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Textdaten
Autor: Amalie von Imhoff
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Titel: Der verlorne Maitag
Untertitel:
aus: Friedrich Schiller:
Musen-Almanach für das Jahr 1798, S. 80 - 86
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1798
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
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Quelle: HAAB Weimar, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[80]
Der verlorne Maitag.


Aus dem Reich der schönen Thetis,
Aus der blauen Fluthen Bette
Steigt der goldgelockte Phöbus,
Um an ihrem schönsten Feste

5
Mild die Erde zu beleuchten.

Stolzer heftet er die Spangen
Seines weiten Strahlenmantels
Auf der hohen Brust zusammen.
Lächelnd ziehen jezt die Nymphen

10
An des Wagens goldne Deichsel

Jene stolzen Sonnenrosse,
Die den eitlen Sohn des Gottes
In ein frühes Grab geschleudert,
Aber ohne Sträuben folgen

15
Sie dem wohlgewohnten Rufe,

Und die Nymphen werfen scherzend
Ueber sie die Purpurzügel.

[81]

Leis eröfnet jetzt Aurora
Ihre Kammer, wo sie einsam

20
Ueber Titons graue Haare,

Ueber ihren Wunsch getrauert,
Da mit unvorsicht’ger Liebe
Sie des Vielgeliebten Leben
Nur zu seiner Qual verlängert,

25
Ach! des freudenlosen Alters

Muß er sich unsterblich grämen!
Sie entfaltet dort im Osten
Ihren saffrangelben Schleyer;
Hesper, den sie bald verdunkelt,

30
Leuchtet mit der Silberfackel

Noch durch graue Morgenwolken –
     Aber jetzo nahet Phöbus –
Von des Gottes Antlitz strahlet
Ew’ges Licht und ew’ge Klarheit;

35
Seine Flammenrosse schimmern,

Reine Feuerfunken sprühen
Aus des goldnen Wagens Rädern;

[82]

Es entfliehen Nacht und Schrecken
In den dunkeln Schoos des Orkus.

40
Von dem lieblichbunten Kreise

Junger Horen rings umscherzet,
Steiget Phöbus in die Lüfte.

     Aber plötzlich hüllt Aurorens
Schönen Schleyer grau Gewölke,

45
Löscht des kleinen Hespers Fackel,

Wälzt sich immer dicht und dichter
Unter Phöbus stolze Rosse,
Die voll Trotz die Flammenhufe
In die feuchten Wolken schlagen.

50
Wie in weiter Landesebne,

Die das Roß vom Sporn getrieben
Leicht durchfliegt, [der Hufe Spuren
Füllt der gelbe Sand von selber;]
Höher als der schnelle Reiter,

55
Staubeswolken aufwärts steigen,

Daß der ferne Wandrer wähnet,

[83]

In den langerhobnen Wirbel
Sey ein großer Troß gehüllet,
So umwallt die Sonnenrosse

60
Graues neblichtes Gewölke;

Von den Flammenmähnen schütteln
Sie mit Iris bunten Farben
Tausend zarte Regentropfen,
Daß der Horen seidne Flechten,

65
Daß die goldnen Ringellocken,

Sonst ein Spiel der Morgenwinde
Jezt von kaltem Thaue träufelnd
Um die weißen Nacken sinken,
Daß die flatternden Gewänder

70
Dichter sich in feuchten Falten

An die schlanken Hüften schmiegen,
„Phöbus! ruft der Kreis der Mädchen,
Wende dein Gespann, es netzet
Dieser dicke Duft der Erde

75
Uns die Schläfe, uns die Sohlen. –

Doch mit sanftem Ernst versetzet

[84]

Jezt der schöne Gott des Tages:
Folget immer, holde Stunden,
Sanft euch fassend, meinem Wagen;

80
Denn der Vater will es also,

Daß ich heute ungesehen
Ueber diesem Thale schwebe,
Die verkehrten Menschen strafend –
Die auf schimmernden Altären

85
Eiteln thörichten Gebräuchen

Ihre schönsten Freuden opfern.
Statt an meinem heitern Strahle
Ihr erkaltet Herz zu wärmen,
An Aurorens schönem Schleyer

90
Sich im Frühlingshayn zu freuen,

Fesseln sie mit goldnen Ketten
An des feilen Plutus Wagen
Heute ihre Sclavennacken.
Statt im schön gewölbten Tempel

95
Jenes feyerlichen Haynes

Heut auf grünenden Altären

[85]

Freudenopfer darzubringen,
Auf des muntern Waldorchesters
Feyerhymnen froh zu horchen,

100
Zählen in geschmückten Zimmern,

Geldgier in den stieren Blicken
Aengstlich sie gemahlte Blätter,
Und entzweyen sich um Pappe!
Unglückseliges Geschlecht!

105
Selbst in Tempe’s Fluren elend.

An Ilissus Veilgen Ufern,
Würdet ihr nach Karten greifen! –

     Doch wer wandelt wohl dort unten,
Stürmen trotzend und dem Regen?

110
Zwischen feuchtem Mooße pflücket

Er bedächtlich jezt Violen,
Wie die Mädchen sie den Wiesen
Nur an schönen Morgen rauben;
Zart die schweren Regentropfen

115
Aus den kleinen Kelchen schüttelnd,
[86]

Trillert ruhig er ein Liedchen –
Ha! – Jezt kenn’ ich ihn, ein Liebling
Ist er jener holden Neune,
Der sich meinem Heiligthume

120
Oft bescheiden flehend nahte,

Den ich nicht zurück gewiesen. –
Für die Freundin, die er ehret,
Die indeß das Thal durchwandelt,
Sinnender dies Fest begehend,

125
Pflückt er auf der Höh’ die Blumen.

Ihm, der die Natur verehret,
Und die Gaben holder Musen;
Ihm, der schon auf meinem Altar
Süße Erstlinge geopfert,

130
Soll der steile Pfad des Ruhmes,

Als ein Blumenweg erscheinen,
Wo er lächelnd Freuden pflücket;
Und am Ziele soll der Lorbeer,
Aus der Musen heilgen Händen

135
Ihm die heitre Stirne krönen.“
F.