Die Beutepolitik in der nordamerikanischen Union

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Autor: Rudolf Doehn
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Titel: Die Beutepolitik in der nordamerikanischen Union
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 542–544
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Beutepolitik in der nordamerikanischen Union.

Auf die Feier des 4. Juli, dieses großen nationalen Gedenktages der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, fiel in diesem Jahre ein tiefer Schatten: Eines ruchlosen Mörders Hand hatte sich zwei Tage zuvor gegen das freigewählte Oberhaupt der amerikanischen Nation erhoben; bange Sorge lag über dem „Weißen Hause“ in Washington-City; Trauer und Betrübniß herrschten in dem Herzen des Volkes der Vereinigten Staaten, und das Ausland fühlte den Schmerz mit, der jeden braven Amerikaner bewegte.

Präsident Garfield zählt zu den Edelsten und Besten seiner Nation, und die große Mehrzahl seines Volkes blickte auf ihn mit Vertrauen und freudiger Hoffnung. Nicht in einer Zeit gewaltiger Aufregung, wie am 14. April 1865, wo eine mörderische Kugel dem Leben des edlen Lincoln ein allzu frühes Ende setzte, nicht in einer Zeit, wo nach einem vierjährigen blutigen Bürgerkriege in der nordamerikanischen Union die Gemüther noch leidenschaftlich bewegt und erschüttert waren und die neue Ordnung der Dinge eine blutig-rothe Verschwörung zeitigte, sondern in einer [543] Aera des tiefsten Friedens zwischen den Einzelstaaten und den großen Staatengruppen der Republik, in einer Aera des schönsten Gedeihens und der frischesten Entwickelung traf dieser schwere Schicksalsschlag ein Land und ein Volk, das unter der erst vor wenigen Monaten begonnenen neuen Administration den Segnungen einer weisen und gerechten Reformpolitik entgegensehen durfte. So bewahrheitet sich auch hier das Dichterwort: „Nicht Roß, nicht Reisige sichern die steile Höh’, wo Fürsten stehn“; denn Fürst in des Wortes eigentlicher Bedeutung ist auch der von einem ganzen Volke erwählte Präsident der Vereinigten Staaten.

Diesmal waren es weder Nihilisten noch Revolutionäre, weder politische noch religiöse Fanatiker, welche die Unthat planten und die Richtung der mörderischen Kugel bestimmten sondern die an Wahnsinn grenzende Sucht nach dem Glanze einer politischen Rolle, verbunden mit zügelloser Aemtergier, trieb einen physisch und moralisch verkommenen Verbrecher, Charles Jules Guiteau, dazu, den Präsidenten aus dem Wege zu räumen, um dem Vicepräsidenten Charles A. Arthur Platz zu machen, der jener Classe von amerikanischen Politikern angehört, die bei der Verleihung der öffentlichen Aemter dem verderblichen, die niedrigsten Leidenschaften erregende Beutesysteme huldigen.

Sie ist nicht klein, die Zahl der Anhänger dieser Partei, zu ihren einflußreichsten Vertretern aber – um hier gleich mitten in das Parteigetriebe hineinzuspringen – gehören der Ex-Präsident Grant und dessen intimster Freund, der frühere Bundessenator von New-York, Roscoe Conkling. Der eigentliche Gründer der Beutepolitik ist allerdings kein Anhänger der republikanischen Partei gewesen, die erst im Jahre 1858 in John C. Fremont, dem Durchforscher der Felsengebirge, ihren ersten Präsidentschafts-Candidaten aufstellte; es war vielmehr der von der demokratischen Partei zum Präsidenten der Union gewählte General Andrew Jackson, der schon im Jahre 1829 den bekannten Ausspruch that: „Dem Sieger gehört die Beute,“ und der damit den verhängnißvollen Grundsatz aufstellte, welcher, seitdem stets weiterwuchernd, tief in die staatlichen Körper der Union eingedrungen ist und trotz aller Bemühungen edeldenkender und hervorragender Staatsmänner bisher nicht daraus entfernt werden konnte.

Wir Deutsche können stolz darauf sein, daß der schärfste und schneidigste Gegner der demoralisirenden Aemterjägerpolitik ein Deutsch-Amerikaner ist, nämlich Karl Schurz. Schon in den siebenziger Jahren war er es, der im Bunde mit seinem edlen Freude, Charles Summer aus Massachusetts, im Bundessenate zu Washington-City die Grant-Administration wegen der selbstsüchtigen Benutzung der Beutepolitik angriff und eine neue auf einer mehr sittlichen Basis beruhende Parteibildung anstrebte. Schon damals trat Conkling als der Hauptrepräsentant der Grant-Politik auf und Schurz hatte heiße parlamentarische Kämpfe mit ihm zu bestehen. Im Anfang der siebenziger Jahre prophezeite unser scharfsichtiger Landsmann, es werde im Bundessenate das öffentliche Gewissen wiedererwachen, und eine sittliche Reaction werde eintreten gegen die leichtsinnige politische Moral und den Schachergeist, welcher emporgeschossen sei und sich entwickelt habe in den wilden Zeiten des Bürgerkrieges und großer politischer Aufregung. Bald, erklärte er, werde das amerikanische Volk sich mit Ernst und Entschlossenheit aufraffen, um sich eine ehrliche und lautere Regierung zu sichern.

Zwar ging diese Prophezeiung bei der Präsidentenwahl des Jahres 1872, wo Grant über seinen von Schurz unterstützten republikanischen Gegner Horace Greeley siegte, noch nicht in Erfüllung, aber vier Jahre später triumphirte der „Reform-Präsident“ Rutherford B. Hayes, welcher Schurz in Ansehung seiner Verdienste um die Union zum Minister des Innern ernannte. Wie umsichtig, erfolgreich und ehrlich unser Landsmann sein Ministerium verwaltete, wie er namentlich in seiner Politik den Indianern gegenüber die schönsten Erfolge erzielte, das ist selbst von seinen heftigsten Gegnern schließlich anerkannt worden.

Den Politikern aller Nationen dürfte der Ausspruch des Präsidenten Hayes zu empfehlen sein:

„Derjenige dient seiner Partei am besten, der seinem Vaterlande am besten dient.“

Wie aber Hayes über das Aemterwesen und die dabei befolgte Beutepolitik dachte, das geht aus seiner letzten Congreßbotschaft vom 8. December 1880 hervor; es heißt dort unter Anderem:

„In früheren Botschaften habe ich wiederholt auf die Nothwendigkeit der Civildienstreform aufmerksam gemacht. Ich bin darin durch meine Amtserfahrungen bestärkt und zu der Ueberzeugung gelangt, daß mit dem Wachsthum des Landes und seiner Bevölkerung bei der nothwendig vermehrten Anzahl der Beamten uns eine immer drohendere Gefahr erwächst. Eine feste Regel sollte für Anstellungen, Beförderungen und Absetzungen ausgestellt werden, um die beste Befähigung für jedes Amt möglichst zu sichern“

Der Präsident Hayes wies dann darauf hin, wie die bei der Vertheilung von gewissen Aemtern, z. B. bei Zoll- und Postämtern, vorgenommenen Prüfungen zufriedenstellende Resultate ergeben hätten, während früher solche und andere Aemter nur nach persönlicher Gunst oder Abneigung und für geleistete Parteidienste vergeben worden seien; auch bemerkte er, daß die öffentliche Meinung immer mehr und immer dringender eine Reform im Aemterwesen verlange.

„Es giebt kein größeres Hinderniß einer Verbesserung des Civildienstes,“ sagte er, „als das Beutesystem, unter dessen Heerschaft die Anstellungsgewalt in die Hände der Congreßmitglieder gefallen ist. Die verderbliche Lehre, daß dem Sieger die Beute gehöre, führt direct zur Congreßpatronage, während die Verfassung dem Präsidenten die Ernennung der Bundesbeamten und dem Bundessenate deren Bestätigung, dem Repräsentantenhause aber das Recht der Anklage im gegebenen Falle zusteht. Diese Bestimmungen sollten im Interesse des Gemeinwohls aufrecht erhalten werden.“

Als nun Präsident Garfield am 4. März 1881 sein hohes und schwieriges Amt antrat, erklärte auch er, in Uebereinstimmung mit seinem Amtsvorgänger Hayes, die Civildienstreform für eine der allerdringendsten staatsmännischen Pflichten, die nur in einem die Sache und nicht die Person in’s Auge fassenden harmonischen Zusammenwirken der Gesetzgebung und der Regierung erfüllt werden könne. Man müsse das Aemterwesen durch ein Gesetz regeln, nicht sowohl zum Schutze Derer, die mit dem Anstellungsrecht betraut seien, als vielmehr zum Schutze der ehrlichen und fähigen Inhaber von Staatsämtern gegen Intriguen und Unrecht.

Wie aber dem Präsidenten Hayes der Bundessenator Conkling und die übrigen Grant-Anhänger bei der Vertheilung der Bundesämter feindlich gegenüber traten, indem sie für ihre Parteifreunde, ohne Rücksicht auf deren Fähigkeit, Aemter verlangten, so geschah dies auch in der Executivsitzung des Senates, die unmittelbar auf die Inauguration Garfield’s folgte. Zumeist war der stolze und herrschsüchtige Conkling, der den Staat New-York mit seinem Collegen Platt im Bundessenate vertrat, gegen die Bestätigung des Herrn Robertson, eines politischen Gegners von Grant, dem Garfield das einträgliche und einflußreiche Amt eines Zollhauscollectors in der Stadt New-York übertragen hatte. Conkling gab sich zunächst alle erdenkliche Mühe, den Präsidenten zur Zurückziehung der betreffenden Ernennung zu drängen. Dies gelang ihm nicht. Darauf versuchte er vermittelst einer im republikanischen „Caucus“, das heißt in einer geheimen Parteiversammlung der republikanischen Senatoren, wo die Minderheit sich unbedingt der Mehrheit gegen besseres Wissen und Wollen fügen muß, durchgesetzte Geschäftsordnung die Erwägung von Robertson’s Amtsernennung zu hintertreiben. Aber auch dies war umsonst. Ebenso vergeblich waren Conkling’s Bemühungen, eine Mehrheit aller Senatoren, die Mitglieder der demokratischen Partei mit eingeschlossen, für die Verwerfung der in Rede stehenden Ernennung zu organisiren. Als nun der eitle Senator und Grant-Mann endlich erkannte, daß Garfield’s Einfluß zu mächtig, daß alle seine Kunstgriffe und Intriguen nichts helfen wollten und daß der Senat gewiß die Nomination Robertson’s in Erwägung ziehen und bestätigen würde, da reichte er seine Resignation als Bundessenator ein und begründete dieselbe in einem pomphaften, die wirkliche Sachlage auf den Kopf stellenden Briefe an den Gouverneur von New-York; sein ihm blind gehorsamer College Platt folgte seinem Beispiele. Die beiden Senatoren von New-York, Conkling und Platt, resignirten also nicht nach einem gerechten, aber unglücklichen Kampfe für ein das Wohl der amerikanischen Nation berührendes Gesetz, nicht wegen eines die internationalen Beziehungen der Union bestimmende Betruges, sondern wegen eines Zollhausamtes, wegen eines Beutestückes. Etwas Aehnliches hatte noch niemals zuvor ein amerikanischer Bundessenator gethan. Sicherlich war dies ein unwürdiges Schauspiel; es entflammte die bösen Leidenschaften der „Stalwarts“, das heißt der blinden, ämter- und herrschsüchtigen Grant-Anhänger, und zwar umsomehr; als Conkling sich [544] nach der schlecht motivirten Niederlegung seines Senatorenamtes nach der Stadt Albany begab, um bei der dort gerade tagenden Gesetzgebung des Staates New-York seine und seines Collegen Wiedererwählung, wenn auch wahrscheinlich umsonst, zu betreiben.

Als Conkling wegen der Zollcollectorsstelle den Kampf mit Garfield begann, da ließ er sich in seiner zornigen Wuth zu der Aeußerung hinreißen, er habe jetzt zwischen „Todtschlag“ und „Selbstmord“ zu wählen, und er wähle den „Todtschlag“. Das sollte vermutlich nichts Anderes bedeuten, als daß er entweder den Kampf um das New-Yorker Zollhaus aufnehmen und das Ansehen von Garfield’s Administration vernichten oder sich die Ernennung Robertson’s gefallen lassen und damit in seine eigene politische Vernichtung willigen müsse. Hätte Conkling die Ernennung Robertsons aus principiellen Gründen, aus Rücksichten auf den öffentlichen Dienst bekämpft, so hätte er sich ruhig im Bundessenate überstimmen lassen dürfen, ohne dadurch an Ansehen zu verlieren, aber der Beute wegen riskirte er den „Todtschlag“ von Garfield’s Administration oder seine eigene Vernichtung.

Die Reden und Handlungen Conkling’s wurden in allen Tagesblättern besprochen und verbreitet; man nahm gegen und für ihn Partei und selbst der Expräsident Grant trat wiederholt in Wort und Schrift für ihn ein. Unter solchen Umständen war es nicht zu verwundern, daß ein exaltirter und überspannter Kopf, daß Charles J. Guiteau, ein getäuschter Aemterjäger und enragirter Anhänger Grant’s, der sich in einem Briefe selbst als den „Stalwart der Stalwarts“ bezeichnete, den von Conkling figürlich gebrauchten Ausdruck „Todtschlag“ im wirklichen Sinne des Wortes verstand und Garfield, mit der Waffe in der Hand, aus dem Wege zu räumen suchte, um persönliche Rache zu kühlen und zugleich dem Beutesystem zum Siege zu verhelfen.

Seit dem Ausscheiden Conkling’s aus dem Bundessenate, wo er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die Garfield- Administration zu discreditiren und zu schwächen bemüht war, wurde in der amerikanischen Presse und in politischer Kreisen wiederholt die Ansicht laut, daß Conkling und Grant auf dem Punkte ständen, „sich an die Spitze einer neuen Partei zu stellen“; namentlich hatte Grant zu diesem Gerüchte durch verschiedene unüberlegte Aeußerungen Veranlassung gegeben. Daß der Ex-Präsident Grant, der ursprünglich der demokratischen Partei angehörte, nur so lange in der republikanischen einen ihm zusagenden Platz suchte und fand, als er hoffen durfte, von ihr wieder zum Präsidenten erwählt zu werden, und daß der Ex-Senator Conkling mit der republikanischen Partei sehr unzufrieden wurde, als dieselbe ihn nicht länger als „Boß“, das heißt als alleingebietenden, infallibeln Rathgeber und Leiter, anerkennen wollte, mag begreiflich sein; wenn aber diese beiden Männer es unternehmen wollten, in den Vereinigten Staaten eine neue, lebenskräftige Partei zu bilden, so würde dies doch schwerlich möglich sein. Zu der Bildung einer neuen Partei gehört, wie überall, so namentlich in Amerika, die Aufstellung, Begründung und Vertheidigung von Grundsätzen, die sich von denen der alten Parteien unterscheiden und um welche sich die Massen des Volkes zu einer neuer politischen Organisation schaaren können.

Welche Grundsätze würden nun von Grant und Conkling zu dem erwähnten Zwecke aufgestellt werden können? Die Finanzfrage ist in der Union in der Hauptsache in zufriedenstellender Weise gelöst worden, namentlich durch die unter Garfield’s Billigung vorgenommenen neuesten Finanzoperationen des Finanzministers Windom; auch dürften sich die genannten beiden Herren in Bezug auf die Finanzfrage am wenigsten von der republikanischen Partei trennen, ganz abgesehen davon, daß Conkling dieser Frage nie viel Interesse entgegengebracht hat. Auch in der so wichtigen und noch nicht gelösten Zoll- und Tariffrage nahmen Grant und Conkling keine Sonderstellung ein; noch während des letzten Präsidentenwahlkampfes waren beide entschiedene Schutzzöllner und wußten nichts Neues vorzubringen.

Eine Versöhnung mit dem Süden der Union auf freiheitlicher und nationaler Basis könnten sie ebenso wenig mit größerm Erfolge und besserm Willen in’s Werk setzen, als dies von Hayes geschah und von Garfield geschehen wird. Oder sollte es möglich sein, daß sie die Monopolfrage und die Verwaltungsreform bei der projectirten Bildung einer neuen Partei als Aushängeschild nehmen würden? Es würde doch sicherlich nur wie ein schlechter Scherz aussehen, wenn General Grant, der kühne Eisenbahn- und Canalbau-Unternehmer, und Herr Conkling, der in mehreren Fällen der Anwalt der größten Monopolisten der Vereinigten Staaten gewesen und im Bundessenate Gesetzen opponirt hat, welche gegen die gemeinschädlichen Anmaßungen des Monopolwesens gerichtet waren, sich nun plötzlich als die großen uneigennützigen Anti-Monopol-Führer aufspielen wollten.

Noch wunderbarer und als eine Selbstironie müßte es aber erscheinen, wenn General Grant, der als Präsident die corrupteste Administration geführt, und Herr Conkling, der ihm getreulich und nach Kräften hierin beigestanden hat, sich an die Spitze einer Reformbewegung zu stellen versuchten. Darauf hin aber, daß Grant und Conkling sich von dem Präsidenten Garfield beleidigt und zurückgesetzt fühlen, kann eine gefährliche Spaltung oder gar eine Revolution in der republikanischen Partei doch wohl kaum durchgeführt werden. Andererseits ist es vielleicht nicht zu leugnen, ja sogar wünschenswerth, daß in dem bisherigen Parteiwesen der Vereinigten Staaten ein Umschwung stattfindet. Das allmähliche Verschwinden der großen principiellen Streitfrage, welche die alten politischen Parteien in’s Leben rief, würde jetzt möglicher Weise eine Neubildung der Parteien leichter erscheinen lassen, aber die persönlichen Beschwerden eines Grant und eines Conkling sind gewiß nicht hinreichend, einen genügenden Anstoß dazu zu geben. Am allerwenigsten ist dies unter den gegenwärtigen Verhältnissen der Fall, wo das ruchlose Attentat auf Garfield diesem die vollste Sympathie des weitaus größten und besten Theiles des amerikanischen Volkes sichert.

Man ist sich in Amerika sehr wohl bewußt, wo die eigentliche Ursache des Verbrechers vom Juli dieses Jahres zu suchen ist; so sagte z. B. die weitverbreitete „New-York-Tribune“ kürzlich:

„Präsident Lincoln wurde nicht von der Rebellion gemordet, aber von dem Geiste, welcher der Rebellion Leben und Kraft gab. Präsident Garfield ist nicht durch eine politische Partei, aber durch den Geist, den eine politische Fraction erzeugt und groß gezogen hat, auf den Tod verwundet worden. Ohne diesen Fractionsgeist wäre kaum ein Mensch in der ganzen Union sicherer vor einem mörderischer Angriffe gewesen, als Garfield. Haben die betreffenden Parteiführer jemals all das Unglück beabsichtigt, welches aus dem wilden, rücksichtslosen Geiste hervorwächst, den sie schaffen und Woche für Woche aufstacheln? Ist es nicht ihr beständiges Vergehen gegen die Freiheit und die Selbstregierung, daß sie einen solchen Geist entzünden und dadurch schwache oder rücksichtslose Menschen über die Grenze von Recht und Vernunft hinaustreiben? Der Mörder Guiteau war sich wohl bewußt, daß er einen Präsidenten tödten und einen neuen schaffen wollte. Seine Sprache und seine Briefe beweisen nur zu sehr, daß er recht gut wußte, was er that.“

Und in ähnlichem Sinne äußerte sich die einflußreiche „New-York-Times“:

„Präsident Garfield brachte zu dem höchsten Amte der Union Gaben des Geistes und des Charakters mit, welche das Amt ehrten, und schon im Anfange seiner Administration wird sein Leben von einem Elenden angetastet, der genau so das Böse in unserem Regierungssystem repräsentiert, wie Garfield das Gute. Der Mörder war ein enttäuschter Aemterjäger, und er verband die Verbitterung persönlicher Enttäuschung mit der leidenschaftlichen Gehässigkeit des Parteicliquenwesens. Sein Geist war durch die Angriffe auf den Präsidenten, die in manchen Kreisen nur allzu sehr all der Tagesordnung waren, aufgereizt. Gewiß, wir wollen keine Partei für die Mordthat verantwortlich machen, aber wir halten es für unsere Pflicht, anzudeuten, daß die That ein übertriebener Ausdruck eines Gefühls voll engherzigem und bitterem Hasse war.“

Hoffentlich wird Präsident Garfield seinem Lande und seinem Volke erhalten bleiben. Die einzig gute Frucht aber, welche der Mordthat Guiteau’s entwachsen könnte, wäre die so oft und so heiß von allen guten Bürgern der Union ersehnte gründliche Reform im Civildienste, eine vollständige Abschaffung des entsittlichenden Beutesystems. Demoralisation ist die gefährlichste Klippe jedes Staatswesens, namentlich aber der Republik, und das Wort des Dichters gilt nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für den Staat:

„Und allein durch seine Sitte
Kann er frei und mächtig sein.“

Rudolf Doehn.