Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ferdinand Dieffenbach
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der letzte Adept
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 279–282
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[279]
Der letzte Adept.
Eine Jugenderinnerung von Ferdinand Dieffenbach in Darmstadt.


„Excellenz, der Barometer steht auf Wunderlich!“ sagte der Kanzleidiener zu dem Präsidenten des Oberappellationsgerichts zu Darmstadt, Geheimerath von Arens, denn Excellenz pflegten ihre wichtigen Dienstverrichtungen an jedem Morgen durch ein Gespräch über das Wetter mit dem Kanzleidiener zu beginnen. – An jenem Morgen aber, wo der Kanzleidiener also sprach, stand der Barometer ungewöhnlich tief, weit unter Sturm, so daß das Niveau der Quecksilbersäule fast bis dahin hinabgesunken war, wo der Verfertiger des Instruments – er hieß Wunderlich – seinen Namen verewigt hatte.

Karl Wunderlich war großherzoglich hessischer Rath, wurde aber bereits, als er kaum das fünfunddreißigste Jahr erreicht hatte, im Jahre 1804 pensionirt. Er füllte von seinen vierundzwanzig täglichen Freistunden immer einige mit der Verfertigung von Barometern und Thermometern aus, welche Instrumente er beinahe für alle Kanzleien unserer Residenzstadt lieferte. Auch als Schriftsteller ist er auf dem Gebiete der Technik aufgetreten, und es existirt von ihm eine Schrift, in welcher die Construction eines von ihm „zum Zwecke höchstmöglichster Ersparung des Brennstoffes erfundenen Stubenofens (Darmstadt, 1821)“ beschrieben wird. Dieses Buch beginnt folgendermaßen: „Wenn es Pflicht der Staatsregierung ist, für die Unterhaltung der Forste zum Besten künftiger Geschlechter zu sorgen, so ist es nicht weniger Pflicht der Staatsbürger, durch Ersparniß des Holzes den Intentionen einer hohen Behörde entgegenzukommen.“ Er motivirt hierauf weiter seine Erfindung. „Die Zeit, wo der Menschen so viele sein werden, daß keiner wegen des anderen mehr leben, keiner etwas verdienen kann, weil jeder verdienen will, die alle kochen, die alle sich wärmen wollen, wo die ungeheuer vermehrte Consumtion nicht allein allen älteren Holzvorrath nach und nach wegraffen, sondern auch kein nachkommendes aufkommen lassen wird, kann nicht ausbleiben. Dieses furchtbare Extrem [280] wird uns in unserer Sorglosigkeit ereilen und zu spät werden wir den begangenen Fehler einsehen. Mich hat dieser Gedanke schon oft mit Entsetzen erfüllt, und er ist mir ein Hauptantrieb gewesen, wenigstens was das Holz betrifft, etwas zur Verminderung des Unglückes beizutragen.“

Mit dieser, weil Niemand mehr zum Besten der Nachwelt sparsam mit dem Holze umgehen will, leider zwecklos gewordenen Erfindung wollen wir uns nicht weiter beschäftigen, sondern mit einer anderen Marotte des alten Wunderlich, seiner alchemistischen Wirksamkeit. Er gehörte zu jenen sonderbaren Menschen, für die es undenkbar ist, daß Alles auf der Welt mit natürlichen Dingen zugehen soll, die, nachdem Kepler, Newton und Laplace aufgetreten waren, noch an geheime Einflüsse der Sterne glaubten, die, als schon für die ganze übrige Welt heller Tag angebrochen war, noch Gespenster beschwören zu können vermeinten und die, nachdem bereits Lavoisier gelebt und während Berzelius in voller Kraft wirkte, Liebig aber gerade seinen Triumphzug begann, noch an die Umwandlung der Metalle glaubten.

Er war Mitglied der von dem jovialen Verfasser der Jobsiade, Dr. Kortum[WS 1] zu Bochum, gegründeten angeblichen hermetischen Gesellschaft, von welcher er „in honorem Divini Numinis“ zum Ehrenmitgliede ernannt wurde. Eines dieser Diplome, welche von Kortum in Masse verschickt wurden, lautete in deutscher Uebersetzung also: „Die Gesellschaft der hermetischen Philosophie, die den entlegenen Geheimnissen der Natur nachgeht, wählt, erklärt, nimmt Herrn Carl Wunderlich, wegen seiner ausgezeichneten Verdienste um die Chemie, in die Zahl ihrer Ehrenmitglieder auf, denen es obliegt, mit beständigem Geist, mit regem Studium der Philosophie, mit reinen und unbescholtenen Sitten die Wahrheit zu pflegen, die besten Autoren zu Rath zu ziehen, die Geheimnisse der Philosophen zu ergründen, die doppelsinnigen Zweideutigkeiten zu lassen, die Syrten (Untiefen) der alchemistischen Wissenschaft zu vermeiden, das aber, was diese Gutes und Sicheres erzielt, zur Ehre des göttlichen Willens, zum Nutzen des Vaterlandes und zum Troste der Armen anzuwenden.“

Mit selbstbewußtem Stolze zeigte er seinen intimeren Bekannten, wenn auf diese Gesellschaft, die für ihn wirklich existirte, die Rede kam, das Insignium seiner Würde, eine kleine, dem Diplom beigefügte Wünschelruthe. Gleich dem Baron Sternhayn zu Karlsruhe, der noch im Anfange dieses Jahrhunderts Alchemie trieb und sich, wie er sich ausdrückte, durch sein hermetisches Diplom mehr als durch seinen Adelsbrief geehrt fühlte, hatte er von der Kortum’schen Schelmerei keine Ahnung und glaubte wirklich Mitglied eines großen, geheimen, mächtigen Bundes zu sein.

Fünfzig Jahre lang brütete Wunderlich über dem großen alchemistischen Geheimnisse; von der Offenbarung Johannis an bis herab zu Eckartshausen’s 1802 erschienener „Wolke über dem Heiligthume“ hatte er die gesammte alchemistische Literatur und die einzelnen Schriften studirt und kritisch verglichen, so daß er in Wahrheit gewissenhaft die ihm durch sein Diplom auferlegte Pflicht erfüllt und versucht hatte, „die Geheimnisse der Philosophen und die alchemistischen Syrten zu vermeiden“.

In seinem Arbeitscabinet waren Tiegel und Kuppelöfen aufgehäuft, und ein wahrer Wust des verschiedenartigsten mystischen Plunders: Erdspiegel, Wünschelruthen, Todtenspiegel, Nägel von Särgen, Glas von zerbrochenen Kirchenfenstern, das linke Auge eines Wiedehopfs und das rechte eines Luchses, und der Himmel weiß was sonst noch Alles, hatte sich bei ihm angesammelt; in einem gesonderten Zimmer aber, gewissermaßen dem Allerheiligsten, war seine über dreitausend Bände starke Bibliothek, der Inbegriff der gesammten alchemistischen und kabbalistischen Wissenschaft, aufgestellt. Damit ja kein profanes Auge in die von ihm sorgfältig gehüteten Geheimnisse eindränge, hatte er diese ganze ungeheure Büchersammlung selbst eingebunden und selbst katalogisirt.

Noch steht er vor meinen Augen, der alte, gebeugte Mann mit der braunen Perrücke und dem großen grünen Augenschirme, wie er emsig an seinem Werktische und seiner Drehbank arbeitete und seine merkwürdigen Apparate construirte. Er muß sein Wohlgefallen an mir gehabt haben, als ich ihn und sein Treiben einst mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, denn er nahm mich mit und zeigte mir sein Sanctissimum.

„Da, Junge,“ sagte er, „sieh Dich um, aber rühre nichts an. Später, wenn ich längst todt bin, denkst Du vielleicht noch einmal an das, was ich hier getrieben habe, und begreifst mich. Aber halte Dich frei von der Sünde, sonst ist Alles vergeblich. Der Sündenstoff in unserm Blute macht uns blind und unempfänglich für die Wahrheit der Wissenschaft. Hüte Dich vor den Weibern und dem Weine! Dann ergründest Du vielleicht das große Geheimniß der Natur.“

Er führte mich im Zimmer herum und zeigte mir alle seine Apparate. Zum Andenken gab er mir ein beschriebenes Zettelchen. Als ich in die Höhe wuchs, kam mir der alte Wunderlich nach und nach aus dem Gedächtniß, leider auch der gute Rath und die Warnung, die er mir einst mit auf den Weg gegeben. Der Talisman, den er mir schrieb, wurde mir von frommer Hand aufbewahrt; aber er ist für mich machtlos. „Umsonst, daß trocknes Sinnen mir die heiligen Zeichen hier enthüllt; mein Sinn ist zu, mein Herz ist todt!“ Die Sätze, die mir eine Welt zu erschließen vermöchten, erscheinen mir nur als wirre Worte. Ich wiederhole den Spruch; vielleicht begreift ihn ein Anderer, dem es gelungen ist, sein Blut von den „polymeren und isomeren Modificationen der Sünde“ freizuhalten. Oben auf dem Zettel ist eine große Sonne mit dicken Pausbacken gezeichnet, und darunter steht:

Der Schlüssel aller Heimlichkeit
An mir allein gänzlich nur leit,
Der mir durch Gottes Gnadgewalt
Vom Engel Michael zugestallt;
Mein Kunst gehört zur Grammatika –
Lies recht darin, so find’st Du’s da!

Ehrlich und gründlich forschte Wunderlich nach diesem „Schlüssel aller Heimlichkeit“, dem großen Magisterium. Allerwärts findet man in den von ihm benutzten Büchern Anmerkungen, in welchen er seine Erfahrungen mittheilt. Zu einem Aufsatze Kortum’s, welcher das Erdpech für die wahre materia prima hielt, macht er zum Beispiel die Randbemerkung: „Nein, es ist nicht wahr, der Galmey ist es.“ Allein auch der Galmey führte ihn nicht zum Ziele und er versuchte es nach einander mit Blei, Arsenik und Spießglanz. Zuletzt gar arbeitete er mit einer Materie, welche ich hier nicht genauer bezeichnen mag.

Allein, was er auch anfing, seine Mühe und sein Suchen war vergeblich. Der Erzfeind des Menschen, der Teufel, der ihm bald als wüthender, großer, schwarzer Hund, oder als ein anderes Ungethüm, oder auch als mächtiger Wollsack, der ihm beim Nachhausegehen die Treppe versperrte, erschien, verdarb ihm immer, wenn er am Ziel angekommen zu sein glaubte, die lange mühevolle Arbeit. Er war nicht einmal so glücklich, wie der Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, der 1717 aus dem durch die Gewandtheit seines Alchemisten auf alchemistischem Wege erzeugten Silber wenigstens einige hundert Thaler prägen lassen konnte, welche die Inschrift führen: „Sic Deo placuit in Tribulationibus.“ (So hat es Gott gefallen in unserer Bedrängniß.)

Beinahe noch mehr als den Teufel fürchtete Wunderlich den Erdgeist, den gefährlichen Hüter der unterirdischen Schätze. Ein Bruder des Großherzogs Ludwig des Ersten, Landgraf Christian, der in seiner Jugend gleichfalls an Geisterbeschwören und Goldmacherei glaubte, gab ihm einst den Auftrag, den Erdgeist zu beschwören, um einige Fragen an ihn zu richten. Er wies ihm dazu ein rundes Gartenhaus an, das sich in einem Parke des Landgrafen, dem sogenannten „Pfauengarten“ befand und heute noch zu sehen ist.

„Durchlaucht,“ bemerke Wunderlich, „gestatten Sie mir, daß ich zuerst das Haus untersuche, ehe ich die Beschwörung vornehme.“

Der Prinz war damit einverstanden und einige Tage später ließ sich Wunderlich wieder melden.

„Durchlaucht,“ bemerke er mit vortrefflich erheuchelter Verdrießlichkeit im Gesicht, „Sie werden ein eigenes Haus für die Beschwörung bauen lassen müssen. Ich habe das Gartenhaus im Pfauengarten untersucht und ausgemessen und habe es zu klein gefunden. Dem Erdgeist kann man eine so bescheidene Räumlichkeit nicht anbieten, oder man erregt seinen Zorn.“

Der Prinz überlegte sich die Sache. Das Unternehmen wurde verschoben und unterblieb, wie Alles, was auf die lange Bank geschoben wird.

„Ich hab’ es wohl gewußt,“ sagte Wunderlich später mit pfiffiger Miene zu einem Bekannten. „Ich werde mich hüten, [282] mir für den Landgrafen die Finger zu verbrennen. Er weiß es selbst recht gut, wie man den Erdgeist beschwört, und wenn er ihn sprechen wollte, hätte er mich nicht dazu nothwendig, aber die hohen Herren lassen sich gern durch Andere die Kastanien aus dem Feuer holen. Ha, ha, ha,“ lachte er höhnisch, „dem Wunderlich ist sein Leben und seine unsterbliche arme Seele auch lieb!“

Wunderlich starb 1840. Seine unsterbliche Seele ist nunmehr wohl in die „philosophische Spießglashöhle“ eingedrungen und hat durch sie den Weg zum „Thale Josaphat“ gefunden, wo das große magisterium unverunreinigt aufgehäuft liegt und ewige Gesundheit dem Alchemisten zum Lohne wird, damit er sich immer und immer an dem Borne himmlischer Weisheit zu erquicken vermag.

Seine Maschinen und Apparate wanderten zum Trödler; seine ungeheure alchemistische und kabbalistische Bibliothek erwarb aber die hiesige Hofbibliothek. Um die bibliothekarische Wissenschaft hat sich Wunderlich durch diese Sammlung ein nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst erworben, denn seine alchemistische Büchersammlung überbietet alle anderen an Vollständigkeit. In langen Reihen sind diese Bände in einem eigenen Zimmer aufgestellt; aber – wehe Dem, dessen Kopf nicht von Haus aus helle ist, wenn er zu lange in ihrer Nähe verweilt und es sich beigehen läßt, einen Blick in ihren Inhalt zu werfen! Ihre Nähe ist gefahrbringend wie der Duft des Manzanillo, und furchtbar rächt es sich, ihr Geheimniß erforschen zu wollen. Gleich Jenem, der das verschleierte Bild zu Sais enthüllte, wird Der gestraft, der in ihr Geheimniß zu dringen versucht –

          „Auf ewig
Ist seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn reißt ein tiefer Gram zum frühen Grabe!“

Zwei Diener der Bibliothek, die ihrer Neugierde nicht Zügel anzulegen vermochten, sind durch die Lectüre dieser Bücher buchstäblich verrückt geworden. Bei einigen anderen Liebhabern der geheimen Wissenschaften erlitt die Gehirnthätigkeit gleichfalls bedenkliche Störungen, so daß die Bibliothekare ein- für allemal die Weisung haben, allen Denen, die ein Buch über Alchemie, Dämonologie, Rosenkreuzerthum, Freimaurerei oder etwas Aehnliches verlangen, namentlich Ungebildeten oder Solchen, bei denen es etwa nicht ganz richtig sein konnte, die Auskunft zu verweigern.

„Wir bedauern, daß wir Ihnen nicht dienen können,“ antwortet man höflich. „Alle derartigen Werke mußten wir 1866 zufolge einer Bestimmung des Friedensvertrages an Preußen ausliefern!“

„Ah, daher sind diese preußischen Schurken unsere Herren geworden,“ erwiderte hierauf ein französischer Officier, der während seiner Kriegsgefangenschaft in Darmstadt diesen Zweig der Wissenschaft cultiviren wollte und nun wußte, warum die Preußen solche „Hexenmeister“ sind!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Carl Arnold Kortum, Vorlage: Kortüm