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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1894
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[805]

Nr. 48.   1894.
      Die Gartenlaube.


Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Abonnements-Preis: In Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf. In Halbheften, jährlich 28 Halbhefte, je 25 Pf. In Heften, jährlich 14 Hefte, je 50 Pf.


Um fremde Schuld.

Roman von W. Heimburg.
     (12. Fortsetzung.)

Und die Tage gingen weiter, unruhig, voller Nichtigkeiten, dem Einzelnen keine Stunde der Sammlung, der geistigen Ruhe schenkend. Ich war einmal bei der Komtesse gewesen, da traf ich Frau von Tollen, gebeugt, traurig, nicht wiederzuerkennen. Lore sei mit ihrem Onkel nach Italien gereist und die Scheidung im Gange, erzählte mir die Komtesse hinterher.

„Warum trennen sie sich?“

„Ach Kind, das ist ’was Häßliches und die Tollen bat mich um Diskretion – frage mich nicht!“

Arme Lore! – –

Nur die halbe Stunde, die ich während der Nachttoilette abends noch in meiner Stube mit der Base zubrachte, gehörte mir. Stumm nestelte sie mir die Kleider auf und bürstete mein Haar, alles so zart und liebkosend wie immer. Wir sprachen kaum miteinander, aber wir dachten dasselbe: Robert. Und ich blickte dann mitunter fest in ihre kleinen Greisenaugen – hatte sie den Kuß gesehen, den süßen, traurigen Kuß des sich Findens und Verlierens? Kein Zug ihres Gesichtes, kein Wort verriet es mir. Freundlich sagte sie nur mitunter: „Wo Menschenverstand nicht mehr aus und ein weiß, hat Gott noch alleweil’ ein Pförtlein. Müssen nicht so blaß aussehen, Anneliese. Schauen Sie nur in den Spiegel, das ist gar nicht mehr Ihr altes Schelmgesicht!“

Nein, das war es nicht mehr, ich sah es selbst. Etwas Blasses, Längliches blickte mir da entgegen, mit Augen, unter denen tiefe Schatten lagen, und ein fest geschlossener Mund, der alle Neigung verloren hatte, vorwitzig zu antworten. Die Lippen waren auch keine Kinderlippen mehr, aber das wußte nur er und ich und der Sturm, der an uns vorübergebraust. Und das Lachen hatten sie verlernt in wenigen Sekunden – wohl für immer, denn wann sollten sie es wieder lernen?

„Ach Base, wie soll es werden?“

„Der Herr hat gesagt: ‚Sorget nicht!‘ Wenn ich nicht an seine Hilfe glaubte, ich lebte längst nicht mehr,“ antwortete sie.

„Aber das Unabwendbare kommt ja, muß ja kommen.“

Sie schwieg, denn auch sie wußte – es mußte kommen.

„Base, haben Sie Nachricht von ihm?“ erkundigte ich mich stockend.

„Nein,“ war die kurze Antwort.

Morgens in aller Frühe war die Base schon auf den Beinen, sie lief treppauf und treppab und nahm alle Wirtschaftssorgen Mamas auf ihre alten Schultern. Und

Gustav II. Adolf, König von Schweden.
Nach dem Gemälde von A. van Dyck. Photographie im Verlage von Franz Hanfstaengl in München.

[806] Herr Wollmeyer wurde täglich nervöser und aufgeregter, und die Base murmelte etwas von „Verrücktwerden“ vor sich hin, als er von ihr verlangte, sie sollte sich dem Kostümfest zu Ehren in das Gewand einer altdeutschen Bürgersfrau stecken, so als Schaffnerin in Riegelhaube, faltigem Tuchrock, Halskrause und weiter weißer Schürze, in ein Gewand, wie es Frau Schwerdtlein im „Faust“ getragen.

„Wer ist denn die?“ fragte die alte ehrliche Seele, „hab’ meintag nichts von der gehört. Er soll mich zufrieden lassen!“

„Er soll mich zufrieden lassen,“ sagte auch die Komtesse, die eines Abends im Mamas Zimmer trat. Wir saßen da beide in der Dämmerung zusammen und sprachen über gleichgültige Dinge. „Er soll mich zufrieden lassen, Len’; über Mummenschanz und Verkleidung bin ich hinaus. Was ist ihm denn eigentlich eingefallen? Jeder Spatz auf dem Dache pfeift von Wollmeyers Kostümfest! Wenn Ihr noch junge Leute wär’t – aber so! Du hättest alle Ursache, recht still zu leben.“

Mama antwortete nicht.

„Und dann, Len’, noch eins! Wie kamt Ihr dazu, bei dem Erbmundschenk von Pauersleben Besuch zu machen? Ich bin überzeugt, daß Seine Excellenz recht freundlich zu Wollmeyer gewesen ist am letzten Geburtstag des Kaisers, aber – aber –“

Mama zuckte die Schultern ein wenig und schwieg, während eine Schamröte über ihr Gesicht flog.

„Na, nichts für ungut, Len’,“ fuhr die Komtesse unerbittlich fort, „ich meine nur, daß alles seine Grenzen hat. Pauerslebens – sie, die Excellenz, war nämlich vorhin bei mir – scheinen sich sehr zu wundern; Du kennst sie ja, Len’! Gegen Dich haben sie ja nichts, aber Wollmeyer ist ihnen doch schließlich völlig fremd, und versteh’, Len’ –“

„Ich verstehe ja, ich verstehe, Komtesse, aber ich kann es nicht hindern!“ rief Mama nervös.

„Ich will Dir ’was sagen, Len’ – Du bist ein weiblicher Waschlappen geworden,“ beharrte die Komtesse. „Du läßt Dich in einer Weise beeinflussen, die ich unbegreiflich finde, und hast völlig das Verständnis für das verloren – für das, was Eure Stellung verlangt. Sei nicht böse, aber einmal muß es heraus. Wenn’s so weiter geht, macht Ihr Euch lächerlich! So viel Macht mußt Du haben, daß Du sagst: hier ist die Grenze des guten Geschmacks, drüber hinaus giebt’s nichts mehr! Du hast den Sternberg zu allem gebracht, was Du wolltest, und jetzt bist Du nicht imstande – –“

„Tante“, bat ich, „schilt nicht, Mama ist krank – nicht wahr, Mama? Und siehst Du, Tante, Papa – Papa war eben – –“

„Ja, ja, Kücken, Du hast recht,“ gab die Komtesse grollend zu. „Papa war eben – – Na, darum keine Feindschaft, Len’, und sag’ ihm, wenn ich nicht kommen dürfte in meinem Schwarzseidenen, so bliebe ich daheim. Und sieh nicht so traurig aus; er hat ja auch seine Vorzüge! Schau’ mal, er steckt Dich in Samt und Seide bis über die Ohren, und alles was recht ist – gestern hat er wieder zweihundert Mark zu Kohlen für die Armen gegeben. Sei gut, Len’, auf mich kannst Du immer zählen.“

Sie strich Mama über das Gesicht und ging.

Mama lag ganz still; ich glaubte schließlich, sie sei eingeschlafen, zog mich in die tiefe Fensternische zurück und blickte nach Westen hinüber, wo nur noch ein blasser Goldstreifen von dem gesunkenen Tage erzählte.

„Helene!“ hörte ich plötzlich die laute Stimme meines Stiefvaters, „da ist wieder so ein verteufelter Brief von Brankwitz – nachgerade wird’s Zeit, daß man Ruhe bekommt. Er hofft, er finde alles geordnet oder doch die Wege hinreichend geebnet, wenn er morgen mittag eintrifft.“

Mama schwieg, ich hörte nur ein qualvolles tiefes Atmen.

„Hm! Hast Du nun eigentlich mit Anneliese geredet?“ fragte er ungeduldig.

„Nein, Bernhard, noch nicht.“

„Weshalb nicht?“

Es blieb ganz ruhig. Ich, die schon auf dem Sprunge war, hervorzutreten, setzte mich wieder, in der Meinung, daß er sich entfernen würde. Da tönten mir die Worte ins Ohr: „Ich frage Dich, weshalb nicht? Und ich bitte mir Antwort aus!“ Es klang drohend, gereizt.

„Mir fehlt die Kraft,“ sagte Mama.

„So? Dieser Ausweg ist neu. Bis heute abend wirst Du die Kraft gefunden haben, Deinem trotzigen Fräulein Tochter den Standpunkt klar zu machen, wenn Du nicht vorziehst, daß ich es thue. Und dann, weißt Du – dann fächelt der Wind nicht aus Westen,“ schloß er brutal.

Ich stand auf einmal an Mamas Seite. „Sei ruhig, Mama,“ sagte ich, „ich werde schon selbst mit dem Herrn Wollmeyer reden! Bitte,“ wandte ich mich an ihn, „vielleicht in Ihrem Zimmer?“

Er war so verblüfft und überrascht, daß er mir folgte. Ich schloß die Thür hinter uns und zündete ein paar Kerzen vor dem Spiegel an, sie verstreuten ihr Licht in dem hohen großen Zimmer, ohne es zu erhellen.

„Bitte, wollen Sie mir mitteilen, um was es sich handelt!“

Er hatte sich gefaßt, und in scherzhaftem Ton sagte er, die Hände reibend: „Sie thun ja als ob Sie hier zu Hause wären, Anneliese!“

„Das liegt mir jedenfalls gänzlich fern! Ich möchte nur meine Mutter verschont wissen von Auseinandersetzungen, die voraussichtlich doch nicht zu dem von Ihnen gewünschten Ende führen.“

Nun, das wollen wir abwarten. Bitte, nehmen Sie Platz! Erlauben Sie, daß ich mir eine Cigarre anzünde? Es ist eine Art Beruhigungsmittel – – Was willst Du hier, Helene? Ich ersuche Dich dringend, geh!“ rief er jetzt, da Mama, zitternd vor Angst, auf der Schwelle erschienen war.

„Bitte, Mama, ich kann besser ohne Dich sprechen,“ sagte nun auch ich und drängte sie zurück. Sie warf mir noch einen unsäglich angstvollen Blick zu, dann ging sie wirklich. Ich blieb ruhig stehen an dem großen Bücherschrank mit den prunkvoll gebundenen Büchern, deren Inhalt ihrem Besitzer höchst wahrscheinlich gänzlich unbekannt geblieben war, ausgenommen „Doktor Qualms sämtliche Werke“, die er beim Kaffee seinen Gäste immer mit dem nämlichen Behagen an dem abgebrauchten Witz präsentierte.

„Na also, meine gute Anneliese, es handelt sich um Ihre Heirat.“

„Ich dachte es mir.“

„So? Sie dachten es sich? Also, Brankwitz hat – –“

„Herr Wollmeyer, ehe Sie weiter sprechen, möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich in Bezug auf diese Angelegenheit noch genau so gesonnen bin wie vor einigen Wochen, als ich abreiste, daß mir Herr von Brankwitz unsympathisch ist und bleiben wird.“

„Augenblicklich mögen Sie noch so denken, aber ich könnte Sie bald bekehren,“ meinte er anscheinend gemütlich.

„Das bezweifle ich!“

„Ich nicht!“

„Ich bin fest überzeugt, daß Sie das nämliche Mittel, mich gefügig zu machen, anwenden werden, das Sie bei Mama anzuwenden für gut fanden; aber bei mir dürfte seine Wirkung versagen.“

„Ach? Ich habe übrigens bis jetzt kein Mittel Ihrer Mutter gegenüber angewendet, das dürfte erst noch kommen!“ Er blies große Wolken weißlichen Dampfes gegen die Decke. „Nun Anneliese, auf vernüntige Vorstellung zu hören, sind Sie also nicht gesonnen?“

„Mit dieser Angelegenheit hat die sogenannte Vernunft nichts zu thun. Ich heirate nicht gegen meine Neigung, noch viel weniger mit einer ausgesprochenen Abneigung.“

„Nun, dann will ich davon absehen, die Vorteile dieser Verbindung Ihnen noch einmal vorzuführen, und nur die Nachteile einer Weigerung besprechen. Sie gehen einer äußerst bedrängten Zukunft entgegen. Da ich für meine eigene Familie zu sorgen habe, kann und darf ich Ihnen gar nichts versprechen als einen Aufenthalt hier im Hause; bei Ihrem ausgesprochenen Stolz nichts Leichtes für Sie.“

„Versprechen Sie nur nicht zu viel,“ sagte ich ironisch. Die ganze herzlose Art ließ mich nur mit äußerster Anstrengung meinen Zorn bemeistern.

Er sah mich an und stutzte. „Was soll das heißen?“

„Nun, kein Mensch ist seiner Zukunft Herr, meine ich.“

„Eine faule Redensart der Base,“ schaltete er ein. „Also Sie bleiben bei Ihrem Nein?“

„Ich bleibe dabei.“

Er gab sich keine Mühe mehr, scherzhaft auszusehen. Er stand auf, ging an alle Thüren, die er leise öffnete und schloß, um zu sehen, ob jemand lausche, dann trat er dicht vor mich hin. „Die Ehre Ihrer Mutter wie die Ihrige, Ihrer beider Existenz knüpfen sich aufs engste an meine Ehre und meine Existenz – begreifen Sie das?“

„Es ist nicht zu leugnen, Herr Wollmeyer,“ sagte ich.

[807] „Nun, ich dächte, den ironischen Ton, den Sie soeben anschlagen, könnten Sie weglassen; bis jetzt haben Sie weich und warm hier gesessen.“

Ich schwieg. Für Naturen wie die seine mußte es ja alles sein, wenn man zu essen und zu trinken und ein Dach über dem Kopfe hatte, und alle diese Dinge möglichst luxuriös.

„Ja, das können Sie nun nicht ableugnen, nicht wahr? Und besonders, wenn Sie die Witwentage Ihrer Mutter in Betracht ziehen, ist’s doch am Ende nicht so übel unter Wollmeyers Schutz – wie?“

„Wovon sprachen wir doch, Herr Wollmeyer?“

„Weichen Sie mir nicht aus! Ich hoffe, Sie verstehen mich, wenn anders Sie der Ausbund von Klugheit sind, für den Ihre gute Mama Sie hält, und wenn Sie verstehen wollen.“

„Ich werde mir jedenfalls Mühe geben, denn Klarheit ist ja das einzige Mittel, um aus diesem Zwiespalt herauszukommen.“

„Nun also! Wenn Sie sich weigern, Frau von Brankwitz zu werden, so hat das die eingreifendsten pekuniären Verluste für mich im Gefolge und natürlich auch für Ihre Mutter und für Sie.“

„Ich verstehe das nicht, das ist gar nicht möglich!“

„Brankwitz trennt sich dann geschäftlich von mir. Ich kann Ihnen das nicht so auseinandersetzen mit ein paar Worten, aber ich – ich –“

„Weil ich ihn nicht heiraten will, trennt er sich von Ihnen, seinem väterlichen Freund?“

„Ja! Er würde es mir nie vergeben, daß meine Tochter ihn ausschlägt.“

„So! Hat er Ihnen das mitgeteilt?“

„Allerdings!“

„Mit welchem Rechte droht er Ihnen?“ fragte ich langsam und sah ihn groß an.

„Mit welchem Recht? Mit dem Recht des beleidigten zurückgesetzten Mannes, der Sie grenzenlos liebt. Liebende sind unberechenbar, sie sind zu allem fähig.“

Sie stoßen ihn doch nicht zurück!“

Er trat mit dem Fuße auf. „Kurz und bündig,“ rief er, „unsere guten Beziehungen gehen in die Brüche, denn er wird die Schuld mir zuschieben!“

„Verzeihen Sie – an einen so niedrig denkenden rachsüchtigen Menschen wollen Sie mich verhandeln, um Ihres Vorteils willen?“

Eine schwüle Pause entstand. Ich hörte nur sein tiefes aufgeregtes Atemholen.

„Ich will nichts mehr wissen von dieser Geschichte,“ sagte ich endlich, „und bedaure, wenn Sie durch meine Weigerung Unannehmlichkeiten haben. An Ihrer Stelle ließe ich einen Menschen, der so gesinnungslos ist, Sie etwas entgelten zu lassen, woran Sie schuldlos sind, einfach laufen; er ist kein Gewinn für Sie.“

„Sparen Sie Ihre Schulmädchenweisheit!“ hörte ich ihn keuchen, und sein blutrotes Gesicht war plötzlich dicht vor mir. Ich sah die zornigen Augen und die Schweißperlen, die auf seiner Stirn flimmerten. Er hatte meine Schulter gefaßt. „Wollen Sie Ihre Mutter zur Frau eines Bettlers machen?“ fragte er fast heiser.

„Lassen Sie mich los!“ forderte ich, denn die große Hand drückte mich fast zu Boden. „Ich bin überzeugt, Mama bettelt lieber, als daß sie mich unglücklich sieht.“ Und mit Gewalt schüttelte ich seine Hand ab und lief nach der Thür. Da riß er mich am Arm, um mich zum Bleiben zu zwingen, mit solcher Gewalt, daß ich zurücktaumelte und meinen Kopf schwer an den geschnitzten Pfeiler des Bücherschranks schlug. Der Schmerz war so heftig, daß ich laut aufschrie.

Da plötzlich flog die Thür auf und Mama stürzte herein; außer sich, mit erhobenen Händen stand sie vor dem Mann. „Was hast Du gethan?“ stieß sie hervor. Und als ich mich aufraffte und zu ihr hinübereilte, um sie zu beruhigen, schob sie mich heftig zur Seite. „Du hast es gewagt, sie anzurühren?“ rief sie dem Wütenden zu. „Ist es nicht genug, daß Du mich behandelst, wie nur ein roher Mensch seine Frau behandeln kann, mußt Du die Hand auch noch erheben gegen mein Kind?“

Er faßte sie bei den Schultern, daß sie aufstöhnte vor Schreck. „Ruhig!“ flüsterte er ihr zu. „Soll das ganze Haus vor der Thür zusammenlaufen, Helene? Anneliese stieß sich an dem Schrank, ich habe ihr nichts gethan – Du weißt nicht, was Du sprichst. Habe ich Sie geschlagen?“ herrschte er mich mit gedämpfter Stimme an. „Ja oder nein?“

„Nein!“ sagte ich verächtlich.

Er ließ Mama los. „Wahnsinniges albernes Weibervolk – dumme Edelmannsmucken!“

Mama stand da, noch immer zitternd und kampfbereit. „Anneliese wird Brankwitz nicht heiraten, weil ich es nicht dulde!“ rief sie schrill. „Einmal habe ich mich einschüchtern lassen durch Dich und war auf dem Punkte, mein Kind und seine Liebe zu verlieren – jetzt nicht mehr. Hörst Du, ich will nicht – ich –“

Er zuckte die Achseln und sah sie höhnisch lächelnd an. „Echauffiere Dich nicht, Helene, Ihr werdet noch alle Zwei wollen, gern wollen – wartet nur!“

„Nie!“ rief Mama.

„Gehen Sie hinunter!“ befahl er mir.

„Ich lasse Mama jetzt nicht allein – komm’ mit, Mama!“

„Sie bleibt hier!“ donnerte er jetzt, nicht mehr Herr seiner selbst, unb wies mir die Thür.

„Geh!“ sagte Mama.

Er kam mir nach bis zur Treppe, als wollte er sich überzeugen, daß ich wirklich gehe.

Ich kam, von Sorge und Angst durchschüttelt, unten an. Die Base saß vor dem Tisch und steckte Kerzen auf eine Unzahl Leuchter.

„Heiliger Gott, was ist mit Ihnen?“ rief sie.

„Ich habe mich gestoßen, Base,“ sagte ich und ließ mich auf den nächsten Stuhl fallen, „um Gotteswillen, schweigen Sie, Base – horchen Sie doch –“

Ueber uns flog krachend eine Thür und erklangen schwere Schritte. Die alte Frau richtete starr den Blick nach oben.

„Base, ich bitte Sie, gehen Sie hinauf,“ flehte ich, „beschützen Sie Mama!“

Sie senkte den Kopf und rührte sich nicht. Ich hörte Mamas hohes, gellendes, von Schluchzen unterbrochenes Sprechen bis hier herunter, von Wollmeyer nur immer das hastige Hinundherwandern und das gelegentliche Verrücken eines Möbels, das, ihm im Wege stehend, einen Stoß erhielt.

„Bleiben Sie nur ganz ruhig, Annelieseken,“ murmelte sie. „Ich darf nicht hinauf. Sie kennen ihn nicht; es wäre Oel ins Feuer.“

Und zitternd, den Kopf in meinen Armen geborgen, blieb ich sitzen, der Verzweiflung nahe. Plötzlich verstummte droben auch die Stimme Mamas, als ob sie zu Ende sei mit ihrer Kraft, und nun blieb alles still. Ruhig hantierte die Base weiter an ihren Kandelabern von Silber und Bronce, als ob es das wichtigste Geschäft von der Welt wäre, die blaßrosa Kerzen aufzurichten, die dem Feste leuchten sollten. Kein Wort, keine Frage; wie ein lebendig gewordenes Rätsel saß sie da.

Endlich war ihre Arbeit beendet und sie ergriff zwei der Leuchter. „Ich werde sie selbst hinauftragen, Annelieseken, Friedrich ist zu ungeschickt.“ Es war etwas Entschlossenes in ihrem Gesicht. Sie ging; ich meinte, sie bleibe eine Ewigkeit aus. Als sie wieder kam, hatte sie ein Tuch über die Schultern und den Kopf gebunden und brachte einen Strom eisiger frischer Luft mit herein. An ihren thränenden Augen und der roten Nase sah ich, daß sie im Freien gewesen war.

„Ich hab’ Ihnen nur rasch ein wenig Heftpflaster geholt, Annelieseken,“ sagte sie, „damit man übermorgen die garstige Stelle an der Schläfe nicht sieht.“

Sie holte wirklich ein Röllchen Pflaster aus der Tasche. Ich starrte sie ungläubig an; daran konnte sie jetzt denken? „Was, und sogar in der Mohrenapotheke waren Sie, dort unten an der Post?“ fragte ich.

„Ja, da giebt’s das beste Pflaster,“ erklärte sie und suchte mit ihren alten klammen Fingern nach einer Schere.

„Base, Sie sagen nicht die Wahrheit!“

„Meiner Seele, ich war in der Mohrenapotheke!“ beteuerte sie ernsthaft, und damit befestigte sie kunstgerecht das Pflaster. „Legen Sie sich zu Bett, Annelieseken; ich bleibe noch auf, ich hab’ heute noch viel zu thun.“


Am andern Morgen nach tiefem traumlosen Schlaf erwachte ich mit furchtbarem Kopfweh und einem solchen Unglücksgefühl, daß ich wie gebrochen dalag. Die Base wies meinen Stiefvater ab, der mich in aller Morgenfrühe sprechen wollte; ich wäre auch schlechterdings zu nichts fähig gewesen. Mama fand ich an meinem Bett sitzen, als ich mittags zwölf Uhr uach einem schmerzstillenden

[808]

Gustav Adolfs Gebet vor der Schlacht bei Lützen.
Nach dem Gemälde von Louis Braun.

[809] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [810] Mittel etwas wohler erwachte. Sie bemühte sich, unbefangen und freundlich zu scheinen

„Ich habe Dich gewiß recht erschreckt, armes Kind – ich war so heftig gestern.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich fürchte nur, Du bist nicht wohl, Mama!“

„Doch, doch! Sag’, kannst Du zu Tisch heraufkommen um drei Uhr?“

Ich wollte schon heftig verneinen, da sah ich ihre Augen so flehend, so angstvoll auf mich gerichtet, während ihre zitternden Finger sich in peinvollster Verlegenheit ineinander wanden. „Ja, Mama!“ sagte ich, „ich komme, selbstverständlich.“ – Ich durfte sie nicht verlassen, nicht einen Augenblick. All das Schwere mit ihr zu tragen, war ja das Einzige, was mir blieb in meinem jungen, schon so öden Leben.

„Ich habe zur Komtesse geschickt, sie soll mit uns speisen; es ist dann unbefangener. Komm nicht zu früh hinauf, die Brankwitzens –“

„Ach, die Brankwitzens!“

„Sie sind eingetroffen, vorhin.“

Ich nickte stumm.

Mama strich mit ihrer zitternden Hand über mein Gesicht, dann ging sie. Die Base half mir beim Ankleiden. Im Hause war eine schreckliche Unruhe; das Klopfen von Tapeziererhämmern, die irgend welche Draperie festnagelten, das Stimmen des Flügels aus weiter Ferne drang gleich spitzen Messern in meine schmerzenden Schläfen. Ueber den sonst so stillen Hof kamen Leute mit Körben und Paketen, der Postwagen hielt vor der Thür, und aus der Orangerie wurden Gewächse herübergeschafft. Die elektrischen Klingeln, die mein Stiefvater im ganzen Hause hatte anbringen lassen, ertönten jeden Augenblick mit ihrem schrillen nervenverletzenden Klang, mitunter so lange und andauernd, daß ich mir verzweiflungsvoll die Ohren zuhielt. In der Küche wurde mit Porzellan geklappert, als sei es gleichgültig, wie viel Scherben es gäbe nach vollbrachtem Tagewerk – der ganze Lärm, der einem großen Hausfest voranzugehen pflegt, war vernehmbar.

Draußen schien die Sonne vom klarblauen Himmel und leckte mit heißer Zunge an dem Schnee des Kirchendaches; zuweilen rutschte eine kleine Lawine herab, und die Dohlen umkreisten dann erschreckt ob dieses Ereignisses den Turm. Ich öffnete das Fenster; eine weiche milde Luft wehte herein, verfrühte Botschaft vom Lenz, trügerisches Flüstern, Schmeicheln von besserer Zeit. Wie weit war Frühling und Glück!

Gegen zwei Uhr kam die Komtesse. Ich ging ihr entgegen bis in den Flur, der kaum wiederzuerkennen war in seinem grünen Schmuck, zwischen dem man bunte Lampions angebracht hatte, Fahnen und farbige Seidenbänder.

„Erbarme Dich!“ sagte die Komtesse, „’s ist ja großartig! Die Len’ hat mich hercitiert, Kücken, ich soll wohl bei irgend was Gevatter stehen? Es ist ja manchmal nötig, eine Spatzenscheuche aufzustellen. Aber wie siehst Du denn aus? Kind, Kind, Du bist doch sonst ein kouragiertes Kerlchen – Kopf hoch! Und merke Dir, ich red’ kein Wort in Deiner Sache, ich wirke höchstens durch gänzliche Unbefangenheit.“

Sie umspannte mit ihrer großen Hand mein Genick und schüttelte mich ein wenig, als wolle sie mich ermuntern. „Nun, denn hinein in das diplomatische Diner!“

Mein Stiefvater machte ein sehr erstauntes Gesicht, als die Komtesse Mamas Zimmer betrat, in dem bereits Olga Sellmann mit ihrem Bruder meiner harrten.

„Entschuldigen Sie, lieber Wollmeyer,“ rief sie, „ich falle Ihnen da höchst unvorbereitet in die Suppenschüssel, aber Josephine hat heute Kopfschmerzen und ist schlechterdings nicht fähig, zu kochen. Da dachte ich, Wollmeyers werden wohl einen Teller Suppe übrig haben, will ’mal sehen, ob es wahr ist, daß ich immer meinen Platz an ihrem gedeckten Tisch finde.“

Sie hatte während dieser menschenfreundlichen Lüge Wollmeyer höchst kräftig die Hand geschüttelt, sich flüchtig gegen die Geschwister Brankwitz verbeugt, Mama auf die Stirn geküßt und saß nun in dem tiefen Sessel mit einer anscheinend so behaglichen und wohligen Miene, daß ich, trotz aller Pein der Situation, ein leises Lächeln nicht unterdrücken konnte.

Ich hatte sowohl Olga Sellmann wie Otto von Brankwitz mit einem stummen Kopfnicken begrüßt; meinem Stiefvater gab ich seinen forschenden bösen Blick ruhig zurück und setzte mich zwischen Mama und Olga Sellmann, ohne Teil am Gespräch zu nehmen. Es war eine wunderliche Gesellschaft. Die Gespräche drehten sich um ganz allgemeine Dinge, um politische Ereignisse, Berliner Neuigkeiten, Anekdoten und Aehnliches. Die Komtesse, die mit einer geradezu eisigen Miene über die Geschwister Brankwitz hinwegsah und, wenn sie direkt mit ihnen sprechen mußte, doch dabei wo anders hinblickte, lenkte das Gespräch auf das morgende Fest, fragte, ob sie – wir aßen heute in Mamas Zimmer – in dem Festsaal die Glücksbube mit den Gewinnen ansehen dürfe, und dankte im voraus für die Gaben, die ohne Zweifel in die Armenkasse fließen würden. Brankwitz wandte sich öfter an sie mit irgend einer Frage, die immer sehr kurz, wenn auch höflich beantwortet wurde.

„Kennen die gnädige Gräfin zufällig den Grafen Arvensleben auf Roddwitz?“

„Jawohl,“ antwortete sie, „was ist mit ihm?“

„O nichts, gar nichts! Ich hörte nur unterwegs im Coupé von ihm sprechen – nicht wahr, Olga? Sollen ja wunderbare Güter sein, die Arvenslebenschen!“

„Allerdings, jetzt suchen sie ihresgleichen“ erzählte die alte Dame. „Der Graf hat sie wieder hochgebracht. Als er sie antrat vor fünfundzwanzig Jahren sah es bös’ aus, aber durch seine Energie, seine vorzügliche Wirtschaft sind sie jetzt in musterhaftem Zustand; er ist der bestsituierte Grundbesitzer unseres Kreises.“

„So, so!“ sagte Brankwitz. „Will etwas heißen heutzutage, wo man gewöhnlich beim Landwirtspielen das bare Geld zusetzt.“

„Er hat sechs Kinder“ sprach die Komtesse weiter; „zwei verheiratete Töchter, eine unverheiratete und drei Söhne; der älteste steht bei den Gardedragonern.“

„Wird auch nicht billig sein,“ murmelte mein Stiefvater, „der alte Herr wird des öfteren seine milde Hand aufthun müssen.“ Er sah dabei Brankwitz eigentümlich an.

„Er hat sie höllisch in der Zucht, die Jungens,“ antwortete die Komtesse und schälte eine Reinette.

Mama war sehr still; sie sah elender aus den je. Olga Sellmann brachte das Gespräch wieder auf Näherliegendes, fand die Lose für die Lotterie zu billig – eine Mark, was dabei herauskommen solle?

„Ich finde, für unsere Westenberger Gesellschaft ist eine Mark schon zu hoch. Wir haben hier samt und sonders die Markstücke nicht so in Haufen liegen,“ redete die Komtesse dagegen.

Ein schrecklicher Mittag; und eigentlich begriff ich Mama nicht – es war ja nur ein Hinausziehen, ewig konnten wir doch die Komtesse nicht behalten. Sie würde nachher fortgehen, und dann kam der Sturm mit erneuter Gewalt, dann würde dieser blasse Mensch in dem tadellosen stutzerhaften Gesellschaftsanzug möglicherweise selbst reden, dann würde ich – ja, was würde ich? Er starrte mich unverwandt an; ich fühlte es, obgleich ich ihm keine Blick zuwandte.

„Anneliese,“ rief die Komtesse über den Tisch, „Dich entführe ich nachher, Du mußt mir noch ein wenig helfen bei meinen kleinen Geschenken für die Glücksbude. Ja, mein lieber Wollmeyer, Sie werden staunen, was Sie von mir bekommen! Höchste Prosa, aber höchst praktisch! Die Anneliese muß mir aber noch helfen, weil die Josephine doch –“

Ich lächelte; gute Tante Komtesse!

„Anneliese wird leider – pardon, Komtesse – wird leider ihrer Mutter ein wenig helfen müssen,“ widersprach mein Stiefvater. „Ich bin außer mir, Komtesse – aber –“

„Ich habe nichts zu thun für Anneliese, es ist alles in Ordnung,“ unterbrach Mama.

„Nun, sehen Sie, lieber Wollmeyer!“ triumphierte die Gräfin. „Also Du kommst nachher mit, Kücken!“

Das Essen war beendet, wir gingen in das kleine Zelt, wo der Kaffee bereitstand. Die Herren meinten, sie könnten doch den Damen nichts vorrauchen und zogen sich in Herrn Wollmeyers daneben liegende Stube zurück. „Bringen Sie mir den Kaffee herüber, Anneliese!“ befahl er.

Ich stellte zwei gefüllte Tassen auf einen Präsentierteller und schickte Friedrich damit hinein. Olga Sellmann empfahl sich; sie sei etwas angegriffen von der Reise und wolle ruhen. Sie ging mit einem spöttischen Lächeln.

(Fortsetzung folgt.)

[811]

Jugendzeitschriften.

Vom Weihnachtstisch 1894.

Wer in die vierziger Jahre zurückdenken kann, in die Zeit, wo der „Neue deutsche Jugendfreund“ von Franz Hoffmann als vereinzelte periodische Erscheinung unter der noch recht sparsam gewachsenen Jugendlitteratur stand, der muß wohl erstaunen über die Fülle der heutigen Zeitschriften für unsere Schuljugend. Die Lobredner der „guten alten Zeit“, denen diese in allen Dingen mustergültig ist, werden den Kopf schütteln und es sehr unnötig finden, daß Kinder auf Zeitschriften abonnieren, um sich daran nervös zu lesen, wie es nach ihnen die Großen an den ihrigen thun. Ihnen wäre zu entgegnen, daß niemand seinen Kindern mehr als eine zu halten braucht, und daß es Jedem frei steht, dieselbe, die ja immer in größeren Zeitabschnitten erscheint, das Jahr durch selbst zu sammeln und erst als Band auf den Weihnachtstisch zu legen. Dann aber wird dieser Band eben durch seinen, aus Unterhaltung und Belehrung gemischten Inhalt alles erfüllen, was von einem guten Jugendbuch zu verlangen ist: neben der Befriedigung von Phantasie und Gemüt durch Erzählungen und Gedichte wird er den Kindern den Blick auf die umgebende Welt der Wirklichkeit öffnen und ihr Interesse für die wichtigsten Natur- und Kulturerscheinungen wecken, welchen sich auch der werdende Mensch nicht verschließen darf und soll. Der jugendliche Geist faßt begierig alles Dargebotene, wenn ihm also im Gewand einer hübschen Zeitschrift die rechte geistige Nahrung gereicht wird, so kann ihm das sicher nur ersprießlich sein. Freilich muß darin sorgsam ein zerstreuendes Vielerlei ausgeschlossen und alles ferngehalten werden, was Frühreife und ungesunden Ehrgeiz zeitigt, die Herausgeber müssen stets ihres verantwortungsvollen Erzieheramtes eingedenk bleiben und es mit größter Treue verwalten.

In welchem Maße nun die ersten Verlagsfirmen bestrebt sind, durch ihre Veröffentlichungen auf dem hier bezeichneten Wege zu handeln, das zeigt ein genaues Durchgehen des auch für diese Weihnachten vorliegenden reichhaltigen Vorrats von schönen Sammelbänden, unter denen die wirklichen Zeitschriften von den Jahrbüchern zu unterscheiden sind.

Ganz in der Weise unserer volkstümlichen Familienblätter, alle acht Tage, erscheinen die beiden illustrierten Zeitschriften „Der gute Kamerad“, und „Das Kränzchen“, welche der Verlag der Union (Stuttgart), die erste für Knaben, die zweite für Mädchen, herausgiebt. Alljährlich vor Weihnachten wird von jeder der vollständige Jahrgang als Band herausgegeben und die uns vorliegenden neuen Bände bestätigen, wie berechtigt die Beliebtheit ist, welche sich diese Kinderzeitschriften erworben haben.

Die Erzählung steht in ihnen an erster Stelle. „Der Oelprinz“ von Karl May im „Guten Kameraden“ spielt in Kalifornien; so recht eine Knabenlektüre voll Eigenart, spannender Handlung und ganz köstlichem Humor. Er zieht sich durch den ganzen Jahrgang, wird aber begleitet von einer reichen Fülle von geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Belehrungen in anziehender Form mit reichem Schmuck von Illustrationen. Auf Anregungen zur Selbstbeschäftigung, zum Sammeln, Experimentieren, zu Handfertigkeitsarbeiten, legt die Redaktion sichtlich besonderen Wert. Man muß dem Herausgeber zugestehen, daß er das oben angedeutete Programm einer guten Jugendzeitschrift mit gewissenhafter Sorgfalt eingehalten hat, daß es ihm aber zugleich gelungen ist, sie ebenso unterhaltend wie lehrreich und erzieherisch zu gestalten, so daß er des freudigen Beifalls der Eltern wie der jungen Leser gewiß sein darf.

Im „Kränzchen“ tritt neben den ansprechenden Erzählungen von Luise Glaß u. a. eine große Zahl von Gedichten auf, es giebt „Deklamationsstunden“, Erörterungen über die kleinen Schwierigkeiten, die sich der Mensch durch kleine Unarten selbst schafft, über Gesundheitspflege und hausmütterliche Kenntnisse. Die Rubrik „Geschichte, Länder- und Völkerkunde, Sitten, Gebräuche und Moden“ teilt eine Menge von Wissenswertem mit, aber noch größer ist die der Anleitungen zu hübschen und nützlichen Arbeiten, kleinen Kochereien und zu lustigen Spielen. Ueberhaupt gelangt in beiden Zeitschriften auch der Humor zu seinem Recht; so in dem Briefkasten der Wochennummern, wo im „Guten Kameraden“ der Setzerlehrling „Peter Schneuzchen“ und im „Kränzchen“ die „Kränzchentante“ ihre Auskünfte in möglichst heiterer Form erteilen. Dem starken Prachtband eingeheftet ist ein großes Reisespiel, eine Schweizerreise vorstellend, als Gegenstück zu der im „Guten Kameraden“ befindlichen nach Chicago.

Bescheidener in der Ausstattung, aber doch reichhaltig und den Interessen kleiner Leser angepaßt, ist die monatlich zweimal erscheinende „Jugend-Gartenlaube“ (Nürnberg, Verlag der Kinder-Gartenlaube). Sie giebt außer den Erzählungen hübsche naturgeschichtliche Artikel sowie eine Menge von Notizen und Anregungen. Durch die besondere Pflege der Rubrik „Kleine Ecke“ und des Briefkastens, sowie zahlreicher Rätsel-Aufgaben ist auch hier der Charakter einer Zeitschrift herausgearbeitet. Sie teilt denselben mit der „Musikalischen Jugendpost“ (Stuttgart, Grüninger) und der „Kinderlaube“ (Dresden, Meinhold).

Die erstere verdient die besondere Beachtung von allen Eltern musiktreibender Kinder, denn sie unterstützt und ergänzt den Musikunterricht in einer ganz vortefflichen Weise. Erzählungen aus dem Leben berühmter Tonsetzer wechseln ab mit musikgeschichtlichen Stoffen, wie z. B. die interessante Artikelreihe „Einführung in die Oper“ von Griot u. a. m. Jedem Heft liegen leichte Originalkompositionen bei und von Zeit zu Zeit erscheinen Aufgaben theoretischer Natur, welche nicht mehr an Kenntnissen voraussetzen, als ein fleißiger Klavierschüler haben kann. Auch die bedeutenden Tonsetzer und Virtuosen der Gegenwart, unter letzteren besonders die kleinen Klavier- und Geigenspieler, werden berücksichtigt und im Bilde vorgeführt. Die Kinder erhalten durch diese hübsche Zeitschrift einen Begriff von der musikalischen Welt und werden sicher zu erhöhtem Eifer in ihrem eigenen Lernen veranlaßt, allerdings auch, wie der Augenschein lehrt, zu unendlichen Anfragen bei dem fast allzu geduldigen „Briefkasten-Onkel“! – Sein Kollege von der „Kinderlaube“ ist ebenfalls stark in Anspruch genommen und entledigt sich seiner Aufgabe mit derselben Langmut. Sehr hübsche Illustrationen, spannende Erzählungen, Schilderungen aus Natur- und Städteleben, deutsche Göttersagen und viel anderes machen den wohlgewählten Inhalt des schön ausgestatteten Bandes aus, der für Mädchen und Knaben gleichmäßig geeignet ist.

Wenden wir uns nun den Sammelbänden zu, die nur in dieser Form alljährlich ihr Erscheinen erneuern, so müssen wir zunächst noch einmal des in rüstiger Gesundheit stehenden Seniors von ihnen allen gedenken, um so mehr, als er für die anderen vorbildlich gewirkt hat. [812] Der von Franz Hoffmann gegründete „Neue deutsche Jugendfreund“ (Stuttgart, Schmidt & Spring) liegt nun im 49. Bande vor. Er hält Schritt mit der Zeit, wie seine gediegenen farbigen Abbildungen und die Auswahl des sehr mannigfaltigen Textes beweisen. Länder- und Völkerkunde herrscht vor, auch die Mehrzahl der Erzählungen von V. Reicke, M. Wagener u. a. dient diesem Bildungsinteresse.

Für die reifere Jugend beiderlei Geschlechts berechnet ist auch der allbeliebte reich illustrierte „Jugendgarten“ der unvergeßlichen Wildermuth (Stuttgart, Union), fortgeführt von ihren beiden schriftstellerisch reichbegabten Töchtern Adelheid Wildermuth und Agnes Willms. Aus der ersteren fesselnder Erzählung „Strohfeuer“ leuchtet ein von ihrer Mutter ererbter Humor, und eine gemütliche Wärme der Darstellung macht diese echt schwäbische Geschichte auch für Erwachsene anziehend. Ernster ist das von A. Willms gegebene Lebensbild: Peter von Bohlen, welches die Jugendgeschichte eines bedeutenden Mannes auf dem trefflich gezeichneten Hintergrund der napoleonischen Eroberungsjahre interessant und spannend darstellt. „K. Th. Körner“ von Steiner, „Herder im Familienkreise“ von Neumann-Strela, „Die Akropolis von Athen“ von Cohn-Philippsohn, „Geschichte des Dampfes“ v. A. H. und verschiedene andere Artikel sorgen für angenehme Belehrung, eine Menge von Rätseln, Spielen u. dergl. ist bestimmt, den Scharfsinn zu üben und die Geschicklichkeit zu vermehren. Alles in allem: ein vortreffliches Buch, geeignet, einem ganzen Geschwisterkreis viel frohe und genußvolle Stunden zu bereiten.

Nach demselben Plan gebaut ist der Sammelband „Jugendblätter“ (München, Braun und Schneider), der gleichfalls den Namen einer berühmten Jugendschriftstellerin an der Stirne trägt. Vor 40 Jahren hat Isabella Braun die ersten der grünen Hefte herausgegeben, welche sehr bald eine weit über Bayern hinausgehende Beliebtheit und Verbreitung in ganz Deutschland erreichten. Auch ihre Nachfolgerin, Isabella Hummel, versteht es, dem Geist ihrer verewigten Freundin gemäß deren Werk weiterzuführen, es steht ihr ein Kreis talentvoller „Jugendfreunde“ als Schriftsteller zur Seite, während die reichen künstlerischen Mittel der Firma Braun und Schneider in den Textillustrationen und Tonbildern ganz Hervorragendes leisten. Der poetische Teil, Sagen, Märchenhaftes und Naturempfindung (von Franz Bonn, Fanny Frühwein, L. Hitz u. a.), nimmt einen großen Teil der prächtigen Zeichnungen in Anspruch, der Rest verteilt sich auf die sehr hübschen Erzählungen. Eine Anzahl lustiger und schwieriger Rätsel macht auch hier den Schluß der einzelnen Abteilungen aus.

Des gleichen Alters und guten Rufes erfreuen sich die beiden Unternehmen „Herzblättchens Zeitvertreib“ und das „Töchter-Album“, die Thekla von Gumpert alllährlich herausgiebt (Verlag von C. Flemming in Glogau). Das eine ist der Unterhaltung für kleine Knaben und Mädchen „zur Herzensbildung und Entwicklung der Begriffe“, das andere der heranwachsenden weiblichen Jugend „zur Bildung des Verstandes und Gemütes“ gewidmet. Beide sind mit gleicher Sorgfalt ausgestattet und illustriert. Meist alte bewährte Mitarbeiter stehen der Herausgeberin zur Seite. Im „Töchter-Album“ wird vor allem die gute Erzählung gepflegt. „Des Hauses Wahlspruch“ von Marie Petzel, „Ihr Sohn“ von Fanny Birndt und auch die andern hübschen Geschichten entsprechen ganz dem Zwecke, dem das Album dient.

Für ein noch reiferes Alter der weiblichen Jugend ist „Maienzeit, Album der Mädchenwelt“ (Stuttgart, Union) berechnet, ein auch in illustrativer Beziehung mit vornehmem Geschmack geleitetes Unternehmen, das alljährlich einen reichen duftigen Blütenstrauß poetischer Gaben jenem Teile der Mädchenwelt darreicht, der im Vollgenuß von des Lebens Maienzeit steht. Amyntor, Blüthgen, C. Hecker, Paulus, Roquette, Lingg, Gottschall, D. Saul seien von den Mitarbeitern des neuen Bandes genannt.

Vorzugsweise an die reifere männliche Jugend wendet sich dagegen „Das neue Universum“ (Stuttgart, Union), ein Prachtband mit reichem Inhalt. Was von interessanten Erfindungen und Entdeckungen in unsere Zeit eingreift, ist darin vorgeführt und mit trefflichen Abbildungen erläutert. Länder- und Völkerkunde, Verkehrswesen, Industrie, Technik, Marine- und Militärwesen, Elektrotechnik, Physik und Chemie, Naturgeschichte und Geologie liefern den Inhalt der klar und leichtfaßlich geschriebenen Artikel. Ein gescheiter Junge unterrichtet sich durch ein solches Buch ohne alle Schwierigkeit über die ihn umgebende Welt der mechanischen Wunder, die im Gespräch der Erwachsenen immer nur genannt, nicht erklärt werden. Er findet auch beim Lesen bald heraus, welcher Teil ihn besonders anzieht, und erhält dadurch vielleicht den ersten Fingerzeig für den künftigen Beruf. Für erheiternde Zerstreuung und Beschäftigung sorgt dann die Abteilung „Häusliche Werkstatt“, die eine Menge der hübschesten und unterhaltendsten Fertigkeiten und Taschenspielerkünste, gleichfalls an der Hand guter Abbildungen, lehrt.

Mögen die sämtlichen hier genannten Jugendschriften die Beachtung der Eltern finden und dann als Teil der Bescherung an dem glückseligen Weihnachtsabend recht viel junge Herzen erfreuen!


Gustav Adolf.

Ein Charakterbild zum 300. Gedächtnistage seiner Geburt.
Von Heinrich Bauer.

Dritthalb Jahrhunderte nahezu sind seit jenem traurigen Westfälischen Frieden dahingerollt, der Deutschland zu einem Schatten seiner selbst erniedrigte und unser Vaterland bis in dieses Jahrhundert hinein zum gegebenen Schauplatze aller großen kontinentalen Kämpfe machte. Nach schweren Prüfungen und nach mächtigen, das nationale Wesen im Innersten erschütternden Krisen ist unter dem Kanonendonner der großen Schlachten in Frankreich das neue Deutsche Reich in verjüngter, zeitgemäßer Form erstanden, und jene Zeiten des Dreißigjährigen Schreckenskrieges sind dadurch weit mehr, als noch vor einem Menschenalter der Fall war, in das von keiner Leidenschaft getrübte Licht der Geschichte gerückt.

In diesem Lichte aber erscheint der große Schwedenkönig Gustav Adolf, dessen dreihundertjähriges Geburtsjubiläum am 9. Dezember dieses Jahres in den protestantischen Ländern, vor allem in Schweden, festlich begangen wird und der während jenes Krieges kurz, aber so tief einschneidend in die deutschen Geschicke eingegriffen hat, weder, wie ihn der Haß der Gegner darstellte, als ein zweiter Attila, der, von brutaler Raub- und Eroberungsgier geleitet, in Deutschland einbrach, noch als ein Pastor im Soldatenkleide, der mit Heeresmacht über die Ostsee gekommen, nur um die evangelische Kirche vom Verderben zu retten und dann, vom Bewußtsein dieser guten That belohnt, wieder heimzukehren aus dem sonnigeren Süden in sein nordisches Reich. Gustav Adolfs Heldengestalt gewinnt durch eine sachliche Betrachtung nur an rein menschlichem Interesse, wie ihr denn auch keine andere jener Zeit würdig an die Seite gestellt werden kann. Sie rechtfertigt den Ruhm, den er auch in Deutschland seit dem jähen Heldentod, der ihn auf deutschem Boden ereilte, genießt. Erst nach seinem Hinscheiden nahm der Krieg jene gräßliche Gestalt an, welche die Erinnerung an ihn jeden Lichtblickes beraubt.

Das gußeiserne gotische Denkmal bei Lützen, errichtet über dem „Schwedenstein“, unweit dessen man einst den in der Schlacht Gefallenen fand, das Grabmal in der Riddarholmkirche zu Stockholm, etliche Denkmäler in Schweden und Deutschland, sowie das blutbefleckte Lederkoller, das der Schwedenkönig in der Todesschlacht von Lützen am 16. November 1632 trug und das im Arsenale zu Wien aufbewahrt wird, das sind freilich noch die einzigen äußeren Merkmale von Gustav Adolfs Heldengang, denn seine eigentlichen, auf Deutschland bezüglichen Pläne sind mit ihm selbst auf dem Lützener Schlachtfeld untergegangen. Er vermochte zwar, den zur Vernichtung des Protestantismus in Deutschlaud erhobenen Arm zu hemmen, aber eine neue Ordnung an Stelle der alten aufzurichten, blieb ihm versagt.

Gustav Adolf wurde 1594 am 9. Dezember alten Stils, nach unserer Zeitrechnung am 19. Dezember, als Sohn des Königs Karl IX. von Schweden von dessen zweiter Gemahlin, der holsteinischen Prinzessin Christina, im königlichen Schlosse zu Stockholm geboren. Wasa war der Name des Hauses, dem er entstammte; sein Großvater, Gustav I., hatte Schweden von der Thyrannei des Dänenkönigs Christian II. befreit und war von dem dankbaren Volke am 7. Juni 1523 zum Könige gewählt [813] worden. Die Zeit, in die Gustav Adolfs Geburt fiel, war in hohem Grad erregt. Alles drängte zu einer große Entscheidung zwischen dem alten und dem neuen System sowohl politischer als kirchlicher Art, und die Phantasie der Völker war von schauerlichen Bildern erfüllt. So auch in Schweden. Als Karl IX. vom Reichstag zum erwählten Könige der Schweden, Goten und Wenden erklärt wurde, soll es in Stockholm Blut geregnet haben. Die Geburt Gustav Adolfs selbst gab zu inhaltschweren Vorhersagungen Anlaß, welche auf Kampf, freilich auch auf Sieg hinwiesen. Auf ihn wurde eine Weissagung des Astronomen Tycho de Brahe gedeutet. Zehn Jahre vorher soll dieser einen in der „Kassiopeia“ neu entdeckten Stern ausgelegt haben als die Ankündigung eines großen nordischen Prinzen, der zum Retter der protestantischen Kirche erkoren sei.

König Karl IX. von Schweden und seine Gemahlin Christina.
Die Eltern Gustav Adolfs.

Schon als Kind zeigte Gustav Adolf ungewöhnliche Eigenschaften; seine Gutherzigkeit, seine militärischen Neigungen, seine Furchtlosigkeit traten früh hervor. In seinem zwölften Jahre sprach er außer seiner Muttersprache fertig Lateinisch, Deutsch, Holländisch, Französisch und Italienisch. Seine Vorliebe für die römischen Schriftsteller erhielt sich bis an sein Ende. Seine Erscheinung war immer gewinnend: hoher breitschultriger Wuchs, blondes Haar und blonder Bart, große blaue Augen.

Sein Vater hatte als erwählter Volkskönig unaufhörliche Kämpfe zu führen gegen seinen Neffen Sigismund von Polen, der dieser Königskrone zu lieb katholisch geworden war und gleichzeitig seine Ansprüche auf die Krone von Schweden aufrecht erhielt. Als Karl IX. 1611 starb, hinterließ er seinem jugendlichen Sohne nicht weniger als drei Kriege: den dänischen, den russischen und den polnischen. Alle drei führte Gustav Adolf ruhmreich durch, unter Ausdehnung der schwedische Oberherrschaft über die Ostseeländer von Esthland bis nahezu an Pommern. Sigismund war aber erst 1629 zu einem sechsjährigen Waffenstillstande zu bewegen, und die Kriegsgefahr erlosch endgütig erst mit dem 1632 erfolgenden Tode dieses Königs.

Gustav Adolf bestieg den Thron am 30. Oktober 1611 nicht auf Grund des bloßen Erbrechts, sondern erst, nachdem ein näher berechtigter Agnat, Herzog Johann, auf seine Ansprüche freiwillig verzichtet hatte, und nachdem er vom Reichstage förmlich gewählt war. Dies hatte dann später zur Folge, daß ihm nicht nur Kaiser Ferdinand I., sondern auch Ludwig XII. von Frankreich den nach damaliger Sitte nur altlegitimen Königen zukommenden Titel „Majestät“ verweigerte. Von letzterem erzwang sich Gustav Adolfs unerschütterliche Festigkeit die Zuerkennung des Titels.

Das königliche Schloß zu Stockholm.
Die Geburtsstätte Gustav Adolfs.

Aber nicht bloß der Form nach war der jugendliche Monarch ein Volkskönig; sobald er volljährig geworden, machte er das demokratische Königtum seines Großvaters zur vollen Wahrheit. Hatte er in der allerersten Zeit dem Adel Zugeständnisse machen müssen, so suchte er doch, sobald es möglich war, seine Stütze im dritten Stande, den Bürgern und Bauern. Wohl erklärte er das Recht, Gesetze vorzuschlagen, für einen ausschließlichen Besitz des Königs, aber er richtete die Gesetze, die er dem Reichstage vorlegte, auch so ein, daß dieser sie um ihrer selbst willen gutheißen mußte. Den Adel brachte er durch eine neue Ritterhausordnung, die diesen in drei Klassen teilte und dem Könige die Macht der Versetzung aus einer in die andere gab, in eine größere Abhängigkeit von der Krone als je zuvor, und dieses Abhängigkeitsverhältnis wurde dadurch noch vertieft und befestigt, daß er 1625 zur Errichtung eines stehenden Heeres schritt, die zwar unter ihm nicht mehr ganz vollendet wurde, deren großartiger Plan aber bis in unsere Tage die Grundlage des schwedischen Heerwesens geblieben ist. Die zahlreichen Offiziersstellen bildeten eine Lockspeise für den Adel und stellten dessen Kräfte zugleich in den wirklichen Dienst des Vaterlandes.

Der Hebung der Landwirtschaft, des Bergbaues, des Handels und Gewerbes widmete der König die größte Sorgfalt, schon um das Volk steuerkräftig zu machen und die notwendigen Mittel zur Führung der vielen kostspieligen Kriege zu gewinnen, und ebenso ließ er sich die allgemeine Rechtssicherheit angelegen sein. Streng [814] hielt er auf die Unabhängigkeit des Richterstandes, und als er einst mit einem Edelmann wegen eines Gutes prozessierte und selbst in der Gerichtssitzung erschien, duldete er nicht, daß sich die Richter vor ihm erhoben. Er wurde denn auch verurteilt.

Die umsichtige Pflege, die er den Schulen und namentlich der Universität Upsala zu teil werden ließ, zeugt von seinem lebhaften Interesse für Geisteskultur. Dementsprechend zeigte er auch in kirchlicher Hinsicht einen weiten, freien Geist. Als sich 1614 die deutschen Protestanten an ihn wandten, damit er in dem unfruchtbaren und gefährlichen Streite zwischen Lutheranern und Reformierten entscheide, wies er den Schiedsspruch in theologischen Spitzfindigkeiten, welche die ihnen erwiesene feierliche Behandlung gar nicht verdienten und welche von Konstantin bis Karl V. noch kein Herrscher beizulegen vermocht habe, ab; er seinerseits bitte Gott, daß dieser die Menschen durch Liebe vereinige, weil dies durch den an dunkeln Punkten zu reichen Glauben nicht geschehen könne. Und wie er in seinem Reiche die Zanksucht der Geistlichen dämpfte, so zeigte er, als er siegreich Deutschland durchzog, den Katholiken gegenüber einen freien Geist. In München und anderwärts besuchte er den katholischen Gottesdienst und ließ, wenn er auch allenthalben die geschlossenen oder beschlagnahmten protestantischen Kirchen wieder öffnete, jenen doch unangetastet.

Seine oberste Sorge bildete auch im Kriege das Wohl der breiten Volksschichten. So sorgte er auch in Deutschland durch die strengste, ins einzelnste gehende Quartierordnung, sogar in den Kapitulationen, die er mit gegnerischen Garmisonen abschloß, daß der Bürger und Bauer vor der Willkür der Soldateska geschützt blieb. Erst in den reicheren Gegenden Süddeutschlands, und als in Bayern und Vorderösterreich die Bauern sich gegen die ihnen als Teufel verschrienen Schweden zusammenrotteten und fürchterliche Greuel an einzelnen Soldaten verübten, erst da lockerte sich auch bei seinen Lebzeiten die schwedische Mannszucht vorübergehend ein wenig. Er selbst duldete jedoch nichts dergleichen. Vor Nürnberg übergab er einen Korporal, vor dessen Zelt er geraubte Kühe fand, mit eigener Hand dem Henker, indem er sagte: „Es ist besser, ich strafe dich, als daß Gott uns alle um deinetwillen strafe.“

Gustav Adolf mit seinem Stabe.
Arnheim.   Banér. 0 Oxenstierna.       Gustav Adolf.   Horn.

Es konnte daher nicht ausbleiben, daß sich Gustav Adolf bald beim deutschen Volke, selbst bei einem großen Teil des katholischen, beliebt machte, wobei ihm seine witzige, oft auch derb populäre Rednergabe sehr zu statten kam. Auch an der hohen deutschen Aristokratie, wenn diese ihn mit ihrem Länderbettel gar zu sehr belästigte oder gar aufsässig wurde, übte er dieselbe, so im Nürnberger Lager, wo er ihnen zurief: „Vierzig Tonnen Goldes von dem meinigen habe ich für euch aufgewendet, von euch aber nicht so viel empfangen, daß ich mir auch nur ein Paar Hosen davon machen lassen könnte. Ja, ich würde lieber ohne Hosen reiten als mich von euch kleiden lassen!“ Er nahm überhaupt mehrfach Anlaß, dieser deutschen Aristokratie, die ihn in Frankfurt am Main und anderwärts geradeso bettelnd umdrängte wie 175 Jahre später den Kaiser Napoleon I., derbe Wahrheiten zu sagen, wenn er ihr auch andererseits zu schmeicheln und sie mit Versprechungen hinzuhalten wußte.

Unser Charaktergemälde würde sehr unvollständig sein, wollten wir nicht auch der Ehe unseres Helden in Kürze gedenken. Die schöne Marie Eleonore von Brandenburg, mit der er sich 1620 vermählte, des Kurfürsten Johann Sigismund Tochter, die Schwester von dessen Nachfolger Georg Wilhelm, stand geistig weit unter ihrem großen Gemahl, aber sie ersetzte diesen Mangel durch eine grenzenlose Liebe und Hingebung. Das eheliche Verhältnis war von beiden Seiten innig und beglückend.

Das Urteil der Zeitgenossen und auch Späterer über Gustav Adolf hat natürlich, je nach der Parteistellung, verschieden gelautet. Eines aber ist von keiner Seite ernstlich in Zweifel gezogen worden: sein hohes, militärisches Genie. Hat doch keine geringere Autorität als Napoleon I. ihn den acht großen Feldherrn zugezählt, welche die Weltgeschichte aufzuweisen habe. Namentlich als Organisator und Taktiker war Gustav Adolf von größter Bedeutung. Schon früh legte er in der Muße, die ihm Waffenstillstände und Friedenspausen zwischen den einzelnen Kriegen gewährten, seine militärischen Grundsätze in schriftliche Aufzeichnungen nieder. Und er zögerte nicht, diese in seiner Armee auch zu verwirklichen, so entschiedenen Widerspruch manche seiner Gedanken auch von seiten sonst tüchtiger Generale erfuhren. Im Interesse der Beweglichkeit schaffte er z. B in seiner Armee den Harnisch fast gänzlich ab. Gleichzeitig traf er Maßnahmen, welche das Feuergewehr erleichterten und der wahren Natur des Feuergefechtes entsprachen. Namentlich aber begriff er als der Erste den Wert einer leicht bewegliche Artillerie für die Feldschlacht. Die ledernen Kanonen bewährten sich zwar nicht, um so besser die von einem deutschen 1624 in schwedische Dienste getretenen Geschützoberst erfundenen leichten eisernen Kanonen, die sich dann unter dem Namen „schwedische Stücke“ bis 1756 im französischen Heere erhielten. Diese leichten Geschütze verteilte Gustav Adolf an die einzelnen Bataillone und Reitergeschwader, während seine Gegner nur ganz wenige und unsinnig schwere Geschütze mit sich führten. Auch die Schlachtordnung machte Gustav Adolf beweglicher, indem er an Stelle der unbehilflichen vollen Vierecke und der tiefen Aufstellung der Reiterei diese und das Fußvolk in kleinere Scharen von weniger Gliedern teilte. Geschickt wußte er zudem noch Musketiere und Reiterei durcheinander zu mischen, und was er damit erreichte, das haben die großen Schlachten von Breitenfeld und am Lech gegen den bis dahin unbesiegten Tilly, sowie die Schlacht bei Lützen bewiesen; die zweitgenannte war von Gustav Adolfs Seite eine Artillerieschlacht, in der er die in einem Gehölz aufgestellte und von seinen Geschützen umfaßte feindliche Infanterie noch vor dem eigentlichen Zusammestoß zerschmetterte. Eine Reihe tüchtiger Führer, so die Generale Banér und Horn und Oberst Arnheim, die [815] Staatskunst seines Kanzlers Axel Oxenstierna unterstützten sein leitendes Genie. Die sicherste Grundlage seiner Ueberlegenheit aber war, daß er selbst sein Generalissimus und sein bester politischer Berater war.

Darf man ihm eines vorwerfen, so ist es der Umstand, daß er sich selbst viel zu sehr aussetzte. Er liebte es, in eigener Person kleine Gefechte, ja Rekognoszierungen zu führen, und geriet dadurch häufig in Gefahr. Er wurde oft verwundet, und bei Dirschau in Preußen 1627 so ernst, daß ihm von da an das Tragen eines Harnischs sehr beschwerlich fiel, wozu freilich auch seine zunehmende spätere Beleibtheit beitrug. Auch als ihm am Morgen des verhängnisvollen Lützener Tages ein solcher gebracht wurde, lehnte er ihn ab. Er war überzeugt, daß große Feldherren gegen den Schlachtentod gefeit seien, und berief sich dabei auf Alexander den Großen und Cäsar. Trotzdem bewegte ihn bei seinem Abschiede von Schweden und dann am Morgen des Lützener Tags die schwermütige Ahnung, daß er die Heimat nicht wiedersehen werde.

Das Koller Gustav Adolfs, in welchem er in der Schlacht bei Lützen fiel.

Den Eintritt Gustav Adolfs in den deutschen Krieg und seinen Siegesflug von der pommerschen Küste bis zum Rhein, zum Bodensee und über die Donau hinüber können wir hier nur streifen. Im Jahre 1629 hatte Wallenstein dem mit Schweden im Kriege befindlichen König Sigismund von Polen einen Heerhaufen nach Preußen zu Hilfe geschickt, der Gustav Adolf dort vorübergehend in die Klemme gebracht hatte. Der deutsche Kaiser Ferdinand, auf der Höhe seiner Erfolge, dachte damals wohl daran, das alte Ordensland Preußen unter des Reiches Hoheit zu bringen. Gustav Adolf quittierte dafür, indem er die Stralsunder gegen Wallenstein unterstützte, dessen Glück sich an den Wällen dieser Stadt wirklich brach. Aber nicht aus solchen Reibereien erklärt sich der schwedische Einmarsch in Deutschland.

Hätte Wallenstein damals eine Flotte gehabt, er hätte die Ostsee und deren Inseln dem Kaiser unterworfen und Schwedens Unabhängigkeit bedroht. Dieser Gefahr wollte Gustav Adolf zuvorkommen. Schon seit geraumer Zeit galt Schweden als die protestantische Vormacht, und wiederholt hatten die deutschen Protestanten den König um Beitritt zu ihrer Union angegangen, ohne daß er sich darauf eingelassen hätte. Jetzt aber lagen die Verhältnisse besonders günstig. Der Kaiser hatte sich selbst geschwächt, indem er sich in den mantuanischen Erbfolgekrieg eingelassen und sich dadurch den Papst verfeindet hatte, der nun seinerseits die Franzosen ermunterte, dem Schwedenkönig für dessen Kriegspläne Hilfsgelder zu gewähren. Außerdem hatte Ferdinand 1629 das Restitutionsedikt erlassen, wonach alle seit 1552 von den Protestanten eingezogenen geistlichen Stifter und Kirchengüter den Katholiken „restituiert“, zurückgegeben werden sollten. Dieses Edikt bedrohte die protestantischen Fürsten schwer und stimmte auch die bisher noch Schwankenden feindlich gegen den Kaiser. Und zu dem allen ließ sich dieser in seiner Bedrängnis auf dem Reichstag zu Regensburg 1630 überreden, seine beste Kraft, Wallenstein, zu entlassen. Mehr als alle diese günstigen Umstände aber war es der den König beseelende hohe Thatendrang, was ihn vorwärts trieb. Auf einem von vielen Seiten bedrohten Thron ohne die Weihe altehrwürdiger Legitimität sitzend, konnte er nur durch Thaten sein Ansehen und seine Herrschaft befestigen, und wo bot sich seiner ungeheuchelten Frömmigkeit hierzu bessere Gelegenheit als in Deutschland, wo seine Religionsgenossen am Rande des Abgrundes standen?

Seine geheimen Gedanken flogen weit hinaus. Er verriet sie schon nach der Schlacht von Breitenfeld, als nach seinem Sieg über Tilly des Kaisers Erblande offen vor ihm lagen, er aber nach dem Rhein abschwenkte, um dort Eroberungen zu machen. Es lag nicht in seinem Interesse, sich mit der gänzlichen Niederwerfung des Kaisers allzusehr zu beeilen. Seine bisherigen deutschen Bundesgenossen hätten in diesem Falle nicht gesäumt, sich mit Ferdinand zu verbinden, um ihn, den „Befreier“, wieder los zu werden. Auch wollte er sich am Rhein vorsorglich den Franzosen in den Weg legen und die schönen Rheinlande samt anderen Gebieten zu einem Herzogtum Franken vereinigen, das den Kern seiner Hausmacht im Reiche bilden sollte; zweifellos gedachte er auch, laut eigener verbürgter Aeußerungen, sich selbst die Kaiserkrone auf sein Haupt zu setzen. Darum hatte Frankreich auch keinen entschiedeneren Feind in Deutschland als ihn; er nahm die Hilfsgelder der Franzosen an, die ihm der Vertrag von Bärwalde gewährte, aber er wollte ihnen allerhöchstens in Lothringen einige Erwerbungen gönnen. In Mainz erklärte er dem französischen Abgesandten, der das Elsaß forderte, das schon in grauer Vorzeit zu Frankreich gehört habe: „Ich bin nicht als Verräter, sondern als Beschützer des Reichs gekommen, darum kann ich nicht dulden, daß eine Stadt oder eine Landschaft davon abgerissen werde.“

Das Gustav Adolf-Denkmal bei Lützen.
Nach einer Photographie von Hermann Vogel in Leipzig.

Auf seine hochgehenden Absichten deutete auch die Beflissenheit hin, mit der er sich die Herzen der Reichsstädter, der Nürnberger, Augsburger, Straßburger, zu gewinnen suchte. Er entwickelte ihnen gegenüber alle seine volksbestrickenden Eigenschaften, wie er auch den niederen deutschen Adel an sich zu ziehen trachtete. Bei seinem Ziele angelangt, hätte er gewiß dort angeknüpft, wo im 16. Jahrhundert die Bewegung der Reichsritterschaft gegen die Landesfürsten mit Sickingens Fall stehen geblieben war. Eben darum aber hätte sein Sieg über den Kaiser wahrscheinlich nur den Ausgangspunkt neuer Kämpfe gebildet. Unser Reich wäre aus einem römischen zunächst ein pangermanisches [816] geworden, jedoch erst, nachdem Gustav Adolf die jedenfalls gegen ihn sich verbündenden Reichsfürsten besiegt gehabt hätte.

Es war der Träger weltumfassender Pläne, der an jenem 16. November 1632 dort in der Nähe von Leipzig, in der für die Schweden siegreichen Lützener Schlacht von den Pistolenschüssen kaiserlicher Kürassiere in den Staub gestreckt wurde. In der Morgenfrühe dieses Tages hatte Gustav Adolf noch an der Spitze seiner Offiziere und seines Heeres um den Sieg gebetet, ein Augenblick, der von je die Künstler und so auch den Maler unseres Bildes auf Seite 808 und 809 zur Darstellung gereizt hat; wenige Stunden später war der König, auf den Tod getroffen, im dichtesten Handgemenge gestürzt. Und mit ihm war auch sein Vorhaben, seine Tochter mit dem Sohne des Kurfürsten von Brandenburg, dem nachmaligen Großen Kurfürsten, zu vermählen, zu den Toten gebettet.

Die Geschichte hat andere Bahnen eingeschlagen als die von Gustav Adolf erträumten, aber was er war und gethan, hält sie in ruhmvoller Erinnerung. Als ein ritterlich schöner, selbst vieler Feinde Herzen mit unwiderstehlichem Zauber bestrickender Held lebt er im Gedächtnis der Nachwelt, ein echter Germane, wie er sich denn mit Vorliebe einen Goten nannte, jeder Zoll ein König, der aber darum selbst unter den Schrecken des Krieges nie aufhörte, ein natürlicher, in sich harmonischer Mensch zu sein.


Zeit bringt Rosen.

Novelle von Stefanie Keyser.

      (Schluß.)

Guten Morgen, Fräulein Raunthal.“ Holl stand mit gezogenem Hut neben Gabriele. „Ich komme, mich zu empfehlen.“

Es überraschte sie kaum noch, sie hatte es befürchtet. Sie bot ihm einen der zierlichen Gartenstühle. Er nahm Platz, so daß er den Fenstern den Rücken kehrte.

„Haben Sie Ihre Kur schon beendet?“ fragte sie.

„Man muß manchmal ein Ende machen,“ erwiderte er. „Ich gedenke morgen mit Schersen abzureisen und werde den Rest meines Urlaubs in einem andern Bad zubringen. Dann geht es wieder stramm in den Dienst.“ Er sprach laut, offenbar bemüht, eine innere Bewegung nicht merken zu lassen.

Die Stirn leicht auf ihrer Hände Werk gesenkt, sagte sie: „Wer es doch auch so gut hätte! Das Ziel klar vor Augen, ebenso den Weg, der dahin führt.“ Und da er sie überrascht ansah, lächelte sie, strickte zwei und zwei zusammen und fuhr in leichtem Tone fort: „Ich weiß nämlich im Augenblick mit meiner Novelle nicht aus und ein. Mein Paar ist nicht zu vereinigen.“

Er zwang sich zu einem Lächeln. „So trennen Sie es!“

Gabriele wiegte das Haupt „Nein! Selbst Goethe hat gesagt, während er sein Gedicht zu gutem Ende führte: ,die Kinder, sie hören es gerne‘.“ Er sah sie prüfend an. „Wer zeigt sich denn am störrischsten?“ fragte er langsam.

„Sie!“

„Ich?“ fuhr er auf.

„Ich meine die Tochter des Pfannherrn,“ berichtigte Gabriele. „Sie ist das verwöhnte einzige Kind – eitel, müßig, selbstherrlich.“

Ihm wurde die Halsbinde zu eng bei dieser Geschichte, die ihn nichts anging, nichts angehen sollte. Ohne darauf zu achten, fuhr Gabriele fort: „Er dagegen ist ein fester ernster Charakter. Sonst hätte er es nicht in jungen Jahren allein durch seine Kraft so weit gebracht.“

Holl machte eine Bewegung, als wollte er sich dankend verbeugen; er bezwang sich noch zu rechter Zeit.

„Die ahnende Empfindung,“ sprach Gabriele weiter, „das Untrüglichste im Menschen, zieht sie zueinander. In ihm ist es das unbewußte Gefühl, daß seine durch strenge Selbsterziehung gezügelte Natur in äußerlicher Form zu versteinern drohe.“

Holl zuckte leise, wie getroffen, zusammen. Gabriele ließ sich nicht beirren. „Darum entscheidet sein Herz für sie, die mit ihrer frischen Ursprünglichkeit ihn vor Einseitigkeit bewahren würde.“

„Sie stehen ganz auf der Seite Ihrer Heldin,“ sagte Holl verletzt.

„Wer stände nicht auf der Seite der Schwächeren, der Besiegten?“ entgegnete Gabriele. „Von ihm weiß man: er kommt darüber hinaus durch ein neues Räderwerk –“ Holl sah sie an, als sei sie irre geworden. „– das er für den Salzborn erfindet,“ erklärte sie ruhig. „Nun ja, er ist doch Salzschreiber!“

„Ach, so!“

„Aber sie? Während er schon mit fester Hand den Strich unter dieses Erlebnis gezogen hat, fängt sie an, nach seinem Wunsch sich zu wandeln. Sie trennt die Silberglöckchen von ihrer Schleppe, weil er den hoffärtigen Aufruhr nicht leiden mag, Sie lernt sein Leibessen, die Kiebitzeier, sieden, die es in dem wasserreichen Thal giebt, und wenn die fürnehmen ledigen Gesellen, welche die Stadt beherbergt, die Augen auf sie werfen, da schlägt sie die ihrigen sittig nieder. Soll das vergeblich sein? Wäre es nicht richtiger, wenn der Salzschreiber bedächte, daß eine Rose Sonnenschein braucht, um zu blühen, daß zu jedem Werk Geduld gehört, nicht nur – Schneidigkeit? Ach nein, das Wort kannte man vor vierhundert Jahren noch nicht – daß man mit einer Frau nicht verfährt wie mit –“

„Na, sagen Sie nur: wie mit einem Rekruten,“ brummte er.

„Wie mit Siedemeistern und Bornknechten“ setzte Gabriele hinzu, als habe sie nicht gehört. „Er hat es vergessen, daß in diesem Verhältnis die Natur das letzte Wort spricht, nicht das –“

„Ich weiß ja schon: das Reglement,“ warf er murmelnd ein.

„Das Salzgericht. Und daß wir als Menschen, nicht als – Salzschreiber auf die Welt gekommen sind. Bis hierher bin ich gelangt. Die Spannung wäre da, aber der befriedigende Schluß?“ Sie sah ihn an. Er starrte düster vor sich hin. Gabriele seufzte. „Vielleicht weiß Herr von Schersen eine Lösung,“ wandte sie sich an diesen, der eben, einen Zug leichter Befangenheit im Gesicht, herankam.

„Eine Lösung?“ sagte er unsicher. „Wir reisen ab.“

Sie schien das abermalige Mißverständnis zu überhören. „Es handelt sich um die kleine Novelle, die ich zu spinnen begann, als ich einmal abends allein in der Kräme spazieren ging.“

Er wurde rot; aber seine Mienen sollten andeuten, daß er sich nicht erinnern könne.

„Ich möchte meine Erzählung zu einem guten Ende führen. Das Gesetz, das ein versöhnendes Ausklingen für die Kunst vorschreibt, ist dem höheren abgelauscht, das über der Menschheit waltet. Jede Dissonanz, die das Leben bietet, löst sich endlich in Harmonie auf, ob diese auch oft ernst und erst nach langen Zeiträumen ertönt. Wohl uns, wenn es in unsere Hand gelegt wird, das ,zu spät‘ zu vermeiden!“ schloß sie sehr ernst.

Einen Augenblick blieb es still. Dann erhob sich Holl jäh, als mache er allem Schwanken gewaltsam ein Ende. Die Augen niedergeschlagen, daß man nicht in ihnen zu lesen vermochte, stand er vor Gabriele. „Falls wir uns nicht wiedersehen sollten“ – gegen seine Gewohnheit sprach er den Satz nicht aus. Eine tiefe Verbeugung beendete ihn. Er ging rasch fort. Auch Schersen empfahl sich. Aber in seinem schönen Gesicht war die Sympathie wieder aufgedämmert, die er nun einmal für Gabrieles Wesen empfand. Sie sah ihnen traurig nach. Alles vergebens – es war aus! Gut enden würde nur ihr salziges Geschichtchen.

Als sie dem unerbittlichen Hauptmann den Salzschreiber als Spiegelbild vorhielt, war ihr der Schluß gekommen, wie das der meteorartigen Natur der Einfälle entspricht: unvermutet, zu einer Zeit, da man ihrer nicht gewärtig ist. Sie hatte das hübsche Bild deutlich vor sich gesehen: den Platz am Salzquell, zum alljährlich gefeierten Fest mit Laubgewinden geschmückt, den jungen Salzschreiber in seiner prächtigen geteilten Tracht – halb wie dunkelnder Nachthimmel, halb wie lichte Morgenröte – für die Pfännerschaft das Borngebet sprechend, während das von ihm erfundene Kunstrad angelassen wurde; die Schar der Jungfrauen, an deren Spitze die schöne goldhaarige Maid aus der Kräme heranschritt, um ihm den Dank der Pfannherren zu überreichen. Grelles Geklingel geleitete sie wie immer. Höher richtete er sich auf. Aber da legte sie ihm eine güldene Kette um den Hals, mit Silberschellen verziert. Sie selbst schritt lautlos dahin – sie hatte ihre hoffärtigen Glöckchen an seinen Halsschmuck gestiftet, ihren Stolz ihrer Liebe geopfert. Unter St. Wolfgangs Fahne fügten sie Hand in Hand.

Ach, die freundliche Vorstellung zerflatterte, von der Wirklichkeit rauh angeblasen! Nur in der Phantasie vermochte sie die Liebenden zu vereinigen; im Leben lag ihr ob, einem jungen bangenden Herzen zu verkünden, daß es nichts mehr zu hoffen

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Photographie im Verlag der Münchener Kunst- und Verlagsanstalt von Dr. E. Albert & Co.
Auf Besuch.
Nach einem Gemälde von P. Felgentreff.

[818] habe. Sie packte ihre Arbeit zusammen und kehrte langsam in ihre Wohnung zurück. Ilse stand mitten im Zimmer. Gesehen hatte sie offenbar alles. Stumm, aber mit um so beredterem angstvoll flehendem Blick wandte sie sich Gabriele zu. Diese mußte sich erst fassen. Dann, scheinbar an ihrem Nähtischchen beschäftigt, sagte sie, ohne das junge Mädchen anzusehen: „Die Herren haben sich empfohlen. Sie reisen ab.“

Ein paar Augenblicke blieb es still. Dann stieß Ilse heraus: „Gabriele, wir wollen auch fort!“

Gabriele schüttelte den Kopf. „So gern ich Ihren Wunsch erfüllen möchte, es würde unschicklich sein, jetzt aufzubrechen. Wir müssen unseren Aufenthalt ruhig zu Ende führen, uns benehmen, als sei nichts geschehen. Sie sind kein Kind mehr, Ilse – Sie haben Ihre weibliche Würde zu wahren.“

Ilse wagte keinen Widerspruch weiter. Mit schleppendem Schritt ging sie in ihr Zimmer und warf sich wie vernichtet auf das Sofa. Sie konnte es nicht fassen. Man ließ ihr nicht einmal Zeit, ihre Reue zu zeigen – er reiste ab! Und sie blieb und konnte sich mit der ganzen Schar ihrer jungen Verehrer wie bisher – amüsieren. Amüsieren! Es wurde ihr ganz elend bei dem Gedanken. Sie begriff gar nicht, daß ihr das kindische Tollen einmal Vergnügen gemacht hatte, vor wenigen Tagen noch – war es möglich? Vor einer Ewigkeit, meinte sie jetzt. Und dann kam die Heimkehr. Kalt und heiß rann es ihr durch die Glieder. Es graute ihr ordentlich vor ihrem farbenschillernden Boudoir, wo musizierende Katzenfamilien und Plüschaffen die Luthertischchen bedeckten Butzenscheiben und eingesetzte bunte Glasgemälde die Fenster bildeten, persische Behänge mit türkischen Teppichen und eminenzroten Diwans wetteiferten. Mußte da nicht stets der spöttische Blick sie verfolgen, mit dem er ihre Regenbogentoilette rügte? Und wenn Johann die Schüssel mit Erbsen präsentierte, würde sie da nicht immer eine tiefe Stimme schalkhaft fragen hören: „Wie kochen Sie Erbsen?“ Und dann sollte sie schlucken können? Nein! Und sie konnte auch nicht tanzen auf dem Sommerball, den ihre Eltern gaben. Wenn die Française anhob, sank ihr gewiß Blei in die Füße. Sie krampfte die Hände zusammen. Großer Gott! Und dieses Schicksal hatte sie sich selbst aufgebürdet!


Die Julisonne glühte auf dem rötlichen Felsgestein des Kyffhäuser, daß dieses selbst ein rosiges Licht auszustrahlen schien; sie wob helle Lichter in den weiten grünen Waldmantel des Berges, an dessen Fuß „die güldene Au“ heranwallte, mit üppigen Saatfeldern zahllosen Dörfern ihrem Namen Ehre machend.

Um den alten Turm auf dem Abhang nach Abend waltete tiefe Stille. Die Raben, die ihn einst umflogen, waren verschwunden. Kein junger Schäfer brach mehr die blauen Blütenrispen des Ehrenpreis am Wegrand, um sich den Eingang zu dem weltentrückten Kaiser Barbarossa zu erschließen, kein Hofzwerg spendete aus der Schatzkammer Gold und Silber, keine weiße Prinzessin aus den Riesenfässern des kaiserlichen Kellers edlen Wein. Nur in dem Laube einer Eiche, die mit ihrem Wipfel über den Bergrand emporragte, säuselte wie wehmütig die Sommerluft zu dem alten Sagenturm hin, dessen Zeit um ist. Und einsam auch schaute gegen Morgen aus hohlen Fenstern die Kapelle zum Heiligen Kreuz, „das einst hier große Wunder gethan und viel Zulauf gehabt hat“, wie die Chroniken berichten. Die Waldbäume waren über den eingestürzten Giebeln zusammengewachsen, die ehemals mit schweren Opfern erkauften Grabstätten versunken, durch eine Rasendecke gleich gemacht.

Aber zwischen diesen beiden Ruinen, deren starke Mauern fronendes Volk einst türmte, herrschte frisch pulsierendes Leben. Da wuchsen die Terrassen empor, auf deren oberster das Denkmal der deutschen Krieger in die Höhe steigt. Arbeiterscharen wimmelten durcheinander, Steinpicken klangen, Winden knarrten, Karren rasselten. Mit dem Selbstbewußtsein, das die neue Zeit dem Sohn des Volkes eingeflößt hat, sprachen die von Kalk bestäubten Männer zu den Fremden, die gekommen waren, das Bauwerk zu beschauen, wiesen die Stätte, wo die beiden Kaiser stehen sollen: der, an dessen Gestalt die Prophezeiung sich knüpfte, und der, welcher die Erfüllung brachte.

Geführt von dem Frankenhäuser Bürgermeister, der als echter Landwehrmann nicht nach den Perlen auf seiner Stirn fragte, wenn es marschieren hieß, zogen Kriegervereine über den mächtigen wie unter Cyklopenhand sich schichtenden Bau. Die Aelteren hatten alle die Kriegsdenkmünze angelegt, einer, der an einem Krückstock ging, das Eiserne Kreuz wie bei einer Parade vor einem hohen Herrn.

„Gut Heil!“ schallte es aus dem Eichwald herauf, und vor dem Bergesgipfel senkte sich die Fahne der Turner, die unter Leitung des Ingenieurs den Berg erstürmten auf einem Pfad, den er bereits für eine Zahnradbahn vermessen hatte. Der Oberpostsekretär und seine Velocipedisten rollten medaillengeschmückt heran, die deutschen Bänder über der Brust. Und auf der breiten Straße fuhren grün umsteckte Wagen mit dem fröhlichen Sängerbund. Ohne Verabredung stimmten alle beim Anblick des zusammensinkenden und des aufsteigenden Turmes an: „Deutschland, Deutschland über alles“. Nah und fern fielen Chöre ein: es waren die Gäste, die zu dem Fest herbeieilten. Und die Musik schmetterte einen Tusch dazwischen. Dort, wo sie aufgestellt war, vor der altdeutschen Speisehalle, unter dem Schattengitter der jungen Bäume, breitete sich die Festgesellschaft aus. Metkrüge wurden nach deutschem Brauch geschwungen; in eine stilvolle alte Sammelbüchse klapperten die neuen Markstücke; das Rabenornament an dem Kreuzgewölbe, den geschnitzten Stühlen des Saales stimmte zu den von dem englischen Horn jetzt wirklich geblasenen Rabenschreien im Vorspiel.

Die Damen der Badegesellschaft hatten sich zusammengefunden. Bei den plaudernden lachenden jungen Mädchen stand Ilse, schweigend. Unter dem weißen kleinen Strohhut sah ihr Gesichtchen blaß und schmal hervor. Sie hatte Holl und Schersen heute in dem mit Koffern bepackten Wagen abreisen gesehen. Plötzlich fuhr sie zusammen wie von einem Blitzstrahl getroffen. War es möglich? Er! Um Kopfeslänge überragte er die andern – sein scharfes Auge erfaßte die Gruppe, in der Gabriele und sie standen. Würde er sich abwenden? Nein. Er kam mit Schersen heran, aber zögernd, als widerstrebte es ihm. Sie war wie gelähmt.

„Wir sehen uns doch noch einmal,“ sagte er zu Gabriele. Der Ton klang gepreßt, die spröden Lippen zuckten. „Schersen meinte, wir als Offiziere dürften doch nicht an dem patriotischen Fest vorübergehen. Wir haben unser Gepäck mitgenommen und wollen dann hinunter nach Roßla zur Bahn fahren.“ Mit sichtlicher Ueberwindung wandte er sich an Ilse. Eine schmerzliche Bitterkeit trat in seine Züge. Da sah er sie stehen in dem weißen Kleid, so einfach und zum erstenmal so hilflos zart – und plötzlich glitt etwas wie Befangenheit über sein Gesicht. „Sie trennte die Silberglöckchen von ihrer Schleppe“ – ging es ihm durch den Sinn.

Schersen verbeugte sich vor Gabriele. „Ihr schönes letztes Wort sollte nicht umsonst gesprochen sein,“ sagte er, wieder mit dem weichen Klang der Stimme, der ihr so lieb war. Sie drückte ihm herzlich die Hand. Und da eben lauter Beifall die Einleitung zu „Barbarossas Erwachen“ krönte, schlug sie mit ihm den Weg ein nach dem Gipfel des Berges. Vor ihnen hielt ein Kutschierphaeton. Eine Dame, deren Kostüm durch das zur Garnierung verwendete dänische Leder sehr reisemäßig aussah, gab einem arabischen Diener Leine und Peitsche und sprang ab: Schersen stand einen Augenblick atemlos, dann stürzte er ihr entgegen. „Gnädigste Gräfin, träume ich?“

„Ah, Baron, famos!“

Wie leicht auch die Begrüßung sich vollzog, als hätten sie gestern erst Abschied genommen – sie hatten doch nur Augen für einander in dieser ersten Sekunde des Wiedersehens.

„Ich weiß schon seit drei Tagen, daß Sie in Frankenhausen sind,“ sagte sie. „Herr von Stöckei erzählte es.“

„Dort sind Sie? O, meine Ahnung!“ rief Schersen. „So waren Sie doch bei der Kavalkade, die ich von der Falkenburg aus sah – die Dame an der Spitze des Zuges!“ Und leise fügte er hinzu: „An meinem stockenden Herzschlag fühlte ich es.“ Sie lachte, das dunkle weiche Lachen, das für ihn Musik war; aber ungläubig flog ihr Blick zu Gabriele. Voll Teilnahme folgte diese dem Vorgang. Nun wußte sie, warum die Dame in der Extrapost ihr bekannt erschienen war.

Es lag ein Ausdruck von Spannung in den Zügen der Gräfin, als sie jetzt zu Gabriele trat. Aber trotz der Verschiedenheit war es, als stellte sich sofort zwischen den beiden Frauen ein Einverständnis her. Es sind eben nicht nur die Gauner, die sich durch geheime Sprache verständigen, auch zwischen edlen klugen Menschen giebt es eine Freimaurerei, die sich auf den ersten Blick erkennt.

„Gräfin Tölz!“ nannte sich die Fremde, und fragend setzte sie hinzu: „Fräulein Raunthal? Herr von Stöckei erzählte mir nämlich, in welch erlesener Gesellschaft Herr von Schersen sich hier befinde. Ich habe ihn ausgefragt und viel von Ihnen gehört.“

[819] „Und ich habe Sie schon gesehen, Frau Gräfin,“ erwiderte Gabriele. Leise lächelnd setzte sie hinzu: „Die Porträts aus Herrn von Schersens Hand sind so ähnlich, daß man die Menschen nach ihnen wieder erkennt.“ „Ah!“ kam es von Swantas Lippen. „Kann man das Meisterstück nicht sehen?“ wandte sie sich lebhaft an Schersen.

Er erfüllte ihren Wunsch, beglückt über das Wiedersehen, angenehm berührt von der feinen Art des Verkehrs zwischen den beiden Damen, doch auch ein wenig beengt bei dem Gedanken, daß diese zwei ihn ganz durchschauten, daß Swanta sofort seine Beziehungen zu Gabriele erriet und Gabriele so befriedigt ihn der ersten Liebe überließ. Er schlug die kleine Skizze jener in orientalische Schleier gehüllten Dame auf. Gabriele sah lächelnd auf die beiden darüber geneigten Häupter; dann verschwand ihr grauer Schleier hinter Mauertrümmern. Die Gräfin blickte lange auf ihr Porträt nieder. So hatte also die Erinnerung ihr Bild ihm vorgeführt, mit solch kühnem Blick und so reinen Lippen! Ein Glanz stieg in den grauen Augen auf.

„Armselige Stümperei!“ sagte er zärtlich, „obgleich unter den tollsten Wünschen gezeichnet. O, wie einsam habe ich mich in diesen Jahren gefühlt!“ fuhr er mit unverkennbarer Aufrichtigkeit fort. „Ich war so unglücklich, heute noch, vor wenigen Minuten. Und nun, nun fragt doch die Hoffnung: ist endlich die Zeit gekommen, da mir vergönnt wird, nicht nur das Bild, sondern die lebende angebetete Gestalt festzuhalten?“

Ihre klugen Augen sahen ihn prüfend an. Sein gespannter Blick hing flehend, an ihren Lippen. Da sagte sie endlich leise, halb scherzend: „Ndio Bwana!“

„Sie sind grausam, Gräfin, mich so zu quälen,“ rief er.

„Sie müssen sich daran gewöhnen, mich in allen Sprachen der Welt reden zu hören,“ antwortete sie. „,Ndio Bwana‘ ist ein bei den Negern gebräuchlicher Ausdruck und heißt“ – die Weltdame wurde doch rot und übersetzte nur mit leiser Stimme: „Ja wohl, Herr, Du mußt es wissen.“

Ein seliges Aufstrahlen seiner Augen antwortete ihr. Er drückte die Lippen auf ihre schlanke Hand, und Arm in Arm gingen sie dann über den glatten Bergrasen, als sei er das spiegelndste Parkett, in eleganter Salonhaltung, obgleich nur ein paar knorrige Eichen ihre Gesellschaft bildeten, aber beide mit einem Ausdruck in den Zügen wie irrende Wanderer, die den richtigen Pfad gefunden haben.

Und wie irrende Wanderer mit unsteten Schritten ging noch ein anderes Paar über den alten Sagenberg – Holl und Ilse. Sie hatten Gabriele und Schersen aus den Augen verloren, als diese den Festplatz verließen. Unsicher sah Ilse sich um. Und Holl – er konnte das Mädchen doch nicht allein lassen unter den vielen fremden Menschen, mußte ihr helfen, Gabriele zu suchen. So gingen sie ein Stückchen zusammen. „Nach der Kapelle!“ lasen sie vereint von einer befehlend ausgestreckten Hand ab. Es gab beiden einen Stich. Jedes hatte einmal gedacht, ob es mit dem andern wohl zum Altar gehen werde. Unwillkürlich folgten sie der Weisung. Vielleicht fanden sie dort Gabriele.

An dem Rand des Berges führte der Pfad hin. Der schrille Pfiff einer Lokomotive tönte herauf; durch das lichte Gezweig der Bäume sahen sie die schwarze Rauchfahne wehen. Der nächste Zug würde ihren Begleiter entführen – Ilse dachte es mit wehem Herzen, sie wurde noch blasser. So waren sie bis an das alte Heiligtum gekommen. Langsam traten sie in die von Moos überwachsenen Mauern ein. Totenstille herrschte; nur das Federgras, das seine Fähnchen über dem versunkenen Steinboden schwenkte, flüsterte leise. Und wie drüben beim Blutkreuz, war hier an der Stätte, wo einst das wunderthätige Holzkreuz gestanden hatte, ein Christdorn aufgesproßt und nickte mit seinen Knospen ihnen entgegen.

„Da ist das erste Röschen aufgeblüht,“ sagte Holl. Seine Stimme brach ab. Ja, die Zeit hatte die Rosen pünktlich gebracht! Und beide dachten an dasselbe – an die Stunde, da Gabriele das Wort sprach: „Zeit bringt Rosen.“

Da hörte Holl einen Ton, den er lange nicht vernommen hatte – er wandte sich um, bis ins Herz getroffen. Vor dem Röschen stand Ilse, die Hände vor die Augen gedrückt, und weinte.

„Fräulein Großheim!“ Sie schluchzte noch viel mehr. „Ilse!“ kam es leise von seinen Lippen. Er zog ihr sanft die Hände von dem Gesicht. Das Antlitz von Thränen überströmt, sah sie ihn an. Es war wieder ganz die Ilse Großheim, die nicht wog und überlegte, sondern ihren Gefühlen sich überließ.

Und an diese Ilse Großheim richtete Holl plötzlich die Frage: „Wollen Sie meine Frau werden, Ilse?“

Da legte sie beide Hände in die seinen und sagte, durch die Thränen lächelnd: „Ja, es soll das letzte Mal sein, daß ich thu’, was ich will.“ Und nun kam doch der Augenblick, da sie ihre Arme um seinen Hals schlingen und an seinem Herzen sich geborgen fühlen durfte. Auch das erste Röschen wurde ihr eigen: der Bräutigam steckte es ihr selbst in den Gürtel.

Auf stillen Bergpfaden ging sie, an ihn geschmiegt, nach dem Festplatz zurück; dort fiel sie Gabriele um den Hals und flüsterte ihr so lange ins Ohr, bis die Freundin sie auf die Stirn küßte, Holl die Hand drückte und dann das eine Brautpaar dem andern zuführte.

Ueberrascht sahen die Herren sich an. „Also doch noch das verwirrte Whistspiel zu glücklichem Ende geführt?“ fragte Holls blitzender Blick. „Also doch einmal einem gefaßten Entschluß untreu geworden?“ lächelte es aus Schersens Augen.

Man ging zu Tisch wie alle die andern Gäste, die schon um die Tafel sich reihten. Die jungen Herren der Badegesellschaft trösteten sich bei den übrigen jungen Mädchen über Ilses Verlust, der Referendar mit seinem Seidel.

„Wieder einmal ein echt deutsches Mahl,“ sagte die Gräfin. „Aus der Erdbeerbowle, dem mit Wachholder gewürzten Rehbraten duftet der deutsche Wald wie aus der Ananas die afrikanische Glut. Was meinen Sie,“ wandte sie sich an Schersen, „zu einem gebratenen Fußknorpel vom Nashorn, einem Filet vom Zebra?“

„Ich verzichte an meinem künftigen häuslichen Herd ebenso darauf wie auf die Negersprache im Boudoir,“ erwiderte dieser lachend.

„Wo haben Sie dieses absonderliche Menu gehabt, Frau Gräfin?“ fragte Holl.

„In Sansibar“ erwiderte sie. „Aegypten war mir doch zu sehr von der Kultur beleckt. Erst als ich auf einer Barke die Niltour bis zum zweiten Katarakt machte, sah ich endlich ein Krokodil – angebunden im Strom. Ich schloß mich dann einer Gesellschaft an, die einen Ausflug nach unseren ostafrikanischen Kolonien unternahm.“

„Haben Sie sich da nicht gefürchtet, Frau Gräfin?“ rief Ilse. „Vor den Schlangen und den Menschenfressern?“

„O, dort war alles sicher,“ erwiderte Swanta. „Weit hinein trifft man auf europäische Ansiedelungen. Ein Schulhaus, in dem ein Missionär unterrichtet, ist an der Stätte erbaut, wo noch vor fünfzehn Jahren ein Häuptling die Expedition ermorden ließ, bei der auch ein junger deutscher Geolog, Eduard Haller, seinen Tod fand.“

Vergeblich hatte Schersen, der das Ende ahnte, sie unterbrechen wollen. Gabriele war blaß geworden. Aber sie wiederholte doch mit seltsam leuchtenden Augen: „Ein Schulhaus!“

Schersen flüsterte Swanta die Erklärung zu, und sie sah nun bestürzt zu Gabriele hinüber. Aber diese reichte ihr die Hand. „Haben Sie Dank für Ihre Botschaft! Eduards Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Er hat neue Bahnen erschließen helfen, auf denen die Kultur nun ihren Weg geht. Es giebt auch weiße Rosen. Eine solche hat ihm und mir die Zeit gebracht.“

Es war still an der Tafel geworden. Nur ein leises Wehen, das den Duft des frischen Eichenlaubes hereinführte, war vernehmbar. Aber Gabriele wollte nicht, daß der erste Glückstag den jungen Paaren wehmütig ausklingen sollte. Sie faßte nach dem Römer.

Lassen Sie uns noch einmal anstoßen auf mein Lieblingswort! Wir haben es in mannigfacher Weise erfüllt gesehen, und ich möchte es Ihnen mitgeben als hoffenden Wunsch und tröstliche Verheißung. Wenn wir so mutig unseren Idealen zustreben wie die gethan, die da droben das Denkmal bauen lassen, so arbeitsfreudig wie die, deren schwielige Hand den schweren Pflug unverdrossen in die Erde drückte, bis sie ihnen frei gehörte, so selbstlos wie jene“ – ihre Stimme wurde leise und bebte –, „über deren Gräbern im Dunklen Erdteil jetzt das Evangelium der Liebe verkündet wird, dann dürfen wir sicher darauf hoffen, daß auch für unser Streben die Rosen sich entfalten werden.“

Sie hatten sich alle erhoben. Die Römer klangen aneinander.

Während dann die beiden Paare, in der Abendkühle langsam hinwandelnd, besprachen, was ihnen jetzt wichtig war: daß Schersen von der Gräfin sich mit entführen lassen sollte zu ihren Gastfreunden, Holl seiner Braut auf dem Fuß folgen würde, um von ihren Eltern das Ja zu erbitten, stieg Gabriele zum alten Turm empor, um dort die Sonne untergehen zu sehen.

Die andern blickten zuweilen zu ihr hinauf. Sie sahen die lichte graue Gestalt zu Füßen des alten Bergfrieds, wo sie sich niedergelassen hatte, das Gesicht dem flammenden Abendhimmel zugewendet, und sie sagten sich, daß sie jetzt weile in dem Lande, wo ihre Rosen blühten – in dem Lande der Erinnerung.


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Blätter und Blüten.


„Freund Allers.“ Das schöne Buch, das unter diesem Titel die bisherige Laufbahn des Zeichenkünstlers C. W. Allers schildert, enthält neben der Darstellung des interessanten Werdegangs, der aus dem anstelligen Hamburger Steindruckerlehrlinge den vielgerühmten Autor der Bilderwerke „Unser Bismarck“ und „La bella Napoli“ gemacht hat, eine gar reizvolle Biographie in Bildern. Aus der reichen Fülle in Allers’ Skizzenbüchern und Kunstmappen sind in bunter Folge Bilder auf Bilder in den Text eingestreut, die alle irgend eine Beziehung zu seinem Leben haben, Bekanntes und ganz Neues, Humoristisches und ernst Ergreifendes, vollendete Meisterblätter und Proben der krakelhaften ersten Uebungen des Allers’schen Zeichenstifts auf den Rändern seiner Schulschreibhefte und Schulbücher. Denn das Talent des kleinen Mannes, dessen frühestes Selbstporträt wir als Probe nebenstehend wiedergeben, regte sich schon zeitig. Und zwar kampflustig und ungestüm, dem lebhaften Temperament entsprechend, wurde damals der Stift geführt, wenn ihn die kleine Hand gegen den derberen Knüttel austauschte, mit dem das Hamburger Hauskind bei seinen Spielen mit nicht minderer Energie auf Sieg und Ruhm ausging, als es später der herangewachsene Künstler mit leichtem Griffel und leichtem Strich so trefflich verstanden hat.

Willy Allers im siebenten Jahr.
(Aus: „Freund Allers.“)

Christian Wilhelm Allers, der heute immer noch nicht das vierzigste Jahr erreicht hat, ist wie so viele Künstler der Neuzeit einer Schicht deutschen Volkstums entsprossen, in der die starken Wurzeln unserer Volkskraft ruhen. Sein Vater stand in Hamburg einer großen „Krämerei“ vor, die in der Großen Bleichen gelegen war, seine Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits waren Landleute in Holstein und Lauenburg und lebten in des Künstlers Jugendzeit noch auf der Scholle, die ihre Vorfahren bebaut hatten: die Allers in Dauenhof, die Porths in Krackede. Beide Orte liegen nahe bei Hamburg, und so besaß der kleine Willy mit seiner inniggeliebten Schwester Emma in diesen ländlichen Umgebungen eine zweite Heimat, deren Einflüsse für ihr Seelenleben von höchster Wichtigkeit wurden. Welche Idylle traulichen Familienglücks sich ihm dabei erschloß, deutet das zweite Bildchen an, das wir dem Werke entnehmen; wie sich weiter durch diese Gelegenheit, in früher Jugend die Blicke im Freien zu tummeln, mit den intimen Reizen eines charakteristischen kräftigen Land- und Volkslebens vertraut zu werden, die volkstümliche, gesund realistische Richtung seines Talents herausgebildet hat, tritt aus den Schilderungen Olindas[WS 1]klar und lebendig hervor. Besteht doch der Hauptreiz derselben überhaupt in dem Nachweis, wie sehr der Künstler, dem wir die humorvollen Bildermappen „Die silberne Hochzeit“, „Klub Eintracht“, „Hinter den Kulissen“, „Hamburger Bilder“, „Spreeathener“, „Unsere Marine“ und „Bismarck in Friedrichsruh“ verdanken, zu dem Ausspruch berechtigt ist: „Alle Schöpfungen meines Stifts sind direkt nach der Natur erlebt und gezeichnet und repräsentieren mit den noch kommenden Bildern eine gezeichnete Geschichte meines Lebens und meiner Zeit.“ Ganz besonders aber läßt sich aus dieser durch Kampf zum Glück emporsteigenden Künstlerlaufbahn der Segen erkennen, welchen ein schön entwickeltes Familienleben, der Rückhalt eines traulichen Elternheims, gerade auch dem aufstrebenden Künstler gewährt. –

Großmama Porth und Schwester Emma.
(Aus: „Freund Allers.“)

Ein weiterer Vorzug des Buches ist, daß der Verfasser des Textes seinerseits auch es verstanden hat, anschauliche Bilder aus den Lehr- und Wanderjahren des Künstlers zu entwerfen. Der hat dieselben aber noch selbst weiter umrankt mit anekdotischen Arabesken und humoristischen Randglossen im Genre jener Unterschriften, mit denen er die komische Wirkung so mancher seiner Skizzen in den Reisemappen „Die Hochzeitsreise durch die Schweiz“, „Backschisch“, „Capri“, „La bella Napoli“ ganz wesentlich zu steigern gewußt hat. Denn als Olinda, der schon frühe seine Bekanntschaft gemacht und ihn auf seinen ersten Reisen gen Süden begleitet hat, den Plan zu diesem Buch faßte, stellte ihm Allers all seine für den Zweck passenden Briefe an die Eltern zur Verfügung, sowie die Tagebücher von seinen Reisen. Olinda hat diese Quellen reichlich benutzt und vieles unmittelbar daraus entnommen, gewiß nicht zum Schaden des Buchs, denn Allers’ Schreibfeder, wenn sie ins Plaudern kommt, hat eines mit seinem künstlerischer geschulten Zeichenstift gemein: mit wenig scharfen Strichen versteht auch sie es, das Charakteristische zu treffen und zugleich seine jovial humoristische Auffassung mit zu fixieren. Der Reiz des Unmittelbaren, der seine Zeichnungen in so hohem Grade auszeichnet, ist auf diese Weise auch seinem Lebensbild zuteil geworden. Und interessant ist dasselbe auch dem Stoffe nach: die Familienerinnerungen, die Hamburger Lehrjahre, die Karlsruher Akademikerzeit, das Freiwilligenjahr in der Marine, die mancherlei Irrungen, die der Erkenntnis seines eigentlichen Berufs vorausgingen, vereinigen sich zu einem anziehenden Lebensbild. Den Schluß des im Verlag der Union (Stuttgart) erschienenen Bandes bildet die Schilderung der herrlich gelegenen Villa auf Capri, die sich Allers vom Ertrag seiner vielgewandten und vielgewanderten Kunst neuerdings erworben hat. Von dort auch ist der lustige Brief an Olinda datiert, welcher dem Ganzen als Vorwort vorangestellt ist und in welchem es heißt: „Zuerst war’s mir etwas fatal, durch Dich so in die Tinte zu geraten. Im allgemeinen wird man ja erst nach dem Tode für die Leihbibliotheken einbalsamiert, aber für einen Band habe ich schon genug Stoff zusammengelebt und ich hoffe, es noch lange genug mitzumachen zu einem fidelen ‚Fortsetzung folgt‘.“

Glück auf den Weg! J. Pr.     

Auf Besuch. (Zu dem Bild S. 817.) Wie lange mögen sie sich nicht mehr gesehen haben, die zwei Freundinnen, deren Heimat das schöne Innthal scheidet! Von Alpbach ist darum die Vevi eines schönen Sonntags heruntergestiegen nach Brixlegg und drüben wieder hinauf nach dem herrlich gelegenen Brandenberg. Und da hat sie denn auch die Zenz glücklich daheim getroffen in der sauberen Bauernstube, von der der ungeheure Kachelofen fast ein volles Vierteil beansprucht, und sie haben sich miteinander auf die Ofenbank niedergelassen, um sich gegenseitig alle Neuigkeiten der langen Trennungszeit so recht gründlich und behaglich auseinanderzusetzen. Zur Seite auf dem derben Stuhl liegt das Bündel mit dem eigenartigen Tressenhut der Alpbacherin, der handfeste Regenschirm lehnt daneben, des Wiederaufbruchs gewärtig. Lange wird das behagliche Zwiegespräch der beiden Dirndln nicht mehr dauern können; schon geht die Uhr auf fünf, und der Heimweg ist weit. Aber thalab und bergauf wird unsre Vevi das Lächeln nicht von ihrem frischen Gesicht verlieren, denn was sie gehört da drüben bei der Vertrauten, das giebt ihr reichlich Stoff zu fröhlichen Gedanken.


Inhalt: Um fremde Schuld. Roman von W. Heimburg (12. Fortsetzung). S. 805. – Jugendzeitschriften. Vom Weihnachtstisch 1894. S. 811. – Gustav Adolf. Ein Charakterbild zum 300. Gedächtnistage seiner Geburt. Von Heinrich Bauer. S. 812. Mit Abbildungen S. 805, 808 und 809, 812, 813, 814 und 815. – Zeit bringt Rosen. Novelle von Stefanie Keyser (Schluß). S. 816. – Auf Besuch. Bild. S. 817. – Blätter und Blüten: „Freund Allers.“. Mit Abbildungen. S. 820. – Auf Besuch. S. 820. (Zu dem Bilde S. 817.)


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Alexander Olinda ist ein Pseudonym von Reinhold Christian Alexander Schmidt (1838–1909), Schriftsteller und Redakteur (Hamburger Nachrichten u. a.)