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Languedoc und in Burgund, und je mehr davon erhalten waren, desto mehr beeinflussten sie die neu werdende Kunst. Dagegen tritt nur in Gebieten, welche weniger alte Ueberreste enthielten, wie die Normandie oder die Rheingegenden eine selbstständigere Bauweise entgegen.

     Zu den einheimischen Einflüssen spätrömischer Kunst traten fremde, italienische und besonders byzantinische. In Byzanz wie in Italien hatte sich nach dem Siege des Christentums aus den Ausgängen der antiken Kunst eine neue Kunst entwickelt, die altchristliche. In zwei grosse Aeste gespalten, den byzantinischen Gewölbebau und den italienisch-römischen Basilikenbau mit hölzernen Decken, ver­pflanzte sie dieses Doppelwesen auch auf die ro­manische Kunst. Diejenigen Gegenden, in denen Römer-Denkmäler durch den Sturm der Völker­wanderung fast ganz verschwunden waren, wie teil­weise im Norden Frankreichs, am Rhein, oder Gebiete, in denen römische Bauten nie gestanden hatten, wie Sachsen, nahmen vorzugsweise den Basilikenstil mit Holzdecken auf, während sich der schwierige Ge­wölbebau im südlichen und westlichen Frankreich

St. Aposteln Köln - Aussenansicht Chor - 1899.jpg

Fig. 2. St. Apostelkirche, Choransicht

 

und in Italien behauptete, woselbst sich römische Ueberlieferungen erhalten hatten oder byzantinische Einflüsse hinzugekommen waren.

     So haben sich in Frankreich, Italien und Deutschland verschiedene romanische Baurichtungen oder Bauschulen herausgebildet. Während man jedoch in Frankreich eine ganze Anzahl verschie­dener Schulen unterscheidet, die Schule von Aquitanien, des Limousin, der Provence, der Auvergne, Burgunds, der Ile-de-France, der Normandie, des Périgord, und des Poitou*), so besitzt Deutschland deren nur eine, welche sich die Franzosen liebens­würdigst als école des bords du Rhin hinzurechnen. Diese schliesst sich der italienisch-lombardischen an und weist nur wenige Unterarten auf. Ferner kann man behaupten, dass in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich, in annähernder Schätzung wohl 95 pCt. aller romanischen Kirchen im Mittelschiff nicht gewölbt waren, sondern nur Holzdecken besassen, und dass höchstens die Hälfte dieser Kirchen auch in den Seitenschiffen Gewölbe aufwies. Von denjenigen Gewölben, welche man in Deutsch­land bisher für romanisch gehalten hat, sind die allermeisten spätere Einwölbungen in frühere ursprünglich rein romanische Kirchen, die erst nach dem Jahre 1200 in den Formen der eindringenden Frühgotik hergestellt worden sind. Wie wir ferner im Verlaufe dieser Ab­handlung kurz zeigen werden, sind fast sämt­liche Bauten Deutschlands, welche man bisher unter dem Namen „Uebergangsstil“ zusammengefasst hat, gar nicht die Erzeugnisse einer Stilperiode.

     Es sind, wie gesagt, rein romanische Bauten, die erst nach ein oder zwei Jahr­hunderten, zu frühgotischer Zeit, an Stelle der Holzdecken Kreuzgewölbe erhalten haben. Die Innenräume sind bei dieser Auswölbung im Hochschiff — häufig auch in den Seiten­schiffen — durch vorgeblendete Säulen und Pfeiler, welche die neuen Gewölbe­rippen und Kappen aufnahmen, in meistens überaus reizvoller Weise ausgestattet worden. Häufig sind dabei auch neue Triforien**) ein­gezogen worden. All der Zauber derartiger Innenräume kommt allein auf Rechnung


*) Die Franzosen schwanken selbst noch bei der Abgrenzung ihrer romanischen Schulen. Dass die­selben jünger als die deutsch-lombardische Schule seien, wird niemand behaupten wollen; damit ergiebt sich von selbst, dass man die romanische Kunst nicht als eine den Deutschen besonders gehörende oder gar in Deutschland entstandene Kunst ausgeben darf.

**) Triforien nennt man die schmalen Laufgänge unter den Fenstern des Hochschiffes, welche sich in zierlichen Bogenstellungen auf Säulchen gegen das Schiff öffnen und den toten Raum in Hohe der Seitenschiffdächer beleben.

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Max Hasak: Die Baukunst, 11. Heft. , 1899, Seite 2. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Baukunst_-_11._Heft_-_02.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)