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Textdaten
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Autor: L. M.
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Titel: Deutsches Weihnachtsfest auf Java
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 358-362
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[358]

Deutsches Weihnachtsfest auf Java.

Am 24. December des Jahres 185* saß ich des Morgens früh bei einer Tasse Kaffee und einer Manillacigarre unter der Halle meines Bambushauses, den plötzlichen Sonnenaufgang in den Tropen bewundernd. Ich hatte zwar schon oft auf Java dieses prächtige Schauspiel genossen, aber an jenem Morgen war es der Reiz einer bis dahin ungekannten Gegend, der mich bewog, trotz der Strapazen eines dreitägigen Rittes schon so frühe mein Lager zu verlassen. Und wahrlich, ich hatte nicht nöthig es zu bereuen, denn obschon ich viel von Toendagan (sprich Tundagan) und seiner reizenden Lage gehört hatte, wurden meine Ansprüche durch die Wirklichkeit doch so sehr überboten, daß ich zu behaupten wage, während meines ganzen Aufenthaltes in Indien nie einen Flecken gesehen zu haben, dessen Umgebung dem Beschauer eine größere Fülle und eine größere Abwechselung von Naturschönheiten geboten hätte.

Toendagan, inmitten der kolossalen Gebirgsketten, welche die Insel Java durchschneiden, liegt in der Provinz Cheribon, derjenigen holländisch-indischen Provinz, die dem Europäer wohl am meisten bekannt ist, denn dort gedeiht bei dem unausgesetzten Fleiße der Einwohner hauptsächlich der im Welthandel so hochgeschätzte Java-Kaffee.

Es ist ein Flecken, ein sehr kleiner Flecken, denn kaum sechzig kleine Bambushäuschen bergen mit Bequemlichkeit seine sämmtlichen Einwohner, und doch gewinnt es dadurch nicht unbedeutend an Ausdehnung, daß jedes Haus mit einem Garten umgeben ist, in welchem Kokusnußpalmen und Pisangstauden ihre Wipfel lustig gen Himmel heben. So zieht sich dieser kleine belebte Wald an den Ufern des Tji-aram wohl eine Viertelstunde entlang, während im Norden und im Süden zwei Gebirgsketten das schmale Thal um zwei- bis dreitausend Fuß überragen und den Flecken mit ihren kolossalen Felsmassen beinahe zu erdrücken drohen. Im Westen von Toendagan hebt sich das Thal, und dort ist der Sammelplatz der Gebirgswasser, die von allen Seiten her sich brausend zusammenwälzen und erst von dem kleinen Orte aus als ruhiger, ziemlich breiter Fluß ein langes fruchtbares Thal nach Osten hin durchschneiden.

Am Ostende von Toendagan ist ein mit uralten Varingabäumen begrenzter freier Rasenplatz, an dessen einer Seite das sogenannte Fremdenhaus steht, und dieses Haus war vom Ortshäuptling, dem ich meine Ankunft und Anwesenheit für zwei Monate angezeigt hatte, eingerichtet, d. h. mit den nöthigen Möbeln, Matten und Geräthen versehen worden. Ich war in der Nacht vom 23. auf den 24. December angekommen, um den District topographisch aufzunehmen, und saß nun, wie schon gesagt, am 24. December Morgens vor meinem Hause, beim Sonnenaufgang der imposanten Gegend meine Bewunderung zollend.

Neben mir auf einer Bambusmatte saß der Häuptling des Fleckens, mit Wohlbehagen eine meiner Manilla rauchend und mir mit jener den Malaien eigenthümlichen Ruhe die Namen der Gebirge [359] und die sich daran knüpfenden Sagen erzählend. Vor mir auf dem Rasen tummelten sich in der Morgenkühle meine stattlichen Pferde, während die Boedjang (spr. Budjang, javanesische Diener) damit beschäftigt waren, meine Kisten und Kasten aufzuschnüren, um in möglichster Kürze Gemüthlichkeit und Bequemlichkeit in meiner neuen Behausung herzustellen.

Ihre Thätigkeit wurde plötzlich durch einige laut gesprochene Worte des Häuptlings unterbrochen, der aufstehend nach dem Gebirge zeigte und mir sagte: „Toewan, goelang-goelang“ (Herr, ein Staffettenreiter!) Aller Augen wandten sich nach der angegebenen Richtung, und ich gewahrte einen jener unglücklichen, geplagten Javanen, die sich ihre kümmerliche Existenz dadurch verdienen, daß sie Tag und Nacht unterwegs sind, um für ein Geringes sowohl Privatbriefe als auch Staatsdepeschen in kürzester Zeit zu überbringen; er ritt den steilen Gebirgspfad mit Sicherheit herab, und als er meiner ansichtig wurde, spornte er sein übermüdes Pferd zur letzten Kraftanstrengung an.

Wie ich mir gleich dachte, war es ein an mich gerichteter Brief, den der Ueberbringer aus einem sorgfältig zusammen gelegten, roth kattunenen Kopftuche hervorholte und mir, nach dortiger Sitte, knieend übergab. Es war ein Billet meines Freundes W., ein Billet so kurz und bündig wie er selbst, das nur folgende Worte enthielt:

„Lieber Freund!

Bei mir in Soebang wird der Weihnachtsabend gefeiert; ganz Deutschland wird vertreten sein, daher erwarte ich auch Sie mit Bestimmtheit.

Ihr W.“

Diese Einladung, so unerwartet sie kam, war mir dennoch sehr lieb, und ich freute mich herzlich, meine elf Cameraden wiederzusehen und mit ihnen das Christfest zuzubringen, denn wir waren ja zwölf junge Deutsche, freilich ans den verschiedensten Königreichen und Fürstenthümern stammend, aber doch Deutsche, zufällig Tausende von Meilen von unserm lieben deutschen Vaterlande in Indien auf einer Scholle Land zusammengewürfelt, Alle in holländischen Staatsdiensten und vom Genie-Büreau mit der topographischen Vermessung der Provinz Cheribon betraut.

Die Entfernung von Toendagan nach Soebang betrug über dreißig englische Meilen, eine Entfernung, die ich gewohnt war auf ebenen Wegen in kurzer Zeit zurückzulegen; aber die Gegend, in der ich mich befand, war eine der unwegsamsten, der wildesten Java’s; ich mußte über den südlichen, dreitausend Fuß hohen Gebirgsrücken, Thäler und Flüsse passiren, dann eine neue Bergkette ersteigen, auf deren hohem Plateau Soebang, versteckt im dichtesten Urwalde, lag.

Ich ließ mir sofort ein warmes Frühstück nach Landessitte, aus gekochtem Reis und gebratenem Huhn bestehend, bereiten, setzte meine Waffen in besten Stand, und nach Verlauf von zwei Stunden saß ich schon wieder im Sattel und sprengte auf meinem prächtigen persischen Jagdpferde, einem Geschenke des Sultans von Cheribon, den wildromantischen Gebirgen zu. Vor mir ritten zwei des Weges kundige Einwohner Toendagan’s, die voraussehend, daß ich erst am späten Abend mein Ziel erreichen würde, einige Fackeln bei sich führten, hinter mir meine beiden Boedjang, der Eine mein geladenes Gewehr in der Hand, der Andere den in Indien unentbehrlichen Tali-api (eine brennende Lunte) und mein Cigarrenkästchen tragend. Trotz der großen Strapazen der vorhergehenden Tage legte ich diesen beschwerlichen Ritt mit dem nur der Jugend eigenen frohen Sinn zurück und langte, nachdem ich am Mittag eine Stunde geruht und mich mit der Milch einiger Kokusnüsse erfrischt, am Abend in der Dunkelheit auf dem Plateau von Soebang an. Dort erst fand ich einen breiteren Reitweg durch die Wälder der Hochebene vor, und so erreichte ich nach kurzem, scharfem Ritt Abends gegen acht Uhr Soebang, wo meine Freunde mich, den zuletzt Angekommenen, jubelnd begrüßten.

W. bewohnte ein sehr großes Bambushaus; dasselbe bestand aus einem langen, viereckigen Saal, an dessen längeren gegenüberstehenden Wänden auf jeder Seite vier Thüren nach ebensoviel kleinen Stübchen führten, während an den beiden kürzeren Seiten große, stets geöffnete Flügelthüren den Saal mit Vorhallen verbanden, von denen die eine an der Straße lag, die andere die Hinterseite des Hauses bildete. Diese geräumige Wohnung hatte W. mit allen möglichen Bequemlichkeiten versehen, ich möchte beinahe sagen, mit Luxus ausgestattet, was er zwar besser vermochte als wir, da er, der Aelteste von uns Allen, zugleich unser Vorgesetzter war, der, während wir uns nur kurze Zeit in einem Orte aufhielten, seinen Wohnsitz auf längere Dauer in Soebang genommen hatte, von wo aus er die topographische Aufnahme leitete und beaufsichtigte. W. selbst, ein Oesterreicher von Geburt, war einer der edelsten Charaktere, die ich je getroffen; er war zwar schon fünfzehn Jahre in Ostindien, als ich dort ankam, bedeutend älter als wir Alle, aber die Liebenswürdigkeit, mit der er stets in unsere damals oft noch unreifen Ideen einging, die Schonung, mit welcher er dem Unerfahrenen und Kenntnißärmeren entgegentrat, und die strenge Unparteilichkeit, mit der er unsere Leistungen kritisirte, machten ihn so ungemein beliebt bei uns, daß wir stolz darauf waren, seine Freundschaft zu besitzen.

Als ich vom Pferde gestiegen, drückte er mir herzlich die Hand, indem er ausrief: „Das ist schön, daß Sie auch gekommen sind; nun sind wir Alle zusammen und können einmal wieder auf deutsche Weise Weihnachten feiern! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, bester Freund, wie sehr ich mich auf den heutigen Abend gefreut habe, denn in den sechszehn Jahren, die ich in Indien bin, ist es das erste Mal, wo es mir vergönnt ist, das schöne Weihnachtsfest einzig und allein im Kreise von Landsleuten zu feiern!“

Er führte mich in die Vorhalle, und nachdem ich meine Cameraden sämmtlich begrüßt und dort mit ihnen einige Erfrischungen genommen, öffnete W. die bis dahin verschlossen gewesenen Flügelthüren zum Saale. Ein Ruf der Ueberraschung und Freude entglitt unsern Lippen! Das Gemach war hell erleuchtet; inmitten erhob sich eine hohe, prächtige Palme, von oben bis unten mit brennenden Kerzen geschmückt und mit allen erdenklichen Sachen behangen; vor derselben stand ein gedeckter Tisch, wo Jeder von uns ein Geschenk vorfand, ein Geschenk aus Deutschland stammend, das uns an das liebe Vaterland erinnerte. Schweigend traten wir in den Saal; es herrschte eine feierliche Stille, denn da war kein Auge thränenleer, kein Herz, das nicht stärker klopfte, keine Seele, die sich nicht wehmuthsvoll der Erinnerung an die vergangenen glücklichen Jahre in der Heimath hingab. Wir reichten tiefgerührt unserm liebenswürdigen, aufmerksamen Wirthe die Hände und gaben uns dann so recht der ungetrübten Freude hin, die ja am Christabend in jedes noch etwas empfängliche Herz in so reichem Maße einzieht und die, ich möchte beinahe behaupten, diesen Abend erst zu einem wahren Festabend weiht. W. war nicht weniger glücklich als wir Alle; unsere Freude schien ihm die größte Genugthuung für seine Mühe und Aufmerksamkeit zu sein, und man hätte glauben können, einen glücklichen deutschen Hausvater im Kreise der Seinen zu sehen, hätte die Palme uns nicht ernst daran erinnert, daß wir Tausende von Meilen von unserm Vaterlande waren.

„Aber jetzt, meine lieben Freunde,“ rief W. plötzlich, „wird es wirklich Zeit, daß wir meine Haushälterin berücksichtigen, denn ich glaube, sie macht schon ein böses Gesicht, daß wir so lange Anstand nehmen, ihrem sorgfältig zubereiteten Mahle die gebührende Ehre zu erweisen. Wessen Magen daher hülfsbedürftig ist, der komme!“ und mit diesen Worten wandte er sich, von uns gefolgt, der hell erleuchteten Halle hinter dem Hause zu, wo eine reich besetzte Tafel uns erwartete. Lachend und scherzend setzten wir uns, und ich kann wohl mit Recht sagen, dieser Abend, oder besser diese Nacht war, was ungezwungene Heiterkeit, Laune und Unterhaltung betraf, für mich eine der angenehmsten und genußreichsten, die ich je in Indien verlebt habe. Einer suchte den Andern an Witz zu überbieten, Einer den Andern an genialen Bemerkungen zu übertreffen und an Gedankenreichthum zu überflügeln.

Was mich betraf, so beobachtete ich erst längere Zeit, sowohl unsere heitere Gesellschaft als auch unsere Dienerschaft, denn es war interessant und ergötzlich zu sehen, wie unser Gefolge und unsere Boedjang, einige Schritte von uns auf über den Rasen ausgebreiteten Bambusmatten lagernd und ihre Mahlzeit verzehrend, uns neugierig, beinahe entsetzt angafften, indem sie sich sicherlich selbst sagten, daß sie nie ihre Herren in so ausgelassener Laune gesehen. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß während des Mahles ein Toast den andern verdrängte, und es wären wohl noch unzählige gefolgt, hätte W. nicht plötzlich mit sonorer Stimme das herrliche Lied: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ angestimmt. Kräftig fielen wir alle ein, und so tönte dies kernige Volkslied hoch oben auf Soebang’s Plateau durch die Stille der Tropennacht, während nur das ferne, dumpfe Gebrüll des Tigers im Urwalde dem deutschen Liede Beifall zollte. Plötzlich wurde unser Gesang durch einen furchtbaren Schrei vor dem Hause unterbrochen, ein [360] zweiter Schrei folgte, und der Ortshäuptling stürzte athemlos in den Saal, wo unsere Palme noch im Lichterglanze prangte.

„Toewan, toewan, badak badak besar, badak besar scali“ (Herr, Herr, ein Rhinoceros, ein großes Rhinoceros, ein sehr großes Rhinoceros!) rief er, indem er sich zu uns in die Hintere Gallerie flüchtete.

Ein Donnerschlag aus heiterem Himmel hätte uns nicht mächtiger emporschnellen können, als gerade dieser Ausruf. Wir stürzten in den Saal, wo unsere geladenen Gewehre standen, aber kaum hatte Jeder seine Waffe in der Hand, kaum standen wir versammelt hinter der Palme, so trat auch schon langsam, majestätisch, den ganzen Raum der Flügelthüren einnehmend, ein kolossales Rhinoceros durch die Vorhalle in den Saal.

„Es ist der Weihnachtsmann,“ rief W. mit funkelndem Auge. Sonderbar – wir standen plötzlich der todbringenden Gefahr einige Schritte gegenüber, von ihr nur durch einige Tische und die Palme getrennt, eine Scheidewand übrigens, so nichtssagend, daß ein leiser Anstoß des Unthiers genügte, Alles vor uns zu zerschmettern, aber doch zitterte keines Einzigen Hand; im Gegentheil, kaum war das erste Erstaunen über die Kühnheit des Urwaldbewohners vorüber, als unsere gewöhnliche Heiterkeit sich unser wieder bemächtigte und mit ihr zugleich die Ruhe und die Kaltblütigkeit, die nothwendigen Begleiter des Menschen, wenn er der Gefahr mit Erfolg entgegentreten will. Wir waren Alle schon einige Zeit in Indien und zwar im Innern des Landes, daher vertraut mit der Todesgefahr, die uns ja beinahe jeden Tag bei jedem Unternehmen auf die verschiedenste Weise entgegentrat, aber in diesem Augenblicke war die Gefahr größer als je, denn wir standen einem Feinde gegenüber, dessen undurchdringlicher Panzer allen Kugeln trotzte, der nur hinter dem Ohre eine einzige kleine, tödtlich verwundbare Stelle hatte und der mit einem Anlaufe, mit einem einzigen freundschaftlichen Tritte uns zermalmen konnte. Das fühlten wir und wir waren uns zu gleicher Zeit bewußt, daß nur ein einheitliches, ruhig überlegtes Handeln uns den Sieg über das Unthier zuwenden konnte. Unwillkürlich richteten sich daher Aller Augen auf W., der sich auch seiner Verantwortung völlig bewußt, seiner Aufgabe völlig gewachsen fühlte.

„Meine Herren,“ rief er plötzlich, „sehen Sie, er avancirt, ziehen wir uns daher leise zurück, zurück in die Halle, aber kein Wort, kein unnützes Geräusch – ich habe meinen Plan!“

Wir folgten seinem Rathe und zogen uns zurück, und als W., der Letzte, aus dem Saale trat, schloß er vorsichtig die Flügelthüren.

„Jetzt aufgepaßt!“ wandte er sich in malaiischer Sprache an die Javanen, „wehe dem, der meinen Befehlen zuwiderhandelt! Boedjang, so schnell wie möglich alle Pferde gesattelt, und Ihr, Häuptling, laßt Lärm schlagen, alle, aber auch alle Einwohner Soebang’s sofort mit Fackeln hierher!“

Die Angeredeten stürzten fort, seine Befehle zu vollziehen.

„Und nun, meine Freunde, wollen wir es den alten Jungen, der sich unverwundbar glaubt, büßen lassen, daß er es wagt, unser Fest zu stören; wir wollen ihn mit Feuer vertreiben, und ich verspreche Ihnen eine interessante Jagd.“ Dies sagend, schlich er sich um das Haus und schloß auch die Eingangsthüren, während das Rhinoceros in aller Gemüthlichkeit sich unsern Weihnachtsbaum betrachtete und sich anschickte, denselben zu vertilgen. Das Alarmsignal ertönte, ein Einwohner nach dem andern erschien, wir bestiegen die vorgeführten Pferde und harrten schweigend der nächsten Anordnung W.’s, da wir seinen ganzen Plan noch nicht durchschauten.

Als über hundert Menschen sich mit brennenden Fackeln auf dem großen Rasenplatze versammelt hatten, befahl er dem Häuptling, sofort einige Mann nach Koeningan zu senden und den Fürsten nebst dem holländischen Residenten zur Rhinocerosjagd in seinem Namen einladen zu lassen, indem er sich verpflichte, das Unthier vom Urwalde abzuschneiden und bis zur Ankunft der Herrschers auf der Hochebene zu halten.

„Nun, Leute,“ rief W., sich an die Javanen wendend, „hört meine Befehle! Der Weg hier rechts von meinem Hause führt zum Urwalde, der links, wie Ihr wißt, jedoch auf die Hochebene, und wenn wir das Thier erlegen wollen, müssen wir es zwingen, diesen letzteren Weg einzuschlagen; daher muß die Hälfte von Euch die Straße rechts besetzen, die andere Hälfte aber dringt, während wir alle Thüren öffnen, von hinten lärmend in’s Haus. Der alte Kerl fürchtet sich vor Feuer, er wird also vor den eindringenden Fackeln erschrecken und vorn hinausflüchten; dann dringt Ihr hier mit Eurem Feuer vor, und so wird er sich links zur Hochebene wenden, und ist er erst dort, so ist er verloren; also an’s Werk, aber steckt mir mein Haus nicht in Brand!“

Die Javanen, mit allen Gefahren vertraut und nie denselben aus dem Wege gehend und ebenso, was Jagd und List anbetrifft, von ungemein klarem Verstande, hatten sofort den Plan unseres Freundes begriffen und hatten augenblicklich dessen Anordnungen, befolgt. W. schwang sich nun auch in den Sattel, das Signal wurde gegeben, die Thüren geöffnet, ein Feuerwald drang in den Saal und schreckte das Unthier auf, welches entsetzt zur Vorderthüre hinausflog. Hier wollte es sich dem Urwalde zuwenden, aber ein neues Geschrei, ein neues Feuermeer drang auf den Sohn des Waldes ein – er schreckte zurück und stürzte in rasendem Galopp der Hochebene entgegen, gefolgt von uns auf unseren Rennern und von Hunderten schreiender, fackeltragender Javanen, die es, was Laufen anbetraf, mit dem fliehenden Thiere, selbst beinahe mit unseren Jagdpferden, aufnehmen konnten.

Es war ein großartiges Schauspiel, welches in jener Nacht der Mond mit seinem blassen Lichte beleuchtete!

Eine meilenlange Hochebene, auf derselben ein kolossales Unthier, dessen riesige Kraft uns Alle zermalmen konnte und das dennoch entsetzt floh vor diesen nächtlichen Jägern, die ihm auf den Fersen saßen, vor diesem Feuerwalde, der tobend hinter ihm herbrauste.

Diese Treibjagd mochte ungefähr eine halbe Stunde gedauert haben, als wir vor uns ein kleines Gebüsch erblickten, welches dicht und beinahe undurchdringlich sich um einige Hügel hinzog, zwischen denen die Quelle eines der größten Flüsse Java’s, der Tji-djollang, lagen. Dorthin richtete das geängstigte Thier seine rasende Flucht.

„Jetzt haben wir den alten Jungen!“ rief W., als das Rhinoceros sich in’s Dickicht warf, „nur aufgepaßt, damit er uns nicht wieder entwischt!“

Wir hatten jetzt Alle seinen Plan begriffen, und es dauerte kaum fünf Minuten, so war auch das Gebüsch ganz umzingelt, ein Feuer neben dem andern wurde angesteckt, und als wir das Interesse gewahrten, womit die Javanen W.’s Anordnungen befolgten, gewannen wir die Ueberzeugung, daß das Thier uns nicht mehr entrinnen würde.

W. ritt noch einige Mal rund um das Gebüsch und traf überall mit der größten Umsicht die nöthigen Vorsichtsmaßregeln, dann sich an uns wendend, sagte er: „Kommen Sie jetzt, meine Freunde, hier sind wir überflüssig, denn der Fürst kann mit seinem Gefolge, wenn er sich auch noch so sehr beeilt, erst gegen Mittag ankommen, und wir haben daher Zeit, uns einige Stunden der Ruhe zu gönnen.“

Wir ritten schweigend und langsam zurück, denn ein Jeder von uns fühlte sich durch die Strapazen der vorhergehenden Tage und durch diese nächtliche Hetzjagd mehr oder weniger angegriffen und ermüdet.

Ich war erst kürzere Zeit im Innern des Landes und hatte noch keine Rhinocerosjagd mitgemacht, war daher ganz unbekannt mit den Eigenthümlichkeiten dieser Jagd und konnte mir natürlicher Weise auch nicht erklären, wie es möglich sein würde, ein so gewaltiges Thier bis zur Ankunft des Fürsten in dem kleinen Gebüsche aufzuhalten. Während des Rittes schwebte diese Frage wohl hundert Mal auf meinen Lippen, aber ich bezwang meine Neugierde und ich beschloß, ruhig den Erfolg der von W. getroffenen Anordnungen und den Ausgang unseres Abenteuers abzuwarten.

Welch ein Anblick aber bot sich uns dar, als wir die erst vor Kurzem verlassene Wohnung wieder betraten!

Im Saale herrschte eine chaotische Verwüstung. Die Palme lag gebrochen am Boden, der Krone beraubt, die wahrscheinlich mit ihrer ganzen Ausschmückung im Magen unseres leckermäuligen Eindringlings Platz gefunden hatte; der große, schwere Tisch, welcher vor derselben gedeckt gestanden hatte, lag zertrümmert da, und erst unsere Geschenke! Beinahe Alles hatte das unbarmherzige Thier zertreten oder vernichtet, und zumal kam ich bei dieser Verwüstung am allerschlechtesten weg, denn mein Geschenk bestand aus einem Dutzend Flaschen feinem Rheinwein, und was blieb mir davon?

Nur die Scherben, die zerstreut lagen, und für einige Zeit noch das duftende Bouquet, welches die Luft des Zimmers erfüllte. [361] Lachend unter unnütz ausgestoßenen Verwünschungen ließen wir unserm Aerger freien Lauf und suchten zu retten, was zu retten war. Doch schließlich siegte die Ermüdung, wir begaben uns zur Ruhe, und als Jeder es sich auf seiner Lagerstätte bequem gemacht hatte und endlich tiefe Stille eintrat, verkündete der schrille Ton der Wanduhr die fünfte Morgenstunde. – Ein wenn auch kurzer, so doch fester, wohlthätiger Schlaf hatte uns gestärkt, und gegen elf Uhr saßen wir, wieder geistig und körperlich frisch, am Frühstückstisch in der Vorhalle versammelt, während W.’s Haushälterin alle Hände voll zu, thun hatte, im Saale eine neue große Tafel herzustellen und zu ordnen, da wir mit Bestimmtheit den Fürsten erwarteten und W., was Gastfreundschaft anbetraf, gewohnt war, dieselbe stets in glänzendster Weise auszuüben. Gegen ein Uhr sprengte ein Goelang-goelang heran und brachte die Nachricht, daß der Fürst und die Fürstin von Koeningan, der holländische Resident und dessen Gemahlin nebst allen Häuptlingen, Würdenträgern und einem Gefolge von beinahe zweihundert Personen in einer halben Stunde bei uns eintreffen würden. Diese Nachricht versetzte uns sowohl, wie auch besonders W. in nicht geringe Aufregung, da er nicht wußte, auf welche Weise er alle diese Personen unterbringen sollte; wir erhoben uns schleunigst und bereiteten uns vor, den Herrscher so gastfrei und herzlich wie nur eben möglich zu empfangen. Wir halten nicht nöthig, lange zu harren, denn kaum waren die letzten Vorbereitungen getroffen, als auch schon der lange Jagdzug, aus dem Urwalde hervorkommend, den freien großen Rasenplatz vor unserm Hause betrat.

Ich stand in Staunen verloren, mein Auge hatte nie etwas Phantastischeres und zugleich Reicheres gesehen!

Voraus ritten sechs mit Lanzen bewaffnete junge Männer der fürstlichen Leibwache, deren energisches Aeußere deutlich bekundete, wie stolz sie darauf waren, in der steten Umgebung eines jungen, liebenswürdigen Fürsten zu sein; kaum einige Schritte hinter ihnen der Fürst von Koeningan, an seiner linken Seite der holländische Resident. Der Fürst-Regent, Ario Rotumo di Redjio, ein junger Mann von kaum dreißig Jahren, Javane, von etwas dunkelem Teint, dabei wohlgeformtem, athletischem Körperbau, trug so deutlich auf seinen Gesichtszügen die geistige Kraft ausgeprägt, daß der ruhige Beobachter von den kühnen, entschlossenen Blicken dieses äußerlich und innerlich so begabten Mannes unwiderstehlich angezogen und gefesselt wurde. Ein enganliegendes grünes Jagdwamms umschloß den kräftigen Körper, und ich würde kaum in dem einfachen Jägersmanne den Millionen besitzenden Fürsten erkannt haben, wenn nicht das Funkeln des kostbaren Diamanten, der als Agraffe den Turban auf seinem Haupte zusammen hielt, meine Augen geblendet hätte. Ebenso ließ die Waffe, die an seiner Seite hing, den Fürsten erkennen. Es war nur ein Dolch, aber ein anderthalb Fuß langer Dolch, an dessen Griff sich Diamant an Diamant reihte und dessen Scheide von gediegenem Golde von oben bis unten mit den verschiedensten, kostbarsten Edelsteinen eingefaßt war.

Dem Fürsten folgten die sieben unentbehrlichen und von seiner Person unzertrennlichen Diener. Ich sage mit Absicht, die unentbehrlichen Diener, denn bei allen indischen Fürsten, die ich während meiner Anwesenheit auf Java kennen gelernt habe, fand ich überall eine gleiche Anzahl gerade denselben Diensten sich widmende Diener, deren rothseidene, phantastische Kleidung mir oft ein unwillkürliches Lächeln abgewann.

Der erste dieser Diener trug die lange Lanze des Fürsten, deren tödtlich vergiftete Spitze von einer kleinen goldenen Scheide umschlossen wurde, der Zweite das geladene Doppelgewehr, der Dritte den kostbar gearbeiteten Payong (ein indischer Sonnenschirm von ungewöhnlichem Umfange), der Vierte das goldene Schreibetui, der Fünfte das goldene Waschbecken, der Sechste ein goldenes Kästchen, mit Cigarren und Tabak gefüllt, und endlich der Siebente die von Bast geflochtene, immerwährend brennende Lunte. Dies waren die unzertrennlichen Begleiter, nicht nur des Fürsten von Koeningan, sondern eines jeden indischen Herrschers, und die Etiquette an jenen Höfen ist so streng, daß der Fürst nicht einen Schritt außerhalb seines Hauses thun kann, ohne von dieser doch zuweilen lästigen Schaar umgeben zu sein.

Einige Schritte hinter diesen Dienern ritt die Fürstin, ihr zur Seite die Gemahlin des Residenten. Beide junge Damen fesselten unwillkürlich durch die Grazie und Anmuth, mit der sie die Bewegungen ihrer feurigen, prächtigen Rosse beherrschten, Beide waren gleich alt und hatten eben das siebzehnte Jahr zurückgelegt, Beide waren gleich lebhaft, gleich gebildet und gleich schön, aber dabei doch wieder so verschieden, wie Himmel und Erde, wie Tag und Nacht.

Die Fürstin, eine Tochter des Sultans von Cheribon, war von bräunlich dunkler Farbe mit regelmäßigen Gesichtszügen, welche durch feurige, geistreiche Augen ungemein belebt wurden; dabei war sie von kräftigem, vollem Körperbau, dessen idealisch schöne Formen sich unter der leichten Hülle ahnen ließen. Die junge Holländerin dagegen war ungemein zart, von blendender Weiße, mit treuen, seelenvollen Augen. Und doch waren Beide unzertrennliche Freundinnen, freilich von unendlich verschiedenen Neigungen, denn bei der stolzen Fürstin herrschte hauptsächlich Geist und Verstand vor, bei ihrer schönen Freundin dagegen Herz und Gemüth.

Ebenso verschieden war aber auch die Kleidung dieser beiden Damen. Die Fürstin trug ein dunkles, schwerseidenes, japanesisches Gewand, das mit goldgestickten Löwen und Drachen übersät war; dieses Gewand umschloß in der Taille ein etwa drei Zoll breiter, mit funkelnden Edelsteinen besetzter goldener Gürtel, an dessen linker Seite ein kleiner, kostbar gearbeiteter Dolch hing; am Halse wurde es durch eine ungemein werthvolle Agraffe zusammengehalten. Ihre Begleiterin dagegen trug ein langes schlichtes, weißes Gewand mit einem einfachen, nur mit kleinen Edelsteinen besetzten Gürtel. Erstere, mit dem Perlen- und Diamantendiadem, das ihre dunkeln Haare umschloß, glich im wahren Sinne des Wortes der Königin der Nacht, während Letztere, mit dem kleinen blumenbesetzten Strohhütchen auf den blonden Locken, eine duftende Blume des Frühlings zu sein schien.

Dicht hinter den Damen ritten zwei Leibdiener, jeder von ihnen einen prächtigen Payong in der Hand. Diese umfangreichen Sonnenschirme waren an langen vergoldeten Stangen befestigt und wurden von den Dienern über die Köpfe der beiden Damen gehalten, um sie vor den glühenden Sonnenstrahlen etwas zu schützen. Ihnen folgte die ganze weibliche Bedienung der Fürstin und endlich alle Häuptlinge der Umgegend mit ihrem Gefolge, während die Leibwache des Fürsten den Schluß bildete.

Der Fürst schwang sich leicht vom Pferde, eilte auf W. zu und indem er demselben herzlich die Hand schüttelte, dankte er für die freundliche Einladung und nahm die dargebotene Gastfreundschaft an. Darauf ließ er sich und der Fürstin die ihm noch Unbekannten von uns, wozu ich auch gehörte, von W. vorstellen und unterhielt sich auf die liebenswürdigste, ungezwungenste Weise mit uns, und wir erkannten bald, daß wir einen durch und durch wissenschaftlich gebildeten Mann vor uns hatten.

Nachdem wir uns noch einige Zeit über die mannigfachsten Angelegenheiten unterhalten hatten, gingen wir zu Tische. Für die Damen, den Fürsten, den Residenten und uns war im großen mittleren Saale eine wohlbesetzte Tafel gedeckt; für die übrigen Häuptlinge eine zweite in der Hinteren Halle, während das ganze Gefolge vor dem Hause auf dem Rasenplatze lagerte und dort von W. auf das Gastfreieste bewirthet wurde.

Dieses Mittagsmahl wurde begreiflicher Weise für unsern Freund W. ziemlich kostspielig, und solche sich öfters wiederholende Feste würden uns unbedingt in die größten Verlegenheiten gestürzt haben, hätte nicht die Regierung uns für diese Fälle eine ganz bedeutende Gehaltszulage bewilligt. Es lag im Willen, und ich möchte beinahe sagen, im Interesse der Regierung, die wenigen Beamten, die sie in’s Innere des Landes schickte und die durch ihre Stellung gezwungen waren, in dauerndem Verkehr mit den indischen Fürsten und Häuptlingen zu stehen, auch in pecuniärer Hinsicht so zu stellen, daß sie selbst die Gastfreundschaft eines indischen Fürsten glänzend erwidern konnten, und gerade dies that die Regierung in reichem Maßstabe.

Während des Essens hatte ich meinen Platz an der Seile des holländischen Residenten, eines jungen Mannes von kaum fünfunddreißig Jahren, doch wurde mir durch diese Nachbarschaft beinahe der ganze Mittag verbittert, denn das stechende, lauernde Auge und die Arroganz dieser hochstehenden Persönlichkeit schreckten mich ab und erfüllten mich mit Widerwillen. Ich freute mich herzlich, als der Fürst sich erhob und ich von diesem hochmüthigen Gesellschafter erlöst wurde. Die Pferde wurden vorgeführt, und der ganze Jagdzug setzte sich in Bewegung.

Während des Rittes suchte ich mich der Fürstin zu nähern, sie schien es zu bemerken und winkte mich heran. „Nicht wahr, [362] Sie sind ein Preuße?“ redete sie mich plötzlich in deutscher Sprache an.

Ich war so überrascht, von einer Indierin meine Muttersprache zu hören, daß ich kaum eine Antwort zu geben vermochte, doch sie schien meine Gedanken zu errathen und sagte lächelnd:

„Sie wundern sich wahrscheinlich, daß ich mit Ihnen deutsch spreche, aber ich bin nun einmal in Holland erzogen und von den wenigen Sprachen, die ich dort gelernt habe, ist mir stets Ihre edle, kräftige Muttersprache die liebste gewesen, daher erhasche ich auch jede Gelegenheit, die sich mir bietet, mich in deutscher Sprache zu unterhalten.“ Ich war entzückt über diese Worte, und in wenigen Augenblicken waren wir im eifrigsten Gespräch. Die Fürstin sprach sehr schnell, aber jeder Satz, jede Aeußerung bekundete ihre gediegene Bildung, ihren klaren Verstand. Als wir uns dem Ziele näherten und ich mich zu den übrigen Herren begeben wollte, lud sie mich ein, den Sylvester-Abend an ihrem Hofe in Koeningan zuzubringen. Ich versprach es und war im Begriff, mich zurück zu ziehen, als sie mir zurief:

„Wenn Sie kommen, werde ich Ihnen auch meine Bibliothek deutscher Classiker und meinen Lieblingsdichter zeigen.“

„Schiller?“ fragte ich entzückt.

„Nein, Goethe,“ gab sie zur Antwort und setzte lächelnd ihr Pferd in Galopp.

Als wir das Ziel erreicht halten, mußte ich staunen über die große Veränderung, die in den wenigen Stunden erfolgt war.

Tausende von Menschen, die aus allen Orten der Umgegend zusammengeströmt waren, lagerten im Kreise um die beiden Hügel, hatten mit geschäftigen Händen das Gebüsch gänzlich gelichtet und eine Tribüne von Bambusrohr erbaut, von der man Alles übersehen konnte, während das Rhinoceros in aller Ruhe an der Quelle der Tji-djollang sein Mittagsschläfchen zu halten schien. Mir fiel sogleich ein etwa zwei Fuß breiter und ein Fuß tiefer Graben auf, der sich um die Hügel hinzog und wohl eine Viertelstunde im Umfange hatte. Hunderte von Eingeborenen waren thätig, denselben stets aufzuschaufeln, und als ich mich nach dem Zwecke desselben erkundigte, erfuhr ich, daß dies die einzige Möglichkeit sei, ein Rhinoceros einzuschließen, denn wenn letzteres an einen solchen frisch aufgeworfenen Graben käme, beschnüffele es denselben, mache kehrt und getraue sich nicht über denselben hinweg zu gehen. Ich bezweifelte anfangs diese Aussage, indem ich sie dem Aberglauben der Javanen zuschrieb, aber merkwürdiger Weise habe ich mich, so unglaublich es erscheinen mag, von der Wahrheit dieser Behauptung zu wiederholten Malen überzeugt.

Nachdem wir die Tribüne bestiegen hatten, wurde das Unthier aus seiner Ruhe aufgeschreckt. Auf den Hügeln nämlich waren einige kolossale Bäume stehen geblieben, in deren Zweigen sich eine inländische Musikbande eingenistet hatte, welche nun Alles aufbot, durch ohrzerreißenden Paukenschlag und Beckengeklirr das Rhinoceros zu ängstigen. Dieser höllische Lärm, von dem Schreien Tausender begleitet, schien wirklich selbst für die Ohren des Thieres zu unbehaglich, denn es sprang empor, schüttelte sich und fing an den großen Kreis zu durchtraben. Als es bei unserer Tribüne vorbei kam, krachte eine Salve, und vierzehn Kugeln drangen in das dicke Fell, ohne daß es sich im Mindesten durch diesen Willkommensgruß beunruhigt gefühlt hätte. Als es zum zweiten Mal bei uns vorüberkam, erhielt es dieselbe Anzahl Schüsse, und dieses Mal schien wirklich ein oder die andere Kugel etwas tiefer in’s Fleisch eingedrungen zu sein, denn es blieb plötzlich stehen, sah sich grimmig nach seinen Feinden um und setzte sich dann in fliehenden Galopp, ohne es zu wagen, den kleinen Graben zu überspringen und sich dadurch die Freiheit zu verschaffen. Nach einigen Minuten erschien es wieder bei uns und erhielt eine dritte Salve, die es so zu entsetzen schien, daß es schleunigst sich umwandte und zur Quelle zwischen den Hügeln eilte, wo es sich niederwarf.

Dies war gerade der Punkt, den wir von der Tribüne aus nicht übersehen konnten, denn der vor uns liegende Hügel beraubte uns gänzlich der ferneren Aussicht.

Die Fürstin, glaubend, daß das Ende des Schauspiels da sei, war untröstlich das Unthier nicht vor ihren Augen verenden zu sehen; doch kaum gab sie diesen Wunsch zu erkennen, so sprangen wir Alle auch hinunter und eilten den Hügel hinan, hoffend, daß es uns gelingen würde, das Unthier noch einmal aufscheuchen zu können. Der Fürst nur und der Resident blieben zurück. Als wir die Kuppe des Hügels erreichten, bot sich ein interessantes Schauspiel unsern Augen dar. Das Rhinoceros lag noch immer unbeweglich an der Quelle, während zwei tollkühne Javanen sich auf seinen Rücken geschwungen hatten und damit beschäftigt waren, die Schlinge eines langen Rotangtaues (frisches Rohr) um seinen Hals zu befestigen. Nachdem ihnen dies gelungen war, versuchten Hunderte von Menschen, die den andern Hügel erstiegen hatten, das riesige Thier mit Gewalt emporzuziehen; aber plötzlich sprang es schnaubend auf, die beiden Tollkühnen weit von sich schleudernd, und mit einem einzigen Ruck des Kopfes riß es das Tau in Stücke, so daß Alle, die daran zogen, rücklings zu Boden schlugen; dann drehte es sich plötzlich um, sah uns und stürzte in rasender Wuth auf uns zu. Wir stoben fliehend aus einander, denn in jenem Augenblicke war Jeder nur auf seine eigene Rettung bedacht. Auf unsern Freund W. war es abgesehen.

Beinahe rasend vor Wuth verfolgte das Thier ihn mit ungestümer Hast, und so dauerte diese Jagd einige Minuten, für uns eine Ewigkeit der Angst und des Schreckens, denn nur ein Wunder konnte unsern Freund retten; wir sagten uns, daß er verloren sei, ohne daß es mit dem besten Willen uns möglich gewesen wäre, zu seiner Rettung etwas beitragen zu können.

Plötzlich stieß W. einen herzzerreißenden Schrei aus, das Thier hatte ihn beinahe erreicht! Dann wandte er sich plötzlich um und hielt dem Andringling sein Gewehr entgegen. Aber in diesem Augenblick stand unversehens der Fürst mit blitzenden Augen, die tödtlich vergiftete Lanze zum Stoße erhoben, ihm zur Seite. Der Schuß krachte; W. selbst stürzte zu Boden, das Unthier aber, durch eine Schrotladung plötzlich in’s Gesicht getroffen, sprang erschrocken hoch empor, dann aber, heulend vor Wuth, war es im Begriff seine Gegner zu zermalmen, als es mit einem Male still stehen blieb, heftig am ganzen Körper zitterte und keuchend zu Boden donnerte. Die Lanze des Fürsten hatte das Thier berührt, der riesige Urwaldbewohner lag todt und starr zu Füßen des indischen Herrschers. Wir stürzten hinzu und hoben unsern Freund auf; er war glücklicher Weise nur ohnmächtig und erholte sich bald. Wir athmeten auf. Nachdem wir den Koloß genugsam betrachtet und das große, werthvolle Horn abgelöst hatten, traten wir gegen Abend den Heimritt an. In Deutschland habe ich das schöne Weihnachtsfest inniger und gemüthlicher gefeiert – interessanter niemals!