schützen, geleitet von dem Empfangsausschuß und einem Musikcorps, in die Stadt zum Rathause, wo ihnen Quartierkarten u.a. zu teil wurden. Beim Eintritt in den altehrwürdigen Waffenplatz des Frauenthores fanden sie denselben reich geschmückt. Die martialischen Landsknechte, die dort ihre Wache ausgetragen, stellten sich in Reih’ und Glied, weidlich schwang der Fähnrich sein Panier mit dem alten deutschen Reichsadler und der Donner der Geschütze auf dem Walle rief den Gästen lauten Willkommsgruß zu.

Die Schützen hatten Glück: Gewitterregen, die nachts heruntergegangen, milderten die tropische Hitze, und bei bedecktem Himmel und angefrischter Temperatur fand der Festzug statt. Schon in früher Morgenstunde herrschte in allen Straßen der Stadt das regste Leben. Außen auf der Ringstraße nahm der Festzug Aufstellung, um sodann durch die Ehrenpforte am früheren Läuferthor in die alte Stadt einzutreten. Infolge der freundlichen Begrüßung von seiten der Bevölkerung Nürnbergs gestaltete sich der Marsch durch die Stadt zu einem wahren [525] Triumphzuge, der Teilnehmer wie Zuschauer in gleichem Maße befriedigte. Tücher wehten aus allen Fenstern, zarte Hände ließen einen Regen duftiger Blumenspenden herabgleiten, und an gar vielen Punkten wurden den Festteilnehmern reellere Genüsse zur Stärkung und Erquickung kredenzt.

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Die Landsknechtswache am Waffenplatz des Frauenthores.

Feuerwehr und Turner, Herolde zu Pferd, das Fähnlein Landsknechte, das tags vorher am Frauentor so treu gewacht, Zieler, Pritschenmeister und Preisfahnenträger, alle in altdeutscher Tracht, eröffneten den Zug, der über ein Dutzend Musikkorps mit sich führte. Dann kamen die Gäste aus dem Ausland, namentlich Nordamerikaner, unter welchen die New Yorker Independent-Schützen besonders zahlreich vertreten waren, und Schweizer, die freundlichst begrüßt wurden. Lebhafte Begrüßung ward auch den österreichischen, speziell den Tiroler Schützen zu teil, die aber nicht eigentlich zu den Gästen gerechnet wurden; sie sind Fleisch und Blut von unserem Fleisch und Blute; es war auch, als wollte jeder einzelne den österreichischen Schützen beweisen, mit welcher Teilnahme die Deutschen im Reiche die Kämpfe verfolgen, die sie ausfechten müssen, um ihre Nationalität zu bewahren. Und nun kamen die Schützen der letzten Feststadt, die Mainzer, begleitet von Herolden und Marschällen und der Musik in mittelalterlicher, malerischer bunter Tracht. Sodann aus stolzem, vom Direktor C. Hammer entworfenen Prachtwagen Frau Germania mit dem Bundesbanner, geleitet von den Nürnberger Schützen, denen die Vorstandschaft des deutschen Schützenbundes und des Gesamtausschusses folgte. Ein prächtiges Bild war es, als Schützenmeister Heerdt-Mainz an der Tribüne, die auf dem großen malerischen Marktplatze Nürnbergs aufgeschlagen war, das Bundesbanner der Feststadt übergab und namens derselben Bürgermeister Dr. von Schuh versprach, dieses Kleinod, ein Symbol deutscher Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit, deutscher Energie und Kraft, getreulich zu behüten und zu bewahren. Brausender Jubel erfüllte die Lüfte bei dem Hoch auf den Deutschen Schützenbund. Die Scene ist der Gegenstand der Hauptillustration Seite 529.

So hübsch der Zug der Schützen mit den fliegenden, oft altehrwürdigen Bannern sich ausnahm, so hatte man es doch für notwendig gefunden, denselben durch eingefügte historische Gruppen zu beleben. Die erste führte in die Zeit Barbarossas, des Kaisers, welcher der Stadt Nürnberg zur Reichsfreiheit verhalf. In reichem Schmuck hoch zu Roß, begleitet von Fürsten und Edelleuten, Gesandten der lombardischen Städte und aller Nationen, zog die imponierende Gestalt mit dem mächtigen roten Barte dahin. Kreuzfahrer zu Pferde, Krieger zu Fuß und Troßknechte folgten dem Oberhaupte des Reiches. Viel bewundert ward Frau Minne auf einem von Minnesängern, Spielleuten und sonstigem fahrenden Volke umgebenen Wagen, auf dem Siegfried das Drachenungeheuer erlegt.

In den malerischen Straßen Nürnbergs, die in einem Schmuck prangten, wie er anderwärts kaum wieder vorkommt, bot diese Gruppe ebenso wie die beiden folgenden ein ungemein farbenschönes anziehendes Bild, auf dem Staffage und Hintergrund so vorzüglich zusammengepaßt waren, daß sie in eins verschmolzen.

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Vom Festplatz: Festhalle und Gabentempel.

Riesigen Beifall errang sich sodann der Einzug Kaiser Maximilians I., der so oft in Nürnberg geweilt, in seine und des Reichs allzeit getreue Stadt, eine sehr dankbare Darstellung, da sie in Nürnbergs höchste Blütezeit fällt. Ein großer Teil des Zuges war dem Dürerschen, von Kaiser Maximilian veranlaßten Triumphzuge nachgebildet, der ja das Großartigste ist, was es in dieser Beziehung giebt. Nicht nur Ritter und Reisige, Patrizier und der Rat, Feuer- und Armbrustschützen geleiten den Kaiser, der unter einem Baldachin reitet, und die anmutig lieblichen Damen in dem prächtigen Reisewagen – wir verweisen auf die Abbildung Seite 526 auch die Kaufmannschaft mit den Handelsherren zu Fuß und zu Pferd, mit allegorischem Wagen, mit altem Frachtwagen, dem Geleite und den [526] gefangenen Raubrittern, die den Pfeffersäcken das ihrige entreißen wollen, schließen sich an. Ingleichen der Prachtwagen der Künste mit Alt-Nürnbergs großen Männern, den Künstlern und Gelehrten, auf die ganz Deutschland stolz ist, und der nicht minder gelungene Wagen der Meistersinger, auf dem Hans Sachs den wohlverdienten Ehrensitz einnimmt. Ihm folgen seine zahlreichen Schüler und die Vertreter der Handwerke und Gewerbe mit mannigfachen Emblemen. Den Schluß bildet die Gruppe der Jagd, die dem ritterlichen Kaiser vor allem ans Herz gewachsen war. Aus ihr ist besonders die große Anzahl Damen hervorzuheben, welche hoch zu Roß den Zug verschönerten.

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Gruppen aus dem Festzuge.
Kaiser Maximilian, geleitet von Edelknaben mit Windlichtern.
Die Scheibe der Nürnberger Schützengesellschaft, auf welche Gustav Adolf geschossen.
Fürstliche Frauen im Gefolge Kaiser Maximilians.

Ebenbürtig stellte sich diesen Gruppen die letzte an die Seite: der Einzug Gustav Adolfs in Nürnberg. Dieselbe historische Treue in Bezug auf die Kostüme, dieselbe Farbenpracht, Mannigfaltigkeit, derselbe großartige Umfang, der die andern Gruppen auszeichnete, war ihr eigen. Selbst die alte Artillerie fehlte nicht. Eine merkwürdige historische Reliquie war die von zwei Kriegern getragene Scheibe der Nürnberger Schützengesellschaft, auf welche seiner Zeit Gustav Adolf selbst einen Schuß abgegeben, der Leser findet ihre Abbildung nebenstehend.

Etwas abgespannt, aber doch in gehobener Stimmung sind nach mehrstündigem Marsche durch die Stadt die Teilnehmer des Zuges auf dem Festplatze vor der Stadt bei St. Peter angelangt. Auf der Peterheide, offiziell Ludwigsfeld genannt, war man schon seit einem Vierteljahr unter Bauamtmann Försters Leitung und nach Professor Brochiers Entwürfen bemüht, eine Feststadt für die Schützen zu errichten. Einheitlich im Barockstil ausgeführt, standen auf der einen Längseite die riesige Festhalle (Abbildung S. 525), die durch nicht weniger als 60 Bogenlampen beleuchtet wurde, auf der andern die Bierhallen, während auf der hinteren Seite die Schießstände Platz gefunden hatten, welche die Zahl 150 überschritten. Neben dem Eingangsthor war Langs Riesenbierhalle des Ledererbräu und das Vergnügungsviertel mit Schaustellungen und Etablissements aller Art, so daß ein jeder etwas fand, was ihm paßte und Freude machte. Inmitten des Platzes erhob sich der imponierende Gabentempel, gekrönt von der Fortuna (Abbildung S. 525), sein wertvoller Inhalt wurde bis zur Preisverteilung streng bewacht, dann aber dauerte es nicht lange, bis die kostbaren Gewinne in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurden.

Die Nürnberger haben schon acht Tage vor dem Feste sich eifrigst dem Studium der Bierverhältnisse auf dem Festplatze hingegeben. Die rechte Festesfreude aber brachten erst die Schützen mit. Am Samstagabend fand die Empfangsfeier in der Festhalte statt. Schützenmeister Pylipp-Nürnberg begrüßte die Gäste namens der Nürnberger Schützen-Gesellschaft, Rechtsrat Jäger namens der Stadt. Letzterer wies auf die Verdienste hin, welche sich Schützen, Turner und Sänger durch Hochhalten des Einheitsgedankens in früherer Zeit erworben, beide erhofften von diesem Feste eine Stärkung des deutschen Nationalgefühls, der brüderlichen Gesinnung aller deutschen Stämme, der Wehrhaftigkeit unseres Volkes. Der Vorstand des Gesamtausschusses des Deutschen Schützenbundes, Hauschild-Bremen, feierte, anknüpfend an Max von Schenkendorfs Verse, die Feststadt. Und diesen Reden folgten noch viele andere, die alle freudig aufgenommen wurden, so daß der Abend in schönster, animiertester und für die folgenden Tage vielversprechender Weise verlief.

In eben dieser imponierenden Festhalle fand nach Ankunft des Zuges das Festbankett statt, an welchem gegen 4000 Personen teilnahmen. Hier rief Gymnasialdirektor Vogt in ebenso gewandter als herzlicher Weise den Festgästen ein „Grüß Gott“ zu, das mit jubelndem Beifall aufgenommen wurde. Gleich freudige Aufnahme fand der Trinkspruch des Präsidenten Hauschild-Bremen auf Kaiser und Reich, die deutschen Fürsten und das deutsche Volk. Schützenrat Gerstle-Wien brachte den Gruß und Handschlag der deutschen Schützen Oesterreichs und endete mit einem Hoch auf die Feststadt. Namens derselben dankte Bürgermeister von Schuh, der zum Festhalten an dem errungenen einigen Vaterlande mahnte und den Gästen sein Glas weihte. Und so ging es noch lange fort, es wurden noch viele treffliche Worte, die von warmer Vaterlandsliebe und brüderlicher Gesinnung zeugten, gesprochen. Als das Bankett aber geendigt hatte, nahm das Konkurrenzschießen, an dem sich 130 Schützen beteiligten, seinen Anfang. Ein riesiges, betäubendes Geknatter ward vernehmbar und in kurzer Zeit waren je die ersten zehn Becher aus Feld und Stand herausgeschossen.

Die Sieger erhielten die wohlverdienten Preise nach Beendigung des Wettkampfes gleich überreicht, und unter allgemeinem Jubel zogen sie dann, von Kameraden auf die Schultern genommen, Militärmusik voran, in die Festhalle. In freudiger Stimmung endete der Hauptfesttag.

Am Montag früh aber begann der Wettkampf aufs neue. Von früh bis nachts waren alle Stände stark besetzt und gar fleißig waren die Schützen, deren sich weit über 3000 eingefunden hatten, an der Arbeit. Und nachmittags und abends nahm Nürnbergs Bürgerschaft regen Anteil an dem Feste, die verschiedensten Veranstaltungen wurden getroffen um den Gästen den Aufenthalt angenehm zu machen und ihnen Unterhaltung und Anregung zu bieten. Ein lustiges Leben und Treiben herrschte am dem Festplatze, und innerhalb des großen Festes spielten sich noch recht viele kleinere Feste und Veranstaltungen in engerem Kreise ab. Es dürfte kein Zweifel bestehen, daß Nürnberg den hohen Ruf, den es sich im Jahre 1861 durch Veranstaltung des großen Deutschen Sängerfestes als Feststadt erworben, sich bewahrt hat, daß es auch die heutige Generation seiner Bürger versteht Feste auszurüsten, und daß es ihm gelungen ist, sich in den Herzen der Tausende von Festgästen einen Platz zu erobern, aus dem es sich nimmer verdrängen lassen wird.

[527]

Max Ring.

Am 4. August begeht Max Ring in voller Rüstigkeit seinen achtzigsten Geburtstag.

Er ist der Nestor unter den noch am Leben befindlichen Schriftstellern, die Ernst Keil, der Gründer der „Gartenlaube“, in der Jugendzeit derselben um sich zu vereinen wußte, um ihm bei der Ausgestaltung seiner Ideale zu helfen. Vor allem in den kritischen sechziger Jahren, als Ernst Keil mit patriotischem Eifer bestrebt war, an der geistigen Ueberbrückung der neuaufklaffenden „Mainlinie“ trotz der Ungunst der Zeiten weiterzubauen, Norddeutsche und Süddeutsche in gegenseitiger Würdigung einander zu nähern, hat die „Gartenlaube“ der Feder Max Rings eine Fülle von Beiträgen zu danken gehabt, die in diesem Sinne gewirkt haben. Durch seine mannigfachen lebensvollen Schilderungen aus der Vergangenheit und Gegenwart Berlins hat er damals nicht wenig dazu beigetragen, die vielfach bestehenden Vorurteile gegen die preußische Hauptstadt

Die Gartenlaube (1897) b 527.jpg

Max Ring.

zu zerstreuen und im weiten Umkreis der Nation jene Sympathien zu nähren, mit denen Berlins Emporsteigen zur Reichshauptstadt später begleitet wurde. In den großen Geschichtswerken, welche Rings litterarische Laufbahn im vorigen Jahrzehnt äußerlich zum Abschluß brachte – „Die deutsche Kaiserstadt Berlin“ und „Das Buch der Hohenzollern“ – hat diese Seite seiner litterarischen Wirksamkeit einen zusammenfassenden, sein Lebenswerk krönenden Abschluß gefunden.

Nicht im Getriebe des großstädtischen Lebens, dem sein litterarisches Schaffen vornehmlich zugewendet war, hat jedoch Rings Wiege gestanden. Als Sohn eines Landwirts kam er in dem schlesischen Flecken Zauditz bei Ratibor zur Welt. Für den Besuch der Universität wurde er dort durch Privatlehrer, dann auf den Gymnasien von Ratibor und Oppeln vorbereitet. Trotz der frühen Regungen seines poetischen Talents entschloß er sich für das Studium der Medizin, dem er von 1836 ab zwei Jahre in Breslau, dann in Berlin oblag. Er ergriff dasselbe mit Eifer, fand daneben aber auch Muße, Philosophie zu treiben, im besonderen die humanistische Ethik Spinozas mit Begeisterung in sich aufzunehmen und sein Talent, zunächst als Lyriker, zu pflegen. Im Wetteifer mit seinem engeren Landsmann und Freunde, dem später zum berühmten Kliniker gewordenen Ludwig Traube, brachte er seine Studien mit dem Vorsatz zum Abschluß, seiner Wissenschaft nicht nur als Arzt, sondern auch als akademischer Lehrer zu dienen. Der plötzliche Tod seines Vaters und die daraus für ihn sich ergebende Notwendigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen, durchkreuzten jedoch diesen Plan, und er sah sich genötigt, in der Heimat eine ärztliche Praxis zu suchen. Er fand solche in den oberschlesischen Städten Pleß und Gleiwitz, und obschon er sich hier nach der anregenden Berliner Zeit mit seinen schöngeistigen Neigungen sehr vereinsamt fühlte, wurde die ärztliche Thätigkeit, die er im Bezirke jener industriereichen Gegenden entfaltete, doch von bestimmendem Einfluß auf sein Einlenken in die litterarische Laufbahn, auf die Ausbildung seines litterarischen Charakters.

Mit dem scharfen und doch liebevollen Blick, der sein Auge am Bette der Kranken beseelte, sah er auch in das entsetzliche physische und geistige Elend der armen oberschlesischen Bevölkerung, lernte er die sozialen Zustände und Mißstände erkennen, welche durch den Ausbruch der furchtbaren Hungertyphusepidemie des Jahres 1847 eine so grelle Beleuchtung erfuhren. In einem seiner besten Romane, „Ein verlorenes Geschlecht“, hat er später die Erfahrungen, die er damals als Arzt in den Hütten der Armut gesammelt, poetisch dargestellt. Unter dem unmittelbaren Eindruck derselben aber fühlte er sich beim Ausbruch der politischen Erhebung im Jahre 1848 hingerissen, an dem Kampf für die Herbeiführung besserer Zustände öffentlich Anteil zu nehmen. Er ging nach Breslau und ward in diesem Sinne Mitarbeiter an verschiedenen Zeitungen. Nach dem Zusammenbruch der im Anfang so siegreichen Bewegung schrieb er seinen ersten Roman „Berlin und Breslau“, in welchem er ziemlich unmittelbar zur Darstellung brachte, was er soeben an Hoffnungen und Enttäuschungen erlebt. Ohne die ärztliche Praxis zunächst ganz aufzugeben, die ihm vielmehr noch manche poetische Ausbeute, wie die ergreifenden Erzählungen „Aus dem Tagebuche eines Berliner Arztes“, gewährt hat, wählte er dann Berlin zum dauernden Aufenthalt und nahm hier von jetzt ab am litterarischen Leben ununterbrochen thätigsten Anteil.

Sein liebenswürdiges Naturell erleichterte ihm den persönlichen Anschluß an zwei der damals gefeiertsten Dichter, in deren Wesen und Werken er vieles fand, das mit den eigenen Antrieben zusammenklang. Mit Berthold Auerbach, dessen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ damals in der vollen Frische einer neuen Erscheinung wirkten und dessen Begeisterung für Spinoza er teilte, trat er in Wettstreit, indem er dessen Dorfgeschichten seine „Stadtgeschichten“ gegenüberstellte. In diesen war er, wie schon Heinrich Kurz in seiner Litteraturgeschichte hervorhob, mit Erfolg bestrebt, das Stadtleben in seinem Einfluß auf die Bewohner zu schildern. Sein eigentliches Vorbild in dieser Kunst selbst war aber Karl Gutzkow, der damals im Zenith seiner Laufbahn stand. Hatte er doch soeben in den „Rittern vom Geist“ einen Zeitroman erscheinen lassen, der sowohl in dieser einen Beziehung wie als Spiegelbild der idealen Bestrebungen jener ganzen Epoche selbst Epoche machte. Als Erzähler, wie auch als Dramatiker, gehört Max Ring in das erste Glied derer, auf welche das Beispiel Gutzkows mustergebend und zugleich zur Selbständigkeit anspornend gewirkt hat. Denn nicht nur Rings größere Zeitromane, wie „Götter und Götzen“, „Unfehlbar“, „Der große Krach“, tragen dies Gepräge. Auch da, wo er ’historische’ Stoffe gestaltete, in den Novellen „Leyer und Schwert“, „Sand“, „Börnes Jugendliebe“, den Romanen „Der Große Kurfürst und der Schöppenmeister“, „John Milton und seine Zeit“, „Rosenkreuzer und Illuminaten“, dem Drama „Die Genfer“ u a., bethätigte er das vom „Jungen Deutschland in die Litteratur eingeführte Prinzip, durch poetische Darstellung erhebender und abschreckender Beispiele aus der Vergangenheit den Idealismus der Gegenwart zu beleben, die Geschichte in befruchtenden Bezug zu setzen zu den Fortschrittsfragen der Gegenwart.

Wie in den ebengenannten Novellen, mit denen Max Ring seine Thätigkeit in der „Gartenlaube“ eröffnete, so hat er auch dieses Ziel in vielen der kleineren Lebensbilder und Charakterskizzen verfolgt, welche den älteren Jahrgängen des Blattes durch Jahrzehnte zum Schmuck gereicht haben. In diesen kurzen Schilderungen von führenden Geistern und Errungenschaften des Fortschritts verbanden sich aufs glücklichste die Schärfe der Charakteristik, die Wärme der Schilderung mit jener aufklärenden, auf Volksbildung im edelsten Sinne ausgehenden Tendenz. In der Kunst, den belehrenden Vortrag durch den Reiz des Anekdotischen zu würzen, den Bericht des Geschehenen anschaulich zu [528] gestalten, bewährte er sich als Meister. Dem Wert, den Ernst Keil auf seine Beiträge legte, dem Eifer, mit dem er ihn zu immer neuen anregte, entsprach die günstige Aufnahme, die sie im Publikum fanden, und die Beziehungen zwischen Redakteur und Autor wurden immer inniger und vertrauter. Ja, als im Jahre 1862 die „Gartenlaube“ in Preußen verboten wurde und Keil als Ersatz für sie in Berlin den „Volksgarten“ gründete, da war es Max Ring, dem er die Redaktion des letzteren übertrug und der sich des in ihn gesetzten Vertrauens auch in jeder Beziehung würdig erwies.

Seit seiner Uebersiedlung nach Berlin im Jahre 1850 ist Ring dort wohnen geblieben. Er wurde in dieser Zeit zu einem der besten Kenner der Reichshauptstadt, von Alt- und Neu-Berlin, und hat dies auch in rein historischer Weise bethätigt. Trotz eines Lebens, von dem das Wort des Psalmisten gilt, daß es köstlich gewesen ist, weil es voll Mühe und Arbeit gewesen, erfreut er sich noch heute einer seltenen Frische und Rüstigkeit, die freilich auch von einem glücklichen Familienleben umhegt sind. Möge ihm auch weiter die Bürde des Alters leicht sein und er in den Glückwünschen der vielen, die heute mit uns seines segensreichen Wirkens gedenken, den Lohn finden für all die Anregungen zum Guten und Tüchtigen, die er in seinem reichen Leben mit nimmermüdem Geist ausgestreut hat!


Die Hexe von Glaustädt.
Roman von Ernst Eckstein.

(11. Fortsetzung.)

19.

Der Tuchkramer verspürte nach der Verhandlung mit Balthasar Noß ein ungestümes Bedürfnis nach frischer Luft. Die Zeit drängte nicht. Der Besuch im Stockhause vollzog sich sogar besser, wenn der Abend um einiges vorgerückt und die Straßen minder belebt waren. Er schritt also durch die vielfach gewundene Cäciliengasse und erreichte das Harracher Thor, das von sämtlichen Stadtthoren den geringsten Verkehr hatte. Ein leicht erklärlicher Drang führte ihn gerade in dieser Richtung. Jenseit des Harracher Thores lag nämlich ein Bauerngehöft, rings von Erlen und Weiden umbuscht, so daß man nur den Schornstein und ein Stückchen des graugelben Strohdaches zwischen dem Laubwerk hervorlugen sah. In diesem Bauerngehöft standen seit vorgestern drei Pferde bereit, eins für Hildegard Leuthold, eins für Herrn Lotefend und eins für den Kerkermeister Hans Godwin, der, seines freudlosen Amtes längst überdrüssig, dem Golde des Tuchkramers nicht lang widerstrebt hatte und nun gewillt war, mit über die Dernburgsche Grenze zu flüchten. Wenn sich im Stockhaus alles nach Wunsch abspielte, konnte man längst vor Mitternacht schon in Sicherheit sein.

Den Blick auf das halbversteckte graugelbe Strohdach gerichtet, schlenderte Lotefend herzklopfend über den schmalen, tiefgeleisigen Ackerweg. Unweit der Holzbrücke, die nordostwärts über die stark strömende Glaubach führte, stand eine roh gezimmerte Bank. Hier machte der Tuchkramer Halt. Er mußte sich ausruhen. Zwar hatte Herr Lotefend an der Bestechlichkeit des Balthasar Noß keine Minute lang ernstlich gezweifelt. Trotzdem war ihm die glatte, geräuschlose Abwicklung wie ein unheimlicher Glücksfall schwer in die Glieder gefahren und das Bewußtsein, daß er dem Ziel seiner Hoffnung jetzt so unmittelbar nahe gerückt war, trieb ihm das Blut stürmisch durch alle Adern.

So verstrich eine Stunde. Von der Glaubach herauf wehte ein feuchtwohliger Dunst, der ihm die brennende Stirn kühlte und ihm die aufschauernden Nerven beschwichtigte. Gegen halb Zehn machte er kehrt. Wie er ans Harracher Thor kam, hatte der Wächter bereits geschlossen. Mit tiefehrfürchtigen Bücklingen ließ er den vornehmen Herrn ein. Unterdes war es vollständig Nacht geworden. Die schmale Cäciliengasse lag schon wie ausgestorben.

Henrich Lotefend kam an das Stockhaus. Schwarz und wuchtig ragten die ungegliederten Steinmassen zum sternklaren Himmel auf. Der oberste Dachfirst glänzte jetzt eben im Schein des aufgehenden Mondes. Vor dem Haupteingang neben der Wandlaterne blinkten die Hellebarden der beiden Schildwachen: „Halt!“ klang es ihm rauh entgegen, als sich der Tuchkramer dem Eingangsthor näherte. „Hier giebt’s keinen Zutritt mehr.“ Henrich Lotefend hielt das Geleitsblatt des Zentgrafen zwischen den Fingern.

„Für mich doch!“ sagte er leichthin. „Kennt Ihr die Unterschrift und das Siegelzeichen des Vorsitzers?“

„Weist her!“ sprach der Soldat. Er nahm den rot untersiegelten Zettel und hob ihn zu der eisernen Windlampe rechts in der Steinblende.

„Wohl! Das Siegel da kenn’ ich. Desgleichen die Unterschrift. Aber möchtet Ihr nicht so gut sein, mir noch einmal genau vorzulesen, was hier geschrieben steht? ’s ist viel Wasser die Grossach ’nunter geflossen, seit ich zu Marburg die Schule besucht habe. Auch trifft es sich heute für mich zum erstenmal, daß hier ein solcher Geleitsschein benutzt wird. Lotefend las.

„Dank’ Euch!“ sagte der Stadtsoldat. „War ja im Grunde nicht nötig. Aber für künftige Fälle weiß ich’s nun …“

Er schlug mit dem Schaft seiner Hellebarde wider die Thorplanken. Es dauerte einige Zeit, bis da drinnen der greinende Stahlriegel aus der Kramme gerissen ward. Eine großdochtige Talgkerze goß ihr unruhiges Rotgelb auf das stumpfsinnig breite Bauerngesicht des Pförtners.

„Was giebt’s so spät?“ fragte der Kerl mürrisch.

„Ich komme im Auftrag des Zentgrafen Balthasar Noß,“ versetzte der Tuchkramer. „Ich bitt Euch, führt mich alsbald zum Verwalter!“

Der Pförtner gehorchte mit seufzender Langsamkeit. Die beiden Erdgeschoßfenster links im Hof hatten noch Licht. Dort war es. Die Thür neben dem Regenfaß. Achtung! Da stand eine Waschkufe …

Der Stockhausverwalter war vor kaum einer Viertelstunde erst heimgekommen und saß jetzt bei dem frugalen Nachtmahl, das er an Sonntagen immer verspätet einnahm. Er hatte die einzigen freien Stunden, die ihm während der ganzen Woche vergönnt waren, zu einem Gang nach der Waldschenke und zum Austrinken zahlreicher Schoppen benutzt, die ihn so schläfrig machten, daß er kaum noch imstande war, seine Suppe zu löffeln. Mühsam erhob er sich. Mit schwerblinzelnden Augen prüfte er den Geleitsschein. „Stimmt!“ knurrte er vor sich hin und strich sich mit der knochigen Hand etlichemal über den Kahlkopf. „Gewiß – der Schein ist in Ordnung. Aber – was ich bemerken wollte … ich bin müde zum Hinschlagen. Könntet Ihr nicht morgen bei Tag wiederkommen?“

„Nein!“ erwiderte Lotefend schroff. „Morgen bei Tag soll die Beschuldigte schon verhört werden, und ich habe die zwingendsten Gründe, noch vor diesem Verhör eine Besprechung zu wünschen.“

„Nichts für ungut, Herr Ratsherr! Ich meinte nur … Weil ich so hundsmüde bin. Und weil ich doch gern in eigner Person … Aber es geht ja auch so. Entschuldigt nur! Der verwünschte Glaustädter Blankwein! Neuling, bring’ den Herrn Ratsherrn schleunigst hinaus zur Malefikantenabteilung!“

Die letzten Worte waren an einen halbwüchsigen Burschen gerichtet, der eben damit beschäftigt war, die Sonntagskleider des weinmüden Stockhausverwalters über die Stange zu hängen. Der Knabe nahm eine Handlaterne vom Sims, steckte sie an und schritt dem Ratsherrn voraus. Ueber unregelmäßig gebaute Gänge und Steintreppen gelangte Herr Lotefend nach dem Vorplatz an der eisernen Thür, wo der Kerkermeister in seinem niedrigen spärlich erleuchteten Holzverschlag hauste. Der Raum der Hellebardiere war bereits leer.

„Godwin, schlaft Ihr schon?“ rief der Bursche des Stockhausverwalters und trommelte mit der Faust wider die Bretterbude. „Ihr werdet verlangt, Godwin! Ein Ratsherr will jetzt gleich ins Malefikantengefängnis. Bringt die Laterne mit!“

Mit erkünstelter Langsamkeit kam der bleiche, bartumwucherte Godwin aus dem Verschlag hervor. Sein Herz schlug nicht minder erwartungsvoll als das Lotefends. Nach einem abenteuernden Leben in Frankreich und Norditalien war Hans Godwin

[529]
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Vom XII. Deutschen Bundesschießen in Nürnberg: Ueberreichung des Bundesbanners des Deutschen Schützenbundes durch die Mainzer Schützen an die Stadt Nürnberg auf dem großen Marktplatz.
Nach dem Leben gezeichnet von Fritz Bergen.

[530] endlich in Glaustädt gelandet, um nicht zu sagen gestrandet. Zwischen den armsdicken Mauern des Stockhauses aß er seit vier oder fünf Jahren einförmig und lichtlos dahinlebend sein trauriges Brot. Wenn er nicht Dienst hatte, fehlte ihm alles und jedes, um seine Freiheit halbwegs zu genießen. Die Bezahlung war so erbärmlich als möglich. Nirgendswo sah man ihn gern; die Kinder liefen ihm aus dem Weg wie dem Scharfrichter, kein Mädchen hätte sich je entschlossen, das Schicksal des Hexenbeschließers zu teilen. So war es dem freigebigen Lotefend nicht eben schwer gefallen, Hans Godwin für die Ausführung eines Plans zu gewinnen, der ihm die Möglichkeit bot, sich jenseit der Grenze mit einem Schlage seßhaft zu machen und sich ein frisches, frohes, behäbiges Dasein zu gründen.

„Wer seid Ihr?“ fragte der Kerkermeister im Ton eines verdrossenen Erstaunens,

Henrich Lotefend wies auch ihm den Geleitsschein. Reuling, der Bursche des Stockhausverwalters, wünschte indes gute Verrichtung und wandte sich mit einiger Unsicherheit zum Gehen. „Ich hab’ noch Arbeit“, sagte er wie entschuldigend. „Ihr könnt wohl selber den Herrn da zurückbegleiten.“

„Ja, ja! Troll dich nur, faule Schlafmütze!“

Der junge Mensch rannte spornstreichs von dannen. Als seine Schritte verhallt waren, unterdrückte der Tuchkramer kaum einen Jubelschrei. „Gott sei Dank!“ raunte er aufatmend. „So weit wären wir glücklich! Und nun, Meister Godwin, haltet die Ohren steif, daß uns der Rest gelingt wie der Anfang! Ehe ich hineingehe, sagt, habt Ihr den Schlüssel zur kleinen Turmpforte?“

„Längst! Davon hing ja doch alles ab!“

„Nicht so ganz. Ich war auf das Schlimmste gefaßt. Aber besser ist besser.“

„Und der Wächter am Harracher Stadtthor?“ fragte der Kerkermeister. „Wird uns keinerlei Schwierigkeit machen. Auch sonst alles in schönster Ordnung. Die Pferde sind ausgezeichnet. Und sicher wie Maultiere. Bis an die Grenze brauchen wir kaum dreiviertel Stunden. Noch vor Mitternacht hoff’ ich Euch die zwei Tausend in gutem Papier auszuhändigen.

„Das gebe der liebe Gott! Ich kann’s wahrlich gebrauchen! Längst schon wär’ ich aus diesem Loch ausgekniffen, wenn nicht die leidige Not wäre, die Sorge ums tägliche Brot!“

Lotefend nickte. „Also fehlt uns jetzt zur Ausführung unseres Fluchtplans nur noch Hildegard selbst. Uebrigens dünkt es mir doch zweckmäßig, daß Ihr sie vorbereitet. Geht und tragt die Laterne da in ihre Zelle! Sagt ihr, es komme ein Freund zu ihr, der mit ihr reden wolle! Ja und löst ihr die Ketten!“

Hans Godwin öffnete mit aller Vorsicht die eiserne Thür und trat in den Korridor, wo rechts an der Steinwand eine matt schwelende Lampe hing. Dann begab er sich, fast unhörbar schleichend, in das Verließ Hildegards.

Henrich Lotefend wartete atemlos vor der Zelle. Er hörte die Stimme des glühend geliebten Mädchens, ohne doch zu verstehn, was sie sagte. Es überrieselte ihn vom Wirbel bis zur Zehe.

Hans Godwin setzte seine Laterne auf einen Mauervorsprung. Leise flüsternd nahm er der freudig Erschreckten die Fesseln ab. Hiernach verließ er sie, lehnte die Zellenthüre nur an, gab dem Tuchkramer ein Zeichen und entfernte sich rasch.

Lautlos glitt Henrich Lotefend in das enge Gelaß und zog die Thür voll ahnender Hoffnung hinter sich zu. Er war mit Hildegard Leuthold allein.

Eine Zeit lang standen die beiden einander stumm gegenüber. Hildegard Leuthold war wie niedergedonnert, als sie in dem späten Besucher den Mann erkannte, der sie so gegen alle Vernunft mit seiner aufdringlichen Liebe verfolgt hatte. Sie ahnte, daß ihr diese Begegnung, trotz der vielverheißenden Anspielungen des Kerkermeisters, nichts Gutes bedeute. Lotefend aber schwelgte im Anblick der hinreißend schönen Mädchengestalt, die jetzt so unwiderruflich in seine Hände gegeben war. Der Hauch von Hilflosigkeit und Verstörtheit, der nebelgleich über dem sanft erglühenden Antlitz lag, erhöhte nur ihren Liebreiz. Ihre Augen glänzten so groß und so fremdartig. Niemals war sie ihm so verführerisch holdselig erschienen wie jetzt.

„Hildegard,“ sprach er dann mit verhaltener Leidenschaft, „ich komme, um Euch zu retten.“

„Ihr?“

„Wundert Euch das? Ihr wißt doch, daß Ihr bei Tag und Nacht mein einziger Gedanke seid. Ich liebe Euch bis zum Wahnsinn. Hört mich an, Hildegard! Wenn Ihr mir folgen wollt als mein getreues Weib, so erschließt sich Euch der Weg in die Freiheit. Jetzt – in dieser Minute noch! Wir flüchten nach Dernburg. Jenseit der Grenze winkt uns ein neues glückliches Leben. Ihr sollt mich schon lieben lernen! Ich will Euch auf Händen tragen als Euer opferwilligster Freund! Meine Ehe wird in Bälde getrennt. Alles ist für unser Entweichen vorbereitet. Ihr braucht nur das eine Wort Ja zu sagen.

Hildegard Leuthold starrte ihn weit geöffneten Auges an. Die entsetzliche Angst, die ihr während der letzten Tage so unablässig das Herz zerfleischt hatte, gewann jählings die Oberhand. In diesem Augenblick sah sie nur eins: die Erlösung aus der unmittelbaren Gefahr, die willkommene Befreiung von Elend, Jammer und Tod. Alles andre, was dann späterhin folgen sollte, kam ihr nur ganz schattenhaft ins Bewußtsein.

Vielleicht auch zuckte ihr ein heimlicher Nebengedanke durchs Hirn, die Zuflüsterung einer entschuldbaren Sophistik. Wenn sie jetzt ihre Einwilligung gab, so war diese Zusage ja gewaltsam erpreßt. Was man ihr unter solchen Verhältnissen grausam abnötigte, das brauchte sie nicht zu halten. Wenn sie nur erst einmal glücklich frei war! Jenseit der Grenze, in der Machtsphäre des Fürsten Maximilian, konnte noch alles gut werden! Sie würde dem Griffe Lotefends noch in zwölfter Stunde entfliehen. Vielleicht, wenn sie ihm recht ins Gewissen sprach, stand er sogar aus eigener Entschließung von seinem Begehren ab und ließ sich großmütig an ihrem heißen Danke genügen. Erwiesene Wohlthaten wirkten ja oft veredelnd auf den selbstsüchtigsten Wohlthäter!

Sie atmete schwer. Lotefend aber hatte ihr Mienenspiel mit dem zersetzenden Scharfblick des Mißtrauens beobachtet.

„Wollt Ihr?“ fragte er eindringlich.

Und da sie nicht Nein sagte, fuhr er mit leise zitternder Stimme fort. „Wenn Ihr denn wirklich wollt, so liefert mir den Beweis, daß es Euch mit dieser hingebungsvollen Absicht ernst ist. Eh’ ich nicht Eure Lippen geküßt und Euch glückselig in meine Arme geschlossen habe, eher halt’ ich mich Eurer nicht ausreichend versichert. Erst wenn Ihr durch einen Schwur die Brücke zwischen Euch und dem andern völlig zerstört habt, erst dann vertraue ich Euch.“

Ein unheimliches Feuer blitzte in seinen Augen. Er trat einen Schritt näher. Im nächsten Augenblick hatte er sie voll schauernder Inbrunst an sich gerissen.

Entrüsteter noch als damals im Studiergemach ihres Vaters stieß Hildegard Leuthold den blindwütigen Angreifer zurück.

„Lieber den Tod!“ ächzte sie dumpf, da er sie endlich frei gab. „Um diesen Preis folg’ ich Euch nie! Gott wird mir schon Kraft verleihen, all dieser Schrecknis muterfüllt Trotz zu bieten. Er wird mich sterben lassen im Glauben und ohne Bitternis. Hätte dies Leben denn Wert für mich, wenn ich den einzig geliebten Mann ehrlos verriete?“

„Ihr seid ihm ja doch verloren,“ murmelte Lotefend. „Kommt zur Vernunft, Hildegard! malt Euch aus, was Euch erwartet! Einen Vorschmack des Fürchterlichen habt Ihr genossen. Ihr habt Euch hier in der Zelle gewunden vor Jammer und Todesangst. Aber was ist das im Vergleich mit der Folter und mit der Einäscherung bei lebendigem Leibe! Hildegard Leuthold, Euer Schicksal ist so gut wie besiegelt!“

Hildegard wandte sich stöhnend ab.

„Noch einmal“, fuhr er mit schmeichelnder Inständigkeit fort, „fügt Euch ins Unvermeidliche! Ihr sollt es niemals bereuen, so wahr ein Gott lebt! Und – ich komme nicht wieder, Hildegard! Ich komme nicht wieder! Wenn Ihr Euch jetzt nicht entschließt…“

„Lieber die Folter! Lieber den Feuertod!“

Der Tuchkramer trat etwas zurück. Sein Gesicht trug den Ausdruck erkünstelter Frostigkeit. „Ich warte noch zehn Minuten! Wenn diese zehn Minuten um sind, verlasse ich Euch. Ihr wißt dann, was Euch bevorsteht.“

Hildegard sank zu Boden. Sie rang wortlos die Hände. Dann schleppte sie sich langsam und wie gebrochen zu dem Ratsherrn heran, umklammerte seine Kniee und stöhnte verzweiflungsvoll: [531] „Erbarmen! Da Ihr mich retten könnt, thut es um Christi willen und aus selbstloser Freundschaft! Ach du mein himmlischer Heiland! Fühlt Ihr denn gar kein Mitleid? Ich bin noch so jung! O, und mein armer unglücklicher Vater! Das Herz muß ihm ja in der Brust zerbrechen, wenn er sein einziges Kind so elend verderben sieht!“

„Es steht bei Euch, ihm dies Weh zu ersparen“ murmelte Lotefend. Er sah nicht den Jammer der lieblich edlen Dulderin, die sich hier vor ihm wie eine Sklavin im Staube wand, sondern lediglich das sinnbethörende reizende Weib. Unerschütterlicher als je stand sein Entschluß, sie um nichts in der Welt loszugeben. Wenn sie an dem verhaßten Arzt festhielt, wenn sie es vorzog, um ihres Treuschwurs willen zu sterben, anstatt mit ihm, ihrem Befreier, zu leben, dann mochte sich ihr Unheil erfüllen. Der Gedanke schien ihm erträglicher, daß diese wonnigen Glieder vom Henker zermalmt würden, als daß sie den glücklichen Nebenbuhler in seliger Liebkosung umschlängen.

Hildegard weinte und wimmerte. Ihre haarüberwallte Stirn berührte jetzt beinahe den Fußboden. Lotefend aber blieb stumm und regungslos.

Plötzlich erhob sie sich. Ihr Antlitz glühte. Ein Blick voll der unsäglichsten Geringschätzung flammte unter den braunen Wimpern hervor. „Ich verachte Euch,“ sagte sie stolz. „Ihr seid nicht wert, daß ein ehrliches Weib vor Euch bettelt.“

Und dann hauchte sie fast unhörbar: „Allgütiger Gott, erbarme dich mein in Gnaden! Ach, und vergieb mir, wenn ich dem teuren Vater nun Weh bereite! Du weißt es, ich konnte nicht anders!“

„Das ist Euer letztes Wort?“ fragte der Tuchkramer.

Sie wandte sich ab und schwieg.

Henrich Lotefend ballte die Fäuste. „Ihr habt’s gewollt! Er nahm die Laterne und schritt zornbebend hinaus. Er hatte sich diesen Weggang aus der Malefikantenzelle anders gedacht. Ein dunkler Drang wandelte ihn jetzt an, sich selbst zu verhöhnen. Als er jedoch von drüben Angstschreie und dumpfes Gestöhne vernahm – das Wehklagen verstummte in dieser Abteilung des Stockhauses nie vollständig – da wuchs ihm augenblicklich wieder die Zuversicht. Noch ein paar Tage Haft und Angst vor der Tortur –. das würde die Halsstarrige mürb’ und gefügig machen und ihr die albernen Gefühlsschwärmereien schon austreiben! Man mußte Geduld haben.

„Sie sträubt sich noch,“ flüsterte er, als Godwin ihn fragend anstarrte. „Legt ihr nur einstweilen wieder die Ketten an! Natürlich geb’ ich’s noch lange nicht auf. Ich komme wieder!“

„Schade,“ murmelte Godwin trübselig. „Und wenn sie nun auch das nächste Mal störrisch bleibt?“

„Das wird sie nicht. Die Folterknechte sind gar beredte Fürsprecher.“

„Wer weiß! Man hat da schon merkwürdige Dinge erlebt …“

„Warten wir’s ab!“ versetzte Lotefend hochfahrend.

Der Kerkermeister brachte ihn nach dem Ausgang. Die beiden Speerwächter ließen ihn schweigend vorüber. Auf dem langen Weg durch die nächtliche Stadt nach der Grossachstraße übersann er die Lage. Er schäumte vor Ingrimm. Wie mußte dies wonnevolle Geschöpf den Doktor Ambrosius vergöttern, um selbst da noch ihm Treue zu halten, wo diese Treue gleichbedeutend war mit Tod und Verzweiflung! Henrich Lotefend fragte sich, ob die Schrecknisse der Haft allein ausreichen würden, Hildegards Hartnäckigkeit zu beugen. Es widerstrebte ihm, ihre blühende Schönheit durch die Marterwerkzeuge des Zentgrafen verunglimpfen zu lassen. Aber wenn es kein andres Mittel gab …?

Als er sein prächtiges Wohnhaus betrat, wo die ahnungslose Mechthilde schon längst schlief, war er mit sich im reinen. Noch einmal wollte er – morgen vielleicht oder übermorgen, sein Heil versuchen, ehe man Hildegard peinlich verhört haben würde. Nach allem, was er bis jetzt erlebt hatte, konnte es nicht gerade schwer fallen, den goldgierigen Balthasar Noß derart zu beeinflussen, daß er mit seiner Folter zunächst Maß hielt. Es gab eine Grenze, wo die Verzweiflung anfing, ohne daß doch der Leib ernstlich beschädigt wurde. Wenn dann Hildegard nur voll Hingebung einwilligte, so würde sie immer noch mit dem Schrecken davon kommen.

(Fortsetzung folgt.)

Blätter und Blüten.

Wetterverheerungen in Württemberg. Im nördlichen Teil des schönen Schwabenlandes herrscht grenzenloser Jammer. Sturm, Hagel und Wasser haben dort Verwüstungen angerichtet, die aller Beschreibung spotten. In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli geschah das Unglück. Nach einem heißen sengenden Tag voll dumpfer Schwüle kam gegen Mitternacht das Unwetter zum Ausbruch. Ein Sturmesbrausen erhob sich, wie man es aus den freundlichen Geländen des Neckars noch nie gehört. Nicht stoßweise wütend, nicht zeitweise nachlassend, sondern ohne Rast und Ruh’ mit stetig schwellender Kraft jagte die grausige Windsbraut daher. Vergebens lauschte das Ohr auf ein Innehalten, ein Atemholen des Orkans. Blitze durchzuckten die schwarzen drohenden Wolken, bis schließlich ein ununterbrochenes Leuchten entstand. Der ganze Himmel schien in Flammen aufzugehen. Mit dumpfem Rollen und gewaltigen Schlägen begleitete der Donner das unheimliche Leuchten. Es war, als wollte die Erde aus den Fugen gehen und die Himmelsdecke über den unglücklichen Menschen zusammenstürzen. Wie Rohrhalme knickte der Wirbelsturm die stärksten Bäume, spielend riß er Essen und Dachgiebel von den Häusern. Doch weit schlimmere Verwüstung noch als der Sturm richtete der Hagel an, der sich ihm nach einer bangen Viertelstunde beigesellte. Vom Winde gepeitscht, rasselten die Hagelkörner in dichten Massen nieder, zum Teil so groß wie Hühnereier. Sie zertrümmerten die Fenster, durchschlugen die Dächer, zerstampften Gärten und Wiesen, Aecker und Weinberge. Eine Viertelstunde – an einigen Orten noch länger – dauerte der Hagelschlag, dann regnete es in Strömen, Sturm und Gewitter ließen allmählich nach.

Am Morgen bot sich den Bewohnern der betroffenen Bezirke ein entsetzlich trauriger Anblick dar; überall ein Bild vollständigster Verwüstung und Zerstörung. Die Dächer vom Hagel geradezu zerhackt, da und dort ein Dachgiebel eingestürzt, die Verblendung an den Gebäuden herabgeschlagen, die Fenster, zum Teil samt Läden, zertrümmert, die Wände der Häuser von dem eingedrungenen Regen durchweicht, Möbel und Hausgerät beschädigt. Die Obstbäume sind entlaubt, geschält, der Aeste beraubt, entwurzelt, in einzelnen Gegenden sind nur wenige noch lebensfähig. Oede und kahl stehen die Weinberge, kein Laub ist mehr zu sehen, die Reben sind an den Boden geschlagen, selbst die Rebpfähle sind vielfach zersplittert. Die Fruchtfelder sehen aus, als wären Reitermassen darüber hingejagt und hätten alles bis aufs kleinste Hälmlein in die Erde gestampft. Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen vermehrten noch in den folgenden Nächten an mehreren Orten das Unheil der Schreckensnacht vom 1. Juli.

Die Verwüstung umfaßt ein Gebiet von etwa 400 Quadratkilometern. Zahlreiche Gemeinden der Bezirke Brackenheim, Heilbronn, Neckarsulm, Weinsberg, Oehringen, Künzelsau, Hall, Gerabronn sind über Nacht verarmt. Der Notstand erfordert dort augenblickliche Hilfe, es fehlt nicht nur an Ziegeln und Glas, um die Häuser gegen die Unbilden der Witterung zu schützen, sondern auch an Sämereien, Pflanzensetzlingen, Streumitteln, an einzelnen Orten sogar an Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Bettzeug. Die größere und schwerste Not aber wird im kommenden Winter und Frühjahr in den des Ertrags ihrer Felder und Wiesen, Baumgüter und Weinberge beraubten Gemeinden sich einstellen. Nach amtlicher Schätzung beträgt der Gesamtschaden ungefähr 18 Millionen Mark! Dem Umstand, daß das Unwetter mitten in der Nacht ausbrach, ist es zu danken, daß die Zahl der umgekommenen Menschen nur gering ist. Wie groß jedoch die Gefahr war, zeigen die aufgefundenen Hunderte von erschlagenen Hasen. Leute, die rasch noch die Läden ihrer Häuser schließen wollten, erlitten an Kopf und Armen zum Teil ziemlich bedeutende Verletzungen. Der Jammer der Bauern, als sie am Morgen nach der Schreckensnacht die Getreideernte vernichtet, den Weinstock auf Jahre hinaus zerstört, die vielen, seit Jahrzehnten gepflegten Obstbäume geknickt oder entwurzelt sahen, läßt sich nicht beschreiben. Da seit Menschengedenken in den meisten Gemeinden dieser Gegend kein Hagelwetter vorgekommen war, hatten nur wenige Bauern ihre Ernte versichert.

Zur Linderung der Not ist in Württemberg selbst sogleich Bedeutendes geleistet worden. So viel aber auch bereits geschehen ist, so thut doch noch immer Hilfe, ausgiebige Hilfe, dringend not. Möchten auch die Leser der „Gartenlaube“ dem Notschrei der Bedrängten Gehör schenken und nach Kräften zur Linderung der großen Not

[532] beisteuern! Für gleichmäßige und gerechte Verteilung der Unterstützungsbeiträge sorgt die „Centralleitung des württembergischen Wohlthätigkeitsvereins“ in Stuttgart, welche Beiträge entgegennimmt.
W. W-n.

Schiller in Loschwitz. (Zu dem Bilde S. 520 und 521.) Blickt man von der Brühlschen Terrasse in Dresden den grünen Elbstrom hinaus und das liebliche Höhengelände entlang, das am rechten Ufer den Fluß begrenzt, so labt sich das Auge entzückt an den Schlössern und Villen, die, dem Dorfe Loschwitz vorgelagert, aus dem Grün der Gärten malerisch zum Strom herniedergrüßen. Nähert man sich dem Dorfe auf dem Höhenzug selbst, so führt uns die Straße kurz vor dem Ort an einem unscheinbaren Häuschen vorüber, das zu einer der schönen Weinberg- Besitzungen gehört, die sich von hier nach der Elbe hinunterziehen. Eine kurze Inschrift fesselt den Blick – sie lautet: „Hier schrieb Schiller bei seinem Freunde Körner den Don Carlos 1785, 1786, 1787.“

Die schlichten Worte rufen in uns die Bedeutung’ wach, welche die idyllische, anmutige Natur dieser Umgebung für eine der wichtigsten und glücklichsten Wandlungen im Leben Friedrich Schillers gehabt hat. Schon der herrliche Brief, welchen der spätere Dresdener Appellationsrat Christian Gottfried Körner im Juni 1784 aus Leipzig im Verein mit seiner Braut Minna Stock, deren Schwester Dora und ihrem Bräutigam Huber an den ihnen persönlich unbekannten Dichter der „Räuber“ nach Mannheim schrieb, hatte auf des Dichters damals schwergedrücktes Seelenleben wunderbar aufrichtend gewirkt. Die Aufnahme, welche er im folgenden Jahr im Bunde dieser Verehrer in Leipzig und Dresden fand, versetzte den vorher an seiner Mission schon verzagen wollenden Dichter in jene gehobene Seelenstimmung, der wir das Lied „An die Freude“ verdanken. Und die großherzige Gastfreundschaft, die Körner dann nach seiner Verheiratung mit Minna Stock dem bewunderten Freunde in Dresden und in seinem Loschwitzer Landhaus gewährte, sie war für Schiller der sichere Hafen, in welcher der Sturm und Drang seines jugendlichen Genius zu männlichem Kraft- und Zielbewußtem sich klärte. In Dresden und Loschwitz dichtete er nicht nur den „Don Carlos“ und in ihm die abgeklärteste Gestaltung seiner Jugendideale, hier fand er auch die Muße zu einem zusammenfassenden Studium der Geschichte, welches dann zur festen Basis seiner weiteren Entwicklung wurde.

Frank Kirchbach, der in unserem Bilde ein Gegenstück zu dem von uns im vorigen Jahrgang (S. 224.) gebrachten „Goethe auf dem Mühlberg in Frankfurt a. M.“ geschaffen hat, zeigt uns den Dichter, wie er, in der Abgeschiedenheit des Körnerschen Weinbergs unter einem Obstbaum sitzend, dem vor ihm gelagerten Körnerschen Paar einige frischgedichtete Scenen aus „Don Carlos“ zum Vortrag bringt. In der Erregung sind ihm die Blätter des Manuskripts, aus welchem er vorzulesen begonnen, entfallen – vom Feuer der eigenen Dichtung hingerissen, nimmt sein Geist nachschaffend noch einmal den Flug, den er in der Stunde der Inspiration genommen – und den beiden Zuhörern, deren Augen begeisterungsvoll an des Dichters Lippen hängen, ist es zu Mute, als hörten sie die Dichtung frisch entstehen. Es sind Theodor Körners Eltern, die wir so im Lenze ihrer Ehe vor uns sehen.
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Die Theaterstraße in Yokohama.

Die Theaterstraße in Yokohama. (Mit Abbildung.) Bei dem gar vergnügungssüchtigen japanischem Volke spielen die Theater eine sehr große Rolle. Jede Stadt hat ihre Theater, Tokio, Kioto, Osaka und Yokohama besitzen deren sogar eine beträchtliche Anzahl. Man muß sich aber unter den japanischen Theatern nicht etwa solche nach abendländischem Muster vorstellen. Der Mehrzahl nach sind dieselben nur geräumige, leicht und luftig gebaute Bretterbuden, deren Zuschauerraum drei- bis fünfhundert Personen Platz bieten dürfte. Wie in Japan alle Gewerbe und Berufsarten ihre eigenen Straßen oder Stadtviertel zu haben pflegen, so stehen auch die Theater und Vergnügungslokale gewöhnlich nahe beisammen, in manchen Straßen giebt es deren Dutzende der verschiedenster Art. Schon aus der Ferne sind sie durch die acht bis zwölf Meter langen Bambusstangen kenntlich, die vor jedem einzelnen, gegen die Straße geneigt, errichtet sind und sich wie richtige Angelruten ausnehmen, welche die Theaterbesucher aus dem Menschenstrom der Straße fischen sollen. Von diesen Stangen flattern lange Leinwandstreifen in bunten Farben, gewöhnlich blau und rot, und sie sind die Träger der in großen Lettern prangenden Theateranzeigen. An jedes Theater oder Tingel-Tangel schließt sich in der Regel ein zierliches Theehaus mit halbgedeckten, lampiongeschmückten Veranden und Galerien. Die Theaterstraßen der japanischen Großstädte bestehen hauptsächlich nur aus derartigen Theatern, Theehäusern und Schaubuden, in denen allerhand Zauber, ähnlich dem Wiener Wurstelprater, gegen ein paar Pfennige Eintrittsgeld zu sehen sind. Hier zwischen diesen Vergnügungslokalen herrscht das regste Leben vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein, denn die Theater Japans sind nicht nur des Abends geöffnet, die Vorstellungen währen den ganzen Tag über, und die meisten Japaner, welche sie besuchen wollen, nehmen ihre Familie mit Kind und Kegel in eine Loge und bringen den ganzen Tag im Theater zu. Andere dagegen kommen nur für eine oder mehrere Stunden, um die wichtigsten Scenen oder die beliebteren Schauspieler zu sehen. Das Gedränge in den Theaterstraßen ist zuweilen so groß, daß in ihnen der Verkehr von Wagen und Rickshaws (den kleinen von japanischen Kulis gezogenen Handwägelchen) verboten wird. Die Theaterbesucher müssen dann auch bei schlechtem Wetter ihre Rickshaws an der Straßenecke verlassen und den Weg zum Theater zu Fuß zurücklegen.

Oetzthalerin. (Zu unsrer Kunstbeilage.) So mannigfach geartet wie der landschaftliche Charakter der Alpenthäler ist auch der seelische Charakter ihrer Bewohner. In den nach Süden gerichteten Thälern, an deren üppigen grünen Geländen der Wein gedeiht, ist die Lebensstimmung der Bewohner vorwiegend froh und heiter, in den nordwärts gerichteten, wo der Landmann mühselig und unter Lebensgefahr auf Felsenhängen den spärlichen Graswuchs erntet und der fruchtbare Wiesengrund stets von Murbrüchen und Lawinen bedroht wird, ist das Gemüt dagegen meist ernst gestimmt. Solche Gegensätze gelangen auch in der Tracht zum Ausdruck. Kein farbenprangenderes stolzeres Kostüm in der ganzen Tiroler Alpenwelt, als das der Weinhüter von Meran! Wie schlicht und einfach tragen sich dagegen die Anwohner der felsumstarrten Hochthäler, welche sich aus der Welt des ewigen Eises gen Norden ziehen. Ernst und still erscheint auch die jugendzarte anmutige Oetzthalerin auf unserem Bild, ihr schlichtes Sonntagsgewand ermangelt des Farbenreizes. Schwarz der innen mit Seide gefütterte breitrandige Filzhut. Geschlossen bis zum Hals ist das dunkle Kleid, über dem sie ein blauseidenes Tuch einfach gefaltet trägt. Aber gerade die Harmonie zwischen dieser Tracht und dem inneren Wesen, das sich im Antlitz ausprägt, übt einen ungemein anziehenden Zauber aus.