Der kleine Däumling

Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Lehnert
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Titel: Der kleine Däumling
Untertitel:
aus: Mährchenkranz für Kinder, der erheiternden Unterhaltung besonders im Familienkreise, S. 128–139
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: [1829]
Verlag: J. G. Hasselberg
Drucker: Gebrüder Unger
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
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Quelle: Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg = Commons
Kurzbeschreibung:
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[128]
21.
Der kleine Däumling.

Vor Zeiten war einmal ein armer Holzhacker und seine Frau, die hatten sieben scharmante Kinder, lauter Jungen, von welchen der jüngste sieben Jahre alt seyn mochte. Die vielen Kinder machten ihnen viele Sorge, da noch keins von allen etwas verdienen konnte. Noch mehr Kummer machte [129] es aber dem armen Manne, daß der jüngste Sohn nicht allein sehr schwach und zärtlich, sondern, wie er einfältig glaubte, auch etwas dumm und beschränkt war, welches jedoch keineswegs sich so verhielt. Zwar war der Knabe sehr klein, und als er zur Welt kam, nicht größer wie ein Daumen, weswegen man ihn denn auch immer nur den kleinen Däumling nannte; dabei war er aber gar nicht dumm, vielmehr sehr pfiffig, und weit klüger als seine Brüder, obwohl er wenig sprach, und im Gegentheil mehr hörte und aufmerkte.

Nun geschah es, daß ein schweres, sehr theures Jahr kam: denn die Ernte war ganz mißrathen, und die Aeltern, der Däumling und die andern sechs Kinder mußten jetzt oft hungrig zu Bette gehen.

Eines Abends waren die Kinder schon alle schlafen gegangen, aber der Holzhauer saß noch mit seiner Frau am Feuer, und sprach mit beklommenem, schwermüthigem Herzen von der schlimmen Zeit und der Noth, mit welcher sie zu kämpfen hatten. „Frau,“ sagte er dann mit einem tiefen Seufzer, „was soll aus unsern armen Kindern werden? Die müssen wir wohl dem lieben Gott befehlen, der für sie sorgen wird, da wir es nicht mehr können! Ich will sie morgen mit in den dicksten Wald führen, und Reisholz auflesen lassen, und mich dann heimlich davon machen. Den Rückweg finden sie gewiß nicht! Und wenn sie auch im Walde umkämen, so ist’s doch besser, als wenn wir sie vor unsern Augen so langsam sollen verschmachten sehen!“

„Wie!“ rief die Frau, „du wolltest deine Kinder aussetzen, und von wilden Thieren fressen lassen? Das kann ich nimmermehr zugeben.“

Traurig zuckte der Mann die Achseln, und nachdem er seiner Frau Alles noch einmal vorgestellt hatte, wie es doch ganz unmöglich sey, die vielen Kinder zu ernähren und vor [130] dem Hungertode zu schützen, so willigte sie endlich weinend in seinen Vorschlag ein, und legte sich bekümmert zu Bette, und betete zu Gott, daß er doch helfen möge.

Der kleine Däumling hatte aber nicht geschlafen, und wohl bemerkt, daß die Aeltern von ihm und seinen Geschwistern sprachen; er war daher leise von seiner Schlafstelle aufgestanden, und unter des Vaters großen Holzschemel heimlich und unbemerkt gekrochen, und hatte da Alles genau mit angehört. Als nun die Aeltern sich niederlegten, ging auch er wieder in sein Bette, schlief aber die ganze Nacht nicht, sondern sann hin und her, was wohl unter solchen Umständen am gerathendsten zu thun seyn möchte.

Ohne seinen Brüdern etwas zu sagen, weil er sie nicht ängstigen wollte und sie auch noch so sanft schliefen, stand er ganz früh auf, sobald der Tag graute, ging an einen Bach, und sammelte sich da alle Taschen voll weißer Steinchen, und eilte damit wieder nach Hause zurück.

„Kommt, Kinder!“ sagte ein Stündchen darauf der Vater; „ihr sollt mit mir in den Wald gehen, und dort dürres Reisholz lesen.“ Somit ging’s fort in den Wald; klein Däumling ließ sich aber nichts von dem merken, was er vorhatte.

Jetzt waren sie so tief in das Dickicht gekommen, daß man nicht zehn Schritte weit sehen konnte. „Leset hier!“ sagte der Vater, „ich werde noch etwas weiter in den Wald hineingehen, und euch zu rechter Zeit abholen.“ Aber der Vater holte sie nicht, sondern hatte sich ganz heimlich nach Hause geschlichen.

Da nun der Vater nicht kam, wurde den Kindern in dem dicken, dichten Walde sehr bange; sie fingen an, gewaltig zu weinen, zu heulen und zu schreien; nur der kleine Däumling schrie nicht, denn er wußte wohl, wie er sich wieder aus dem Walde herausfinden wollte. Er hatte nämlich [131] die kleinen weißen Bachkiesel, die er mit sich genommen, auf den Weg hingestreut, und so konnte er den Rückweg nicht verfehlen. „Seyd nur ruhig,“ sagte er zu den weinenden Brüdern, „ich bringe euch sicher und gewiß nach Hause.“ Und das that er auch. Unterwegs aber hatte ihnen Däumling Alles erzählt, was die Aeltern am Abend mit einander gesprochen, und als sie nun vor dem älterlichen Hause angelangt waren, traueten sie sich nicht hineinzugehen, sondern horchten vor der Thüre, was Vater und Mutter wohl sagen möchten.

Mit diesen hatte sich indeß eine Veränderung zugetragen: denn eben, als der Vater mit den Kindern nach dem Walde gegangen war, hatte der Herr des Dorfes zehn Thaler geschickt, welche er dem Holzhacker schon seit lange für Arbeitslohn schuldig gewesen, und die die armen Leutchen schon für verloren geglaubt hatten. Die Auszahlung dieser Schuldpost war für die Armen, die fast Hungers starben, eine große Hülfe in der Noth. Sogleich nach Empfange des Geldes ging die Frau zu einem Fleischer, und da es schon lange her war, daß sie nichts Ordentliches gekocht hatte, so kaufte sie in ihrer Freude drei Mal mehr ein, als für sie und ihren Mann nöthig war.

Wie sie nun am Abend sich gütlich gethan, und sich recht satt gegessen, und noch viel übrig geblieben war, da fing die Frau an zu weinen, und sagte: „Ach, wo mögen jetzt unsere armen Kinder seyn! O, wie würden sie essen, wenn sie hier wären! Nur du bist schuld“ – fuhr sie zu ihrem Manne fort, – „daß wir sie nicht mehr haben; jetzt werden sie im Walde umherirren, und vielleicht von den Wölfen zerrissen.“ Dies Klagelied wiederholte sie so oft, daß der Mann endlich ungeduldig wurde, und ihr mit harten Worten drohte, still zu schweigen. Aber die Frau [132] ließ sich nicht beruhigen; und schrie nur desto lauter: „Ach, meine armen Kinder! wo mögen meine armen Kinder seyn!“

Dies hörten die Kinder an der Thüre, und schrieen Alle auf ein Mal: „Hier sind wir! Hier sind wir vor der Thüre!“

Da lief die Mutter hin, und öffnete die Thür, und ließ sie herein. „Ach, meine lieben Kindlein,“ sagte sie mit Freudenthränen, „wie froh bin ich, daß ihr wieder da seyd.“ Und Vater und Mutter herzten und drückten die Kinder, und dankten Gott, daß sie Alle wieder ohne Schaden da waren, und ließen sie an den Tisch sich setzen, und sich satt essen: denn es war noch genug da.

Als aber die zehn Thaler in der theuern Zeit bald zu Ende gingen, da ging auch die Freude der armen Leute zu Ende, und die alte Noth brach wieder in’s Haus ein, und die alte Angst wieder in’s Aelternherz. Vater und Mutter hielten daher wieder heimlichen Rath, was nun zu thun sey, und sie fanden keinen andern, als den, die Kinder abermals in den Wald zu führen, aber viel tiefer hinein, als das erste Mal.

Obschon sie dies ganz heimlich mit einander besprachen, so entging es doch dem kleinen Däumling nicht, und er dachte, er wolle sich und die Brüder mit den Kieseln schon zum zweiten Male nach Hause helfen. Aber leider gelang es ihm nicht, denn als er am Morgen ganz frühe aufstand, um sich weiße Steinchen zu suchen, da fand er die Hausthür fest verschlossen, und wußte nicht, was er nun thun sollte. Indeß besann er sich auf ein anderes Hülfsmittel. Ehe der Vater die Kinder in den Wald führte, gab die Mutter an jedes ein großes Stück Brot, und Däumling dachte nun, sich seines Brotes dies Mal so zu bedienen, wie neulich der kleinen Steine. Er krümelte es deswegen [133] still auf den Weg hin, und dachte: Nun wollen wir doch wieder nach Hause kommen.

Aber es gelang nicht. Denn als der Vater sie heimlich verlassen, und Däumling nun vergnügt die Brüder den Weg zurückführen wollte, waren keine Brotkrümchen mehr zu sehen, denn die Vögel hatten sie aufgefressen. Ach, da wurden sie Alle sehr betrübt, und weinten und schrieen gar erbärmlich, und verirrten sich in ihrer Angst immer tiefer und tiefer in den Wald hinein. Dazu wurde es Nacht; es brach ein Sturm mit gewaltigem Heulen, Brausen und großem Platzregen los, und das Geheul gieriger Wölfe glaubten sie auch schon zu hören. – Jetzt wußte Däumling keinen andern Rath, als auf einen Baum zu klettern, um nachzusehen, ob sich nicht irgend wo eine Wohnung entdecken ließ. Er war auch wirklich so glücklich, in weiter Ferne tief im Walde einen schwachen Lichtschimmer zu erspähen. Nun stieg er herab, und ging mit seinen Brüdern auf die Gegend zu, wo das Licht geschienen hatte, und nach langem, mühsamen Umhertappen in der Finsterniß sahen sie es endlich wieder durch die Nacht schimmern, kamen mit vieler Mühe und Noth an das Haus, in welchem das Licht war, und klopften an. Ein altes Mütterchen öffnete die Thüre und fragte, was sie wollten. Da jammerten sie, und klagten alle Noth und Angst, die sie ausgestanden hatten, und baten um ein Nachtlager. „Ach,“ sagte die Frau, indem sie weinend und bedauernd die armen Jungen betrachtete, „ach, wie beklage ich euch! Wißt, hier ist das Haus des Popanzes, der alle Kinder, die er erwischt, auffrißt, weil sie sein liebster Leckerbissen sind. Wo soll ich euch also hinstecken, ohne daß er euch auswittere, weil er Menschenfleisch auf viele Schritte weit riecht.“

„Ach, liebe Mutter!“ wimmerte der kleine Däumling, der für die andern das Wort führte, „was sollen [134] wir denn nun anfangen? denn draußen werden wir auch von hungrigen Wölfen zerrissen. Sollte denn der Popanz gar nicht zu erweichen seyn? Ach, lieber Gott, helft uns doch; wir können ja auch nicht mehr weiter!“

Weil nun die Frau des Popanzes gut und mitleidig war, und die Kinder sie dauerten, so entschloß sie sich, dieselben bis zum nächsten Morgen vor ihrem Manne zu verbergen, und nahm sie in’s Haus, und ließ sie am Feuer, an welchem ein ganzer Hammel zum Abendbrote des Popanzes gebraten wurde, sich erwärmen und trocknen.

Kaum waren sie trocken, und hatten den schärfsten Hunger etwas gestillt, so wurde auch schon an die Hausthüre gedonnert. Das war der Popanz! Die Frau steckte hastig die Kinder unter ein großes Bette, und machte die Thüre auf.

„Wo ist das Essen? Und ist der Wein abgezogen?“ Das war seine erste Frage, als er in die Stube trat. Die Frau bejahete es, worauf er sich an den Tisch setzte, und den ganzen Hammel auffraß, obschon er noch ziemlich roh und blutig war, was ihm aber nur um so besser schmeckte.

„Frau,“ sagte er plötzlich, indem er mit seiner vortrefflichen Riechnase schnupperte, „Frau, ich wittere Menschenfleisch!“

„Das wird das Kalb seyn, welches ich zu morgen geschlachtet habe,“ antwortete die Frau.

„Nein, nein!“ schrie der Popanz mit gewaltiger Stimme, „ich wittere frisches, junges Menschenfleisch!“ Er schnupperte, und fand die armen Jungen unter dem Bette, und zog sie, einen nach dem andern, hervor.

„Hoh, Hoh!“ rief er grimmig, „also willst du mich anführen? Warte, dich will ich zuerst fressen, und diese junge Brut dann hinterdrein! Es muß einen herrlichen Leckerbissen geben!“ Der Mund wässerte ihm schon, und [135] er nahm das wohlgeschliffene scharfe Schlachtmesser, das er immer mit sich führte, und wollte flugs die Kleinen abgurgeln.

Die Kinder fielen ihm zu Füßen, und wimmerten und flehten; umsonst! Da stellte ihm die Frau vor, daß er ja noch zu essen genug habe, ein Kalb, zwei Hammel und ein halbes Schwein, und wenn er die Kinder nun auch noch sogleich schlachten wollte, das viele Fleisch nur verderben würde.

„Frau, da hast du Recht!“ erwiederte er, und ließ das schon gehobene Schlachtmesser wieder sinken. „Dazu kommt,“ setzte er hinzu, „daß ich mir zu morgen ein Paar gute Freunde gebeten habe, damit wir einmal einen vergnügten Tag zusammen haben. Na, füttere die Krabauters, und bringe sie in’s Bette; morgen früh sollen sie dran!“

Vergnügt, daß es ihr gelungen war, die Kinder zu retten, gab die gute Frau ihnen zu essen; aber die armen Kleinen konnten nichts genießen vor lauter Furcht.

Unterdeß hatte sich der Popanz wieder an den Tisch gesetzt, und da er sehr freudig war, so viel herrliche Leckerbissen im Hause zu haben, trank er heute Abend ein Gläschen zu viel, so daß er bald, ein Bißchen benebelt, das Bette suchen mußte.

Der Menschenfresser hatte aber sieben Töchter, die noch Kinder und sehr häßlich von Ansehn waren, obschon sie eine hübsche feine Haut hatten, welches daher kam, daß sie rohes Fleisch speisten, wie ihr Vater. Zwar waren sie noch nicht so bösartig, wie der alte Popanz, doch hatte man alle Hoffnung, daß sie es werden würden; denn schon jetzt bissen sie mit ihren scharfen Zähnen gern die Kinder, und saugten ihnen mit ihren großen Mäulern das Blut aus. Diese sieben Mädchen lagen alle zusammen in einem [136] großen Bette, und schliefen, und statt der Nachtmützen hatten sie goldene Kronen auf den Köpfen.

In derselben Kammer stand ein anderes, eben so großes Bette. In dieses legte die Frau des Popanzes die sieben Knaben.

Wie nun Alles schlief, der Popanz und seine Frau, die kleinen Popanzmädchen und Däumlings Brüder, da stand dieser, dem einfiel, der alte Popanz könne wohl über Nacht noch Appetit bekommen, ein oder ein Paar Kinder zu speisen, oder sie zu schlachten, ganz stille auf, schlich zu dem Bette hin, worin die Mädchen lagen, und nahm ihnen leise die goldenen Kronen von den Köpfen, und setzte ihnen dafür seine und seiner Brüder Mützen, die Kronen aber sich und seinen Geschwistern auf.

Und richtig, wie er gedacht hatte, geschah es auch. Um Mitternacht wachte der alte Menschenfresser auf, und da er ein Mann war, der nicht gern auf den andern Tag verschob, was er denselben noch thun zu können meinte, so stand er auf, und sagte vor sich hin: Wollen mal sehen, was die kleinen Krabauters machen. Nun tappte er im Finstern in der Kammer herum, und kam an das rechte Bette, wo die Knaben lagen, greift aber zur völligen Sicherheit, weil es noch dunkel war, auf die Köpfe der Kleinen, und fühlt die goldenen Kronen. „Ei, ei!“ murmelt er vor sich hin, „da hätte ich was Sauberes machen können; fürwahr, ich habe doch wohl gestern Abend ein oder zwei Becherchen zu viel getrunken!“

Damit ging er nach dem andern Bette, wo seine Popänzchen schliefen, und da er auf den Köpfen der Schlafenden die Mützen fand, brummte er: „Ach, da sind sie ja! Nun, ihr Bürschchen, dies Mal sollt ihr mir nicht davon kommen.“ Und somit nimmt er sein Schlachtmesser [137] gurgelt ihnen die Kehlen ab, saugt das Blut ein, und legt sich wieder in’s Bette.

Der kleine Däumling hatte dies Alles bemerkt, und sobald er den Menschenfresser wieder schnarchen hörte in seinem Bette, weckte er schnell die Brüder, und sagte zu ihnen: „Steht auf, und zieht euch geschwind an, wir müssen fort!“ Erschrocken sprangen die Brüder in die Höhe, stiegen durch das Fenster in den Garten, überkletterten die Gartenmauer, und liefen den noch übrigen Theil der Nacht in großer Angst, von dem Menschenfresser eingeholt zu werden, durch den Wald nach Hause. Sie hatten, zu ihrer großen Freude, den rechten, wohlbekannten Weg getroffen, wie sie am Morgen sahen.

Als gegen Morgen der Popanz aufwachte, rief er seine Frau, und sagte zu ihr: „Frau, gehe in die Kammer, und mache die kleinen Schlingel recht hübsch zurechte!“

Sehr erstaunt über die Freundlichkeit ihres Mannes ging die Frau: denn sie glaubte nichts anders, als ihr Mann meinte, sie solle die Kinder recht gut anziehen, aber ach! wie entsetzte sie sich, als sie hinkam, und ihre sieben Töchter im Blute schwimmend fand. Vor Schreck fiel sie in Ohnmacht. Da sie nun nicht wieder herunter kam, so glaubte der Popanz, sie möchte mit dem Zurichten seiner Leckerbissen nicht fertig werden können, und ging ihr nun nach, um ihr zu helfen. Er erschrak aber fast nicht weniger, wie seine Frau, als er sah, was er angerichtet hatte, und ganz außer sich vor Wuth, schwur er, fürchterlich an den entlaufenen Jungen sich zu rächen.

Um indeß seine Frau wieder zu sich selbst zu bringen, lief er eiligst fort, holte einen großen Topf mit Wasser, und goß ihr denselben über den Kopf.

Als die Frau dadurch aus ihrer Ohnmacht wieder erwacht war, gebot er ihr, ihm seine Meilenstiefeln zu holen; [138] seine geschlachteten Kinder aber auf den Mittag zurecht zu machen, denn todt seyen sie nun doch einmal, und Menschenfleisch schmecke gar zu gut.

Die Frau holte die Meilenstiefeln, womit bei jedem Schritte eine Meile zurückgelegt wurde. Er zog sie an, und lief nun so schnell und wild umher, daß Alles erschrak, am meisten aber die armen Jungen, welche kaum noch hundert Schritte von der Hütte ihrer Aeltern entfernt waren, und den Menschenfresser von Berg zu Berg, über Thäler und Ströme, wie über Maulwurfshügel und Rinnsteine hinwegschreiten sahen.

Zum Glück bemerkte der kleine Däumling in diesem ängstlichen Augenblick ein überhängendes Felsstück, unter welches er sich mit seinen Brüdern auf ein Häufchen niederdrückte, und nun beobachtete, was der Popanz vornahm.

Dieser, der von dem weiten Wege sehr ermüdet war, – denn mit Meilenstiefeln zu gehen, greift etwas an! – sah sich nach einem Ruheplatze um, und da der Felsen, unter welchem die Kinder stacken, ihm zum Ausruhen sehr geeignet schien, so legte er sich ein Bischen hin, und schlief alsbald ein, wobei er so grimmig schnarchte, daß Feld und Wald wiederhallten.

Jetzt hieß der kleine Däumling seine Brüder vollends nach Hause eilen, er selbst aber schlich sich zu dem Schläfer hin, zog ihm die Stiefeln aus und sich an. Zwar waren sie ihm ein wenig groß und weit, aber da sie gefeit waren, so paßten sie ihm doch, und er konnte ganz herrlich darin marschiren.

Nun war gerade Krieg; da konnte er seine Meilenstiefeln vortrefflich gebrauchen. Der König nahm ihn zu seinem Courier an, und er brachte nun die Nachrichten vom feindlichen Heere in einigen Minuten. Er bekam von den Briefen, die die Frauen an ihre Männer, und die Mädchen [139] an ihre künftige Ehegatten schrieben, und von den Briefen, die er wieder mit zurücknahm, ein gar großes Geld; wie er denn auch vom König sehr ansehnlich belohnt wurde. Hierauf kehrte er wieder zu den Seinigen zurück, versorgte sie reichlich, und lebte mit ihnen noch lange in Wohlstand und Freude.