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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1873) 755.JPG
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[755]

No. 47.   1873.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Das Bild ohne Gnade.
Erzählung von A. Godin.
(Fortsetzung.)
2. Dora.

In die Heimath zurückgekehrt, fand sich viel Arbeit des Lebens vor, die mich nach verschiedener Richtung hin in Anspruch nahm; doch kehrte der Gedanke oft genug und mit mancher stillen Frage zur jüngsten Vergangenheit zurück. Holms schrieben von Zeit zu Zeit. Ihre Briefe lösten aber das Räthsel, welches mir dort entgegengetreten, in keiner Weise. Wenige Tage nach meiner Abreise hatten auch Matterns Zoppot verlassen, und Wernick hatte ungefähr um die gleiche Zeit mit Berg die Weiterreise nach Stralsund und Rügen unternommen, von wo aus Beide an ihre Berufsorte zurückkehren wollten.

Ein Jahr verging und darüber. Die Gestalten, deren Geschicke mich so lebhaft beschäftigt, lebten in meinen Gedanken fort, ohne jedoch durch irgend einen Ton in Gegenwart oder Zukunft hineinzuklingen, als mir eines Tages ein von fremder Hand adressirtes Paket zuging. Der erste Blick auf das Briefblatt, welches obenauf lag, ergriff mich tief. Thea’s Geschick hatte sich erfüllt.

Die einzelnen Töne, welche mir aus den zahlreichen Briefen und Tagebuchblättern, welche das Päckchen umschloß, entgegenklangen, gestalteten sich zum vollen Accord eines Lebensschicksals, dessen seltsamen, jetzt abgeschlossenen Gang die folgenden Blätter entrollen.



Auf der Rampe eines schönen Giebelhauses in Danzig saßen gegen Abend zwei Frauen im Gespräch. Die Aeltere, eine feingebaute Erscheinung mit zarten, etwas leidenden Zügen, folgte mit Interesse der Mittheilung ihrer Gefährtin, deren heitere Augen dem ernsten Ausdruck ihres Gesichts zu widersprechen schienen.

„Viel Sorgen, ja, und doch, wie glücklich bist Du!“ sagte die Zuhörende. „Dürften wir tauschen, gern nähme ich all Deine Nöthe auf mich, um nur eines der Kinder zu besitzen, deren Dir so viele erblüht sind.“

Ihr schwermüthiger Blick streifte nach der Brustwehr, welche den Vorbau des Hauses von der Straße schied, und haftete auf einer durch sich selbst sowohl, wie durch ihre Umgebung malerischen Gruppe. Auf den Platten der Rampe kauerte ein blühender Krauskopf von etwa sechs Jahren und reichte der wenig älteren Schwester Kornblumen zu, welche sie zum Kranze band. Die kleine saß auf der obersten Stufe der Freitreppe, deren mit Sculpturen geschmückter Aufgang dem holden Bilde gleichsam einen künstlerischen Rahmen gab; ihr mit Halmen und Blumen gefülltes Strohhütchen hing mit flatterndem Bande am Kopfe eines vor Zeiten in Venetien gemeißelten Löwen. Des Kindes dunkles Gelock regte sich leicht im Winde und hüllte auf Momente ihre freie Stirn, die strahlenden Augen ein.

Durch den Blick der Freundin aufmerksam gemacht, ward die Mutter selbst von dieser Anmuth betroffen und rief unwillkürlich mit zärtlicherem Laut als sonst: „Dora!“

Die Kleine sprang auf wie eine Feder. Kranz und Blumen rollten ihr vom Schooße die Stufen hinab, und mit einem Jubelton, mit ausgebreiteten Armen lief sie zur Bank und fiel ihrer Mutter um den Hals.

„Aber Dora, wie bist Du wieder so wild! Du erwürgst mich ja – und Dein Kranz! Sieh, da liegt er im Straßenstaub. Immer Alles halb.“

„Immer Alles ganz!“ murmelte die Fremde, während Dora, vom Tadel der Mutter beschämt, still zur Treppe zurückschlich und die zerstreuten Blumen aufsammelte. Den feinen Kopf leicht gesenkt, schwieg die Frau; dann legte sie plötzlich ihre Hand auf den Ann der Freundin und sagte mit leiser Innigkeit, die dringender klang, als das lebhafteste Wort: „Gieb mir Deine Dora!“

„Wie?“ fragte die Mutter mit weitgeöffneten Augen.

„Gieb mir Dora!“ wiederholte die Fremde. „Es wäre ein Liebeswerk. Ich habe Dir vertraut, wie einsam ich bin, Sophie. Dir bleibt viel, so unendlich viel, wenn Du meiner Bitte nachgiebst. Ein Gatte, welcher Dir sympathisch, vier liebe Kinder noch. Ich spreche Dir nicht von den Sorgen, die Du mir noch eben bekanntest – das hat mit unserer Frage Nichts zu schaffen, aber giebst Du zu, daß Dora mein wird, so wäre dies von Einfluß, nicht für ihre Zukunft allein. Ich will sie nicht ganz an mich reißen, würde sie alljährlich zu Euch führen, damit ihr Eltern und Geschwister nicht fremd werden. Du wirst sie entbehren, Sophie, Du und Dein guter Mann – aber bedenkt Ihr, welche namenlose Wohlthat Ihr einer Frau erweist, die Euch ewig dafür danken würde, dann erscheint Euch solches Opfer doch vielleicht möglich.“

„Noch kann ich den Gedanken nicht fassen,“ stammelte Sophie, „und was wird Rostan sagen?“

„Daß Du dies fragst, giebt mir den Trost, daß Du den Gedanken dennoch gefaßt. Ich verlange, erbitte ja nicht augenblickliche Entscheidung. Keinen Raub möchte ich an Euch begehen zur Vergeltung Eurer Gastlichkeit, nur ein Band zwischen uns weben, das die alte Jugendfreundschaft zur unlöslichen Verbindung knüpft. Ich reise morgen, wie Du weißt. Sprich mit Deinem Manne erst, nachdem [756] ich gegangen! Folget dann ganz der Eingebung Eures Herzens! Widerspricht er meinem Wunsche entschieden, dann schreibe mir dies aufrichtig, in diesem Falle komme ich nicht wieder. Aber ich hoffe, hoffe auf Liebe zu Dora, der ich, was Aeußerliches betrifft, eine gesicherte Zukunft bieten kann, hoffe auf Sympathie für mich, die nicht nur Du, die mir auch Rostan in warmer Weise bewiesen, seit ich so glückliche Wochen in Eurem Hause verleben durfte.“

„Der Graf aber, Dein Mann, liebste Minna, wird er einverstanden sein?“

Die Gräfin lächelte schwach. „Mattern ist mit Allem einverstanden, was ich beschließe, sobald es seine persönliche Freiheit nicht beschränkt; er wird zufrieden sein, mich beschäftigt zu wissen. Du weißt nun, wie ich denke, was ich erbitte. Willigt Ihr ein, so komme ich auf der Rückreise in Mattern’s Begleitung hier durch und hole mir mein Kleinod. Bis dahin laß zwischen uns ruhen, was mir zwar nicht der Augenblick eingegeben, was aber der Augenblick zur Aeußerung gebracht.“

Sie erhob sich, indem sie Sophiens Hand drückte, und trat an die Brustwehr. Dora stand vor dem Geländer, den vollendeten Kornblumenkranz in der Hand, und bot ihn der Gräfin mit lieblichster Geberde dar, wandte sich aber, als diese ihr ihn lächelnd auf den eigenen dunklen Lockenkopf drückte, gekränkt ab und sagte mit blitzenden Augen: „Du willst ihn nicht.“

Minna neigte sich und schloß ihre Arme fest um das Kind. „Ich will Euch Beide,“ flüsterte sie inbrünstig. Dora drückte ihr Gesichtchen liebkosend in die Falten des Kleides der hohen Frau, rief, indem sie mit leuchtender Freude aufsah: „Du bist lieb, ich hab’ Dich auch lieb“ und rannte verschämt in’s Haus.

Nachdem Gräfin Mattern in der Morgenfrühe des nächsten Tages von dem Rostan’schen Ehepaare zum Bahnhof begleitet worden war, veranlaßte Sophie ihren Mann zu einem Umweg und theilte ihm auf diesem Spaziergange den Vorschlag ihrer Jugendfreundin mit. Der erste Eindruck auf Rostan war der einer unerhörten Zumuthung, die er ohne Weiteres verwarf. Er hing mit besonderer Vorliebe an Dora, dem erstgeborenen, begabtesten seiner Kinder, und die Vorstellung, sie hinzugeben, erschien ihm unfaßbar. Vielleicht war es aber gerade dieser Vaterstolz, der ihm neue Anschauungen eingab, als stille Stunden und Tage dem ersten Gefühl entschiedenen Verneinens folgten. Er stellte die Gräfin, welche er durch ihre Briefe an seine Frau längst schätzen gelernt, doppelt hoch, seitdem sie einige Zeit unter seinem Dache gelebt. Sophie war mit Minna v. Mattern zusammen aufgewachsen. Die Tochter des Rittergutsbesitzers hatte dem jüngeren Pfarrtöchterchen eine Gefühlstreue bewahrt, die an sich schon bezeichnend für ihren Charakter erschien, denn nicht allein waren Temperament und Wesen beider Frauen ganz verschieden geartet, sondern äußere Verhältnisse gaben diesem Unterschiede noch eine gewisse Prägnanz. Während Sophiens rasches, praktisch-frisches Naturell sich in der kinderreichen, hinsichtlich materieller Hülfsmittel sehr beengten Häuslichkeit bei steter Uebung erhielt, fand sich Minna auf jenes geistige Pflanzenleben angewiesen, das Frauen leicht eine gewisse Gefühlskränkelei anerzieht. Und dennoch war sie von solchen Auswüchsen frei, war einfach, treu und liebreich geblieben, nie falscher Sentimentalität verfallen und vom reinsten Willen gestärkt. Ihre Ehe mit dem Grafen, von ihr nach Wunsch ihrer Eltern, ohne Widerstreben, aber auch ohne Herzenszug eingegangen, ließ sie einsam. Kein Kindersegen schlug eine Brücke über die gänzlich verschiedenen Lebensanschauungen beider Gatten, und so kam es, daß die junge Frau, trotz unablässigen Bemühens, ihrem Gefährten etwas zu sein, nicht mit ihm, sondern auf ödem Pfade durchs Leben ging.

Daß diese Frau ein Kind, welches sie lieben konnte, als höchsten Schatz betrachten, ihm Alles geben würde, was an Geist und Herz in ihr so unbenutzt keimte wie Früchte an verlassenen Stätten, empfand Rostan tiefer noch, als Sophie es in ihrer lebhaften Weise gegen ihn aussprach. Hier ward Dora’s reichen Anlagen ein Boden gewährt, der höchste Entfaltung verhieß – durfte selbstsüchtiges Festhalten ihr Solches entziehen? Liebe besiegte die Liebe. Der folgenschwere Entschluß wurde gefaßt, und Rostan selbst theilte der Gräfin, welche sich mit ihrem Manne in Königsberg zu Besuch aufhielt, schriftlich die Zustimmung in ihren Wunsch mit.

Es war Herbst, als Matterns in Danzig eintrafen. Rostan fand sich mit dem Grafen, den er jetzt erst kennen lernte, bald auf dem Fuße klaren Verständnisses, obgleich der rastlose Geist dieses Mannes dem ruhigen, durch Beruf wie Charakter streng geschulten Beamten keineswegs sympathisch war. Mattern war aber im besten Sinne Cavalier, und diese Seite trat günstig hervor, als der schwebende Punkt zur Besprechung kam. Er zeigte sich mit den Absichten seiner Frau durchaus einverstanden, schien von Dora’s Erscheinung ganz entzückt und sagte den ritterlichsten Schutz für ihre Zukunft mit einer gewissen Wärme zu, die ihm gut stand. Die Frage eines Fixirens der äußeren Verhältnisse, von ihm selbst in discreter Form zur Sprache gebracht, sollte durch ein von der Gräfin notariell zu vollziehendes Testament präcisirt werden, in welchem sie der Pflegetochter eine namhafte Summe zuschreiben wollte. Rostan, der sich hier einfach zustimmend verhielt, bestand seinerseits darauf, daß sein Kind den väterlichen Namen nicht vertauschen dürfe und im Zusammenhange mit ihrer Familie bleiben solle, soweit dies möglich war.

Während die Männer dies miteinander feststellten, saßen beide Frauen zusammen und gaben sich gegenseitige Zusagen und Tröstung. Noch wußte das junge Leben, über dessen Zukunft verfügt wurde, von nichts, und es war beschlossen, der Kleinen nur von einer Reise zu sagen, die sie mit Tante Mattern unternehmen dürfte. Dora empfing diese Mittheilung strahlenden Auges, und ihr Jubel wuchs, als sie allerlei Neues für sich einkaufen und die hübschen Sachen in Koffer verpacken sah. Als aber die Stunde des Scheidens kam, als der Wagen, welcher Matterns mit der Kleinen zur Bahn bringen sollte, vor dem Hause stand und Vater und Mutter sie unter heißen Thränen in die Arme preßten, schien es plötzlich wie eine Ahnung in der kleinen Brust aufzusteigen. Dora riß sich aus der Mutter Armen. Glühende Tropfen schossen gewaltsam in ihre Augen, und während die Gräfin sie in den Wagen hob, rief sie mit unbeschreiblichem Tone zurück: „Ihr gebt mich weg.“




3.

Gräfin Mattern pflegte den größten Theil des Jahres auf ihrem Stammgute zu verleben, während sich ihr Gatte meist in der Residenz oder auf Reisen bewegte und nur ab und zu für einige Zeit bei den Seinigen einsprach. Stille Jahre flossen Minna in reicher Befriedigung hin, während sie sich ganz ihrer Pflegetochter widmete. Indem sich ihre eigene hohe Bildung mit dem Unterrichte des Pfarrers verband, um dem heranwachsenden Kinde zu geben, was dessen lebhaft fordernder Geist bedurfte, war sie darauf bedacht, die gährenden Stoffe, welche diesem reichen Naturell nicht fehlten, mit feiner Hand in richtige Bahnen zu leiten. Dora’s allzu bewegliches Temperament drohte mitunter die Herrschaft über den sich kräftig entwickelnden Charakter zu gewinnen. Geneigt, Alles tollkühn zu wagen und jeder Schranke gegenüber als ersten Impuls die Regung hegend, daß es nur darauf ankomme, sie zu überspringen, bedurfte das reifende Mädchen gerade solch sanften, stetigen Einflusses, welcher durch seinen warmen Herzschlag den brausenden Kopf stets zu bezähmen wußte. Was Minna von Mattern am besten verstand, lehrte sie aber, während sie selbst es erst ganz lernte – zu lieben! Die ganze Seele der vereinsamten Frau hing an dem Kinde ihrer Wahl, so warm und innig, daß sie zuweilen fast davor erschrak und sich mahnte, dies eine Gefühl nicht auf Kosten ihrer Lebenspflichten allzu mächtig aufwuchern zu lassen.

Ihr Versprechen, Dora alljährlich zu den Eltern zu führen, ward treu gehalten. Gegen den Herbst zu, sobald die Erntezeit vorüber, brachte sie ihr Pflegekind regelmäßig nach Danzig, und dies war glückliche Zeit für alle Betheiligten. Das Rostan’sche Haus nahm während dieser Wochen einen festlichen Charakter an. Alles Schöne und Angenehme, Alles, was sonst als seltener Aufwand galt, drängte sich für die Kinder in die Besuchszeit Dora’s zusammen. Sie sahen sich beschenkt, berücksichtigt, genossen wundervolle Ferientage bei Ausflügen nach Oliva oder Zoppot, wo sich die Gräfin einzumiethen pflegte, während sie Dora ganz den Eltern überließ, und blickten um so neidloser auf die Schwester, weil sie ihnen nicht nur längst als Ausnahme galt, sondern weil sie wirklich das liebenswertheste Geschöpf war. Den Eltern, welche ihr Kind wie eine Sonne aufgehen und [757] wieder scheiden sahen, war dabei seltsam zu Muthe. Während der Zeit des Besitzes regte sich das Bewußtsein der Entbehrung mit doppelter Stärke, und doch konnte ihnen keine Reue erwachsen, denn Dora’s harmonische Entwickelung bewies, daß sie jene Lebensluft athmete, für die sie geschaffen erschien.

Einfach und doch stets überraschend, alles Geistige mit Leichtigkeit, alles Seelische mit Inbrunst erfassend, war Dora schon im vierzehnten Jahre ein ungewöhnliches Kind und versprach ein ausgezeichnetes Mädchen zu werden. Die Art und Weise, womit sie sich im Elternhause bewegte, hatte etwas Reizendes. Ihre freudenvolle Hingabe an jede kleinste Erinnerung aus frühen Kindertagen, ihr Anschmiegen an die Gewohnheiten des Hauses hoben den leisen, im Grunde wesenlosen und doch nicht zu übersehenden Unterschied gleichsam auf, der ihre ganze Erscheinung von der ihrer heimathlichen Umgebung abhob. Vor Allem verband zärtlichste Liebe sie ihrem Vater und ihrem nur zwei Jahre jüngeren Bruder Robert. Der Knabe, als Aeltester des Hauses betrachtet und durch seinen klugen, klaren Kopf schon früh den Eltern nahe stehend, sah zu der schönen Schwester auf wie zu einem höheren Wesen und liebte sie mit der tiefen Innigkeit einer sonst etwas verschlossenen Natur. Ihr alljährliches Erscheinen war für ihn der lichte Punkt des Lebens, worauf sein Sinnen und Denken sich fast schwärmerisch concentrirte.

Wieder wurden die lieben Gäste erwartet, als statt ihrer ein Brief bei Rostans anlangte, der nicht allein die nahe Hoffnung aufhob, sondern Neues brachte, das von keiner Seite vorgesehen war. Die Gräfin theilte Sophien ein Geheimniß mit, das nicht mehr lange ein solches bleiben sollte. Was früher so heiß erfleht, als Versagtes so herb empfunden worden, kam jetzt als späte, kaum noch ersehnte Gabe: Matterns sahen eigenem Ehesegen entgegen. Indem Minna dies ihrer Freundin schrieb, mehr verzagt als freudig fast, berührte sie auch den unvermeidlichen Einfluß, welcher hierdurch auf ihre zu Dora’s Gunsten getroffenen Bestimmungen geübt wurde. Sie hatte von ihrem Privatvermögen der Pflegetochter die Hauptsumme, ihrem Gatten dagegen jenes Pflichttheil bestimmt, welches das Gesetz dem nächsten Erben zuerkennt. Nun, wo ihr ein eigenes Kind leben sollte, durfte sie diese Bestimmung nicht unbedingt aufrecht erhalten. Ihr väterliches Gut, jetzt das Eigenthum ihres Gatten, war Majorat. Wurde ihnen ein Sohn geschenkt, dann konnte die getroffene Verfügung fortbestehen; sollte aber eine Tochter geboren werden, so ging nach Mattern’s Tode das Gut an einen andern Agnaten über und des Hauses Tochter blieb auf das Privatvermögen angewiesen. Die Gräfin eröffnete Dora’s Eltern, daß ihr die Pflicht gebiete, unter diesen Umständen das bisherige Testament abzuändern, und daß sie bereits ihren Sachwalter berufen habe, um mit ihm zu berathen, in welcher Form ihrer Herzenspflicht wie ihren Mutterpflichten zugleich Genüge werden könnte.

Dieser Botschaft, welche Rostan nicht ohne stille Bedenken aufnahm, folgte bald eine Hiobspost. Der Gräfin Entbindung trat vorzeitig ein, sie gab unter schweren Kämpfen einer Tochter das Leben und – erkaufte dieses verfrühte, kaum einen Hauch besitzende Dasein des Kindes mit ihrem eigenen.

Sophie folgte auf der Stelle der Eingebung ihres rechten, praktischen Wesens; ein paar Stunden nach Empfang der Trauerbotschaft war ihr Koffer gepackt, für Mann und Kinder vorgesorgt, so gut es sich thun ließ, und sie selbst mit dem Nachtzug unterwegs, um Beistand zu bieten und nach Befund der Verhältnisse einzugreifen. Als sie am folgenden Nachmittage im Schlosse eintraf, fand sie doppelte Trauer: das schwache Leben der kleinen Neugeborenen war vierundzwanzig Stunden nach dem der Mutter erloschen.

Frau Rostan’s Anwesenheit wurde für das zerstörte Haus zum wahren Segen. Ruhig, als sei dies selbstverständlich, ergriff sie sofort die Leitung des aus dem Geleise gebrachten häuslichen Triebwerkes, ordnete und sorgte, bis Alles wieder seinen gewohnten Gang hatte, und that damit namentlich dem Wittwer wohl, der sich ganz außer seinem Elemente, und doch, abgesehen von der Erschütterung, eine Hoffnung verloren und ein Gewohnheitsband gelöst zu sehen, schon durch den Anstand vorerst an die Stätte gefesselt fand.

Vor Allem empfand jedoch Sophie ihrem Kinde gegenüber, wie richtig ihr rascher Entschluß gewesen. Dora’s leidenschaftlicher, ja übermäßiger Schmerz um die Pflegemutter bedurfte des Gegengewichtes, welches die Anwesenheit der eigenen Mutter ihr bot. War auch Sophie weit davon entfernt, ihrer Tochter eine Empfindlichkeit zu zeigen, die sie nicht einmal empfand, so lag doch schon in ihrer bloßen Gegenwart ein Zügel für unbeschränkte Aeußerung der wilden Verzweiflung, welche Dora’s heißes Herz erfüllte. Tiefes Zartgefühl, ein Erbe der Geschiedenen, warnte Dora, sich vor Der, welche das nächste Recht auf sie besaß, dem Jammer um die Entrissene allzu stürmisch hinzugeben, und so ging sie blaß und stumm, aber doch im gewöhnlichen Gebahren, an der Mutter Seite durch Tage und Nächte.

Seit der Gräfin Bestattung war etwa eine Woche vergangen. Sophie saß zur Dämmerzeit im Gespräch mit Mattern vor dem Kamin, in welchem, des kühlen Octobertages wegen, helle Flammen prasselten, deren Widerschein über das halb schon in Abendschatten gehüllte Zimmer zuckte.

„Ich darf nicht widersprechen,“ sagte Graf Hugo. „Die Ihrigen haben nähere Rechte an Sie, und ich kann nur dankbar sein, daß Sie um unsertwillen Haus und Hof so lange allein gelassen. Daß ich es also nicht versuchen will, Sie zu halten, sei gelobt, so sehr wir Sie vermissen, ja entbehren werden. Nur, liebe Freundin, bestehen Sie nicht auch darauf, mir Dora zu nehmen. Hören Sie mich ruhig an, bitte! Ich habe absichtlich verschoben, mit Ihnen über die eigenthümliche Lage zu sprechen, in welche wir Alle so unerwartet gerathen sind, doch ich wünschte, Sie möchten vorher Zeit behalten, mich wenigstens einigermaßen kennen zu lernen. In Tagen, wie wir solche eben gemeinsam durchlebten, blickt man rascher und schärfer in das Leben des Andern, als während das Alltagstreibens. Ich hoffe deshalb, Ihnen nicht mehr fremd zu sein, rechne sogar darauf, denn was ich Ihnen zu sagen habe, setzt, wenn es zu Resultaten führen soll, persönliches Vertrauen voraus. Zur Sache denn!

Sie wissen, daß es Minna’s Absicht gewesen, neue Bestimmungen zu treffen, wonach zwei Drittel ihres Privatvermögens unserer Tochter zufallen, ein Drittel dagegen Dora gesichert bleiben sollte. Dies war das angenommene Resultat vieler Ueberlegungen, fast dürfte ich sagen, Kämpfe; denn die Liebe meiner Frau zu Dora war so stark, daß ihr Rechtsgefühl mit ihren eigenen Wünschen dadurch leider allzulang im Streit lag. Wenigstens finde ich bei dem sonst ziemlich entschiedenen Wesen Minna’s keine andere Erklärung für das beständige Hinausschieben der Ausführung ihres Entschlusses. Als sie ihn endlich festgestellt und die Ausfertigung eines neuen Dokumentes eingeleitet hatte, war es zu spät. Wie schnell die Katastrophe kam, ist Ihnen bekannt. Beim Anblick unseres Kindes, der ihr ja kaum eine Stunde gegönnt war, schien sie große Unruhe zu ergreifen. Sie gedachte wohl der Zukunft und wie ihr Zögern dieselbe in Frage gestellt. Auf ihr Verlangen brachte ich das noch unberührt in ihrem Schreibtisch liegende erste Testament an ihr Bett und verbrannte es vor ihren Augen. Eine andere Willensmeinung zu dictiren reichte schon ihre Kraft nicht mehr aus. Das Einzige, was sie noch zu sprechen vermochte, galt aber diesem Gedanken. Ihre letzten Worte an mich waren: ‚Ich vertraue Dora’s Zukunft Deiner Ehre.‘“

Mattern schwieg und blickte Sophie an, als erwarte er eine Entgegnung. Als sie aber nur ein stummes Zeichen gab, daß sie höre, fuhr er fort:

„Da keine gesetzliche Bestimmung vorliegt, fiel das ganze Vermögen meiner Frau an unser Kind und, nachdem die Kleine ihre Mutter überlebt hat, schließlich an mich. Hierdurch, liebe Freundin, trete ich in die moralische, lassen Sie mich sagen in die Herzensverpflichtung ein, welche Minna dereinst gegen Ihre Tochter übernommen, und hoffe, Sie werden gleich meiner Frau meiner Ehre vertrauen. Lösen Sie deshalb nicht das Band, welches Dora diesem Hause verknüpft, entziehen Sie Minna’s Pflegling nicht der Obhut, die ich ihr zu bieten wünsche! Sie ist ein eigenthümliches Kind, ein Charakter. Bis jetzt war sie mir nur äußerlich verbunden; erst während der letzten Monate, die ich ungestört mit den Meinen verlebte, habe ich sie genauer kennen gelernt und mit großem Interesse beobachtet. Bei ihrer Selbstständigkeit und scharfen Auffassung der Dinge wäre sie im Stande, später hartnäckig zurückzuweisen, was ihr aus einer [758] Hand zukommt, von der sie es nicht als Liebesgabe annehmen könnte. Lassen Sie uns deshalb Zeit und Gelegenheit, einander nahe zu rücken. Ueberdies, verzeihen Sie der Offenheit, ist Dora schon jetzt den Verhältnissen entwachsen, in welche Sie sie zurückzuführen gedenken. Sie paßt nicht mehr dorthin. Ich habe vor, zunächst ein paar Jahre zu reisen; nicht von Ort zu Ort zu wandern, sondern nur, mich im Auslande, in großen Städten, welche Centralpunkte geistigen Lebens sind, für längere Zeit zu fixiren, um, wonach ich mich lange gesehnt, einmal frei von allen Aeußerlichkeiten dem Studium meiner Liebhabereien zu leben. Diese Zurückgezogenheiten wünschte ich von Dora getheilt zu sehen. Ich sage Ihnen zu, daß mein Hauptaugenmerk sein soll, ihre Erziehung so zu leiten, wie ihre bedeutenden Anlagen dies bedingen. Wenn sie vollends erwachsen ist, mag sie über sich selbst bestimmen! Sie wird dann dazu reif sein. Und nun, beste Freundin, sprechen Sie Ihre Ansicht aus!“

Sophie war den Auseinandersetzungen des Grafen mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Ihr klarer Geist überblickte rasch, was ihr hier vorgelegt wurde, und ihre Entgegnung war deutlich:

„Was Sie mir über Ihre Pläne mittheilen, Herr Graf, erscheint mir wünschenswerth, auch für Dora. Sie mögen Recht haben, daß sie unseren bescheidenen Lebensverhältnissen schon einigermaßen entwachsen ist, jedenfalls muß ich aber darauf bestehen, daß sie mich jetzt nach Hause begleitet. Stimmt Rostan zu, dann holen Sie später Dora bei uns ab, wenn Sie in gedachter Weise Ihren Wohnort wechseln. Wir haben unser Kind nun über ein Jahr lang entbehrt und müssen ihr einen Eindruck dessen mitgeben, was das Vaterhaus dem Menschen bedeutet, ehe sie uns, in wieder veränderte Lage gebracht, für längere Dauer verlassen soll.“

„Dagegen läßt sich Nichts einwenden,“ sagte der Graf mit einer Herzlichkeit, wie sie ihm selten in die Augen trat. „Sie sind meinen Wünschen nicht entgegen. Nehmen Sie Dank dafür!“ Er küßte Sophiens Hand und zog sich zurück.




4.


Hugo Mattern war einer jener universellen Köpfe, die überall zu Hause sein wollen und es deshalb nirgend sind – schnell mit Allem fertig, immer dem kommenden Tage voraus. Die Aussichten dieses Sprosses einer verarmten Linie seines angesehenen Namens waren ursprünglich sehr gering. Aus dem Cadettenhause in ein Garderegiment übergegangen, wo sein vielverheißendes Wesen ihm bald den erstrebten Adjutantenposten erwarb, betrachtete er späteren Eintritt in den Generalstab als sein Lebensziel. Eine Zulage des Majoratsherrn, seines Onkels, machte ihm möglich, das, was Name und Stellung äußerlich von ihm forderten, aufrecht zu erhalten. Durch den frühen Tod des einzigen Sohnes dieses Oheims wurden seine Zukunftsaussichten wesentlich erhöht, seine gegenwärtige Lage aber wurde kaum verändert. Graf Mattern, der ältere, besaß eine rüstige Gesundheit und war seinem Neffen nur etwa zwölf Jahre im Alter voraus. Ging auch die Anwartschaft des Erbgutes jetzt auf diesen über, so lag der Antritt desselben voraussichtlich in weiter Ferne.

Anders gestalteten sich die Dinge, als der Majoratsherr den Hauptmann zu längerem Besuche bei sich einlud und ihm eröffnete, daß er an eine Verbindung zwischen seiner einzigen Tochter und dem Stammhalter gedacht. Da Letzterem die junge Cousine sehr wohl gefiel, stimmte er dem Vorschlage bereitwillig zu. Minna, zu dieser Zeit kaum siebenzehnjährig, zurückhaltend, sehr anmuthig, erschien ihm vielversprechend; mit der Exaltation, welche Graf Hugo allem Neuen entgegentrug, bildete er sich für seine Braut sogar eine jener Kopfleidenschaften an, die in ihrem Gegenstande zu erblicken glaubt, was sie selbst hineinphantasirt.

Da er nach vollzogener Verbindung, wie früher, beim Regimente verblieb und seine junge Frau stets den Sommer bei ihren Eltern auf dem Lande verlebte, empfand er seine Ehe nie als drückende Fessel. Er ließ es nicht an Aufmerksamkeiten für seine Frau fehlen; sein Ehrgeiz, überall als Cavalier par excellence zu erscheinen, bezeichnete auch den Ton, welchen er gegen die ihm wenig sympathische Gattin festhielt. Denn unsympathisch war ihm bald Alles an ihr geworden: ihre Einfachheit, ihr Vertiefen in die Dinge, ihr leiser, aber fester Widerstand, so oft er sie in die ihm eigenthümlichen Ueberstürzungen hineinzuziehen versuchte.

In der großen Welt wurde Graf Hugo sehr geschätzt: Alles, was er als Näscherei betrieb und wovon er im Gespräch den glücklichsten Gebrauch zu machen verstand, wurde ihm als ungewöhnliches Streben, als werthvoller Erwerb hoch angerechnet, und vielleicht war es dieses Bewußtsein, welches ihn ungern aus den Kreisen zurücktreten ließ, welche ihn auf solches Piedestal gehoben. Denn nachdem die Zeit herangekommen, wo er als Gutsherr Pflichten und Leistungen zu übernehmen hatte, eine Zeit, der er oft mit dem Gedanken entgegengesehen, dann zu beweisen, was er als Mensch und Denker in’s Leben zu rufen vermöchte, erwies sich auch dies wieder als eine jener bereits durch manche Phase erlebten Selbsttäuschungen. Mit Hast ergriff er die neue Aufgabe, quittirte den Dienst und warf sich in Feuereifer auf die Führung des Haus- und Hofregiments, um überraschend bald daran zu ermüden. Gewöhnt, alle seine Fähigkeiten bei dem geringsten Anlaß voll auszugeben, fehlte ihm Kern und Probe aller Kraft, die Ausdauer, und war dieses Capital erschöpft, ehe es noch Zinsen getragen. Als der zweite Winter auf dem Lande hereindrohte, begab sich der Graf, einer kleinen Hofcharge Rechnung tragend, nach der Residenz und nahm von dieser Zeit an alle früheren Lebensgewohnheiten wieder auf. Er störte seine Frau nicht in ihrem Wunsche, daheim auf dem Gute zu bleiben, überließ es ihr, dort die Zügel zu führen, und fühlte sich, wenn er von Zeit zu Zeit einsprach, ungleich behaglicher als vordem. Unter diesen Zuständen hatte sich während der letzten Jahre sogar ein Verhältniß zwischen den Gatten hergestellt, das für den Alles nach seinem persönlichen Bedürfnisse färbenden Sinn Mattern’s einen gewissen Reiz erhielt. So aufzutauchen, wieder zu verschwinden, Liebenswürdigkeit auszugießen wie aus einem Füllhorne und mit der stillen Ueberzeugung von dannen zu gehen, daß ein Mann wie er unendliches Vermissen hinter sich lassen müsse, entsprach ganz und gar seinem Wesen. Als ihm nun so unverhofft noch Aussicht zu einem Erben aufging, steigerte sich das Gefühl für seine Frau bis zur Wärme; er blieb seit Jahren zum ersten Male monatelang daheim und fand im Studium der verschiedensten Bücher, bei Jagden und nachbarlichem Verkehre, daß sich auch auf dem Lande angenehm leben lasse.

Der Schlag, welcher ihm Besitz und Hoffnung zugleich raubte, traf ihn tiefer, als er selbst für möglich gehalten, und sein Wunsch, Dora, das einzige lebende Gedächtniß, welches seine Frau zurückgelassen, bei sich zu behalten, erwuchs einem wirklichen Eindrucke der Entbehrung und Vereinsamung.

In dieser Gemüthsstimmung, welche sein zerfahrenes Wesen in hohem Grade milderte und befestigte, machte Mattern, als er einige Wochen später nach Danzig kam, um Dora abzuholen, auf den Regierungsrath Rostan einen sehr günstigen Eindruck. Graf Hugo gab leicht den Ton eines Jeden an, mit dem er verkehrte, nicht aus Verstellung, sondern durch die Schmiegsamkeit seines beweglichen Naturells. Die Wärme, womit er sich über Dora äußerte, die aufrichtige Trauer um seinen eigenen Verlust und so manche gediegene Ansicht, die er laut werden ließ, befestigten in Rostan die Ueberzeugung, daß sein Kind unter des Grafen Führung gut aufgehoben sein würde, und er entließ sie beruhigt aus seinem Hause.

Mattern verlebte drei Jahre im Auslande. Zuerst ging er mit Dora nach Rom, später nach Paris, und sein Gelöbniß, sich dem heranreifenden Kinde ganz wesentlich zu widmen, ward treulich gehalten, zu getreulich. Mit der Hast, die er in alle Dinge brachte, im Gefühle momentaner Leere, riß er das Denken und Werden des jungen Mädchens an sich, so weit er diesem selbstständigen Naturell gegenüber dazu im Stande war. Als charakteristisch für die Weise, womit er Alles anzugreifen pflegte, durfte gelten, daß er sogar ihren Namen umschuf und sie durch Anruf des romantischen Zuges, der jeder Jugend eigen, dazu bestimmte, statt Dora das feierlichere Thea zu adoptiren.

Die Treibhausluft, in welche Mattern seine Pflegetochter gebracht, blieb nicht ohne Einfluß auf sie. Zu jung, um bereits zu unterscheiden, wie oberflächlich die Bildung des Grafen war, imponirte seine blendende Art, Alles auszudrücken, dem feurigen Kinde in hohem Grade, und schrak sie auch anfangs vor seiner Skeptik zurück, so regte gerade das total von ihren bisherigen

[759]
Die Gartenlaube (1873) b 759.jpg

Die Procession am Fridolinstage.
Aus Scheffel’s „Trompeter von Säkkingen“, illustrirt von Anton von Werner.


Anschauungen Abweichende den spürenden Geist lebhaft an. War Thea’s Natur auch zu hoch angelegt, um nur einen Schatten von Affectation zuzulassen, so wich doch ihre köstliche Einfachheit allmählich einem tropischen Emporwuchern starker, aber regelloser Kräfte. Der Kreis, welchen Mattern hier und dort bei sich empfing und der nur der Männerwelt angehörte, bestand vorzugsweise aus Gelehrten und Literaten. Seinem Wunsche gemäß blieb Thea gewöhnlich anwesend, wenn er Besuch hatte, und jedes Thema, das nur denkbar zwischen Himmel und Erde, wurde in Gegenwart der schweigsamen Zuhörerin abgehandelt. Allmählich verhüllte sich ihr jede Gottheit ihrer freundlichen Kinderjahre; der süße Jugendglaube, der alles Irdische umfassen und lieben möchte, wich in bleiche Fernen zurück, noch ehe sich die Knospe zur Blüthe erschlossen hatte. Schon war ihr aufgegangen, daß es trübe Quellen, daß es hohle Verhältnisse giebt, schon hatte sie gelernt, an Allem zu zweifeln, was bisher, halb unbewußt [760] bewußt, die Basis ihres jungen Lebens gewesen, was sie dereinst so freudig auf Treu’ und Glauben hingenommen. Täglich suchte scharfe Logik vor ihr zu beweisen, daß heute Irrthum sei, was gestern Wahrheit gewesen.

Thea war eben siebzehn Jahre alt geworden, als ihr der Graf eröffnete, daß er nach Deutschland zurückzukehren gedenke und ihren Eltern die Zusage gegeben hätte, sie ihnen für längeren Aufenthalt zuzuführen. Diese Mittheilung traf das junge Mädchen nicht erfreulich; obgleich sie mit den Ihren in stetem Briefwechsel geblieben, fühlte sie doch ihnen gegenüber ein Fremdsein, das sie sich selbst kaum eingestehen mochte, eine Scheu, sich der Enge des väterlichen Hauses und Kreises zu fügen, die mehr instinctartig, als bewußt, aber doch ein lauter Zeuge für den Wandel war, der mit ihr vorgegangen. Doch war sie klug genug, keine Einwendung zu machen, selbst keine Frage zu stellen, als sich Graf Hugo in ziemlich verworrenen Redensarten darüber erging, daß sich vielleicht bis zu ihrem beiderseitigen Wiedersehen Manches geändert haben, ihr gegenseitiges Verhältniß aber unter allen Umständen bestehen bleiben würde.

Es war Frühlingszeit, als der Plan zur Ausführung kam und Graf Mattern das ihm anvertraute Gut in die Hände ihrer Eltern zurückbrachte. Nur für einige Zeit, wie er sich äußerte.

(Fortsetzung folgt.)




Paschawirthschaft in der Türkei.
Von Heinrich Freiherrn von Maltzan.
(Schluß.)
Wie ein Pascha abgesetzt und wieder eingesetzt wird. – Schreckliche Sühne für die Christenverfolgung. – Der alte zähe Patriot.


Einmal aber gelang es doch einem Feinde, den kleinen Pascha von dem angeblichen Hungerposten zu verdrängen. Es war dies ein Grieche, der den gebildeten Europäer spielte, aber in Wirklichkeit der vollkommenste Asiat war. Alle Laster und Kniffe, die man den Asiaten vorwirft, waren bei ihm vertreten. Zu den ersteren gehörte, daß er, obgleich Christ, einen vollständigen Harem besaß, der jedoch zu seinem Kummer nur aus schwarzen und dunkelbraunen Sclavinnen bestand. Er sehnte sich aber nach einer Tscherkessin und fand auch wirklich im Geheimen eine solche. Damit hatte er jedoch den Fanatismus der Mohammedaner verletzt; diese sahen die Erlaubniß, Sclaven zu besitzen, als ein Vorrecht ihres Glaubens an. Die dunklen Schönheiten hatte man ihm gegönnt, die weiße dagegen erregte Neid. Man bestürmte den Pascha mit Vorstellungen, und dieser setzte es auch wirklich durch, daß die Tscherkessin dem Griechen genommen wurde. Da er bei dieser Gelegenheit den Mann auf eine empfindliche Weise bloßstellte, indem dessen Consul die Sache erfuhr und den Griechen, der ja als europäischer Schützling gar keine Sclaven haben durfte, zur Rechenschaft zog, so hatte er sich denselben zum Todfeind gemacht. Der Grieche war viel zu schlau, um nicht die wahre Natur des angeblichen Hungerpostens zu kennen, und er schwur, nicht zu ruhen, bis er den Pascha davon verdrängt habe. Da er reich war, so gelang ihm dies durch Bestechungen in Constantinopel vortrefflich, denen Nuri-Pascha keine Gegenbestechungen entgegensetzen konnte; denn er hatte ja stets petitionirt, daß man ihn seiner Stelle entheben möge. Nun wurde, sehr zu seinem Leidwesen, diese Bitte erhört. Aber es verging kein halbes Jahr, so war er wieder eingesetzt, und zwar durch Vermittelung ebendesselben Griechen. Er hatte den Zorn desselben entwaffnet, indem er sich, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, zu einer Höflichkeit herabließ, ihm einen Brief voller Entschuldigungen schrieb, der noch dazu von Geschenken begleitet war. Den Griechen rührte nur eines dieser Geschenke, das, man wird es errathen, in nichts Anderm als – einer Sclavin bestand. Der dankbare Grieche bestach von Neuem, um das Ergebniß der ersten Bestechung rückgängig zu machen; und Nuri-Pascha, der sich inzwischen auf einem andern Posten unmöglich gemacht hatte, wurde, angeblich wieder zur Strafe, nach Dschedda zurückversetzt. Sein Nachfolger hatte nämlich in Dschedda ein solches Chaos gefunden, die Leute waren ihm so verarmt, die ganze Stelle so erbärmlich vorgekommen, daß er nach Constantinopel schrieb, der Posten sei wirklich der schlechteste in der Türkei, ein wahrer Strafposten.

So haben die treuen Dscheddaner ihren alten lieben Nuri-Pascha wieder und werden ihn auch wohl behalten bis an sein seliges Ende. Sie sind damit nicht gerade unzufrieden, denn einmal haben sie sich an die Launen des alten Tigers schon gewöhnt, und dann glauben sie eben an das arabische Sprüchwort, wonach ein voller Blutegel besser ist als ein leerer.

Zuweilen hat jedoch der Posten in Dschedda auch seine Schattenseiten, namentlich wenn Verwickelungen mit europäischen Mächten vorkommen. Unter den Geschichtchen, welche man damit in Verbindung bringt, giebt es eines, das zwar ein bischen schauerlich klingt, weshalb ich jede zartnervige Leserin im Voraus warne (wie man in der Schaubude ankündigt: „Jetzt wird geschossen“), welches jedoch so vollkommen orientalisch ist, daß kaum etwas Anderes einen treueren Begriff von Dem geben kann, was man im Orient noch heutzutage für möglich hält. Ich sage nicht: „was noch möglich ist“ (obgleich ich an diese Möglichkeit glaube), denn ich kann für das Geschichtchen keine Bürgschaft übernehmen. Da es aber in Dschedda geglaubt und allgemein erzählt wird, auch Niemand, nicht einmal der dort lebenden Europäer, etwas Unwahrscheinliches daran findet, so kann man es wenigstens als Probe des Ortsgeistes anführen. Es ist eigentlich ein kleines Stück Weltgeschichte, denn es betrifft die blutige Christenverfolgung in Dschedda oder vielmehr die Sühne, welche die europäischen Mächte dafür verlangten. So viel ich mich erinnere, haben sich zu jener Zeit die europäischen Zeitungen mehrmals mit den von Frankreich erzwungenen Geldentschädigungen beschäftigt, welche die Pforte den Hinterbliebenen der Opfer der Verfolgung zahlen mußte, sowie mit den sentimentalen Telegrammen des Sultans an Napoleon den Dritten, worin Jener sein tiefes Bedauern über den Vorfall ausdrückte und die Diesem Gelegenheit verschafften, sich wieder einmal als den alleinigen Verfechter der Humanität zu geberden. Ob damals in Europa viel von der Verfolgung verlautet hat, welche die Urheber derselben getroffen, weiß ich nicht, da ich damals im Orient war. In Dschedda dagegen sprach und spricht man noch heute nur von der Strafe und weiß von den Entschädigungen und den Humanitätstelegrammen nichts. Eine Strafe hat jedenfalls stattgefunden, das heißt, eine gewisse Anzahl Menschen, die man für die Verfolger hielt, büßten mit dem Leben. Eigentlich hätte aber die Strafe, wenn sie einmal den wahren Verfolgern gelten sollte, die sämmtliche Bevölkerung von Dschedda treffen müssen, denn fast die ganze Stadt hatte daran theilgenommen.

Es war kein vorbereitetes Werk, und von Anstiftern konnte dabei nicht die Rede sein, sondern es war ein unmittelbarer, blutiger Ausbruch des wüthenden Fanatismus, der wie eine Lawine in kürzester Zeit verheerend daherbrauste und Alles mit sich fortriß. Mochte man auch einige Schuldige aussondern, die gerade zufällig einen tödtlichen Streich geführt hatten, schuldig waren Alle, schuldig freilich nur in unserm Sinne, verdienstvoll dagegen vom Standpunkt der Dscheddaner, und dieser Standpunkt ist heute noch nicht aufgegeben. Es war etwas wie Lynchjustiz, nur in’s Orientalische übersetzt; denn der fanatische Pöbel glaubte, eine Art von Gerechtigkeit auszuüben; er tödtete die Europäer ja nicht ihres Glaubens wegen, sondern er war gereizt und gleichsam herausgefordert worden durch verschiedene jener Verletzungen der orientalischen Sitten und Beleidigungen der mohammedanischen Religion, wie sie sich die Europäer jetzt fast überall im Orient erlauben und die sie sich auch in Dschedda gestatten wollten – eine große Ungeschicklichkeit in einer so fanatischen Stadt. Wer in einem Glashaus wohnt, soll nicht mit Steinen werfen.

Aber die europäischen Mächte, namentlich England und [761] Frankreich, welchen beiden Nationen die meisten der Opfer angehörten, wollten Sühne haben. Zuerst kam ein englisches Geschwader nach Dschedda, dessen Befehlshaber vom Pascha die Köpfe der Verfolger verlangte. Dieser gerieth in nicht geringe Verlegenheit. Wen sollte er eigentlich ausliefern? Diejenigen, von denen es bekannt war, daß sie wirklich einen tödtlichen Streich geführt hatten, waren gleich beim Nahen des Geschwaders nach Mekka geflohen, wo die Pforte ohnmächtig ist. Die Zahl derer, welche mehr oder weniger gehetzt und verfolgt hatten, war Legion. Indeß, er mußte Jemand zur Strafe ziehen. Aus dieser Verlegenheit half er sich durch eine grausame List. Er ließ plötzlich ausrufen, die Regierung brauche so und so viel Lastträger, und versprach diesen einen guten Lohn. Wirklich fanden sich einige Dutzend ein. Es war am Abend, denn angeblich sollten die Lastträger des Nachts, von den Engländern ungesehen, Waffen ausschiffen helfen. Kaum waren sie im Fort, wohin man sie bestellt hatte, angekommen, als sie umzingelt und niedergemacht wurden. Die Dscheddaner behaupten, die Engländer selbst hätten letzteres Werk ausgeführt. Vielleicht wäre es dem Pascha lieber gewesen, wenn sie es gethan hätten, aber Dergleichen liegt nicht in ihren Gewohnheiten, wenigstens in der Türkei nicht; in Ostindien ist dies freilich anders. Wahrscheinlich war jedoch ein englischer Commissär gegenwärtig; denn die Sühne mußte ja constatirt werden.

Obgleich die Leute so geheim wie möglich getödtet und sogleich begraben worden waren, so wußte es doch am anderen Morgen die ganze Stadt. Das ärmere Volk zitterte; kein gemeiner Mann glaubte sich mehr seines Lebens sicher. Man zieh den Pascha der schreiendsten Ungerechtigkeit; denn wenn vielleicht auch die hingerichteten Lastträger ebenso schuldig waren, wie alle anderen Dscheddaner, so waren sie doch lediglich deshalb als Opfer gefallen, weil sie eben gemeine Männer waren, für deren Leben kein reicher Verwandter Bestechungssummen bieten konnte. Die Entrüstung gegen den Pascha war in der niederen Volksclasse so groß, daß es gewiß zu einem Aufstand gekommen wäre, hätte nicht die Furcht vor einem Bombardement durch die englische Flotte das Volk im Zaume gehalten. Ganz anders war jedoch die Stimmung in den vornehmeren Kreisen. Diese sind in Dschedda ebenso fanatisch, ja vielleicht fanatischer als das Volk. An der Christenverfolgung hatten sie in jeder Beziehung regen Antheil genommen. Wie schön war es nun nicht vom Pascha, daß er sie ganz geschont und, statt die Opfer aus ihrer Mitte zu wählen, die armen Lastträger, die wahrscheinlich viel weniger schuldig waren als sie, hingerichtet hatte! Das Lob des grimmen Paschas tönte damals aus dem Munde manches reichen Kaufherrn, und an Opfern, welche seiner finsteren Macht gebracht wurden, fehlte es nicht. Doch dieser Jubel sollte bald in wüthende Schmähungen, jenes Lob in scharfen Tadel umschlagen.

Man lächelte in Dschedda verächtlich über die (wie man es nannte) Dummheit der Engländer, die sich durch die Hinrichtung einiger ganz unbedeutender Menschen hatten täuschen lassen. Nun kam aber die französische Flotte an, und deren Führer verlangte gleichfalls blutige Sühne. Der Pascha ließ freilich sagen, man habe bereits die Schuldigen hingerichtet; aber der Franzose war besser unterrichtet. Er verlangte nicht die Köpfe von armen Teufeln, sondern die der angesehensten Leute. Einzelne besonders Gravirte konnte man freilich unter diesen auch nicht bezeichnen. Alle waren mehr oder weniger schuldig. Der Franzose hielt auch vielleicht nicht die Vornehmen für schuldiger, als die geringen Leute, aber er ging von dem Grundsatze aus, daß von zwei sonst gleich großen Verbrechern der gebildetere stets der strafbarere ist, und dann wollte er, daß die Sühne einen weiten Widerhall habe; dies konnte er nur durch die Hinrichtung einer Anzahl der Vornehmen erreichen. Sein Gesuch oder vielmehr sein Befehl war von der Pforte selbst unterstützt, und die Drohung eines Bombardements gab ihm noch mehr Nachdruck. Der Pascha mochte sich drehen und winden, mit seiner Grobheit und seinem Schimpfen kam er diesmal nicht aus – er mußte wiederum eine Anzahl Köpfe ausliefern.

Abermals griff er zu einer grausamen List. Da die Verhandlung zwischen ihm und dem französischen Admiral geheim geblieben war, so schöpften die Vornehmen keinen Verdacht, als eines Tages der Pascha bei ihnen herumschickte und sie zur – Abendmahlzeit einladen ließ. Einige Dreißig der reichsten Grundbesitzer und Kaufleute fanden sich ein. Unter diesen waren mehrere Zechgenossen des Paschas (denn der Alte trank gerne Raki), die dieser vielleicht gern gerettet hätte. Aber er konnte sie nicht warnen, ohne Alarm zu veranlassen. Alle wurden hingerichtet.

Wiederum behaupten die Dscheddaner, die Hinrichtung sei von den Europäern besorgt worden, aber auch die Franzosen spielen nicht ohne Noth die Henker. Jedenfalls hatten sie Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß ihnen eine großartige Genugthuung zu Theil geworden war.

Der Einzige, der von dieser Schlächterei Vortheil zog, war Niemand anders als der Pascha. Er ward auf einmal wieder volksthümlich, ja man fing an, ihn für uneigennützig zu halten. Hätten diese Vornehmen ihm nicht ungeheure Summen für ihr Leben bieten können, und hatte nicht sein Pflichtgefühl sie ausgeschlagen? Man vergab ihm die erste ungeschickte Grausamkeit und nannte ihn einen gerechten Mann, der ohne Ansehen der Person richtet. Diese „Gerechtigkeit“ hatte übrigens auch ihren goldenen Boden, denn unter den Hingerichteten waren mehrere, die nur unmündige Kinder hinterließen und deren Vermögen der Pascha „in Verwaltung nahm“. Die Vornehmen tadelten ihn zwar scharf, aber insgeheim; sie zitterten jetzt mehr denn je vor ihm und machten ihm reichere Geschenke als jemals zuvor.

Indeß, nachdem man von einem Menschen so viel Schreckliches berichtet hat, fühlt man, gleichsam um die Ehre der Menschheit zu retten, das Bedürfniß, doch auch einmal, wenn es nur irgend möglich ist, etwas Gutes von ihm zu sagen. Haben doch auch oft die größten Bösewichte ihre rettende Eigenschaft. Eine solche rettende Eigenschaft war beim grimmen Pascha sein Patriotismus. Patriot war er, zwar einseitig und nach der alten Schule, aber glühend. Ich glaube, er wäre im Stande gewesen, für einen patriotischen Zweck all’ sein zusammengeraubtes Geld herzugeben. Dazu hatte er freilich keine Gelegenheit, denn nach seiner Ansicht war die Regierung faul, weil von modernen Ideen angekränkelt, und hätte jede patriotische Spende nur zu Reformen verwandt. Reformen waren aber, nach des Pascha Ansicht, von Uebel. Aus ihnen leitete er den ganzen Verfall des türkischen Reiches ab. Sein Ideal waren die alten Zustände, wie sie zur Janitscharenzeit bestanden. Er war also eigentlich ein Mann der schroffsten Reaction, aber dennoch ein aufrichtiger Patriot, der sich nur in den Mitteln irrte. Die traurige Wahrheit, daß weder Reaction noch Reformen die Türkei retten können, durfte man ihm natürlich nicht sagen. Reformen können einen kranken Staat vielleicht heilen, nicht aber einen todten neubeleben. Indeß er glaubte, daß seinem Vaterlande noch etwas Lebenskraft innewohne. Ein Ausfluß seines Patriotismus war namentlich auch seine Furcht und sein Haß gegen die europäischen Mächte. Wie alle Stocktürken haßte er jedoch am glühendsten Rußland. Der Moskoff (wie man den Russen in der Türkei nennt), das war der Schreckenspopanz, den er, selbst in dem von der russischen Grenze so weit entfernten Dschedda, stets vor Augen hatte. An einen baldigen Krieg mit Rußland glaubte er steif und fest. Das Ergebniß, das er von diesem Kriege erwartete, war, wenn man ihn öffentlich reden hörte, natürlich ein siegreiches für die Türkei, eine Wiederkehr des alten Glanzes und der alten Macht. Aber in intimem Kreise sprach er sich ganz anders aus. Er war viel zu gut von den ungeheuren Mitteln Rußlands unterrichtet und kannte auch viel zu genau die Fäulniß der türkischen Zustände. Dann pflegte er wohl zu sagen:

„Mit uns ist’s vorbei. Die alte türkische Tapferkeit lebt zwar noch, aber was vermag Tapferkeit in einem Zeitalter, wo solche Erfindungen des Teufels, wie die neuen Kanonen, die Hinterlader, die Panzerfregatten etc., Alles entscheiden?“

Dann blickte der grimme Pascha schwermüthig zu Boden, und einmal sah ich sogar bei einer solchen Gelegenheit etwas, das ich nicht für möglich gehalten hätte, wie nämlich bei dem Gedanken an die Auflösung seines Vaterlandes eine einsame Thräne an der grauen Wimper des grimmigen verwitterten Alten erglänzte.



[762]

Das Spinett.[1]
Von Paul Heyse.


An dem Tandelmarkt vorbei
Ging ich heute, da es nachtet,
Hab’ ein buntes Allerlei
In den Buden dort betrachtet.

Ausgediente Flitterpracht,
Strandgut aus zerschelltem Glücke,
Waffen, die einst Tod gebracht,
Neben Karst und Bettlerkrücke.

Dieser Spiegel, heut so blind,
Weiß von festlich hellen Nächten:
Jener half dem Bauernkind
Seine blonden Zöpfe flechten.

Dort der Sessel, reich geschnitzt,
Weich mit Sammet ausgeschlagen,
Denkt er noch, wie er geblitzt,
Als er Fürstinnen getragen?

Muß er jetzt die Nachbarschaft
Jenes nackten Schemels leiden,
Drauf mit saurem Fleiß geschafft
Ehrsam Handwerk, treubescheiden?

Wie sich in des Friedhofs Reich
Nah gesellen Hoch und Nieder,
Macht die Zeit hier Alles gleich,
Giebt den Staub dem Staube wieder.

Aber dort das Mütterlein,
Dem erblichen längst die Locke,
Warum weint’s in sich hinein,
Still gebückt an seinem Stocke?

Was betrachtet’s unverwandt
Jenen alten Klimperkasten,
Dem wohl lang schon keine Hand
Rührte die vergilbten Tasten?

Und sie feilscht und schließt den Kauf,
Und den staub’gen Ladenhüter
Lädt ein Wagen sorglich auf,
Wie das köstlichste der Güter.

Mit der Alten hinterdrein
Schlendr’ ich jetzt und frag’ im Gehen:
„Warum habt Ihr, Mütterlein,
Euch dies Alterthum ersehen?

Habt Ihr wohl ein Enkelkind,
Das da spielen lernt und singen?
Diese Saiten, fürcht’ ich, sind
Schon zu morsch, um rein zu klingen.“

Und die Alte blickt mich an
Prüfend unter welken Lidern,
(Noch ein Tropfen hing daran)
Und dann hört’ ich sie erwidern:

„Lieber Herr, ich merk’ es klar,
Daß Ihr mich für närrisch haltet.
Aber denkt, wie wunderbar
Hier des Himmels Fügung waltet,

Daß er mich noch finden ließ
Diesen Freund vor meinem Tode!
Ach, da ich ein Kind noch hieß,
War er blank und in der Mode;

Stand in meiner Eltern Haus
Wohlgepflegt im besten Zimmer,
Und zu Tanz und frohem Schmaus
Klangen seine Saiten immer.

Doch am schönsten, wenn mein Franz
Sanft begleitete mein Singen,
Ach, bis eines Tages ganz
Lust und Lieder uns vergingen!

Denn die Eltern zürnten sehr,
Daß den Armen ich erwählte;
Doch sie trennten uns nicht mehr,
Die ein treuer Muth beseelte.

Und ich gab ihm meinen Schwur,
Folgt ihm in das dürft’ge Leben,
Bat, statt aller Mitgift, nur
Das Spinett mir mitzugeben.

Welche Freuden sah ich blüh’n
Unterm Dach an Seiner Seite,
Wenn nach Tages Last und Müh’n
Uns ein Lied den Abend weihte.

Oder wenn am Feiertag,
Seiner Lehrerpflicht entbunden,
Er, wie er am liebsten pflag,
Spielte, was er selbst erfunden.

Dann mein Jüngstes an der Brust
Saß ich hinter meinem Trauten,
Da die Größern schon mit Lust
Horchend auf den Vater schauten.

Doch die Sorgen wuchsen auf
Mit den Kindern um die Wette;
Ach, nach kurzer Jahre Lauf
Lag er auf dem Sterbebette.

Nie vergeß’ ich jene Nacht.
Wo er bat – ich hatte wieder
Angstvoll neben ihm gewacht –:
‚Singe mir die alten Lieder!‘

Und ich spielt’ ihm jenes Lied –
Singen konnt’ ich’s nicht vor Thränen –
Jenes, das zuerst verrieth
Unser langverschwieg’nes Sehnen.

Bebend hört’ ich, wie auch er
Vor sich hin die Worte summte,
Und dann ward das Haupt ihm schwer,
Und sein blasser Mund verstummte.

Stumm an seinem alten Platz
Stand der treue Leidgefährte,
Bis auch diesem letzten Schatz
Mich die Noth entsagen lehrte.

Seitdem über meinem Haupt
Sah ich manches Jahr sich wenden,
Und ich hätte nie geglaubt,
Daß wir Zwei uns wiederfänden.

Aber da von aller Noth
Meine Kinder fern mich halten,
Soll auch er das Gnadenbrod
Finden bei der treuen Alten.

Rückt mein Stündlein sacht heran –
Ach, es braucht nur noch ein Kleines! –
In den Schlummer spielt mich dann
Meiner Enkelkinder eines.

Wenn ich dann des Liebsten Lied
Von den alten Saiten höre,
Mein’ ich, daß mich’s zu ihm zieht
In die hohen Engelschöre“ –

Sprach’s, und ihre Stimme brach,
Und ich sah sie weiter wanken,
Stand und blickt’ ihr lange nach,
Still verloren in Gedanken.

Und mir war’s, als ob ein Klang
Durch die rost’gen Saiten ginge;
Leise mahnend, froh und bang’,
An den ew’gen Fluß der Dinge.




Pariser Bilder und Geschichten.
Die Tyrannen von Paris.
Von Ludwig Kalisch.


Ich bitte meine Leser, sich durch diesen Titel nicht irre führen zu lassen und nicht etwa zu glauben, daß ich von den Pariser Polizeipräfecten, oder von den Seinepräfecten, oder gar von gekrönten Häuptern sprechen will. Die Tyrannen, von denen hier die Rede sein soll, sind viel furchtbarer, da deren Zahl außerordentlich stark und sie obendrein unentbehrlich sind. Sie überleben alle französischen Regierungen; sie beherrschen die Pariser, von welcher Regierung diese auch beherrscht sein mögen. Ich meine die Pariser Concierges oder Hausmeister. London besitzt diese Menschenclasse nicht; denn die Londoner Häuser sind Festungen im Kleinen, die stets verschlossen sind und von der Dienerschaft des Stockwerkes geöffnet werden, dem ein Besuch gilt. Jedes Stockwerk hat seinen eigenen Schellenzug. Außerdem sind die Häuser fünf bis sechs, nicht selten gar sieben Stockwerke hoch, so daß man sie nicht mit Unrecht perpendiculäre Straßen nennen kann. Auch stehen sie während des Tages offen. Der Concierge also, dessen Zimmer oder „Loge“ sich im Erdgeschosse befindet, ist mit der Ueberwachung des Hauses betraut, und Niemand kann über die Schwelle desselben treten, ohne von ihm gesehen zu werden. Er ist es, der alle Aufträge für die Hausbewohner und zugleich die Postbriefe für sie empfängt, da der Briefträger nie selbst dem Adressaten die Briefe zustellt, es sei denn, daß dieselben recommandirt sind. Der Concierge bildet auch den Vermittler zwischen dem Miethsmann und dem Hauseigenthümer, der sein Haus nicht immer bewohnt, ja häufig gar nicht in Paris lebt. Dieser wie Jener hängt also gewissermaßen von dem Concierge ab. Wir Sterblichen besitzen indessen selten eine Macht, ohne dieselbe zu mißbrauchen, und die Pariser Concierges, die durchaus nicht zu den Unsterblichen gehören, mißbrauchen sie häufig genug und auf die lästigste, unerträglichste Weise.

Der Concierge stellt dem Miethslustigen, besonders dem kleinen, bei der Vermiethung nicht nur die Bedingungen des Hausbesitzers, sondern auch seine eigenen. Handelt es sich um eine Junggesellenwohnung, um ein „Appartement de garçon“, so setzt der Concierge dem unbeweibten Miethsmann die Bedingung, daß sich dieser von ihm die Pflege der Zimmer versehen lasse. Geht der Junggeselle darauf nicht ein, so wird aus dem Handel nichts, zum Nachtheil des Eigentümers, der oft dadurch einen vortrefflichen Miethsmann verliert.

Der Concierge erhält von dem Hausbesitzer neben freier Wohnung und Beleuchtung auch ein Jahrgehalt, das je nach dem Umfange des Hauses bestimmt wird. Indessen ist dieses

[763] Gehalt fast eine Nebensache. Die Nebeneinkünfte sind die Hauptsache, und diese bestehen nicht nur im „Denier à Dieu“, im Draufgeld, das ihm beim Miethen einer Wohnung gegeben wird, und in den Neujahrsgeldern, sondern auch in verschiedenen Naturalleistungen. So wird ihm zum Beispiel, wenn ein Mietsmann ein Fuder Holz kommen läßt, ein großes Scheit, „La bûche“, verabreicht. Auch wenn ein Miethsmann eine Weinlieferung empfängt, wird der Concierge in der Regel mit einigen Flaschen bedacht, und bei sonstigen freudigen und traurigen Ereignissen, bei Hochzeits-, Geburts- und Todesfällen, wird er ebenfalls nicht vergessen. Und dennoch bilden diese directen und indirecten Abgaben, die ihm die Miethsleute entrichten, und sein Jahrgehalt noch nicht seine Gesammteinnahmen. Er hat noch gar viele Einkünfte, von denen die Philosophie der Miethsleute sich nichts träumen läßt und die diesen, wie wir bald sehen werden, mehr oder minder theuer zu stehen kommen. Sobald nämlich die Abenddämmerung naht, wird in Paris jede Hausthür geschlossen, die der Concierge, wenn er schellen hört, vermittelst einer in seiner „Loge“ angebrachten Vorrichtung öffnet. Der Eintretende hat die Hausthür sogleich zu schließen. Will Einer Abends das Haus verlassen, so ruft er im Hausgang mit lauter Stimme: „Cordon, s’il vous plaît!“ worauf sich die Hausthür öffnet. Diese französischen Worte lernt jeder Ausländer, der auch sonst kein Wort Französisch versteht, am schnellsten, da sie ihm am nothwendigsten sind.

Nun ist ein Pariser Haus eine Stadt im Kleinen, wo vom ersten bis zum letzten Stockwerte sehr viel Stände, natürlich im umgekehrten Verhältnisse zur Höhe des Hauses, vertreten sind. Die reichern Stände haben Equipagen und zahlreiche Dienerschaft, Kutscher, Lakaien, Bonnen, Kammermädchen und Köchinnen. Dieses Gesinde wird oft, besonders am späten Abend, oder gar in der Nacht, von Freiheitsgelüsten befallen. Es will eine heitere Stunde außerhalb des Hauses verleben, und damit der Concierge, ohne dessen Hülfe man das Haus nicht verlassen kann, der Herrschaft nichts verrathe, wird er durch das allereinfachste Mittel, durch Bestechung, zum Schweigen gebracht. Wie Niemand die Schwelle des Hades betritt, ohne den furchtbaren dreiköpfigen Wächter mit einem Honigfladen zu besänftigen, so kehrt in Paris keine junge Köchin oder Dienstmagd vom Marke heim, ohne im Geheimen aus dem Korbe eine Spende für den verschwiegenen Concierge zu holen. Die Concierges haben daher oft eine bessere Tafel als gar manche der Hausbewohner, ja vielleicht ihr Hausherr selbst, was indessen ihr Gemüth durchaus nicht verstimmt und ihre Verdauung nicht im geringsten stört.

Der Concierge kennt die Hausbewohner genauer, als diese glauben; er kennt besonders eine gewisse Classe derselben. Er beurtheilt sie nach den Besuchen, die sie empfangen, nach den Erkundigungen, die man über sie bei ihm einzieht, nach dem Geschwätz der Dienerschaft, die sämmtlich mit ihm auf gutem Fuße steht und gern über das Familienleben ihrer Herrschaft plaudert, und er hört nicht selten die Klagen der Gläubiger, die über die oft saumselige Zahlung eines oder des andern Miethsmannes laut werden. Zählt er nun unter den Hausbewohnern einen jungen Mann, der wild darauf loslebt und in der süßen Gewohnheit des Daseins und Nichtwirkens die einlaufenden Rechnungen unquittirt in den Winkel wirft, so wartet der schlaue Hüter des Hauses kaltblüthig auf die unausbleibliche Katastrophe: der junge Mann wird genöthigt, einen Theil seiner Habseligkeiten zu veräußern, und der Concierge führt ihm den Käufer zu, der diesem bereits eine Provision bewilligt hat und im Einverständniß mit ihm den verlorenen Sohn abmurkst. Außer solchen verlorenen Söhnen giebt’s auch in vielen Pariser Häusern verlorene Töchter, die sich so schlecht auf das Haushalten verstehen, daß ihnen das Leichtgewonnene ebenso leicht in der Hand zerrinnt und sie sich über kurz oder lang zum Losschlagen ihrer Siebensachen gezwungen sehen. Der Concierge ist auch hier gewöhnlich der Vermittler zwischen dem Käufer und der Verkäuferin und wird von Beiden abgefunden. Uneigennützigkeit ist überhaupt seine Sache nicht, und der Pariser Concierge, der etwas um Gotteswillen thut, soll noch geboren werden.

Gewöhnlich ist die Obhut eines Pariser Hauses einem Ehepaar übergeben. Der Concierge übt nicht selten, zumal in den Häusern der niederen Volksschichten, ein Handwerk, in der Regel des Schneiderhandwerk, aus, und während er in der „Loge“ lebensmüde Hosen oder verwundete Rockärmel schlecht und recht curirt, besorgt seine Hälfte die laufenden Geschäfte, und wenn diese erledigt, sitzt sie im Lehnsessel mit dem schnurrenden Kater im Schooße, oder füttert die Canarienvögel; denn die Concierges lieben die Thiere, und es giebt in Paris kaum eine Conciergeloge, in welcher sich nicht eine kleine Menagerie befände. In den ärmern Häusern entfernter Vorstadtsviertel bildet der Rabe den Lieblingsvogel der Hauswarte. Diese haben aber auch noch andere Zerstreuungen. Sie plaudern mit dem Gesinde der Hausbewohner, das im Conciergezimmer seinen Vereinigungespunkt besitzt, oder sie lesen die Zeitungen, die für die Abonnenten im Hause anlangen. Der Abonnent irrt sehr, wenn er an die Jungfräulichkeit des Kreuzbandes seiner Zeitung glaubt. Dieses ist bereits vom Concierge abgelöst worden, der vor dem rechtmäßigen Besitzer alle Enten benagt, mit denen tagtäglich das neuigkeitshungrige Publicum abgespeist wird.

An den Winterabenden werden vor den zahlreichen Gästen in der Conciergeloge die Romane gelesen, in welchen die blutigsten Gräuelscenen abwechseln, das Laster sich fünf Bände hindurch erbricht und die Tugend sich erst am Ende des sechsten zu Tisch setzt. Zur Zeit, als Ponson du Terrail seine Productionen so schnell und so reichlich aus dem Aermel schüttelte, daß er zugleich fünf Romane in fünf verschiedenen Journalfeuilletons dem Heißhunger seiner Leser darbot, bildeten die Pariser Concierges allabendlich dichte Leserkreise, wo die Aufmerksamkeit durch die Lectüre so sehr gefesselt war, daß nicht selten der Hausbewohner unzählige Male an dem Schellenknopf vor der Hausthür zerren mußte, bis diese ihm geöffnet wurde. Besonders war dies der Fall, als die Reihe der Rocamboles von dem eben genannten Verfasser erschien. Wie mancher hat sich damals vor der Hausthür harrend den Schnupfen geholt! Der eben verstorbene Emile Gaboriau hat mit seinen Romanen ein gleiches Unheil angestiftet.

In den Häusern freilich, die von den Eigenthümern bewohnt werden, müssen die Concierges auf der Hut sein, da sie von denselben überwacht werden; wo aber dies nicht der Fall ist, bleibt der Miethsmann allen Launen und Grillen der Concierges ausgesetzt, über die er sich aus Gründen, die wir bald werden kennen lernen, nicht beklagen darf. Wer also in Paris eine Wohnung miethet, sucht sich vor Allem über diesen Punkt zu vergewissern.

Kein Beruf hat indessen lauter rosenfarbige Seiten; im Amte eines Pariser Concierges ist daher auch nicht Alles rosig. Ein Pariser Hauswart hat nicht nur das Haus zu bewachen und Hausflur und Treppen rein zu erhalten, er hat nicht nur vom frühen Morgen bis spät am Abend hunderterlei Aufträge für die zahlreichen Bewohner entgegenzunehmen, sondern er hat auch Nachts keine Ruhe. Da in Paris die Theatervorstellungen kaum vor Mitternacht enden, so kehren die Besucher derselben erst gegen ein Uhr und während der Wintersaison, wo allabendlich Bälle und Soiréen stattfinden, oft erst gegen drei Uhr Morgens nach Hause. Er hat dann die ganze Nacht hindurch keine Rast. Die meisten Concierges sind daher nach einer Reihe von Dienstjahren mürrisch und verdrossen. Doch giebt es einen Monat im Jahre, wo selbst der mürrischste und sauertöpfischste der Concierges freundlich und liebenswürdig gegen die Hausbewohner wird. Es ist dies nicht der Wonnemonat, wo alle Büsche sich in Blumen- und Blüthenknäufe verwandeln, die Nachtigallen in den Zweigen jubeln und Liebespaare unter duftigem Flieder träumen, sondern in dem Monate, da die Erde im Scheintode liegt, die Raben in der Schneeluft krächzen und der Frost krystallene Zöpfe an die Dachtraufen hängt, kurz im letzten Monate des Jahres, der in Paris gewöhnlich seine unmittelbaren Vorgänger und Nachfolger an unerträglichen Launen übertrifft. Diese einunddreißigtägige Liebenswürdigkeit der Pariser Concierges ist nichts weniger als uneigennützig; sie soll vielmehr die Großmüthigkeit der Hausbewohner am Neujahrstage hervorrufen, welcher der Erntetag so vieler Tausende von Beamten, Angestellten und Dienerschaften ist.

Man hat berechnet, daß in Paris täglich eine Million Franken an Trinkgeldern verausgabt wird. Man wird dies nicht übertrieben finden, wenn man bedenkt, daß ein Pariser weder in einem Kaffeehause, noch in einer Restauration irgend etwas genießen kann, ohne den Kellner mit einem Trinkgelde zu [764] bedenken. Es giebt in Paris Kaffeehäuser, wo die Trinkgelder täglich zwei- bis dreihundert Franken betragen. Und nicht nur in den Kaffeehäusern und Restaurants, sondern auch in jenen unentbehrlichen, unnennbaren Anstalten, wo man Erleichterung in dringender Noth sucht, ist eine versilberte Urne aufgerichtet, deren weitgeschlitztes Maul nach einem Trinkgelde schnappt. Jeder Droschkenkutscher erhält bei zurückgelegter Fahrt sein Trinkgeld, jede Theaterlogenschließerin ebenfalls. Mit einem Worte: es giebt in Paris wenig Menschen, die von ihrem Nebenmenschen nicht ein Trinkgeld fordern. Am Neujahrstage verzehnfacht sich die Summe der Trinkgelder. Vor Allem hat man sich aber an diesem Tage mit seinem Concierge in’s Reine zu setzen. Hat dieser für seine freundlichen Neujahrswünsche den klingenden Dank der Hausbewohner eingeheimst, so verbannt er das süße Lächeln aus seinen Gesichtszügen, bis der zwölfte Monat die Mutter Erde wieder in’s Schneegewand steckt.

Die Pariser Concierges bilden eine Menschenclasse für sich, und es giebt unter ihnen manches Original; sie werden daher von den Romanschreibern, die das Pariser Leben schildern, stark verwerthet. Eugene Sue hat in seinem „Pipelet“ einen Typus geschaffen, der so populär geworden, daß man jeden Concierge mit diesem Spitznamen nennt. Dennoch giebt es unter den Conciergen, je nach den Häusern, deren Ueberwachung ihnen obliegt, viele Schattirungen, und es versteht sich von selbst, daß ein Concierge eines vornehmen Hôtels im Faubourg St. Germain von seinem Collegen in einem Hause des Faubourg St. Antoine sich gar sehr unterscheidet. Die Pariser Concierges haben auch ihre eigenen politischen Ansichten, die oft denen ihrer Hausherren schnurstracks entgegengesetzt sind. Es giebt unter ihnen Monarchisten, ja, Legitimisten, die sich nach dem Triumphe der weißen Fahne sehnen. Ich habe einen Concierge gekannt, der es Ludwig Philipp niemals verziehen hat, gegen die ältere Bourbonenlinie conspirirt und sich auf den französischen Thron gesetzt zu haben. Bei Weitem die meisten sind jedoch revolutionär. Nicht wenige haben sogar eine hochrote politische Farbe und hängen mit ebenso viel Liebe an ihrem Herrn wie der Spitzbube am Galgenstricke. Diese sind jedoch noch die schlimmsten nicht. Es giebt unter ihnen auch Individuen, die mit der Polizei im besten Vernehmen stehen. Das zweite Kaiserreich, traurigen Andenkens, fand unter ihnen Mouchards in Hülle und Fülle. Sie denuncirten manchen Hausbewohner, welcher sich zwischen den dicken Mauern in Mazas vergebens den Kopf zerbrach, seinen Denuncianten zu errathen. Wer also in stark bewohnten Häusern abgelegener Viertel der Pariser Vorstädte wohnt, thut gut daran, nicht allzu vertraut mit dem Concierge zu werden und seine politischen Gesinnungen für sich zu behalten. Unmittelbar nach dem Napoleonischen Staatsstreiche haben es mehrere unserer in Paris lebenden Landsleute hart büßen müssen, mit ihrem Concierge allzu vertraut gewesen zu sein, oder sich nicht genug vor ihm gehütet zu haben.

Welche Stellung man aber auch einnehme und welches Haus man auch in Paris bewohne, man muß sich immer mit dem Concierge zu verhalten wissen, wenn man sich nicht fortwährend den unangenehmsten Verdrießlichkeiten, sogar den größten Nachtheilen aussetzen will. Wer seinem Concierge auf den Fuß tritt, hat es immer schwer zu bereuen. Die Hauswarte haben nämlich Gelegenheit, sich täglich, ja stündlich an dem Miethsmann zu rächen. Sie richten diesem die mündlichen Aufträge nicht aus, geben die eingelaufenen Visitenkarten zu spät oder gar nicht ab und nennen die Namen Derjenigen nicht, die ihn sprechen gewollt. Die Rache des Concierges gegen den verhaßten Miethsmann ist auch nachwirkend, wenn er nämlich ausgezogen, geben sie seine neue Adresse nicht an, oder nennen absichtlich eine falsche Hausnummer, oder gefallen sich in allerlei räthselhaften, mit einem Achselzucken begleiteten Redensarten, wenn man bei ihnen Erkundigungen über ihn einziehen will.

Die Pariser Concierges beschließen fast sämmtlich ihre Laufbahn auf dieselbe Weise. Sie sterben entweder alt und betagt und mit Rheumatismus und bösen Launen behaftet in der Ausübung ihres Berufs, oder als kleine Rentiers zurückgezogen auf dem Lande. Die Meisten von ihnen haben etwas für die alten Tage gespart, und wenn der Hauseigenthümer nicht ganz ohne Gerechtigkeitsgefühl ist, fügt er zu dem Ersparten eine kleine Pension hinzu. Merkwürdig ist es aber, daß diese Leute nach einem vieljährigen Pförtneramt sich nicht immer in ländlicher sorgenloser Zurückgezogenheit glücklich fühlen. Die Gewohnheit, länger als ein Menschenalter hindurch ein Dutzend Mal in der Nacht geweckt worden zu sein, läßt sie auch jetzt nicht ruhig schlafen. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitsthier: hat man doch Beispiele, daß Gefangene, die einen großen Theil ihres Lebens im Kerker zugebracht, ihn nicht ohne Bedauern verließen, als man ihnen die Freiheit ankündigte! Vor noch nicht langer Zeit hat sich eine alte Concierge, welcher der Hausherr unter den sanftesten Ausdrücken eine Nachfolgerin ankündigte, in einem Anfall von Schwermuth, nicht mehr den Schellenzug in Bewegung setzen zu können, an demselben erhängt.

Gewiß, die Pariser Concierges gehören zu den Plagen, die man nicht entbehren kann, und in ihrer Unentbehrlichkeit liegt der Grund, daß in der Weltstadt Groß und Klein, Hoch und Niedrig sich ihre Tyrannei gefallen läßt.




Im Heim zweier Edlen.


Zu den schönsten Partien in Meißens Umgebungen gehört Schloß Siebeneichen, berühmt durch seine höchst malerische Lage und seine herrlichen Anlagen. Während der Sommer- und Herbstmonate von Tausenden von Fremden und Einheimischen besucht, entbehrt es zwar jener Romantik, an die sich wüstes Ritter- und Raubwesen knüpft, begnügt sich aber dafür mit dem Rufe eines wahren Edelsitzes, wenn wir darunter eine Stätte begreifen, wo reinster Patriotismus herrschte und gepflogen wurde, wo Künste und Wissenschaften einen traulichen Herd fanden. Die Namen Gellert, Fichte, Novalis und Theodor Körner sind eng mit der Geschichte Siebeneichens verbunden.

Vom Wirthschaftshofe durch Parktheile abgesondert, ragt das große burgmäßig gethürmte Schloß mit Doppelflügeln ältern und neuen Baues majestätisch empor. Es liegt auf einem zwischen zwei tiefen Waldschluchten hervorspringenden felsigen Bergrücken, der eine Höhe von hundertfünfzig Fuß über dem Elbthale hat. Siebeneichen war ehemals eine Meierei des Frauenklosters „Zum heiligen Kreuz“ bei Meißen, dessen Ruinen sich bis heute erhalten haben. Im Jahre 1535 wurde das Kloster säcularisirt und Siebeneichen vom Herzog Moritz seinem Landeshauptmann Ernst von Miltitz käuflich überlassen. Seitdem befindet es sich als Mannslehen im Besitze dieser Familie.

Ernst von Miltitz erbaute 1545 das Schloß, dessen einer Theil noch heute – in Verbindung mit dem neuern Anbau – ein stattliches Ganze bildet. Jenen Anbau errichtete Heinrich Gottlob von Miltitz nach Abtragung des vordern Theils des Schlosses 1745 in modernem Stile. Die Grabplatte des Erbauers – er kniet mit einem anderen Ritter, wie unsere Abbildung zeigt, darauf in voller Rüstung vor dem Erlöser – ist nebst anderen Denksteinen in eine der Mauern des Schloßhofs eingefügt worden und trägt folgende jene Zeit charakterisirende Unterschrift in Versen:

„Der Gestreng und Erenvest,
Ernst von Miltitz gewest,
Vier Fürsten von Sachsen Rath,
Dazu ihn Gott verordnet hat,
War lang Marschall und Statthalter,
Des Rechts ein treuer Verwalter,
Kein’ Ritterzug ließ er sich dauern,
Half kämpfen die aufrühr’schen Bauern,
Gar stattlich ziert er seine Bäu,
Siebeneichen baut er ganz neu,
Zahlt er barlich ohne alle Schuld,
Sein Kreuz erträgt er in Geduld,
Bis daß ihn Gottes Gnade rief,
Und er züchtig im Herrn entschlief,
Sein Leib starb und verweset doch,
Sein’ Seel’ und guter Nam’ lebt noch.“

Der ausbrechende siebenjährige Krieg brachte schlimme Zeiten. Sowohl Oesterreicher wie Preußen (das Freicorps Lentulus) hielten in Siebeneichen abwechselnd ihre Winterquartiere. Von häufigen [765] Gefechten in dieser Gegend zeugen noch heute die hier und da aufgefundenen Kanonenkugeln und Ueberreste von Schanzen. Von den Besitzern verlassen (sie hatten sich auf andere Güter, wie Oberau etc., zurückgezogen), stand das schöne Schloß sieben Jahre lang leer und verlassen, bis es Ende des vorigen Jahrhunderts wieder ein dauernder Wohnsitz der Familie wurde. General Dietrich von Miltitz schuf den schönen Park und stattete das Innere des Hauses mit Geschmack und Kunstsinn aus, so daß es zu Dem wurde, was es heute ist, zu einer Freude für alle Besucher. Der jetzige Besitzer, Georg von Miltitz, Sohn des 1853 verstorbenen Generals, pflegt und erweitert in gleichem Sinne die Schöpfungen seiner Vorfahren, so daß Siebeneichen wohl als einer der schönsten Familiensitze Sachsens gelten muß.

Bei einem Rundgange durch’s alte Schloß betreten wir zuerst die Waffenhalle, welche mit alten Armaturstücken, meist der Familie von Miltitz angehörig, sowie einigen dergleichen Erinnerungen aus den Jahren 1813, 1866, 1870 und 1871 geschmückt ist. Familienbilder aus dem sechszehnten und siebenzehnten Jahrhundert haben neben dem historischen meist auch einen künstlerischen Werth, wie das Mobiliar, das aus gleicher Zeit stammt. Durch einen niedrigen Spitzbogen gelangen wir in des Besitzers Wohnzimmer, das mit einem schönen Plafond von Tiroler Zirbeltannenholz geschmückt ist, sodann in das daranstoßende Schreibzimmer (mit antikem Mobiliar und Holzbildhauerarbeiten von den Familiengrabmälern aus der St. Afrakirche in Meißen) und in die Bibliothek. Der Familien- oder Fürstensaal, den wir zunächst betreten, ist der größte und ansehnlichste des Schlosses. Hier befinden sich die Originalbildnisse sächsischer lutherischer Fürsten, sehr werthvolle Glasmalereien, seltene alte Hirschgeweihe und als ein Werk neuester Zeit ein Abguß von Rietschel’s lebensgroßer Pietà. Der daranstoßende Thurmerker, in Capellenform gehalten, ist durch vorzügliche altfranzösische Glasmalereien und altdeutsche Bildschnitzereien geziert, vor Allem aber durch ein Familiengemälde von Lucas Cranach. Die Aussicht von hier auf die berühmte Albrechtsburg, die hoch über dem Elbstrome thront und aus lachender Umgebung ernst und gebietend in den freien Horizont hinausragt, ist wahrhaft entzückend, und wir erinnern uns kaum, etwas Anmuthigeres und zugleich so Bedeutendes gesehen zu haben. Ein kleines Museum von Werthstücken aus der Stein- und Bronzeperiode, von Sammlungen chinesischer und indischer Alterthümer, vor Allem aber sehr werthvoller Kupferstiche möge unsern Rundgang im alten Schlosse schließen, den wir aus begreiflicher Discretion im neuen Schlosse nicht allzu sehr ausdehnen wollen. Vorzügliche Familienportraits von Hartmann und Schönau, namentlich aber von Anton Graf, begegnen uns hier, sowie im Salon der Dame des Hauses, der sich durch eine besonders schöne Aussicht auf das ganze Elbthal auszeichnet, sehr gute Landschaften neuerer Meister, Cabinetsstücke alten Meißener Porcellans, werthvoller Schnitzereien, Nippes etc. Der Speisesaal zu ebener Erde mit Austritt auf die Terrasse enthält neben vorzüglichen neueren Gemälden einen herrlichen van der Neer. Das so malerische kleine Jägerhaus, am Ausgange des Parks gelegen, dürfte wenige Altersgenossen haben, denn es wurde jedenfalls mit dem Schlosse erbaut, steht also schon über dreihundert Jahre.

Zweien Besitzern von Siebeneichen war es vom Schicksale vergönnt, wenn auch geräuschlos, so doch nicht minder wirkungsvoll in der Geschichte Deutschlands eine Rolle zu spielen, dem Einen auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, dem Anderen auf dem der Politik. Ernst Haubold von Miltitz war der Freund und Gönner Gellert’s, der Erzieher und Beschützer Fichte’s, und „dies Verdienst (sagt Hermann Marggraf), ein bedeutendes, vielverheißendes Talent zu erkennen, aus der Menge hervorzuziehen und für seine Entwickelung Sorge zu tragen, ist so groß wie irgend ein anderes“. Mit diesen Worten dürfte wohl das Urtheil des gebildeten Theiles der Nation übereinstimmen.

Haubold von Miltitz, geboren 1739 auf dem damals Miltitzischen Gute Oberau bei Meißen, war ein Mann von wahrhaft religiöser Gesinnung, woraus sein überaus inniger Verkehr mit Gellert, der ihn seinen Lieblingsschüler nannte, abzuleiten ist, wie auch ein späteres Ereigniß (seine Begegnung mit Fichte), das für die Entwickelung deutschen Geistes und deutscher Wissenschaft wichtig werden sollte.

Aus sechs Originalbriefen Gellert’s, die uns aus dem Archive von Siebeneichen zur Benutzung für die Gartenlaube gütigst überlassen wurden, wollen wir den letzten wählen, der uns insofern als der interessanteste erscheint, als er das Verhältniß beider Männer zu einander, wie die kleinen Gewohnheiten des edeln Fabeldichters selbst, nicht treffender charakterisiren könnte. Dieser Brief lautet:

„Wohlan, theuerster Miltitz! Ich will es in Gottes Namen wagen und meine Pfingstfeyertage in Oberau, in einem so guten und frommen Hause zubringen, und die Freuden des Umgangs, der Freundschaft und des Frühlings nicht sowohl genießen, als kosten. In der That bekommen Sie und Ihre würdige Gemahlin einen elenden Gast; aber was ich verderbe, das wird Wagner und seine Frau, das wird der Hofrath Knebel wieder gut machen. Meine Getränke früh und bei Tische bringe ich mit. Ein Paar Hauptgerichte, bester Herr von Miltitz, die ich alle Tage, die ich Winter und Sommer, die ich wie Arzney esse, sind Spinat, in nicht fetter Fleischbrühe, ohne Würze und Alles, gekocht. Diesen esse ich als Grünkraut Abends, ehe ich Fleisch esse. Das andre Gerichte ist gebacknes oder getrocknetes Obst, nämlich Pflaumen und Aepfel; diese esse ich ohne Zucker alle Mahlzeiten, etwan eine Mantel zusammen. – Finde ich in meiner Kammer ein leichtes, leichtes Deckbette, und einen Großvaterstuhl, nun so dürfen Sie weiter für nichts sorgen. Freitags, so Gott will, gehe ich bis Kreppendorf bey Hubertsburg zu dem Herrn von Zobel, bleibe die Nacht daselbst und denke Nachmittags zu guter Zeit bei Ihnen in Oberau einzutreffen, und etwan um drey Uhr in Meißen zu sein; Gott gebe glücklich!

Ihrer Frau Gemahlinn und Fräulein Schwester empfehle ich mich schriftlich zu Gnaden, bis ich’s bald persönlich zu thun das Glück haben werde.

     Leipzig, den 9. Mai 1769.

Der Ihrige,
Gellert.

Sollte ein unüberwindliches Hinderniß vorfallen, nun, so schreibe ich morgen Abend mit der reitenden Post. In meiner Stube bitte ich mir aus: eine Bibel und etliche historische Schriften.“

Der Brief ist, wie die übrigen, auf sehr grobes, aber auch sehr festes Conceptpapier geschrieben. Orthographie und Interpunction sind in der obigen Wiedergabe genau wie im Original. Zum Andenken an diesen Besuch Gellert’s wurden dessen Lieblingsplätze im Oberauer Park mit Denksteinen versehen, die noch jetzt in pietätvoller Erinnerung gehütet werden.

Ein zweiter, nicht minder wichtiger Moment im Leben Haubold’s von Miltitz ist seine Begegnung mit dem Philosophen Fichte. Wir theilen dieselbe so gedrängt wie möglich mit, und zwar nach mündlichen Mittheilungen seines Enkels, des jetzigen Besitzers von Siebeneichen, Georg von Miltitz, der sich noch Fichte’s aus der Knabenzeit erinnert und ihn als einen Mann von martialischer, untersetzter Figur und geröthetem Angesicht schildert.

Als einst an einem Sonntage Ernst Haubold seinen Schwager, den Grafen von Hoffmannsegg, in Rammenau in der Oberlausitz, besuchte und dort eine Predigt des als Kanzelredner berühmten Adam Gottlob Wagner hören wollte, war es zu spät zur Kirche geworden. Diese Versäumniß bei Tische beklagend, empfahl ihm der Schwager seinen Kuhjungen, der die Predigt vom Anfang bis zum Ende ziemlich unverändert wiedergeben würde. Haubold ließ ihn kommen. Der Knabe entsprach den Erwartungen und erregte seines andächtigen Zuhörers lebhafte Theilnahme. Dieser entriß ihn seinen Kühen, nahm ihn zuerst nach Siebeneichen und vertraute ihn darauf dem Prediger Gotthold Leberecht Knebel im Dorfe Niederau zur Erziehung und Lehre. Hier verlebte der glückliche Schützling seine schönsten Jugendjahre und wurde in Folge getroffener Verfügungen seines Gönners, der ein halbes Jahr früher starb, als der Knabe den Pfarrer Knebel verließ, auf der Fürstenschule zu Pforta und wahrscheinlich auch noch auf der Universität unterstützt, hauptsächlich wohl von der Familie Miltitz, dann auch von der Gräfin Hoffmannsegg und von dem Salinendirector von Hardenberg in Weißenfels, dem Vater des Dichters Novalis. Der Knabe hatte keine anderen Hülfsquellen als die genannten. Er besuchte noch als Student und Privatdocent den Sohn seines Gönners, Dietrich von Miltitz in Siebeneichen, der lange mit

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Die Gartenlaube (1873) b 766.jpg

Schloß Siebeneichen bei Meißen.
Originalzeichnung von Herbert König.

[767] ihm befreundet blieb, ihn nie aus den Augen ließ und selbst unterstützte, seit er seine Güter angetreten hatte. Der frühere Kuhjunge bewahrte aber auch der Miltitz’schen Familie eine unauslöschliche Dankbarkeit. Er hieß – Johann Gottlieb Fichte.

Nächst Haubold von Miltitz gehört zu den hervorragendsten Repräsentanten der Familie ein Mann von seltenen Gaben, der oben bereits als Schöpfer des Parkes zu Siebeneichen erwähnte Dietrich von Miltitz. Wir überspringen alle Privat- und Familienverhältnisse desselben und eilen jener großen Zeit zu, da jedes Patrioten Herz die schwersten Sorgen belasteten. Die Knechtschaft, in der das große deutsche Vaterland unter französischem Joche seufzte, und dabei die Versunkenheit des kleinen sächsischen Vaterlandes bewegten Dietrich von Miltitz auf das Schmerzlichste und nahmen einen großen Theil seiner Thätigkeit in Anspruch. Der wärmste Vaterlandsfreund, gesellte er sich jenen Deutschen zu, die anfangs zwar nur im Geheimen arbeiteten, sich aber später offen durch Rath und That, zuletzt durch Opfer aller Art, ja durch Hingebung von Blut und Leben um die Befreiung des Vaterlandes Verdienste erwarben und in unvergänglichem Glanze vor ihrer Nation dastehen. Männer, wie Pfuel, Kleist, Carlowitz, Thielemann, Fichte, Kielmannsegg, Körner, Vater und Sohn[2], De la Motte-Fouqué, G. Geßler und Andere, waren seine Freunde und fanden zu Siebeneichen ein Asyl für ihre stille politische Thätigkeit gegen Napoleon. Wissenschaftliche, in Gemeinschaft betriebene Arbeiten liehen hierzu den so nöthigen Deckmantel.

„Es giebt ausgezeichnete Menschen,“ sagt Adolf Peters, der Biograph Dietrich’s von Miltitz, „deren schöpferische Thätigkeit sich nicht nach augenscheinlichen Ergebnissen messen, nicht in einer Reihe glänzender Einzelthaten aufzählen läßt, wohl aber, wenn auch im Stillen, doch nachweisbar, die große Summe weltgeschichtlicher Entwickelungen bilden hilft. Zu diesen gehörte General Dietrich von Miltitz.“ Wem aber dieses Urtheil noch nicht vollwichtig und maßgebend genug erscheinen dürfte, dem citiren wir eine Stelle aus einem Briefe Stein’s an die Gräfin Reden, welche lautet: „Ich freue mich sehr, daß O. (damals Obrist) Miltitz Ihre Bekanntschaft gemacht hat. Er besitzt den edelsten Charakter, den er in dem verhängnißvollen Jahre 1813 bewährte, wo er im März und in den unmittelbar folgenden trüben Tagen Gut und Blut freudig für die gute Sache einsetzte und 1814 sehr wohlthätig durch Einfluß und Beispiel auf sein Vaterland einwirke, und er gehört zu denen sehr wenigen, die sich ohnverändert tüchtig, rein und edel bewährten. Versichern Sie ihn, meine vortreffliche Freundin, ich bitte Sie, meiner höchsten Achtung und Freundschaft“ (vom 7. Januar 1817). Im April dieses Jahres wurde von Miltitz General, und Stein fügt im Herbst desselben Jahres in einem zweiten Briefe an dieselbe Freundin noch die bekräftigende Aeußerung hinzu: „General Miltitz ist einer der edelsten vortrefflichsten Männer, die ich in meinem ziemlich erfahrungsreichen Leben kennen lernte.“

Die militärische Wirksamkeit Dietrich’s begann mit der schwierigen Aufgabe einer Mittelsperson zwischen der feindlichen Armee und der von den Durchmärschen betroffenen sächsischen Bevölkerung, wobei er sogar einmal gegen den Herzog von Braunschweig-Oels den Degen zog, als dieser sich allzu hart gegen die Sachsen aussprach. Doch der edle Braunschweiger, in Miltitz den deutschen Patrioten hoch achtend, reichte ihm versöhnlich die Hand. Im Anfang des Jahres 1813, als die Vorhut der befreienden Preußen und Russen sich Dresden näherte, sprach sich von Miltitz, wohl wissend, daß es sich hierbei um sein persönliches Sein oder Nichtsein handelte, rücksichtslos für die gute Sache aus und widmete ihr allein seine Kräfte. Mitten in den Zwiespalt zweier großer menschlicher Pflichten gestellt, fühlte er sich durch Gesinnung und ihm heilige Ueberzeugung getrieben, der Pflicht für das große Vaterland den Vorrang zu geben vor der Obliegenheit für das kleinere, und schuf deshalb seine sächsische Zwischenstellung mehr und mehr zu einer deutschen Sonderstellung um, während König und Heer noch in französischen Reihen fochten. 1814 führte von Miltitz nächst dem General Carlowitz das Banner der freiwilligen Sachsen. Als Gouvernementsrath reiste er zweimal nach Wien, um durch Denkschriften und Vorstellungen die drohende Zerstückelung Sachsens abzuwenden, und als im Februar 1815 der Congreß die Theilung Sachsens aussprach, kam von Miltitz sofort um seinen Abschied ein und trat als Oberst in preußische Dienste. 1830 nahm er als Generallieutenant seinen Abschied.

Der Geist dieses ausgezeichneten Mannes und Patrioten lebt in den Söhnen fort, und seine Spuren finden sich noch in den schönen Räumen Siebeneichens. Selbst den Park durchweht noch heute dieser Geist, denn jene bronzene Säule mit dem Adler wurde erst vor zwei Jahren „den siegreichen deutschen Kriegern errichtet“, unsern Wächtern am Rhein.




Der Neujahrstag in Amerika.
Von George Stein.


Unaufhörliches Knattern und Dröhnen explodirender Feuerwerkskörper, ohrenbetäubendes Donnern von Kanonenschlägen und dazwischen das laute und lustige Schreien, Lachen und Jubeln Jung-Amerikas – wir feuern heute den Vierten Juli, das größte amerikanische Fest, und nur wer, wie wir, das ganze Jahr hindurch tagaus tagein an den Pflug gespannt ist, fühlt es, welch ein Zauber in den Worten liegt: wir haben einen Feiertag!

Wie gut haben’s doch die Deutschen im alten Vaterlande! Ihnen hat ein freundliches Geschick außer den zweiundfünfzig Sonntagen des Jahres, die so fröhlich und heiter gefeiert werden, noch zwei Oster-, zwei Pfingst-, zwei Weihnachts- und einen Neujahrstag geschenkt, zu denen sie sich aus eigener Machtvollkommenheit in der Regel noch den dritten, respective den zweiten zulegen. Außerdem hat es ihnen, namentlich den Bewohnern des südlichen Deutschland, eine schöne Auswahl von Heiligen beiderlei Geschlechts gegeben, welche „glaubwürdigen Berichten zufolge“, wie die Zeitungen sagen, zum Wohle der sündigen Menschheit dieses irdische Jammerthal auf etwas ungewöhnliche Art mit einem besseren Jenseits vertauscht haben sollen, ein Verdienst, welches die frommen Deutschen dadurch gebührend anerkennen, daß sie an den Namenstagen dieser Heiligen möglichst gut und viel essen und trinken und sich nach Kräften amüsiren. Schließlich hat eine gütige Vorsehung in ihrer unerforschlichen Weisheit sie noch mit einem Landesvater oder doch mindestens mit einer Landesmutter beglückt, die, in der „guten alten Zeit“ wenigstens, mit den Heiligen auf einer Rangstufe standen und deren Geburtstage daher ganz so wie die Namenstage der Heiligen gefeiert zu werden pflegten und es vielleicht hier und da auch jetzt noch werden.

Nichts von Alledem hier in Amerika! Der Amerikaner will möglichst viel Geld verdienen oder „machen“, wie er sich ausdrückt, und arbeitet daher sechs Tage in der Woche so angestrengt, daß ihm der Sonntag ein willkommener Ruhetag, ein wahrer Sabbath ist, und das einzige Amüsement, welches er sich an demselben gönnt, in einem Gange zur Kirche besteht, ein Vergnügen, welches ihm der Deutsch-Amerikaner so herzlich gönnt, daß er, nur um ihn nicht darin zu beeinträchtigen, trotz aller Sonntagsgesetze noch immer ein grünes Plätzchen im Freien zu finden weiß, wohin er mit Weib und Kind wandert, um sich beim Genusse des vaterländischen Gerstensaftes und heimathlicher Lieder auf seine eigene Art und Weise zu erbauen. Der Irländer wandelt die goldene Mittelstraße und weiß das Nützliche des Amerikaners mit dem Angenehmen des Deutschen zu verbinden. Als guter Katholik besucht er am Sonntage zwar auch fleißig die Kirche, versäumt es aber niemals, sich bereits am Tage vorher mit der nöthigen und nicht zu knapp bemessenen Quantität [768] „Roller Brandy“ und „Jersey Lightning“[3] zu versorgen, mit welcher er am Sonntage nach genossener Predigt, meistentheils aber schon vor derselben, den inneren Adam so tüchtig zu erfrischen pflegt, daß ihm das Herz aufgeht und er sich im Kreise gleichgestimmter Seelen oder im trauten Schooße seiner Familie den Nationalbelustigungen von „Old Ireland“, bei welchen bekanntlich das Einschlagen von Hirnschädeln, das Abbeißen von Nasen, Lippen und Ohren und ähnliche harmlose Neckereien eine Hauptrolle spielen, mit anerkennenswerthem Eifer hingiebt.

Dies sind unsere Sonntage. Die andern christlichen Feste werden nur gefeiert, wenn sie auf den Sonntag fallen, und auch dann nur ganz in der Weise des letzteren; damit ist es also ebenfalls nichts. Von den Heiligen will nun der Amerikaner durchaus gar nichts wissen, die „Heiligen der Neuzeit“ am Salzsee („the latter days saints“), die „Schütteler“ oder „Zitterer“ („Shakers“), die heiligen Bekenner der freien Liebe („Free Lovers“), und wie diese modernen Heiligen alle sonst noch heißen mögen, haben dieses Heiligengeschäft bei uns in gar zu übeln Geruch gebracht, und der 22. Februar, der Geburtstag George Washington’s, des einzigen Heiligen, welcher hier jemals anerkannt worden ist, geräth auch schon immer mehr in Vergessenheit, und wenn auch an diesem Tage auf den öffentlichen und auf vielen Privatgebäuden das Nationalbanner weht, die Staats- und Stadtbeamten sich einen Feiertag gönnen, die Milizregimenter und die Veteranen von 1812 wohl auch eine Parade halten, so wird das allgemeine Geschäft, wenigstens hier in New-York, doch nicht dadurch unterbrochen.

Was schließlich den Landesvater betrifft, so erfreuen sich die Amerikaner bekanntlich einer solchen Segnung nicht und verdienen sie auch nicht, feiern sie doch in unbegreiflicher Verblendung gerade den vierten Juli, den Tag, welcher ihnen nun bald vor hundert Jahren in George dem Dritten von England ihren letzten Landesvater raubte, als ihr größtes Nationalfest, neben welchem nur noch ein einziges, nämlich das Neujahrsfest, als voller und alle geschäftliche Thätigkeit ausschließender Feiertag anerkannt wird. Es giebt zwar außerdem noch einige sogenannte Feiertage, wie zum Beispiel der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten alljährlich, gewöhnlich auf den vierten Donnerstag im November anberaumte Danksagungstag („Thanksgiving’s-day“) und der „Evacuation-day“, der 12. Oktober, der Tag, an welchem im amerikanischen Revolutionskriege die britischen Truppen 1782 zum letzten Male New-York räumten, und deshalb ein specifisch New-Yorker Feiertag; der erstere wird jedoch nur durch allgemeines Essen von Truthahnbraten und Trinken von Punsch, und der letztere durch eine Parade der Milizregimenter gefeiert; außerdem gehen beide spurlos vorüber, sie unterbrechen das Geschäft, das „business“, nicht. An wirklichen Feiertagen bleiben mithin nur der Neujahrstag und der vierte Juli.

Das Neujahrsfest ist ein Fest für die Erwachsenen. Wie der fromme Israelite am „Séder“, dem Vorabend des Passah- oder Osterfestes, die Schüssel mit dem ungesäuerten Brode, den bitteren Kräutern, dem verbrannten Hammelsknochen, dem in Asche gerösteten Ei und ähnlichen Delikatessen hoch emporhebt und alle Hungrigen zur Theilnahme an diesen Leckerbissen einladet – (allerdings thut er dies, wahrscheinlich aus Furcht vor einer Verbal- oder gar Real-Injurie, in chaldäischer Sprache, welche heutzutage nicht allgemein verstanden werden soll) – so öffnet am Neujahrstage, namentlich in New-York, der sonst ziemlich exclusive Amerikaner nicht nur sein Herz, sondern, was noch unendlich viel mehr sagen will, sein Haus und heißt die ganze Welt zu einem Mahle willkommen, welches nicht nur aus weniger unverdaulichen compacten, sondern auch aus den ausgesuchtesten flüssigen Nahrungsmitteln besteht. Namentlich unter den jungen Damen Amerikas – Mädchen giebt es hier bekanntlich nicht, sondern nur „young ladies“, junge Damen – herrscht schon einige Zeit vor dem Neujahrstage eine nicht geringe Bewegung, denn für jede von ihnen handelt es sich nicht nur um einen einfachen Festtag, sondern um einen Wettkampf mit allen ihren Freundinnen, bei welchem Derjenigen die Siegespalme zuerkannt wird, welche an diesem Tage die meisten „Calls“ (Besuche) empfängt, mithin die größte Anzahl von Verehrern aufzuweisen im Stande ist. Deshalb kündigt die junge Amerikanerin schon einige Zeit vor dem Feste ihren sämmtlichen dem stärkeren Geschlechte angehörigen Bekannten ihre Absicht, am Neujahrstage zu „empfangen“ oder „offenes Haus zu halten“ („to keep open house“), wie man hier zu Lande sagt, an, und sämmtliche Herren verstehen diesen zarten Wink und wissen, daß sie, wenn sie es mit der Dame für immer verderben wollen, am Neujahrstage nur unsichtbar bleiben dürfen, dagegen sich bei ihr – für diesen Tag wenigstens – einen Stein im Brette erwerben können, wenn sie nicht nur in eigener Person ihre Aufwartung machen, sondern auch eine möglichst große Anzahl von Herren, wenn sie auch der Dame, welcher der Besuch gilt, gänzlich unbekannt sind, zu demselben Dienste pressen.

Nun fehlt es der amerikanischen jungen Dame durchaus nicht an Selbstbewußtsein; sie traut sich im Gegentheile die Fähigkeit zu, eine ganze Legion von jungen Männern anzuziehen und vor ihren Siegeswagen zu spannen, – hat sie doch diese Anziehungskraft schon, als sie noch die Schule besuchte, hinlänglich erprobt. Wo es sich aber um so Großes, wie um einen Sieg über ein halbes Dutzend guter Freundinnen handelt, geht sie lieber doppelt sicher und nimmt daher keinen Anstand, ihren eigenen Reizen noch die einer mit den guten Dingen dieser Welt wohlbesetzten Tafel hinzuzufügen; ja, wenn ihre eigenen Mittel es ihr nicht gestatten, die mit einem solchen Empfange verbundenen Kosten zu tragen, so zögert sie sogar keinen Augenblick, zum modernen Cooperativsystem ihre Zuflucht zu nehmen und mit einer oder gar mehreren guten Freundinnen das Neujahrsempfangsgeschäft in Compagnie zu betreiben, so daß jedes Mitglied der Firma einen gleichen Theil der Ausgaben trägt und dafür den dasselbe treffenden Antheil am Gewinne, das heißt an den Besuchen, gutgeschrieben erhält. Der gemeinschaftliche Empfang findet in diesem Falle selbstverständlich bei derjenigen Partnerin statt, welcher der schönste Parlor (Salon) zur Verfügung steht.

Der langersehnte Tag ist endlich da. – Vor wenigen Jahren noch konnte man, wenn man auch noch so fest schlief, den Beginn des neuen Jahres auf die Minute genau erkennen. Jung-Amerika pflegte sich nämlich am Sylvesterabend gestiefelt und gespornt in’s Bette zu legen, um mit dem zwölften Glockenschlage vollständig angekleidet aufspringen und das neue Jahr mit einer herrlichen Serenade aus gewissen Blechtrompeten begrüßen zu können, deren Zaubertöne im Augenblick die ganze Nachbarschaft auf die Beine brachten und sämmtliche Hunde ein Angstgeheul ausstoßen ließen. Doch ach! diese schöne Zeit ist auch schon dahin: die Polizei, eine abgesagte Feindin aller Poesie, hat in unsern jugendlichen Virtuosen die Leidenschaft für die Blechmusik vollständig erstickt und nur das melodische Wunderhorn des Fischhändlers erinnert uns noch an jedem Freitage wehmuthsvoll an die ehemaligen Neujahrsfreuden und an das Dahinschwinden aller Poesie. Unter diesen Umständen ist man heutzutage leider gezwungen, bis Tagesanbruch zu schlafen. Mit anbrechendem Morgen wird aber Alles für den bevorstehenden Tag in Bereitschaft gesetzt. Der Parlor ist auf’s Schönste ausgeschmückt und im Hintergrunde desselben winkt verheißungsvoll ein schön gedeckter Tisch mit appetitlich aussehenden Schüsseln und vielversprechenden weitbauchigen, im Glanze der Morgensonne funkelnden Flaschen.

Wenn die erwachsene Tochter im amerikanischen Hause schon das ganze Jahr hindurch die eigentliche Herrin desselben ist, so ist sie es an diesem Tage noch viel unumschränkter, denn nur ihr gelten die erwarteten Besuche. Der Frau Mama gestattet sie vielleicht das Verweilen im Parlor, daß aber der Herr Papa am Neujahrstage nichts darin zu suchen hat, versteht sich ganz von selbst. Sie selbst hat sich mit ihren schönsten Gewändern und ihrem süßesten Lächeln geschmückt – und es ist bekannt, daß die junge Amerikanerin in Beidem Bedeutendes leistet – und erwartet die Huldigungen ihrer Verehrer. Und sie kommen, sie kommen! Zu zweien, zu Vieren, zu Sechsen kommen sie und legen ihr „a happy new year“ (glückliches Neujahr) der Dame zu Füßen. Die Fremden werden vorgestellt, schütteln ihr nach Landessitte freundschaftlich die Hand, tauschen mit ihr einige meteorologische Beobachtungen und dergleichen aus

[769] und nehmen dann an dem erwähnten Tische im Hintergrunde des Parlors einen kleinen Imbiß. Der Labetrunk, der ihnen von den schönen Händen der Dame credenzt wird, verfehlt niemals seine eigenthümlich anregende Wirkung. Man lacht und scherzt eine Weile; die näheren Bekannten der Dame des Hauses erhalten in der Regel die Erlaubniß, ihre rosigen Lippen küssen zu dürfen, lassen als Quittung für den genossenen Empfang ihre Karten zurück und besteigen dann den auf gemeinschaftliche Kosten und zu einem exorbitanten Preise gemietheten Wagen, um ihre Runde fortzusetzen.

Noch hat sich die eine Partei indessen nicht entfernt, so ist bereits eine zweite Abtheilung da, und das Spiel beginnt von Neuem und wird den ganzen Tag hindurch fortgesetzt, denn immer neue Besucher erscheinen, welche sich nur, je weiter der Tag vorschreitet und sich seinem Ende zuneigt, durch ihre immer größere Gesprächigkeit, ihre immer lautere Heiterkeit und die immer längere Dauer ihrer Visite vor ihren Vorgängern auszeichnen. Nicht Wenigen von ihnen wird das Fortgehen so schwer, daß sie sich sogar mit Gewalt fortreißen und in ihren Wagen tragen lassen müssen, wobei die Einen oft vor Wehmuth laut schluchzen, die Anderen in hellen Jubel über das genossene Vergnügen ausbrechen, noch Andere über die für sie so schmerzliche Trennung in so große Aufregung und Wuth gerathen, daß sie nicht mit Worten allein dagegen protestiren und auch auf dieselbe Weise beruhigt werden müssen. Da sieht man es ganz deutlich, welchen Zauber unsere jungen Damen auf unsere jungen Männer ausüben. Man darf nämlich nicht außer Augen lassen, daß diese Herren in der Regel eine bedeutende Anzahl solcher „Calls“ machen, und da sie überall von den Damen mit gleicher Zuvorkommenheit und Freundlichkeit empfangen werden, so ist es nur natürlich, daß ihnen vor Rührung die Herzen auf- und die Augen übergehen. Der oben erwähnte Tisch mit den Flaschen hat selbstverständlich mit dieser Rührung nicht das Geringste zu schaffen, – das geht schon daraus hervor, daß einige fanatische Temperanzler es am letzten Neujahrstage versucht haben, statt der bisher gebräuchlichen Stimulanzen Kaffee und Thee einzuführen, eine Sittenverderbniß, gegen welche unsere jungen Leute beiderlei Geschlechts voll gerechter Entrüstung protestiert haben. Der Abend des ersten Januar ist endlich angebrochen. Müde und erschöpft von der Aufregung des ganzen Tages und doch glücklich über die ihr gewordenen Aufmerksamkeiten und Huldigungen, sitzt die junge Dame in Gesellschaft ihrer besonders bevorzugten Freunde, die sich den Besuch bei ihr natürlich bis zuletzt aufgespart haben, um in ihrer Gesellschaft den Abend zu verbringen, überläuft die Liste der empfangenen Besuche und sieht, ob auch kein theures Haupt fehle. Die Straßen, auf denen es den Tag über von Wagen und Fußgängern gewimmelt hat, werden immer leerer und öder, und diejenigen Spaziergänger, denen man jetzt noch begegnet, zeichnen sich gewöhnlich durch ihre außerordentlich laute Lustigkeit aus oder verrathen einen unwiderstehlichen innern Drang, dem silbernen Monde, wenn er gerade scheint, oder den Bäumen, Häusern und Laternenpfählen die keuschen Geheimnisse ihres Herzens mitzutheilen; namentlich für die letzteren zeigen sie eine so tiefe Zuneigung, daß sie dieselben oft umarmen und voll Inbrunst an ihr Herz drücken. Auch scheint sich der kleine Puck an diesem Abende ein besonderes Vergnügen daraus zu machen, harmlose Wanderer irre zu führen, denn es ist kaum glaublich, wie Viele an diesem Abende nicht im Stande sind, ihre Wohnung aufzufinden und daher von einem in einen blauen Rock mit silbernem Schilde gekleideten Schutzgeist nach den verschiedenen Hôtels geführt werden, die unter dem Namen Polizeistationen allgemein bekannt sind und welche die Stadt New-York für derartige Verirrte eingerichtet hat. Dort bringt der Verirrte in einem allerdings mehr auf seine Sicherheit als auf seinen Comfort berechneten Zimmer die Nacht zu und zahlt am nächsten Morgen an den Wirth, welcher mit dem pomphaften Titel „your honor“ (Euer Ehren) angeredet wird, ein Schlafgeld von zehn Dollars, was in Anbetracht der Ehrlichkeit, mit welcher über die empfangene Summe in sämmtlichen Tagesblättern der Stadt mit genauer Angabe des Namens und der Wohnung des Gastes quittirt wird, nicht zu teuer ist.

Am zweiten Januar wiederholen sich, jedoch nur einzig und allein in New-York, die Scenen des Neujahrstages, nur mit dem Unterschiede, daß die Herren in ihren Geschäftslocalen und Privatwohnungen es sind, welche die Besuche empfangen, und die jungen Damen diesmal die „Calls“ machen und sich an dem auch heute nicht fehlenden, sondern wo möglich noch reicher versorgten Tische ein wenig erfrischen. Deshalb heißt dieser Tag auch der „Ladies Day“, der Tag der Damen, und heute wimmelt es auf allen Straßen von Damen, welche, gerade wie gestern die Herren, in kleineren oder größeren Gesellschaften ihre Runde machen und denjenigen die Ehre ihres Besuches gönnen, welche sie gestern bei sich empfangen haben. Daß es an diesem Tage, obgleich das Geschäft durch diese Besuche nicht unterbrochen wird – wie könnte der Amerikaner auch wohl gleich zwei Tage hintereinander „verlieren“! –, noch viel heiterer zugeht, bedarf kaum der Erwähnung, denn auch auf die Mitglieder des zartern Geschlechts übt merkwürdiger Weise die Freundlichkeit der Herren dieselbe zauberhafte Wirkung aus, und auch sie zeigen am Abende des „Ladies Day“, wenn auch nicht ganz in so hohem Grade, dieselben Symptome lauter Fröhlichkeit, tiefer Rührung und stiller sinniger Beschaulichkeit, welche am vorherigen Abende an ihren Freunden zu bemerken waren; nur nehmen sie sich so viel wie möglich vor den losen Streichen des kleinen Puck in Acht. – Am nächsten Morgen ist die ganze Herrlichkeit zu Ende und nichts davon zurückgeblieben als jener unbeschreibliche Zustand, welcher mit dem Namen „das graue Elend“ so treffend bezeichnet wird. Für einige Tage bieten die Vergleiche zwischen den einzelnen Callregistern den Damen noch Stoff zur Unterhaltung, und dann vergehen sechs lange einförmige, durch keinen Festsonnenstrahl erhellte Monate, bis am Morgen des vierten Juli die amerikanische Festessonne in ihrer ganzen Herrlichkeit aufgeht und die ganze Union ihr laut entgegenjubelt.

Von diesem 4. Juli ein andermal!




Blätter und Blüthen.


Noch einmal die alte deutsche Puppenkomödie. Die hervorragende Bedeutung, welche die alten Puppenspiele für unsere Literatur und Culturgeschichte haben und welche Fr. Helbig in Nr. 21 dieses Blattes eingehend besprochen hat, ist von den Literaturhistorikern stets anerkannt, und es ist kaum zu begreifen, daß uns dieselben nicht schon lange im Druck vorliegen. Hat man doch längst begonnen, mit wahrem Bienenfleiß und schätzenswerther deutscher Gründlichkeit die alten Volkslieder, Märchen und Sagen aus allen Winkeln und Ecken zusammenzutragen; sollte das alte deutsche Volksdrama weniger Berechtigung haben, gesammelt und durch die Druckerschwärze der Welt erhalten zu werden? Dieses Stück echter deutscher Vokspoesie schien bis jetzt ernstlich Gefahr zu laufen, der Literatur und dem Volke vollständig abhanden zu kommen. Den Hauptgrund hierfür müssen wir wohl in dem strenggewahrten Zunftgeheimniß der Puppenspieler suchen, welches jede Vervielfältigung durch Druck und handschriftliche Aufzeichnung verbietet und ausschließlich eine mündliche Ueberlieferung der Stücke von dem „Meister“ auf den „Gesellen“ bedingt, welch letzterer nach dem Tode des Meisters dessen volle Erbschaft antritt und mit derselben namentlich auch die Figur des „Hanswurst“, jetzt „Kasperle“, übernimmt.

Fleißige und bedeutende Forscher auf dem Gebiete altdeutscher Literatur, wie Oskar Schade und Karl Simrock, haben nur das Puppenspiel „Doctor Johann Faust“ im Druck herausgegeben; dem Simrock’schen soll der Text des bekannten Puppenspielers Geißelbrecht zu Grunde liegen.

Geißelbrecht, ein Wiener Mechanikus, zog mit seiner Marionettenbühne im ersten Decennium dieses Jahrhunderts in Deutschland herum und hatte seinen Hauptsitz in Frankfurt am Main. Er gab vorzugsweise moderne Stücke; die eigentlichen Puppenspiele hatte er nicht in so alter, unverfälschter Ueberlieferung, wie die Gesellschaft „Schütz und Dreher“, welche ihrer Zeit viel Aufsehen machte und nach dem Urtheile verschiedener Schriftsteller die Puppenspiele in ältester, möglichst unverfälschter Form gegeben haben soll. Diese Marionettenbühne war so vortrefflich, daß man im Jahre 1804 zu Berlin fast alle Abende die geistreichsten Männer und Frauen, Philosophen, Dichter und Kritiker dort zu finden pflegte. – Fr. Heinrich von der Hagen sagt über den Schütz-Dreher’schen „Faust“ Folgendes:

„Die älteste Gestalt trägt ohne Zweifel noch jenes Spiel, das sich seit etwa vierzig Jahren wohl Mehrere mit uns erinnern, hier in Berlin und Breslau gesehen und gehört zu haben durch die unter dem Namen ‚Schütz und Dreher‘ von Zeit zu Zeit erscheinende Gesellschaft.“

Diese mit ihrem „Kasperle“ aus Oberdeutschland kommende Gesellschaft gab eine ganze Reihe von guten älteren Stücken, ritterliche Schauspiele, romantische Umdichtungen antiker Mythen, auch geistliche Stücke aus Bibel und Legende und geschichtliche Stücke, wie „Der Raubritter“, „Der schwarze Ritter, „Medea“, „Alceste“, „Judith und Holofernes“, „Haman und Esther“ (auch von Goethe benutzt), „Der verlorene Sohn“, „Genoveva“, „Fräulein Antonia“, „Mariana oder der weibliche Straßenräuber“, [770] „Don Juan“, „Trajanus und Domitianus“, „Die Mordnacht in Aethiopien“, „Fanny und Durman“ (eine englische Geschichte) u. a. Der nun auch schon verstorbene Schütz war zuletzt alleiniger Besitzer dieser Bühne und spielte immer mit größtem Erfolge den durch alle Stücke gehenden und auch in einem eigenen Stücke („Kasperle und seine Familie“) verherrlichten lustigen Diener (vor Gottsched, der ihn unbarmherzig von der Bühne verbannte, „Hanswurst“ genannt) und zugleich die Haupthelden, wie Faust, Don Juan etc. Das Haupt- und Zugstück blieb aber immer Doctor Faust, wie wir es auch bei späteren bekannten Puppenspielern, wie Thieme, Eberle, Gebrüder Lorgin, sowie bei den gegenwärtigen Principalen Bonneschky, E. Wiepking, Schwiegerling, C. Dietrich u. A. finden.

Lange Zeit hindurch erfüllte das Marionetten- oder Puppentheater die Aufgabe, das dramatische Bedürfniß des deutschen Volkes zu befriedigen. Es ersetzte während des dreißigjährigen Krieges die Darstellungen der aus Deutschland verschwundenen englischen Schauspielertruppen und rettete in jener bedrängten Zeit das deutsche Drama vor dem gänzlichen Verfall und Untergang. Die früher von den Marionettenbühnen vorzugsweise aufgeführten und gerne gesehenen biblischen Stücke und Burlesken bezeugen, daß die Puppenkomödie es ist, welche die directe Erbschaft des geistlichen Schauspieles und der Fastnachtsbühne angetreten hat, und Stücke wie „Der Sündenfall“, „Goliath und David“, „Haman und Esther“, „Judith und Holofernes“, „König Herodes“, „Der verlorene Sohn“ etc. sind sicherlich unmittelbar von dem geistlichen Theater unter die Marionetten gegangen. Das übrige weltliche Repertoire bestand vorzugsweise aus den vorhin bereits genannten Stücken.

Wenn auch nicht alle, so doch wohl die besten der angeführten Puppenspiele sollen uns jetzt gerettet und durch den Druck bleibendes Eigenthum des deutschen Volkes und der Literatur werden. Es ist dies das Verdienst des kaiserlich russischen Concertmeisters außer Diensten Karl Engel in Dresden, eines Oldenburgers, den sein gründliches Studium der Faustsage und unermüdliches Sammeln der Faustliteratur – er hat eine „Bibliotheca Faustiana“ von nahezu achthundert Nummern zusammengestellt – naturgemäß auch auf das Sammeln der alten deutschen Puppenspiele lenkte. Theils auf stenographischem Wege, theils mit vieler Mühe direct aus den Händen der Puppenspieler, „als Heiligthum vermacht“, sind ihm eine Reihe alter Volksschauspiele zu eigen geworden, die er jetzt nebst seinem größeren Faustwerk im Verlage der Schulze’schen Buchhandlung in Oldenburg erscheinen lassen und damit der Oeffentlichkeit übergeben wird. Der regsten Theilnahme aller Freunde deutscher Dichtung und kernigen deutschen Humors kann er sicher sein.
A. Sch.

Die Procession am Fridolinstage. (Mit Abbildung, S. 759.) Joseph Victor Scheffel’s anmuthiger und naturfrischer Romanzencyklus „Der Trompeter von Säkkingen“ mit seinen gesunden und kernigen Gestalten, seinen lebensvollen Genrebildern aus Deutschland und Italien und seinen neckischen und launigen Liedern voll Humor und Witz ist längst ein Lieblingsbuch des lesenden Publicums geworden. Um so mehr darf ein Unternehmen freudig willkommen geheißen werden, welches sich die Aufgabe stellt, die trefflichen Charaktere und reizenden Gemälde, die der Dichter des „Trompeters“ uns vor die Seele führt, auch unserm sinnlichen Auge zu vermitteln. Der rühmlich bekannte Meister Anton von Werner, besonders durch seine Illustrationen zu Herder’s „Cid“ und Schiller’schen Dichtungen in weiteren Kreisen gefeiert, hat bereits früher die Scheffel’schen Poesien mit prächtigen Zeichnungen geschmückt, welche dieselben dem Verständnisse der Leserwelt um ein gut Stück näher rückten. Nunmehr tritt er mit einer illustrieren Prachtausgabe des Scheffel’schen „Trompeters von Säkkingen“ vor’s Publicum (Stuttgart, J. B. Metzler), einem Werke, in welchem Dichter und Zeichner sich zu dem denkbar schönsten Bunde die Hand reichen, so daß Wort und Bild dem Quell einer Schöpferkraft zu entstammen scheinen. Anton von Werner hat den Geist dieser Scheffel’schen Dichtung mit einer Feinheit nachempfindender Phantasie wiederzugeben gewußt, welche Bewunderung erweckt, und in diesem Gefühle haben wir geglaubt, es nicht unterlassen zu dürfen, unseren Lesern eine Probe aus dem Scheffel-Werner’schen Buche mitzutheilen.

Unser Bild stellt die Procession (Drittes Stück: Der Fridolinstag) dar. Es ist der sechste März. Jung-Werner ist eben aus dem Pfarrhof geritten, und die Stadt des heiligen Fridolin schimmert ihm in heiterem Sonnenlichte entgegen. Als er durch das Thor reitet, klingen Orgeltöne an sein Ohr – und siehe da! feierlich kommt die Procession dahergezogen. Jung und Alt, Vornehm und Gering war im Zuge vertreten; den Matronen folgten die Jungfrauen.

Ein Madonnenbildniß trugen
Sie voraus; es war geschmückt mit
Purpurschwerem Sammtgewande,
Das als Weihgeschenk zum Danke
Für des Kriegs Beendigung
Sie dem Bild einst dargebracht.

Als die Vierte in der Reihe
Schritt ein schlankes blondes Fräulein,
Veilchenstrauß im Lockenhaare,
Drüber wallt’ der weiße Schleier,
Und er deckte halb ihr Antlitz
Wie ein Winterreif, der auf der
Jungen Rosenknospe glänzet.
Mit gesenktem Blicke schritt sie
Jetzt vorüber an Jung-Werner.
Der ersah sie – war’s die Sonne,
Die sein Auge jäh geblendet?
War’s der blonden Jungfrau Anmuth?

Viele zogen noch vorüber,
Doch er schaute festgebannt nur
Nach der Vierten in der Reihe,
Schaut’ – und schaute –, als der Zug schon
In die Seitenstraße einbog,
Schaut er noch, als müßt’ die Vierte
In der Reihe er erspähn. – –
– „Den Mann hat’s!“ so nennt der Sprachbrauch
Dortlands jenen Zustand, wo der
Liebe Zauber uns gepackt hat;
Denn der Mensch nicht hat die Liebe,
Nein – er ist von ihr besessen.
Sieh Dich vor, mein junger Werner.
Freud’ und Leiden birgt das Wörtlein:
Den Mann hat’s!“ – Nichts sag’ ich weiter.

„Nichts sag’ ich weiter!“ damit schließt der Dichter das Capitel vom Fridolinstage, und damit schließen auch wir heute. Was dann ferner kam, wie Jung-Werner und die schöne Margaretha ein Paar wurden, das möge Jeder in dem prachtvoll ausgestatteten Buche, das Victor Scheffel gedichtet und Anton von Werner mit kunstreicher Hand ausgeschmückt, selber lesen – und schauen!


Missionslehren. Es dürfte dem größten Theile der Leser der „Gartenlaube“ nicht geringes Interesse bereiten, zu erfahren, in welcher Weise die frommen Sendboten der Norddeutschen Missionsgesellschaft an der Westküste Afrikas christliche Lehren verbreiten und wie frappant aus dem Vorliegenden sich ergiebt, daß selbst die geringe Dosis gesunder Vernunft bei dem rohen, unwissenden Negervolke sich aufbäumt gegen die beklagenswerthe religiöse Beschränktheit jener „erleuchteten“ Verkündiger des sogenannten wahren Heils.

Missionär Illg sagt in seinem Berichte von der Station Waya in dem „Monatsblatte der Norddeutschen Missionsgesellschaft“ (Redacteur Pastor Victor in Bremen) wörtlich:

„Eines Sonntags wurde über 2. Petri 3, 7–12 gepredigt und als Grund dafür, daß die Erde einst verbrennen müsse, unter Anderem angegeben, sie sei durch die Sünde der Menschen verderbt und verunreinigt, jeder Fleck Erde sei mit Blut befleckt etc. Abends kam ich in die Stadt und grüßte unter Anderen auch die alte Dorfmutter Vuleno. Ich sagte ihr, sie sei heute nicht im Gottesdienst gewesen und habe das Wort nicht gehört, das sie gewiß sehr interessirt haben würde. Sie brachte die gewöhnliche Entschuldigung vor, sie hätte wegen Arbeit nicht kommen können, doch ließ sie sich gern das nicht gehörte Wort jetzt erzählen. Als sie nicht verstehen und glauben wollte, daß die Erde, weil so verderbt, einst verbrennen müsse und Gott eine neue schaffen werde etc., war gleich ein Negermädchen bei der Hand, das ihr das Gesagte wiederholte und bestätigte; gerade so sei heute aus dem Worte Gottes vorgelesen und gepredigt worden.

Die Frau gab nun ihrer Verwunderung in ihrer naiven Weise Ausdruck und rief, ob denn auch ihr Haus und alle ihre Sachen verbrennen werden; das sei nicht gut, wir sollten zu Gott beten, daß dies nicht geschehen möge. Ich sagte ihr, dies wäre ganz unnütz, denn Gott könne die Sünde nicht ungestraft lassen und thue das, um für die guten Menschen eine neue Erde zu schaffen, aber dafür beten wir und sagen den Leuten das gute Wort, damit sie und alle Wayaer sich zu Jesu bekehren, Vergebung der Sünden suchen, sich ein neues Herz und einen neuen Geist schaffen lassen und neue Menschen werden, die da taugen, jene neue schöne Erde zu bewohnen. Darum stehe gleich auch in demselben Worte Gottes dabei: Gott will nicht, daß Jemand verloren werde, sondern daß Jedermann sich zur Buße kehre. Dies müsse sie thun, dann habe sie sich nicht vor jenem großen Brande zu fürchten und bekomme ein neues und viel schöneres Haus und schöne gute Sachen, auch Frieden und Freude in’s Herz, so daß sie an ihre jetzigen Sachen gar nicht mehr denke.

Unsere Unterredung hatte eine Anzahl Leute herbeigezogen, die das Vorgefallene den Ihrigen wiedererzählten.“




Herman Schmid’s gesammelte Schriften.
Volks- und Familienausgabe.
Zweite Auflage in Heften à 3 Sgr.

Dieselbe bringt im 59. und den folgenden Heften die in der ersten Auflage nicht enthaltenen neueren Erzählungen des beliebten Verfassers:

Die Mordweihnacht – Die Gasselbuben – Das Münchener Kindel – Der Bergwirth – Die Zuwiderwurzen,

und bildet demnach von diesem Abschnitte an ein Supplement zur ersten in 27 Bändchen erschienenen Ausgabe, auf welches die Besitzer derselben, zu deren Vervollständigung, nicht versäumen wollen, zu subscribiren.

Das 59. Heft ist soeben erschienen und kann davon in allen Buchhandlungen Einsicht genommen werden.
Die Verlagshandlung von Ernst Keil in Leipzig.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wir freuen uns, durch die Liebenswürdigkeit unseres langjährigen Mitarbeiters, des Herrn Dr. Paul Heyse, in den Stand gesetzt zu sein, das in der zweiten Auflage des „Flüggen-Albums“ erscheinende, herzerschütternde Gedicht schon heute unseren Lesern mittheilen zu können.
    D. Red.
  2. Theodor Körner, damals auf der Bergakademie zu Freiberg, kam gewöhnlich in schwarzem Schnurrock mit der Guitarre nach Siebeneichen. Er wird von einem Augenzeugen als ein feuriger Bursche geschildert, mit schwarzem Haar, dunklen Augen und frühzeitigem Bartwuchs.
  3. „Roller Brandy“, ein aus alten Druckwalzen (rollers) destillirter schlechter Cognac; „Jersey Lightning“, wörtlich übersetzt: Jerseyer Blitz, der ordinärste Whiskey, welcher namentlich in New-Jersey fabricirt wird und der seinen poetischen Namen dem Umstande zu verdanken haben soll, daß er so schnell wie der Blitz tödtet.